Friedrich auf der Veste mit dem Burggrafen , König Maximilian aber beim Herrn Scheurl wohnen wird ? Da wird seine Hausfrau nicht wissen , wo sie hin soll vor Hoffahrt und Hochmuth . « Ulrich sagte ? » Gönnt ihr doch den unschuldigen Stolz , wenn er sie nun einmal glücklich macht ! « » Unschuldig ? « sagte die Mutter ; » nun , ich will dem König Max , für den einmal Alle eingenommen sind , da er noch etwas Neues ist , nichts Böses nachsagen - - aber man weiß , wie die großen Herren sind , und von dem heißblütigen König laufen genug Geschichten um von verliebten Abenteuern - das heißt dann nichts , als ein ritterlicher Scherz ! ja , die Art , die zu wählerisch ist , um mit gemeinen Frauenspersonen sich einzulassen , die für jeden zu haben sind , die macht die meisten Frauen unglücklich und ist allen eitlen und hoffärtigen Frauen gefährlich , die sich selbst auf ein gnädiges Lächeln was zu Gute thun . Ich bin alt geworden in Nürnberg , ich weiß , wie weit her es ist mit den guten Sitten bei diesen bevorzugten Geschlechtern und mit der Unschuld ihrer Frauen . « » Ihr mögt Recht haben , « sagte Ulrich ; » aber der Stolz der Frau Scheurl ist doch anderer Art ; die will herrschen mit ihrem Geist und einem Streben über das Gewöhnliche hinaus . « » Mir macht Ihr nichts weiß , « eiferte die alte Frau ; » stolzirt sie doch wie eine Königin einher , und scheint doch keine andern Gedanken zu haben , als ihren Putz und ihre Schönheit zu zeigen ; auch die lange Krankheit hat sie nicht gebeugt und bekehrt . « » Ihr seid nun einmal wider sie , « sagte Ulrich . Hieronymus trat jetzt auf die Seite seiner Mutter . » Verdrossen hat mich ' s auch , « sagte er , » daß sie ihr eigenes Bild als Maria Magdalena auf den Teppich sticken läßt , und Du selbst hieltest es ihr ja damals vor : daß man im Dienste der Kunst und des Heiligsten sich selbst vergessen und aufgeben müsse - seine Person und seinen Namen ; ich sah es wohl , wie sie blaß ward bei Deinen Worten . « » Mochte sie eine Lehre daraus ziehen , wenn sie wollte , « sagte Ulrich ; » doch sollte es kein Vorwurf sein . Für das Gemälde ist sie auch nicht verantwortlich , das ist so Meister Beuerlein ' s Art ; er kann fast gar nicht anders malen , als conterfeien ; die Personen zu den anderen Figuren kennen wir nur nicht , und daß er die schönste Nürnbergerin in den Vordergrund gestellt , wird ihm Niemand verargen . « Mutter Martha schüttelte mit dem Kopf . » Wenn Ihr einmal streiten wollt , so ist mit Euch nicht durchzukommen ! « Ulrich reichte ihr versöhnlich die Hand und sagte : » Ihr solltet froh sein , wenn wir die Frauen in Ehren halten - und doch selbst ihnen fern bleiben . « Die alte Frau ward jedesmal gerührt , wenn sie daran dachte , welches schwere Gelübde die jungen Männer hatten leisten müssen . Zwar war es ihr ganz recht , wenn sie dachte , daß ihr Hieronymus so immer bei ihr bleibe und daß sie sein Herz nie mit einem andern Weibe zu theilen brauche , auf das sie doch eifersüchtig geworden , selbst wenn sie mit aller Uneigennützigkeit einer Mutter ihrem Sohne sein Glück gegönnt hätte . Ihre Sucht , das weibliche Geschlecht vor ihnen zu verdächtigen und herabzuwürdigen , entsprang mit aus ihrem Bedauern und der gutmüthigen Absicht , den jungen Männern dadurch ihr Fernhalten von allen Frauen und allen Regungen des Herzens zu erleichtern ; indeß war sie aber auf Elisabeth gerade darum erbittert , weil sie doch die Ursache war von Ulrich ' s schweren Wunden , wenn die Mutter auch nicht wußte , daß es nicht bloßer Zufall war , daß die Baubrüder sie beschützt und vertheidigt hatten . Wie unschuldig auch Elisabeth selbst daran sein mochte : der alten Frau ward sie dadurch immer ein hassenswerther Gegenstand , daß ihre Söhne um ihretwillen gelitten - und zwar doppelt , als sie aus späteren Gesprächen derselben entnommen , daß die Gerettete auch beim Wiedersehen mit Ulrich kein Wort des Wiedererkennens und Dankes für ihn gehabt . Jetzt scholl plötzlich von der Straße , auf der es vorhin ganz winterlich still gewesen , ein wüster Lärm empor , und Frau Martha öffnete gleich neugierig das Fenster , um zu sehen , was es gebe , oder vielleicht zu hören , denn es war dunkler Abend draußen , nur von den Dächern leuchtete der Schnee , indeß der auf der Straße nur hie und da noch seinen weißen Glanz behalten hatte . Man hörte rohe , lallende und höhnende Männerstimmen , dazwischen jammerten unverständliche Reden eines alten Mannes und eine helle weibliche Stimme rief laut und immer lauter nach Hülfe . Von oben konnte man nur unterscheiden , daß von einem Trupp Männer zwei Personen umringt waren und bedroht , gemißhandelt zu werden . Ulrich und Hieronymus nahmen ihre Schwerter und eilten auf den Ruf hinab , obwohl Mutter Martha warnte und bat , sich doch nicht in Gefahr zu begeben und in Händel zu mischen , wo man ja nicht einmal wissen könne , wem das Unrecht geschehe ; solchen Straßenunfug zu verhindern , sei das Amt der Büttel und Stadtknechte , aber nicht der freien Steinmetzen . Aber Ulrich entgegnete : » So müssen wir wenigstens aushelfen , bis die Stadtknechte kommen und ihre Schuldigkeit thun . Wo Zwei von Zehnen umzingelt nach Hülfe schreien , da kann man doch nicht ausbleiben . « » Um so weniger , « sagte Hieronymus , » wenn die Zwei , wie es scheint , ein wehrloser Greis und ein zitterndes Weib sind . « - Gleichzeitig mit den Baubrüdern trat auch der Rädleinmacher Sebald aus seinem Hause , und mehr als eine Hausthür öffnete sich ; Männer , in ihrer Abendruhe gestört , traten heraus und aus den Fenstern der obern Geschosse blickten da und dort weibliche Köpfe ; die Lampen , die hinter ihnen brannten , warfen einzelne hellere Lichtstrahlen auf die Straße . Ulrich und Hieronymus fragten gleich andern Herzueilenden , was es gäbe ? » Ein Judenhund bellt und heult und seine Kleine winselt ! hört Ihr es nicht ? « antwortete eine rauhe Stimme . » Mit Juden braucht sich Niemand einzulassen ! « rief Hieronymus . » Ihr solltet Euch schämen , wenn Ihr es gethan ? « » Die Dirne ist trotzdem nicht so übel ! « rief eine andere Stimme ; » Schade , daß sie eine Jüdin ist - im Sonnenbad könnte sie sonst gute Geschäfte machen - meint Ihr nicht so , Herr Badmeister ? « Der Angerufene war vor die Thür des Gebäudes getreten , welches das » Sonnenbad « hieß und ein öffentliches Badehaus war . Es war aber allgemein bekannt , daß in diesem wie in den meisten Badehäusern schöne Mädchen gehalten wurden , die Männerwelt anzulocken . Der Bademeister rief zornig : » Solcher Schimpf sollte meinem Hause nimmer widerfahren , daß ich eine Judendirne darin duldete ! « » Hau ' t den alten Kerl vollends zusammen , damit der Spektakel ein Ende hat ! « rief