der Geschichte der Völker brachte er den Mangel an jener Richtung gar nicht in Anschlag . Er dachte : nur niedergerissen ! nur tabula rasa gemacht ! dann findet sich der Aufbau von selbst ! Aber nur die religiöse Denk- und Willensrichtung hat Trieb- und Bildkraft , denn nur sie hat einen Lebensgrund in der Liebe zu Gott und zum Nächsten , die verbindend wirkt und aus der sie schöpft . Diese übernatürliche Liebe ist in der Menschheit , was im einzelnen Menschen seine Seele : sie hält den ganzen Organismus zusammen . Ohne sie - tritt der Tod ein , die Auflösung , und Totengebein wird zu Staub , wenn nicht , wie in jener Vision des Propheten Ezechiel , der Geist Gottes es neu belebt . Florentin wähnte mit sozialistischen Ideen das Nämliche leisten zu können . - Auf Windeck war freilich mit der Rückkehr der Familie auch etwas von der schwülen Stimmung und Spannung der Zeit eingekehrt ; aber sie hatte auch ihr Gegengewicht . Der Graf hegte große Besorgnis vor der Gefährdung des Besitzes , der infolge der Gefährdung des historischen Rechtes allerdings sehr bedroht war , und mit unaussprechlicher Geringschätzung betrachtete er die Leute , die plötzlich durch die Wogen der Revolution von unten nach oben gebracht , in ihrer Weise zu herrschen und ihre Ordnung einzuführen suchten . Die Baronin Isabelle stand Todesangst aus vor den Forderungen des Landvolkes und den Zusammenrottungen allerhand Gesindels . Sie hätte sich selbst und ganz Windeck unsichtbar machen mögen , um nur ja keine scheelen Blicke auf dies Aristokratennest zu lenken . So wie der Graf aus Frankfurt zurückkam , ließ er , wie immer , wenn er anwesend war , über dem Schloß seine Fahne aufziehen . Nicht genug , daß dies stolze Banner äußerst aristokratisch da wehte und den Schloßherrn verkündete , so waren die Windecker Wappenfarben auch noch zum Unglück die Farben Oesterreichs : schwarz und gelb . Wenn es ein mildes Weiß und Blau , oder ein freundliches Rot und Weiß gewesen wäre , das hätte doch nicht so finster , so drohend , so unheilverkündend ausgesehen ! Mit Tränen flehte sie ihren Schwager an , diese entsetzliche Trauerfahne mit österreichischen Färbungen bei den gegenwärtigen Verhältnissen einzuziehen ; sie walle ganz zwecklos über den Zinnen , denn willkommene Gäste dürfe man in den betrübten Zeitläuften doch nicht erwarten , und der Heimsuchung durch unwillkommene wünsche man ja sehnlichst zu entgehen . Aber stolz wies der Graf dies Gesuch ab mit dem Bescheid , sein alter Brauch habe nichts zu lernen von revolutionärer Insolenz . Uriel und Orest waren beide in österreichische Kriegsdienste gegangen . Die ganze Jugend war kampfesdurstig und bereit , an der allgemeinen Aufregung tätigen Anteil zu nehmen : die einen im revolutionären Sinn , die anderen im konservativen . Obgleich Oesterreich für den Augenblick vielleicht mehr gefährdet war , als irgend ein anderer Staat , da innere und äußere Feinde zugleich ihn anfielen : so stand dennoch das alte traditionelle Vertrauen zu seiner Lebenskraft , die sich in den vielfachen Stürmen von mehr als einem halben Jahrtausend entwickelt und bewährt hatte , in allen denjenigen fest , welche nicht gesonnen waren , mit der Revolution zu gehen und sich ohne Schwertstreich vor ihr zu beugen . Als man sah , welche Wendung die Dinge in Deutschland nahmen , erklärte Uriel gleich : » Ich gehe nach Oesterreich in den italienischen Krieg ! Welche Wonne , gegen einen äußeren Feind die Kräfte zu brauchen , die sich in der Untätigkeit fieberhaft steigern , und die zu edel sind , um sie gegen deutsche Freischaren anzuwenden . « Orest verließ sogleich