Bereitwilligkeit , ihren Wünschen zu genügen , auch noch darin bewährt , daß er in dem Hause des Professors seiner Pflegetochter , wie sie beinahe genannt wurde , eine größere Freiheit erwirkte , als sie in Hamburg genoß . Sie hatte ihre eigenen Zimmer . Die Nachricht , daß sie die Braut eines Festungsgefangenen war , hatte sich bald verbreitet . Der seltsame Umstand , daß der eigene Vater des vom Dr. Klingsohr erschossenen Herrn von Wittekind es war , der seine Hand schützend über sie ausgestreckt hielt , wurde romantisch genug ausgeschmückt . Am Abend vor der Abreise des Kronsyndikus hatte sie mit ihm noch eine herzbeklemmende Scene ... Sie hatte , da er ganz in der Frühe reisen wollte , die Nacht über wieder in dem Gasthofe bleiben wollen , wo sie gleich anfangs mit ihm abgestiegen war . Sie konnte ihn erst in später Abendstunde erwarten , wo er zurückkehrte von einer Unterredung mit einigen österreichischen Offizieren , die sich in dieser » roßprangenden « , an Gestüten reichen Gegend zum Ankauf von Pferden befanden . Schon oft hatte sie auf Schloß Neuhof von jener kindlichen Blondine , der Gräfin Paula von Dorste-Camphausen , einer Nichte des Kronsyndikus , gehört , daß ihr unermeßlicher Reichthum nach dem Tode ihres kränkelnden Vaters , des Grafen Joseph ( Schwagers des Freiherrn ) , Anlaß zu einer großen Veränderung geben würde auf Antrieb einer in Oesterreich ansässigen zweiten Linie des alten Grafengeschlechts der Camphausen . Der Kronsyndikus , der Oheim , vielleicht der künftige Vormund der beiden letzten Augen , auf welche die eine Linie stand , der schönen sanften Augen jener Kleinen , die einst Zeuge gewesen war , wie sich Lucinde in die Pagode des Wassergeflügels auf Schloß Neuhof geflüchtet hatte , war mit dem Vertreter der österreichischen Linie , Grafen Salem-Camphausen , hier zusammengetroffen zu Besprechungen , in die Lucinde , wie in die vielen andern Beziehungen , in deren Chaos der Kronsyndikus lebte , keine nähern Einblicke erhielt . Diese Besprechungen fanden in einem Badeort bei Kiel statt , dessen Name dem Kronsyndikus Erinnerungen wecken mußte , unheimlich genug - Düsternbrook . Gegen neun Uhr kam der Kronsyndikus von einem Diner heim , bei welchem wider Vermuthen eine Anzahl von Offizieren der Garnison zu Ehren der fremden Gäste zugegen gewesen war . Graf Hugo von Salem-Camphausen , ein stattlicher junger Cavalier , begleitet von seinem Freunde , einem Baron Wenzel von Terschka , wie Lucinde schon wußte , führte den Kronsyndikus die Stiegen des Hotels hinauf . Sie sprang in ihr früher schon innegehabtes Neben- und Schlafzimmer , merkte aber wohl , daß der Greis in der Gesellschaft fröhlicher Lebemenschen sein Leid vergessen und dem Weine zugesprochen hatte in altgewohnter Art. Dennoch blieb er still und verabschiedete sich von dem Grafen mit einem Tone , der seiner gedrückten Situation angemessen war . Als die Cavaliere sich entfernt hatten und zu einigen Wagen voll Offizieren ( unter ihnen ein Prinz von einer Seitenlinie des regierenden Hauses ) zurückgekehrt waren , um , wie Lucinde später erfuhr , noch in die heute stattgefundene Eröffnung der Theatersaison zu fahren und dort die Kritik der neuen Truppe mit einigen Demonstrationen zu verbinden , die das aufgeführte Stück unterbrachen und einen Conflict mit der im Parterre befindlichen Studentenschaft herbeiführten , klopfte sie an und trat zum Kronsyndikus ein . Dieser saß bereits am geöffneten Schreibbureau . Er hatte ein Kästchen geöffnet , aus dem er Schmuckgegenstände hervorgenommen hatte ... Wie er Geräusch hörte , sprang er auf und rief : Wer da ? Es währte einige Augenblicke , bis sich der heftig erschrockene Mann in die Nähe Lucindens gefunden hatte . Der Diener brachte noch einige Lichter mehr , da sich der Kronsyndikus beim Herauskommen , trotzdem , daß zwei schon brannten , über die große Dunkelheit beklagt hatte . Lucinde erklärte den Grund ihrer Anwesenheit : Die Abreise ihres Wohlthäters in erster Morgenfrühe und ihr Bedürfniß , den Abschied noch bis dahin zu verschieben . Auffallend langsam fand sich der Greis in dem , was sie sagte , zurecht und erwiderte wie abwesend : Gut ! Gut ! Jetzt winkte er dem Bedienten und sagte , daß er zu Bett gehen wollte . Lucinden einfach zunickend , ging er ins Nebencabinet und drückte die Thür desselben zu . Nach einer Weile kehrte der Diener zurück und flüsterte Lucinden zu , die mit Spannung gewartet hatte : Es muß ihm was in die Quere gekommen sein ... Wo aber ? fragte sie ebenso leise . Bei den Offizieren ! Diese wußten doch , daß er trauerte , und dennoch - Lucinde wollte sagen , wie unrecht man gethan hätte , ihn in den Zustand zu bringen , wie sie ihn gefunden ... Der Diener erzählte aber , daß die Offiziere im Gegentheil in größter Ruhe zu Tisch gesessen hätten , daß von dem Grafen Salem-Camphausen ein Glas ergriffen und gesagt worden wäre , sie wollten es leeren ohne anzuklingen und dabei eines unglücklichen Vaterherzens gedenken . Feierlich hätten da alle die Gläser ausgetrunken und sie niedergestellt wie » aufs Tempo « . Es hätte einen schauerlichen Eindruck gemacht . Da nun aber wäre der Kronsyndikus selbst gesprächig geworden und hätte , aus Dankbarkeit und wol auch Rührung über die Schonung , die Herren ermuntert , es nicht so ernst zu nehmen . Nun wäre die Rede auf Lucinden gekommen - Auf mich ? fragte sie erstaunt . Der Diener konnte auf ihr Drängen , was man von ihr gesagt hätte , nichts erwidern ; denn da er beim Aufwarten geholfen , hätte er sich gerade entfernen müssen . Wie ich aber zurückkomme , fuhr er flüsternd fort , lachen sie alle , sprechen aber französisch und der Alte zieht aus der Tasche eine von den Kostbarkeiten , deren er Ihnen schon viele geschenkt hat ... Warum aber das ? Er hat noch eine Menge für sie auf morgen zum Abschied ausgesucht ! Da drinnen im Secretär ! Das wird er doch den Offizieren nicht gesagt haben ? Verstanden hab ' ich blos , wie er das Armband - ein Armband war ' s - herumzeigte ... da sagten sie alle : Superb ! Charmant ! Nämlich auf französisch ! Aber warum nur zeigt ' er ' s denn ? Ich meine gar ... und ganz gewiß ... sie stritten über Ihre ... Ihre Nase , Fräulein ! Dummer Schnack ! Mein Seel ' , wirklich ! Ob die spanisch oder italienisch wäre ... oder ... Da sagte der eine , der den Grafen aus Wien mit hierher begleitet hat ... Herr von Terschka ... Der sagte , das Bild auf dem Armband - das nämlich auch ganz Ihre Nase haben sollte - wäre eine Italienerin , die er kenne ... aus Rom ... und genannt hat er sie auch ... Jetzt fiel der Graf ein und sagte auf deutsch : Ja , Terschka , das ist ja halt die leibhaftige ... Nun nannte der wieder einen Namen ... aber einen deutschen , den ich nicht behalten konnte ... aber eine Kunstreiterin war ' s ... das schönste Mädchen in Wien ... und während nun wieder die Offiziere zwar in Lachen ausbrechen wollten , aber sich zurückhielten und doch nicht zu lebendig werden wollten ... wegen der Trauer ... hielt sich der Alte gerade am wenigsten , redete allerlei durcheinander , schenkte die Gläser rings um sich her voll , schnackte