Junge kann ein Glas Wasser färben mit einigen dunkeln Tropfen , aber getrübtes Wasser klar machen , gesalzenes Wasser wieder süß , eine überpfefferte Suppe genießbar , das kann kein dummer Junge , das kann mancher Gelehrte nicht , es ist Arbeit für eine höhere Hand . Es ist gar wunderbar , wie die Mischungen in den Gemütern sich machen , und wer achtet auf die Tropfen alle , welche in die Gemüter fallen , sie zuckern oder pfeffern , säuren oder salzen , und wer verstehts , Salz und Pfeffer zu tun ans rechte Ort , wieder wegzubringen vom unrechten und zu passender Zeit ? Mädi hatte einen von den Köpfen , für welche man im Bernerland ein prächtig Wort hat , das Wort » eitönig « , einen Kopf , in welchem nur ein Ton Platz hat , und klingt der einmal , weder mit Liebe noch Gewalt ein anderer Ton hervorzubringen ist , im Gegenteil , je mehr man es anders tönen machen will , desto stärker tönet der gleiche alte Ton . Indessen der Krug geht so lange zum Wasser , bis er bricht . Den Melker ertappte man freilich nicht als Dieb , fand weder Eier noch Milch mehr , aber die Kühe bekamen kranke Euter , die Milch ward ziegerig . Uli , der sich auf Kühe verstund , suchte alsbald die Schuld beim Melker . Er sah ihm zu , er visitierte einige Male die Kühe , ob der Melker etwa nicht gehörig ausmelke , Milch in den Eutern lasse , was höchst verderblich ist , aber er fand alles in der Ordnung . Er ging zu einem Vieharzt , der war ein schlauer Kundius und half ihm auf die Spur . » Sieh , « sagte dieser , » das ist von den Feinern einer , dem kannst lange aufpassen , der riecht hinten und vornen , nimmt nicht die leere Guttere zur gewohnten Zeit zum Melken und stellt sie neben sich , als hätte sie das Recht dazu oder läßt einzelne Kühe oder Stricke an den Eutern ungemolken ; der rupft dir an den Kühen , wenn er sich ganz sicher weiß , um Mitternacht , um Mittag , kurz wenn nichts zu furchten ist . Der treibt das nicht zum erstenmal und nicht zum letzten . Was willst du dich plagen , dich auf die Lauer legen , bis du halbtot bist Mach daß du von ihm kömmst so bald als möglich . Begehre mit ihm auf aus dem ff wegen den kranken Kühen , sage ihm , er sei ein Bub , kein Melker ; vielleicht wirft er dir den Bündel dar , und magst du ihn nur mit dem kleinen Finger erreichen , so hebe ihn auf und mach Weihnacht . Der Lumpenkerl verpfuscht dir in einem Jahr zehnmal mehr , als sein Lohn beträgt . « Das begriff Uli , aber der Melker biß nicht in den Apfel , der wollte nicht töricht sein und um seinen Platz kommen , ehe das Jahr um war ; er nahm seinen Worten gehörig das Maß und sagte höchstens , er sei schon an manchem Orte Melker gewesen , noch habe ihm niemand gesagt , er könne nicht melken , man solle doch seine Zeugnisse nachsehen , ob was darin stehe , daß er nicht melken könne , den Kühen die Euter verderbe . Aber was für ein Meister er sei , sei zu Stadt und Land bekannt , und wenn er ihm nicht recht sei , könne er ihn senden , er gehe auf sein Geheiß die erste Stunde , aber dann wolle er auch den Lohn für das ganze Jahr nach Brauch und Gesetz . Das war Uli auch nicht anständig , er marterte sich lieber mit Zorn , Angst und Aufpassen , ward immer saurer und übler im Gemüte ; es war nichts mehr da , welches die Wolken zersetzte , den Nebel auflöste , die finstern Stimmungen abklärte in milde und freundliche . Sonst tut dieses das Auge Gottes oder das Licht von oben , wenn eine Seele sich ihm aufschließt , hinein die hellen Strahlen leuchten , oder es tuts der Hauch der Liebe , wenn er leise säuselt um die düstere Stirne , oder es tuts eines Kindes Lächeln , wenn es dem beängstigten Vater aufgeht wie dem Verzagten der Regenbogen , das Zeichen der Gnade und Verheißung am Himmel . In die Dornen und Disteln des Lebens