, in der sie lebten , mancherlei Annährungen und Ansprüche gefallen zu lassen , und zeitweise , wenn es sein mußte , auf eine Ausschließlichkeit zu verzichten , die sich in ihrer jetzigen Lage nicht wohl behaupten ließ . Dadurch machte sich die Unterhaltung leichter . Der Freiherr hatte obenein die Absicht , zu vergüten , was seine Gattin dem jungen Manne zu Leide gethan ; sie selbst fand sich genöthigt , ihm bei Tische die hausfrauliche Zuvorkommenheit zu beweisen , die ihr zur Gewohnheit geworden war , bis Herbert allmählich der Zurückhaltung zu vergessen begann , welche er zu behaupten sich vorgenommen hatte . Der Baron kam absichtlich in Gegenwart der Herzogin noch einmal auf den Vater des Baumeisters zurück , welchen auch der Caplan in hohen Ehren hielt ; das schloß dem jungen Manne das Herz auf , und noch während man bei Tafel war , fing man an , von der Angelegenheit zu sprechen , für welche man Herbert hergerufen hatte . Darauf hatte er aber nur gewartet , denn wo ein Sachverständiger vor Laien von seinem Fache sprechen kann , ist er der Meister und der Herr , ist er dem Vornehmsten ebenbürtig , wenn nicht überlegen ; und so erklärte der junge Mann denn ganz unumwunden , daß Alles , was er im Vorüberfahren gesehen , ihn in seiner bereits früher geäußerten Ueberzeugung bestärkt hätte , und daß man einen großen Fehler begehen würde , wenn man die Kirche auf dem Platze erbaute , auf welchem man den Grundstein für die ursprünglich beabsichtigte Capelle eingeweiht habe . Er entwickelte darauf mit einer Klarheit , die jeden Vorurtheilslosen für ihn einnehmen mußte , alle die Uebelstände , mit denen ein Bau in Rothenfeld zu kämpfen haben würde , und stellte dagegen die Vorzüge auf , welche die Verlegung der Kirche nach der Höhe darbieten konnte . Er hielt den Herrschaften die größere Bequemlichkeit für sie selbst , er hielt ihnen auch die harmonische Wirkung vor , welche die Kirche machen mußte , wenn man sie auf dem Hügel jenseit des Parkes aufführte , wo sie dann von der Westseite des Schlosses einen eben so schönen Anblick gewähren konnte , als ihn auf der Ostseite die Burgruine darbot . Er sprach von den bedeutend größeren Ausgaben , welche ein so ungünstiger Boden , wie der in Rothenfeld , erheischen würde , und weil er von der Richtigkeit seiner Angaben zweifellos überzeugt war , meinte er in dem Schweigen der Anderen ein Zeichen dafür zu finden , daß er sie ihres Irrthums überführt und des Besseren belehrt habe . Aber Herbert verstand und kannte sein Fach doch noch besser , als er die Menschen kannte , obschon er sich vielfach und von früh auf in den verschiedensten Lagen zu bewegen gelernt hatte . Er wußte noch nicht , daß diejenigen , welche von Kindheit auf das Befehlen gewohnt sind , es nicht lieben , sich eines Irrthums überführen zu lassen , und er bedachte nicht , daß es einen Jeden schmerzlich ist , einen Plan , auf dessen Verwirklichung er seinen Sinn lange Zeit hindurch gerichtet hat , plötzlich und für immer aufgeben zu sollen . Er sah , daß der Freiherr ihm Gehör schenkte , er merkte an den Fragen , welche bald dieser , bald der Caplan während seiner Auseinandersetzungen an ihn richteten , daß seine Gründe ihnen einleuchteten und sie bedenklich machten , und er glaubte also auf dem besten Wege zu dem von ihm ins Auge gefaßten Ziele zu sein , als der Baron ihm nachdenklich einräumte , daß die Sache allerdings noch einmal gründlich erwogen werden müsse und daß die frühzeitige Ankunft Herbert ' s ihm also doppelt erwünscht sei . Da nahm Angelika , die bis dahin schweigend zugehört hatte , plötzlich das Wort . Ich weiß nicht , Bester , sagte sie zu dem Baron gewendet , wie in diesem Falle noch von Ueberlegung und Erwägung die Rede sein kann . Mich dünkt , davon dürfe man nur sprechen , wo man noch eine freie Wahl hat und wo es sich um die Befriedigung eines persönlichen Bedürfnisses handelt . Wo man aber ein Gelübde zu erfüllen hat , ist ja eine Erwägung und Abänderung , wie mir scheint unmöglich ! Der Ton , mit welchem sie diese Behauptung aussprach , war so scharf , daß er Herbert auffiel , und sein früheres Mißtrauen gegen sie schnell wieder wach rief . Wie kommt diese junge Frau dazu , dem älteren Gatten in solcher Weise zu entgegnen ? fragte er sich unwillkürlich , und sein Erstaunen wuchs , als nicht der Freiherr , sondern der Caplan die Antwort übernahm . Sie haben sicher Recht , Frau Baronin , sagte der Geistliche mit der vermittelnden Weise , welche aus seiner innersten Natur hervorging , Sie haben Recht , daß allzu ängstliche Erwägung überall die That verhindert und daß man am wenigsten in den Fällen zaghaft sein sollte , wo man ein Großes und Heiliges vollbringen will . Muth und Begeisterung helfen über manche Schwierigkeit hinweg , aber .... Muth und Begeisterung , fiel der Freiherr ihm in die Rede , als finde er es jetzt , da der Caplan vorangegangen , leichter , seine Meinung auszusprechen , Muth und Begeisterung sind etwas sehr Erhabenes , und es ist eine schöne Eigenschaft der Frauen , daß sie derselben in so hohem Grade fähig sind . Indeß oftmals - und dieses Mal , beste Angelika , befindest Du Dich wohl in solchem Falle - haben die Frauen es leichter als wir , ihren Muth und ihre Begeisterung zu behaupten , weil die Unkenntniß der technischen und materiellen Hindernisse ihnen das Muthigbleiben sehr erleichtert . Das mag wohl wahr sein , versetzte die Baronin anscheinend gelassen , aber von einem Muthe und einer Begeisterung , welche den Menschen über die Schranken verständiger Erwägung fortreißen könnten , ist ja in unserm Falle , wie mich dünkt , nicht die Rede . Wir haben , ich muß das wiederholen , ein Gelöbniß , eine heilige Pflicht zu erfüllen ; das ist eben so unabweislich , und unabweislicher , als sein Wort einzulösen , wenn man es in einer Ehrensache einmal verpfändet hat . Gewiß , rief der Freiherr , auch handelt es sich nicht um den Bau , sondern nur um den zweckmäßigsten Platz für denselben . Und der Caplan , welcher eben so wie der Freiherr von Anfang an aus doppelten Gründen gegen den Kirchenbau in Rothenfeld und ganz besonders gegen den Bau auf der Stätte von Paulinen ' s Hause gewesen war , ergriff diese Gelegenheit , sich lebhaft zu Gunsten der Bauverlegung auszusprechen . Da der Baron es aber weder jetzt noch früher bekennen mochte , daß es ihm quälend dünke , künftig zum Gottesdienst nach Rothenfeld zu fahren , welches er jetzt geflissentlich vermied , und da der Caplan mit seinen oft wiederholten Ermahnungen , nicht eben dort die Stätte weihen zu lassen , bei der Baronin nie Gehör gefunden hatte , so bewegte die ganze Berathung sich in halben Andeutungen , welche den Architekten die wahre Lage der Sache nicht erkennen und ihn sowohl als die Herzogin und den Marquis doch vermuthen ließen , man müsse hierbei irgend etwas im Sinne haben , was man verbergen wolle . Das machte Herbert ungeduldig , und weil er ohnehin entschlossen war , seine Stellung zu behaupten , so