den verwaisten Knaben , und ich erwähnte bereits , daß Ihr es dieser Handschrift beigefügt finden werdet . Nach diesem Zugeständnisse mußte nun aber der geistliche Herr sich darein ergeben , von mir nach seiner Anstalt geleitet zu werden . Die Klosterglocke schlug Mitternacht , als ich ihn , seinen Pflegling im Arm , hinter der Pforte verschwinden sah . Eine halbe Stunde später schmetterte das Posthorn vor der alten Baderei . Das Haus , das ganze Städtchen lagen im Dunkel ; alles schlief , und es währte mir eine Ewigkeit , bis die Torfahrt geöffnet ward und mein Vater in Schlafrock und Nachtmütze unter ihr erschien . » Dorothee ! « schrie ich ihm entgegen , indem ich mich mit beiden Händen an seine Schultern klammerte . » Du kommst post festum , arme Dine , « antwortete der Papa mit kleinlautem Scherz , » die Frau Geheimrätin lassen sich gehorsamst empfehlen ! « Und nun fragt mich nicht , wie ich an das Bett meiner Mutter und über den ersten Austausch hinweggekommen bin . Auch nicht , wie lange ich ihr gegenübersaß und in halber Betäubung die Schlußszene unseres häuslichen Dramas gleich einem Nebelbilde an mir vorübergleiten sah . Erst bei öfterer Wiederholung in den nächsten Tagen prägte sie sich mir ein mit der Schärfe eines persönlichen Erlebnisses . Die Verlobten waren von ihrem abendlichen Abschiedsgange heimgekehrt mit dem Beschluß , die Trauung am anderen Mittag in der verabredeten Weise stattfinden zu lassen . Vater und Mutter hatten nicht widersprochen . Den Gruß ihres alten Freundes im Kloster empfing die Braut mit einem Tränenstrom , der sie zu erleichtern schien . Als am Sonntagmorgen der Gottesdienst sich seinem Ende näherte , stieg die Mutter in Dorothees Stube hinauf , ihr kleines Angebinde zu überreichen . Es war eine Silhouette und Locke ihrer Tochter , die sie einem perlenumrahmten Medaillon hatte einfügen lassen . Sie fand die Braut fertig gekleidet in ihrem Abendmahlsanzuge , Brust und Arme mit einer Garnierung weißer Klosterspitzen , einem Geschenke Fabers , umschlossen . Das dunkle Bild am schwarzen Bande als einziger Schmuck hob das Trauerartige der Erscheinung noch mehr hervor . In diesem düsteren Rahmen aber , in der Blütenweiße des Angesichts , die Augen gesenkt , die Hände wie zu demütigem Flehen über der Brust gefaltet und die Morgensonne die weiche Lockenwelle übergoldend : die Mutter gestand , daß sie unter dem Rosenschimmer des Kindes niemals diese ideale Schönheit geahnt , und daß sie , gebannt im Anschauen , einen Augenblick auf der Schwelle geweilt habe . Aber nur einen Augenblick . Im nächsten durchflog ein Schrecken die Glieder der armen Hochzeitsmutter und ein entsetztes » Herrgott ! « entschlüpfte ihren Lippen . Eine Braut , Siegmund Fabers Braut , der Schützling einer Reckenburg - und ohne jungfräulichen Kranz ! Keiner hatte für das unerläßliche Symbol gesorgt , das bis zum letzten von der Hand der Brautführerin erwartet worden war . Und wie nun in dieser Übereile , bei sonntägig geschlossenen Läden , es beschaffen ? Dorothee hatte den Aufschrei vernommen , sie sieht die mütterliche Unruhe . Gleichzeitig hört sie das Rollen eines Wagens immer näher und näher die Straße herauf . Jetzt hält er vor der Tür . » Hardine ! « kreischt sie , » Barmherzigkeit , Hardine ! « und stürzt auf ihre Knie . Aber es ist nicht die ersehnte Kranzjungfer , es sind die Hochzeitskutschen , welche vor dem Hause vorfahren . Rasche Tritte eilen die Treppe herauf . Bräutigam und Hochzeitsvater treten ein , eben als die zitternde Braut sich vom Boden erhebt . Allein der Kranz , der Kranz ! Alles blickt bestürzt - alle , mit Ausnahme der