drangen die hellen Strahlen nicht mehr , die Nebel der Welt waren zu dick , Lächeln und Liebe vermochten nichts mehr über sie . Nichts drang mehr durch und gab lichtere Stimmungen als der Gewinn an einem Roß , welches schlecht war und für gut hatte verkauft werden können , das Rühmen des Müllers , wenn er Uli Korn abdrang , oder Späße des Wirtes , wenn er Uli für eine Kuh zehn Taler mehr versprach , als irgend ein Metzger geboten , indessen einstweilen nicht bar zahlte . » Sieh , « sagte er gewöhnlich , » du kannst das Geld haben , welche Stunde du willst , aber du hast es nicht nötig , ich weiß es , willst es ja nur beiseitelegen , um im Frühjahr den Zins zu machen . Bis dahin verdient mir das Geld viel , jetzt ist mit bar Geld viel zu machen ; dein Schade solls nicht sein , und einem Freund wirst doch einen Gefallen tun . Hör , Uli , ich habe es meiner Frau schon manchmal gesagt , lieber ist mir auf der ganzen Welt niemand als du , man kann das Land auf und ablaufen , ehe man dir einen Gespan findet . Unter Tausenden kömmt Keiner so weit , in ein paar Jahren bist ein Mann , und wenn du nicht noch Ammann wirst , so verstehe ich mich auf nichts mehr . Ja Uli , so ists ! Frau , hol eine Flasche vom Bessern . « Von Geld war keine Rede mehr , denn Uli lebte wohl an den Worten und dachte an den Ammann . Aber übel steht es doch in dem Gemüte , in welchem ein Wirt und ein Müller und ein Roßhandel Sonne , Mond und Sterne vorstellen , und wie viel tausend Menschen haben kein ander Licht in ihren Gemütern als das , welches von solchen Lichtern kömmt oder noch viel schlechtern ! Man muß sich immer wundern , daß die Menschen , deren eine so große Zahl nur von solchen Talglichtern und stinkenden Öllämpchen erleuchtet werden , nicht noch unendlich schlechter sind und mit rasender Schnelligkeit noch schlechter werden , wie Krebse auch um so schneller gesotten werden , je heißer das Wasser wird und je schneller man es zum Sieden bringt . Aber eben daraus sieht man , daß Gott die Welt regiert und nicht der Teufel , noch viel weniger ein Seminardirektor , sie wäre sonst seit vielen Jahren schon unheilbar verpfuscht . Doch muß man sich durchaus nicht vorstellen , Uli sei , was man zu sagen pflegt , gottlos geworden . Die Menschen machen das Kreuz vor dem Worte gottlos , und doch ist kein Mensch , der nicht gottlos ist . Bei jeglicher Sünde und namentlich , wenn jemand sein Handeln nicht durch Gott und sein Wort bestimmen läßt , sondern durch sein eigen Fleisch und Blut oder andere Kreaturen , ist der Mensch immer gottlos , und in dem Sinn war es Uli auch oft , und je länger je öfter . Aber Uli merkte es nicht , sein Entfernen von Gott merkte er nicht , und von einem Lossagen von Gott war keine Rede . Der eigentliche Gottlose ist eben ganz los von Gott , sowohl im Erkennen als Bekennen , sowohl in Worten als Taten , der eigentliche Gottlose wird ein Rekrut des Teufels und versucht zu lernen den Kampf gegen Gott und sein Reich , den unseligen Kampf , wo nichts zu lernen ist als Gottes Macht und des Teufels Ohnmacht und nichts zu gewinnen als der eigene Untergang und die Überzeugung , daß Gott der Wahrhaftige sei und des Reiches Feinde zu des Herrn Fußen lege , wie er es verheißen hat . Daß es so ist , zeigte Gott . Es war gegen Herbst , als man mitten in der Nacht ein mörderlich Geschrei vernahm , das durch das ganze Haus drang und selbst die Kinder weckte . Uli fuhr auf , zündete alsbald , wie es einem guten Hausvater ziemt , die Laterne an , um zu sehen , was es für ein Unglück gegeben . Uli hielt dafür , es seien Kiltbuben aneinandergekommen und einer schwer getroffen oder gestochen worden . Als er vor das Haus kam , war es stille draußen . Von den Knechten , welche herbeikamen , wollte der eine es dort