vom Hundertsten ins Tausendste , und wenn er nun die Nacht nicht ordentlich schlafen kann , so ist ' s seine eigene Schuld . Um vier Uhr soll ich ihn wecken . Der Diener ging . Lucinde schüttelte den Kopf , dachte aber bald nur noch an das schöne Armband , an den Streit der Offiziere , ging ins Nebenzimmer , sah sich beim Entkleiden im Spiegel , forschte nach der Nationalität ihrer Nase und ging zu Bett . Kaum mochte sie , müde vom Warten , eine Stunde geschlafen haben , als sie erwachte . Der Mond schien hell ins Zimmer , sie hatte vergessen die Laden zu schließen ... Der Wächter rief die elfte Stunde ... einige vereinzelte Rufe und Liederintonationen kamen von den vom Wirthshaus heimkehrenden Studenten , in deren Leben sie sich durch Jérôme ' s und Klingsohr ' s Erzählungen schon längst zu versetzen gewußt hatte . Der Theaterlärm hatte die Köpfe vollends erhitzt ... Wie es dann wieder still wurde und sie eben im Begriff war , auch wieder einzuschlafen , hörte sie im Nebenzimmer Geräusch . Ein harter Gegenstand fiel nieder und rollte auf dem Fußboden hin . Sie erhob sich ... Jetzt hörte sie Schritte und laut reden ... Sie sprang auf ... sie hatte vergessen , die Verbindungsthür zuzuriegeln ... Es war aber der Kronsyndikus selbst , der ohne Zweifel mit seinem Bedienten sprach , den er durch eine Klingel wecken und vom Corridor zu sich herüberrufen konnte . Als sie aber die Riegel leise zugeschoben hatte , hörte sie , daß der Kronsyndikus allein sein mußte . Er ächzte und stöhnte und sprach mit sich selbst ... Jetzt durfte sie annehmen , daß ihm etwas zugestoßen war ... Rasch warf sie sich einen Rock über , hielt einen großen rothen Shawl in Bereitschaft und trat wieder an die Thür ... Der Greis war allein und , wie sie hörte , in großer Aufregung ... Sie unterschied Worte , die er sprach ... Jetzt war es ihr , als wenn er um Hülfe rief ... Nun hielt sie sich nicht länger , sondern drückte die Thür auf und trat , so wie sie war , vom Shawl verhüllt , in ihrem von einem Häubchen zusammengehaltenen Haar , im weißen Unterkleide ein . Wie entsetzte sie sich aber , als der Kronsyndikus mit einem Stockdegen in der Hand aufrecht im Zimmer stand , bei ihrem Anblick auslegte und sie mit aufgerissenen Augen anstarrend anfuhr : Gespenst ! Zurück ! Was sagst du , daß du mein Weib bist ! Römische Schlange ! Ich - Lucinde stieß einen Schrei aus , denn mit dem gezückten Degen kam der Fieberkranke , Halbnackte dicht auf sie zu . Den Irrthum seiner Phantasie erkennend , ließ er in demselben Augenblicke den Degen fallen . Dieser klirrte auf ein Glas nieder , das vom Nachttisch des Nebenzimmers gefallen sein mußte , seines starken Bodens wegen aber nicht zerbrochen , sondern bis in das Wohnzimmer gerollt war , als dessen Thür von dem Aufgeregten geöffnet wurde . Lucinde , sagte der Greis , sie erkennend und seiner Erscheinung in einem Nachtkamisol und mit nackten Füßen nicht achtend , Lucinde , komm her ! Steh mir bei , ich sehe nichts als Blut - ich habe mich verwundet - Nein , Nein ! beruhigte ihn Lucinde , die sich im Mondenschein leicht orientiren konnte und einer Nacht gedachte , wo sie ebenso ihren Vater einmal , als er spät aus dem » Vorspann « gekommen war , zur Ruhe bringen half , während alle Geschwister um den Wahnsinnigscheinenden herumstanden und schrieen ... Sie achtete seines Aufzugs nicht . Der Fieberkranke ließ sich nicht bedeuten und sagte : Doch , Kind ! Sieh doch nur ! Da ! Und nun huschen diese Kerle alle um mich herum und stehen mir nicht bei ! Hunde , was schnuppert ihr