einen Fehler zu bekennen ? « » Das ist meine Ueberzeugung , ich wiederhole sie . « » Ah , es ist etwas Hohes um die Charakterfestigkeit ! ... aber ich meine , wenn man zu wahrhaftig ist , um seine Lippen mit einer Unwahrheit zu beflecken , so darf man auch seinem Auge nicht gestatten , zu lügen ... ich kenne jedoch einen Moment in Ihrem Leben , wo Sie sich anders zeigten , als Sie dachten . « Das junge Mädchen zog verletzt die hand aus seinem Arme . » O nein , so wohlfeil entkommen Sie mir nicht ! « rief er , sie festhaltend . » Jetzt heißt es bestätigen oder widerlegen ... Sie schienen neulich gleichgültig , als ich das zärtliche Andenken meines Vetters , die Rose , wegwarf . « » Hätte ich ihr nachspringen sollen ? « » Allerdings , wenn Sie wahrhaftig waren . « Elisabeth wußte jetzt , weshalb er den einsamen Waldweg mit ihr betreten hatte , sie sollte beichten , wie sie über Hollfeld denke ; es war richtig , wie sie damals vermutet hatte , Herr von Walde war offenbar in großer Besorgnis , daß sie jene Huldigung seines Vetters zu hoch anschlagen und sich wohl gar einbilden könne , er habe ihren bürgerlichen Standpunkt vergessen . Jetzt war der Moment gekommen , wo sie ihre Ansicht aussprechen durfte . Mit einer raschen Bewegung befreite sie ihre Hand von der seinigen und trat einen Schritt seitwärts . » Ich muß Ihnen zugeben , « sagte sie , daß mein Aeußeres , wenn es in jenem Augenblicke gleichgültig war , durchaus nicht im Einklange mit meinem Innern gewesen ist . « » Sehen Sie ! « rief er , aber es lag nichts weniger als ein Triumph in diesem Ausrufe . » Ich war vielmehr entrüstet . « » Ueber mich ? « » Zunächst über den unpassenden Scherz des Herrn von Hollfeld . « » Er hat Sie erschreckt - freilich - « » Nein , beleidigt . Wie konnte er es wagen , sich mir in der Weise aufzudrängen ! ... Ich verabscheue ihn ! « Sie hatte recht gehabt in ihrer Voraussetzung , aber daß er einen solchen außerordentlichen Wert auf ihren Ausspruch legen würde , hatte sie nicht geahnt . Es schien ihm eine Zentnerlast vom Herzen zu fallen ... Brach es nicht wie heller Jubel aus den Augen , die eben noch in einem Gemische von Mißtrauen , Hohn und Bitterkeit auf sie gerichtet gewesen waren ? Er schöpfte tief Atem und breitete plötzlich die Arme aus ... Elisabeth sah sich um nach dem unbekannten Etwas , das seine leuchtenden Blicke in der Luft suchten , um es ohne Zweifel an sein Herz zu ziehen . Sie entdeckte nichts , wohl aber fühlte sie ein heftiges Zittern seiner Hand , als er die ihrige nahm und sie wieder auf seinen Arm legte . Sie gingen einige Schritt weiter , er sprach kein Wort . Plötzlich blieb er wieder stehen . » Wir sind in diesem Augenblicke ganz allein , « sagte er mit unbeschreiblich milder Stimme . » Sehen Sie , nur ein Stückchen blaues Himmelsauge sieht auf uns herab , keines jener Gesellschaftsgesichter drängt sich zwischen uns ... ich kann und will Ihren Glückwunsch nicht entbehren ... Sagen Sie ihn jetzt , wo ihn niemand hört , als ich , ich ganz allein ! « Sie schwieg verlegen . » Nun , wissen Sie nicht , wie man das macht ? « drängte er . » O ja , « entgegnete sie , und ein schelmisches Lächeln flog um ihren Mund , » ich habe Uebung darin ; die Eltern , der Onkel , Ernst - « » Jedes hat seinen Geburtstag , « fiel er lächelnd ein , » aber Sie können es mir nicht verdenken , wenn ich meinen Glückwunsch für mich ganz allein haben will , daß ich verlange , er soll ganz anders klingen , als alle , die