gelten lassen . So Herr von Langen , welcher seinen Arm vertraulich unter den Oswalds schob , und in der Pause mit ihm im Saale freundlich plaudernd auf- und abschritt ; so der junge von Breesen , der hübscheste und gewandteste von der Schaar , welcher Oswald bat , ihm ein paar Lectionen im Pistolenschießen zu geben , und als seine Schwester durch Unachtsamkeit eine Verwirrung im Tanz angerichtet hatte , zu ihm kam , ihn im Namen der jungen Dame um Entschuldigung bat und ihn zu ihr führte , damit sie sich selbst entschuldigen könne ; so endlich selbstredend Baron Oldenburg , der die Tugenden Oswalds , als Tänzer und Schütze gegen mehr als Einen bis in den Himmel erhob , wobei es nur nicht ganz ersichtlich war , ob er dies aus aufrichtiger Ueberzeugung oder mehr in der Absicht that , seine jungen Standesgenossen gründlich zu ärgern . Dieser dankbaren Aufgabe konnte er sich mit um so größerem Behagen unterziehen , als er auf Herrn von Barnewitzens Frage , ob er spielen wolle , geantwortet hatte : ja , wenn Pharao gespielt wird ; und auf Lisbeths von Meyen Bemerkung , ob er denn nicht zu tanzen gedenke , geäußert hatte : Meine Gnädige , in diesem Augenblicke bedaure ich zum ersten Male in meinem Leben , daß mich mein Tanzlehrer nie dahin bringen konnte , die erste Position von der zweiten , und mein Musiklehrer eben so wenig , einen Walzer von einem Choral zu unterscheiden . So trieb er sich denn bald zwischen den Spieltischen umher , und weckte den leicht erreglichen Zorn des Grafen von Grieben dadurch , daß er in alle Karten der Reihe nach sah , und Jedem guten oder vielmehr möglichst schlechten Rath ertheilte ; bald war er im Tanzsaal und schaute mit den Augen eines gutgelaunten Katers , der weiße und schwarze Mäuschen auf der Scheundiele munter spielen sieht , auf die tanzenden Paare . In dieser angenehmen Beschäftigung störte ihn Herr von Barnewitz , der eilfertig zur Thür des Tanzsaales hereinkam . Oldenburg , da Du ja doch hier nichts zu thun hast - Nein , guter Freund , ich habe in der That hier nichts zu thun . So komm mit hinauf in den Speisesaal und hilf mir beim Arrangiren der Plätze . Willst Du ? Das Vertrauen , welches Du zu meinem organisatorischen Talente hast , ehrt mich hoch , mon ami , sagte Oldenburg und folgte dem Voraneilenden über den Flur , die breite , mit Teppichen belegte Treppe hinauf in den glänzend erleuchteten Speisesaal , wo die Bedienten eben mit der Herrichtung der Tafel fertig geworden waren . Hier , Oldenburg , sind die Zettel , alle schon ausgeschrieben ; nun sage mir , sollen wir - Werthgeschätzter , sagte der Baron zu einem Bedienten , könnten Sie mir wohl , behufs der Entkorkung dieser Flasche , das passende Instrument besorgen ? - So , danke - Festina lente , Barnewitz , auf deutsch : Du sollst dem Ochsen , der da drischt , das Maul nicht verbinden . Auf Dein Wohl , mein Junge ! dieser Knabe Cliquot gehört zu den tugendhafteren seines weit verbreiteten Geschlechts . Wirklich genießbar ! und dabei schlürfte er ein Glas nach dem andern . So , jetzt stehe ich vorläufig zu Deinen Diensten . - Stellen Sie die Flasche dort auf den kleinen Tisch , lieber Tressenrock ! es sind noch ein paar Gläser drin . - Gräfin von Grieben - Baron Oldenburg , Baronin von Nadelitz , - bist Du des Teufels , Barnewitz ? ich soll zwischen den alten Schachteln zwei Stunden lang eingeklemmt sitzen ? lieber will ich mit aufwarten helfen ! Nein ! wir wollen