totenstarren Braut . Der glückliche Hochzeiter ist der erste , sich zu fassen . » Es muß ja nicht eben Myrte sein , « sagte er lächelnd . » Im ganzen Süden wählt man beliebige weiße Blüten , gemischt mit irgendeinem anderen zarten Grün . « Er überblickt das Zimmer , das gestern noch einem Garten geglichen hatte . Sämtliche Töpfe jedoch sind heute in der Frühe hinaus zum Schmucke der elterlichen Gräber getragen worden ; nur in einem Wasserglase sieht er ein paar Zweige , die er achtlos ergreift und der Geliebten reicht . Die Mutter unterdrückt einen Schauder ; mit einem herzzerreißenden Lächeln flicht sich Dorothee dieselben in ihr goldenes Haar : es ist ein Strauß Rosmarin , auf eben jenen Gräbern gestern zum Andenken von der Tochter Hand gepflückt . In dem nämlichen Augenblick aber bringt triumphierend der gute Papa , der in seinem Eifer in den Garten gelaufen ist , eine Handvoll weißer Tausendschön , an denen noch der Morgentau perlt . Sie werden zwischen die Zweige gewunden , und so mit Frühlingsblumen und Grabesgrün ist der bräutliche Schmuck vollendet . Siegmund Faber legt einen kostbaren türkischen Schal um die Schultern seiner Verlobten , er führt sie zum Wagen , die Eltern folgen in einem zweiten . Unter den Grüßen und Winken ihrer Mitbürger , die eben dem Gotteshause entströmen , fährt das schönste Kind der Stadt aus seiner dunklen Heimat in den blendenden Glanz der Welt . Nach einer Stunde hielten die Wagen vor einer Kirche seitab des ersten Dorfes auf der Straße nach Berlin . Die Bewohner saßen beim Mittagessen , niemand außer dem Pfarrer und Küster harrte in dem kleinen , öden Gotteshause . Faber hatte aus Schonung für seine Braut um eine kurze , stille Feier gebeten , und so beschränkte sich dieselbe nahezu auf die alte strenge lutherische Formel und den Segensspruch . Ohne Sang und Orgelklang waren die Verlobten binnen weniger Minuten Mann und Weib . Als die Ringe von neuem gewechselt wurden , die sie acht Jahre lang getragen hatten , glitt der der Braut von der schlaff herabhängenden Hand . Faber fing ihn auf und steckte ihn an ihren Finger , den er von da ab fest zwischen den seinigen gepreßt hielt . Sein Ja schallte laut und freudig durch den Raum . Dorothees Lippen bewegten sich nicht . Schweigend führte Siegmund Faber seine junge Frau bis an die Kirchhofspforte , winkte den Wagen herbei und eilte zu geschäftlichen Abmachungen in die Sakristei zurück . Die Eltern nahmen Abschied von dem Kinde , das sie neben dem eigenen von der Wiege ab gehegt hatten . » Gottes Segen über Sie , teure Dorothee , auch im Namen unserer guten , fernen Hardine , « sagte der Vater , nachdem er seinen Liebling umarmt hatte , und ging dann rasch dem glücklichen Gatten nach , um seine Tränen zu verbergen . Bei dem Namen Hardine war es wie eine Sinnestäuschung , wie ein Wahn , der das junge Weib berückte . Unter konvulsivischem Zucken stürzte sie zu Boden und umklammerte der Mutter Knie . » Barmherzigkeit , Hardine ! « schrie sie , » Barmherzigkeit ! Ich wollte ja nicht - aber ich mußte ! Ich wollte ja reden - aber ich konnte nicht . - Das Kind , das arme Waisenkind ! Barmherzigkeit , Hardine - Barmherzigkeit - um des Toten willen . « Die letzten Worte wurden kaum noch verständlich gelallt . Sie taumelte mit gebrochenen Augen rückwärts über ein frisch geschaufeltes Grab . Faber stürzte herbei und trug die Bewußtlose in den Wagen . Eine Minute später rollten sie auf der Straße zur neuen Heimat voran . Zehntes Kapitel 1806 Das Geheimnis ist enthüllt . Ihr wißt jetzt , meine Freunde , wer August Müllers Mutter gewesen ist und welches Verhältnis mir die Lippen band , als die Welt mich dafür genommen hat . Was weiter nach außen hin an mir und durch mich geschehen ist , liegt zutage , die Geschichte dürfte zu Ende sein . Weil aber jede Geschichte eine Pointe haben soll , das heißt : weil jedes Schicksal nicht nach außen , sondern nach innen hin gipfelt , und weil , ist nur einmal der erste Strich getan , es ein besonderes Vergnügen gewährt , den Grundriß seines Lebensbaues vor lieben Menschen zu entfalten , so will ich den meinigen weiterführen von Stock zu Stock , bis zu der Spitze , die sich vor Euch enthüllen wird , nachdem Ihr den Richtspruch vernommen habt . Die Schwäche , mit welcher ich jahrelang Dorothees Heimlichkeit geduldet und gewahrt , hatte mein Gewissen frei gelassen . Nun aber , da eine untilgbare Schuld gegen einen anderen daraus erwachsen war , drückte sie mich wie ein Alp . Es gab jetzt einen Menschen , dessen ehrenwehrten Namen ich nicht hören konnte , ohne zu erbleichen ; einen , vor dem ich in der Erinnerung die Blicke niederschlug , den ich belügen oder in seinem innersten Heiligtum vernichten mußte , wenn er mir unter die Augen getreten wäre mit der Frage : » Handeltest du rechtschaffen und ehrenhaft gegen den Vertrauenden ? « Die Dämonen des Lebens : Unruhe , Zweifel , Furcht und Scham , sie , die ich mehr gefürchtet hatte als Verlassenheit und Armut , jetzt lernte ich sie kennen . Der Stolz der Unschuld war vernichtet , alle Sicherheit des Gefühls gebrochen , seitdem die Nachgiebigkeit gegen ein Gefühl mich so weit von meinem Grundwesen vertrieben hatte . Von Dorothee hörte ich nichts . Ich hatte nicht erwartet , daß sie mir schriebe , und würde ihr nicht geantwortet haben . Ob sie mit dem Propst in Verbindung geblieben , mochte ich nicht wissen , bezweifelte es aber . Wir waren fertig miteinander . Auch zu dem Propst hatte mein Verhältnis sich abgeschwächt , seitdem seine Schlaffheit , wie ich es schalt , mir eine Gewissensschuld aufgebürdet . Ich suchte ihn auf , sooft ich im Elternhause verweilte , unterhielt eine Art Zusammenhang zwischen ihm und seiner alten Gemeinde , folgte nicht ganz ohne Anteil seinen Bestrebungen in der Gegenwart ; von unserem gemeinsamen Geheimnis aber war niemals die Rede . Niemals jedoch , sooft ich ihn besuchte , unterließ er es , mir seinen besonderen Schützling vorzuführen und meine frühere Teilnahme für ihn wieder anzuregen , denn - und das war wohl der häßlichste Umschlag meiner Stimmung - , denn der Knabe , an dem ich mit so viel Wohlgefallen gehangen hatte , und der sich gleichmäßig schön und kraftvoll entwickelte , war seit jener Mitternacht , wo ich ihn hinter der Klosterpforte verschwinden sah , meinem Herzen ein Greuel . Ich erblickte in ihm nicht mehr das Ebenbild seines Vaters , der die Lust und das Leid meines kurzen Lenzes , nicht mehr das Schmerzenskind seiner Mutter , die meine einzige Gespielin gewesen war ; er erinnerte mich nur noch an den Mann , der durch meine Mitschuld um das Glück betrogen wurde , das Pfand einer reinen Liebe an sein Herz zu drücken . Ungerecht , wie ich war - auch gegen mich selbst - , grollte ich des Knaben stürmischer , schwer zu zähmender Natur ; er wurde mir zum Wildling Muhme Justines , zu dem verlorenen Kinde der Sünde , und vergeblich suchte der alte Freund aufzuklären und zu entschuldigen . » Er lügt niemals , und er ist beherzt vor allen anderen , « sagte der Freund ; ich aber sagte : » Er ist eine Range vor allen anderen , « und wenn August Müller zwanzig Jahre später erzählt hat , daß das Bild Fräulein Hardines sich ihm durch eine drastische Manipulation eingeprägt habe , so erinnere ich mich dieser Tatsache