sagte er plötzlich : Es giebt nur Einen Fall , in welchem der Platz in Rothenfeld nicht aufgegeben werden müßte ! Und welcher wäre das ? fragte die Baronin . Wenn sich eben dort dasjenige ereignet hätte , welches die Herrschaften zu dem Gelöbniß des Kirchenbaues bestimmt hat ! antwortete er . Des Freiherrn ganze Züge veränderten sich plötzlich , und die Baronin , deren Gesicht von einer flammenden Röthe überzogen wurde , sagte mit unverkennbarer Selbstüberwindung : Sie haben das Richtige getroffen , mein Herr ! und Sie werden es also begreifen , daß hier von bloßen Schönheits- und Zweckmäßigkeits-Rücksichten nicht die Rede sein darf . - Sie hielt danach inne , als müsse sie sich erholen , als habe sie Alles geleistet , was in ihren Kräften gestanden . Die ganze Tischgesellschaft verstummte . Der Freiherr schien in unbegreiflicher Weise verletzt , auch dem Caplan konnte man es ansehen , daß die gewissensstrenge Aeußerung der jungen Herrin ihm wenigstens in diesem Augenblicke nicht angemessen däuchte , und trotz ihrer Weltgewandtheit wagte die Herzogin selbst es nicht , die Unterhaltung mit einem gleichgültigen Worte wieder in Gang zu bringen , weil eben die Gemüthsbewegung der Eheleute gar zu unverkennbar war . Es hatte sie schon oft bedünken wollen , als habe die große Gewalt Angelika ' s über den Baron noch andere Gründe , als die Macht , welche ihre Schönheit und ihre übrigen Vorzüge ihr über ihren Gatten natürlich sichern mußten , und klug und herzenskundig begriff die Herzogin , daß sie eben jetzt vor dem Punkte stehe , der ihr in dem Leben ihrer Gastfreunde bisher ein Räthsel geblieben war . Während sie noch mit sich zu Rathe ging , ob es klüger sei , ihnen in der augenblicklichen Verlegenheit zu Hülfe zu kommen oder nicht , hatte die Baronin ihren Entschluß bereits gefaßt , und sich gegen ihren Gatten wendend , sagte sie , indem sie ihm die Hand reichte und in völlig verändertem Tone zu ihm sprach : Gewiß , Bester , Du wirst mich noch böse machen und es dahin bringen , daß man mich für eigensinnig hält . Aber Du weißt es ja , wie meine ganze Seele an der Erfüllung unseres Gelöbnisses hängt , und wie sehnlich ich danach verlange , mich dereinst im Gebet in unserer Kirche vor dem Allmächtigen zu demüthigen , der auch mich zu finden gewußt hat . Ich werde nicht eher ruhig sein , bis dort die ewige Lampe über dem Altare brennt und die Messen dort gelesen werden . Wie kannst Du Deine Stirn denn verdüstern lassen durch den Hinweis auf eine Mehrausgabe , die nicht unerschwinglich , und auf Schwierigkeiten und Mühen , die nicht unbesiegbar sein können ? Und auch Sie , Hochwürden , fügte sie hinzu , wie können Sie mich grade in diesem Falle im Stiche lassen ? Sie hob mit diesen freundlich gesprochenen Worten die Tafel auf . Der Baron , sehr zufrieden , von dem Gespräche loszukommen , begab sich mit dem Marquis in das Billardzimmer und lud Herbert ein , ihnen dahin zu folgen . Indeß diesem war die Lust an der freiherrlichen Gesellschaft vergangen . Er sprach davon , das schöne Wetter benutzen zu wollen , und der Baron schlug ihm darauf vor , einen Ritt durch die Gegend zu machen , was Herbert dankbar annahm . Siebzehntes Capitel Mehrere Tage waren in Verhandlungen und Berathungen vergangen , ohne daß man zu einem Abschlusse gelangt wäre . Da saßen an einem Nachmittage , als man sich eben auch wieder von der Tafel erhoben hatte und die Herren ihr Billard spielten , die Damen allein in dem Wohnzimmer der Gräfin . Sie