ein Anderer aus dem Trupp . Solche und ähnliche beschimpfende und drohende Reden wurden von einer Anzahl Handwerksgesellen gesprochen , die von einem Zechgelage meist betrunken zurückkamen und zugleich ihren Witz wie ihren Zorn an einem Judenpaare auszulassen suchten , die so unglücklich gewesen waren , ihnen in den Weg zu kommen . Andere Leute , welche der Lärm herbeigelockt , hörten nur neugierig zu , manche sogar sich dabei belustigend , und die meisten zogen sich theilnahmlos zurück , als sie hörten , daß es Juden waren , welche hier gemißhandelt wurden . Ulrich aber drängte sich mitten durch die Gesellen , welche ihre Knittel über dem Rücken des seine Unschuld betheuernden und um Erbarmen flehenden alten Juden schwangen , hieb zwei dieser aufgehobenen Stöcke mit seinem Schwert zurück und herrschte den Gesellen zu : » Hat der Mann da ein Unrecht gethan , so ruft die Stadtknechte , daß sie ihn in Gewahrsam nehmen , oder wir wollen ihn selbst auf die Büttelei führen ; aber ihn hier zu beschimpfen und zu zerbläuen habt Ihr kein Recht , und wenn Ihr es thut , so verdient Ihr zehnmal größere Strafe als er selbst ! « Wie er so sprach , durch seine gebietende Haltung und Rede , die Allen ganz unerwartet kam , die Aufgeregten im ersten Augenblick verblüffte , warf sich Rachel zu seinen Füßen , die neben ihrem Vater stehend , von Angst und Scham über die Reden der Gesellen , ihre Berührungen und allen angethanen Schimpf fast vernichtet , regungslos und gebückt die Hände vor ihr Gesicht haltend , und rief : » Wir haben nichts gethan , als daß wir uns verspätet und nun noch auf der Gasse sind ! Ihr seid ein Christ und ein Mensch , aber diese da sind keine Menschen . « » Ich glaube , das Mädchen hat Recht , « sagte Ulrich , der sie wiedererkannte . » Sage , was geschehen ; ich glaube Dir mehr als diesen , denn sie sind betrunken und haben sich unter das Vieh erniedrigt ! « Rachel stieß einen hellen Ton wie ein freudiges Triumphgeschrei aus und sagte : » Wir hatten uns im Schneefall verspätet , diese da kamen dort um die Ecke aus der Trinkstube und wollten Kurzweil mit mir treiben ; der Vater stieß sie zur Seite , und weil ich mich ihrer nicht anders erwehren konnte , sagte ich , daß ich ein Judenmädchen sei , damit sie mich ziehen ließen ; da rissen sie mir und dem Vater da die Bündel ab - seh ' t , es waren Sachen darin , sie haben sie an sich genommen oder im Schnee verstreut ! « Ulrich vernahm diese Rede , obwohl die Gesellen sie zuweilen mit höhnischem Ruf überschrieen , auf Ulrich losschlagen wollten , und doch wieder vor seinem und Hieronymus geschwungenem Schwerte zurückwichen , auch weil jetzt die früheren müssigen Zuschauer hinzutraten und den Gesellen selbst den Rath gaben , das Judenpack laufen zu lassen . Gleichzeitig jammerte der Jude Ezechiel : » Sie haben uns überfallen , aus unsern Bündeln gerissen die schönen Sachen , die ich erst gekauft für mein theures Geld ! Seh ' t Ihr nicht die Reiherfedern und den Sammetmantel da « - er deutete auf einzelne Gesellen , die solche Gegenstände noch in den Händen oder auf den Schultern trugen . » Nun ! « rief Ulrich , » gegen Spitzbuben und nächtliche Straßenräuber wird es doch Schutz in Nürnberg geben und Strafe für sie . « Jetzt rückten , von dem Lärm herbeigelockt , einige Mann der Stadtwache an , indeß es bereits einige