wahrscheinlich nur darum nicht , weil mir nicht einmal , sondern hundertmal zu solchem Korrektiv die Hände zuckten . Alles war mir verleidet , alles vergällt , zumeist der Aufenthalt im Elternhause . Denn das Haus war die Stätte des Verrats , der mich mein Selbstgefühl gekostet hatte , und vor den ehrlichen Augen der Eltern , die nur durch meine Schuld Mitschuldige an demselben geworden waren , konnte ich nicht bestehen . Ich langweilte mich in dem ohne mich ausgefüllten häuslichen Getriebe , und der gesellschaftlichen Plattheit hatte ich mich in dem freien ländlichen Wesen meiner Reckenburg bis zum Widerwillen entwöhnt . Denn die Natur , auch in ihrer einfachsten Form , spricht immer neu und geistvoll zu einem , der nicht bloß eine beschauliche , sondern eine wirkende Stellung in ihrem Bereiche eingenommen hat . Der Besuch in der Heimat verkürzte sich daher von Jahr zu Jahr ; in den letzten bis auf wenige Tage . Meine Gegenwart in Reckenburg wurde immer unentbehrlicher ; freilich auch immer undankbarer und gebundener . Alles stockte , allem drohte der Verfall unter der wahnsinnigen Goldsucht der Greisin . Die bewährten Diener und Gehilfen versagten ihren Dienst ; ich mußte kämpfen um jeden Taler , den ich aus den Erträgen den gierigen Händen vorenthielt , ja ich mußte zur Täuschung , zum offenbaren Betrug meine Zuflucht nehmen : heimlich Korn verkaufen , um die Arbeiter zu bezahlen , daß die Äcker nicht brach liegen blieben ; heimlich Holz fällen lassen , um die Forstwärter zu besolden , daß das überhandnehmende Wild nicht Saaten und Schonungen vernichte . Wenn ich diese dämonische Selbstzerstörung , die Entartung der trefflichsten Anlagen vor Augen sah , oder die von Geschlecht zu Geschlecht wachsende Verwilderung der Gemeinde , welche seit jenem Brande selber des schützenden Daches über dem Gotteshause entbehrte , wenn ich ihre Reden erhaschte von dem Beelzebub , dem das Gespenst im Goldturm seine Seele verschrieben habe , Reden , vor deren Logik die Gegenrede verhallte wie leerer Wind , da fragte ich mich oftmals mit höhnendem Grimm , warum nicht in jedem Tollhaus eine Station für Geiznarren errichtet sei ? Und noch öfter kämpfte ich mit der Versuchung , eine gerichtliche Kuratel für meine unzurechnungsfähige Verwandtin zu beantragen . Aber ich kämpfte sie nieder . Die Frau , die so kraftvoll gelebt hatte , um so kümmerlich zu versiechen , stand in ihrem zehnten Jahrzehnt , und nicht auf das Zeugnis hin der Letzten , die ihren Namen trug , sollte sie in den Registern ihres Landes als eine Törin verzeichnet stehen . Noch war ich stark genug , gegen die Verwüstung standzuhalten , bis ein zögernder Naturlauf die Verwalterin zur Herrin ihres heimatlichen Grundes machen oder sie für immer von demselben vertreiben mußte . Jahr um Jahr schlich dahin in diesem Zustande äußerlicher und innerlicher Latenz , wie der Arzt ein lähmendes , lastendes Siechtum nennt , und der Krise harrt , die seinen Patienten , sei es im Tode , sei es zu einem verjüngten Leben , befreit . Und dieses heimlich lauernde Elend verspürte das einsame Mädchen in dem Waldwinkel von Reckenburg , mehr noch als an sich selber , an dem gesamten Wesen seiner vaterländischen Zeit . Mit dem geschärften Sinn eines unbeschäftigten Gemüts sah es , über die eigene Leere hinaus , die schwankenden Bewegungen von Schwäche zu Schuld , sah die Kraft seines Volkes , hier überschraubt , dort versumpfend , einer Katastrophe entgegenschleichen , die es zerreißen oder aufrütteln mußte zu einer erneuernden Tat . Ich weiß , was Ihr sagen wollt , meine Freunde , oder mindestens , was Ihr sagen dürftet : seis um das lauernde Siechtum der deutschen Welt , wenngleich du auch darin vielleicht die nachträgliche Erfahrung oder etwa den Kontrast deines rohen Reckenburger Völkchens mit dem zarten Literaturfreunde im Kloster als Zeichen der Zeit deinem Spürsinne zugute geschrieben hast . Nun seis darum . Was aber das Pathos deiner persönlichen Latenz betrifft , Fräulein Ehrenhardine , das war wohl schwerlich ein anderer als der unbehagliche Zustand jedweden Jüngferchens , das allmählich aus den Zwanzigern in die Dreißig hinüberschreitet . Warum heiratest du nicht ? Du warst nicht schön und lieblich , wie wir dir glauben wollen ; aber du warst tüchtig und respektabel , und was mehr bedeutet , du warst voraussichtlich die Erbin des » grünen Röckleins « deiner Reckenburger Flur . So ein Röcklein aber ist kleidsam auch ohne Venusgürtel . Fehlte es dir an Freiern oder spieltest du die Amazone ? Keines von beiden , meine jungen Querulanten . Fräulein Ehrenhardine war sattsam ernüchtert , um auch sonder Sehnsucht und Neigung eine verständige , anständige Heirat für ein besseres Korrektiv ihres Siechtums zu halten , als selber den Heimfall ihrer Reckenburg . Was aber die Schar ihrer Freiwerber anbelangt , oho ! eine väterliche Schwadron hätte sie mit ihren Kavalieren füllen können . Alt und jung , bekannt und unbekannt , von fern und nah meldeten sie sich , durchdrungen von den Reizen und Tugenden der letzten Reckenburgerin . Sobald diese Letzte aber wahrheitsgemäß Reize und Tugenden als das einzige verbriefte Kunkellehn der Reckenburgs in Erwägung stellte , da sah sie jenen Zustand der Latenz sich plötzlich auch über die flott avancierte Ritterschaft verbreiten . Männiglich dämpfte sich die Leidenschaft zu einem rhythmischen Tempo gleich dem der Menuett in der choreographischen Schule Eberhards von Reckenburg : Cavaliers à droite , à gauche , en arrière ! nicht einen ganzen Pas , kaum einen halben , und jederzeit mit tiefer Reverenz und graziösem Portebras , - doch so langatmig , wie das Leben in dem Goldturme der Reckenburg . Als aber - um vorderhand mit dem matrimonialen Kapitel abzuschließen - , als aber jenes langatmige Leben endlich dennoch ausatmete und die Reize und Tugenden der letzten Reckenburgerin in dem grünen Röcklein ihrer Heimat strahlten , da wußte sie Besseres zu tun , als die Blöße eines harrenden Ritters unter seinen Falter zu verbergen . En arrière cavaliers ! hieß es nun ihrerseits ; en arrière au galop ! Und das Herz hat ihr nicht geklopft bei dieser Freierscheuche . Denn zu ihrem Glück oder Unglück hatte sie früh nach großen Maßen messen gelernt , und ein verführerischer Antinous , ein Charakter wie Mosjö Per-sé zählten nicht zu ihrer späteren Klientel . Die Herbstereignisse von 1806 trieben mich eilends und voraussichtlich für längere Zeit in das Elternhaus zurück . Der Kurfürst hatte sich in letzter Stunde für den Krieg entschieden , und mein alter Vater mußte zum zweitenmal unter preußischem Banner zu Felde ziehen . Die Mutter , deren Gesundheit sich seit jenen Trennungsjahren nicht wieder erholt hatte , brach bei diesem zweiten Abschied ohne Widerstand zusammen . Heute ahnte sie den Todesstreich , den sie damals nur gefürchtet hatte , und als der ehrliche Purzel seinen alten Trostspruch wiederholte : » Gnädige Frau , es passiert ihm nichts , und wenn ihm doch was passiert , da komme ich gleich und melde Post , « da versuchte sie kein Lächeln , und ihr starres Auge sagte : » Ich weiß , daß du kommst . « Ich teilte diese apprehensive Stimmung nicht . Die Kampagnen Napoleons waren nicht von der Dauer der Rheinfeldzüge ; die gegenwärtige spielte