hatten dem Fenster gegenüber Platz genommen und eine Weile über das zeitige Beginnen des Frühlings gesprochen , welches dem kleinen Renatus , den seine Wärterin unten auf der Terrasse im warmen Sonnenscheine umhertrug , so wohl zu Statten komme . Indeß die Unterhaltung wollte nicht gedeihen . Es währte nicht lange , so saß Angelika schweigend an dem Stickrahmen , auf welchem sie eine Altardecke für die Kirche arbeitete . Die Herzogin parfilirte ein Stück golddurchwirkten Seidenzeuges und legte die ausgezogenen Fäden so vorsichtig und gleichmäßig neben einander , als gälte es wirklich eine Arbeit und nicht einen müßigen Zeitvertreib . Dabei sah sie unter ihren dunklen Wimpern von Zeit zu Zeit nach Angelika hinüber , als erwarte sie , daß diese zu sprechen beginnen werde . Endlich , da sie bemerkte , daß die junge Frau leise seufzend den Kopf emporhob , sagte sie mit heiterem Tone : Was haben Sie , Beste ? Sie seufzen ! Und unseres Volkes Sprüchwort sagt : » Ein Herz , das seufzt , hat nicht , was es wünscht ! « Mich dünkt , das Seufzen sollten Sie uns alten Frauen überlassen ! Es war das erste Mal , daß die Herzogin sich im Gespräche als eine alte Frau bezeichnete , und sie hatte in der That nicht Grund dazu . Angelika würde ihr dies in jedem anderen Augenblicke auch gesagt haben , sie war aber so verstimmt , daß sie sich unfähig fühlte , auf den Ton des Scherzes einzugehen , den die Herzogin angeschlagen hatte . Ach , sagte sie , ich wollte , ich wäre älter , als ich bin ! Das ist ein Wunsch , den wenig junge Frauen mit Ihnen theilen werden , meinte die Herzogin lächelnd , und es müssen besondere Verhältnisse obwalten , wenn ein solcher Wunsch nicht Sünde sein soll , die - sie hielt inne und nahm ihren Goldbrocat wieder in die Hand . Ihr plötzliches Abbrechen und Verstummen that seine beabsichtigte Wirkung . Sie hatte stets gefühlt , daß Angelika , die an den Umgang mit ihrer Mutter gewohnt gewesen war und diesen jetzt entbehren mußte , sich nicht selbst zu genügen vermochte ; indeß sie wollte sich ihr nicht zur Vertrauten anbieten , denn sie wußte , daß man nur das schätzt , was man sich selbst erworben hat , oder doch erworben zu haben meint . Während die Herzogin sich also wieder an das Parfiliren machte , ließ die Baronin ihre Nadel ruhen , und mit ihren ernsten Augen die Herzogin anblickend , fragte sie : Sie brachen so plötzlich in Ihrer Rede ab , meine theure Herzogin , weßhalb vollendeten Sie nicht ? Weil ich mir das Recht nicht zuerkenne , Ihnen einen Vorwurf zu machen , liebe Angelika ! - und auch Angelika hatte die Herzogin sie nie zuvor genannt . O , ich versichere Sie , es kann mir Niemand härtere Vorwürfe machen , als ich selbst ! Aber ich habe so wenig Menschenkenntniß ! Worauf beziehen Sie das ? fragte Jene verwundert , denn sie war auf nichts weniger als auf diese Wendung gefaßt gewesen . Ich hätte es mir denken können , sagte die Baronin , daß von einem Manne , der selbst kein eigentlich religiöses Empfinden hat , der , wie dieser junge Architekt , nicht einmal unserer Kirche angehört , für unsere Zwecke nicht das richtige Verständniß zu erwarten sei , und ich hätte es von dem Baron verlangen müssen , daß er einen anderen Baumeister , einen Katholiken für unsern Bau gewählt . Ich kann nicht sagen , wie dieser junge Mann mir mißfällt . Sein selbstbestimmtes , herausforderndes Wesen , sein Beharren auf seiner Meinung , sein ganzer Ton , ja , selbst seine Kleidung und sein Blick beleidigen mich , so daß ich im Stande wäre , aus bloßem Widerwillen gegen seine Anmaßung auf meinem Vorsatze zu beharren , selbst wenn unser Gelübde uns in dieser Beziehung nicht zur Beharrlichkeit verpflichtete . Sie hatte das sehr lebhaft ausgesprochen ; die Herzogin wußte nicht recht , was sie von Angelika ' s Worten denken sollte , und weil sie noch nicht entschlossen war , ob sie dies der Baronin sagen sollte oder nicht , schüttelte sie nur leise ihr Haupt . Angelika fragte , was der Herzogin auffallend oder bedenklich an ihrer Aeußerung erschienen sei . Auffallend ist mir nichts in Ihren Worten erschienen , bedenklich Manches , entgegnete die Herzogin mit feinem Lächeln , und ihr anmuthig mit dem Finger drohend , sagte sie scherzend : Seien Sie auf Ihrer Hut , liebe Freundin ! Auf meiner Hut ? Und weßhalb ? Wogegen ? Gegen Ihr allzu zorniges Herz ! bedeutete die Französin , noch immer im Tone des Scherzes , obschon eine plötzlich auftauchende Idee sie zu beschäftigen und ihre Phantasie zu erregen begann . Gegen mein Herz ? Was hat denn das Alles mit meinem Herzen zu schaffen ? fragte Angelika , die sich in ihrer Strenge durch den leichten Ton und den Blick der Herzogin verletzt fühlte . Aber die Herzogin legte ihre Hand freundlich auf Angelika ' s Arm , und mit plötzlichem Entschlusse zu einem gewissen Ernste übergehend , sprach sie : Ich habe Sie heute nicht umsonst daran erinnert , daß ich im Vergleich zu Ihnen eine alte Frau bin , meine theure Angelika , und daß ich also das traurige Vorrecht mannigfacher Erfahrung vor Ihnen voraus besitze . Ich habe viel geirrt , viel gefehlt , viel geliebt und viel gelitten ! Ich habe viel verloren und nur Eines gewonnen - ich habe sehen gelernt , wo ich mit dem Herzen sehe ! Sie bog sich bei den Worten zu der Baronin hinüber , und sie zärtlich anblickend , sagte sie : Wenn der gute Wille , zu vermitteln , auszugleichen und zu rathen , Ihnen und meinem theuren Vetter , denen ich so tausendfach verpflichtet bin , für Dank gelten kann , so bin ich dankbar ! Sie haben Recht , theure Angelika ! Sie sind sehr jung und - ich fühle das - Sie haben nie geliebt , Sie sind nicht glücklich , armes Kind ! Darum seien Sie auf Ihrer Hut ! Ein so heftiger Zorn , wie Sie ihn gegen den Architekten fühlen , ist oft die Knospe , in welcher ganz andere Empfindungen sich verbergen . Denken Sie daran ! Sie küßte die Baronin auf die Stirn und verließ das Zimmer . Angelika aber blieb zurück , ohne recht zu wissen , was ihr geschehen war . Alle ihre Vorstellungen , alle ihre Gedanken waren unklar und drängten sich wirr durch einander . Sie fragte sich , was sie denn gesagt habe , um die Herzogin zu solchen Aeußerungen zu ermächtigen . Sie besann sich , ob sie jemals etwas über ihre Erlebnisse ausgesprochen oder von wem die Herzogin etwas über jene Vorgänge erfahren haben könne , welche ihren Uebertritt zur katholischen Kirche veranlaßt hatten . Indeß sie fand keinen Anhalt zu einem Vorwurfe gegen sich , keinen Anhalt für den Rath und die Ermahnung , welche ihr geworden war . Daneben klangen ihr immer wieder die Worte in den Ohren : » Sie sind nicht glücklich , Sie haben nie geliebt ! « und ein plötzlicher , bitterer Schmerz in ihrer Seele gab diesen Worten Recht . Ja , sie hatte im Grunde nie geliebt . Das Wohlgefallen , die Bewunderung , die dankbare Zärtlichkeit und die erwachende Sinnlichkeit , welche sie ihrem Gatten gegenüber gefühlt und die sie in ihrer Unschuld damals für Liebe gehalten hatte , das