aus unserem Hause mitnehmen müßte . Wär ' sie schlecht , so hätten wir die Schuld und dürften sie nicht fortschicken ; wir müßten nicht verschlimmern , sondern gutmachen auf jede Art und um jeden Preis . Das darf ein hilfloses Mädchen erwarten , wenn einmal die vom Stighof sich seiner angenommen haben . Wer A sagt , muß auch B sagen . « Hätte sich Hans eine Woche lang auf diese Rede vorbereitet , es wäre nicht besser , ja weniger gut gegangen , als da er ganz nur dem Herzen folgte . Daß er das tat , bewiesen die großen Tropfen , die er sich dabei verstohlen aus den Augen wischte . Er hätte sich nicht schämen müssen , und vor der Mutter schon gar nicht , denn diese war selbst gerührt und sagte mit kaum noch erzwungener Strenge : » Wie man sich jetzt regen kann , und sonst tut man wie gefroren . Wer soviel weiß , der sollte über so was gar nicht reden mögen . Geh nur und mach ' einstweilen , wie du willst , es wär ' da doch alles Widersprechen umsonst . « » Ich will lieber eigenköpfig heißen , als wenn ich selber mich für schlecht halten müßte « , brummte Hans , während er die von der Mutter geschlossene Stubentür öffnete und ging . Jetzt war die Stigerin mit sich selber weit weniger zufrieden als mit ihrem Sohne , der seine Sache nun einmal gar nicht schlecht gemacht hatte . Ganz uneben war nicht , was er sagte , doch ein Ausweg durfte gesucht und womöglich benützt werden . Wenn auch Jos das Mädchen gern hätte ? Und fast war es gewesen , ob Hans das selber fürchte . Da wär ' etwas zu erforschen gewesen , wenn sie sich nicht so leicht gefangen gegeben hätte . Daß doch einem so viel zu spät einfällt , wo es nur noch quält , statt zu nützen ! Sie kannte Hansen , sie wußte , wie er sich für etwas warm machen konnte , während er der Überredungskunst beinahe unzugänglich war . Wenn er jetzt einen halben Tag ohne Beschäftigung mit sich allein blieb , dann war ihm das Mädchen gewiß schon zu einer halben Heiligen und schöner als selbst Angelika geworden . Jetzt noch wollte er Dorotheen nur glücklich wissen , und das wollte sie auch . Glaubte er an eine Neigung des Mädchens zum Knechte , so war jetzt vielleicht noch etwas zu machen , ehe das arme Kind wußte , daß ein Hans und ein Stighof zu bekommen war . Aber gleich mußte man dran . Dorothee sollte - damit beruhigte sie ihr Gewissen - durch ein schönes Heiratsgut entschädigt werden . Sie ging hinaus , um den Sohn noch einmal zu sich zu rufen , und erschrak fast zu Tode , als sie den Hansjörg die Stiege heraufkommen sah . Es war ihr , ob sie von ihm hören müsse und schon höre , zuerst hab ' man die schönsten Jahre seines Lebens verhandelt und nun sollte noch die Schwester verschachert werden . » Was willst du ? « fragte sie ängstlich , als er hart vor ihr stehen blieb . » Wo ist Hans ? « » Er wird sich ankleiden zum Nachmittagsgottesdienst , und ich muß auch machen , daß ich beim Zusammenläuten in der Kirche bin . « » Aber den Kirchweg wirst du doch nicht mitnehmen , wenn du gehst ? « » Dumme Frage ! « » Nun , dann geh meinetwegen . Ich und Dorothee können auch später nachkommen . « Die Stigerin hatte keine Lust mehr , mit Hansen zu reden . Sie schickte den Burschen zu Dorotheen in ihr Stübchen und war froh , gleich wieder aus seiner Nähe zu kommen . Bald rief die große Glocke die Besitzer des Stighofs zur Andacht . Jedes hatte dem lieben Gott viel und jedes anderes vorzutragen . Hansjörg und Dorothee saßen beisammen in der Wohnstube . » Was hättest du eigentlich wollen ? « fragte das Mädchen , nachdem es die Vorhänge ausgezogen hatte , um sich den Vorübergehenden zu verbergen . » Wenn ich dir das alles sagen sollte , so würdest du mehr vom Gottesdienst