sich voraussichtlich in unserer Nähe ab , und warum sollte man von vornherein an Gottes Schutz verzweifeln , wenn man denselben schon einmal mit so viel Dank empfunden hatte ? Ich hoffte , den teuren Mann wiederzusehen , bald wiederzusehen . Desto unbezwinglicher war mein düsteres Vorgefühl des allgemeinen Loses . Wie einsame Hirten oder Jäger Wolken- und Sternenlauf verstehen lernen , so , ich sagte es schon , hatte in meiner geistigen Vereinzelung ich mich gewöhnt , die Blicke aufmerksam auf den umzogenen Horizont unseres Zeitwesens zu richten , und es waren drohende Wetter , die ich aufsteigen sah . Nun kam ich heim . Unser Städtchen glich einem preußischen Feldlager . Der größte Teil der Armee , von der ich Bruchstücke schon während der vorjährigen Mobilmachung hatte kennen lernen , zog durch unsere Straßen , dem unfernen Hauptquartier entgegen . Mit natürlichem Scharfblick für alles Praktische und als Soldatenkind mit manchen militärischen Bedürfnisfragen vertraut , mußten mir während dieser Eindrücke Bedenken aufsteigen , welche die Folgezeit nur allzu deutlich gerechtfertigt hat . Mehr aber als diese aktuellen Anschauungen war es eine nachschleichende Erinnerung , welche sich unheilweissagend zwischen den bunten Wechsel drängte . Ich sah und hörte die cavalière Laune unter den Epigonen aus Friedrichs Heldenschule , die einzige Stimmung , welche öffentlich zur Schau getragen ward und welche die weniger heißblütigen sächsischen Bundesgenossen häufig genug verletzte ; - nun , man konnte sie belächeln . Ich wechselte , in flüchtigem Begegnen , ein Wort mit dem heldenmütigen Prinzen , der mich , wenn auch mit genialischerem Gepräge , so lebhaft an den Betrauerten von Valmy erinnerte ; ich verneigte mich vor der Huldgestalt der Königin und las die stolze siegerische Zuversicht in dem schönsten Frauenauge : - nun , jenes Wort und dieser Blick hätten das Vertrauen beleben dürfen . Aber ich sah auch an der Spitze der Armee wieder den halbschlüssigen Feldherrn von Zweiundneunzig , wo Friedrichs Ruhmesfahne sich zu senken begann ; heute ein Greis , von Greisen umgeben , und gegenüber nicht einer Rotte von Sansculotten , sondern einer siegestrunkenen Armee unter einem Kaiser Napoleon . Und jener Autorität der Erinnerung sah ich wieder einen König von Preußen freiwillig unterstellt , einen nüchternen , schüchternen Herrn , in dessen ernsten Augen - von allen allein ! - ein Spüren der Katastrophe zu lesen war , ein Ahnen aller Leiden der Zeit , die er zu spät verstehen lernte . Die Armee hatte sich seit fast zwei Wochen westwärts den Fluß entlang gezogen . In der Stadt war keine Besatzung zurückgeblieben , eine bängliche Stille dem lauten Treiben gefolgt : die Stille vor dem Sturm . Von Stunde zu Stunde erwartete man die Nachricht eines Zusammenstoßes , niemand aber ahnte , wo der gefürchtete Sieger von Austerlitz , der nach der letzten Kunde , Anfang Oktober , in Würzburg angekommen war , diesen Zusammenstoß suchen oder ihm begegnen werde . Auch die Armee ahnte es nicht , wie uns ein erster Brief des Vaters angedeutet hatte . Die letzte Nachricht über ihn brachte uns der Propst , dessen Sohn in seinem thüringischen Pfarrhause den Freund seines Vaters gastlich beherbergt und ihn wohlbehalten und wohlgemut gefunden hatte . Der Hauptteil der Sachsen stand bei dem Hohenloheschen östlichen Flügelkorps ; unser Reiterregiment an der oberen Saale bei den Vorposten , welche Prinz Louis Ferdinand führte . Noch war jedermann im Dunkel , ob das Korps dem Feinde entgegen auf das rechte Flußufer rücken , oder ob es sich näher an die Hauptarmee bei Erfurt ziehen werde . Dieser Brief , datiert vom 8. Oktober , erreichte uns erst am Nachmittage des 11. Die Mutter hörte den beruhigenden Inhalt ohne Glauben und fast ohne Anteil . Sie saß in sich versunken in einem zehrenden Fieber . Mich durchzuckte ein Ahnen , daß auch ohne vernichtenden Schlag sie diese Prüfungszeit nicht überdauern werde . Am anderen Morgen durchliefen beunruhigende Gerüchte die Stadt , Gerüchte , wie sie in solchen Tagen in der Luft zu schwirren scheinen : keiner sucht und erfährt ihren Herd . Ich las sie in den Mienen der Vorüberstürzenden , fing sie auf aus ihren halben Worten , wenn ich auf einen Augenblick die Mutter zu verlassen und auf die Straße zu treten wagte . Reisende wollten schon gestern französischen Truppenzügen begegnet sein , die sich auf dem rechten Ufer saalwärts bewegten : man sah die verbündete Stellung umgangen , sah in ihrem Rücken den Feind sich im Kurfürstentum festsetzen ; man glaubte sich keine Stunde mehr sicher , dachte ans Bergen seiner Habseligkeiten , an Verproviantierung , an Flucht . Die Aufregung wuchs , als gegen Mittag die Sage von mehreren für die Verbündeten unglücklichen Vorpostengefechten , die schon am 9. stattgefunden und die Kavallerie hart mitgenommen haben sollten , verlautete ; sie stieg zum höchsten , als einige Stunden später - wie ? durch wen ? ja , Gott weiß es ! die unheilvollste Kunde von Mund zu Mund lief . Eine Schlacht - so hieß es - hatte stattgefunden , der Feind den Übergang auf das linke Ufer gegen den preußischen Prinzen und demnach auch gegen unser städtisches Regiment erzwungen . Die Verluste wurden ungeheuer genannt , unter ihnen sogar der Name des heldenmütigen Prinzen . In dieser Spannung des Lauerns und Horchens neigte sich der Tag . Die Frankfurter Post traf ein , zwei Stafetten folgten sich rasch auf den Straßen nach Halle und Leipzig . Immer dichter wurden die Gruppen vor dem Posthause uns gegenüber , immer angstvoller die Gebärden ; mir war , als ob aller Blicke nach unserem Hause gerichtet seien . Ich ertrug es nicht länger . Die Mutter saß unbewegt auf dem Schlafstuhle am Fenster ; sie blickte starr auf das Gedränge , aber sie fragte nach nichts . Ich ließ sie unter Obhut der Magd . Es dunkelte bereits . Ich lief hinüber nach der Post ; es waren kaum hundert Schritte , in wenigen Minuten konnte ich zurück sein . Und in wenigen Minuten war ich zurück , die Botschaft im Herzen , die , ich wußte es , dem einzigen geliebten Wesen , das mir auf Erden geblieben war , wie ein Todesurteil klingen mußte . Der teure Mann war dahin ! gefallen an der Spitze seines Regiments während jenes letzten unglücklichen Reitersturmes , der auch dem fürstlichen Führer zum Verhängnis werden sollte . Wie starrte ich , wie grauste mir , als ich die Schwelle überschritt , die , so lange ich denken konnte , zu einer Stätte beglückten Friedens geführt hatte . Es waren nur wenige Minuten - und ich fand sie in eine Sterbekammer umgewandelt . In ihrem Stuhle am Fenster , da , wie ich sie verlassen hatte , lehnte die unglückliche Frau mit schlaffen Gliedern und gebrochenem Blick , einer Leiche gleich . Zu ihren Füßen lag händeringend die Magd , und vor ihr , noch atemlos keuchend , laut schluchzend , mit Blut und Kot bespritzt , den Arm in der Schlinge , stand der Schreckensbote , der mir zuvorgekommen war . Der ehrliche Purzel hatte Wort gehalten . Als von allen Seiten die Feinde immer dichter und dichter schwollen , als ringsum die Freunde zu wanken begannen , jetzt auch , nach einem letzten mutigen Angriff , die Schwadronen seines eigenen Regiments auseinanderstoben ; als er den Prinzen , der sie vorgeführt