seine Jagden und seine Berliner Oper- und Balletfreuden , deren Zauber vor den Barrikaden schwand , und eilte nach Windeck , um mit Uriel nach der Lombardei zu gehen . Er hatte an Florentin geschrieben und ihn nach Windeck beschieden , um zu hören , was Florentin jetzt beginnen werde . Allein von diesem kam weder eine Antwort noch er selbst . Orest ging nach Würzburg , um ihn zu suchen und bei Hyazinth , der dort im geistlichen Seminar studierte , Erkundigungen über ihn einzuziehen . Aber er war fort und niemand wußte , ob nach Wien , ob nach Frankfurt , ob nach Paris oder wohin sonst . Während des ganzen Winters hatte Hyazinth ihn ein einzigesmal gesprochen und ihn aufgeregter , bitterer denn je gefunden . » Also einen Revolutionär habe ich unter meinem Dache großgezogen und mit aller Liebe und Sorgfalt einen Basilisken ausgebrütet , « sagte der Graf , als Orest mit diesen Nachrichten zurückkam . » Wir wollen Gott danken , daß es von vieren - nur einer ist , « sagte Levin . » Und kein Windecker ! « setzte der Graf hinzu . Levin ruhte mehr denn je am Herzen Gottes . Sein Friede konnte durch den Unfrieden in der Welt nicht getrübt werden . Seine lange Erfahrung zeigte ihm in dem immer wiederkehrenden Ausbruch solcher Ungewitter die tiefe Störung im geistigen Leben der Menschheit , die aus ihrem Gleichgewicht gekommen war , weil sie in sich dem Niederen die Macht über das Höhere gegeben hatte , und die nun , taumelnd und berauscht , in Orgien verfiel , welche den einen Untergang , den anderen aber Ernüchterung bringen mußten . Lange Friedenszeiten , die der Entwicklung des materiellen Wohlstandes günstig sind , führen die Menschheit leicht zur Überschätzung ihrer Kräfte , ja , zu einer Vergötterung derselben . Brechen dann große geschichtliche Katastrophen wie Orkane ein , so knicken alle die überschätzten und angebeteten Kräfte zusammen , zeigen sich in ihrem Nichts , ja , werden zum Rohr , das zersplitternd die Hand verwundet , die sich darauf stützt und bringen durch das Bewußtsein tiefer Hilflosigkeit die Menschheit zur Besinnung über die lange verschmähte Liebe Gottes , die während des Idolendienstes nicht zur Geltung kam . Dies ist nun freilich nie die Absicht derjenigen , welche die Katastrophen zum Ausbruch bringen ; denn Liebhaber des Kreuzes machen keine Revolution ; aber so ist der Gang der Weltgeschichte ! Dem freien Willen des Menschen ist aller Spielraum gelassen , bis zu einem gewissen Punkt , den niemand kennt , als Gott allein . Ist die Sündflut bis zu dem Ararat gestiegen , so sinken die Wasser der Trübsal und mancher Noe richtet den Altar auf , um Gott ein Dankopfer darzubringen . Je größer und allgemeiner die Ueberschätzung des Niederen und die Mißachtung des Höchsten in der Welt ist , umso größer müssen die Katastrophen sein , die aus einer solchen Verletzung der göttlichen Ordnung hervorgehen ; umso lauter muß der Warnungsruf erklingen , der die Berauschten aus ihren Orgien wecken soll . Das alles hatte Levin schon in den gesamten Weltereignissen , und häufiger noch in den Schicksalen einzelner erlebt . Er war daher ganz ruhig und suchte auch andere zu beruhigen , namentlich das Landvolk , das durch glänzende Vorspiegelungen geblendet wurde und auf die Revolution eingehen sollte . Eine so lange , lange Reihe von Jahren hatte Levin hier gelebt , seine zärtlichste Sorgfalt gerade dem gemeinen Manne zugewendet , zwischen denen er , wie sein göttlicher Meister , » wohltuend umherging « , kannte auf den Windecker Besitzungen alle Leute , die Alten - als seine Zeitgenossen und so abwärts bis zu den Kindern herab , deren Eltern