mit Fräulein Bär im Nebenzimmer . Helene erhob sich , den beiden Damen , die auf ihr entrez ! in ' s Zimmer traten , entgegenzugehen . Sophie Robran eilte Fräulein Bär voraus und umarmte Helenen mit einer liebenswürdigen Lebhaftigkeit , die mit der salonmäßig vornehm ruhigen Haltung der jungen Aristokratin einigermaßen contrastierte . - Ich habe eine ordentliche Sehnsucht nach Ihnen gehabt . Helene ! Warum haben Sie mich seit neulich Abend nicht besucht , wie Sie versprachen ? Fräulein Malchen hat Sie doch nicht gar etwa daran verhindert ? Point du tout ! erwiderte Fräulein Bär , die Brille auf die Stirn schiebend , um wohlgefällig ihrem Liebling in die großen , freundlichen , blauen Augen zu schauen ; Du weißt , Sophiechen , daß Helene ganz frei über ihre Zeit disponiren kann . - Aber weßhalb ich eigentlich komme , liebe Helene ! Hier ist ein Brief für Sie , den einer Ihrer Diener überbrachte ; ich glaube von Ihrem Herrn Vater . Helene nahm den Brief mit einer Verbeugung entgegen , warf einen Blick auf die Adresse und sagte ; in der That von meinem Vater ! und legte ihn auf eine Briefmappe , die sie beim Eintritt der Damen zugeklappt hatte . Ich will nicht länger stören , sagte Fräulein Bär ; Sophiechen kommt , Sie zum Musiciren abzuholen . Soll ich Ihnen das Mädchen nachschicken ? und wann ? Sie kommen doch mit , Helene ? sagte Sophie , die sich auf einen Stuhl an das Instrument gesetzt hatte und einen Clavierauszug durchblätterte . Ich habe sehr schöne neue Lieder bekommen . Ein ganz herrliches von Schumann , das müssen wir zusammen durchgehen . Recht gern , erwiderte Helene ; indessen , ich möchte nicht lange bleiben , da ich heute Abend nothwendig einen Brief nach England zu beendigen habe , der morgen früh fort muß . Ich danke deshalb für das Mädchen , Fräulein Bär . Ich werde noch vor Dunkelwerden wieder zu Hause sein . Ganz wie Sie wollen , liebe Helene , sagte Fräulein Malchen , erst Helene flüchtig und dann Sophie Robran herzlich auf die Stirn küssend . Adieu , mes enfants ! Und Fräulein Bär ließ die Brille wieder auf die Nase gleiten , legte ihre Stirn in die geschäftsmäßigen Falten und rauschte davon . Wie geht es Ihrem Herrn Vater ? fragte Helene . Danke , erwiderte Sophie ; es geht ihm viel besser ; er ist heute schon wieder ein paar Stunden länger aufgeblieben . Aber , nun lesen Sie auch Ihren Brief , Helene ; und dann machen Sie , daß Sie fertig werden . Sogleich , sagte Helene , den Brief erbrechend ; während Sophie weiter in den Noten las . Nach einigen Minuten blickte sie auf und sah Helenen den Brief in der herabhängenden Hand haltend , den Kopf in die andere gestützt , offenbar in tiefes Nachdenken versunken dasitzen . Die langen Wimpern verhüllten die strahlenden Augen und die dunklen Brauen waren , wie in Unwillen , zusammengezogen . Was ist Ihnen ? rief Sophie , das Notenbuch zuklappend und auf ' s Clavier legend , haben Sie schlimme Nachrichten erhalten ? Nicht doch ! erwiderte Helene , die bei dem ersten Ton von Sophiens Stimme sich wieder zusammenraffte und zu lächeln versuchte . Nicht doch ! Mein Vater wird morgen kommen , das ist Alles . Um hier zu bleiben ? Ja . Und - Sie , Helene ? Ich dachte eben darüber nach . Mein Vater stellt es mir frei ; indessen - Das junge Mädchen schwieg , und derselbe halb nachdenkliche , halb trotzige Gesichtsausdruck von vorhin war wieder da . Sie schien die