ernüchterte Gesellen für gut fanden leise zu entweichen ; ein paar warfen die den Juden abgenommenen Gegenstände weg , ein paar andere aber nahmen sie mit sich . Bei dem Anrücken der Wache und noch anderer herzueilender Personen bekam die Scene ein anderes Ansehen : nur drei Gesellen waren noch auf dem Platz ; Andere waren müssige Zuschauer , und es war nun Streit darum , wer hier Streit angefangen oder im größeren Rechte sei - die Gesellen oder die Baubrüder , und Ulrich konnte Rachel zuflüstern : » Flieh ' doch , damit Du nicht wenigstens mit auf die Büttelei mußt « - und sie war wie im Nu in demselben Augenblick entschwunden , indeß ihr Vater , mehr als auf Leben und Freiheit und auf sein Kind , auf die Waaren , die er bei sich getragen , bedacht , davon zu erhaschen suchte , was von den Gesellen im Schnee verstreut war . Da die herzugekommene Stadtwache nur aus fünf Mann bestand , wußte ihr Führer nicht recht , wie er hier von seiner gesetzlichen Autorität Gebrauch machen sollte . Die Baubrüder stellten sich selbst auf seine Seite , erklärten sich ihm in allen Stücken gehorsam zu zeigen und betheuerten friedlich , daß sie nur bis zu ihrem Kommen einen mit seiner Tochter mißhandelten Mann vor einem Trupp betrunkener Gesellen beschützt hätten , was die Zuschauer bezeugten , indeß die Gesellen riefen : es war Judenpack ! und dem stimmten auch die Anwesenden bei . Das änderte die Sache sehr . Die Juden durften nur bis zur Dämmerung durch die Stadt gehen . Wurden sie im Dunkeln dabei betroffen , so waren sie strafbar und mußten dafür entweder sitzen oder Geldbuße zahlen . So waren auch diese hier auf unrechten Wegen gegangen , und überhaupt war es eine sehr herkömmliche Sache , wenn Juden verspottet und gemißhandelt wurden - freilich sie zu berauben und todtzuschlagen , in welcher Gefahr diese beiden gewesen , das gehörte sich nicht . Die Stadtwache ergriff den alten Juden , der noch nach seinen Sachen suchte , und nahm ihn mit , damit er diese Nacht in Haft und morgen zur Bestrafung für die Uebertretung des gesetzlichen Verbotes , im Dunkeln die Stadt nicht zu betreten , an die Schöppen abgeliefert werden könne . Vergeblich jammerte er um seine Tochter , vergeblich suchte man nach ihr : sie war verschwunden . Den Andern ward nur gesagt ruhig nach Hause zu gehen , um nicht auch als Ruhestörer verhaftet zu werden . Alles verlief so zuletzt ziemlich ruhig ; denn solche Vorfälle gehörten eben nicht zu den Seltenheiten , und ein Tumult endete oft so schnell , wie er begonnen . Ulrich und Hieronymus waren die ersten , die wieder in ihr Haus zurückgingen . Von oben kam ihnen Mutter Martha bis an die Treppe mit einem brennenden Kienspan entgegen . In schrecklicher Angst hatte sie oben vom Fenster herab zugesehen , und jetzt konnte sie den Augenblick nicht erwarten , zu sehen , ob nicht wieder einer ihrer Lieblinge eine Wunde davon getragen . Wie das plötzliche Licht kam , fuhr von der untersten Stufe der kleinen Windeltreppe eine Gestalt erschrocken empor und sagte : » Verzeiht ! - Ihr hießet mich fliehen , und ich konnte mich nicht anders sichern . O , Ihr waret mein Beschützer und werdet mich auch jetzt nicht verrathen . Ach , wenn ich Euch danken könnte ! « Ulrich stand etwas bestürzt vor Rachel , denn er war allerdings nicht darauf vorbereitet sie hier zu finden ; Hieronymus aber