' s ersparen können , mit dir zu reden ; aber darum grad hab ich dich ja hieher bestellt , denn mit dir ist mir ' s nicht verboten . « » So red , daß man weiß , wie man mit dir dran ist . « » Sieh , Jerg , wie ich die Stell bei meinem Vetter besetzt gefunden hab und ist meines Bleibens nicht gewesen , da ist mir die Welt auf einmal vorkommen wie ein groß Wasser , in das ich gestoßen bin und untergesunken bis an Hals . Ich hab auch die Welt erst kennenlernen und hab jetzt eingesehen , daß es nicht so leicht ist , in dem Wasser zu schwimmen , als ich vorher gemeint hab , und hab keine Gelegenheit hinausgelassen , mit verständigen Leuten drüber zu reden , die in der Welt herumgekommen sind . Sieh , überall ist alles zünftig , und da kann man nicht so hineinsitzen , wie man will . Das kann nur der , der ein Geschäft ererbt oder so viel Geld hat , um sich eins zu kaufen . Andere schlupfen hinein , indem sie eine Meisterstochter oder Witwe heiraten , und dabei muß man oft ein Aug zudrucken und dem Teufel ein Bein brechen , auch oftmals einen krummen Buckel machen , bis man allen recht ist , die ein Wort mitzureden haben , oder man muß gar zum schlechten Kerl werden , seinen Eid brechen und seinen Schatz sitzenlassen , vielleicht mit dem Kind dazu . Wieder andere kommen gar nicht hinein und bringen ' s ihr Lebtag zu nichts . Ich hab glaubt , wenn ich die Christine nachkommen ließ und tät ihr einen Dienst verschaffen , so könnten wir , jedes in seinem Dienst , nach und nach einiges erübrigen und einander zuletzt heiraten . Aber Kutz Mulle , blas Gersten , da könnten wir dienen und ledig bleiben unser Leben lang . Ja , wenn mein Vetter mich hätt bei sich behalten können und hätt mich vielleicht liebgewonnen , der hätt mich auf die ein oder ander Art versorgen können , so daß ich gar nicht mehr zurückgekommen wär und die Christine auswärts geheiratet hätt . So aber ist das nichts gewesen , und ich bin auf einmal rat- und hilflos dagestanden in der weiten Welt . Mein Vetter hat mich zwar liebreich gehalten und hat mich heißen als Gast bleiben ; aber ich bin mir eben fremd vorkommen und hab ihm nicht in die Länge beschwerlich sein wollen . Ich sag dir , Jerg , ich bin dir ganz verzagt gewesen und hab nicht mehr gewußt , wo aus noch wo ein , grad wie ein Kind , das aus seinem Bett gefallen ist , und tappt in der Nacht herum und kommt nicht mehr zurecht , oder wie einer , der das Wasser am Kinn spürt und keinen Boden unter den Füßen mehr und in der Angst nach einem Strohhalm langt . Du magst vielleicht denken , ich hätt doch versuchen sollen , anderswo in der Fremde in einem Dienst unterzukommen . Aber ich hab kein Glück : das hab ich gleich gesehen , wie ' s bei meinem Vetter nichts gewesen ist . Und wenn ich bei fremden Leuten in Dienst gangen wär , so hätt ich damit eine große Scheidewand zwischen mir und meinem Vater aufgerichtet und hätt ihm gezeigt , daß ich ihm Trotz bieten will ; wenn mir ' s nachher in der Welt nicht geglückt wär , wie ' s wahrscheinlich ist , so wär mir die Heimat zugeschlossen gewesen , und ich hätt der Christine zweimal nicht Wort halten können , was mir doch die Hauptsach ist . Auch ist mir ' s durch den Kopf gefahren , beweisen kann ich ' s freilich nicht , daß des Gerichtsschreibers Sohn von Boll , der mich bei meinem Vetter verdrängt hat , weil er schon vor mir Anwartschaft gehabt hab , daß der vielleicht meinem Vetter einen Floh ins Ohr gesetzt hat - « Er stockte . » Von wegen deiner Liebschaft ? « meinte Jerg . » Nein « , sagte Friedrich und ließ die Stimme sinken , » er hat ' s ihm vielleicht gesteckt , ich sei nicht ganz hautrein und sei schon in Ludwigsburg gewesen . « » Das wär aber liederlich , das wär schlecht ! « sagte Jerg . » Ich trau so einem Schreiberssöhnle nicht viel Guts zu ; er hat vielleicht besorgt , ich könnt ihm doch vielleicht noch den Rang ablaufen , und das wär auch keine Kunst für mich gewesen . Kurzum , ich bin auf einmal wie an der Welt End gestanden , wo sie mit Brettern vernagelt ist , und hab mir sagen müssen , daß da eben nichts übrigbleibt , als umkehren und gute Wort geben . Wie ich dann vollends bedacht hab , was das einen Spott und ein Gelächter geben wird , wenn ich schon wieder komm , und hab ' s doch nicht anders machen können , wenn ich nicht alle Brücken zwischen mir und meinem Schatz hab abwerfen wollen , da ist mir der Mut ganz und gar gesunken , und hab nichts mehr vor Augen gesehen , als daß ich eben jetzt alle Schmach muß auf mich nehmen und zu Kreuz kriechen . Herr Gott , wie ich noch ein Bub gewesen bin und hab Schläg kriegt , da hab ich nicht gemuckst und hab sagen können : Ich will noch mehr ! daß mein Vater schier verzweifelt ist . Und jetzt , wo ich groß bin , hab ich dir Brief nach Haus geschrieben - Brief - ich sag dir , Jerg , der jämmerlichst Bettler schreibt nicht erbärmlicher und demütiger . Aber ich hab eben gar nichts anders mehr gewußt , und - die Heimat ist halt doch das Best in der Welt . Doch hab ich bloß Gehorsam versprochen . Aber das hat mich nichts genutzt . Wie man einmal gesehen hat , daß ich gehörig mürb bin , und das ist kein Wunder , denn ich hab den Amtmann noch auf ' m Hals gehabt , da hat man mich noch weiter trieben . Ich bin nicht eher angenommen worden , als bis ich buchstäblich versprochen hab - ich hab dir ' s ja schon gesagt und will ' s nicht wiederholen . « » Und was soll ich ihr jetzt sagen ? « fragte Jerg . » Was ich meinem Vater versprochen hab , das halt ich ihm , aber ich halt auch , was ich deiner Schwester versprochen hab , und das geht vor , denn es ist ein älteres Versprechen . Auch hab ich keineswegs geschworen , daß ich sie in alle Ewigkeit nicht mehr sehen , noch ihr schreiben wolle , und noch weniger hab ich gesagt , ich wolle mein Herz von ihr abziehen und ihr mein Wort brechen . Zwischen uns bleibt alles im alten Recht . Sag ihr nur , sie solle etliche Zeit Geduld haben , wie ich mich auch gedulden muß . Ich muß erst wieder festen Boden unter den Füßen haben , damit ich in Ruh sehen kann , wie Has lauft , und kann Zeit und Gelegenheit walten lassen . Vielleicht wächst der Axt von selber ein Stiel . Sag ihr , jedenfalls nehm ich keine andere , und wenn ich Haus und Hof dahinten lassen müßt oder müßt alt und grau mit ihr werden , bis wir vor den Altar kommen . Das muß ihr für jetzt genug sein . Und deinem Vater sag , es bleib bei unsrer Abred , und er soll sie bei sich behalten , wie wir ausgemacht haben , bis etliche Zeit verstrichen ist ; sowie ich wieder ein wenig zu Kräften komm , will ich ihn dafür schadlos halten . Du aber versprichst mir , daß wir uns je und je im Beckenhaus treffen , damit ich Nachricht von meinem Schatz hab ; denn du bist jetzt mein Mündlich ' s und mein Schriftlich ' s mit ihr . « » Bleib ' s dabei « , sagte Jerg . » Und jetzt sag mir noch eins , offen , Aug in Aug : glaubst du meinen Worten und willst du dich bei den Deinigen und bei deiner Schwester für mich verbürgen , daß ich ' s noch so treulich mein wie sonst , trotzdem daß der Schein gegen mich ist ? Die Hand drauf , Schwager , Bruderherz ? « » Ja , ich glaub dir , da hast meine Hand . « » So , jetzt geh ich mit leichterem Herzen heim . Gut Nacht , und grüß mir mein ' Schatz vieltausendmal . « 17 Bald genug sollte Friedrichs Ahnung , daß der natürliche Gang der Dinge von selbst zwischen zwei widerstreitenden Versprechen entscheiden werde , in Erfüllung gehen . In