Anwesenheit Sophiens vergessen zu haben . Plötzlich fragte sie , die Blicke noch immer zu Boden senkend : Würden Sie , wenn Sie beleidigt wären , jemals zuerst die Hand zur Versöhnung bieten ? Sophie wurde durch diese Frage , deren Sinn ihr nicht verborgen war , einigermaßen in Verlegenheit gesetzt . Helene hatte zu ihr niemals über ihre Angelegenheiten gesprochen , nicht einmal in Andeutungen . Sie wußte also - durfte also von alle dem nichts wissen , und doch vertrug es sich schlecht mit Sophiens geradem Sinn und ihrer Freundschaft zu Helene , eine Unwissenheit und Theilnahmlosigkeit zu affektiren , die ihr fremd waren . Es kommt darauf an , antwortete sie nach einer kleinen Pause : wie die Beleidigung war , und vor allem , wer der Beleidiger war . Wie so ? Es giebt Beleidigungen , mein ' ich , die es nur dadurch werden , daß wir ihnen diese Bedeutung unterlegen , und Beleidiger , die es niemals werden können - niemals werden sollten - ich meine , die uns so nahe stehen , mit denen wir durch die Natur so eng verbunden sind , daß es unnatürlich sein würde , wenn - Sie uns haßten , unterbrach Helene schnell Sophie . Wenn nun aber doch dieser Fall einmal einträte ; wenn nun aber doch sich haßte , was sich lieben sollte ; sich verfolgte , befeindete , bekämpfte , was sich unterstützen , gegenseitig helfen und tragen sollte - wie dann ? Helene war aufgestanden ; ihr Gesicht glühte ; ihre Augen funkelten ; ihre Hände ballten sich - das Bild eines Wesens , das des Kampfes froh ist und nur den Sieg oder Tod , aber nimmer Ergebung kennt . Ich weiß es nicht , erwiderte Sophie , sich zu einer Ruhe zwingend , die sie nicht besaß ; das weiß ich aber , daß ich für meine Person niemals in die Lage kommen könnte . Ich würde Bruder oder Schwester , und nun gar Vater oder Mutter , die mir das Leben gaben , niemals hassen , möchte geschehen , was da wollte . Sind sie doch - ich selbst . Wie kann man sich selber hassen ? Wissen Sie das wirklich so gewiß ? erwiderte Helene . Woher wissen Sie es ? Sie haben niemals weder Bruder noch Schwester gehabt , Ihre Mutter ist Ihnen so früh gestorben ; Ihr Vater hat Sie , wie Sie mir selbst sagten , von jeher mit grenzenloser Liebe überschüttet ; alle Welt hat Sie geliebt und geehrt - wie Sie es gewiß verdienen ; diese alte strenge Dame selbst sieht in Ihnen , dem jungen Mädchen , das noch vor wenig Jahren ihre Schülerin war , heute schon eine ebenbürtige Freundin - aber ich - ich habe andere - doch wir verplaudern die Zeit und noch dazu über recht sonderbare Dinge . Eilen wir , daß wir an Ihren Flügel kommen . Es war nicht das erste Mal , daß Helene einem Gespräch , das vertraulich zu werden drohte , plötzlich eine gleichgiltige Wendung gegeben hatte . Sophie mußte sich darein fügen , obgleich ihr dieser Mangel an Vertrauen weh that , um so mehr , als sie fühlte , wie einsam Helene dastand , wie ganz nur auf sich angewiesen , und welche Wohlthat es für sie gewesen sein würde , hätte sie ihr übervolles Herz in das theilnehmende Herz einer wahren Freundin ausschütten können . Sie fühlte sich deßhalb auch diesmal nicht durch Helenens stolze Schweigsamkeit beleidigt ; im Gegentheil ! sie war mehr als je entschlossen , sich in Helenens Vertrauen lieber hineinzustehlen und hineinzuschmeicheln , als Stolz mit Stolz , und Schweigsamkeit mit Schweigsamkeit zu erwidern . Die jungen Damen , nachdem sie bei Sophie