vernommen haben , ein anderer in entgegengesetzter Richtung . Man suchte hier , man suchte dort und allerwärts umsonst , Man horchte in die stille Nacht hinein , man vernahm weder Fußtritte Fliehender noch Seufzen oder Röcheln eines Verwundeten . Das Ding ward unheimlich , den Meisten rieselte es kalt den Rücken auf , doch nur einer sprach es aus und sagte : Er möchte zu Bette gehen , das Ding gefalle ihm nicht , es sei nicht ein Schrei gewesen wie ein anderer , und wer zu neugierig sei , lese leicht eine geschwollene Nase auf oder gar ein böses Bein sein Lebtag . Man habe der Beispiele viele und man sollte sich ihrer achten , was nützen sie sonst Die Worte fanden Anklang . Sie müßten doch noch einmal sehen und etwas weiter gehen , der Schrei sei gar zu nötlich gewesen ; der , welcher ihn getan , sei nicht weit mehr gelaufen , und daß es ein Gespenst sei oder sonst der Art was , könne er nicht glauben , man hätte sonst wohl schon was gehört , sagte Uli . » Das erstemal ist eins , hat Hamglaus gesagt « , sagte einer . Er möchte doch nachsehen , sagte Uli , wer sich fürchte , solle ins Bett . Uli ging und alle kamen nach , Einer dicht am Andern , aber nicht wegen Heldenmut und Nächstenliebe , sondern weil Keiner alleine heim ins Bett durfte . Sie gingen und fanden in einer wilden Ecke hinten bei einem Schopf einen Menschen bewußtlos liegen . Als man zündete , war es der Melker , dessen Abwesenheit aufgefallen war . Er schlafe gar hart , hatte darauf der Karrer gesagt , und sei nicht zu erwecken . Neben ihm lag eine nagelneue blecherne Flasche , und zerbrochene Eierschalen knatterten unter den Füllen . » Da wäre also doch der Dieb , hat es ihn einmal ! So wäre es recht , so wüßte man doch bestimmt , ob ein gerechter Gott im Himmel sei oder gar keiner « , hieß es von allen Seiten . Der Melker war hinaufgestiegen gewesen unters Dach in sein Versteck , im Herabsteigen hatte ihm ein Tritt gefehlt , er stürzte hinab , brach ein Bein , beschädigte sich sonst übel , blieb sein Lebtag ein Krüppel . Einige Tage lang war auf der Glungge stark die Rede vom Melker und von Gott , man ging sogar in die Kirche , die Einen , weil sie wirklich dachten , es könne nicht schaden , und wenn ein gerechter Gott im Himmel sei , so möchten sie es wirklich nötig haben , Andere in der Hoffnung , der Pfarrer ziehe den Melker in der Predigt an , und wenn er schon nicht alle nenne , welche ihn gesucht und gefunden , könnten sie doch hintendrein sagen : » War auch dabei ! So sollte es allen gehen , welche es so machen und damit ihre ehrlichen Nebendiensten in Verdacht bringen . Daneben dünkt es mich doch , der Pfarrer habe es wohl stark gemacht . Nicht , daß ich mich mit dem Melker zusammenzähle , bewahre mich davor , aber wir sind alle arme Sünder und der Pfarrer wird nicht besser sein als Andere . « In diesen Tagen ließ Uli manchen Zuspruch fahren , worin er auf den deutete , der an die Sonne bringe , was im Verborgenen geschehe , und den rechten Meisterleuten beistehe , wenn , sie mit schlechten Dienstboten nicht auskommen könnten . » Was fängt er dann mit schlechten Meisterleuten an , wenn es einen gerechten Gott gibt , denn er wird doch nicht bloß für Dienstboten da sein wie Käsmilch und Mehlsuppen ohne Mehl , sondern auch für schlechte Meisterleute ? « frug ein naseweises Bürschchen , welches eine Zeitlang in einer Schenke gedient hatte und nichts glaubte . Das sei ein leer Gerede , daß Gott dem Melker das Bein gebrochen . Sei er gerecht , so müßten alle Diebe die Beine brechen , da hätte er wohl viel zu tun , und er mochte wissen , wieviele auf ganzen Beinen herumliefen . Am übelsten ginge es dabei den Geigern , denn das Tanzen ließen wohl die Meisten sein . Das habe niemand anders getan als Mädi , das habe dem Melker