mit Fruchtbarkeit und Schönheit . Was unser Himmel bietet , fand man auf der Insel , der Hafen von Kastron war gefüllt mit Schiffen aller Nationen , und hundertzwanzigtausend thätige , wenn mit der türkischen Herrschaft und ihrer Willkür auch nicht zufriedene , so doch ruhige und fleißige Menschen bewohnten die Insel . Das kam , weil von Constantinopel selbst uns Schutz und Schirm gegen die Tyrannei wurde , unter der unsere Brüder auf den Cycladen und dem Festlande seufzten , denn Chios gehörte Fatme Sultana , der Schwester des Großherrn , als Eigenthum , und sie bezog jährlich nicht weniger denn zwölfhundert Beutel7 von unserer Insel , die den Mastix erzeugt wie kein anderer Ort in der Levante . Wie bald sollten wir Jene beneiden lernen ! Ich war in Ipsara geboren , aber schon als Knabe in das Haus Deines Vaters gekommen und hatte ihn auf vielen Reisen nach Athen , selbst nach Triest und Constantinopel begleitet . Der Name Deines Vaters war geachtet und er zählte zu den Patrioten , die über dem Gewinn des Handels und dem Klange des Goldes nicht vergaßen , daß der Besitz ihrer Habe , ja ihrer Familie und ihres Lebens nur Schein und von der Willkür des Muselmannes abhängig war , daß unser heiliger Gottesdienst nur gegen schwere Geschenke an die Machthaber geduldet wurde und jedes Rechts entbehrte , daß die Ehre unserer Frauen und Töchter das Spiel der Lüste unserer Herren blieb und der Moslem verächtlich vor dem eingebornen Sohne des Landes ausspie und ihn Giaur nannte , wenn er demüthig an ihm vorüberging . Wir waren elender , als das von Gott verfluchte Volk der Erde ist ! Es bestand damals - und man hat mir erzählt , daß er seit mehr als hundert Jahren unter meinem Volke bestanden - ein geheimnißvoller Bund , Elpis8 genannt , der über das Festland und alle Inseln , ja weit hinein nach Asien und über Byzanz hinaus ging und alle Besseren , Tugendhaften und Tapferen unseres Volkes in seinen Reihen zählte . Wo die tausend Felseninseln wie Sterne auf dem blauen Meere schwimmen , da giebt es kleine Eilande , unzugängliche Berge , auf die sich freie Männer geflüchtet haben und wohin noch nie der Fuß eines Moslems ungestraft gekommen ist . Hier ist die Wiege der griechischen Freiheit , und aus diesen Felsenbuchten , in deren Schutz die Häupter der Elpis sich alle vier Jahre zu versammeln pflegen , ging der ewige Krieg aus , den , von den Franken verlassen , unser Volk wenigstens im Einzelnen seit Jahrhunderten gegen die Ungläubigen geführt hat . Frei wie der Palikare auf den Bergen Livadien ' s und des Taygetos war der Capitano , der auf seiner schwarzen Felucke mit kühnen Männern das Aspri Thalassa9 durchstrich und leicht , wie die Schwalbe die Lüfte durchzieht , hinauf bis zum weißen Lemnos zog oder vor dem Golf von Saloniki kreuzte , und überall den schwerfälligen Moslem , den habgierigen Franken überfiel und besiegte . Dein Vater , Gregor , gehörte seit Jahren der Elpis an , und als die Stunde gekommen war , wo auf dem Festlande die Fahne des Kreuzes gegen den unerträglichen blutigen Druck erhoben werden sollte , eilte er dahin . Wundert Euch nicht , daß ich , ein schlichter Kameeltreiber , so genau die Geschichte meines Landes kenne , aber die Namen , die ich nenne , sind mit Blut in die Tage meiner Jugend geschrieben . Vom Norden , vom großen Czar aus Moskau her kam auch damals der Ruf unserer Freiheit . Fürst Ypsilanti zog in das Land ein , das an dem großen Strome liegt , der uns von unsern russischen Brüdern