versäumen müssen , als dir lieb zu sein scheint . Laß dir daher lieber in aller Kürze sagen , was ich nicht will . « » Und was denn ? « » Nicht hier Knecht werden . « » Nicht ? « fragte die Schwester erschrocken . » Nein . « Eine Weile saßen beide schweigend nebeneinander , dann stellte Hansjörg sich kerzengerade vor der Schwester auf und sagte : » Ich gleiche doch keinem Knechte . « » Das ist nur Soldatenstolz . « » Oder Demut « , erwiderte Hansjörg . » Ein rechter Bauer tat mit mir nicht lang zufrieden sein , dann hätt ' ich nur die Schand ' und du den Ärger . Ich bin empfindlich , eigensinnig , hochmütig und nur das nicht , was man sein muß , wenn man mit Schaufel und Gabel exerzieren will . « » Sag ' du nur lieber gleich , du mögest das liederliche Schwärzerleben nicht lassen . « » Nun , wenn ' s besser klingt , kann ich das sagen . « » Und ich hab ' mich schon so gefreut , daß du nun doch noch zum Rechten kommen werdest « , klagte das Mädchen . » Ich will eben weiter . « » Ja , in den Turm , wo man die Spitzbuben einsperrt und alle , die die Gesetze trotzig übertreten . « » Noch bin ich auf guten Füßen , und man wird mich auch nicht so leicht fangen . Man hat in der Regel die Kraft schon vor einem Wagnis , die man dabei braucht , sonst ist man nur ein halber Kerl . « » Aber um so jämmerlichen Gewinn , Bruder ! « » Du begreifst das Lustigste bei der Sache gar nicht . Das ist eben , sich täglich durchzuschlagen und nach dem Entrinnen aufatmend schon wieder einen neuen Plan zu machen . Sie haben mich zum Krieger gemacht . Auch du hast es geschehen lassen - mit Lächeln - , und es ist recht ; aber nun hab ' ich halt an Feldzügen und Eroberungen mehr Freude , als wenn wieder ein Rock gemacht oder ein Heufuder geladen ist . Geschafft wird ohnehin schon überall so viel , daß man kaum noch Arbeit findet und nur anderen damit im Weg ist ; wer aber wohlfeile Ware schafft in unser abgeschlossenes Tal , daß nicht mehr einer ganze Gemeinden allein aussaugen kann , der nützt mehr . Und er soll nur nicht glauben , daß ich nur ganz ihm gehöre . Doch das gehörte zu dem , was ich will , und davon zu reden , haben wir heut ' keine Zeit . Auch ist ' s mir zu heiß in der Stube da . Es wird einem fast angst vor lauter Vornehmheit . Droben auf den Bergen , da hat man es weit und frei , und ein österreichischer Jodler hallt aus dem Bayrischen zurück , als ob es gar keine Grenzen und keine Grenzjäger geben tät . « » Es gibt aber , und wenn sie dich einmal doch fangen sollten ? « » Oh , den Hansjörg fängt man nicht mehr so leicht , als man meint . Weder der Krämer noch die Grenzer . Nur einmal , in der letzten Woche und beim ersten Gang , haben die Spitzbuben mir ein Päcklein abgejagt . Ich bin so müd gehetzt worden , daß ich den Plunder wegwerfen mußte , um selbst zu entrinnen . Das muß wieder eingebracht werden , hab ' ich mir gesagt und mich gleich wieder mit einem großen Sack über die Berge gemacht . « » Großer Gott ! « » Es ist ein herrlicher Tag gewesen da oben . Ihr da habt noch euer Lebtag nie so einen gesehen . Da ist es still gewesen in mir und rings um mich herum , so daß ich ' s ganz gut hörte , wie zwei Grenzer in einer öden Alphütte sich was zubrummten , als ich vorüberschritt . « » Und hast du nicht an mich gedacht und an den Vater , und bist du vorwärts ? « » Versteht sich , und dann tüchtig beladen wieder zurück . « » Hast du denn alles schon auf den Bergen droben gehabt , daß es so schnell ging ? « » Das ist oft der Fall , und die Grenzer , die richtig noch da waren , haben auch so etwas vermutet . Wie von Wespen gejagt , sprangen sie heraus und schrien : Halt ! Hansjörg aber hielt nicht , ob sie rufen , laufen oder schießen mochten . « » Jesus Maria ! Sie schössen ? « » Allerdings , aber der Soldat darf nie fürchten . « » Ja , als Soldat fällt er für Gott , Kaiser und - « » Stighansen mit seinem Handgeld - als Schwärzer dagegen für sich selbst . Aber laß mich weiter erzählen ! Das Beste kommt zuletzt « » Mir grauset ' s. « » Abwärts halfen alle Heiligen . Wie im Winter ein Schlitten , schoß ich mit meiner Last über die glatten Bergheuplätze hinab , rutschte durch Halden , sprang über Felsen und verschwand im Gebüsch . « » Gottlob und Dank im hohen Himmel ! « » Ich war einstweilen sicher , und ein weithin hallender Jauchzer verkündete das meinen guten Freunden , die mir zitternd auf Umwegen nachkletterten . Nun hörte Gott mich ächzen und den allerjämmerlichsten Klagton versuchen , bis ich die Verfolger herankeuchen hörte . Dann klomm ich wieder abwärts mit meiner Last , aber so gemach , daß sie mir immer näherkamen und bis auf einen Schritt bei mir waren , als ich wie ein halb zu Tode Gesprengter niederfiel und meinen Plunder im Sack über den Felsgrat ins Tobel warf . « Dorothee rückte ungeduldig hin und her . » Es wär ' nun Zeit in die Kirche « , sagte sie . » Du mußt aber doch noch hören , wie es gegangen ist mit dem Pack . « » Ich tät es lieber hören , wenn du ihn dem armen Vater gebracht hättest . « » Der « , lachte Hansjörg , » würde Augen gemacht haben , fast wie meine Freunde ! Laß mich aber nur der Ordnung nach erzählen . Da lag ich und keuchte so jämmerlich , daß die Burschen es aufgaben , mich mit Rippenstößen zum Pack zu treiben . Einer bewachte mich , bis der andere mit großer Müh und viel Schweiß den Schatz gehoben hatte . Ein Fäßlein Tabak , meinte er . Hast du schon aufgemacht ? fragte mein Wächter . Narr , ich konnte kaum stehen , antwortete der andere schaudernd . Nun wurde aufgeknüpft , und aus dem Sacke kugelte ein kurz abgesägter Tannenblock , so rund und glatt , daß man sich zum Schindelnmachen keinen hübscheren denken konnte . Meine Grenzer standen da wie verhagelt , mir aber war die Müde vergangen , und lachend sagte ich ihnen , wenn es keinen Schnee habe , könne man solche Klötze nicht auf Schlitten laden und trage sie lieber in Säcken aus dem Walde heim , wenn ' s nicht an der Kraft dazu fehle . Es war wohl strafbar , daß ich auf das Halt nicht stillestand , aber sie hätten sich geschämt , mich jetzt auf das Gericht zu nehmen , und , wie die Katze vom heißen Brei weg , schlichen sie den schlechten Weg hinab . « Ganz gegen Hansjörgs Erwarten belohnte die Schwester seine Erzählung nicht mit dem leisesten Lächeln . Fast schaudernd sah das Mädchen aus den grauen Augen des Bruders etwas leuchten , was weniger Mut und Tatenlust als Trotz , Schadenfreude , Rachsucht oder sonst etwas Schreckliches sein mußte . » Du bist mir ganz fremd worden « , sagte sie traurig . » Nie könnte mich freuen , was anderen nur den Beruf schwer macht . « » Der Beruf « , antwortete Hansjörg mit einem mitleidigen Lächeln , » der Beruf , du gutes Ding , ist nichts anderes als das Leitseil , an dem sie unsereinen nach Wunsch und Willen in der Welt herumführen . Als Soldat muß ich im Frieden berufsmäßig der Ankläger meiner Freunde , im Krieg der Mörder der sogenannten Feinde werden . Mach ' ich da nicht auch anderen den Beruf schwer ? Aber sogar wenn ich daheimsitze , still und unbemerkt zwischen den vier Pfählen , wenn ich die Nadel walten lasse in schönem , stillem Tuch und statt meiner nur einen Rock nach dem anderen ins Feld schicke , mach ' ich anderen den Beruf schwer , und je fleißiger wir schneidernde Soldaten sind , desto hitziger ist der Krieg ums Leben , um die Kundschaft