Spitzen höherer Gebäude ausgießt ; die gelben Streiflichter am fernen Horizont deuteteten aber dem Kenner , daß diese schöne Röthe kein Vorbote eines schönes Tages sei . » Mein Vater sieht sie auch aus seinem Fenster , er freut sich , und er darf sich freuen , denn bald werde ich auch in seine Arme stürzen , roth von dieser Sonne angeleuchtet . « » Wickeln Sie sich fester in Ihr Tuch , Mademoiselle . Sie sind erhitzt , und es ist sehr kühl draußen geworden . « Das Gewitter , das sich auswärts entladen , hatte eine empfindliche Kälte verursacht . » In dies Tuch ! « rief Adelheid , als der Legationsrath bemüht war , den seidenen Shawl um ihre Schultern zu ziehen . Sie riß es hastig ab und schleuderte es in den Winkel . » Es ist nicht meines . « Sie schauderte . » Fort , fort , nach Hause ! « » Unmöglich , Demoiselle ! Sie ziehen sich eine gefährliche Krankheit zu . Wenn das Tuch nicht Ihnen gehört , schicken wir es sogleich zurück . Nur bis ich Sie zu Ihrem Vater gebracht . « » Mein Vater soll das Netz nicht sehen , worin sie seine Tochter fangen wollten . « Sie hing sich mit Ungestüm an seinen Arm . » Mich friert , aber nur hier . Gewiß nur hier , da draußen ist es warm . « Auch den Legationsrath fröstelte . Er konnte die Retterrolle , die er übernommen , bereuen . Die entschlossenen Züge seines Gesichts schienen dem zu widersprechen . Aber seine Lage war eine kitzliche für einen vornehmen Mann , dem der Anstand vor der Welt allen Rücksichten vorangeht . Oeffentlich aus diesem Hause eine Dame zu führen , deren aufgeregter , halb verwildeter Zustand den Vermuthungen , die sich von selbst machten , nur zu sehr Thor und Thür bot . » Sie ist ja offenbar betrunken , « musste er im Vorbeigehen hören . » Die Schminke eben abgewischt , « sagte ein Anderer . » Und in der Windfahne auf offener Straße ! « Dies waren nicht mehr die Stimmen des Pöbels , es waren die Urtheile ruhiger Bürger . Es waren dieselben Personen , welche vorhin den Prediger und seine Töchter vor den Insulten der Buben geschützt . Denn diesen Landmädchen sähe man es ja an , daß sie nicht in das Haus gehörten , aber es sei doch eine Verhöhnung alles Anstandes , wenn ein Kavalier im Hofkostüm mit einer solchen frechen Dirne ohne Scham und Scheu auf offener Straße sich zeigt . So etwas sei selbst zu den schlimmsten Zeiten der Lichtenau ' schen Wirthschaft nicht vorgekommen . Zum Glück hörte davon Adelheid nichts . Der Legationsrath hörte Alles , aber keine Miene verrieth es . Die ruhigen Bürger blickten ihm kopfschüttelnd , die Gassenbuben liefen ihm höhnend nach . Er schwieg auch da , er beschleunigte nicht einmal seine Schritte . Er suchte nur nach etwas , vielleicht nach einem Bekannten , nach einem Fiaker konnte er sich nicht umsehen , es gab deren in Berlin noch nicht . » Wissen Sie die Wohnung meines Vaters ? « fragte Adelheid . » Ich weiß sie . « Aber er nahm eine andere Richtung und beschleunigte jetzt seine Schritte . Als Adelheid ihn daran erinnern wollte , trat er an eine offene Kutsche , welche in der Querstraße vorüberfuhr , und gab dem Kutscher ein Zeichen zum Halten , zum großen Befremden der Dame , welche darin saß ; zu ihrem noch größeren aber redete er sie bei ihrem Namen an und bat sie um einen Dienst der Menschenfreundlichkeit . Er nannte seinen Namen . Eine leichte