angelangt waren , hatten fast ohne Unterbrechung musicirt , bis es in dem zu ebener Erde gelegen tiefen Zimmer zu dunkeln begann . Sie hörten auf , weil sie nicht mehr gut sehen konnten , und gingen nun Arm in Arm im Gemache auf und ab , während die Musik noch in ihren Seelen nachzitterte und selbst Helenens stolzes Herz milder und weicher fühlte . Es war vor allem ein neues , von einem jüngeren Meister componirtes Lied gewesen , das sie in schmerzlich süßer Weise an ihren todten Liebling erinnert hatte . Noch klangen ihr die traurig klagenden Worte mit der traurig klagenden Melodie im Ohr : Und soll ich sterben so frisch und jung , Ade dann , du goldener Sonnenschein , Und Mondenschimmer und Sternenlicht , Und ade , schwarzäugiges Mägdelein . Ich hab ' euch alle ja so geliebt , Und soll nun sterben so jung ! Sie dachte an die Nacht , als Baron Oldenburg sie mitten aus der Reihe Tanzenden heraus an Bruno ' s Sterbebett holte : sie sah bei ihrem Eintritt das Auge des Knaben dunkel aufflammen in dem todtenblassen Gesicht . Und soll nun sterben so jung ! murmelte sie , wie wenn sie mit sich selbst spräche . Es scheint dies Lied auf Sie einen eben so großen Eindruck zu machen , wie auf den Doctor Stein , sagte Sophie . Auf wen ? rief Helene , jäh aus ihrer Träumerei erwachend . Auf den Doctor Stein , wiederholte Sophie so ruhig , als hätte sie sich nie über das Verhältniß , das möglicherweise zwischen Oswald und Helene stattfand , Gedanken gemacht . Wann haben Sie ihn gesehen ? fragte Helene wieder in ihrer ruhig vornehmen Weise . Gestern Abend , hier , zum ersten Mal . Er war schon zwei Tage in der Stadt , ohne Franz gesprochen zu haben . Gestern traf Franz ihn zufällig auf der Straße und brachte ihn mit . Sonst hätten wir wohl noch länger auf seine Visite warten können . Weßhalb das ? Nun , er sah gerade nicht so aus , als ob ihm der Besuch besonderes Vergnügen mache . Indessen kann ich darüber weniger urtheilen , da ich ihn gestern zum ersten Male in meinem Leben sah . Mir schien es , offen gestanden , als ob ihm überhaupt nichts auf Erden Vergnügen machen könnte . Franz sagt , das sei durchaus nicht der Fall , fand aber selbst , daß Herr Stein sich in der kurzen Zeit , wo sie sich nicht gesehen , merkwürdig verändert habe . Wie war er denn , so lange Sie ihn kannten ? Sophie glaubte zu fühlen , daß Helenens Herz , als sie diese Frage möglichst unbefangen that , höher schlug . Doch war von dieser Erregung nichts in dem Ton zu merken , mit dem sie antwortete : Ich habe Herrn Stein selten oder nie anders als in Gesellschaft gesehen , und Sie wissen , da hat man wenig Gelegenheit , die Menschen zu sehen , wie sie wirklich sind . Er schien meistens ernst , fast traurig , sehr reservirt und verschlossen , besonders in den letzten Wochen . Doch mochten dazu auch die in meiner Familie herrschenden Verhältnisse nicht wenig beitragen . Wie war er denn gestern ? Es ist das schwer zu beschreiben für Jemand , der , wie ich , kein großer Psycholog ist , antwortete Sophie , entschlossen , auf jeden Fall , auch wenn sie Helene verletzen sollte , die Wahrheit zu sagen . Er schien mir lustig , ja ausgelassen , aber nicht heiter ; gesprächig , aber nicht mittheilsam ; witzig , aber nicht unterhaltend ; mit einem Wort , eine lebendige Vereinigung von lauter Gegensätzen , welche auf mich , die ich das leicht Verständliche , Klare , Einfache liebe , offen gestanden , einen peinlichen Eindruck gemacht hat . Besonders mißfiel es mir wie er über seinen Beruf und über seine hiesigen Verhältnisse sprach . Er schien Alles nur wie ein leeres Spiel zu betrachten . Er schilderte eine Gesellschaft , die er bei Director Clemens mitgemacht , und schüttete eine wahre Fluth von Hohn und Sarkasmus über die armen Menschen aus . Er beschrieb seine feierliche Einführung in die Schule , die gerade an demselben Morgen stattgefunden hatte , und stellte das Ganze wie eine Scene auf einem Puppentheater dar . Franz hatte mir gesagt , daß er etwas Faustisches in seinem Wesen habe ; mir ist er wie ein rechter Mephisto vorgekommen . Auch fand ich ihn nicht so schön , wie Franz ihn mir geschildert hatte . Er sah bleich und verfallen aus , als wäre er krank oder hätte mehrere Nächte nicht geschlafen . Die großen Augen hatten etwas Unheimliches , Gespenstisches . Ich mußte wahrlich an das : Es steht ihm an der Stirn geschrieben , daß er nicht mag eine Seele lieben , oder wie es heißt , denken . Da muß es sich allerdings sehr verändert haben , sagte Helene . Der Ton , in welchem das junge Mädchen diese Worte sprach , war so traurig . Es that Sophie leid , daß sie sich von der geheimen Antipathie , die sie gegen Oswald empfand , noch mehr vielleicht aber von dem Wunsch , Helene durch lebhaften Widerspruch zu reizen und sie so gleichsam für ihre Verschlossenheit zu bestrafen , hatte hinreißen lassen . Doch soll dies , sagte sie einlenkend , nicht etwa mein endgiltiges Urtheil über Oswald Stein sein ; es ist nur eben ein erster Eindruck . Wenn ich ihn öfter sehe , werde ich wohl anders über ihn denken . Ich glaube sogar , daß bei mir ein wenig Eifersucht mit unterläuft . Franz machte so gar viel aus ihm , und Sie wissen , wie Bräute sind in dieser Beziehung ein wenig engherzig . - Da fällt mir übrigens ein , daß er jeden Augenblick kommen kann , rief sie , sich selbst unterbrechend . Wer ? fragte Helene ; Oswald ? Ich hatte es wahrhaftig ganz vergessen . Ich , gedankenloses Mädchen ! Was ist es denn ? Stein und Franz hatten sich verabredet , heute zusammen eine Vorlesung bei Professor Benzeler zu besuchen . Und Franz ist gleich nach Tisch für meinen Vater auf ' s Land gefahren . Ich sollte es Stein absagen lassen ! Ob ' s wohl noch Zeit ist ? Es ist halb sechs , sagte Helene , an ' s Fenster tretend , und nach der Uhr sehend . Es ist beinahe dunkel geworden ; ich muß machen , daß ich nach Hause komme . In diesem Augenblick wurde an die Thür gepocht . Er ist es , riefen die beiden jungen Damen , zusammenschreckend wie ein paar Rehe , wenn im Walde ein Schuß fällt . Das Pochen wiederholte sich . Was sollen wir thun ? flüsterte Helene , die ihre ganze Selbstbeherrschung verloren zu haben schien . Offenbar Herein sagen ! was sonst ; erwiderte Sophie , unwillkürlich lachend . Herein ! In dem Halbdunkel , das in dem Gemach herrschte , mochte es dem Eintretenden nicht möglich sein , die darin Befindlichen zu erkennen . Er blieb wie zaudernd an der Thür stehen . Nur näher , Herr Doctor , sagte Sophie , Helenens Hand festhaltend . Ich bitte um Entschuldigung , daß ich Sie im Dunkeln empfange , aber es soll gleich hell werden . Oswald war bei diesen Worten herangetreten und hatte sich vor den Damen verbeugt . Offenbar hatte er Helene , die dem Fenster abgewandt stand , noch nicht erkannt . Ich habe um