nämlich und ums tägliche Brot . Das sind so Gedanken eines Verkauften , wenn er von da droben herabschaut auf die wunderbar närrische Welt und seinen Ärger vergißt im Lachen darüber , daß sich sonst kein Mensch weit herum darüber ärgert und das alles ganz in Ordnung gefunden wird . Machen die Grünröcke mir ' s nicht auch schwer ? Und werde ich hier Knecht , so hab ' ich einen anderen , heiß ' er Peter oder Paul , von Kost und Most verdrängt . Krieg ist überall , und ich will , am liebsten da mittun , wo doch auch noch ein Spaß zu erleben ist . « Dorothee stand vor ihrem Bruder , wie ein Mensch vor einem Ungeheuern Ereignisse steht , welches ihn um so mehr erschüttert , weil plötzlich dessen Ursachen und Wirkungen in ihrer Nacktheit so hart vor ihn hintreten , daß er nicht einmal mehr das Walten einer höheren Macht , sondern nur noch den furchtbar regelmäßigen Lauf der Dinge darin zu erkennen vermag . So hatte der Bruder werden müssen , und doch sollte , durfte er nicht so bleiben . Sie würde - das fühlte sie , wenn sie ihn entschuldigen wollte , viel stärker , als ihr augenblicklich lieb war - an seinem Platze nicht so geworden sein ; aber vergebens suchte sie , was in ihr sich dagegen aufgelehnt hätte , in ein Wort zu fassen , um dem Bruder es wie ein schöpferisches » Werde « zuzurufen . Es klang recht traurig , als sie mit abgewandtem Gesichte fragte : » Möchtest du nicht am liebsten ruhig leben und brav werden ? « » Das wird nicht allen so leicht und so gut belohnt , als man sagt . Nur dir lächelt Stighans dafür so freundlich zu , daß der Kaplan keine Ruhe mehr bekam , bis er darüber eine Predigt hielt . « Dorothee verstand diese Rede nicht , obwohl sie vormittags , wie gewöhnlich , dem ganzen Gottesdienste beigewohnt hatte . » Mit mir ist ' s anders « , plauderte Hansjörg weiter . » Mir stünde das Dulden nicht an , und meine größte Kraft gibt mir der Trotz . Sie haben mir es aber auch danach gemacht mein Lebtag . Der Vater - « » Laß ihn « , fiel das gute Kind ein , » auch er hat es hart gehabt , und die Mutter ist viel zu früh gestorben . « » Mutter ! « rief der Bursche traurig . » Ja , sie konnte recht gut sein , sie war es , aber auch wieder furchtbar hart . Da hab ' ich gesehen , was die Not aus den besten Menschen macht . Dich hat ihr Unfriede mit dem Vater aus dem Hause getrieben und unter ein besseres Dach gebracht , ich aber mußte bleiben , und alle Hiebe , die Vater und Mutter in groben Reden sich austeilten , fielen vor allem auf mich , bis ich hart und unempfindlich war , so daß mir bald ein Sonnenblick der Mutterliebe fast weher machte als das Ärgste , was ihre üble Laune mir antat . So ein Blick begann das Eis zu schmelzen , welches sonst den furchtbaren Riß in unserem Hause bedeckte . Gott tröste sie im ewigen Leben ! Sie hat es doch nicht mehr erleben müssen , mich zu einem Handwerk zwingen zu sehen , für das ich am allerwenigsten Neigung hatte . Der kräftigste , trotzigste Bursche im Dorf , mußte ich ein Schneider werden , weil ich das beim Vater umsonst ein wenig lernen und dann gleich beim Krämer Arbeit nehmen konnte . Man hatte schon Jahre daraufhin gesündigt , und zwar so , daß ich mich nicht mehr freimachen konnte . Die Schuld wurde größer von Jahr zu Jahr , so daß man mich endlich an Hansen verhandelte . Diese Schule hab ' ich durchmachen müssen , drum ist mir denn auch ein schönes Vermögen das Höchste auf der Welt geworden . Wie ist der Krämer ein Mann und lebt trotz Neid und übeln Nachreden in aller Herrlichkeit ! Und warum ? Zuerst weil er ein unerfahrenes Mädchen verführte . Das machte ihn zum Herrn ihres Vermögens , und nun hat er sich natürlich gar alles