hatte , sein Pferd wenden und im nämlichen Augenblicke auch seinen Herrn zu Boden stürzen sah : da hatte er keinen Gedanken mehr , als ihn zu retten , und da er ihn tot fand , rettungslos tot , ihn seitab in einem Busche zu bergen , dann aber kehrtzumachen , der arme Wicht , von dannen zu jagen , als sein Pferd zusammenbricht , zu laufen , atemlos , fast Tag und Nacht , bis er » sein Haus « erreicht und seine Frau , der er Post versprochen hat ; der erste Flüchtling , welcher die Kunde des ahnungsschweren Vorspiels von Jena in die Heimat trug . Das mörderische Wort war nicht über seine Lippen gekommen ; ein erster , einziger Blick auf die eintretende Gestalt hatte das kranke , weissagende Herz gebrochen . Ohne Zögern wurden die Mittel angewendet , die bei schlagartigen Lähmungen geboten sind ; sie fristeten das leibliche Leben auf unberechenbare Zeit , das der Seele war tot und blieb es . Die unglückliche Frau hat keinen Laut mehr vernehmen lassen und , ich hoffe es , keinen unserer Schmerzenslaute mehr vernommen . Das ist der wühlendste Schmerz , welchen eine gleich große Sorge im Banne hält . Die lange Nacht hindurch saß ich und zählte mechanisch die matten Schläge des Pulses , der jeden Augenblick erlöschen konnte . Mit grauendem Tage drängten sich Teilnehmende und Neugierige herbei ; ich sah und hörte sie kaum . Ich saß starr und stumm . Aus diesem betäubten Zustande sollte ich erlöst werden durch eine Freundestat , die wie keine andere , vorher und späterhin , mein Herz gerührt hat . Was es heißt , Treue zu ernten , wo die Väter Liebe gesät , ich hätte es in diesen Tagen lernen können . Und doch habe ich zwanzig Jahre nach ihnen hingelebt , ohne ein gleiches Samenkorn auszustreuen . Freilich hatte ich keinen Erben , dem es Frucht getragen haben würde . Es war um die Mittagsstunde , als ich einen Wagen in unsere Torfahrt lenken hörte , - hörte , ohne es zu beachten . Ein Wink des alten Soldaten rief mich von dem Bette der Mutter ; er zitterte und weinte wie ein Kind , und der , vor welchen er mich führte , zitterte und weinte wie er . » Fräulein Hardine , « stammelte Christlieb Taube , » ich bringe Ihnen , was von dem gütigsten Menschen , der auf Erden gelebt hat , zu retten war . « Seinen Leichnam . Er hatte ihn in dem bergenden Gebüsche entdeckt , als er mit seinem Prediger , des Propstes Sohn , das nahe Kampffeld nach Verwundeten durchsuchte , hatte ihn darauf im eilig aus rohen Brettern gezimmerten Sarge zwischen die letzten Eichenblätter des Jahres gebettet , im Gotteshause priesterlich einsegnen lassen und ganz allein im leichten Korbwägelchen , Tag und Nacht fast ohne Aufenthalt , ihn als letzten Trost den Menschen zugeführt , die er seine Wohltäter nannte . Und da lag er nun , der Mann mit dem braven Herzen , wie ich ihn so oft im Leben hatte schlummern sehen ; das gute , kräftige Gesicht durch keinen Zug der Qual entstellt . Noch hielt er den Säbel fest in der geballten Faust , und nur eine kleine durchbrannte Öffnung im Kollett bezeichnete die Stelle , wo die Kugel in das Herz gedrungen war . So starb er einen raschen , rühmlichen Reitertod , im Bewußtsein eines gerechten Kampfes , vor den Tagen der Schmach , die jahrelang auf seinem Stande und Vaterlande lasten sollten , und deren endliche Sühne zu teilen seinem Alter wohl kaum gegönnt gewesen wäre . Mein teurer Vater , Gott hat es am besten gewußt , auch für dich ! Niemals im Leben habe ich so geweint , so die Wohltat der Tränen empfunden , als vor diesem Todesbilde . Als ich den Kopf von seinem Herzen erhob und die Hand des treuen Freundes drückte , der still betend am Fußende des