Sie bisher ausgesprochen haben , denn ich bin weder Ihr Vater , noch der barsche Försteronkel , am allerwenigsten beanspruche ich die Rechte des Bruders , mit dem Sie spielen ... Nun sprechen Sie ! « Sie schwieg abermals . Was sollte sie sagen ? ... Sie hatte schon längst die Augen gesenkt , denn sie konnte den Blick nicht ertragen , der so peinlich forschend , mit einem eigentümlichen Ausdrucke von ängstlicher Unruhe und Erwartung tief in ihre Seele drang . » Kommen Sie ! « rief er rauh , nachdem er einen Augenblick auf einen Laut von ihren Lippen gewartet hatte , und zog sie fort . » Es war ein thörichtes Verlangen von mir ... Ich weiß ja , Ihr Mund , der allezeit bereit ist , anderen Freundliches und Liebes zu sagen , schweigt entweder für mich , oder ergeht sich in strenger Zurechtweisung . « Sie erblaßte bei diesen Worten und blieb unwillkürlich stehen . » Sie wollen ? « frug er milder . » Geht es durchaus nicht ? « fuhr er kopfschüttelnd fort , als sie noch immer nicht sprach , ihn aber bittend ansah . » Nun , dann will ich Ihnen einen Vorschlag machen ... Ich werde Ihnen den Glückwunsch sagen , wie ich ihn ungefähr von Ihren Lippen zu hören gewünscht hätte , aber ich mache die Bedingung , daß Sie ihn Wort für Wort nachsprechen . « Jetzt erschien wieder ein Lächeln auf Elisabeths Gesicht , und sie nickte zustimmend . » Zuerst reicht man dem - dem Freunde die Hand , « begann er und nahm ihre Hand in die seine - sie bebte , zog aber die Hand nicht zurück - » und spricht : Sie sind bisher ein armer , unbeglückter Wanderer gewesen ; es war hohe Zeit , daß die Wolken sich teilten , und daß endlich der holde Lichtstrahl erschien , der Ihr ganzes Dasein umgewandelt hat . Es ist mein eigener , unumstößlicher Wunsch und Wille , daß er Sie nie wieder verlasse , hier ist meine Hand als Bürge eines unaussprechlichen Glückes - « Bis dahin hatte sie den höchst seltsam lautenden Glückwunsch pünktlich nachgesprochen , bei dem letzten Satze trat sie erstaunt zurück und zögerte . Er aber faßte heftig auch ihre andere Hand und drängte : » Weiter , weiter ! « » Hier ist meine ... « begann sie endlich . » Das ist hübsch , Herr von Walde , « rief plötzlich Cornelies Stimme durch das Gebüsch , » daß wir uns hier treffen ! So habe ich doch den Triumph , an Ihrer Seite mit Musik empfangen zu werden ! « Nie in ihrem ganzen Leben hatte Elisabeth eine so entsetzliche Veränderung in einem menschlichen Antlitz bemerkt , wie die , welche in Herrn von Waldes Zügen vor sich ging . Auf der bleichen Stirn zeigte sich sofort eine starke blaue Ader , seine Augen sprühten , und die Nasenflügel dehnten sich aus . Er stampfte heftig mit dem Fuße , und es sah aus , als habe er die größte Lust , die unwillkommene Störerin , die jetzt , ihr Kreppkleid hoch aufnehmend , sich durch die Büsche arbeitete , wieder dahin zurückzuschleudern , wo sie hergekommen war . Diesmal gelang es ihm nicht so rasch , Herr seiner inneren Bewegung zu werden , vielleicht wollte er auch gar nicht , denn seine Augenbrauen falteten sich noch grimmiger , als Hollfeld hinter der Hofdame auftauchte . Bei dessen Erblicken schob Herr von Walde Elisabeths Arm heftig in den seinigen und preßte ihn fest an sich , als solle sie ihm entrissen werden . » Wie sehen Sie denn aus , Herr von Walde ? « rief Fräulein von Quittelsdorf , mitten in den Weg springend . » Sie machen uns wahrhaftig ein Gesicht , als wären wir Banditen , die es auf Ihr kostbares Hab und Gut abgesehen