die Sache so machen . Die ganze alte Litanei setzen wir an das eine Ende des Tisches und das junge Deutschland an das andere . Geh ' Du mit Deiner Heerde von Widdern und Mutterschafen nach Osten , und ich will mit den Böcklein und Zicklein nach Westen gehen . Das wird wohl auch das Beste sein , sagte Barnewitz , hier sind Deine Zettel . Die Bedienten hatten den Saal verlassen ; die beiden Herren fingen , jeder auf seinem Ende , an , die Zettel zu vertheilen . Fräulein Klauß , sagte Oldenburg , einen Zettel in die Höhe haltend ; wer , bei allen Olympiern , ist Fräulein Klauß ? Unsere Erzieherin . Hast Du sie nicht bemerkt , das hübsche kleine Ding mit den hochverrätherischen Augen ? sagte Barnewitz , eifrig sortirend . Wir konnten sie nicht in ihrer Kinderstube lassen . - Herr des Himmels , da sitzen ja schon wieder Mann und Frau zusammen ! - weil sonst eine Tänzerin zu wenig gewesen wäre . Du kannst sie mit dem Doctor Stein zusammen setzen . Gleich und gleich gesellt sich gern . Schön , sagte Oldenburg . Wer soll denn die Berkow führen ? Zum Kukuk , laß mich in Ruhe ! Du , meinetwegen ! Bon , sagte Oldenburg und trank ein Glas Champagner . Nach einer kurzen Pause eifrigen Arrangirens : Wer soll die Ehre haben , bei Deiner Frau zu sitzen ? Heiliges Kreuz - ja freilich , das ist wichtig . Weißt Du was , Oldenburg , nimm den Unbedeutendsten ; dagegen kann Niemand etwas einwenden . Will ' s schon machen , sagte Oldenburg und suchte unter den Zetteln , bis er den rechten gefunden hatte . Dir will ich Deine unverbürgten Schiffernachrichten eintränken , murmelte er zwischen den Zähnen . Bist Du fertig , Oldenburg ? Gleich ! - So . Nun , weißt Du was , Baron , geh ' Du in den Tanzsaal und sage jedem Herrn , welche Dame er führen soll ; ich will dasselbe bei den Spielern thun . Ainsi soit-il , sagte Oldenburg , dem Davoneilenden folgend . Als er in den Baalsaal trat , fing man so eben einen Contretanz zu arrangiren an . Unmittelbar nach diesem Tanze sollte gespeist werden . Die Gelegenheit ist günstig , murmelte er und ging , einem schwarzgefiederten , langbeinigen Vogel zu vergleichen , der sich auf der Wiese Frösche sucht , mit wunderbarer Gravität hinter der Linie der Tanzenden hin , den schicklichen Moment benutzend , jedem der Herren den Namen der Dame , die er ihm zugetheilt hatte , in ' s Ohr zu flüstern . Oswald tanzte mit Frau von Barnewitz , die in aller Eile für Fräulein Klauß eingetreten war , welche noch schnell eine Commission in die Küchenregion auszurichten hatte , vis-à-vis Melitta und Herrn von Cloten . Oldenburg hatte schon sämmtlichen Herren ihr Schicksal verkündet , das Allen mehr oder weniger günstig zu sein schien , denn Jeder nickte mit zufriedener Miene . Ganz zu allerletzt trat er zu Cloten und raunte ihm zu : Cloten , ich habe Ihnen die Barnewitz gegeben . Dann zu Oswald : Herr Doctor , Sie werden Frau von Berkow führen . Darauf entfernte er sich eiligst . Hortense , flüsterte der überglückliche Cloten dieser Dame zu : Weißt Du , wer Dich führen wird ? Doch nicht Du , Arthur ? rief diese erschreckend . Ja , mein Engel . Unmöglich , Arthur . Du gehst gleich nachher zu Oldenburg und sagst , daß Du mich nicht haben willst . Aber - St ! nicht so laut - Du bist ein Narr , ich sage Dir , daß Barnewitz unser Verhältniß mehr als ahnt , dies fehlte noch gerade . Changez les dames ! Melitta , ich werde Dich zu Tisch führen . Unmöglich , Oswald . Du