Alles hatte den Namen der Liebe nicht verdient . Jetzt wußte sie es lange schon , daß sie wohl einer anderen Liebe fähig gewesen wäre . Aber der Gedanke , daß in ihrem Herzen , in der Brust der verheiratheten Frau noch einmal jene große , starke Liebe , wie sie die Dichter schilderten und deren Darstellung sie immer bis zu Thränen rührte und entzückte , erwachen , für einen Andern erwachen könne - dieser Gedanke hatte ihr völlig fern gelegen , und sie erschrak vor der Vorstellung , welche die Herzogin in ihr heraufbeschwor . Sie tröstete sich damit , daß es ein Scherz der Herzogin gewesen und daß sie eine Thörin sei , demselben irgend eine Bedeutung einzuräumen . Sie wollte darüber lachen , sich darüber erzürnen , sie wollte sich verspotten , und mußte sich doch immer wieder fragen , wie die Herzogin denn auf den Einfall gerathen sei , ihr eben Herbert gegenüber eine solche Warnung zu ertheilen . Sie fühlte sich aufgeregt und wußte sich ihr Empfinden nicht zu deuten . Eine schmerzliche Sehnsucht wachte in ihr auf und unwillkürlich drängten sich ihr die Worte auf die Lippen : Wenn ich meine Jugend wieder hätte ! Da fiel ihr Auge auf das Bild Amanda ' s und auf Amanden ' s Ring , den sie am Finger trug , und sie richtete sich empor . War es denn nicht Gottes Fügung gewesen , die sie zu dem Baron geführt hatte ? War es nicht Gottes Fügung gewesen , die sie und ihn der heiligen Mutter Kirche wiedergegeben ? Wie durfte sie sich unglücklich fühlen , während sie das Werkzeug einer höheren Macht gewesen war , deren Einwirkung sie ja unablässig anerkannt und empfunden hatte ! Und war es vielleicht der Wille dieser höchsten Fügung , daß eben jetzt in jenem jungen Manne , in Herbert eine Versuchung an sie herantrat ? Wollte der Himmel sie prüfen , sie kämpfen , sie unterliegen oder siegen lassen ? Wie sehr sie sich dagegen sträubte , immerfort sah sie ihn vor sich , hoch aufgerichtet , stolz und schön und trotzig . Und was hatte er denn im Grunde genommen verbrochen ? Er hatte eine Meinung geäußert , die abzugeben er als Fachmann verpflichtet war . Man bezahlte ihm sein bestes Wissen , er mußte es also für diejenigen nutzen , denen zu dienen er sich anheischig gemacht hatte . Sie aber hatte ihm gleich Anfangs mit Herbigkeit widersprochen , ihn beleidigend behandelt , nur weil ihr seine Tracht unangenehme Vorstellungen erweckt , oder weil sie gefürchtet hatte , in ihren Gästen durch dieselbe unangenehme Erinnerungen erzeugt zu sehen . Sie fing an , sich vor sich selbst zu schämen . Sie gestand sich ' s ein , daß sie dem Architekten ein Unrecht zu vergüten habe . Aber mitten in der Ueberlegung , wie sie das anstellen solle , mitten in der Frage , was sie thun und ihm sagen und wie er das aufnehmen und dabei aussehen würde , erfaßte sie der Gedanke : Woher kommt es , daß du dich so viel mit ihm beschäftigst ? Ist das nicht schon jenes Gefühl , das jetzt Sünde für dich ist ? Beginnt die Prüfung , welche der Himmel dir auferlegt hat , schon jetzt ? - Und sie schlug an ihre Brust und gelobte sich , fest und stark zu bleiben und es der Herzogin nie zu vergessen , daß dieselbe sie wie eine Mutter treu gewarnt . Jetzt wußte sie es , jetzt wußte sie es zuversichtlich , daß die Sterne ihr nicht gelogen , als sie ihr in der Herzogin eine Freundin verheißen hatten ! Achtzehntes Capitel In den Augenblicken , in welchen Angelika sich also mit ihrem Gewissen berieth und zweifelnd und bange auf ihr ganzes Dasein blickte , fühlte sich die