Entschuldigung zu bitten , sagte er ; denn ich habe die Damen ohne Zweifel gestört . Aber da ich Niemand auf dem Vorsaale fand - Er schwieg plötzlich ; das Blut schoß ihm zum Herzen . Ein Schauder überrieselte ihn . War die stumme Gestalt neben Fräulein Robran nicht Helene ? Dieser Kopf , dessen schöne Umrisse er so oft andächtig bewundert hatte , - sie mußte es sein . Er hörte kaum noch , daß Sophie sagte : Sie erkennen wohl Fräulein von Grenwitz gar nicht ? Ich will nur selbst gehen , uns Licht zu besorgen ; er hörte nur die Thür sich hinter Fräulein Robran schließen ; er wußte nur , daß er mit ihr allein war . Er kniete vor ihr nieder und ergriff ihre Hand , um sie mit heißen Küssen zu bedecken . Die Ueberraschung und die Dunkelheit begünstigten Oswalds Kühnheit . Helene zitterte so heftig , daß sie Alles geschehen lassen mußte und nur noch eben die Kraft hatte , zu sagen : Um Gottes willen , Oswald , - stehen Sie auf ! Ich bitte Sie , stehen Sie auf ! Es war die höchste Zeit ; denn schon kam Sophie zurück , gefolgt von dem Diener , der eine Lampe trug . Oswald gelang es , seiner Bewegung Herr zu werden ; Helene dagegen wandte sich unter dem Vorwande , daß sie der plötzliche Lichtschein blende , nach dem Fenster und blickte , während Sophie Franz ' Abwesenheit erklärte , auf die Straße . Dann will ich die Damen keinen Augenblick länger durch meine Gegenwart um den Genuß einer traulichen Unterhaltung bringen , sagte Oswald , sich zum Abschied verbeugend . Ei , Herr Doctor , erwiderte Sophie munter , sind Sie ein solcher Feind von traulichen Unterhaltungen , daß Sie durch Ihre Gegenwart dergleichen unmöglich machen ? Setzen Sie sich lieber , und strafen Sie meinen Franz nicht Lügen , der Sie den unterhaltendsten Gesellschafter nennt . Kommen Sie , Helene , nehmen Sie hier am Kamine Platz . Fräulein Bär wird sich die Augen nicht ausweinen , wenn Sie auch etwas länger ausbleiben . Oswald war im Begriff gewesen , den ihm angebotenen Platz anzunehmen ; als er indessen hörte , daß Helene möglicherweise nicht bleiben würde , begnügte er sich , Sophiens Aufforderung vorläufig mit einer stummen Verbeugung zu erwidern . Ich danke , liebe Sophie , sagte Helene , sich aus dem Fenster umwendend , aber ich muß in der That fort - ein ander Mal . Sie hatte scheinbar ihre gewöhnliche Ruhe wiedergewonnen ; nur ein scharfer Beobachter hätte vielleicht in dem etwas intensiveren Roth der schönen Wangen die letzte Spur einer vorangegangenen Erregung und in den gesenkten Augenlidern die Absicht bemerkt , dieselbe vor den Blicken der Anderen zu verbergen . Oswald , der nach einem Mittel ausspähte , Helene noch ein paar Augenblicke zu halten , sah den Flügel geöffnet und Notenblätter aufgeschlagen . O , bitte , bitte , mein gnädiges Fräulein , sagte er , wenn Sie noch eine Minute Zeit haben , singen Sie dies Lied ! Es verdient , von Ihnen gesungen zu werden . Wir sind es schon vorhin durchgegangen , sagte Sophie , es ist in der That schön , und Fräulein von Grenwitz singt es vortrefflich . Wollen Sie , liebe Helene ? Sie hatte schon , Helenens Einwilligung für selbstverständlich haltend , sich an den Flügel gesetzt und blickte jetzt , ein paar präludirende Accorde greifend , erwartend auf Helene . So sah sich diese genöthigt , ihren Hut , den sie schon in der Hand hatte , wieder hinzulegen und an den Flügel zu treten . Oswald stand in der Entfernung von