mußt das zu redressiren suchen . Weshalb ? flüsterte Oswald und seine Augenbrauen zogen sich zusammen . Sieh nicht so finster aus , liebes Herz ! ich will Dir Alles erklären . Fräulein Klauß erschien in dem Nebenzimmer . Sobald Oldenburg sie bemerkte , trat er auf sie zu und seine hohe Gestalt ehrfurchtsvoll neigend , sagte er in einem Ton , dessen Milde sonderbar mit der sonstigen Herbheit seiner Rede contrastirte : Mein Fräulein , ich werde das Vergnügen haben , Sie zu Tisch zu führen . Die arme Kleine stand wie vom Blitz getroffen . Baron Oldenburg , der stolze , unheimliche Baron , sie zu Tische führen ! Mit einem wunderbar fragenden Gesicht blickte sie zu ihm auf . Ich habe die Plätze selbst arrangirt , mein Fräulein ; wenn Sie einen besonderen Wunsch haben , sprechen Sie ihn frank und frei aus ; ich würde mich glücklich schätzen , Ihnen gefällig sein zu können . Gott bewahre , Herr Baron - Eh bien , so sind wir einig . Wollen Sie mir Ihren Arm geben ; ich sehe , die Paare arrangiren sich . In diesem Augenblicke kam Cloten athemlos herbei . Auf ein Wort , Oldenburg . - Sie verzeihen , Fräulein ; - Oldenburg , Sie müssen mir eine andere Dame verschaffen ; ich kann unmöglich Hortense führen . Pourquoi pas , mon cher ? Weil - zum Henker , weil - Je suis au désespoir , mon brave ; aber Barnewitz hat Sie selbst vorgeschlagen . Ist das gewiß ? Verlassen Sie sich darauf . Mit vor Freude strahlendem Gesicht , eilte der Andere zu seiner Dame zurück . Oswald , sagte Melitta , ich hab ' mir ' s überlegt . Es ist doch besser so - aber mit der Aussicht auf den Cotillon ist es vorbei . Nun komm , gieb mir Deinen Arm und sei wieder gut . Die älteren Herrschaften waren zuerst in den Speisesaal getreten , und hatten sich bereits hinter ihren Stühlen gereiht ; die Gesellschaft aus dem Tanzsaal kam hinterdrein . Herr von Barnewitz kam für einen Augenblick von jener Seite herüber , zu sehen , ob Alles in Ordnung sei . Seine Stirn verfinsterte sich , als er seine Frau an Clotens Arm , Melitta neben Oswald stehend bemerkte , und endlich Oldenburg selbst , seine kleine Dame wie eine Prinzeß von Geblüt führend , in den Saal trat . Oldenburg , zum Teufel , was hast Du denn da angerichtet , flüsterte Barnewitz heftig . Ich will nicht , daß Cloten meine Frau führt , sie reden so schon genug über die Beiden . Ja , lieber Freund , Du sagtest , ich sollte den Unbedeutendsten wählen ; da war ja gar kein Zweifel möglich . Und Melitta mit dem Doctor , Du mit der Klauß - das ist geradezu lächerlich . Ja , Barnewitz , das ist nun einmal geschehen ; und nun würdest Du mir einen ausnehmenden Gefallen erweisen , wenn Du nicht desavouirtest , was ich in Deinem Auftrage gethan habe , und Dich ruhig an Deinen Platz verfügtest ; die Gräfin Grieben sucht Dich überall mit ihren großen Eulenaugen . Ich wasche meine Hände in Unschuld , grollte Barnewitz , davoneilend . Und ich will eine Flasche Champagner auf meinen gelungenen Staatsstreich trinken , murmelte Oldenburg , an der Seite der kleinen Erzieherin , gegenüber Oswald und Melitta , in unmittelbarer Nähe von Cloten und Hortense , Platz nehmend . Meine Damen und Herren , sagte er ; ich hoffe , daß Sie mit mir in ein stilles begeistertes Hoch auf das Wohl des Mannes einstimmen werden , der Jedem von uns seinen Platz anwies , und der , während er nur das Gemeinwohl vor Augen zu haben schien , doch die geheimen Wünsche jedes Einzelnen zu erfüllen wußte . Ich gebe Ihnen zu bedenken , meine Damen und Herren , daß ein Mangel an Enthusiasmus in diesem feierlichen Augenblick nicht nur die Gefühle jenes Mannes schmerzlich berühren , sondern auch die Empfindungen eines Ihrer Nächsten auf ' s Tiefste verletzen würde , Ihres Nächsten , den mindestens wie sich selbst zu lieben , Sie schon die Religion der Liebe verpflichtet , zu der wir uns ja Alle ohne Ausnahme bekennen . Meine Damen und Herren , trinken Sie mit mir auf das Wohl Ihres und meines besten Freundes , auf das Wohl Adalberts von Oldenburg . Man kann sich denken , daß , so weit als des Barons mäßig erhobene Stimme schallte , Wenige Lust hatten und Niemand es wagte , sich von diesem ironischen Toast auszuschließen . Die krystallenen Gläser klangen aneinander , und bald flackerte eine lebhafte Unterhaltung um den ganzen Tisch herum auf , wie das Feuer in einem Haufen Stroh , der an allen Ecken und Enden zugleich angezündet ist ; jene schwirrende , summende , kichernde , lachende , lärmende , flüsternde Unterhaltung , wo der geistreichste Einfall und die albernste Bemerkung zuletzt als gleich werthvolle oder werthlose Münze coursiren . Achte auf Deine Augen , Oswald , sagte Melitta , in jener rapiden Weise , wo die Rede sich kaum vom Hauch unterscheidet und doch jede Sylbe deutlich gehört wird . - Deine holden Liebesbriefe werden von profanen Augen unterwegs aufgefangen , erbrochen und gelesen . Von Cloten hatte Hortense vergeblich zu überreden gesucht , es sei ihres Gemahls eigener Wunsch gewesen , daß er sie zu Tische führe . Sei doch nicht so einfältig , Arthur , sagte die junge Frau . Es ist eine Intrigue von Oldenburg , verlaß Dich darauf . Hast Du je mit Oldenburg über mich gesprochen ? Nein , Hortense - parole d ' honneur . Ich bin überzeugt , Du hast es gethan ; Du wirst mich noch unglücklich machen mit Deiner albernen Schwatzhaftigkeit . Aber , Hortense - Still , Oldenburg beobachtet uns fortwährend . Cloten ! rief der Baron . Was ? Baron ! Wollen Sie in diesem Herbst mit mir nach Italien reisen ? Sie wissen , in der bewußten Angelegenheit . Ginge rasend gerne mit , Baron ; aber Sie wissen , tausend Gründe dagegen ; erstens Jagd , zweitens Pferderennen , drittens hasse Reise , viertens verstehe kein Wort italienisch . Nun , das ist das Wenigste . Was man nothwendig wissen muß , beschränkt sich auf Si Signora , Anima mia dolce , das Andere läßt man sich von den Fischern sagen . Von Cloten erröthete bis in die Stirn hinauf , denn , wie Oldenburg diese Worte lachend sprach , fühlte er Hortensens Fuß auf dem seinen und hörte ihre von inneren Thränen fast erstickte Stimme : Siehst Du , Arthur ; habe ich es nicht gesagt ? Auch Melitta , die , seitdem sie den Baron sich gerade gegenüber sah , sehr still geworden war , schien über diese Bemerkung sichtlich betroffen . Sie senkte plötzlich die langen Wimpern , wie wenn sie verbergen wollte , was jetzt in ihrer Seele vorging . Ich rufe Sie zum Zeugen auf , gnädige Frau , rief Oldenburg . Hat Ihnen Ihr Italienisch viel genützt ? Im Gegentheil , sagte Melitta und ihre dunklen Augen flammten auf ; ich habe so nur manches falsche , lügnerische Wort mit anhören müssen , das mir sonst unverständlich geblieben wäre . Ja , ja , die Italiener lügen viel , lachte der Baron . Sagen wir lieber , es wird in Italien viel gelogen , replicirte Melitta . Zum zweiten Male abgefallen , murmelte der Baron . Das Weib ist noch immer