Frau , welche die Baronin geneigt war als ihre mütterliche Freundin zu verehren , so heiter , wie sie es in Richten noch nicht gewesen war . Denn ein Zufall hatte ihr ganz plötzlich dargeboten , was sie bisher vergebens gesucht hatte : eine Handhabe zur Herrschaft über ihre jetzige Umgebung , eine Beschäftigung für ihre leere Zeit . Das kühle und doch einschmeichelnde Wesen der Herzogin war zum Herrschen geschaffen , und sie hatte wie jeder Mensch das Bedürfniß , die Fähigkeiten zu brauchen , welche sie besaß . Während ihres Wanderlebens hatte der Wechsel ihrer Verhältnisse sie zerstreut , die Sorge sie gelegentlich gefangen genommen . Nun hatte das aufgehört , die Tage in dem Schlosse erschienen ihr sehr lang , und sie mußte sich doch sagen , daß es für sie gerathen sei , sich in demselben möglichst festzusetzen . Indeß sie hatte bisher keinen Boden für die Ausführung dieser Absicht entdecken können , so auffallend Vieles ihr in der Ehe ihrer Gastfreunde auch erschien . Sie sah den Freiherrn , den sie als einen Lebemann gekannt , völlig unter der Herrschaft einer jungen Frau , die sich kaum die Mühe gab , ihm zu gefallen oder ihre Vorzüge geltend zu machen . Sie hörte Angelika häufig von ihrem und ihres Gatten Gelöbnisse reden , und neulich , als sich bei der Tafel das Gespräch zufällig darauf gerichtet , hatte der Baron , der in seinem früheren Leben sich in mancher Verlegenheit befunden und ihr ruhig Stand gehalten , seine Fassung ganz und gar verloren . Nicht er , nein , Angelika hatte es übernommen , die unangenehme Scene zu beenden . Die junge Baronin fühlte sich also offenbar den Ereignissen , dem Geschehenen gegenüber freier als ihr Gatte , und unwiderleglich hatte sich an jenem Mittag in der Herzogin die Gewißheit festgesetzt , wie irgend ein Unrecht gegen das , was Angelika die Heiligkeit der Ehe nannte , den Anlaß zu dem Gelöbniß und der Baronin die Herrschaft über ihren Mann gegeben hatte . Die Herzogin hatte sich des Lachens kaum erwehren können , als dieser Gedanke sich ihr aufgedrängt . Der Baron erschien ihr gegenüber der religiös-pedantischen Sittenstrenge seiner jungen Gemahlin beklagenswerth und komisch zugleich . Wie viele Kirchen hätte er gründen müssen , dachte sie , wenn er jede Gunst , deren er genossen , mit einem ähnlichen Gelöbnisse hätte bezahlen sollen . Wäre er noch der Alte gewesen , hätte in seinem Hause der Ton geherrscht , nach welchem er und die Herzogin in Frankreich einst mit einander verkehrt , so würde sie nicht angestanden haben , ihm augenblicklich dieses scherzende Wort zu sagen . Aber sie befanden sich in Deutschland , Angelika war , wie die Herzogin es nannte , eine fromme deutsche Schwärmerin , und die Fremde hatte die Sitten und den Brauch des Hauses schon aus Rücksichten der Klugheit so lange zu schonen - bis es ihr gelang , sie allmählich nach ihrem Bedürfnisse und nach ihrem Geschmacke umzuwandeln , wozu sie sehr entschlossen war . Noch ehe man sich an jenem Tage von der Tafel erhob , hatte sie beschlossen , dem Baron zu Hülfe zu kommen und ihren alten Freund , den liebenswürdigen frohen Genossen mancher schönen Tage und Stunden , aus der Knechtschaft seines Ehejoches zu befreien . Sie war noch immer mit sich zu Rathe gegangen , wie dies zu machen sei , bis in dem stillen Beisammensein mit der Baronin die widerwilligen Aeußerungen , welche diese über den Baumeister aussprach , die Herzogin auf den Einfall brachten , gleich jetzt einmal die junge Frau an einen