Röthe überflog die blassen Wangen der Geheimräthin Lupinus . Sie neigte sich anmuthig über den Wagenschlag , sein Anliegen zu hören . » Erlauben Sie , daß ich französisch spreche , « sagte er , » wegen der Zuhörer . « Es blieb zweifelhaft , ob er die Gassenbevölkerung meinte , die sich schon um den Wagen drängte , oder Adelheid , die noch an seinem Arm hing . In einer fließenden kurzen Darstellung mit einem Accent , in welchem die Geheimräthin den Pariser zu erkennen glaubte , erzählte er die skandalösen Vorfälle in dem Hause ohne alle Personen , die darin verwickelt waren , zu nennen , und den wahrscheinlichen Grund , wie das arglistige Weib das junge Mädchen in ihr Garn gelockt . » Sie sehen , Madame , « schloß er , » die schreckliche Lage , in welche eine Verkettung von Umständen die Tochter ehrbarer Eltern gebracht hat . Wenn es mir auch dort mit meinem Degen gelang , sie vor der Brutalität zu schützen , so ist der Stahl doch eine ganz unzulängliche Waffe gegen böse Vermuthungen und die aufgeregte Populace hier . Ich rufe vertrauensvoll Ihre Hülfe an . Meine Bitte , sie in Ihrem Wagen aufzunehmen und den Eltern zu überliefern , ist nur der geringste Theil meines Anliegens . Die Ehrenrettung des jungen Mädchens erfordert einen offenen Akt der Anerkennung . Wenn Sie sich entschließen könnten , sie hier öffentlich zu embrassiren , so ist ihre Ehre wenigstens vor diesem Straßenpublikum retablirt . Denn wer kann zweifeln , wenn eine Dame vom Ruf der Frau Geheimräthin Lupinus sie dieser Auszeichnung werth hält . « Die Geheimräthin war durch die Vorstellung nicht unangenehm berührt . Sie fragte leise übergebeugt : » Wer ist ist eigentlich die junge Person , ich hörte den Namen nicht deutlich . « - Der Name des Kriegsraths mochte der Geheimräthin eine sehr gleichgültige Bekanntschaft sein . Aber sie stieß plötzlich den Schlag auf und breitete ihre Arme dem jungen Mädchen entgegen , welches der Legationsrath rasch hineinhob . » Meine wertheste Demoiselle , mein liebes Kind , wie konnte ich auch nicht gleich die Tochter meines Freundes , des wackeren Kriegsraths erkennen ! Das ist ja abscheulich , daß Ihre Gouvernante so wenig Ortskenntniß hat und sich in das Haus verirren musste ! Aber wie sind Sie in diesem Jahre gewachsen , ach und wie echauffirt ! Johann , schnell den Mantel aus dem Kasten ! Ich hoffe , das wird nicht von üblen Folgen sein . Wie sie zittert ! - Herr von Wandel , es giebt eine Justiz hier und einen König , der solchen Affront , einer achtungswerthen Familie angethan , strafen wird . « » Dessen bin ich gewiß ! « rief der Legationsrath seinen Hut abziehend . » Mein Gott , Sie steigen doch auch ein ? « » Meine Gegenwart könnte stören . « » Wie das ? Wer verdient wie Sie den Dank des erfreuten Vaters entgegen zu nehmen ? O rasch ein , daß ich das Vergnügen habe , dem Manne den Wohlthäter , den Retter seines Kindes zu präsentiren . « » Erlauben Sie mir , ich bitte inständigst darum , Ihre gütige Einladung ablehnen zu dürfen . Es giebt Erörterungen , welche das Gefühl verwunden ; die Wunde wird schmerzlicher , wenn ein fremder Mann sich in das Heiligthum des Familienkreises drängt . Vermuthungen könnten aufsteigen , die , so empörend sie klingen , doch immer ihr Recht verlangen . Den Dank , ach , mein Gott wer denkt in dieser