schön , wie ein Engel und klug , wie die Schlange . Ja , sie ist schöner , als früher . Ihre Augen sind noch größer und leuchtender , ihre Schultern noch runder ; ihre Stimme ist noch weicher und wohllautender - und das Alles in majorem Dei Gloriam , das heißt , dem hübschen Fant an ihrer Seite zu Liebe ! Hm ! - Herr Doctor , wollen Sie mir die Ehre erweisen , ein Glas Champagner mit mir zu trinken ? Ich dächte , es läge eine Wolke auf Ihrer Stirn . Verscheuchen Sie dieselbe . Sie wissen : dulce est decipere in loco . Was für eine verzweifelte Sprache ist denn das nun wieder . Baron ? rief von Cloten . Platt-bramaputraisch , mon cher . Auf Ihr Wohl , Cloten . Je mehr sich die Mahlzeit ihrem Ende nahte , und je schneller sich die von den Bedienten stets wieder gefüllten Champagnergläser leerten , desto lärmender und wüster wurde die Unterhaltung , so daß selbst die Stimme des Grafen Grieben , die man bisher wie das Kreischen eines großen Papagei ' s in einer Menagerie immer durchgehört hatte , übertönt wurde . Der dünne Firniß äußerlicher Cultur , aus welchem die ganze sogenannte Bildung dieser bevorrechtigten Klasse bestand , begann von den Strömen Weines , die unaufhörlich flossen , in einer erschreckenden Weise heruntergespült zu werden , und die nackte , trostlos dürftige Natur kam überall zum Vorschein . Die jungen Herren erzählten den jungen Damen ihre Abenteuer auf der Jagd , bei den Pferderennen , ihre Heldenthaten während ihrer militairischen Dienstzeit , oder gefielen sich in Unterhaltungen , die scherzhaft und galant sein sollten , und die für jedes feinere weibliche Gefühl einfach plump und zweideutig waren . Indessen schienen die jungen Damen leider an diese Sorte Unterhaltung viel zu sehr gewöhnt zu sein , als daß dieselbe irgend einen unangenehmen Eindruck auf sie hätte hervorbringen können . Im Gegentheil , sie ließen sich ein Glas Champagner nach dem andern aufnöthigen , sie wollten sich todtlachen über die reizenden Einfälle der jungen Herren , besonders des jungen Grafen Grieben , eines sehr langen , sehr dünnen und sehr blonden Jünglings , dessen Erscheinung flüchtig an eine Giraffe erinnerte , und der , wenn er , wie diesmal , nicht in unmittelbarer Nähe Oldenburg ' s sich befand , gern den starken Geist spielte und eine gewisse Autorität über seine Kameraden ausübte . Oldenburg selbst schien entweder ein feuriger Verehrer des Gottes Bacchus zu sein , oder ein ganz besonderes Vergnügen darin zu finden , den bacchantischen Taumel um sich her geflissentlich zu vermehren ; denn er trank und sprach unaufhörlich und forderte die Andern unausgesetzt zum Trinken auf . Besonders hatte er dabei von Cloten im Auge , der im Anfang der Mahlzeit durch Hortense ' s Vorwürfe aufgeschreckt , sehr still und verlegen gewesen war , kaum aber eine Flasche getrunken hatte , als er die schönen Vorsichtsmaßregeln , die ihm seine Geliebte in aller Eile für diesen kritischen Fall gegeben , vergaß , und ihre abwehrenden Blicke mit desto feurigeren , und ihr geflüstertes : Aber Arthur , nimm Dich doch zusammen ; mit einem fast hörbaren : Aber , Kind , was willst Du nur ? es achtet kein Mensch auf uns , beantwortete . Ja , der junge Edelmann trieb die Unvorsichtigkeit so weit , bei einer Gelegenheit , unter dem Vorwande ein Tuch aufzuheben , Hortense ' s herabhängende Hand zu küssen , ein andermal ihr Glas mit dem seinen zu vertauschen ; mit einem Worte , er benahm sich