Scherz zu gewöhnen ; denn nur als einen solchen hatte sie ihre Warnung vor Herbert ausgesprochen . Erst die Bestürzung und das Erschrecken Angelika ' s erinnerten die achtsame Französin daran , wie viel damit gethan sei , wenn man einen Menschen in seinem Glauben an sich selbst erschüttert , wie schnell man in der Regel an das Ziel gelangt , wenn man die Personen , auf die man wirken will , selbst zu Werkzeugen und zu unbewußten Gehülfen für dasjenige macht , was mit ihnen und an ihnen gethan werden soll . Noch während sie Angelika umarmte und küßte , hatte sie , über dieselbe in das Freie hinausschauend , bemerkt , daß der Baron den Billardsaal bereits verlassen und sich auf die Terrasse hinaus begeben hatte . In der Nähe der Baronin war für den Augenblick nichts mehr zu thun . Die Herzogin drängte es also , den Freiherrn zu sehen und zu erfahren , in wie weit bei ihm ihre Voraussetzungen berechtigt sein möchten . Leichten Schrittes eilte sie durch die Gemächer , durch den langen Corridor , stieg dann die Treppe , welche aus dem Seitenflügel auf die Terrasse führte , hinunter , als käme sie graden Weges aus ihren Zimmern , und trat an den Baron mit der Frage heran , wo ihr Bruder sei . Der Baron , welcher seinen Knaben auf dem Arme hatte , gab ihr Bescheid und wollte das Kind der Wärterin reichen , aber die Herzogin hinderte ihn daran . Nicht doch , nicht doch , rief sie ihm zu , Sie sehen prächtig mit dem Kinde aus , lieber Freund ! Der schöne kleine René kleidet Sie vortrefflich ! - Sie kam mit diesen Worten , leicht auf ihren kleinen Absatzschuhen einherschreitend , an den Freiherrn heran , nahm ihm den Kleinen ab , drückte ihn an das Herz und meinte : Es ist sonderbar , ich liebe die Kinder , ich liebe sie sehr , und doch habe ich es nie bedauert , kinderlos zu sein ! Ein Beispiel Ihres widerspruchsvollen Geistes ! meinte der Baron . Durchaus nicht , mein Lieber ! Es ist nur ein Beweis dafür , daß ich mich und mein Herz wohl kannte . Ich war nicht edel , nicht tugendhaft genug , um glücklich zu werden durch eine Selbstverleugnung ohne Ende , um mein Leben lang immer eine gute Mutter zu sein ! Und doch erzogen Sie nach dem frühen Tode Ihrer Mutter den Marquis ! wandte der Freiherr ein . O , das war etwas Anderes , das war nur ein Bruder ; das verpflichtete zu nichts , den konnte man aufgeben wie jeden Anderen , wenn man seiner überdrüssig war ! Aber ein Kind , das bleibt , das ist unser eigen , das hat unabweisliche Forderungen an uns und ist eine bindende Fessel ; gewiß eine süße , aber auch eine schwere Fessel - gerade wie die Ehe ! rief sie und fügte lachend hinzu : Ihnen darf man das freilich nicht mehr sagen , denn Sie sind auch tugendhaft und ernsthaft geworden , sehr tugendhaft , sehr ernsthaft , und ich allein bin die Alte geblieben , das alte Kind einer jüngeren und fröhlicheren Zeit ! - Sie wiegte dabei den Knaben tändelnd in ihren Armen und reichte ihn danach der Wärterin . Geh ' , geh ' , du reizendes , kleines Memento mori , sagte sie , und erinnere uns nicht mit deinen hellen Augen daran , daß du den Frühling noch schauen wirst , wenn uns längst sein grüner Teppich deckt ! Dann nahm sie den Arm des Barons , der sie mit Ueberraschung betrachtete , und fing an , langsam mit ihm auf der Terrasse umher zu wandeln , während sie das schwarze Spitzencapuchon ihres Entredeux über die Frisur zog , daß die Kanten auf ihr leichtgepudertes Gelock herniederfielen . Sie rühmte die anmuthige Lage des Schlosses