herrschte ihr zu : » Hier kannst Du nicht bleiben ; wir haben Dich vor Mißhandlung geschützt , aber wir mögen keine Gemeinschaft mit Dir ! « Von oben rief Martha , die nur Rachel ' s Stimme hörte und ihr Gesicht sah , auf das gerade der Schein ihrer Holzflamme fiel : » Ach , da ist ja der Knabe , der immer kam , wie Ihr krank waret , und die geheimnißvollen Gaben brachte . « Rachel wandte ihr Gesicht der Dunkelheit zu , um seine glühende Röthe zu verbergen , und schlich nach der Hausthür ; aber da sie dieselbe öffnen wollte , sprang Ulrich ihr nach , hielt sie zurück und sagte ! » Jetzt darfst Du nicht hinaus - es sind noch zu viel Leute draußen . « Sie sah mit seligem Dankesblick zu ihm auf . Hieronymus zog die Stirn in Falten und sagte rauh : » Ja , das fehlte noch , daß sie Jemand aus dem Hause kommen sähe , das wir bewohnen - es wäre denn , wir würfen sie hinaus , um uns selbst vor Schande und übler Nachrede zu sichern ! « » Um Jesus Christus Willen ! « rief Mutter Martha , » es ist ein Mädchen und wohl ein verrufenes Frauenzimmer - oder gar eine Jüdin ? « denn vom Fenster aus hatte die Spähende natürlich gehört , daß es sich unten mit um eine solche gehandelt . Ulrich aber sagte : » Komm ' mit hinauf , hier unten möchte Dich Meister Sebald finden , oder noch andere Leute . « Sie folgte ihm ohne ein Wort zu erwiedern , oben öffnete er die Kammer der Mutter Martha , schob Rachel dahinein und sagte : » Hier warte und ruhe aus - wenn es draußen still geworden und Niemand mehr in den Nebenhäusern wacht oder auf der Straße geht , werde ich Dich hinauslassen . « Er wollte schnell durch die Thür zurück und sie allein lassen . - » Sagt mir nur noch , « rief sie angstvoll , » nach welcher Seite mein Vater entkam , oder was aus ihm geworden ? « Ulrich zögerte mit der Antwort , endlich sagte er doch : » Die Stadtwache hat ihn mitgenommen , aber es wird ihm nichts geschehen , als daß er Strafe zahlt für sein nächtliches Umherschweifen . « Rachel brach in Thränen aus - Ulrich ging und verschloß die Thür hinter sich . Als er zu Martha und Hieronymus zurückkehrte , rief Jene : » In meine Kammer sperrt Ihr die Jüdin ? « » Das hättest Du der Mutter ersparen können ! « sagte Hieronymus vorwurfsvoll , » sie hat es nicht um Dich verdient . « Ulrich sah betrübt auf die Beiden . » Ich konnte sie doch nicht zu uns nehmen , « sagte er , » und mögen wir auch sonst keine Gemeinschaft mit den Juden - wer des Schutzes bedarf , den schütze ich - er mag gehören , zu wem er will , und sein , wer er will - ja ich schütze ihn , es sei auch gegen wen es wolle ! « Seine Augen flammten dabei bedeutsam , fast drohend . Er ging an ' s Fenster und schaute auf die Straße . Die alte Frau saß händeringend in einer Ecke und jammerte bald über die Entdeckung , daß ein Judenkind , gleichviel ob Knabe oder Mädchen , in Ulrich ' s Krankheit ihn mit seinen Gaben bedacht , daß sie selbst sie angenommen - bald darüber , daß eine Jüdin in ihrer christlichen Kammer sei - daß ihre Söhne sie versteckt . Nein - nicht Söhne ! ihr eigener Sohn zürnte ja selbst darüber und hätte das nimmer gethan ; jetzt zeigte es sich recht deutlich , das Ulrich ein fremder Mensch war , der sie gar nichts anginge . Die Baubrüder ließen sie reden und sagten beide nichts dazu - Hieronymus nicht , weil er im Grunde der Mutter beistimmte , und Ulrich