so , daß , wer das Verhältniß der Beiden noch nicht kannte , es heute Abend kennen lernen , und wer es ahnte , in seinem Verdacht bestätigt werden mußte . Ich werde sogleich nach Tische fahren , Oswald , sagte Melitta zu diesem , der in der letzten Viertelstunde sich fast nur mit Emilie von Breesen , seiner Nachbarin auf der andern Seite , unterhalten hatte . Ich wollte , Du wärst gar nicht gekommen , oder hättest mich zu Hause gelassen , sagte der junge Mann bitter . Schilt mich nur noch , sagte Melitta , und schmerzlich zuckte es um den reizenden Mund . Ach , Oswald , ich wollte , ich könnte Dich mitnehmen - für jetzt und für immer . Hoffentlich erlaubt es Baron Oldenburg , antwortete Oswald , der bemerkte , wie die grauen Augen des Barons , während er sich lebhaft mit dem kleinen Fräulein Klauß unterhielt , unausgesetzt Melitta und ihn selbst beobachteten . Melitta antwortete nicht , aber die Thräne , die plötzlich an ihren dunkeln Wimpern erglänzte und die sie mit einer schnellen Bewegung ihres feinen Taschentuchs sogleich trocknete , war Antwort genug . Verzeih ' mir , Melitta , murmelte Oswald , aber ich bin sehr unglücklich . Ich bin es nicht minder , vielleicht noch mehr - und darum gerade möchte ich , daß Du ganz glücklich wärest , wünschte ich , ich könnte Dich ganz glücklich machen . Du kannst es durch ein Wort ! Was ist es , Oswald ? Sage , daß Du mich liebst . Oswald ; so fragt die Liebe nicht , so fragt die Eifersucht . Giebt es eine Liebe ohne Eifersucht ? Ja , die echte Liebe , die nichts fürchtet und Alles glaubt . So wäre meine Liebe nicht die echte ? Freilich , wie können wir , die wir nicht von Adel sind , auch Anspruch auf irgend etwas Echtes machen ! Unsere Mütter und Schwestern tragen böhmisches Glas statt Diamanten , wir selbst haben keine echte Ehre , keine echte Liebe - das ist sonnenklar . Wenn Oswald , indem er diese wahnsinnigen Worte sprach , in Melitta ' s Herz hätte sehen können , ja , wenn er nur einen Blick in ihr Gesicht geworfen hätte , er würde vor Scham haben vergehen müssen . Melitta antwortete nicht ; sie weinte auch nicht , sie blickte nur starr vor sich hin , als könne sie das Ungeheure nicht begreifen , daß die Hand , die zu küssen sie sich niederbeugte , sie in ' s Antlitz geschlagen , daß der Fuß , den mit Narden zu salben , sie niedergekniet war , sie grausam zurückgestoßen habe ... Wie hatte sie sich gefreut auf diesen Abend , wie schön hatte sie es sich gedacht , mitten im Lärm der Gesellschaft allein zu sein mit dem Geliebten , seinen Worten zu lauschen , seine Hand verstohlen zu drücken , und während hübsche Frauen und reizende Mädchen mit ihm coquettirten , in seinen Augen zu lesen : Ich liebe doch nur Dich , Melitta ! Und über diesen Abend hinaus hatte eine rosige Zukunft vor ihren Blicken sich aufgethan - ein Land der Hoffnung - nicht in deutlichen Umrissen , aber voll Ruhe und Liebe und Sonnenschein ... Aber da hatte sich ihre Vergangenheit herangewälzt , wie ein grauer , giftiger Nebel , und hatte das sonnige Land der Zukunft immer dichter und dichter verschleiert ... Und jetzt erschien ihr durch den giftigen Nebel das Antlitz des Geliebten wie von Haß verzerrt , und seine Stimme drang seltsam fremd zu ihrem Ohr . War das sein Antlitz ? war das seine Stimme , die jetzt die Worte sprach : Gnädige Frau , man hebt die Tafel auf , darf ich um Ihren Arm bitten ? Während sie in den Reihen der Uebrigen die Treppe