denn nur an meinen Beinen ! Jesus Marie , laßt doch die Menschen aus der Stube ! Lisabeth , was soll denn der Mönch da in der Kutte ? ... Fort mit dem Buschbeck ! Sind Sie des Teufels , Herr ! Und schießen ihre giftigen Pfeile auf mich ab , Mensch ? Halt ! Halt ! Fort , brauner Teufel ! - Hier , - ha , was liegt denn da im Wege ? Worüber fall ' ich denn ewig ? Wieder der Dicke ? Jesus ! Bringt ihn mir doch fort ! Was liegt denn der Dicke mir ewig im Weg und läßt so die Menschen über sich fallen ! Lucinde that das Möglichste , den mit herzzerreißendem Jammer Phantasirenden zu beruhigen ... Zu wild aber jagten die Bilder vergangener Tage an dem Verzagten vorüber . Kaum hatte er Lucinden erkannt , war sie ihm doch schon wieder eine andere und vorzugsweise jene Schreckgestalt , die er erst zu sehen geglaubt hatte . Den rothen Shawl nannte er einen Königsmantel , die Haube die Krone der Semiramis - Mitten in seine Angstrufe mischten sich italienische Laute , die Lucinde nicht verstand ... Auch die Kunstreiterin schien vor seiner Phantasie auf- und abzugaukeln . Endlich hatte Lucinde den Klingelzug erreicht und zog diesen aufs heftigste ... Vor dem Ton fuhr der Greis zurück . Es mußte ihm sein , als hätte ihm mit diesem schrillen Laut jemand einen Schlag gegeben , so taumelte er und blieb eine Weile starr . Die Besinnung kehrte wieder . Lucinde klingelte zum zweiten mal . Er sah um sich , verglich den Ort , wo er war , sah rückwärts auf sein dunkles Cabinet , und wie Lucinde unerschrocken zum dritten mal geklingelt hatte , winkte er ihr zu mit vollkommenem Bewußtsein , sie sollte das nur lassen und jetzt gehen . Da sie zögerte , schüttelte er den Kopf , besah seinen Aufzug und sprach wiederholt und aufs bestimmteste : Geh , geh , Kind ! Ich habe schwer geträumt ... Das Mahl mit den Herren ... ich hätte nicht dabei sein sollen ... geh , geh ! Indem hörte man schon eilende Schritte auf dem Corridor , schon das Einsetzen des Schlüssels , den der Diener , um früh den Herrn wecken zu können , mit sich genommen hatte . Als der Diener eintrat , fand er seinen Herrn schon allein und bekam in ruhiger , wie Lucinde noch zitternd und bebenden Herzens belauschte , klar zusammenhängender Rede die Erklärung , daß er sich unwohl gefühlt und selbst geklingelt hätte , jetzt war ' es vorüber . Der Diener machte Licht , deutete auf die Splitter des Glases , auf den Degen . Es war gefährlich , den Kronsyndikus noch länger so im Zimmer in bloßen Füßen zu lassen ; er ging zu Bett , nachdem er dem Diener die Weisung gegeben , die Verbindungsthür des Cabinets anzulehnen und nebenan im Wohnzimmer auf dem Sopha zu schlafen . Jetzt erst verriegelte Lucinde . Sie hörte Zurüstungen , wie sich der Diener einiges Bettzeug holte und auf dem Sopha Platz nahm . Gepreßten Herzens ging sie auf ihr Lager zurück , wo sie bei ihrer Jugend und noch von der Reise nachhaltenden Ermüdung bald wieder in den Armen des Schlafes lag . Um vier Uhr weckte man sie . Schon war der Kronsyndikus nebenan hörbar . Als sie sich angekleidet hatte , hörte sie schon das Blasen des Postillons . In aller Freundlichkeit klopfte ihr Wohlthäter an die Thür und steckte den Kopf herein ... Lucinde fand ihn vollkommen beruhigt und zur Abreise gerüstet ... Des nächtlichen Vorfalls wurde keine Erwähnung gethan . Noch übergab ihr der Abreisende Geld , wirklich auch einige Schmucksachen und ermahnte sie , den » nun bald eintreffenden Doctor « so zu empfangen , wie sie es ihm , versprochen hätte . Mit einem Kuß auf ihre Stirn , einem langen Blick auf