er schon als Kinder gekannt . Da war kaum einer , dem er nicht irgendwie einen Dienst geleistet , einen Gefallen getan , einen Rat erteilt - und da waren sehr viele , denen er hilfreich die Hand gereicht hatte in mannigfachen Nöten und Drangsalen . In ruhigen Tagen waren auch alle fest überzeugt , daß niemand es besser mit ihnen meine und bereitwilliger sei , ihnen mit Rat und Tat zu dienen , als der hochwürdige Herr ; aber durch die feindlichen Aufstachelungen und bösartigen Verdächtigungen , welche die Umsturzpartei überall ausstreute , um Mißtrauen an die Stelle des Vertrauens zu bringen , kam es denn doch dahin , daß dies Vertrauen sehr geschwächt und dadurch Levins Einfluß sehr geschmälert wurde . Es wurde den guten Leuten vorgestellt , er sei zu alt , um auf die neuen Zeiten eingehen zu können ; er hänge deshalb zu fest an den Vorurteilen , welche die Welt beherrschten , halte zu viel auf die Vorrechte einiger und zu wenig auf die Rechte aller - und könne daher für die Gegenwart kein guter Ratgeber sein . Die Gegenwart habe nichts im Auge , als den Vorteil des Volkes . Es sei schwer , ja kaum möglich , daß einer vom Adel , der noch dazu Priester , als zwiefach beteiligt sei , das Volk in Unmündigkeit und Abhängigkeit zu erhalten , um es materiell und geistig zu beherrschen , seine und seines Standes Vorrechte fallen lasse , und sich aufrichtig mit dem Volk verbrüdere . Es möge sich also nicht blind leiten lassen von irgend einem Herrn ; denn ein solcher werde es immer und immer wieder zur Ruhe , Ordnung , Gesetzlichkeit auffordern und somit um die Vorteile bringen , die es eben jetzt durch entschiedene Forderungen sich erringen müsse . - Wer ist taub gegen die Lockungen persönlicher Vorteile ? und wem muß man leichter verzeihen , wenn er es nicht ist , als dem gemeinen Mann , dessen mühseliges Leben so arbeits- und sorgenvoll ist ! Das Licht des Glaubens muß mit voller Klarheit auf ein solches Leben fallen , und dessen Verdienste in der Vereinigung mit dem verborgenen Leben recht hervorheben , welches der Sohn Gottes in der armen Hütte des geringen Zimmermanns führte , um in solchen Verhältnissen gegen die Vorspiegelungen von großen rechtmäßigen Vorteilen taub und blind zu machen . Levin empfing sein volles Maß von Bitterkeit durch die Kälte und das Mißtrauen , die vielfach seiner warmen Treue begegneten ; aber er ließ sich nicht erbittern ! Lebenslang hatte ja sein göttlicher Meister nichts so reichlich mit ihm geteilt , als die Myrrhen . Je heftiger der Zorn des Grafen aufbrauste , wenn die neu erfundenen » Grundrechte « eine Bresche nach der anderen in der Mauer des historischen Rechtes und einen Raubzug nach dem anderen auf fremden Gebiet machten , desto milder wurde Levin , so daß der Graf zuweilen auch ihm zürnte und ihm vorwarf , im Bunde mit der Revolution zu sein . Aber er blieb ruhig bei seiner Behauptung : » Das Volk ist betört , berauscht und irregeleitet durch das Geschrei der falschen Freiheitspropheten , die ihm goldene Berge der Zukunft vorschwindeln . « » Aber diese Schwindelei bringt uns in Wirklichkeit um Hab und Gut , « rief der Graf aufgeregt ; » und was viel mehr ist , bringt uns um unser uraltes Recht , ja sogar um unsere Ehre , indem wir gezwungen werden , die Erfindungen der revolutionären Schreier als Gesetze gelten zu lassen - gezwungen durch offenbare Feindseligkeit und Aufhetzerei des Volkes gegen uns , so daß man eines Tages , man weiß nicht wie ! den roten Hahn auf dem Dach hat . Ebenso gut könnte man einer Räuberbande gehorchen . « » Dahin kommt es mit einer Menschheit , die aus dem Geleise des