hinunterschritten , sagte Melitta kein Wort : auch Oswald nicht . Als sie unten im Saale angekommen waren , verbeugte er sich tief vor ihr , und als er den Kopf hob , schaute er auf einen Augenblick in ihr Antlitz . Er sah , wie schmerzlich es um ihre Lippen zuckte ; er sah , welch ' rührende Klage aus ihren großen dunklen Augen sprach - aber sein Herz war verschlossen , und er wandte sich zu einer Gruppe junger Mädchen und Herren , die das abgebrochene übermüthige Tischgespräch noch eine Weile fortsetzen zu wollen schien . Melitta sah ihm noch für einen Moment nach , sah , wie die hübsche Emilie von Breesen sich lebhaft zu ihm wandte , wie er ihr mit einem Scherze entgegentrat , sie lachend etwas erwiederte und ihn mit ihrem Fächer auf den Arm schlug . Weiter sah sie nichts mehr ; als sie sich wiederfand , saß sie in der Ecke ihres Wagens . Auf die Bäume und Hecken an der Wegseite , die an dem Fenster vorübertanzten , fiel das helle Licht der Laternen , aber Melitta sah Alles nur wie durch einen Nebelflor , denn ihr Herz und ihre Augen waren voll Thränen . Fünfundzwanzigstes Capitel Mit Melitta schien der gute Genius aus der Gesellschaft gewichen und allen Dämonen freies Spiel gegeben . Immer lauter kreischten die Geigen , immer feuriger wurden die Blicke der Herren , immer frivoler ihre Rede , immer üppiger und leidenschaftlicher die Bewegungen der Tänzerinnen . Und noch immer floß der Champagner in Strömen . Frische Lichter waren während des Abendessens überall auf den Kronleuchtern der Säle und rings in den Zimmern aufgesteckt - es schien , als ob die Lust kein Ende nehmen solle , nehmen könne . Auch die älteren Herrschaften hatten sich wieder an die Spieltische begeben ; aus einem kleinen Nebenzimmer , in welches fünf oder sechs Herren sich zurückgezogen hatten , hörte man das Klingen von Goldstücken und ein gelegentliches : Faites votre jeu , messieurs ! Oswald hatte sich vor dem Beginn des zweiten Tanzes nach Herrn und Frau von Grenwitz umgesehen , denn er hatte nicht bemerkt und erfuhr erst jetzt , daß diese die Gesellschaft schon vor dem Abendessen verlassen hatten , und daß der Wagen wiederkommen würde , ihn abzuholen . Er hatte Melitta , da sie nicht in dem Ballsaal erschienen war , in einem der andern Zimmer vermuthet . Ein Diener , der mit einem Präsentirbrette voll Weingläser an ihm vorübereilte , antwortete auf seine Frage , ob er Frau von Berkow nicht gesehen habe ? die gnädige Frau ist soeben fortgefahren . Befehlen Limonade oder Champagner ? Oswald nahm ein Glas Wein und leerte es auf einen Zug . Fortgefahren - ohne Abschied ! Vortrefflich , murmelte er , indem er sich in den Ballsaal zurückbegab . Und immer nächtiger wurde es in seiner Seele . Jetzt zürnte er nicht mit sich , daß er die Geliebte so schnöde gekränkt und sie so gekränkt hatte ziehen lassen , sondern ihr , daß sie fortgegangen war , ohne ihm Gelegenheit zu geben , sie um Verzeihung zu bitten . Ihm war zu Muthe , wie einer Seele zu Muthe sein könnte , die in ihren Sünden zur Hölle gefahren ist , weil sie des Priesters Absolution verschmähte , und die nun gegen sich selbst und gegen den unschuldigen Priester wüthet . Tolle Gedanken wirbelten durch sein überreiztes Gehirn - es wäre ihm eine Wollust gewesen , wenn einer von diesen jungen Adeligen , durch seinen Uebermuth beleidigt , ihm feindlich entgegengetreten wäre . Ja , er legte es darauf an , er witzelte und spöttelte auf die