erlauben dürfen . Und nun war eine Tochter da neben mir im Haus , ein übermütiges , keckes Ding , und die sah mich gern . Ja , ja , der Krämer tat sich recht , daß er mich aus dem Haus und aus dem Dorfe schaffte , denn die reiche Zusel hätte mein werden müssen um jeden Preis . Wohl hat mir das Mädchen nachgeweint und nachgeschrieben von ewiger Liebe . Aber daran hab ' ich nicht geglaubt . Wär ' doch auch ich gleich wieder einer anderen nachgegangen , wenn mich das Glück wieder auf den Weg einer so Reichen geführt hätte . Drum - ja , ich will nur beichten , daß doch auch hier etwas Gutes geschieht unter dem Gottesdienst - , drum hab ' ich dann sogar die Schreiberei von ihr um ein Sündengeld an den alten Krämer verschachert in der verworfensten Skorpionsstunde meines Lebens . Als ich heimkam und das hübsche Kind sah - Herrgott ! Ich hätte mir alle Haare ausraufen mögen . Erst jetzt seh ' ich , wie hübsch sie ist , und ich weiß nicht , ist ' s Reue oder was , das mich mit Gewalt immer zu ihr zieht und mich selbst dem Krämer gegenüber , den ich von ganzer Seele hasse , immer wieder so schwach macht . Er sagte mir oder verriet doch , daß mich sein hübsches Töchterlein auch noch nicht ganz vergessen habe . « » Und nun läßt du dich wieder fangen von der Lügenspinne ? « fragte Dorothee im Tone des Vorwurfs . » Der Krämer « , antwortete Hansjörg , » hat es mir in einem großen Augenblick gesagt , und ich glaub ' es , denn ich empfinde nur zu gut , wie mir selber zumute ist . « » Der Krämer meint es aber gewiß nicht redlicher mit dir als mit anderen . « » Ich mit ihm auch nicht . Wenn er glaubt , daß ich nur für seinen Laden über die Berge gehen werde , dann trügt er sich viel ärger als ich . Das ist nur , um in seinem Hause nicht ganz fremd zu werden . « » Er kann dich aber verraten beim Gericht . « » Ich ihn auch . « » Die Großen beißen einander nicht . « » Eben drum auch muß man sich an diese hängen , wenn man sicher sein will . « » Wenn du so etwas im Kopf hast « , sagte das Mädchen ungewöhnlich streng , » so ist die heutige Predigt für dich schon ganz besonders wichtig . Es wär ' doch traurig , wenn ' s dich träfe , wenn du als Dienstbot arbeiten tätest , und dein Lohn wäre der Zorn Gottes , der ja will , daß man ihm allein dienen und keine fremden Götzen daneben haben soll . Weißt du , der Kaplan hat die , welche dienen um Befriedigung der sündhaften Begierden , den Zauberern verglichen , die ihre arme Seele dem Schwarzen verschrieben aus Geldgier und Zeitlichkeit . Mir ist das schrecklich vorgekommen , und doch hab ' ich da noch gar nicht an dich gedacht . Es ist mir nicht eingefallen , daß es dich treffen könnte . « » Oder gar dich auch noch « , bemerkte Hansjörg . » Du hast recht ! Wer steht , der sehe zu , daß er nicht falle . Ich mein ' es nicht bös , und es kommt mir selbst wunderbar vor , wie ich von deiner Erzählung weg an die Predigt denken muß . « » Du hast recht , daß du nicht gleich dich selbst bei der Nase nimmst , das tun schon die anderen . Aber laß sie dich nur beneiden . Neid bringt Glück . « » Mich nähme man dafür her ? « » Ja , dich und den Hans , den dir nicht nur die recht grausam übel gönnen , welche bei Prozessionen noch das Kränzlein tragen müssen . « » Mir - mißgönnen sie - ihn ? « » Ja ; aber tu du nur jetzt nicht mehr gar zu falsch , nachdem ich doch auch so offen gegen dich gewesen bin . Du wärst nur ein Närrchen und er ein Klotz , wenn du ihn nicht bekommen tätest . « » Aber , Hansjörg - « » Man vermutet von anderen nur und redet ihnen nach , was man selbst an ihrem Platze getan hätte , drum auch brauchst du vor keinem Menschen rot zu werden , und am allerwenigsten