ihre ganze Erscheinung , als wollte er sagen : Seh ' ich dich wieder ? Und was wird wol aus dir alles noch werden ? ging er ... Sie folgte bis in den Corridor und wollte weiter ; an der Treppe aber hielt er sie schweigend zurück ... Unter den Kleinodien , die kostbar , aber wiederum von alter Facon waren , befand sich keines , auf welches die Erzählung des Bedienten gepaßt hätte . Er wird es zurückbehalten haben ... das Bild seiner - zweiten Frau ! sagte sie sich , legte einige der Brochen und Armbänder an , nahm sie dann wieder ab und ging noch einmal zu Bett . Sie schlief bis gegen neun Uhr . Dann begab sie sich in ihre neue Wohnung . 19. Haß und Bewunderung , Fluch und Segen setzte sich auch auf dem neuen Schauplatz seines Lebens an die Fersen eines Mädchens , das durch stetes Verpflanzen aus einer Lebenssituation in die andere eine seltene geistige Kraft gewinnt . Jetzt achtzehnjährig , entwickelte sich Lucinde nicht mehr in ihrer Aeußerlichkeit . Im Gegentheil nahmen die sanften und runden Formen , die dem halben Kinde schön gestanden hatten , einen scharfen Charakter an . Schultern und Hüften gewannen eine hervorspringende Bestimmtheit ; ja , sie fing an zu magern , wodurch das Feuer ihrer Augen um so brennender wurde . Die ganze Stadt war mit ihrem Erscheinen beschäftigt . Man definirte ihren Reiz nicht , man nahm ihn als den einer aparten Natur hin . In den Offizierskreisen sagte man : Sie hat Rasse ! Das deutsche Pferde-Arabien , Mecklenburg , lag nahe genug und entschuldigte einen Ausdruck , der vom Stalle kam . Für eine Spanierin besaß sie zu wenig Schwärmerei im Aufblick der Augen . Für eine Italienerin hatte sie das Phlegma und die äußere Kälte nicht . Einer Griechin entsprachen , wie es bei den Frauen allgemein hieß , die falschen Augen . Ein Wort wurde eine Zeit lang entscheidend . Ein dänischer Offizier , Dichter und Freund jenes Prinzen , hatte sie eine künftige Sibylle genannt . Ihre Feindinnen machten sogleich eine Hexe , Indifferente , eine Zigeunerin daraus . Sie trug sich in grellen Farben , liebte schwere Stoffe , bunten Schmuck . Bald zeigte sie sich zu Wagen , bald zu Roß . Als Amazone durch die Alleen des Schloßgartens hinsprengend , begleitet von den Männern , die sich um eine weibliche Erscheinung , die sich fühlt und zu geben weiß , von selbst finden , ohne gesucht zu werden , machte sie einen Eindruck der fesselndsten Art. Ein runder Herrenhut saß ihr tief im Nacken . Ein langes silbergraues Tuchkleid hing fast bis zu den Hufen des Rosses herab . Endlich kam Klingsohr . Daß er bald nach dem Wiedersehen innerhalb der Festung in Verzweiflung gerieth , läßt sich denken bei einem solchen Genuß ihrer Freiheit , wie ihn Lucinde sich gestattete . Die Eifersucht verzehrte ihn . Obgleich auf die Festung beschränkt , hatte er die volle Freiheit bekommen , Besuche zu empfangen . Auch stellte sich Lucinde anfangs fast täglich bei ihm ein , wandelte mit ihm auf dem Glacis Arm in Arm , bald aber verdroß sie die Beobachtung und der auf den Mienen der Offiziere sichtbare Spott . Als Klingsohr nach einigen Wochen schon die Erlaubniß bekommen hatte , einige Stunden des Tags auf Ehrenwort in der Stadt zu verweilen , gab es , wenn er in ihrer Wohnung vergebens auf sie wartete , bald die aufgeregtesten Scenen . Mußte er mit dem Glockenschlag Neun seine Rückwanderung antreten und sie war von irgendeiner Zerstreuung noch nicht wieder da , wie ergrimmte er in Zorn und Verzweiflung ! Jener Prinz war es vorzugsweise , der Lucinden mit Leidenschaft auszuzeichnen angefangen