Welt an Dank ! - Es ist Ihr Schützling jetzt , tragen Sie das ganze Wohlwollen Ihres edlen Herzens auf die Arme über , und , wenn es anginge , verschweigen Sie meinen Namen . Ich übte nur die Pflicht eines jeden Kavaliers , weiter nichts , Sie setzen Ihren guten Namen an ein gutes Werk und auf die bloße Bitte eines Ihnen fremden Mannes . Vergönnen Sie ihm nur , dieser Tage seine Aufwartung zu machen , um sich nach dem Wohlergehen Ihres Schützlings zu erkundigen . « » Ein Mann von seltener Delikatesse , « sagte die Geheimräthin , nachdem er sich beurlaubt . Adelheids Zustand erforderte ihre ganze Sorgfalt . Sie saß wieder sprachlos , in sich versunken , und ein heftiger Fieberfrost fing ihre Glieder zu schütteln an . Der Kutscher erhielt den Auftrag rasch zu fahren . Zwanzigstes Kapitel . Abällino , der große Bandit . Als die Polizei die Thüren der Wohnung verschlossen hatte , war manches in derselben nicht mehr , wie es vorher gewesen . Die Volksjustiz hatte geglaubt , auch ihrerseits für die gekränkte Sitte Rache nehmen zu müssen . Die Polizei hatte ihr Auge auf andere Dinge gehabt , um ihren ungebetenen Helfershelfern überall auf die Finger sehen zu können , und diesem Umstand darf man es zuschreiben , daß , als sie die Wohnung räumte , eine Person , ganz von ihr übersehen , zurückgeblieben war . Die Hände fest auf die Stirn gespannt , den Kopf auf die Stuhllehne gedrückt , saß , ob schlafend , träumend , in einen ohnmachtartigen Starrkrampf versunken , wir wissen es nicht , der junge Bovillard . Die Ruhe um ihn her mochte ihn wecken . Er sprang auf . Sein dunkles Auge stierte nach der Stelle , wo der Legationsrath zuletzt stand , wo er seinen Blick aushalten musste , und mehr als das , wo der Mann , der ihn tödtlich beleidigt , als sein Fürsprecher auftrat . Ihm verdankte er seine Freiheit und - doch hätte er eine Wollust darin empfunden , wenn er mit seinen Händen ihm die Kehle zuschnüren , wenn er ihn erwürgen können . Den Arm mit der geballten Faust streckte er aus - zum Zweikampf mit einem Luftbilde ? Aber indem er ihm in dem Augenblick einen tödtlichen Haß schwur , übergoß ihn die Röthe der Scham . Wie Vielen hätte er den Todhaß schwören müssen , die alle Zeugen seiner Beschämung gewesen ! Noch eine andere Erinnerung stieg auf , er drückte mit der Faust gegen die Stirn und athmete schwer . Dann suchte sein Auge an der Wand drüben , nach der Thür , durch welche Adelheid fortgeführt ward . » Und von dem Schuft ! « Es war das erste laute Wort , und der Schall schien die neckischen Geister zu wecken , die an der Stätte der Zerstörung geschlummert hatten . Im letzten Sonnenstrahl , der durch die oberen Scheiben drang , wirbelte der dichte Staub , der sich noch immer nicht gesetzt hatte . Es schwirrte in der Luft von Fasern und Federn , die Gardinen hingen zerrissen an den Fenstern , der Spiegel war zerschlagen , Stühle und Tische umgestürzt , den weiblichen Figuren auf den Gemälden hatte man mit Kohle große Bärte angemalt . Er stieß die Thür auf . Im Vorzimmer war es still und leer . Schien er doch zu suchen , ob nicht Jemand wie er zurückgeblieben wäre , ob er nicht vielleicht ein stilles Schluchzen höre ? Es waren die Tauben auf dem Dache . Er sah sich noch ein Mal um , ehe er die Wohnung verlasse , und aus dem gebrochenen Spiegel grüßte