wenigen Schritten an das Gesims des Kamins gelehnt , die Blicke unverwandt auf die beiden schlanken Mädchengestalten gerichtet , in diesem Augenblick zweifelnd , welche von den beiden Erscheinungen - nicht die schönere , denn das war unbestritten Helene - aber die interessantere war . Helene kam ihm beinahe fremd vor ; er mußte sich ordentlich erst in ihre Schönheit wieder hineinleben , und doch machte sie nicht mehr den überwältigenden Eindruck von ehemals . Er glaubte , es sei die ungewohnte Umgebung , die fesselnde Erscheinung Sophiens , die ihn in seiner Andacht störe - er wußte nicht , daß seit der Zeit , wo er Helene zuletzt gesehen hatte , der Spiegel seines Geistes trüber geworden und nicht mehr im Stande war , ein reines Bild auch rein zurückzuwerfen . - Vergebens suchte er einen Blick Helenens zu erhaschen . Wenn Sophie , in ihre vielgeliebte Musik vertieft , seine Anwesenheit wirklich vergessen hatte , so schien es zum mindesten mit Helene nicht anders zu sein . Sie hob die Augen nicht einmal von den Notenblättern auf . Oswald freute sich dessen . Er schloß daraus , daß seine stürmische Begrüßung von vorhin , wenn auch vergeben , so doch nicht vergessen war . Man war von einem Lied in ' s zweite und vom zweiten in ' s dritte und vierte gekommen . Plötzlich aber erklärte Helene , nun nach Hause gehen zu müssen . Oswald , der nicht anders glaubte , als daß eine Dienerin aus der Pension draußen warte , sann eben darüber nach , wie er seine Bitte , sie begleiten zu dürfen , am schicklichsten einkleiden könne , als ihn Sophiens Frage : aber werden Sie denn noch allein gehen können ? dieser Mühe erhob . Was war natürlicher , als daß er mit einer höflichen Verbeugung Fräulein von Grenwitz seine Begleitung anbot und Fräulein von Grenwitz mit einer kaum merklichen Neigung des stolzen Hauptes dieselbe annahm . Sophie nestelte eben der jungen Dame den Sammetmantel zu und band ihr noch ein weißes Tüchelchen um den Hals , auf daß Ihrer Stimme kein Schaden geschieht , liebe Helene ! Oswald stand mit dem Hut in der Hand daneben , als die Thür , ohne daß man ein Klopfen gehört hätte , sich öffnete und Herr Bemperlein rasch in ' s Zimmer trat . Oswald , der mit dem Rücken nach der Thür zu stand , wurde Bemperleins erst gewahr , als er sich auf Sophiens Gruß : Guten Tag , Bemperchen ! nach dem Kommenden umwandte . In demselben Moment erkannte auch Herr Bemperlein Oswald . Sie hatten sich seit jener Nacht , wo Bemperlein Melitta nach Fichtenau abzuholen kam und die Liebenden im Park überraschte , nicht wieder gesehen . Sie waren damals in herzlicher Freundschaft geschieden ; und heute , als sie sich nach Monaten wiedersahen , streckte Keiner dem Andern die Hand entgegen , lächelte Keiner dem Andern freundlich zu , begrüßte Keiner den Andern mit einem herzlichen Wort . Ihr ganzes Willkommen bestand aus einer förmlichen Verbeugung und einigen nichtssagenden Phrasen , so daß Sophie , welche bis jetzt geglaubt hatte , daß Bemperlein und Oswald auf dem besten Fuße ständen , nicht wenig verwundert war und nicht recht wußte , wie sie sich in diesem ganz unvorhergesehenen Fall benehmen sollte . Indessen dauerte diese peinliche Situation nicht lange ; denn Sophie hatte kaum Herrn Bemperlein Fräulein von Grenwitz vorgestellt , die , wenn sie sich wirklich des in früheren Jahren häufiger gesehenen Hauslehrers auf Berkow erinnerte , jedenfalls