hatte . Sie ließ sich seine Huldigung wie die der andern gefallen . Aus dem angenommenen System , keinem zu gehören , trat sie um so weniger heraus , als sie den Ruf des Hauses , in dem sie wohnte , zu schonen , die bereits begonnene Empfindlichkeit ihrer nächsten Beschützer zu versöhnen hatte . Klingsohr wollte sie in Anfällen seiner Eifersucht oft einschließen , wie nach seinem Ausdruck jener Ritter seiner Melusine that . Er nannte sie in wüthenden Zornausbrüchen ein Weib ohne menschliches Blut , ein Halbgeschöpf von Feuer und von Wasser , eine Fischnatur ; er hätte sie täglich in einen Kasten schließen mögen , dessen Schlüssel er zurückbehielt und mit sich in die Festung nahm . Die Verzweiflung , sich nach allen Seiten hin gebunden zu fühlen , trieb ihn , wenn sie im Theater war , wo er nicht erscheinen sollte , wieder zu der alten akademischen Lebensweise zurück . Wieder gab es auch hier , in der Stadt und in der Festung , Bewunderer , die seinen Orakelsprüchen lauschten . Wieder schrieb er zwanzig Bücher zu gleicher Zeit . Wieder hatte er Systeme erfunden , die noch um einige Jahre zu früh gekommen wären , wenn er sie jetzt schon hätte veröffentlichen wollen . Ost mußte ihn die Ronde aus der Festung noch in der Stadt aufsuchen und fand ihn schon wieder da , wo die Staaten beim Klopfen der zinnernen Deckel erschüttert werden . Wie haßte sie ihn , wenn sie davon erfuhr oder er selbst noch kam , sie in den Folgen solcher Geselligkeit zu grüßen ! Gab sie ihre Fischnatur vollkommen zu , so war es , weil sie sagen konnte : Ich mache mich anheischig , vierzehn Tage lang nur von Wasser zu leben ! Der Winter brachte Gesellschaften , Bälle ... Allgemein erzählte man sich von einer Geschichte , die anfangs nur zu lachen gab ... Lucinde hatte jenen Prinzen so sicher gemacht , daß sie ihm sogar die Zusage zu einem von ihm aufs dringendste erbetenen Stelldichein gab . Der Prinz bewohnte eine Villa , eine halbe Stunde von der Stadt entfernt . Briefe , mündliche Botschaften , Vermittelungen von Beauftragten sollten an einem bestimmten Abend an dem Thor , das nach Bellevue , von dort nach der Villa des Prinzen führte , einen Wagen harren lassen , welchem eine Verschleierte zur bestimmten Stunde sich nähern würde . Der Wagen würde dann dem in der Villa harrenden Prinzen die so dringend und heiß ersehnte Eroberung zuführen ... Schon seit einigen Wochen hatte dieser Kampf gegenseitiger Bitten und Ablehnungen gedauert . Lucinde , die keine Uebereilung der Sinne kannte , legte eine Intrigue an , die ihrer Lust an Spuk und Schadenfreude entsprach . Eine große Vorliebe , die sie für das nicht ganz schlechte Theater der Stadt gefaßt , hatte sie mit einigen Mitgliedern desselben bekannt gemacht . Unter dem weiblichen Personal befand sich eine Sängerin für jugendliche Partieen , eine Erscheinung vom allerkleinsten Wuchse , aber um so größerer Gefallsucht . Sie hieß Henriette und wurde von den Studenten spottweise in Beziehung auf die berühmte Henriette Sontag Henriette Montag genannt . Dieser theilte sie unter veränderter Adresse schon lange jene Briefe des Prinzen mit , die an sie selbst gerichtet waren . Am Schluß schrieb sie regelmäßig mit nachgeahmter Handschrift einen Ort , an welchem der Prinz seine Antworten zu erhalten wünschte . Wie vorauszusehen war , kamen die geschmeicheltsten von der Welt . Diese stellte sie wieder dem Prinzen als die ihrigen zu . So gingen diese Briefe hin und her . Immer näher durfte der Prinz sich seinem Ziele gekommen glauben , und so war der Briefwechsel zwischen