hätten ! « Ohne ein Wort auf diese Ansprache zu erwidern , wandte er sich an seinen Vetter und fragte kurz : » Wo ist Helene ? « » Sie bekam plötzlich Angst vor dem weiten , unebenen Wege , « entgegnete dieser , » und hat es vorgezogen , zu fahren . « » Nun , ich denke , du wirst es dem alten Grafen Wildenau nicht überlassen , Helene aus dem Wagen zu helfen ; ich begreife überhaupt nicht , wie du , als vielgetreuer Ritter , den Hauptweg verlassen konntest ... Einige rasche Schritte werden die Versäumnis ausgleichen , ich will dir nicht hinderlich sein , « sagte Herr von Walde mit auffallend scharfer Stimme , während ein sarkastisches Lächeln um seine Lippen zuckte . Er trat mit Elisabeth seitwärts , um das Paar vorüberzulassen . » Und warum sind Sie nicht auf dem Hauptwege geblieben , wenn man fragen darf ? « frug Fräulein von Quittelsdorf pikiert und schnippisch ; sie war in diesem Augenblicke bei weitem mehr Kammerkätzchen als Hofdame . » Das können Sie erfahren ; einfach , weil ich hoffte , auf diesem einfachen Wege der redseligen Zunge gewisser Damen zu entgehen , « erwiderte Herr von Walde trocken . » Hu , wie grob ! ... Gott behüte einen in Gnaden vor solch einem sauertöpfischen Geburtstagskinde ! « rief die Hofdame sich schüttelnd und im komischen Entsetzen einen Schritt zurückprallend . » Es war sicher ein Mißgriff , daß wir heute nicht mit Leichenbittermienen , Zitronen in den Händen und bis über die Nase in schwarzen Krepp gewickelt , erschienen sind . « Sie hing sich schmollend wieder an Hollfelds Arm und schob ihn vorwärts ; allein es hatte den Anschein , als wolle dieser unerhörterweise und vielleicht zum erstenmale in seinem Leben seinem Vetter trotzen . Langsam , wie ein Lebensmüder , schritt er weiter . Er sah angelegentlich rechts und links in die Büsche , als beschäftige ihn jeder Stein , jede vorbeihuschende Eidechse ; dabei knüpfte er ein Gespräch mit seiner Begleiterin an ; ihre Antworten waren scheinbar von großem Interesse für ihn , denn er blieb sogar einmal stehen , um keines ihrer Worte zu verlieren . Herr von Walde murmelte etwas zwischen den Zähnen , Elisabeth konnte es nicht verstehen , aber der feindselige Blick , den er auf seinen Vetter schleuderte , ließ sie erraten , daß er aufs äußerste ergrimmt sei über dessen Gebaren . Mit ihr sprach er nicht mehr . Er wandte einmal langsam den Kopf nach ihr , und sie fühlte , daß seine Blicke unverwandt auf ihr ruhten , allein es war ihr unmöglich , die Augen zu ihm aufzuschlagen . Hätte er nicht auf der Stelle sehen müssen , daß ihr ganzes Innere in Aufruhr war über jenen rätselhaften Glückwunsch , den er ihr mit tiefbewegter Stimme souffliert hatte ? ... Er würde mittels eines einzigen Blickes erraten haben , was in ihr wogte und stürmte , und - sie mochte diesen Gedanken gar nicht ausdenken - infolge dieser Wahrnehmung seinen vielleicht sehr harmlos gemeinten Einfall bereuen . Es war eine natürliche Folge dieser Befürchtung , daß die Lider des jungen Mädchens sich noch tiefer senkten , als zuvor , und deshalb konnte sie auch nicht bemerken , wie ein leiser , unhörbarer Seufzer über die Lippen ihres Begleiters glitt , während der Groll aus seinen Zügen verschwand , um dem gewissen melancholischen Schatten über und zwischen den Augen Platz zu machen . Ein schwacher , schnell hinsterbender Trompetenton , den ohne Zweifel die Ungeduld der auf der Galerie des Turmes wartenden Musikanten hinausgeschickt hatte , verriet die