wohlgeordneten Gehorsams gewichen ist , « sagte Levin ernst . Der Menschengeist hat sich in jedem Einzelnen von Gott emanzipieren und der ewigen Weisheit den Gehorsam verweigern wollen : dafür wird er jetzt ein durch Furcht vor Gewalttaten verschüchterter Sklave menschlicher Verkehrtheit . Der himmlischen Liebe hat er nicht dienen wollen in edler Freiheit seines Willens , so gehorche er jetzt , furchtgeknechtet , sündiger Torheit und Bosheit . « » Welch ein Trost ! « murrte der Graf . » Ein großer , lieber Damian , denn damit schlägt man den Weg der Buße ein . Nimm hin die Trübsal als heilsame Arznei und bringe die geforderten Opfer nicht der Revolution , nicht den sogenannten Rechten des Volkes , die sich nicht urplötzlich dekretieren lassen , sondern bringe sie Gott dar , dessen Hand unsichtbarer Weise in dieser Revolution die Menschen prüft und wägt , und denjenigen fallen läßt , den er zu leicht befindet . « - Der Graf hatte Frankfurt viel früher verlassen , als er es ursprünglich beabsichtigte . Daher war das Gemälde , welches Ernest von seinen Töchtern malte , noch lange nicht vollendet . Der Graf lud Ernest ein , es auf Windeck fertig zu machen , da auch ihm der Aufenthalt in Frankfurt und überhaupt in jeder Stadt gegenwärtig nicht angenehm sein könne . Freudig nahm Ernest die Einladung an . Ihm gefielen die Windecker sehr gut , für Regina hatte er eine andächtige Zärtlichkeit , und da sein Aufbruch von einem Ort keine große Anstalten erheischte , so vollendete er noch einige Porträts und begab sich dann nach Windeck , wo ihm die Baronin ein kleines passendes Atelier eingerichtet hatte . Er war allen willkommen . Der Graf , gastfrei wie ein ächter grand seigneur , hatte gern viele Menschen unter seinem Dach , und freute sich , wenn sie sich behaglich fühlten und ungeniert bewegten . Belästigen und stören durfte man ihn nicht ; dafür ließ er aber auch jeden gewähren . An Ernests heiterem Sinn fand er großes Gefallen in der trüben Zeit . Die Baronin sah in jedem männlichen Wesen einen Beschützer gegen etwaige Attentate . Sie hätte das große Schloß voll Gäste haben mögen , um aus ihnen gleichsam eine Leibwache sich zu bilden . Regina und Corona fühlten sich mit der Sorglosigkeit der Jugend und dem kindlichen Gottvertrauen der frommen Seelen persönlich nicht beängstigt durch die Zeitverhältnisse . Ja , Regina hätte sich freuen mögen , weil sie Uriels Entfernung veranlaßten . Aber was in den öffentlichen Ereignissen sie betrübte , das waren die vielfachen Gottesbeleidigungen , die sich bei dieser Auflösung von Zucht und Ordnung kund gaben , und der bittere Haß gegen die Kirche , welcher der Revolution gleichsam aus allen Poren drang . Das sah sie ein : eine so furchtbare Mißstimmung unter den Menschen , eine so klägliche Verwirrung aller Begriffe über Recht und Pflicht mußte ihren eigentlichen Grund und Ursprung in der Zerfallenheit der Menschen mit Gott haben , woraus denn die Zerfallenheit des Menschen mit sich selbst und mit dem Nächsten hervorgeht , und verwirrend und verfinsternd auf alle Verhältnisse wirkt . » Lieber Onkel , « sagte sie einmal traurig und beklommen zu Levin , » sieh ' , wie die einen so wild fordern und so blind niederreißen und mit Gewalt ihr Ziel zu erreichen suchen - und wie die andern so ungern geben und nachgeben , und dennoch so schwach sich verteidigen , als zweifelten sie an ihrem Recht , der Willkür entgegentreten zu dürfen ! Ach , wo ist da der heilige Geist geblieben , der jener Erstlingsgemeinde der Christen zu Jerusalem ein Herz und eine Seele gab und einen himmlischen Kommunismus hervorrief ! « » Der