scheidet10 , aber die heilige Schaar11 fiel unter der türkischen Uebermacht , und der Großherr in Constantinopel schwor bei seinem Barte , Alles zu vertilgen , was Grieche hieß in diesem Lande12 . Auch zu uns kam die Kunde , wie man in Constantinopel , in Smyrna und Salonichi alle Kirchen zerstört , wie man unser Volk beraubt und gemartert , unseren ehrwürdigen Erzbischof , den heiligen Gregorius13 , ermordet hatte . Da entbrannte in den Herzen unseres Volkes die heilige Flamme und überall schlug das Feuerzeichen der Freiheit empor ! Von Achaja aus tönte der erste Ruf , und als der Erzbischof von Patras14 das Kreuz aufrichtete , da klang es wieder in Aetolien , wie in Attika , Akarnanien und Livadien ; auf Spezzia , Ipsara und Hydra , auf Samos wie im Epirus und Thessalien , wo die tapferen Sulioten und Agraphen sich mit dem Löwen von Janina15 verbanden , der längst schon am türkischen Joche gezerrt . Der alte Held Kolokotroni zog mit seinen Klephten daher , der edle Nikitas , Petros Mauromichalis , der Bey der Marina ! Mit Wonne hörten wir jede Kunde , die Schiff um Schiff uns brachte , aber Chios wagte es nicht , laut in den allgemeinen Jubelruf einzustimmen , denn Vehid Pascha der Gouverneur hatte Zehn der angesehensten Chioten nach Constantinopel als Geißeln geschickt und nahm jetzt aus jedem Dorfe zwei Primaten16 und warf sie in die Kerker von Kastrone , um sich gegen einen Aufstand zu sichern . Dein Vater , Gregor , war , zeitig gewarnt , auf den Ruf Maurokordatos ' , seines Freundes , der auch aus Chios stammte , nach Attika geeilt . Mich , ich war damals achtzehn Jahre alt , ließ er bei seiner Familie zurück , denn Deine Mutter trug Dich noch an der Brust und selbst Dein Bruder Andreas zählte erst vier Jahre . In dem Landhause Deiner Familie , an der Bucht von Volisso , glaubte er sie vor allen Stürmen geschützt und ich mußte ihm auf das Kreuz schwören , sie nie zu verlassen . « Gregor reichte dem alten Diener seiner Familie die Hand . » Vater Michael , « sagte er weich , » und die Mutter , die jetzt Beide im Himmel sind , bezeugen dort Oben , wie treu Du Wort gehalten . « Janos küßte die Hand und führ in seiner Erzählung fort . » Die guten Tage für Chios waren vorüber . Veli Pascha und seine Aga ' s machten sich die Erbitterung des Divans gegen das griechische Volk zu Nutze und begannen Unterdrückungen und Erpressungen , die bald allen Grausamkeiten die Waage hielten , welche unsere Brüder auf dem Festlande je erduldet hatten . Dennoch widerstanden die Bewohner von Chios dem Ruf , der täglich von Samos und Ipsara her erging , zu den Waffen zu greifen und sich dem allgemeinen Kampfe anzuschließen ; denn in den Kerkern von Kastrone lagen ihre Väter und Brüder , hundertundzwanzig an der Zahl , darunter die sieben Bischöfe unserer Insel , und jede Familie zitterte bei dem Gedanken an das Schicksal , was die theuren Häupter in der Gewalt unserer Tyrannen beim geringsten Zeichen des Widerstandes bedrohte . Aber Gott und die Heiligen hatten es anders bestimmt , ihr Geschick sollte von Außen her entschieden werden . Fürst Logotheti17 und General Burnia landeten am 25. März18 mit zweitausend Samioten auf Chios und pflanzten mit Gewalt das Kreuz der Freiheit auf der Insel auf . Wie unser Aller Herz ihnen entgegen schlug ! dennoch wagten nur sehr Wenige , sich ihnen anzuschließen , das ganze Land , alle Dörfer waren thatsächlich , als nach achtzehn Tagen das grause Unheil auf uns einbrach , noch unbewaffnet . Die Samioten