Nähe des Festplatzes . Bald summte und lärmte es , als ob ein großes Zigeunerlager in der Nähe sei ; der Weg wurde breiter , hinter dem nächsten Buschwerke wogte ein buntes Gedränge , und plötzlich schmetterte eine wahre Salve von Posaunen- und Trompetentönen auf die Ankommenden herab . Elisabeth benutzte diesen Moment , ihren Arm leise aus dem Waldes zu ziehen und sich unter die Gesellschaft zu mischen , die einen dichten Kreis um den Schloßherrn bildete , während eine junge Dame als Dryade kostümiert und von vier anderen dekorierten Waldnymphen umgeben , ihn in holperigen Hexametern im Waldreviere begrüßte . » Nun , der Walde hat wenigstens im geeigneten Momente seine aufgedrungene Dulcinea abzuschütteln gewußt , ich sehe die Kleine nicht mehr , « flüsterte lächelnd die Oberhofmeisterin dem Grafen Wildenau zu , der neben ihr auf einem erhöhten Sitze unter den Eichen saß . » Der vergibt es der Lessen und unserer vorwitzigen Hofdame nie und nimmer , daß er durch ihr einfältiges Arrangement gezwungen worden ist , dem kleinen Dinge gegenüber einen Augenblick die Rolle des Ritters spielen zu müssen ... Kindchen , « wandte sie sich an Helene , die , zu ihrer Rechten sitzend , ihr getrübtes Auge suchend über den Menschenschwarm gleiten ließ , » wir müssen ihn nachher , wenn die dort drüben ihn freilassen , in unsere Mitte nehmen und alles aufbieten , damit er den unerquicklichen Anfang des Festes vergißt . « Helene nickte mechanisch mit dem Kopfe . Sie hatte offenbar nur die Hälfte von dem verstanden , was die alte Dame ihr zugeflüstert . Ihre kleine , verkrüppelte Gestalt , die ein schwerer , zartblauer Seidenstoff umhüllte , drückte sich hilflos und matt an die hohe Stuhllehne , und ihre Wangen waren weißer , als der Seerosenkranz , der über ihrer Stirn lag . Elisabeth hatte sich unterdes im Gedränge wieder mit Doktor Fels und dessen Frau zusammengefunden . Letztere nahm das junge Mädchen sogleich bei der Hand , damit sie nicht wieder getrennt würden . » Bleiben Sie noch so lange , bis man anfängt zu tanzen , « meinte sie auf Elisabeths Aeußerung hin , daß vielleicht jetzt der passende Augenblick gekommen sei , wo sie sich unbemerkt entfernen und nach Hause gehen könne . » Ich verdenke es Ihnen gar nicht , wenn Sie die Gesellschaft so bald wie möglich zu verlassen wünschen , « fügte sie lächelnd hinzu ; » auch wir werden nicht lange bleiben , mir läßt die Sorge um meine Kleinen daheim keine Ruhe , und daß ich überhaupt hier bin , ist ein schweres Opfer , welches ich der Stellung meines Mannes bringe ... Herr von Walde , dem Sie nun einmal heute durch das Los angehören , tanzt nicht , er wird Sie gewiß freigeben , wenn der Tanz beginnt , denke ich . « Der Menschenknäuel entwirrte sich plötzlich . Von der Zinne des Turmes rauschte ein imposanter Marsch hernieder , und während die Herren schattige Plätze suchten , eilten die Damen nach den Büffetts , um , den Statuten des Festes gemäß , das beste für die Herren der Schöpfung herbeizutragen . Herr von Walde schritt langsam über den Platz , er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und sprach mit dem Kreisgerichtsdirektor Busch , der an seiner Seite ging . » Mein bester Herr von Walde , nun kommen Sie zu uns ! « rief die Oberhofmeisterin zu ihm hinüber und streckte ihm in beinahe zärtlicher Weise die Hände entgegen . » Ich habe Ihnen ein reizendes Plätzchen reserviert ... Ruhen Sie hier aus auf den wohlverdienten Lorbeeren , die man Ihnen heute