nicht für gut fand , dieser Erinnerung Worte zu leihen , als Helene und Oswald das Zimmer verließen . Sophie begleitete sie noch zur Thür hinaus , während Bemperlein , die Hände auf den Rücken , die Augen starr auf den Boden geheftet , an dem Kamin stehen blieb . Es war beinahe Nacht , als Helene und Oswald auf die schlecht erleuchtete Straße traten . Welchen Weg nehmen wir ? fragte Oswald . Ich denke , es giebt nur einen . Nicht doch ; wir können auch über den Wall gehen . Der Weg ist näher und es geht sich angenehmer dort , als auf dem schlechten Steinpflaster . Wie Sie wollen . Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten ? Es war das erste Mal , daß Oswald Gelegenheit hatte , Helenen zu führen . Er beeilte sich nicht , das Vergnügen , Arm in Arm mit dem geliebten Mädchen durch die Nacht zu wandern , abzukürzen . Der Weg , den er vorgeschlagen , war nicht nur der bei weitem längere , sondern auch der bei weitem dunklere . Er führte zwischen der Stadtmauer und dem Festungswalle hin - eine angenehme Promenade im Sommer und bei Tage ; aber jetzt an einem finstern Herbstabend wenig empfehlenswerth . Es ist doch dunkler , als ich gedacht , sagte Oswald , als sie aus dem dumpfigen Stadtmauerthor , wo die letzte Laterne brannte , auf den Wall gekommen waren ; sollen wir lieber wieder umkehren ? Meinethalben nicht ; ich gehe ganz gern so . Hüllen Sie sich wenigstens recht fest in Ihren Mantel ; der Wind weht scharf vom Meere herüber und die Luft ist feucht und kalt . Sie gingen einige Minuten schweigend . Das trockene Laub der Bäume , mit denen die Promenade besetzt war , raschelte unter ihren Füßen ; klagende Töne strichen durch die Luft . Wie mag es jetzt im Grenwitzer Park aussehen ? fragte Oswald . Das dachte ich eben auch , erwiderte Helene . Ich möchte , ich könnte in diesem Augenblicke dort sein . Was wollten Sie da ? Ich wollte in den wohlbekannten Gängen , zwischen den Taxushecken unten im Garten , unter den Buchen oben auf dem Wall umherschweifen und mich mit der Mondessichel , die durch die Wolken schwankt , und mit dem Nachtwind , der durch die Bäume und um das Schloß rauscht , unterhalten von seligen Stunden , die nicht mehr sind und nimmer wiederkehren können . So denken Sie gern an Grenwitz zurück ? Sollte ich es nicht ? Habe ich doch die glücklichsten Tage meines freudelosen Daseins dort verlebt ! Was kümmern mich jetzt die Bitternisse , die in diesen Kelch berauschender Süßigkeit gemischt waren ? Ich weiß von ihnen nichts mehr . Mir ist , als hätte ich damals zum ersten und zum letzten Male in meinem Leben wahrhaft gelebt , und als sei ich gestorben mit den Blumen auf den Beeten und mit dem Sonnenschein , der des Morgens durch die thaufrischen Zweige spielte und bunte Schatten auf den Weg streute . Wohl ihm , dessen Leben wirklich mit jenem köstlichen Sommer zu Ende war ! Wohl ihm ! flüsterte Helene . Ja , wohl ihm ! er hat eine Stunde lang in dem Anschauen dessen , was ihm das Schönste , das Herrlichste war , geschwelgt und ist dann dahingeschwunden , wie ein rosiger Morgenduft vor den Strahlen der vielgeliebten Sonne . Er hat sie nicht zu kosten gebraucht die schwüle Hitze und den erdrückenden Staub des Mittags . Er hat sich nicht vor dem scharfen Wind des Abends schaudernd zu verhüllen brauchen , er hat die schöne bunte Welt nicht in öde Nacht versinken sehen . - Verzeihen Sie mir , mein gnädiges