heilige Geist ist da , wo er immer ist , « sagte Levin , » im Herzen derer , die ihn auf sich wirken lassen , und die man nicht im Tumult der Faktionen und im Zank und Streit der Parteisucht suchen darf . Er wirkt in der Stille und bereitet sich in der Verborgenheit seine Werkzeuge und scheidet die guten Elemente in dem großen Schmelztiegel der Gegenwart von den bösen ab , und wie die Saaten gut gedeihen bei Ungewittern , so werden auch die Blitze und Donnerwolken der Zeit den Keimen und Pflanzungen nicht schaden , die der heilige Geist gerade jetzt und ohne daß wir wahrnehmen können , wie - ausstreut und pflegt . Du aber , Kind , fürchte nicht , daß er , wie ein entthronter König , vor Barrikaden und Freischaren aus seinem Reich fliehe , und nimmst Du wahr , daß die Weltkinder ihm ihre Herzen verschließen , so lichte und reinige Du mehr und mehr das Deine , damit er gern bei Dir seine Einkehr nehme . Dann lebst Du ja in dem himmlischen Kommunismus des mystischen Leibes Christi , den die heilige Kirche darstellt , und hast mit allen ihren lebendigen Gliedern , ihren gläubigen Kindern , die seelenernährende Gemeinschaft der heiligen Sakramente und die herzstärkende Gemeinschaft des Gebetes . « » Und dennoch , lieber Onkel , « sagte Regina lächelnd , » hab ' ich eine große Neigung für den äußeren Kommunismus der ersten Christen , der gewissermaßen ein natürlicher Ausdruck für ihre übernatürliche Gemeinschaft war und ein warmes Zeugnis von ihrer Christusliebe ablegte . Die Arme und Geringen , die Verlassenen und Elenden nahmen um Christi willen teil an Hab und Gut der Reichen und Großen , und die schreckliche Kluft wurde ausgefüllt , welche zwischen Not und Wohlbehagen besteht und welche mir wie eine tiefe blutige Wunde am Leibe der Menschheit vorkommt . Ach , war das nicht schön ? « » Wohl war es schön ! « entgegnete Levin , » wohl war es ein glänzendes Zeugnis für die Christusliebe , die in den Bekehrten der ersten Jahrhunderte flammte , wenn sie den Sieg , den das Christentum in ihren Herzen über heidnische Wertschätzung des Irdischen und über heidnische Genußsucht davongetragen hatte , dadurch feierten , daß sie freiwillig den Mitteln entsagten , durch die das irdische Dasein behaglich gepflegt wird und zu einer verkehrten Geltung kommt - und in die freiwillige Armut eingingen , die um Christi willen die Genüsse der Sinnlichkeit , die Triumphe des Hochmutes verschmäht . Wunderschön war es , wenn diese stolzen Patrizier , diese königlich reichen Senatoren , diese mächtigen Statthalter , die über weite Provinzen geboten , plötzlich ergriffen von dem wunderbaren Glauben an einen freiwillig leidenden Gott , sich ihrer Glücksgüter , ihrer Weltherrlichkeit schämten , weil dieselben einen schneidenden Gegensatz zu Golgatha bildeten , und ihre Schätze mit ihren armen und bis dahin verachteten Brüdern teilten . Aber das Schöne in diesem Opfer ist eben dessen Freiwilligkeit . Niemand wurde bei den ersten Christen gezwungen , es zu bringen . Weder die Apostel noch die Armen in der Gemeinde forderten so etwas . Christus hatte nur einfach gesagt : Willst du vollkommen sein , so verkaufe , was du hast , und gib es den Armen - und hatte es nur als Rat gesagt , nicht als Gebot . Es war also ein himmlischer Antrieb , aus dem jene Gemeinschaft hervorging : die Liebe Gottes entzündete edle Herzen zur innigsten Nächstenliebe . Der Kommunismus kam von oben herab und ist der schlagendste Gegensatz zu dem modernen , unchristlichen , der durch Zwang und von kommunistischen Gesetzgebern eingeführt werden soll . Übrigens gab es schon im zweiten Jahrhundert Häretiker , 4 welche neben ihrer Irrlehre auch irrige soziale Verhältnisse und namentlich die allgemeine Gütergemeinschaft predigten , und bei einigen häretischen Sekten des Mittelalters tauchte sie ebenfalls auf . Es ist also an dieser Erscheinung in unserer Zeit nichts neu , als der Name : Kommunismus . Er gibt ihr einen gewissen pedantischen Anstrich , als sei die Sache im System versteinert , bevor sie sich im Leben als praktisch bewährt hat , und sie gehört auch zu denjenigen Theorien , welche der Unglaube ausbrütet , um das Christentum , wie er wähnt , zu überflügeln . « » Ja , « sagte Ernest , » der brutale Bursche Kommunismus rächt die Verbannung der himmlischen Charitas ! Wie manche Staaten wähnten sich in der selbstgefälligen Vorstellung von ihrer Omnipotenz beeinträchtigt , weil die Charitas reiche , frische , kräftige Blüten auf dem Boden der Kirche trieb . Die katholische Liebe mit ihren unzähligen Anstalten der Barmherzigkeit nicht unter Verwaltung des Staates zu sehen , war dieser krankhaften Sucht nach Regiererei unerträglich . Diese Anstalten wurden eingezogen , zusammengeschmolzen , umgestaltet , unter ein Heer von Beamten gestellt , die über jeden Kreuzer eine weitläufige Rechnung , über jedes Stück Brot eine genaue Kontrolle führen mußten und deren Besoldung einen beträchtlichen Teil der Habe der Armen verschlang . Nun war man doch sicher , daß nichts verschleudert wurde ! Nun hatte man doch der Kirche diese großen Geldmittel entrissen , vermöge welcher es ihr so leicht wurde , das geringe Volk für sich zu gewinnen und ungescheut Übergriffe in die Rechte des Staates zu machen und ihren Obskurantismus zu verbreiten - während nun hinter den Bollwerken der Bureaukratie der Staat geschirmt und gesichert für ewige Zeiten war und die Aufklärung ihre Siege feierte ! - Alle engen Herzen und beschränkten Köpfe stießen in die Jubelposaune über solche Maßregeln von Seiten der Regierungen . Aber siehe da ! die Zuflüsse stockten ! vor dem Rauschen der Schreibfedern in ungeheueren Registern floh die verschüchterte Charitas , die an den Verkehr mit armen Ordensbrüdern , stillen Nönnchen und einfachen Priestern gewöhnt war , auf vertrautem Fuß mit ihnen lebte , sie als Verwalter und Ausspender der Gaben Gottes kannte und deshalb keine ängstlich genaue Rechnungsablage von ihnen begehrte . An die Stelle jener ungeheueren freiwilligen Liebesgaben , welches das christliche Europa mit Anstalten der Barmherzigkeit erfüllten , die im bedürftigen Nächsten Christus den Herrn sieht und ihn demgemäß behandelt wissen will - trat der Staat mit seiner Verwaltung , seinen Besoldungen , seiner Armentaxe , seiner Armensteuer , seinem Geschäftsgang , und machte die leidenden Glieder Christi zu Objekten , für die man fast ebenso gut zu sorgen habe , als dafür , daß keine Motten in die Montierungskammern kommen . Dies fühlen die Armen sehr gut ; es mißfällt ihnen ungemein - was ihnen auch nicht zu verdenken ist - und Dankbarkeit kann durch diese Sorte von Wohltätigkeit nicht geweckt werden . Im Gegenteil ! vom Staat erwartet jeder vor allem Gerechtigkeit . Nimmt der Staat also die Sorge für die Armen in die Hand , so möge er doch - folgern die Armen - etwas mehr für sie tun und sie nicht so kläglich unterstützen , da es ihm ja doch nie , in ihren Augen , an Mitteln fehlt . In ruhigen Zeiten läßt sich ihr Murren überhören als bedeutungslos ; aber in unruhigen kann sehr leicht ihr Mißvergnügen benutzt und dem Staat gefährlich werden . Er hat die Charitas unter Vormundschaft seiner Bureaukratie stellen wollen - wie es hieß , zum Vorteil der Armen ; jetzt tritt der