streut ... Zwar sind sämtliche junge Damen durch das Los gefesselt , aber hier unsere schönen , liebenswürdigen Waldnymphen sind bereit , Ihnen den Wein zu kredenzen und von den Büffetts herbeizutragen , was Ihr Herz begehrt . « » Ihre Güte und Fürsorge rührt mich , Exzellenz , « entgegnete der Angeredete , » aber ich will nicht hoffen , daß Fräulein Ferber mich dem allgemeinen Mitleide überlassen wird . « Er sprach mit lauter Stimme und wandte sich um nach Elisabeth , die nicht sehr entfernt von ihm stand . Sie hatte jedes Wort gehört . Sofort schritt sie hinüber und stellte sich so ruhig und fest an seine Seite , als sei sie durchaus nicht gewillt , auch nur ein Haar breit von ihrer Verpflichtung an andere abzutreten . Es flog in diesem Augenblicke etwas , wie ein freudiges Erschrecken über sein Gesicht . Sein Auge begegnete aufleuchtend dem ihren , das , unbeirrt durch die Umgebung , lächelnd zu ihm aufsah . Er schien unerhörterweise ganz und gar zu vergessen , daß die Frau Oberhofmeisterin ein » reizendes Plätzchen « für ihn reserviert hatte , denn nach einer leichten Verbeugung gegen die Exzellenz und die sie umringenden , willfährigen jungen Damen reichte er Elisabeth den Arm und führte sie über den Platz nach einer dickstämmigen Eiche , unter deren Schatten Doktor Fels soeben für sich und seine Frau einen Sitz zurechtmachte . » Nein , diese Rache geht denn doch ein wenig zu weit ! « wandte sich die Oberhofmeisterin entrüstet an den Grafen Wildenau und die sehr verblüfft dastehenden fünf Waldgrazien . » Er sucht das ganze Fest zu persiflieren , indem er die Anwesenheit der kleinen Person in so auffallender Weise markiert ... Jetzt fange ich an , mich über ihn zu ärgern ... Niemand sieht es ja besser ein , als ich , daß er vollkommen recht hat , wenn er zürnt ; aber ich meine auch , er dürfte sich nicht so weit hinreißen lassen , die Rücksicht für die übrigen Anwesenden zu vergessen , die ja völlig schuldlos sind an dem geistlosen Machwerke der Lessen und der Quittelsdorf ... Ich wette , schließlich bildet sich das Gänschen dort auch noch ein , das geschehe alles nur um ihrer schönen Augen willen . « Alle zehn Augen der schönen , liebenswürdigen Dryaden schleuderten a tempo einen vernichtenden Blick auf Elisabeth , die in diesem Augenblicke unbefangen nach dem Marketenderzelte ging und bald darauf mit einer Flasche Champagner und vier Gläsern nach der Eiche zurückkehrte , wo sich Herr von Walde und das doktorliche Ehepaar bereits einträchtig hinter einem Tische niedergelassen hatten . » Unsere sämtlichen Damen haben heute wahre Blumengärten auf dem Scheitel , « sagte Frau Fels , als das junge Mädchen an den Tisch trat , » nur Fräulein Ferber geht schmucklos wie Aschenbrödel ; das leide ich nicht . « Sie zog aus dem großen Boukett , das sie in der Hand hielt , zwei Rosen und stand auf , um Elisabeth mit denselben zu schmücken . » Halt ! « rief Herr von Walde und hielt ihre Hand zurück . » In diesem Haare mag ich nur die Orangenblüte sehen . « » Die ziemt eigentlich nur den Bräuten , « meinte die Doktorin unbefangen . » Ja , eben deshalb , « entgegnete er , und so ruhig , als habe er etwas gesagt , das sich ganz von selbst verstehe , füllte er die Gläser und wandte sich an Fels . » Stoßen Sie mit mir an , Doktor , « sagte er . » Ich trinke auf das Wohl meiner Retterin , der Goldelse auf Gnadeck ! « Der Doktor schmunzelte und stieß kräftig an . Auf dies Signal näherte sich eine Schar Herren , mit