Fräulein ; es ist heute Abend schon das zweite Mal , daß ich mich von der Erinnerung an meinen todten Liebling fortreißen lasse . Aber ich kann Ihnen nicht sagen , wie wunderbar Ihr Anblick und Ihre Nähe sein Andenken in mir wachrufen . Die vernarbten Wunden fangen wieder an zu bluten ; die trockenen Augen wieder an zu tropfen . Geht es mir denn anders ? sagte Helene , und ihre Stimme zitterte . So haben Sie ihn auch geliebt ? Aber nein , das wollte ich nicht fragen . Wie hätten Sie ihn nicht lieben sollen , der so schön , so tapfer , so gut war , so hinreißend liebenswürdig , und der Sie so liebte ! so unsäglich liebte ! O , Fräulein von Grenwitz , wissen Sie denn wohl , wie sehr er Sie geliebt hat ? wissen Sie , daß er Sie bis in den Tod , daß er Sie mehr als sein Leben geliebt hat ? Ich weiß es ! sagte Helene leise . Mehr als sein Leben , fuhr Oswald leidenschaftlich fort , über den Tod hinaus . Es war an dem letzten Tage , wenige Stunden vor seinem Tode , als er mir ein Medaillon mit einer Locke von Ihrem Haar , das er auf der Brust trug , zeigte und mich bat , es ihm in ' s Grab zu geben . Ich habe ihm seinen Wunsch nicht erfüllen können . Sie erinnern sich , daß ich am nächsten Morgen schon das Schloß verließ , ohne zu wissen , ob - ich jemals wieder den Fuß über die Schwelle würde setzen , ob ich den theuren Todten bis zum letzten Augenblicke würde bewachen dürfen . Der Gedanke war mir entsetzlich , daß jenes Kleinod in profane Hände kommen könnte , ich nahm es daher mit der Absicht , es Ihnen , die Sie den einzig rechtmäßigen Anspruch darauf haben , zurückzustellen . Ich habe es stets - ich habe es noch in meinem Gewahrsam . Wann , befehlen Sie , daß ich es Ihnen zusende ? Sie hatten das Festungsthor passirt und gingen in der Vorstadtstraße unter den hohen , sausenden Pappeln . Bei dem ungewissen Licht des Mondes , der eben aus den treibenden Wolken hervorlugte , suchte Oswald in Helenens Gesicht zu lesen . Es schien ihm bleich und heftig erregt . Ihr Arm lehnte sich fester auf seinen Arm , als sie nach einer Pause antwortete : Ist Ihnen das Medaillon sehr lieb ? Das können Sie fragen ? Nein , nein ! verkennen Sie mich nicht - ich bin nicht undankbar , bin gegen Liebe und Freundschaft nicht unempfindlich . Behalten Sie das Medaillon ! behalten Sie ' s zur Erinnerung an Ihren , an unsern Liebling . Nur zur Erinnerung an ihn ? Es ist Ihr Haar , Fräulein Helene ! - nur zur Erinnerung an ihn ? Und - an mich ! Oswald nahm die Hand , die auf seinem Arm ruhte und führte sie an die Lippen . Ich habe nichts gethan , wodurch ich so große Huld und Gnade verdient hätte ; aber freilich , wäre Gnade denn noch Gnade , wenn man sie verdienen könnte ? Sie wollen mich durch Ihre Bescheidenheit erdrücken . Sie wollen , daß ich Ihnen danken soll für alle Ihre Güte , wie ich Ihnen danken müßte und doch nicht danken kann . Sie sind immer sehr gut gegen mich gewesen ; Sie haben zu mir gestanden , als ich selbst von meinen nächsten Verwandten angefeindet wurde , und noch zuletzt - Habe ich nichts gethan , was ich nicht jeden Augenblick mit Gefahr meines Lebens wieder thun würde . - Doch hier sind wir an Fräulein Bärs Haus . Ist die Gitterthür verschlossen ? Nein . Sie gingen durch den kleinen Garten bis zur Hausthür . Oswald schellte . Werde ich Sie wiedersehen ? Ich komme öfter zu Robrans . Die Thür wurde von innen aufgeriegelt . Gute