grobe Kommunismus auf und sucht zu beweisen , deren wahrer Vorteil beginne mit ihm , und da man jetzt dem Fortschritt vor allem und in allem huldige und auf des Volkes Wohl zuerst und zuletzt bedacht sei : so müsse man nunmehr dem Kommunismus huldigen . Der Staat hat das uralte , heilige Recht der Kirche überflügelt zu Gunsten seiner Omnipotenz : der Kommunismus überflügelt diese zu Gunsten der seinigen , die durch einen furchtbaren Mechanismus im Gesamtgang des Lebens jede frische Blüte und jede edle Kraft in demselben unterdrückt . « » Wie trostreich , « sagte Levin , » nimmt sich neben diesen , so ganz aus dem Erdgeist hervorgegangenen Bestrebungen das Walten des heiligen Geistes in der Kirche aus , der nichts untergehen läßt , was zum Leben in ewiger Wahrheit berechtigt ist . Ein ächter Ableger christlicher Gütergemeinschaft wächst fort und fort durch die Jahrhunderte und beweist , daß es , wie in den ersten Tagen des Christentums , so auch in der Gegenwart , Seelen gibt , welchen es ein heiliges und durch die Christusliebe gerechtfertigtes Bedürfnis ist , in jener zu leben . Der Ordensstand bringt die Gütergemeinschaft mit sich . « » Eigentlich die Armutsgemeinschaft , « sagte Ernest . » Allerdings - und das ist denn freilich etwas so Schönes , daß sich der natürliche Mensch nicht zu dieser Höhe zu erheben vermag . Der natürliche Kommunismus schreit von unten nach oben : Ihr Reichen , wir sind eure Brüder , wir wollen mit euch von dem Euren genießen und schwelgen ! - Der übernatürliche spricht von oben herab : Ihr Armen , meine Brüder in Christus , ich will mit euch arm sein . « » O Gott ! « rief Ernest , » wenn das nur von oben herab gesagt würde ! Das ist das Elend in unserer Zeit , daß die Glaubenskälte , wie ein Gletscher , von den Höhen in die Täler hinabwächst ! Damit stand es sonst anders ! Da hatte das Volk wirklich strahlende , erwärmende Bilder heiliger Liebe und frommen Glaubens vor Augen . Da sah es einen König Ludwig von Frankreich täglich in seinem Palast eine Anzahl Armer nicht bloß speisen , sondern bei der Mahlzeit bedienen ; einen König Stephan von Ungarn , nicht zufrieden mit diesem Akt der Demut , die Armen in ihren Hütten aufsuchen - oft zur Nachtzeit , weil sein Tag übervoll an Geschäften war - und ihnen milde Gaben bringen ; eine Isabelle von Portugal die Aussätzigen waschen und kleiden ; eine Elisabeth von Thüringen im Spital die Kranken pflegen . Da sah es Kaiserstöchter und Königswitwen herabsteigen von ihren goldenen Stühlen und in die strengen Orden der heil . Klara , der heil . Theresia eintreten , deren Mitglieder armseliger leben , als die Allerärmsten , elend gekleidet , dürftig genährt , Leib und Leben in frommer Buße und heiliger Andacht verzehren . Das Volk liebt alle armen Orden . Es ist ihm ein Trost , daß andere freiwillig jene Entbehrungen übernehmen , die es oft nur widerwillig selbst erträgt . Es wird unwillkürlich zu dem Gedanken hingedrängt , ohne Glücksgüter und ohne Lebensgenüsse auf Erden zu wandeln , müsse doch nicht so ganz unerträglich sein , da ja diese alle darauf verzichteten . Es lernt ahnen , daß es eine Liebe gebe , welche mächtiger und süßer sei , als alle Lieben der Welt ; die Liebe zum Leiden , in der Nachfolge des dornengekrönten , geißelzerrissenen , nägeldurchwundeten , gekreuzigten Gottes . Gewahrt es nun , daß diese Liebe in den Großen der Erde mächtig genug ist , um sie in ein freudiges Schlacht- und Brandopfer der vollkommenen Entsagung zu verwandeln : so faßt es umsomehr Vertrauen zu solchen starken , zärtlichen , kreuztragenden Seelen , als die irdische Höhe , von der