leise die Leiter weggestellt , und als der darauf treten wollte , sei er hinuntergestürzt , das sei der ganze Handel . Mädi verdiente Kettenstrafe , wenn nicht den Galgen , denn auf diese Weise könne ein Mensch den Hals brechen , nicht bloß ein Bein , und Mörder solle man hängen , heiße es . Wenigstens müßte es ihm den Melker heiraten und ihn ernähren , und billiger als dieses sei nichts und besser könne es selbst Gott nicht machen , wenn einer sei nämlich . Mädi begehrte schrecklich auf über diese Zumutung , aber nicht weil es sich ein Gewissen daraus gemacht hätte , die Tat zu tun , sondern weil es sie nicht getan und doch jetzt schuld sein sollte . Es sei nur da , um Sündenbock zu sein , und das sei ihm erleidet , und jetzt sollte es noch den Melker erhalten . Je böser Mädi wurde , desto mehr hatten die Andern Freude daran ; da half alles Zureden nichts , nichts bei Mädi , nichts bei den Andern , ein täglicher Krieg war los , so daß wenn der Melker schon fort war , das Leben um nichts freundlicher wurde . Dreizehntes Kapitel Von Haushaltungsnöten und daherigen Stimmungen Vreneli ward das Leben wirklich schwer . Sie hatten zu allem Verdruß im Inwendigen auch nach außen nicht Glück gehabt . Es war nicht eigentlich Mißwachs , aber ein mager Jahr , wo es wenig zu verkaufen gab . Das sogenannte Beiwerk fiel größtenteils weg ; der Lewat geriet nicht , der Flachs war nicht gut , Obst gab es keins , hinter den Kartoffeln waren die Käfer , das Gras war nicht melchig , das heißt die Kühe gaben wenig Milch dabei , es hatte zu viel geregnet , das Korn war gefallen , brandig , gab wenig aus in der Tenne ; das Geld im Schranke wollte sich nicht mehren , die Kasten im Speicher sich nicht füllen , es füllte sich nichts als Ulis Seele mit Ungeduld und Mißmut und Vrenelis Seele mit Wehmut . Vreneli hatte , wie wir wissen , aristokratisches Blut in seinen Adern und einen nobeln Sinn , wie er einer wahren Bäuerin so wohl ansteht und ihr eine Bedeutung im Volksleben gibt , welche selten ein Mann erringt . Drei Dinge hat so eine Bäuerin : einen verständigen Sinn , einen goldenen Mund und eine offene Hand . Ein gut , mild Wort tut einem armen Weibe , welches nur an Schelten und harte Worte gewöhnt ist , viel besser als eine schöne Gabe , und ein verständiger Rat ist oft weit nötiger als ein reiches Almosen . So ein » Chumm mr zHülf « in aller Not ist ein Posten , der weder erschlichen noch ererbt werden kann , er wird aus freier Wahl nach Verdienst vergeben . So war es auch Vreneli allmählich gegangen . Die Weiber der Tagelöhner , anderer Arbeiter usw. hatten sich ihm allmählich zugewandt , da es häufiger mit ihnen in Verkehr kam als die Mutter , auch rüstiger Hand bieten konnte an einem Krankenlager oder wenn eine Kindbetterin in Nöten war . Begreiflich nahm dieses Amt etwas Zeit hinweg und noch allerlei anderes , wenn man zum Beispiel im Küchenschrank einer Wöchnerin nicht so viel fand , um eine stockblinde Suppe zu machen , und im ganzen Häuschen kein Hüdelchen groß genug , den kleinen Staatsbürger darein zu wickeln . Seit der ersten Ernte hatte Uli nicht viel mehr gesagt . Vreneli nahm sich in acht , tat verständig , das heißt nicht reicher , als sie waren , schonte Uli bestmöglichst und suchte ihm doch wirklich nichts geflissentlich zu verbergen . Es gibt nicht leicht was Schlimmeres , als wenn die Weiber sich gewöhnen , des Mannes Rücken lieber zu sehen als sein Gesicht , als ihren besten Freund , der ihnen nichts ausplaudert . Nun aber , da das Jahr ein mageres war , wenn auch kein eigentlich Fehljahr , die Brünnlein alle versiegt schienen oder spärlich flossen , ward Uli ängstlich . Wird einer aber ängstlich , spitzt er Augen und Ohren , und was er fürchtet , sieht und hört er all , überall . Fürchtet