ihm und Lucinden eines Tages so weit , daß jenes Rendezvous vorzuschlagen gewagt wurde . Auch dieser Brief ging an die Sängerin ... Um die siebente Abendstunde stieg eines Tages an dem genannten Thore eine verschleierte Dame in den bewußten dort harrenden Wagen und fuhr ohne Zweifel einem demüthigenden Schicksal entgegen zur Villa . » Demüthigend « hatte Lucinde gedacht ... Was erlebte sie aber ? Der gespielte Streich kam zwar zur allgemeinen und belustigenden Kunde ; der Prinz jedoch , dem Spott sich entziehend , verschwand auf einige Zeit , nahm auch zuletzt seinen Abschied , ließ aber auch die kleine Henriette Montag von der Bühne zurücktreten , kaufte ihr in entlegener Gegend des Landes eine Besitzung , verschaffte ihr einen adeligen Namen und heirathete sie zuletzt in der legitimsten Form . Der Eindruck , den Lucinden diese unerwartete und schnell aufeinander folgende Wendung machte , war außerordentlich genug . Er steigerte sich bis zum offenbaren Verdruß . Der Neid , der sie erfüllte , legte sich mit der Zeit . Sie verweilte weit länger bei der Ueberlegung , worin das Fesselnde hier hatte liegen können , in welchem weiblichen Reize , in welcher Kunst des Gefallens , in welcher Macht , die Frauen auf Männer , allerdings hier von nur wenig Geist , auszuüben im Stande sind ? Dann aber wurde denn doch das allgemeine Aufsehen , das dieser Vorfall nach sich zog , und das ungünstige Licht , in dem sie dabei schon durch die gespielte Intrigue selbst erschien , Veranlassung zu Mismuth jeder Art. Sie erhielt den längern Aufenthalt in der achtbaren Familie , die sie aufgenommen hatte , gekündigt . Sie konnte froh sein , daß wenigstens Klingsohr über den Scherz mit dem Prinzen lachte . Ihm that der Vorfall als Beweis ihrer » Treue « wohl . Klingsohr ' s Haft , die in der That auf Gnadenwege bis zu einem Jahre gekürzt wurde , nahete sich ihrem Ende - aber auch in Lucindens Leben trat eine entscheidende Krisis ein . Gefahrvoll ist es einer geradezu auf die Wollin zugehenden Lebensbahn , wenn sie in den Motiven ihrer Handlungen einmal wechselt . Wer immer mit dem Verstande vorauswühlt , wohin er mit Hand und Fuß zur That nachschreiten soll , der verschüttet sich den Weg , wenn er plötzlich den Einfall bekommt , nicht dem Verstande , sondern dem Herzen folgen zu wollen . Eins darf man nur festhalten , entweder den Ruhm oder die Ueberzeugung . Alles zugleich erstreben , verdirbt eins das andere . Wer den Ruhm will , soll - die Weltphilosophie lehrt es - das Gewissen nicht hören ; wer das Glück will , muß auf die Ueberzeugung verzichten . So ist das Dasein . Die Menschen , die wie auf den Rennbahnen des Alterthums mit vier Rossen zu gleicher Zeit dahinsprengen können , von denen eins die Begeisterung , das andere die Mäßigung , das dritte die Tapferkeit , das vierte die Tugend ist , und die , so verschiedenartig auch die Rosse anziehen , doch zu einem großen Ziele kommen , gibt es nicht , außer sie wurden auf Thronen geboren . Geborene Herrscher können alle Kränze des edelsten Strebens zu gleicher Zeit gewinnen . Wie beklagenswerth , wenn sie den großen Vorsprung , den ihnen die Ordnung der Dinge für das Große , Gute und Ideale zu gleicher Zeit gelassen , nicht zu benutzen wissen und sie entweder nur beim Beschränkten stehen bleiben oder beim Gewaltthätigen ! ... Die Vortheile aber einer Lebensstellung , die Lucinden schon bis zur Gattin eines Prinzen erheben konnte , verlor sie , als sie einmal statt aus dem Verstande - aus dem Herzen handelte . In jener Schauspielertruppe , der die zur