sie herabgestiegen , blendender ist . Ein Fürstenkind bei den Karmelitessen oder Klarissen versöhnt tausend Arme mit den Nöten ihres Daseins , denn sie sehen , daß die irdische Größe sich gläubig und liebend in ein Dasein voll tausend Nöten versenkt . Es ist eine wundersame und gar nicht genug geschätzte Gnade , welch ein Segen auf dem guten Beispiel eines frommen Glaubens von oben herab liegt ; es wirkt heilsam in die weitesten Kreise ! O wenn doch recht bald nach alter Sitte aus jedem katholischen Fürstenhause zwei oder drei Töchter in ein Kloster strengen Ordens treten wollten ! An diese zwei bis drei Prinzessinnen - fuhr Ernest zu Regina gewendet fort - würden sich dann zwei bis drei Dutzend hochadelige Fräulein anschließen und diese wiederum zwei- bis dreihundert Jungfrauen bürgerlichen Standes « ... - » Halt , Halt ! Herr Ernest , Sie entvölkern die Welt ! « rief die Baronin ängstlich . » Ja , von Proletariern , gnädige Frau , « entgegnete er gelassen ; » und das wäre in der Tat äußerst wünschenswert , denn es gibt auch ein fürstliches und adeliges Proletariat , seitdem man sich in diesen Regionen nicht mehr dem geistlichen und dem Ordensstande widmet . « » Man nennt das aber nicht so ! « bemerkte sie mit leisem Vorwurfe im Tone . » Ach , gnädige Baronin , « rief Ernest , und sah sie freundlich mit seinem treuherzigen klugen Auge an ; mir steckt der unverbesserliche Bauernbube im Blut , so alt ich auch bin , und Sie werden immer große Verdienste sich zu sammeln haben durch Ihre Nachsicht mit mir . Aber hier darf ich doch wahrlich ohne Scheu von jenem Proletariat sprechen , das - man möge es so nennen oder nicht - leider in der Welt ist ; denn die Windecker sind davon unberührt . Hier haben wir den hochwürdigen Herrn , und Graf Hyacinth tritt in dessen Fußtapfen ein . « » Ja , die Liebe zum Leiden ! « sagte Levin sinnend . » Diese himmlische Blüte entsproßt dem Baum des Glaubens nur , wenn er in voller Kraft steht ! Nur da , wo er ganz tiefe Wurzeln in das Erdreich des Menschenherzens hineintreibt , wachsen seine Äste so stark und so hoch hinauf , daß sie sich von den irdischen Stürmen nicht mehr erschüttern lassen ; und nur in dieser stillen Höhe entfaltet sich des Christentums mystische Passionsblume , die zeitweise in früheren Jahrhunderten zu so prachtvoller Entwicklung kam : die Liebe zum Leiden . « » Die ist allerdings heutzutage nicht Mode , « sagte Ernest ; » im Gegenteil ! Jedermann hat eine entschiedene Liebe zum Nichtleiden in einem solchen Grade , daß man sich gar keine Mühe mehr gibt , diese Übermacht des Erdgeistes in der eigenen Brust zu bekämpfen . Und das ist sehr erklärlich ! Man muß anbetend vor dem Kreuze knien , um es liebend mit all seiner Herbe umfassen zu können . Aber wovor kniet die Welt ? Ein Teil , der pantheistische , vor dem Gott , der sich im All offenbart und dessen Offenbarung nirgends herrlicher zu Tage kommt , als in dem Individuum A. oder Z. Da beten denn Z. oder A sich selbst an und beanspruchen für diese Gottheit in ihrer Brust die Glückseligkeitsfülle , die der Allmacht eigen ist . Ja , ja , Gräfin Regina , sehen Sie mich nur an mit Ihren Augen voll seraphischem Erstaunen ! ich fable nicht ! solcher Wahnwitz existiert nicht bloß in den wilden Phantasien hindostanischer Religionssysteme , die ihn erfanden , sondern auch in Köpfen , die von christlichem Taufwasser berührt sind - und er heißt Pantheismus . Es werden freilich viele schöne Phrasen und Floskeln drum und dran gehängt , um zu blenden und zu betäuben ; aber die lasse ich bei Seite und gebe Ihnen des Pudels Kern - um mit Doktor Faust zu