der Stellung des dienenden Sohnes , in die er zurückgetreten , waren ihm ein paar Monate leer und trüb dahingegangen , ohne daß seine Herzensangelegenheit einen weiteren Zusammenstoß zwischen ihm und seinem Vater verursachte . Diesem genügte es , seinen Sohn der herrschenden Sitte gemäß ehrlich und christlich , wie die stehende Redeweise der Zeit sich ausdrückte , erzogen zu haben , und er meinte seine ganze Verantwortlichkeit abgetan , wenn er einem Irrweg desselben die einfache Schranke des väterlichen Verbotes entgegensetzte . Er glaubte ihm weder die Gründe , durch welche ein älterer Freund die unerfahrene Jugend manchmal von einem Fehlgriff abzuhalten vermag , noch die Achtung vor der Freiheit des menschlichen Willens schuldig zu sein , der über sich selbst zu verfügen berechtigt ist , und wenn er auch den Einsatz mit dem Preise der ganzen Zukunft bezahlen müßte . Was Wunder , wenn der Sohn für dieses starre Nein , das er von Anfang an vorausgesehen , ein ebenso starres Ja in Bereitschaft hatte , dessen zeitweilige Hintanhaltung eben jenen Waffenstillständen glich , die man im Kriege nur deshalb schließt , um bei einer vorteilhaften Gelegenheit wieder losschlagen zu können . Er hielt buchstäblich Wort und vermied in dieser ganzen Zeit jedes Zusammentreffen mit Christinen . Auch besuchte er keinen Tanz , denn er wußte wohl , daß er sie nicht daselbst finden würde . » Ich will sie lieber so lang gar nicht sehen « , sagte er zu Jerg , » denn einander sehen und nichts voneinander haben , das tut viel weher ; sag ihr nur , sie soll derweil fleißig an mich denken , ich werd das im Arm oder noch besser im Herzen spüren . « Er traf häufig mit ihm im Bäckerhause zusammen ; das eine Mal sprach er lustig mit ihm dem Grillengifte zu und bekannte , daß er erst jetzt einsehe , wie richtig er es getauft habe ; das andere Mal sah man die beiden lange Zeit miteinander flüstern , wobei Christinens Bruder Nachrichten von bedenklicher Art zu bringen schien , welche Friedrich gelassen aufnahm und , nach seiner Miene zu schließen , mit ermutigenden Zusicherungen beantwortete . Die Bäckerin , die kränkelnd im Sorgenstuhle saß , beobachtete solche Unterredungen mit Kopfschütteln und sprach gegen ihren Mann die nämliche Vermutung , die der Chirurg in einem lateinischen Zitat angedeutet hatte , mit deutschen Worten aus . Allmählich begann auch im Flecken ein neues Gemurmel umzulaufen , das zuerst von den jungen Mädchen aufgebracht und bald auch durch die Pfarrmagd vom Brunnen in den Pfarrhof überliefert wurde . Man stichelte und spottete , daß Christine nicht mehr aus dem Hause zu gehen wage , woran sie doch sehr klug tat , denn sie hatte , als sie sich zuletzt auf der Straße blicken ließ , bemerkt , daß man mit Fingern hinter ihr herdeutete . Der Fischer aber hatte niemals ein so reiches Geschenk aus der Sonne heimgetragen , als an dem Tage , wo er der Sonnenwirtin berichtete , was über die Tochter des Hirschbauers gezischelt und gemunkelt wurde . Eines Abends kam der Bäckerjunge zu Friedrich in die Sonne und hinterbrachte ihm heimlich , der Jerg sei im Bäckerhause und lasse ihm sagen , daß er doch gleich hinkommen möchte , denn er habe etwas Dringendes mit ihm zu reden . » Du , ' s ist Feuer im Dach « , - mit diesen Worten empfing ihn sein Geselle , als Friedrich sich zu ihm setzte - » meine Schwester ist auf morgen vor Kirchenkonvent geladen . « » Gottlob ! « rief Friedrich , » jetzt kommt ' s doch endlich zum Treffen ! Sag ihr nur , ich werd noch heut bei ihr sein . « Er trank schnell aus und eilte nach Hause zurück . Da er seinen Vater mit Essen beschäftigt fand , so setzte er sich in eine dunkle Ecke , wo er wartete , bis derselbe fertig sein würde . » Was hast ? Was guckst ? Hast Hunger ? « fragte dieser , den seines Sohnes auf ihn gerichteter Blick beunruhigte . » Nein , Vater , ich muß Euch etwas sagen und will Euch nicht überm Essen stören , weil ich weiß , daß Ihr das nicht leiden könnt . « Der Alte , der etwas neugierig war , beschleunigte seine Mahlzeit . » Nun , was ist ' s ? « fragte er dann vom Tische aufstehend . Friedrich stand gleichfalls auf . » Vater « , sagte er , » ich hab Euch versprochen , mit der Christine keinen Verkehr mehr zu haben , weder schriftlich noch mündlich , und hab das auch streng gehalten bis daher . Jetzt aber ist an der Sach ein anders Trumm aufgangen , die Christine ist vor Kirchenkonvent zitiert - « » Liederlicher Hund ! « schrie der Alte und hob die Hand auf , ließ sie aber alsbald wieder sinken , da er gewahrte , daß sein Sohn , ohne einen Schritt vor dem Schlage rückwärts zu weichen , in drohender , entschlossener Haltung vor ihm stand . Es kam ihm erst jetzt klar zum Bewußtsein , daß er eigentlich immer eine geheime Furcht vor ihm gehabt habe . » Inkommodiert Euch nicht , Vater « , sagte Friedrich , » über das bin ich hinausgewachsen , und was das Schimpfen anbetrifft , so weiß ich , daß Ihr auch jung gewesen seid - Ihr werdet mich verstehen . « » Sprichst du so mit deinem Vater ? « schrie der Sonnenwirt , der wütend und zugleich in einiger Verwirrung durch die Stube hin und her lief . Seine Frau hatte ihm von ihrer ausgekundschafteten Neuigkeit nichts mitgeteilt , sei es , daß sie eine für den Stiefsohn besonders ungünstige Gelegenheit abwarten oder daß sie ihren Mann von dem amtlichen Verlauf der Sache überraschen lassen wollte . » Mein Sprechen « , sagte Friedrich , » hat keine weitere Absicht , als daß mein Vater ein billig ' s Einsehen haben soll , und wenn auch nur in dem Punkt , daß ich notwendig mit dem Mädle reden muß , eh sie vor die Herren kommt , denn sonst weiß ich ja gar nicht , was sie dort aussagt . « Der Alte hielt in seinem Toben inne . » Wenn du das Mensch dahin bringen kannst , daß sie nicht auf dich aussagt « , versetzte er , » so kannst mit ihr reden , so viel du willst . Aber das wiederhol ich dir und will dich erinnert haben , daß ich dir ' s schon einmal gesagt hab , glaub nur nicht , ich hätt einen Kreuzer übrig , um dir aus solchen Streichen herauszuhelfen . Find du sie ab , wie du kannst , und friß aus , was du mit ihr eingebrockt hast , - ich helf dir nicht dabei . « » Fürs Abfinden wär ja noch mein Mütterlich ' s da « , erwiderte Friedrich , » und so braucht ich Euch nicht zur Last zu fallen . « » Da wird viel übrig sein « , höhnte der Alte , » wirst weit damit springen nach solchen Sprüngen , die du schon gemacht hast . « » Ich will jetzt nicht darüber streiten « , sagte Friedrich , » ich bin zufrieden , daß Ihr mir mein Wort zurückgegeben habt und daß ich mit dem Mädle reden kann , ohne wortbrüchig zu werden . « Er brach schnell ab , um weitere Erörterungen zu vermeiden . Als er sich entfernt hatte , erzählte der Sonnenwirt seiner Frau , die aus der Küche kam , was zwischen ihm und seinem Sohn verhandelt worden war . » Du hast den Gaul am Schwanz aufgezäumt « , sagte sie , » daß du ihm sein Wort zurückgibst . Jetzt geht das alt Luderleben wieder an . Und dazu den Schimpf und die Schand ! « - Sie wußte so gut zu lamentieren , wie er vorhin zu toben gewußt hatte . » Er hat versprochen , das Mädle rumzubringen , daß sie nicht auf ihn aussagt « , erwiderte der Sonnenwirt . Seine Frau trat voll Verwunderung einen Schritt zurück . Sie hatte besser von ihrem Sohne gedacht und fühlte sich durch diese Mitteilung sonderbar überrascht . » Wär ' s möglich ? « sagte sie . » Aber sieh zu , das sind am End faule Fisch . « » Gelogen hab ich nicht « , murmelte Friedrich bei sich , während er den lange nicht betretenen Weg zu Christinen einschlug . » Was kann ich dafür , daß mein Vater mit so schlechten Gedanken umgeht . « Es war , als ob er in ein Trauerhaus käme , als er in die Stube des Hirschbauers trat . Die Alte heulte bei seinem Anblick laut auf und fuhr sich in die Haare , als ob sie sie ausraufen wollte , und der kleine weißköpfige Bube , der sich an ihrem Rocke hielt , heulte vor Angst mit , ohne von dem Vorgang etwas zu verstehen . Der Bauer , ohnehin von Alter und Mangel erschöpft , saß ganz gebeugt und gebrochen auf einem schadhaften Stuhl am Ofen ; seine beiden älteren Söhne lehnten ernsthaft , doch ohne sichtbare Betrübnis neben ihm an der Wand . Christine aber flog , gleichfalls laut weinend , dem Ankömmling entgegen . » Mein Frieder , mein Frieder ! « schrie sie an seinem Halse . » Bist endlich da ? Sieh , ich kann mein Elend auf keinem Berg übersehen ! « » So bleib im Tal « , erwiderte er . » Jetzt treibt er noch sein Gespött mit uns « , sagte der Alte mit dumpfer , sinkender Stimme . » Nein , alter Vater « , erwiderte Friedrich , indem er , Christinen um den Leib haltend , zu ihm trat und seine Hand mit Gewalt faßte , » ' s ist mir jetzt eben nicht spöttisch zumut , aber ich seh nur nicht ein , was es für ein Jammer sein soll , daß ich jetzt endlich vor den Herren und vor der ganzen Gemeinde erklären kann , daß ich mich mit der Christine in allen Treuen versprochen hab und sie heiraten will . Und das sagst du morgen vor Kirchenkonvent , Christine , und gibst alles an , wie ' s wahr ist , und sagst unverhohlen , ich sei der Vater zu dem Kind , das du unterm Herzen trägst . Heulet doch nicht so « , wandte er sich zu der Alten , die bei diesen Worten wieder in ein lautes Geschrei ausbrach , » das ist eine natürliche Sach , wer A gesagt hat , muß auch B sagen , und mich wundert ' s nur , daß die Leut noch so ein Zetermordio drüber verführen können , da es doch so oft und allerorten vorkommt . Es ist nur , bis das Kränzle verschmerzt ist . Sehet einmal die Kinder an , die das Kyrie nicht abgewartet haben , und vergleichet sie mit den andern , die rechtmäßig kommen sind . Ist ein Unterschied zwischen ihnen ? Und macht man noch einen Unterschied zwischen einer Frau , die vor zehn , zwanzig Jahren am Mittwoch hat vor dem Altar stehen müssen , und einer , die ihr Kränzlein in Ehren , wie sie ' s heißen , vor den Menschen , aber vielleicht nicht vor Gott getragen hat ? Wenn einmal Gras drüber gewachsen ist , so verzollt jedermann die ein für so gut wie die ander , und denkt keine mehr dran ; ja , es ist schon oft genug vorkommen , daß eine , statt an ihre Vergangenheit zurückzudenken , ihre jüngeren Leidensschwestern aufs bitterste verfolgt hat , und ist noch liebloser mit ihnen umgangen , als eine , der man nichts hat vorwerfen können . So darfst du ' s einmal nicht machen , Christine , sonst halt ich dir einen Spiegel vor , in dem du etwas schauen kannst , was dir solch ein unchristlich ' s Betragen verbieten soll . « » Er ist doch ein sündhafter Mensch « , sagte der Hirschbauer , den übrigens Friedrichs Reden sichtlich aufgerichtet hatten . Die Alte aber verharrte in ihrer Trostlosigkeit und schalt ihn heftig , daß er es mit einer so wichtigen Sache , wie das Ehrenkränzlein , so leichtfertig nehme . » Von wem hab ich das gelernt ? « entgegnete er . » Bei armen Leuten freilich , die das Strafgeld nicht aufbringen können , ist ' s etwas Wichtig ' s , weil sie dann einen Schimpf auf sich nehmen müssen , der nicht so bald wieder von ihnen abgeht . Von den Vermöglicheren aber steckt die Herrschaft das Geld dafür ein , und was ich mit Geld bezahlen