den Gläsern in der Hand . » Schön , meine Herren , daß Sie kommen ! « rief ihnen der Schloßherr entgegen , trinken Sie mit mir auf die Erfüllung meines höchsten Wunsches ! « Ein Hoch schallte durch die Lüfte , und die Gläser klangen lustig aneinander . » Skandalös ! « rief die alte Exzellenz und ließ die Gabel mit einem saftigen Stücke marinierten Aales auf den Teller fallen . » Dort drüben geht es ja wahrhaftig zu , wie in einer Studentenkneipe ... Ich bin ganz konsterniert ! Welch unanständiger Lärm ! Da schreit ja wirklich der Pöbel auf den Straßen manierlicher , wenn er unseren Durchlauchten ein Hoch zu bringen sich erlaubt ... Apropos , meine Liebe , « wandte sie sich an Helene , » ich bemerke mit großem Erstaunen , daß Ihr Herr Bruder ziemlich familiär mit dem Doktor Fels verkehrt . « » Er schätzt ihn hoch als einen durchaus rechtlichen Mann mit bedeutendem Wissen , « erwiderte Helene . » Das ist alles recht schön und gut , aber er weiß sicher nicht , daß dieser Mensch gegenwärtig sehr übel angeschrieben ist an unserem Hofe . Denken Sie sich , er hat die unbegreifliche Kühnheit gehabt , unserer allgeliebten Prinzessin Katharina - « » Ja , ich kenne diese Geschichte , « unterbrach Fräulein von Walde die Entrüstete , » mein Bruder hat sie mir vor einigen Tagen selbst mitgeteilt . « » Wie , er weiß das und berücksichtigt so wenig die Stimmung des Hofes , der ihn stets ausgezeichnet hat ? ... Unglaublich ! ... Ich versichere Ihnen , liebes Kind , mir schlägt schon jetzt das Gewissen , und ich werde bei Ankunft unserer Herrschaften sicher die Augen nicht aufschlagen können , in dem schuldigen Bewußtsein , daß ich mit diesem unmanierlichen Menschen hier zusammengekommen bin . « Helene zuckte mit den Achseln und überließ die Oberhofmeisterin ihren Gewissensbissen und einem frisch gefüllten Glase Champagner , mit welchem sie sich ohne Zweifel jetzt schon für jenen großen , gefürchteten Auskunftsmoment Mut und Fassung einzuflößen suchte . Fräulein von Walde litt neben der Dame alle jene Qualen , die uns so manchmal die Konvenienz auferlegt ; sie mußte mit zuvorkommender Aufmerksamkeit auf tausend Nichtigkeiten hören und antworten , während ein heißer Schmerz ihr Inneres zerriß . Aber auch nur eine Frau , wie die Oberhofmeisterin , die das höchste Erdenglück in einem Gnadenblicke aus fürstlichen Augen suchte und fand , eine Person , deren ganze Seelenthätigkeit sich darauf beschränkte , Schildwache vor dem Reiche der Etikette zu stehen und den Nimbus ihrer sauer genug errungenen Exzellenz ängstlich zu behüten , nur sie konnte wiederholt in das Gesicht der jungen Dame sehen , ohne die tiefe innere Erregung in den Zügen zu bemerken . Hollfeld war nicht allein so unaufmerksam gewesen , Helene bei ihrer Ankunft auf dem Festplatze der Fürsorge des Grafen Wildenau zu überlassen , er hatte auch , als er endlich erschienen war , kein Wort der Entschuldigung für seine Säumnis gehabt , und mürrisch und zerstreut hatte er sich endlich an ihre Seite gesetzt . Sie fand ihn seltsam verändert , und ihr unruhiges Herz , ihr Kopf zermarterten sich in Vermutungen . Zuerst folgte ihr argwöhnisches Auge Cornelie , die ihrer Quecksilbernatur gemäß wie ein Irrwisch von Gruppe zu Gruppe flatterte und unaufhörlich plauderte und lachte . Ueber diesen Punkt war sie jedoch bald beruhigt ; denn es gelang ihr nicht ein einziges Mal , einen Blick Hollfelds auf dem Wege nach der koketten , aber anmutigen Hofdame aufzufangen . Ihre