einer das Feuer , so riecht er allenthalben Rauch , hört Flammengeknister , träumt vom Verbrennen . Fürchtet einer Gespenster , so kriechen ihm solche aus allen Gräbern nach , gucken durch alle Zäune , reißen ihm regelmäßig alle Nächte das Deckbett vom Leibe . Wird einer mit der Eifersucht behaftet , fürchtet , seine Frau kriege die Untreue , so wird ihm alles gefährlich , Katzen , Spatzen und Zaunstecken , und sieht er eine Mannsperson durchs Fernrohr , greift er nach Säbel und Pistolen und schreit : » Jetzt weiß ichs und habs endlich klar , und jetzt muß mir der Donner erschossen sein ; hilft es dann nicht , so schlage ich ihm mit dem Säbel Kopf und Beine ab , und wenn das noch nicht hilft , vergrabe ich den Hund schließlich lebendig « . Nun ward es Uli nicht angst ums Reichwerden , sondern angst vor dem Armwerden , und da ward es ihm , als helfe alles dazu , als habe die ganze Welt sich verschworen , ihn um alles zu bringen . Auf alles guckte er und allem sah er nach , alles , was gebraucht wurde , biß ihn , und was fortgetragen wurde , ging durch seine Seele . Uli hatte ein nicht ganz so beschränktes Hirn als Mädi , aber wenn ihn was recht erfaßte , ward er immer so eintönig , nur eines und immer das Gleiche klang in ihm nach . Jetzt fiel ihm Vrenelis Ehrenamt spitzig in die Augen . » Du kannst geben , bis wir selbst nichts mehr haben , sieh dann zu , wer dir geben wird . Die und die ist abermal eine ganze Stunde bei dir gestanden , hat nichts getan und dich versäumt . Wundern muß man sich nicht , daß es so arme Leute gibt . Wie sollte es anders kommen , wenn die Weiber ganze Tage herumstehn und nichts tun ! Lieber wäre es mir , es ginge uns nicht auch so . Was doch das für eine verfluchte Unvernunft ist , wenn eine sieht , daß man alle Hände voll zu tun hat , und dann einem vor der Nase steht , daß man nicht vom Platz kann . Ich begreife nicht , wie du ihnen zuhören magst . Es dünkt mich , es sollte dir dabei himmelangst werden . Den Verstand könntest du ihnen machen , wenn sie ihn nicht selbst haben : du hättest nicht Zeit , ihrem Geklatsch zuzuhören , du hättest Schweine , welche gefüttert werden , und Menschen , welche arbeiten müßten und essen wollten zu rechter Zeit . « Umsonst entschuldigte sich Vreneli , es hätte dabei nichts versäumt , sondern immer zugeschafft und aufs Essen hätte niemand warten müssen , weder Menschen noch Schweine . Umsonst entschuldigte Vreneli die armen Weiber damit , sie hätten ihns um Rat gefragt oder es tue ihnen so wohl , ihr Elend klagen zu können . Wenn jemand ihnen freundlich zuhöre , so leichtere es ihnen wenigstens um die Hälfte . Umsonst entschuldigte Vreneli die Gaben , dieweil sie nur so klein seien ; wenn sie es ohne die nicht machen könnten , so sei es bös bestellt mit ihnen , und wenn sie Gottes Gnade und Hilfe so nötig hätten , so seien sie doch um so mehr schuldig , zu tun nach seinem Wort und Befehl . Er solle doch nur denken an der armen Witwen Scherflein im Gotteskasten . Umsonst war das alles , Ulis Augen wurden immer spitziger , sein Ärger beim kleinsten Anlasse größer . Vreneli hielt seine Kinder sorgfältig , wie ein Mädchen seine Blumen , reinlich mußten sie ihm sein um und um . Narrenzeug mochte es für sein Leben nichts an ihnen leiden . Es hatte nicht Augen wie so manche Mutter , welche nicht Farben genug an ihrem Kinde anbringen kann und es am schönsten findet , wenn dasselbe Dinger am Leibe hat , wie sie niemand hat , und grelle , glitzernde , die in allen Gassen schrei , en und haben doch keine Zunge im Munde . Nun hatte zum Beispiel der Wirt oder dessen Frau dem Johannesli ein Ungeheuer von Turban geschenkt , hochrot von Farbe , mit blauem Borde , eine Elle hoch , oben eine Elle breit , mit Ohrenlappen , groß wie die