ihn sein Bild , ihn daran erinnernd , daß er so auf der Straße sich nicht zeigen dürfe . Er ging nach dem Seitenzimmer zurück , seinen Rock zu holen . Die Luft wimmelte wie von Schneeflocken . Von der Zugluft , welche die aufgestoßene Thür verursachte , wirbelten die Federn aus den Betten , welche sie in muthwilliger Zerstörungslust aufgeschnitten . Vergebens suchte er nach Rock und Hut . Sie waren verschwunden , gestohlen . Fort aus dieser Höhle der Verwüstung ! Die ihm wohlbekannte Hinterthür war verschlossen , der Schlüssel fehlte . Er eilte zurück nach dem Vorzimmer , auch diese Thür war zu ; er war eingeschlossen . Sollte er Lärm machen ? Nach so vielem Lärm ? Er hatte keinen Grund die Trommel des Aufruhrs zu rühren . Indem er noch , unschlüssig was er solle , aufmerksam beobachtend umher ging , fiel sein Auge auf einen Kamin , der nach alter Art in einen weiten , aber nur kurzen Schornstein führte . Er erinnerte sich aus fröhlichen Abenden , daß die heitere Unterhaltung oft durch das Brausen des Windes gestört wurde , wenn es stark wehte , selbst Regen und Schneewirbel unter die lustigen Kinder hier getrieben wurden . Indem er den Kamin untersuchen wollte , ob von da vielleicht ein Ausgang zu entdecken wäre , entdeckte er etwas , was er nicht erwartet , einen Stock und zwei Beine , die sich vergebens in die Höhe zu ziehen suchten . Als er sie ergriff , stieß eine Stimme , die unzweifelhaft zu den Beinen gehörte , einen Angstschrei aus , er zog einen vollständigen Menschen herunter , weit vollständiger und anständiger gekleidet als er , gefärbt wie er , nur nicht weiß vom Federstaub , sondern schwarz vom Ruß . » Ach Sie , Bovillard , « sagte der Geschwärzte aufathmend , » Gott sei Dank ! Ich glaubte es wäre der Polizeikommissar . « » Ich freue mich auch ungemein , gerade den Herrn von St. Real zu begrüßen . Wie befinden sich Herr Kammerherr ? Ein Anfall von Podagra fesselte Sie neulich zu meinem Bedauern ans Bette . « » Sie sehen , ich bin wieder passabel hergestellt . « » Ja , wer schon gymnastische Uebungen machen kann ! Aber im Schornstein ist das doch etwas unbequem . Da ist hier ein junger Lehrer an einem Gymnasium , ein Herr Jahn , der will öffentlich Unterricht in der Gymnastik geben . Wie ich höre , beabsichtigt er damit eine Verbesserung der deutschen Nation und insbesondere des Menschengeschlechts . Da sollten Sie sich melden , bester Kammerherr ! « » Pestilenz ! Wo kommen Sie her , Bovillard ? « rief der Kammerherr , sich schüttelnd . » Von einem Dejeuner bei Dallach . Ich versichere Sie , Kammerherr , der Mann perfektionirt sich . Austern , wie frisch aus der See , ein Caviar , und ein Burgunder , der Minister kann ihn nicht besser haben . Schade , daß Ihr Podagra den Burgunder , oder der Burgunder Ihr Podagra nicht verträgt . Wir vertrugen uns vortrefflich , lauter Freunde einer Gesinnung , alles Verehrer der Schick . Nein , sie hat doch eine Stimme , darüber geht nichts ! « » Ihre Stimme in Ehren , aber Ihre , Bovillard , war mir lieber . Wenn der verfluchte Kommissar hier Wache gehalten hätte , bis ich erstickt war ! « » Kommen Sie von oben da her , Kammerherr ? Oder wollten Sie oben hinaus ? « » Ich war hierhergerathen , ich weiß noch nicht wie . « » Vermuthlich wie ich . « » Damit der Rothkragen mich nicht finde , kroch ich in der ersten Bestürzung da hinein . Nun aber , theuerster Mann , können Sie mir nicht gelegener kommen . Ich habe eine dringende Bitte an Ihre Gefälligkeit . « » Ich gleichfalls . « » Schaffen Sie mir meinen Wagen , versteht sich , dort um die Ecke . Ich hoffe , der Kerl wird sich von selbst retirirt haben , als der Skandal los ging . Dann rekognosciren Sie etwas Luft und Terrain . « » Mit dem größten Vergnügen . « » Kann ich Ihnen einen Gegendienst erzeigen , rechnen Sie auf meine Bereitwilligkeit . Liebster , junger Mann , wenn Sie mir nur Ihr ganzes Vertrauen schenkten , hoffe ich gewiß , die Differenzen mit Ihrem Herrn Vater zu lösen . « » Nichts von Frieden , ich will Krieg . Sie haben hier gelauscht , Sie erfuhren , Sie wissen Alles , hätten Sie etwas vergessen , will ich Sie daran erinnern . Dem Herrn von Wandelstern , oder wie er heißt , will ich den Hals umdrehen , natürlich ganz in legaler Weise , durch Pistolen oder Stichdegen , wie es ihm mehr Vergnügen macht . Sie sollen mein Cartellträger sein . Die Sache eilt , weil man so etwas leicht vergisst ; und auf der Stelle , wenn Sie los sind , ersuche ich Sie , in eigener Person zu ihm zu fahren , meine Herausforderung zu bringen und das Nöthige mit ihm abzumachen . « St. Real sah etwas verblüfft den Andern an und wollte seine Hand fassen : » Liebster , junger Mann , um solche Kleinigkeiten - « » Da ist nun der Geschmack verschieden , Herr Kammerherr , ich behandle das Kleine groß , Andre das Große klein . Da muß man Jeden seinem penchant überlassen . « » Mein Gott , theuerster Freund , bei solcher Art von Konflikten muß man nicht mit gefärbten Gläsern sehen . Wo nichts zu gewinnen , muß man nichts einsetzen . Sie begreifen , daß gewiß Niemand von dem plaudern wird , was hier vorfiel . Unter Kavalieren ist es eine stillschweigende Uebereinkunft , daß man an solchen Orten sich nicht kennt . Die Person ist ja nun auch verschwunden , sie wird über die Grenze geschafft . In ein paar Tagen , wie gesagt , ist der Vorfall vergessen und verdampft wie ein Rausch . Stänkern Sie nicht darin , liebster , bester , junger Mann . « » Die Person ! Sie meinen die Frau Obristin Malchen . Das ist ja eine höchst respektable Dame . Sie erfreut sich wenigstens einer Protektion , die ihr nur Ehre bringen kann . « » Liebenswürdiger Schäker ! Kennen Sie denn aber den Herrn von Wandel ? « » Vermuthlich ein eben so respektabler Herr , wie Ihre Freundin . « » Theuerster Bovillard , Sie irren sich . Er ist ein intimer Freund Ihres Herrn Vaters ; ich versichere Sie , einer der feinsten Köpfe , ein Mann der Wissenschaft , ein Gelehrter , ein Mann von stupenden Kenntnissen , ein Diplomat und von den liebenswürdigsten Eigenschaften . Sie müssen sich kennen lernen . O , Sie werden es mir danken . Und dabei ein Gemüth wie ein Kind , unwiderstehlich bei den Damen . Ich sage Ihnen , Sie werden Freunde werden , wenn ich Sie bei ihm einführe , Sie werden sehen , er hat Alles vergessen . « » Ich nicht , mein Herr ! « trumpfte Bovillard . » Entweder , oder - Wollen Sie nicht ? « » Sein Sie überzeugt , ich gleiche die Sache zu Ihrer Zufriedenheit aus . « Der Jüngere eilte ans Fenster , um es aufzureißen . » Bovillard ! Was wollen Sie thun ? « » Die Polizei rufen . Wissen Sie nicht , daß wir eingeschlossen sind ? In dem leeren Nest habe ich nicht Lust die Nacht zu verbringen . « » Sind Sie rasend ! Man würde - « » Uns auf die Wache bringen . Ganz in der Ordnung . Wer bei einbrechender Nacht in einem verdächtigen Orte betroffen wird , und sich nicht ausweisen kann , daß er dahin gehört , wird zum Ausschlafen auf die Wache gebracht . Das ist das erste Erforderniß eines gesetzlichen Staates . Der Staat muß auch seine Ruhe haben , wie jeder Mensch , wenn er schlafen will . « » Unsere Lage würde ja weit schlimmer . « » Unsre ? Mein Herr , Sie bedenken nicht , welch ein Unterschied zwischen uns ist . Sie haben einen guten Ruf zu verlieren , ich gar keinen . Denn einen schlechten verliert man nicht , wenn man auf die Wache geschleppt wird . Sie sehen , daß ich gar nichts dabei riskire . « Der Kammerherr hatte sich mit großer Gewandtheit zwischen Bovillard und das Fenster gedrängt . » Wenn Sie denn absolut wollen ! Ich will ' s arrangiren , aber - er schießt Ihnen - den Sperling putzt er auf zwanzig Schritt mit dem Kuchenreuter vom Zaune . Sie junger Hitzkopf , thun Sie ' s doch lieber nicht , ' s ist gegen mein Gewissen ! « » Herr Kammerherr , Ihr Gewissen ist mir zu werth , Ihr Gewissen dürfen Sie nicht dran setzen . Sie müssen es mit gutem Gewissen thun , sonst schreie ich Polizei . « » Monsieur de Bovillard fils est un original . Ganz der Vater , nur in anderer Manier . Sie sind beleidigt , Sie müssen Satisfaktion haben , ich sehe es ein . Mit schwerem Herzen , aber - ich sehe es ein . Nun suchen Sie mir aber meinen Kutscher auf . « » Ich sagte Ihnen ja , wir sind eingesperrt . « » Va-t-en ! Was soll daraus werden ! Wir müssen doch raus ! « » Belieben Herr Kammerherr hier die Fensterhöhe zu betrachten . Man erzählt sich zwar , daß Herr von St. Real in seiner Jugend aus Loyalität einen Sprung gethan , woran er sein Leben lang denkt , indessen , dieser Abgrund ist keine Treppe und ob die Loyalität Sie jetzt tragen wird , das überlass ' ich Ihrem Ermessen . « » Bovillard , bringen Sie mich nicht außer mir . « » Wenn ich Sie außer sich setzte , was könnte ich Ihnen jetzt besseres anthun ? « » Schaffen Sie Rath . Ihr Genie hat etwas in petto . « » Vermuthlich haben Sie schon untersucht , daß es durch den Schornstein nicht geht . Indessen kommt Zeit , kommt Rath , nämlich Dunkelheit , und im Dunkeln findet sich Manches besser , das werden Sie aus eigener Erfahrung wissen . Aber Sie sind müde , setzen Sie sich . « Bovillards prüfender Blick hatte schon vorher auf einem Wandbrett etwas gesehen , was die Tumultuanten übersehen haben mussten , sonst würde man es wahrscheinlich jetzt nicht mehr gesehen haben , ein Fläschchen süßen Weins mit Spitzgläsern , dahingestellt , um nach der Chokolade die Collation zu würzen . Er langte den Schatz schnell herunter , von dem er , nachdem er ihn gekostet , versicherte , es sei ein ächter Malaga , der ihnen eine wohlthätige Wärme geben werde . Der Kammerherr fühlte allerdings ein Bedürfniß . Er war sehr müde . Der kalte Angstschweiß stand auf seiner Stirn . » Ausgetrunken ! ein zweites Glas ! « » In der That eine seltsame Situation ! « Indessen er trank . » Warum seltsam ! Ein Weltmann muß sich in alle Situationen finden . Thun Sie ganz , als wären Sie zu Hause . « » Der Wein war doch nicht für uns bestimmt . « » Für mich