kann , das kann ich doch nicht so schwer nehmen . Jetzt saget selber , wer handelt und redet leichtfertig , die Herren oder ich ? « » Ja , wenn mein Kind schellenwerken müßt « , sagte der Bauer , » das tat mich vollends unter den Boden bringen . « » Dafür bin ich noch da « , versetzte Friedrich . » Ihr werdet doch nicht glauben , solang ich noch einen Kreuzer hab , werd ich ' s zulassen , daß mein künftig ' s Weib die Straf mit dem Karren abverdienen muß . « » Wenn Er nur auch auf Seinem Sinn bleibt ! « seufzte die Alte , die sich nach und nach gleichfalls ein wenig zufrieden gab . Er tat seine reiche Schatzkammer von Schwüren und Beteuerungen auf und spendete nicht karg daraus . Sein zuversichtliches Wesen beruhigte die Familie allmählich , wie seine Erscheinung Christinen schon längst beruhigt hatte . Ungescheut zog er sie zu sich nieder und saß am Tische , als ob er nach längerer Abwesenheit sich mit seinem Weibe auf Besuch bei den Schwiegereltern befände . Er ließ Wein kommen und steckte mit Hilfe desselben alle durch seine muntere Laune an . Der alte Hirschbauer , wenn er auch noch von Zeit zu Zeit den Kopf schüttelte , ließ sich doch durch seine unbefangene Art , die Dinge anzusehen und anzufassen , einmal übers andere zum Lächeln bringen ; die beiden Söhne aber , durch Friedrichs herzhaftes Auftreten ganz und gar gewonnen , erfüllten die Stube mit Gelächter über die lustigen Einfälle , die er zum besten gab . Die Bäuerin , nachdem sie den peinlichen Teil des Gesprächs einmal überstanden und hinter sich liegen hatte , suchte ihre Neugier zu befriedigen und ließ sich von seiner weiten Reise erzählen , wobei der kleine Wollkopf an seinen Lippen hing und mit aufgerissenem Munde in die zunehmende Heiterkeit einstimmte , die er so wenig begriff , als er zuvor den Jammer begriffen hatte . Christine aber lehnte sich selig , und durch kein elterliches Verbot gestört , an ihren Liebsten an ; es war ihr wie ein Traum , daß er ihrer Unglücksahnung zum Trotze so bald wieder zurückgekommen und dennoch so lange für sie nicht auf der Welt gewesen war . Jetzt aber war er ihr auf einmal wie ein Stern gerade in der schwärzesten Nacht aufgegangen , und sie vergaß das Elend , das ihr vorhin so unübersehbar gedeucht hatte , vergaß , daß sie morgen vor dem geistlichen Gericht erscheinen sollte , um sich zu verantworten wegen der Missetat , die sie aus Liebe zu ihm begangen hatte . 18 Morgens in aller Frühe war Friedrich schon wieder bei Christinen , um ihr die Stunden der Angst bis zu dem Gange , den sie diesen Vormittag anzutreten hatte , zu vertreiben , noch mehr aber , um vor der öffentlichen Erklärung , welche er zu geben beabsichtigte , jeder Unterredung mit seinem Vater auszuweichen , der wirklich zu glauben schien , er werde , in den Lauf der Welt sich fügend und von der Unmöglichkeit einer anderen Handlungsweise übermannt , sein Mädchen die ganze Verantwortlichkeit für das Geschehene allein tragen lassen . Die gefürchtete Stunde war endlich angebrochen . Er nahm Christinen an der Hand und führte sie mit tröstlichen Worten von ihren Eltern fort . Arm in Arm ging er mit ihr durch den Flecken , und die lachende Frühlingssonne , die zu dem Gange schien , bestärkte ihn in dem Glauben , daß die himmlischen Mächte ob dieser Liebe nicht zürnten . Er trat aufrecht wie ein Sieger neben Christinen einher , die mit niedergeschlagenen Augen an seiner Seite ging , und die Leute , die ihnen begegneten , machten zwar verwunderte Gesichter , wagten aber doch erst , nachdem das Paar vorüber war , die Köpfe zusammenzustecken und einander ihre spöttischen Bemerkungen mitzuteilen . Am Rathause ließ er ihren Arm los : » So , jetzt mußt dein ' Strauß allein