griffen Kastrone an und erschlugen hundertundfünfzig Türken im Gefecht . Vely Pascha mit den Seinen flüchtete in das Kastell und wurde hier belagert . Das Verderben aber war nahe . Bald erscholl die Nachricht von der Annäherung des grausamen Kapudan Pascha mit der türkischen Flotte . Allgemeines Schrecken verbreitete sich , und wer da konnte , flüchtete sich . Am 12. April schiffte der Kapudan mit 15,000 Mann von Tschesme nach der Insel über , die Schiffe von Ipsara und Hydra kappten die Anker und flohen , zwölftausend Bewohner der Insel mit ihnen . Sieben der Schiffe fielen in die Hände der Türken und wurden mit den Unglücklichen versenkt , - ihr Loos war glücklich gegen das der Zurückgebliebenen . Ein allgemeines Entsetzen hielt diese befangen und unthätig , während hätten sie sich mit den Samioten verbunden - sie mit sicherem Erfolg der Macht der Türken Trotz geboten haben würden . Doch man verließ sich auf das Versprechen des österreichischen und französischen Consuls , die mit dem Kapudan Pascha unterhandelt und die Zusage allgemeiner Amnestie überbracht hatten , wenn man alle Waffen ausliefere . Dies geschah ; nur Wenige hielten sich mit Logotheti und Burnia in den Batterieen von Turloti , und dort entbrannte ein heißer Kampf am 12. und 13. April . Alle Gegenwehr war vergeblich , die Schanzen wurden erstürmt , die Führer retteten sich durch die Flucht , während der Ueberrest der tapferen Schaar sich in das Kloster Yamon warf und Schritt um Schritt , Blut um Blut jeden Fußbreit gegen die anstürmenden Schaaren vertheidigte . Sie wußten ihr Schicksal , und während die Kirche von Turloti in Flammen aufging , während die Türken bereits die Gräber aufrissen und die Leichen verstümmelten , fiel einer der Helden nach dem andern , kämpfend in den Trümmern des Klosters - Keiner entkam - mein einziger Bruder war unter den Todten . « Der Erzähler schlug ein Kreuz zum Gedächtniß des Gefallenen , andächtig folgten die übrigen Griechen , dann fuhr er fort : » Am 14. war auf der ganzen Insel kein Widerstand mehr und nun begann eine Zeit voll Mord und Entsetzen , wie wohl noch keine gewesen ist unter den Völkern der Erde . Schaaren von asiatischen Mördern und Räubern , unzählig wie Heuschreckenwolken , strömten von Tschesme und Smyrna her über die unglückliche Insel , die der Wüthrich jedem Schrecken preisgegeben . Sechs volle Tage lang dauerte das Morden . Gräuel , wie sie die Hölle nicht erfindet , wurden hier ausgeübt ; nicht das Kind an der Brust , nicht der wankende Greis verschont . Schon am anderen Tage gingen vier Maulesel mit Köpfen und Ohren beladen nach Smyrna ab 19. Mögen nimmer meine Augen das Schreckliche wiedersehen , was sie da erblickt ! Frauen und Jungfrauen wurden von den Henkern öffentlich geschändet und dann grausam verstümmelt und gemordet . Ich sah Frauen , denen die Brüste abgeschnitten waren , entmannte Männer , Kinder , denen man die Zunge , die Nasen , die Ohren abgeschnitten . Aber Alles , was hier geschah , überbot die Grausamkeit des Kapudan selbst . Auf seinem Schiffe , die Siegesfahne geheißen , hatte er eine besondere Folterkammer eingerichtet , um durch die grausamsten Martern das Geständniß verborgener Schätze zu erzwingen , oder sich an den Qualen der Armen zu weiden . Ich selbst sollte diese Stätte des Teufels in Menschengestalt kennen lernen ! Am 19. waren bereits von 65 Dörfern , welche die Insel zählte , 49 fast spurlos von der Erde vertilgt , darunter 20 Mastixdörfer . Vergebens