nicht , aber für Sie . « » Man muß auch im Scherz ein Maß finden . « » Was Scherz ! Das Nest ist leer , aber die Erinnerungen sind geblieben . Nicht wahr , Kammerherr ? Durch diese Dämmerung schweben die Grazien . Auf den Wirth ! Angestoßen ! « » Bovillard ! « » Bester St. Real , wir sind ja unter uns ! Reden wir denn zum profanum vulgus ! Auf den Höhen der Menschheit , wie der Dichter sie nennt , verlangt man auch Freude , den schönen Götterfunken . Wer pour les menus plaisirs sorgt , ist ein Wohlthäter der höheren Menschheit . Oder sind Sie traurig , daß die rauhe Hand der Wirklichkeit eingriff ? Sehen Sie , ich bin Idealist ; mich kümmert die Polizei nicht . Ich sehe sie noch immer schweben und tanzen , die süßen Erinnerungen und Entzückungen , die Küsse und Rosen . Eine solche Wirtschaft hat etwas ungemein Poetisches ; nur das Geld darf nicht fehlen . Hätten Sie , Kammerherr , mit rechtem Eindruck zum Viertelskommissar gesprochen - nun , ich will dem Manne nichts nachreden , er ist gewiß ein ausgezeichneter Staatsdiener - aber , aber wenn man sich nur verständigen will , wird man verstanden . « » Le père tout craché . Aber gehen Sie mir mit Ihrer Poesie , ich habe mit der Sache nichts zu thun . « » Sie lieben die Realitäten . Ich lebe nur in den Ideen , konstruire mir meine Welt selbst . Wenn ich solch ein Haus betrachte und die Wirthschaft drin , werde ich unwillkürlich an unsern Staat erinnert . « » Hüten Sie sich , aus einem mauvais plaisant zu einem Kalumnianten zu werden . « » Kennen Sie den Dichter Dante ? « » Bleiben Sie mir mit den Poeten vom Halse , sage ich Ihnen , sie müssten denn so allerliebste französische Verse machen , wie Ihr Herr Vater . « » Dante hat nur italienische Chansons gedichtet . Aber eins dieser wunderhübschen Lieder sollten Sie kennen , die Melodie ist reizend . Es fängt an : Ah tutta l ' Italia è un gran bordello ! Da denk ' ich immer an Sie , an alle Ihre Freunde , an dies ganze bezaubernde Freundschafts-Liebes-Sippschaftswesen ! Angestoßen , Kammerherr , « schrie er auf , » auf die große lustige Wirthschaft , wo Einer den Andern betrügt , eine Hand die andere wäscht . Angestoßen auf den Kleister und Firniß , der die Fäulniß zusammenhält bis - angestoßen ! « Der Zitternde stieß mit dem Glas gegen die Flasche , die Bovillard auf einen Zug leerte und dann in den Kamin schleuderte , wo sie in tausend Stücke zerbrach . » Bis dahin ! Nicht wahr , - zu Wasser , bis er bricht , darin sind wir einverstanden , wie es für vernünftige und gesetzte Leute sich schickt . « Er war aufgestanden und klopfte auf die Hand des Kammerherrn , die er mit dem andern Arm an seine Brust hielt : » Ja , mein theuerster Herr von St. Real , wenn alle so verständig und gesetzt wären , wie wir Beide ! Diese Tagesfliegen schwärmen ums Licht , und wenn Einer sich verbrennt , lacht der Andere vergnügt , daß es ihn traf . Wir aber sehen die Nacht , wir sehen , was hinter uns liegt , und sehen , was vor uns kommt . A propos , was halten Sie denn von Napoleon ? « » Sie belieben zu scherzen . Ein großes Genie ! Machen Sie , daß wir fortkommen . « » Wie er aus Aegypten . Wissen Sie wie ? - Er hat sich dem Teufel verschrieben ; in einer Pyramide war ' s , eine Nacht wie diese ! Ja , ich habe auch meine diplomatischen Mittheilungen . Der Teufel hat