übermüthigste Weise ; aber entweder verstanden die Halbberauschten ihn nicht oder sie hatten noch so viel Verstand behalten , einzusehen , daß ein Duell mit einem Manne , dessen Kugel unfehlbar war , eine Sache sei , die wohl bedacht sein wolle . Er suchte sich zu überreden , daß von den anwesenden Damen mehr als eine vollkommen so schön und liebenswürdig sei wie Melitta - daß es lächerlich sei , sich um die Abwesende zu grämen , da ihn hier mehr wie ein feuriges Auge zu entschädigen versprach ... Warum sollte er sich nicht in Emilie von Breesen verlieben ? Warum nicht ? Sie war eine Knospe , die zu einer wundervollen Rose aufblühen mußte . Warum sollte er nicht den ersten Blick in dieses schwellende Knospenleben thun ? sich nicht zuerst an dem Duft dieser frischen Blume berauschen ? Und war sie nicht schlank und geschmeidig wie ein Reh ? und war ihr rosiger Mund nicht schon zu einem wollüstigen Kusse halb geöffnet ? und blickte sie nicht mit so großen , grauen , halb scheuen , halb kecken , halb neugierigen und halb verständnißklaren Augen zu ihm auf , wie er jetzt über die Lehne ihres Stuhles gebeugt mit ihr schwatzte ? Sie müssen uns ja besuchen , Herr Stein ! Ich lade Lisbeth noch dazu , und dann reiten wir zusammen spazieren . Lassen Sie Fräulein von Meyen nur zu Hause . Ich ziehe die Duetts den Terzetts bei weitem vor . Ist das wahr ? Aber meine Cousine ist ein sehr hübsches Mädchen . Finden Sie nicht ? Fräulein Lisbeth ist ein reizendes Wesen , das nur den einen Fehler hat , Sie zur Cousine zu haben , und nur den einen Fehler begeht , sich zu häufig neben Sie zu stellen . Warten Sie , das sage ich ihr wieder - Sie würden mich dadurch dem Haß der jungen Dame aussetzen und mir dafür eine Entschädigung schuldig sein . Und liegt diese Entschädigung in meiner Macht ? Nein , in Ihren Augen . Sie Spötter , kommen Sie , die Reihe ist an uns . Oswald hatte sich in der folgenden Pause zwecklos in den Zimmern umhergetrieben . Als er in den Ballsaal zurückkam , sah er sich vergeblich nach Emilie von Breesen um . Halb und halb sie suchend und auch wieder ohne Plan , von seinen bösen Gedanken gejagt , weiter irrend , gerreth er in eine andere Flucht von Zimmern , die an der den Spielzimmern entgegengesetzten Seite an den Ballsaal stieß und in welchen er bis jetzt noch nicht gewesen war . Nur hie und da brannte noch ein halb verlöschendes Licht auf einem Wandleuchter oder vor einem Spiegel und zeigte ihm wie in einem bösen Traum ein altes gebräuntes Familienportrait oder sein eigenes bleiches Gesicht . Die Stühle standen wirr durcheinander . Die Fenster waren mit Vorhängen verhüllt . Durch die Spalten schimmerte der Mond , der jetzt aufgegangen war , herein und zeichnete hier und da einen hellen Streifen auf die Teppiche des Fußbodens . Oswald trat , um frische Luft zu schöpfen , an eins dieser Fenster . Als er den dunkelrothen , schweren Vorhang zurückschlug , fuhr eine weiße Gestalt , die in der tiefen Nische des Fenster auf einem niedrigen Rohrsessel gesessen und den Kopf in die Hand gestützt hatte , scheu empor und stieß einen leisen Schrei der Ueberraschung aus . Oswald wollte den Vorhang wieder fallen lassen und sich zurückziehen , als die Gestalt einen Schritt auf ihn zutrat und die Hand lebhaft nach ihm ausstreckte . Und ein Paar weiche Arme umschlangen ihn und ein knospender Busen wogte stürmisch an seiner Brust ; zwei glühende Lippen preßten sich auf seinen Mund