Gemahlin eines Prinzen erhobene » Zwergin « angehörte , zeichnete sich eine nicht mehr junge Schauspielerin aus , die sich Madame Serlo nannte , obgleich sie , wie man sagte , mit dem Helden und Liebhaber der Truppe dieses Namens nicht verheirathet war . Madame Serlo war groß , von majestätischer , fast zu imposanter Haltung ; denn nicht jede Rolle stand ihr und für die majestätischen fehlte ihr doch wieder die Größe der Empfindung , der Phantasie , des Schwunges . So blieben ihr nur die kalten Salondamen , in denen sie theilweise wirklich bewundert wurde ... Und in der That hatte das ehemalige Fräulein Leonhardi oder Madame Serlo eine Art , im Lustspiel mit einfachen Mitteln Wirkungen hervorzubringen , die ihr das Ansehen einer Künstlerin gaben . Mit zwei oder drei Rollen des Conversationsstücks blendete sie alles und manches große Hoftheater war schon in die Falle gegangen und hatte diese unübertreffliche Frau von Waldhüll im » Letzten Mittel « , diese Baronin von Wiburg in » Stille Wasser sind tief « engagirt , bis sich nach der vierten oder fünften Rolle die gänzliche Unbrauchbarkeit einer Semiramis ohne Leidenschaft herausstellte . Zu ihrer Figur paßte schon ein zu kleiner Kopf nicht . Die etwas stumpfe Nase , das gespaltene Kinn , die blauen Augen , alles war ausdruckslos . Bei alledem machte das Ensemble ihrer Erscheinung sich noch immer im Salonstück interessant und war für jeden eine Weile in dieser Sphäre einnehmend . Man rühmte überall ihre Formen , man verglich sie mit den Gestalten , die Tizian als Venus malte . Ihr Haar war blond , ihre Haut hatte eine Incarnation , auf die der Ausdruck Mischung von Milch und Blut im vollkommenen Sinne paßte . Gezwungen , niederzusteigen in die Sphäre , wo man sich kalt und empfindungslos dargestellt auch eine Jungfrau von Orleans , eine Julia , eine Luise Millerin gefallen lassen muß , wenn nur die Gestalt genügt und Costüme sowol wie eine gewisse Tournure die andern Mängel vergessen lassen , hatte Madame Serlo einen jungen Mann mit sich in ihre Sphäre hinuntergezogen , der einen kurzen Augenblick zu glänzenden Hoffnungen berechtigt schien . Serlo war aus einer der ehemaligen geistlichen Residenzstädte Deutschlands gebürtig und zum Priester bestimmt gewesen . Aus dem Seminar war er kurz vor der letzten Vorbereitung zum Empfang der Weihen entflohen und hatte theils aus Abneigung gegen den Stand überhaupt , für welchen ihn seine armen Aeltern bestimmt hatten , theils aus Unvermögen , irgendwie einen andern Beruf zu wählen , der ihn erhielt , theils endlich aus wirklicher Neigung die Laufbahn der Bühne eingeschlagen . Serlo ' s Wege waren anfangs die allerdornenvollsten . Nur um ein Mittagbrot zu gewinnen , schloß er sich reisenden Gesellschaften an , die in Scheunen Vorstellungen gaben ; selbst bei Gauklern und Taschenspielern leistete er auf Tage und Wochen Beihülfe , nur um nicht zu verhungern . Von Hause mit dem väterlichen Fluch und mit Steckbriefen verfolgt , mußte er schon deshalb bald in dieses , bald in jenes Verhältniß treten , nur um den Verfolgern seine Fährte abzuschneiden . Mit der Zeit milderte sich dann der Haß der Seinigen , die Vexation der Behörden . Er fand einige Gesellschaften , die in etwas anständigern Formen auf Rechnung der » dramatischen Kunst « das Leben ihrer Mitglieder fristeten . Serlo ' s schöne Mittel gewannen ihm allmählich ein Vertrauen , das er freilich durch sein Talent noch nicht rechtfertigte . Er war schlank gebaut , hatte dunkle , feurige Augen , schwarzes Haar , eine frische Farbe , die sich