ihm die ganze Welt versprochen , und weiter nichts dafür gefordert , als seine Seele . Kammerherr denken Sie , wenn Sie für solche Bagatell könnten Großmogul werden ! « » Das erzählen Sie mir alles weiter - aber nachher . « » Ein einziges Hinderniß nur muß er forträumen - die Gruft in Potsdam . Darum - Sie verstehen mich . - Nun bitte ich Sie aber , als einen vernünftigen Mann , ist das ein so unübersteigliches Hinderniß ? Braucht es eines Krieges um einen Leichnam ? - Denn Sie werden mir wieder zugeben , es ist jetzt nur noch ein Leichnam . Sollen wir um point d ' honneur so eigensinnig sein , darum Blut vergießen , einen Krieg anfangen , der sechszigtausend Menschen kosten kann , darum das Wohl von Hunderttausenden , von Millionen auf ' s Spiel setzen ? Unsere Seehandlung , unsre Zuckerfiedereien , unser Messingwerk in Neustadt-Eberswalde ? Ich bitte Sie , Ruh ' und Frieden unserer Bürger - was wirst die Porzellanmanufaktur nicht ab : wenn auch die Juden nicht mehr kaufen müssen zu ihren Hochzeiten , wir haben ja schon die Meißner Fabrik überholt - das ist auch ein Ehrenpunkt ! Und unsere Gold- und Silberfabrik , und unser Pfandbriefsystem ; wir können ja Geld machen , so viel wir wollen , nur die Güter höher abgeschätzt , als sie werth sind ; und alles das sollen wir leichtsinnig hinopfern um einen sogenannten Ehrenpunkt ! Das fordern gewisse Menschen ! Wissen Sie , was ich glaube , daß der geheime Grund von Lombards Sendung ist ? - Er soll versuchen , ob Napoleon sich nicht abfinden lässt mit Friedrichs Rock und Hut . Ja , ich vermuthe noch etwas . Besteht der Kaiser drauf , so geben wir auch die Krücke , aber das wäre auch das Ultimatum - den Leichnam , nein , nimmermehr ! Wenigstens für jetzt nicht . - Bester Kammerherr , ich lese Ihre Gedanken , Sie wollen sagen , das sei wieder nur ein halber Schritt , Napoleon würde doch nicht eher ruhen , bis er das Ganze , bis er Friedrichs Sarg in Paris hat , und wir würden auch da nachgeben . Möglich , aber liebster Mann , wahren Sie Ihre Zunge , wer spricht denn so was ! Grade diesen Vorwurf verträgt man nicht : Halbes , immer Halbes ! ' S ist richtig , aber es ist nun mal so . Wer änderts : Zwei Halbes macht ein Ganzes . Erst geben wir den Rock , und dann den Leib . Und wenn man mehr will , noch mehr , Seele und Geist , wenn - wir noch davon haben . Ein guter Unterthan , lieber St. Real findet sich in Alles . Der liebe Gott wird ' s zum Guten fügen , und das Genie unserer großen Staatsmänner , und wir haben einen guten König ; was will man mehr ! A propos , was halten Sie von unserm König ? « Der Kammerherr , der sich schon zu besinnen anfing , ob nicht am Ende die Arme der Polizei denen des Rasenden vorzuziehen wären , stammelte etwas von seinem grenzenlosen Respekt vor Seiner Majestät . » Das ist mir sehr lieb zu hören , « sagte Bovillard , » vielleicht wissen Sie auch , warum Seine Majestät jetzt so betrübt sind . « » Wenn Seine Majestät in die Herzen ihrer Unterthanen blicken könnten , würden sie gewiß keinen Grund finden , « antwortete der Kammerherr , in der Angst des seinen , die Hand auf die Brust drückend . Bovillard war um einen Kopf größer , als der Kammerherr . Mit unterkreuzten Armen und halb gesenktem Kopf schien er mit den funkelnden Augen , die durch die Nacht glänzten , in