nicht , weil er sich verletzt fühlte und weil er nicht wollte , daß es im Zimmer noch lauter werde und Rachel in der Kammer nicht höre , was es ihn koste , auch jetzt sie zu sichern . - So war es etwa elf Uhr geworden - in allen Fenstern waren die Lichter verlöscht und es war ganz still auf den Straßen . Ulrich sagte : » Ich werde jetzt Rachel hinauslassen , « und ging zu ihr . » Du kannst jetzt gehen , « sagte er ; » Ich will Dir den Riegel an der Hausthür öffnen , es ist ganz still draußen - aber sprich kein Wort ! « » Könnt Ihr mir vergeben ? « sagte sie ; » könnt ich ' s vergelten - « » Es ist nichts zu vergeben ! « antwortete er . » Doch , doch ! « rief sie , » es ist eine alte Rechnung ! « » Still ! « sagte er , » ich bat Dich nicht zu sprechen . « Sie gehorchte mit einem Seufzer und folgte ihm schweigend die Treppe hinab - ebenso öffnete er die Thür , und ohne Lebewohl und Gutenacht schieden sie von einander . Als Ulrich wieder in sein Zimmer kam , legte er sich auch schweigend nieder . Mutter Martha aber öffnete in ihrer Kammer Thür und Fenster und räucherte unter dem von Holz geschnitzten Christus , der darin hing , um ihn wieder zu versöhnen für den Frevel , daß ein Judenkind in seiner Nähe geweilt . Viertes Capitel Geheimnißvolles Am Morgen nach dem nächtlichen Abenteuer , welches Ulrich und Hieronymus zum ersten Male in ihrem Leben in eine Art von Zwiespalt gebracht hatte , waren sie stumm aufgestanden und hatten auch so ihr Morgenbrod genossen . Es war noch dunkel , als sie die Stiege hinabgingen , da hörte Ulrich von seinem Tritt berührt die Stufen etwas wie eine kleine Kugel hinabrollen . Er tappte unten danach , wo der Laut verhallt war , und fühlte einen Ring mit einem großen Stein in seinen Händen . Draußen vor der Hausthür besah er seinen Fund und zeigte ihn auch Hieronymus . Es waren die ersten Worte , welche sie zusammen redeten . » Es scheint ein werthvolles Kleinod zu sein , « sagte Ulrich ; » ein goldener Ring , einen großen Stein in der Mitte , der noch mit einem Kranz von gleichen Steinen eingefaßt ist - wer kann ihn verloren haben ? « » Wer anders als das Judenkind ? « sagte Hieronymus , » es ist ja Niemand in das Haus gekommen . « Ulrich schüttelte den Kopf . » Wie käme die zu solchem Kleinod ? « » O dies Judenpack sammelt immer Schätze , um die es die Christen betrügt , « rief Hieronymus , » und wer weiß , auf welche unlautere Weise noch die Dirne dazu gekommen , die sich seit Jahr und Tag so unerträglich an uns hängt , und wenn man einmal sie lange losgeworden zu sein scheint und sie fast vergessen hat , so ist sie wieder da in einer andern Gestalt uns zu belästigen gleich einem bösen Kobolt , mit dem jede Bewegung unheilvolle Folgen hat . « » Hieronymus ! « mahnte Ulrich , » wir haben es mehr als einmal gesagt , daß wir ohne Grund andern Menschen nicht eher das Schlechte zutrauen wollten als das Gute , nach dem Grundsatz der heiligen Schrift : Was du nicht willst , daß dir die Leute thun sollen , das thu ' du ihnen auch nicht ! Warum ihn einmal verleugnen ? Warum dies Judenmädchen , das mir ein unschuldiges , aber gepeinigtes Kind zu sein scheint , zu einer Verbrecherin stempeln ? « » Die Juden sind einmal die Ausgestoßenen , auf denen der Fluch des Herrn ruht , den sie sich selbst täglich neu verdienen ! « rief Hieronymus . » Hast Du Dein