ausfechten « , sagte er , » aber wenn ich gleich nicht dabei sein darf , so hab nur guten Mut , du weißt ja , daß ich nicht weit bin und dir nachher im Protokoll beispringen werd ; hier unten will ich deiner warten . « - » O Frieder , wie ist mir das Herz so schwer , und ich schäm mich so vor den Herren « , erwiderte sie . - » Hätt fast was gesagt ! « rief er und trieb sie die Treppe hinauf , » schämt sich eine Braut auch , zur Hochzeit zu gehen ? Sei du froh , daß wir endlich einmal wenigstens im Kirchenkonventsprotokoll miteinander kopuliert werden ! « Er wartete lange unter dem Rathause . Da er sich den neugierigen Blicken der Pfarrerin ausgesetzt sah , die von ihrem Fenster auf ihn herabschaute , so wechselte er seinen Standort , doch so , daß er immer die Türe des Rathauses im Auge behielt . Allein er mußte von manchem Vorübergehenden neugierige Fragen aushalten , denn auf dem Lande steht man nicht ungestraft an einer Ecke ruhig still , und beinahe hatte er die Geduld verloren , als nach einer vollen Stunde Christine auf der Rathausstaffel erschien und sich nach ihm umsah . Er winkte ihr . » Du hast aber lang gemacht « , sagte er verdrießlich , » ich glaub , du hast alles , was sich seit deiner eigenen Geburt zugetragen hat , gebeichtet . « - » Was kann denn ich dafür ? « erwiderte sie . » Halt dich nur parat , der Büttel folgt mir auf ' m Fuß , ich hab ' s noch gehört , wie er Befehl erhalten hat , dich vorzuladen . « - » Wart am Bach drüben auf mich « , sagte er , » da gehen nicht so viel Leut . « - Sie eilte von ihm weg , froh , aus der Nähe des Rathauses zu entkommen . Kaum war sie verschwunden , so kam der Schütz heraus und winkte ihm . » Er erspart mir einen Gang « , sagte er . - » Und einen Schoppen ? « lachte Friedrich . - » In der , Sonne « , erwiderte der Schütz grinsend , » hätt ich , schätz wohl , heut keinen bekommen , das Geschäft trägt ' s nicht aus . Übrigens ist hier keine Zeit nicht zu verlieren , Er ist vor löbliches Kirchenkonvent zitiert und hat ohne Aufenthalt zu erscheinen . « - » Das kann geschehen « , erwiderte Friedrich und ging die Treppe hinauf . Als er an der Türe des Rathauszimmers auf sein Klopfen keine Antwort erhielt , trat er mutig ein und wünschte einen guten Morgen , blieb jedoch an der Türe stehen . An dem Tische mit geschweiften Füßen , über welchem ein neugemaltes Bild der Justitia hing , saß der Pfarrer obenan , neben ihm der Amtmann , dann der Anwalt , der als Untergeordneter des Amtmanns die Schulzenstelle versah , nach diesem ein Mitglied des Gemeindegerichts und zuletzt der Heiligenpfleger . Diese zusammen bildeten das gemischte Kollegium der Kirchenzensur , dessen vorherrschend geistlicher Charakter , ungeachtet der weltlichen Beimischung , in seinem Namen und im Vorsitze des Pfarrers zu erkennen ist . Das Magistratsmitglied , das über dem Heiligenpfleger saß , blickte den Eintretenden besonders finster an : es war sein Vormund , der sich nicht wenig schämte , seinen Pflegesohn unter solchen Umständen im Verhör zu erblicken . Der Pfarrer räusperte sich . » Tret Er näher daher « , sagte er . Friedrich trat einige Schritte vor . » Es ist mir « , begann der Pfarrer , » von christlich denkenden Leuten , welchen Ärgernis in der Gemeinde leid ist , fürgebracht worden , wie daß die Christina , des Hans Jerg Müllers , Bauren , Tochter , im Geschrei sei , daß sie mit einem Kinde gehe . Als sie daher vor dieses löbliche Zensurgericht fürgeladen worden , hat sie ihre Schwangerschaft nicht leugnen können , und auf Befragen , mit wem sie sich göttlichen und menschlichen Gesetzen zum Trotz vergangen , hat sie Ihn als Vater zu ihrem Kind angegeben . Ist das wahr ? « » Ja , Herr Pfarrer und ihr Herren