besorgten Fragen wurden einsilbig beantwortet . Sie ließ durch einen Diener Speisen herbeitragen und legte Hollfeld selbst vor , aber er rührte keinen Bissen an und trank nur rasch hintereinander einige Gläser starken Weines , den er sich am Marketenderzelte einschenken ließ . Dies nachlässige Benehmen , das sie zum erstenmale an ihm bemerkte , that ihr unbeschreiblich wehe . Sie schwieg endlich und ließ ermüdet die Lider über die Augen sinken - niemand bemerkte die zwei hellen Tropfen , die an ihren Wimpern hingen . Mitten in den Toastjubel hinein , der augenscheinlich bedeutend erhöht wurde dadurch , daß der sonst so ernste , schweigsame Schloßherr ihn veranlaßt hatte , fiel plötzlich ein Schatten ; wenigstens schien es Elisabeth , als verkünde das Gesicht des Hausverwalters Lorenz , das auf einmal zwischen den Baumstämmen in der Nähe auftauchte , nichts Gutes . Der alte Mann gab sich die größtmöglichste Mühe , um die Aufmerksamkeit seines Herrn auf sich zu lenken , ohne daß es die anderen bemerken sollten . Endlich gelang es ihm . Herr von Walde warf einen raschen Blick hinüber , stand auf und ging mit dem alten Diener tiefer in das Gestrüpp , während die anderen Herren ihre früheren Plätze wieder aufsuchten . Er kehrte sehr bald mit bleichem Gesichte zurück . » Ich habe eine erschütternde Nachricht erhalten , infolge deren ich sofort abreisen muß , « sagte er mit gedämpfter Stimme zu dem Doktor . » Herr von Hartwig in Thalleben , ein alter Freund von mir , ist auf einer Spazierfahrt verunglückt , die Verletzung ist tödlich ; wie man mir schreibt , kann er höchstens noch einen Tag leben ... er beruft mich zu sich , um die Sorge für seine unmündigen Kinder in meine Hände zu legen ... Teilen Sie der Baronin Lessen meine Abreise und deren Veranlassung mit ; sie soll dafür Sorge tragen , daß das Fest nicht gestört werde . Meine Schwester und die Gesellschaft sollen in dem Wahne bleiben , daß ich in einer Geschäftsangelegenheit abberufen worden bin und möglicherweise bald wieder nach dem Festplatze zurückkehre . Man wird mich nicht mehr vermissen , sobald der Tanz begonnen hat . « Der Doktor entfernte sich sogleich , um die Baronin aufzusuchen . Seine Frau war schon vor einer Weile nach dem Büffett gegangen , und so stand Elisabeth in diesem Augenblicke Herrn von Walde allein gegenüber . Er näherte sich ihr rasch . » Ich hatte geglaubt , wir würden heute nicht auseinandergehen , ohne daß der Schluß des Glückwunsches ausgesprochen worden wäre , « sagte er , während sein Auge ihren ausweichenden Blick aufzufangen suchte . Ich gehöre nun schon einmal zu jenen Glückspilzen , denen noch in der letzten Stunde ein Unstern das gelobte Land verschließt . « Er bemühte sich , diesen Worten einen humoristischen Anstrich zu geben , aber sie klangen deshalb nur um so bitterer . » Diesmal soll er mich jedoch zähe finden , « sprach er in entschlossenem Tone weiter , » fort muß ich , das läßt sich nicht ändern , aber die Erfüllung dieser schweren Pflicht kann mir sehr erleichtert und versüßt werden durch ein Versprechen Ihrerseits ... Wissen Sie noch die Worte , die Sie mir vorhin nachgesprochen haben ? « » Ich vergesse nicht so schnell . « » Ah , das klingt schon bedeutend ermutigend für mich ! ... Es existiert ein Märchen , in welchem ein einziges Wort ein Reich voll unermeßlicher Schätze und lieblicher Wunder erschließt ; der Schluß jenes Glückwunsches ist auch ein solches Wort ... Wollen Sie mir behilflich sein , daß es ausgesprochen werde ? « » Wie könnte ich Ihnen zu Schätzen und Reichtümern verhelfen ? « » Das ist meine Sache ... Ich bitte Sie ernstlich , in diesem Augenblicke keinen weiteren Ausweichungsversuch zu machen ; denn die Zeit drängt ... Ich frage Sie also , wollen Sie in den Tagen , die ich ausbleiben werde , sich bestreben , den Anfang des Glückwunsches in Erinnerung zu behalten ? « » Ja . « » Und Sie werden bereit sein , wenn ich zurückkehre , das Ende zu hören ? « » Ja . « » Gut , ich werde mitten in Trübsal und Leiden ein Stück blauen Himmels über mir behalten , und Ihnen - möge unterdes mein guter Engel den Namen jenes Wunderreiches zuflüstern ... Leben Sie wohl ! « Er reichte ihr die Hand und schritt hinter dem Turme weg auf den nächsten Weg , der nach dem Schlosse führte . Elisabeth blieb eine Weile in einer Art süßer Betäubung stehen , aus welcher sie erst durch die Doktorin geweckt wurde , die mit Tellern und Schüsseln beladen zurückkehrte und nun sehr erstaunt war , keinen der Herren vorzufinden . Das junge Mädchen teilte ihr das Geschehene mit . Bald darauf kam auch der Doktor und erzählte , die Frau Baronin sei sehr pikiert gewesen , daß ihr Kousin es nicht der Mühe wert gehalten habe , sie persönlich von dem Vorfalle in Kenntnis zu setzen . Der unglückliche Doktor hatte einige Bitterkeiten der gereizten Dame in den Kauf nehmen müssen , aber er war so unhöflich , sich dadurch ganz und gar nicht in seiner Gemütsruhe stören zu lassen . Er setzte sich behaglich hinter die vollen Schüsseln und aß mit vortrefflichem Appetit . Währenddem ging Elisabeth hinüber zu Fräulein von Walde , um sich zu beurlauben . Es hielt sie ja hier nichts mehr zurück . Sie hatte das lebhafte Verlangen , mit ihren Gedanken allein zu sein , jedes Wort , das er zu ihr gesprochen , sich noch einmal ungestört zurückrufen und über den Sinn desselben nachdenken zu können . » Sie wollen gehen ? « fragte Helene , als das junge Mädchen hinter ihren Stuhl trat und sich empfahl . » Was meint mein Bruder dazu ? « » Rudolf ist in einer dringenden Geschäftssache nach dem Schlosse gerufen worden , « antwortete die Baronin , die eben erschien , schnell an Elisabeths Stelle , » Fräulein Ferber ist mithin der Verpflichtung des Hierbleibens enthoben . « Helene warf der Sprecherin einen mißbilligenden Blick zu . » Das sehe ich doch nicht ein , « sagte sie , » die Geschäfte werden doch wahrhaftig nicht derart sein , daß er gar nicht wieder hierher zurückkehrt . « » Ich denke nicht , « erwiderte die Baronin zögernd , » aber seine Rückkehr kann möglicherweise sehr spät erfolgen ... Fräulein Ferber wird sich voraussichtlich unterdes sehr langweilen in einem ihr völlig unbekannten Kreise und - « » Hat mein Bruder Sie frei gegeben ? « wandte sich Fräulein von Walde an Elisabeth , ohne die Baronin ausreden zu lassen . » Ja , « antwortete das junge Mädchen , » und ich bitte auch Sie , mir zu erlauben , daß ich mich entfernen darf . « Während dieses kurzen Wortwechsels bog sich die Oberhofmeisterin zurück und musterte Elisabeth von Kopf bis zu den Füßen mit ihren kalten , stechenden Augen ; Hollfeld aber stand auf und entfernte sich , ohne ein Wort zu sagen . Fräulein von Walde sah ihm mit einer Art von schmerzlichem Unwillen nach und antwortete im ersten Augenblicke gar nicht auf Elisabeths Bitte ; endlich reichte sie ihr sichtlich zerstreut die Hand und sagte : » Nun , da gehen Sie , liebes Kind , und haben Sie vielen Dank für Ihre