bemühete sich der französische Consul Digeon , ein früherer Offizier , wenigstens einige zu retten . Hinter seinem Rücken begannen die aufgestellten Schutzwachen auf ' s Neue das Werk der Zerstörung . Am 13. , nach der Erstürmung von Turloti , war auf der Flotte der Würger ein großes Fest . Ein französisches Linienschiff lief mit wehender Flagge ein ; es trug den Herrn de la Meillerie , den Befehlshaber der französischen Seemacht in diesen Gewässern , und das unglückliche Chios hoffte von seinem Erscheinen Schutz und Hilfe . Aber der Franke - merke es , Herr ! - kam , um den Kapudan Pascha zu besuchen , ihm Glück zu wünschen zum Siege über die Meuterer , und während das unschuldige Blut in Strömen am Lande zum Himmel aufdampfte , überhäuften der Franke und der Türke einander mit Höflichkeiten , und das Geschenk einer reich mit Diamanten besetzten Dose ließ den Franzosen das Herz und die Augen verschließen vor dem Jammer seiner christlichen Brüder . Fluch ihm und seinem Gedächtniß ! Fluch seinem gleißnerischen Volke ! « Der wilde Ausbruch des Hasses , der aus den Augen des Griechen sprühte , ließ Welland erbeben . Diona faßte die Hand des Mannes . » Und Du , Janos , wo bliebst Du ? was geschah mit unserer Mutter ? « » Als das Morden am 14. begann und wir in unserer entfernten Wohnstätte die erste Kunde davon erhielten , suchte ich eilig ein Schiff , aber alle hatten , wie ich bereits erzählt , von Kastron aus die Flucht ergriffen . - In den Felsenschluchten des Berges Hyas , auf dem der große Sänger unseres Volkes , Homeros , geboren20 , war mir ein Versteck bekannt . Dahin - unter die Trümmer eines alten Götzentempels unserer Väter , der weit hinaus schaut auf ' s blaue Meer - führte ich Mutter und Kinder und verbarg sie vor den Augen unserer Henker . Acht lange schreckliche Tage brachten wir da zu , während deren einige wenige glückliche Flüchtlinge sich zu uns gesellten . Da , als ich die Deinen nicht mehr allein und verlassen sah , litt es mich nicht länger in den Bergen , wo wir von fern den Brand unserer Häuser und Gärten schauten , ich trat zu Eurer Mutter und bat sie , mir zu gestatten , nach Kastron zu gehen , um dort zu forschen und nach Hilfe auszusehen . Nur schwer gab sie die Erlaubniß , aber unsere Noth war groß und ich mußte fort . Ich ging durch das Gebirge und nahte mich Kastron . Die Spuren , die ich auf meinem Wege fand , habe ich Euch bereits beschrieben . In einem Hause , das allein an einem Bergabhange stand , fand ich zwei der Henker , - sie schliefen , berauscht von dem ihnen verbotenen Chioswein , neben den Leichen der gemordeten friedlichen Bewohner , neben den entstellten Leichen zweier Mädchen , die sie geschändet . Ich erschlug Beide im Schlaf - es war das erste Blut , das ich vergoß , und wahrlich , nicht solches , das ich je bereut habe ! - In der Kleidung , mit den Waffen eines der Erschlagenen ging ich weiter und kam nach Kastron . Es war am Morgen des 23. April . Das Morden und Brennen in der Stadt und den nächsten Dörfern hatte einigermaßen aufgehört , kaum stand in den Letzteren noch ein Haus außer denen der Consule . Die Teufel waren vom Blut übersättigt , und was noch lebte , das trieb man jetzt in Haufen zusammen und zu den Schiffen , um als Sclaven nach dem Festlande geschafft zu werden . Aber Vehid Pascha hatte sich noch ein besonderes Fest vorbehalten ; es galt den hundertundzwanzig Geißeln , die in seinen Kerkern schmachteten - darunter sechsundachtzig Primaten und sieben Bischöfe , die Anderen angesehene Kaufleute des Landes . Fünfunddreißig von ihnen , darunter zwei Brüder Maurocordatos mit ihren jungen Söhnen , Knaben noch , wurden nach dem Schiffe des Kapudan Pascha geschleppt ; die Uebrigen hing man am Morgen an den Mauern des Schlosses von Kastron auf , und als es den Henkern zu langsam ging , stürzte man sie herab und zerschmetterte ihre Glieder mit Keulenschlägen . Ich schlich in der öden Stadt unter Trümmern und Leichen umher - als ich Zeuge ward einer That , die mir noch das Blut im Herzen erstarrt . Unter einem Haufen von Unglücklichen , die gleich dem Vieh von einem der Mastirdörfer herbeigetrieben wurden , erkannte ich die Frau und die Tochter eines Mannes , in dessen Hause ich oft gewesen war , an dessen Tisch ich oft gesessen hatte . Aphanasia , das Mädchen , war schön , sie zählte sechszehn Sommer und blühte wie die Rose ihrer Gärten . Ich trug lange schon die Liebe zu ihr im Herzen , aber ihr Vater war reich und ich ein armer Diener - so schwieg ich . Jetzt fand ich sie wieder , arm und elend , des Nothdürftigsten beraubt , das ihre junge Schönheit deckte . Ich kam dazu , wie der Araber , dessen Beute sie war , sie eben an einen Türken verhandelte , der 300 Piaster dafür geboten . Ein unglücklicher Augenblick feigen Zögerns , um mich selbst nicht zu verrathen - er war ihr Verderben . Mit Gold war ich reichlich versehen , denn Eure Mutter hatte mir eine Summe zur Gewinnung eines Schiffes gegeben , und der Gürtel der erschlagenen Mörder enthielt eine große Zahl goldener Zechinen , die Frucht ihres Raubes . Ich trat hinzu , indem ich Aphanasia ein Zeichen gab , mich nicht zu kennen , und bot dem Aegypter 3000 Piaster statt jener Dreihundert . Die Augen des Schurken funkelten vor Freude über den Gewinn , aber der Türke erklärte , daß sein Handel bereits abgeschlossen gewesen , ehe ich mein Gebot gethan , und wollte das Mädchen davonführen . Da warf ihm , ergrimmt über den entzogenen Gewinn , der Mohr die Kaufsumme vor die Füße , und ehe ich es hindern konnte , riß er die Pistole von seinem Gürtel und schoß das Mädchen durch die Brust21 . Ihr sterbender Blick fiel auf mich , der ich erstarrt stand vor der schändlichen That , dann flog mein Handjar aus der Scheide und schlug den Mörder zu Boden . Aber mein Schmerzensruf , meine Flüche hatten mich verrathen . Ein Gjaur ! tödtet den Christenhund ! scholl es um mich her , und kaum vermochte meine Wuth mir Bahn zu brechen durch die sich mehrenden Verfolger . Ich entkam , wer mühte sich lange in dieser Zeit nach dem Einzelnen , wo der Opfer so viele zur Hand waren ! Ich entkam , indem ich mich in einer der nächsten Gassen dem mir entgegenkommenden Zuge anschloß , welcher die fünfunddreißig Kaufleute aus den Gefängnissen des Kastells zum Schiff des Kapudan Pascha schleppte . Ein Aga befahl mir , mit Hand anzulegen an die Gefangenen ; ich mußte gehorchen , um mich nicht zu verrathen , so kam ich auf das Schiff selbst und war Zeuge jener Thaten , deren Gedächtniß noch mein Blut in den Adern gerinnen macht . Im Mitteldeck des großen Schiffes war ein Raum abgeschlagen , an dessen Ende ein Divan stand , auf dem der Kapudan , von seinen Offizieren umgeben , ruhte . Ein großes Kohlenbecken in der Mitte glühte die Eisen und Zangen , ringsum an den Holzwänden hingen Werkzeuge , wie nur die Hölle sie ausgedacht , Stachelpeitschen , eiserne Keulen , Schraubenringe , welche die Gelenke zu Brei quetschten , - ich vermag nicht Alles zu nennen noch