vor mir . Ich hab ' dem Stighof schöne Jahre geopfert , es ist recht , wenn er sie meiner Schwester zurückgibt . Ich gönne dir dein Glück von ganzem Herzen . « » Ja , ich bin glücklich hier , und du könntest es auch werden . Komm doch , schlag deine Leidenschaften nieder ! Man kann ' s mit einem Ruck , wenn man die Faust ballt und recht trotzig tut . Ich mach ' es immer so , wenn mich Kummer plagt um den Vater , dich oder - und der Kummer sitzt doch noch viel tiefer , als was dich vom ordentlichen Weg treiben will . « » Wenn du für mein Vertrauen nichts hast als diese Predigt « , bemerkte Hansjörg unmutig , » so wär ' s fast schad ' , wenn ich die ganze Vesper versäumen tät . Daß ich nicht gewillt bin , Knecht zu werden , hast du verstanden . « » Nützt alles Einreden nichts ? « » Nein . « Eine Minute später schritten die beiden schweigend über die längst leere Gasse des verödeten Herrendorfes hinaus der Kirche zu . Siebzehntes Kapitel Ratlosigkeit und Entschluß Hansjörg hatte nicht ganz unrecht , wenn er Dorotheens Predigt für eine Decke hielt , hinter der das Mädchen ganz andere Gedanken und Empfindungen zu verbergen suche . Ernst aber war es ihr mit dem Zuspruch doch ; sie hätte ihn in der Verlegenheit gar nicht mehr finden können , wenn er ihr nicht ganz obenauf gelegen wäre . Erst als sie schweigend neben dem Bruder zur Kirche schritt , fragte sie sich ernstlich , ob er mit der Predigt des Kaplans wohl recht gehabt haben könnte . Sie wußte sich aber so wenig vorzuwerfen , daß sie wieder ziemlich ruhig darüber wurde . Als sie aber in die Kirche kam , man sang eben den letzten lateinischen Psalm , da drehten Männer und Weiber die Köpfe um , sahen sie lange an und schienen dann Wichtiges sagen zu müssen . Ihr wurde siedig heiß und himmelangst . Auch das wieder schien man zu merken und auf allerlei Weise auszulegen , denn noch unverschämter starrte man sie an , noch länger steckte man die Köpfe zusammen , und weniger , um zu beten , als um einen Punkt für den unsicher werdenden Blick zu gewinnen , zog sie ihr kleines Andachtsbüchlein heraus . Gelesen aber hat sie nicht , die Buchstaben schwammen auf dem weißen Blatte so schnell durcheinander , daß ihr die Augen übergingen , sobald sich diese fest auf eine Zeile richten wollten . War sie denn in der Kirche , dem Hause Gottes , wo alle gleich , alle Sünder sind , aber auch alle Ruhe und Trost finden können und Schutz vor den Stürmen , die da draußen toben ? Es kam ihr wie eine Entweihung des heiligen Ortes vor , daß sie heute so viele zeitliche Gedanken und Erinnerungen mit da hereinbrachte , und doch war sie vergebens bemüht , derselben loszuwerden . Was sie dem Bruder noch nicht recht glauben wollte , war ihr jetzt furchtbar klar geworden . Alle sahen sie um die heutige Predigt an , alle dachten an den Stighof und weiß Gott an was , während der Kaplan droben vor dem prächtig geschmückten Altar ein lateinisches Kirchengebet eintönig heruntersang , welches außer ihm und dem Pfarrer kein Mensch in der ganzen Versammlung verstand . Warum betete er nicht lieber , daß man es verstehen konnte ? Vielleicht wäre doch ein Gedanke drin gewesen , der ihr hinausgeholfen hätte über die Beziehungen und Verhältnisse des Werktagslebens ! Ihr Andachtsbüchlein hatte sie ja zu Hause auch . Nur in dem lesen hätte sie dort auch können , und noch besser als da , wo sie sich von jedem anblicken und ihn dabei unwillkürlich auch seine Rechnung machen lassen mußte . Es war heute in der Kirche gar nicht wie sonst . Noch immer hatte sie da , wo reich und arm nebeneinander knieten und gemeinsam zum Mahl der Liebe gingen , sich als Kind Gottes gefühlt ; heute dachte