Glaubensbekenntniß geändert , so brauchst Du doch nicht mir dasselbe zuzumuthen - und außerdem hätte ich wenigstens erwartet , daß Du meine Mutter schonen und ihr nicht so ihre Liebe vergelten würdest ! « » Hieronymus ! « sagte Ulrich ernst , » Du sahest selbst , daß ich nicht anders handeln konnte . Du eiltest selbst mit mir den Unglücklichen zu Hülfe , Du gewährtest sie ihnen , wie ich auch , nachdem wir erfuhren , daß sie zu den Ausgestoßenen gehörten - « » Ja , « fiel ihm der unzufriedene Kamerad in ' s Wort , » ich gewährte sie ihnen , wie ich sie auch einem Hunde würde gewährt haben , der von einer tollen Meute angefallen . Die Hülferufenden vor Mißhandlung zu schützen und dann der Wache zu übergeben , war unser würdig ; aber das Mädchen bei uns zu verstecken - dieser Schimpf macht meine Mutter unglücklich und wird uns Beide in Schimpf und Schande bringen , wenn , was sehr wahrscheinlich ist , der Vorfall in der Hütte zur Sprache kommt . « » Dann , « sagte Ulrich , » werde ich den Schimpf und die Strafe auf mich allein nehmen und sagen , daß ich das nicht nur gethan , weil ich gar nicht anders konnte , sondern auch gegen Deinen Willen ; und damit man dies glaubt , will ich mir noch heute eine andere Wohnung suchen und Deiner Mutter nicht mehr zur Last fallen . « Während er so sprach , drehte er den Ring noch in der Hand . Hieronymus sah darauf und sagte : » Wirf den Ring in den Schnee , mag ihn finden , wer will . « » Dadurch , daß ich ihn fand , ist er mir anvertraut worden , « antwortete Ulrich ; » ich hoffe den rechtmäßigen Eigenthümer dazu noch finden zu können . « » Wohl , er wird eine neue Berührung mit Rachel herbeiführen ! « sagte Hieronymus mit spöttischem Lächeln . Ulrich zuckte die Achsel als Antwort . Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander und betraten so aufgeregt und verstimmt die Hütte . Es war die höchste Zeit , daß sie kamen , denn schon begann das Morgengebet - wer später erschien , mußte Strafe geben und seinen halben Tagelohn » in die Büchse legen . « Schweigend gingen dann Beide an ihre Arbeit . Nach ein paar Stunden kam der Propst Kreß und redete leise und eifrig in einer entfernten Ecke heimlich mit dem Werkmeister , wobei er seine Augen immer auf Ulrich und Hieronymus richtete . Dieser bemerkte es zuerst und flüsterte Jenem zu : » Jetzt kommt es schon zur Sprache . « Ulrich antwortete stolz : » Du brauchst Dich nicht zu fürchten , ich werde Alles auf mich allein nehmen « - und er meißelte ruhig an der kleinen Statue eines Johannes weiter , die unter seinen Händen aus dem Stein hervorzuspringen schien . Nach einer Weile wurden die Beiden von dem Hüttenmeister aufgerufen . Ulrich näherte sich mit gewohntem stolzen Gange , Hieronymus finsterblickend mit niedergeschlagenem Auge . Der Werkmeister theilte ihnen mit , daß sie sich Beide morgen in das ein paar Stunden entfernte Benediktinerkloster zum heiligen Kreuz begeben sollten , um ein halb zertrümmertes Weihbrodgehäuse wieder herzustellen . Er nannte ihnen den Lohn , den sie bekommen sollten , und fügte hinzu , daß sie diese Gunst theils ihrem Fleiß und ihrer Geschicklichkeit , theils der Empfehlung des Herrn Propstes dankten . Mit Erstaunen empfingen die Baubrüder diesen ehrenvollen Auftrag , da sie eben eine ganz andere Rede erwartet hatten , und besonders Hieronymus richtete sich noch