aufzuzählen . Einer nach dem Andern der Gefangenen wurde hineingeführt , und der Geruch verbrannten Fleisches , das Geheul und Röcheln der Gemarterten drang furchtbar zu uns heraus , daß selbst manches Antlitz der an Mord und Blut gewöhnten Wächter zu erbleichen schien . Endlich als zum vierten Mal das Todesröcheln verstummte , wies der Aga auf mich und zwei Genossen und hieß uns , die beiden Gefangenen , die wir an Stricken geführt , hineinbringen . Es war ein Maurokordatos - ein Greis von siebenzig Jahren , - mit seinem Enkel , einem Knaben . Ich hatte ihn oft früher gesehen bei meinem Herrn . Als wir den Verschlag betraten - Herr , ich war selbst mehr todt als lebendig und hätte in dem Augenblick gern mein Leben gegeben , um die Gräuel nicht zu sehen , - stürzten die beiden Henker - es waren , höre es , Franke ! ein Malteser und ein nubischer Sclave , Diener des Kapudan ! - eben die verstümmelten Reste des letzten Opfers durch die Stückpforte in ' s Meer . Zitternd nahten die Beiden dem Furchtbaren und warfen sich nieder vor ihm auf die Kniee , um Erbarmen flehend . Es war herzzerreißend , sinneverwirrend , die Bitten des Greises um Gnade für das Kind zu hören . Der Kapudan - ruhig auf seinem Lager ausgestreckt , das Nargileh zwischen den Lippen , frug den Greis , ob er hunderttausend Piaster als Lösegeld sofort herbeischaffen könne ? - Ich wußte , die Familie hatte das Zehnfache in ihrem Vermögen gehabt , - aber wo jetzt , nach dem Raub und der Plünderung ihrer Habe , während sie aus dem Kerker kamen , der sie länger als ein Jahr umschlossen , - die große Summe schaffen ? Die Augen des Greises irrten wie wahnwitzig umher , - überall nur Blutdurst , Grausamkeit - nirgends Hilfe . Ich sehe ihn noch , wie er auf den Wink des Pascha ' s zu Boden geworfen und ihm Maaß auf Maaß des bittern Seewassers durch einen Trichter in den Mund gefüllt wurde , indeß man ihm die Nase zuhielt22 , bis der Leib aufschwoll zu entsetzlichem Umfang . Dann warfen die Henker sich auf ihn und preßten und traten den Greis - - was male ich Euch die Scheußlichkeiten , die meine Augen sahen ! Als ich den gellenden Jammerruf des Knaben hörte , der von unseren Blicken entmannt ward , konnte ich es nicht länger ertragen , ich drängte mich hinaus auf die Gefahr , selbst das Opfer zu werden ; aber die Augen der Würger waren mit der Todesqual ihrer Opfer beschäftigt - man achtete meiner nicht . Als ich auf dem Deck den sonnig blauen Himmel wieder sah , der sich so herrlich über Meer und Land wölbte , da war das Gelöbniß heiliger , blutiger Rache mein erster Gedanke , mein heiliger Schwur , - und ich habe ihn gehalten ; - denn diese meine rechte Hand war es , die den Tiger mit seiner Brut zwei Monden darauf gen Himmel sprengte ! « Der Räuber schwieg wie erschöpft von den furchtbaren Erinnerungen seiner Jugend ; - Welland hatte sein Haupt verhüllt bei der Beschreibung dieser Gräuel , aus seinen und Diona ' s Augen flossen Thränen . Nur Gregor blickte finster und flammend umher und auf die Türkenstadt zu seinen Füßen . » Mein Vater rächte das Ungeheure mit Dir ! Michael Caraiskakis war bei der großen Sühne , die die Heldenschaar des Kanaris dem blutgetränkten Chios brachte . « Wohl , Knabe , aber meine Hand war es , der man die Ehre gab , die rächende Flamme zu zünden . - Höret drum weiter . Auf einem der Boote , die fortwährend zwischen der aus vierzig Segeln bestehenden Flotte und dem Lande kreuzten , entkam ich glücklich wieder zur Stadt . Die » Siegesfahne « zählte eilfhundert Mann Besatzung , zahllose andere Banden verkehrten fortwährend dort , wer sollte mich auch in dem Gewühl entdecken , da ich gut türkisch sprach ? So blieb ich bei den Moslems , bis der Abend kam , - dann trennte ich mich von ihnen und schlich nach dem Ort , wo am Morgen Aphanasia ermordet worden . Ich fand sie wirklich unter andern Leichen und auf meinen Schultern trug ich den theuren Körper fort und begrub ihn unter einem Feigenbaum . Dann eilte ich zurück in ' s Gebirge und am zweiten Morgen war ich wieder bei Deiner Mutter und schloß Euch Knaben mit Dankesthränen in meine Arme , daß die Heiligen mir gestattet , Euch zu retten . Noch zehn Tage lang blieben wir in unserm Versteck , uns kümmerlich von Früchten und der Milch der in die Berge verlaufenen Ziegen nährend , denn wir wagten kein Feuer anzuzünden , aus Furcht , uns zu verrathen . Am Morgen des eilften Tages endlich sahen wir ein Schiff in der Nähe kreuzen , dessen Flagge nicht den Halbmond mit den Sternen trug . Von den erhabenen Trümmern des Tempels aus gaben wir Zeichen , indem wir unsere Kleider an Stangen banden und zum ersten Mal Feuer anmachten , um durch den Rauch ihre Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen . Es glückte - wir sahen bald ein Boot abstoßen und ich eilte hinab zum Ufer , die Nahenden zu prüfen , ob Rettung von ihnen zu hoffen sei . Heilige des Himmels , der Erste , der den Boden betrat , war Dein Vater , Gregor ! Wie soll ich Euch die Freude des Wiedersehens erzählen , als Michael Caraiskakis die Seinen unverletzt an ' s Herz drückte . Ich schlich davon unter die Trümmer und weinte . Die meinem Herzen gleich theuer gewesen , war im Himmel ! Das Schiff war die österreichische Brig » Venetia « . Auf die erste Nachricht von der Ankunft der Türken auf Chios hatte sich Caraiskakis aufgemacht zur Rettung der Seinen . Auf Samos schon hörte er die Kunde von der Verwüstung der Insel und gab die Familie verloren . Dennoch wollte er wenigstens die Insel betreten , und es gelang ihm , mit seinem Freunde , dem Capitano Valsamachi , der dem Blutbad von Turloti entronnen , auf dem österreichischen Schiff zusammenzutreffen und dessen Führer zu vermögen sie nach Chios und Ipsara zu bringen . In Volisso war er an ' s Land gestiegen und hatte hier Alles verwüstet , aber nirgends Spuren der Seinen gefunden . Viele Flüchtlinge , die sich gleich uns in den Felsenklüften verborgen , hatten bereits glücklich das Schiff erreicht , das seit mehreren Tagen um die Insel kreuzte , und als wir sein Deck betraten , fanden wir neue Scenen der Klage und des Jammers , aber auch die zum Himmel geballte Faust , den Schwur blutiger ewiger Rache an den Mördern . Selbst das Auge der Frauen und Kinder glühte in ihrem Durst , als ich die Gräuel erzählte , deren Zeuge ich in Kastron gewesen war . Nach Ipsara ging unser Lauf , wo sich die entkommenen Patrioten der Inseln , wo sich die Rächer des Frevels versammelten . Dort hörten wir täglich neue Kunde von dem , was auf Chios geschehen und noch geschah und jede Botschaft schürte das Feuer in unseren Herzen . Der Kapudan Pascha hatte endlich unterm 13. Mai um die Insel nicht ganz zu entvölkern , durch einen Ferman verboten , noch weiter Sclaven auszuführen , das Verbot aber rief nur neue Schreckensthaten hervor . Die Moslems , die die Christenkinder nicht verkaufen konnten , stürzten sie in ' s Meer . Fünftausend Kinder im zarten Alter wurden an den Bäumen aufgehängt , ersäuft und