sie nur an ihre Armut , ihre Abhängigkeit . Wenn sie zu beten versuchte , war ' s nur ein Flehen zu Gott , daß doch er sie nicht verlasse und noch fernerhin den Schutzengel mit guten Einsprechungen sende an die , von deren Gunst ihr guter Verdienst und damit das Wohl des Vaters und der Schwester abhängig sei . Aber selbst in diesem Zusammenfassen ihrer zeitlichen Sorgen wurde sie durch das vielleicht ihr heute auch besonders auffällige Benehmen der Umstehenden gestört . Sie alle schienen ihre Wechseltische hier aufgeschlagen und das Haus Gottes zu einer Höhle des Neides , des Ehrenmordes gemacht zu haben . Nur einer in den unteren Stühlen war so in seinem Gebetbuch , daß er weder sie noch die anderen zu bemerken schien - Stighans . Der hätte gewiß auch Grund gehabt , sich zu ärgern , und besonders über sie , wegen der er - wie der Bruder sagte - ins Gerede und in die Predigt hineingekommen war . Und doch war ihm auch unter dem Mittagsessen gar nichts anzumerken ; die alte Stigerin freilich tat etwas wunderlich . Es war das aber auch weniger zum Verwundern , als daß Hans alles so gelassen hinnehmen konnte . Das war denn doch ein anderer Mann als Jos , dessen Leidenschaftlichkeit sie seit einem halben Jahre schon so oft erbeben machte ! Freilich brauchte er sich um Kleinigkeiten auch nicht viel zu kümmern . Er stand fest auf dem Erbe seines Vaters , Jos dagegen mußte sich jede Stufe mühevoll erkämpfen . Das mochte den guten Burschen so trotzig gemacht haben , wie er damals war , als er ihr sagte , daß er nicht mehr auf den Stighof kommen werde . Freilich , zu erklären war allenfalls sein Benehmen , aber darum ärgerte das eins doch . Zwar nicht so recht und ganz wie heute die unverschämten Blicke - nur » a bitzle « , doch so , daß man es ihn nicht ungern auch etwas empfinden ließ . Und wie beim Jos war ' s auch bei Hansen . Wenn man auch seinen heitern Sinn , seine unverwüstliche Seelenruhe dem schon durch seine Stellung gegebenen Gefühle der Sicherheit zuschreiben konnte , so tat sie einem doch wieder wohl , und man freute sich , bald wieder zu ihm zu kommen auf seinen stillen Stighof . Wie schlimm wäre sie doch jetzt daran , wenn auch er noch dem Winde folgte ? Ängstlich dachte das Mädchen , wie viele Leute er nun vielleicht wieder reden höre , bis er daheim sei . Sie Verließ mit den ersten die Kirche , und der Weg nach Argenau kam ihr endlos vor . Wen alles konnten die Stigerin und Hans auf dieser Strecke antreffen , wie vielerlei hören ! Heute tat ihr die Freundlichkeit der Bäuerin so wohl , daß sie nun in der Küche ein inniges Gebet zum Himmel schickte , was sie in der Kirche nicht vermocht hatte . Es kam aber auch die Frau ihr so freundlich entgegen , daß dem armen Mädchen , welches ihrer Heimkehr mit Sorge entgegensah , vor freudiger Rührung das Wasser in die Augen schoß . Das waren Leute ! Viel wohler wurde einem zumute , viel frömmere und bessere Vorsätze konnte man neben ihnen machen als selbst in der Kirche . Und nun kam auch Hans und erzählte , daß er heute gar keine Lust gehabt habe , mit den anderen Burschen in die Krone zum Bier zu gehen , um da ihr dummes Geschwätz zu hören . Wenn böse Leute sie nun einmal alle zusammennähmen , so wollten sie auch gehörig zusammenhalten , so treu und fest , bis man vor Ärger darüber gar nichts mehr sagen möge . So redete Hans , und die Stigerin hatte nicht einmal ein Wörtchen dagegen einzuwenden . Dem Mädchen war ganz wunderbar zumute . Hansjörg hatte also vielleicht doch nicht ganz unrecht , wenn er eine Neigung Stighansens andeuten wollte . Noch wurde ihr fast angst vor diesem Gedanken , aber Hans galt ihr jetzt zu viel , als daß sie sich