einmal so groß auf und blickte , die vorige Angst von sich werfend , mit leuchtenden Augen um sich , indeß Ulrich seine dankenden Blicke auf den Propst richtete . Aber zu seiner Verwunderung begegnete er in dessen sonst immer freundlichen Gesicht einen Ausdruck von Besorgniß und Kummer , der demselben sonst ganz fremd war . Wie segnend legte der Propst seine Hände auf die Häupter der beiden Gesellen und sagte : » Ziehet mit Gott ! und möge er Euch gnädig sein bei dem neuen Werke zu seiner Ehre . « Dann flüsterte er Ulrich zu : » Kommt heute nach dem Feierabend noch zu mir , ich will Euch noch ein Schreiben mitgeben an den Herrn Abt . « Dann verließ er eilends die Hütte . Als die Baubrüder zum Mittagessen nach Hause gingen , sagte Ulrich : » Nicht wahr ? das war eine vergebliche Angst ? « » Wer kann es wissen ? « antwortete Hieronymus ; » möglich , daß dies Zusammentreffen bloßer Zufall ; möglich auch , daß der Propst , der Dich einmal in seinen besonderen Schutz genommen , diese Entfernung für Dich wohlthätig findet und selbst veranstaltet ; möglich auch , daß , was eine Gunst erscheint , eine Verbannung ist , und indeß unsere Feinde Zeit haben uns bis zu unserer Rückkehr Schimpf und Schande zu bereiten ! « » Dummes Zeug ! « antwortete Ulrich , und konnte doch die trüben , mitleidigen Blicke des Propstes nicht los werden , der sonst bei ähnlichen Gelegenheiten nur freundliche und heitere für ihn gehabt hatte . Aber beide theilten die Kunde doch fröhlich als Glück und Ehre der Mutter Martha mit . Sonst wäre sie in lauter stolze Glückwünsche ausgebrochen - heute , wo sie auf Ulrich zürnte und um ihren Sohn sich ängstete , sagte sie in kummervollem Tone : » Nun werde ich allein sein , wenn der Büttel kommt Euch vor den Schultheißen zu citiren , oder wenn das Judenmädchen sich untersteht mir wieder über den Hals zu kommen . « » Das ist bald fortgejagt , « tröstete Hieronymus , » und was der Büttel bei uns zu suchen hätte , wüßt ' ich wahrhaftig nicht . « » Und meinetwegen habt Ihr in Eurer Wohnung auch nichts mehr zu fürchten , « sagte Ulrich ; » ich werde mir eine andere suchen , sobald wir wieder aus dem Kloster zurück sind , so könnt Ihr morgen schon sagen , daß ich nicht mehr bei Euch wohne . « Mutter Martha entfärbte sich und hätte bald vor Schreck die Suppenschüssel hingeworfen - daß Ulrich sich von ihr und ihrem Sohne trennen könne , das schien ihr gar nicht mehr möglich ; doch saß ihr Groll zu tief , als daß sie schon heute ein versöhnliches Wort zu ihm hätte reden können . - Als Ulrich am Abend zu dem Propst kam , führte ihn die öffnende Wirthschafterin nicht in dessen gewöhnliches Wohnzimmer , sondern in ein kleines Seitengemach , das einen besondern Eingang hatte , und bedeutete ihn zu warten . Durch die hohe eichene Flügelthür schallte das Gelächter überlauter Zecher . Da der Propst so viel auf seine geistliche Würde hielt , um nicht öffentliche Trinkstuben zu besuchen , so suchte er sich dafür in den Häusern guter Freunde oder noch öfter in seinem eigenen Hause zu entschädigen . Es war bekannt , daß der Keller des Propstes am besten in der ganzen Stadt gefüllt war , daß er die feinsten wie die schwersten Weine enthielt und daß er mit keinem derselben geizte - ja , er trank seinen Gästen immer eifrig zu , und rechnete es sich als ein Verdienst und das Zeichen eines guten