von den Felsen und Häusern herabgestürzt . In Tschesme23 ) band man sie zu fünfzig und sechszig mit Stricken zusammen und stürzte sie in ' s Meer . Selbst die geldgierigen Smyrnioten fühlten Erbarmen mit dem Elend und kauften so viel sie vermochten . Tausende und aber Tausende der Bewohner waren in die Sclaverei geschleppt , zweihundert der angesehensten Geschlechter der Insel ausgerottet worden24 . - Bald drang auch die Kunde zu uns , daß am 20. des Maimonds in Constantinopel jene zehn Geißeln enthauptet worden , die Vehid Pascha schon vor Jahresfrist dorthin gesandt . » Wie ein Feuerbrand war die Nachricht von den Gräuelthaten auf Chios über Meer und Land geflogen , und wo die Fahne des heiligen Kampfes aus Gleichgültigkeit gegen die gewohnten Leiden oder aus feiger Besorgniß noch nicht erhoben worden , da schlug jetzt die Lohe der Rache für das Ungeheuere Verderben bringend den Frevlern in die Höhe . Ein Schrei des Entsetzens und der Wuth erscholl , so weit die griechische Zunge reicht . Der Kapudan Pascha , der die Verantwortung in Constantinopel fürchten mochte , daß er das Eigenthum der Sultana so gänzlich zerstört , sandte auf einem englischen Schiffe Botschaft nach Samos und ließ den Aufgestandenen Vergebung und Sicherheit anbieten , wenn sie die Waffen niederlegen und unter das türkische Joch zurückkehren wollten . Hörst Du es , Franke , Inglesi waren es , die diese Botschaft der Schmach überbrachten und die tapfern Samioten überreden wollten . - Mit Hohn und Grimm wurden sie zurückgewiesen . Von Hydra , Pharos und Spezzia hinauf zu Ipsara und Skyros , der Brautkammer des großen Achill , scholl ein Ruf empor zu den Wolken : Freiheit oder Tod ! Und der Tag der heiligen Rache kam . Kanaris der Held führte sein blutiges Morgenroth herauf . Mit einer Fregatte und fünf andern Fahrzeugen erschien er am 10. Juni vor Ipsara und warf Anker . Ein ernster Rath wurde gehalten unter den Führern des Geschwaders und der Geflüchteten . Dein Vater , Gregor , war einer der Ersten im Rath und saß neben ihm , der die Schiffe der Moslems wie Spreu durch die Meere fegte . Die große That ward beschlossen ! Am Abend desselben Tages rief mich Dein Vater und befahl mir , ihm zu folgen . Er führte mich in ein Haus , in dem ich viele Männer versammelt fand , mir bekannte und unbekannte , es waren die Brüder der Elpis , die Mitglieder jenes Bundes in der Hetärie , dessen Eid lautet ... « Gregor unterbrach ihn . » Das sind Dinge , Janos , die nicht für das Ohr des Franken taugen , auch wenn er unser Bruder ist . Vollende Deine Erzählung . « Der Räuber schaute erschrocken und aufmerksam seinen jüngern Landsmann an , eine kaum merkliche rasche Bewegung , ein flüchtiges Kreuzen über die Stelle des Herzens belehrte ihn , - er erwiederte das Zeichen und fuhr fort : » Genug ! die Söhne der Elpis waren Tapfere , die geschworen , vor keiner Gefahr zu weichen , wo es galt , die Freiheit des griechischen Volks zu erkämpfen oder zu rächen . An diesem Abend schlug Dein Vater mich , den armen Diener , zur Aufnahme in den Bund vor , indem er erzählte , was ich auf Chios erlebt , und ich leistete den Eid , den ich treu gehalten , wenn auch lange Jahre seitdem ihn mit der Gleichgültigkeit des einförmigen Lebens verwischt hatten , bis auf ' s Neue das Unrecht und die Tyrannei mich emporrüttelten und den rächenden Stahl mir in die Hand gaben . Dann theilte er mir mit , daß am dritten Tage ein Versuch gegen die Flotte des Kapudan unternommen werden sollte