Blatten an einem Pferdekommet , und einem handbreiten gelben Bande , ihn unter dem Kinn zu binden . Das arme Kind sah darin aus wie ein Zwerg in einer Grenadiermütze oder ein klein Spätzlein , welchem man einen großen Hahnenkamm aufs Köpflein gepflanzt . Vreneli konnte es nicht übers Herz bringen , das Bübchen in das Ungetüm zu stecken . Aus einem Kinde eine Vogelscheuche zu machen , sei eine Sünde , sagte es , so was könne einem Kinde sein Lebtag nachgehen . Wer ein Kind so spöttisch verpuppt gesehen , der erinnere sich daran , wenn das Kind ihm längst erwachsen vor die Augen komme , nehme es für dumm und lächerlich und gewöhne sich mit Mühe daran , die Sünden der Eltern zu vergessen und das verständig gewordene Kind als verständig anzunehmen . Vreneli kaufte dem Bürschchen ein klein Käpplein , wohlfeil und doch schön , und was will man mehr ? Darüber ward Uli auch wieder sehr böse . Unnütz Geld auszugeben sollte man sich hüten in solchen Umständen , sagte er . Es werde sehen , wie weit man komme damit , aber dann werde es zu spät sein . Die Hoffart habe reichere Leute auf die Gasse gebracht , und dümmer sei nichts , als vorstellen zu wollen , was man nicht sei , was man erst mit Mühe und Not werden könne . Übrigens begreife er nicht , was ihm an der Kappe nicht recht sei , ihm gefalle sie und zwar besser als die , für welche es Geld verschleudert . Es sei aber nur Weiberwunderlichkeit ; weil es die Wirtin hasse , so gefalle ihm nichts , was von ihr komme . So eine Wirtin , welche an einer Straße wohne , wo alle Tage Herrschaften vorbeiführen , Engeländer und Huttwyler , werde doch wohl besser wissen , was schön sei und Mode , als so eine Pächtersfrau , welche jahraus jahrein niemand sehe als die Eierfrau , den Hühnerträger und zuweilen einen Lumpensammler . Und daß es das Bübli nur den - er wußte selbst nicht , wie er dem roten Turm sagen sollte - tragen lasse ! Wenn die Wirtin mal käme und das Kind hätte ihn nicht auf dem Kopfe , so hätte sie es ungern und meinte , man schätzte ihn nicht . Uli hatte für derlei Dinge durchaus keinen Sinn . Was nichts kostete , gefiel ihm am besten , daneben dann , was so recht buntscheckigt war , so recht himmelschreiend . Er meinte auch , für Kinder sei gleich alles gut , und je weniger man an sie wende an Zeit und Kleidern , desto besser kämen sie fort , desto weniger ungezogen würden sie , an desto weniger gewöhnten sie sich . Uli dachte nicht daran , daß keine Zeit kostbarer angewendet wird als die , welche man an das Reinigen der Kinder wendet , und daß keine versäumte Zeit sich schwerer rächt als die , welche man zu wenig dazu braucht . Der Landmann mistet fleißig , wäscht den Schweinen den ganzen Leib , den Pferden Schwänze und Fuße usw. , und der gleiche Landmann läßt seine Kinder in nassen Betten liegen und tut , als ob jeder Tropfen Wasser Champagner wäre , den man bekanntlich nicht alle Tage braucht . Ja es gibt Leute , welche ihr Lebtag nie am ganzen Leibe gewaschen wurden als am Tage ihrer Geburt , diese Waschung hielts dann bis zum Tage des Todes , war eine währschafte . Er dachte ferner nicht daran , daß die Art , wie ein Kind gekleidet wird in der Jugend , ihm gerne nachgeht im Leben , und Kleider machen ja Leute . Es gibt nicht bloß Familien , sondern ganze Geschlechter bis ins dritte und vierte Glied , welche ihr Lebtag ungewaschen scheinen , alle Kleider an ihnen schmutzig , ja Leib und Seele schmutzig , sie mögen sich gebärden , kleiden , so kostbar sie wollen . Wir glauben , Demanten würden auf ihren Personen den Glanz verlieren und Farbe kriegen wie abgestandener Froschlaich . Wenn sie auch vornehm werden , diese abgestandenen Gesichter , und nach Seife und Pomade langen , erst im dritten und vierten Glied fängt man an zu merken , daß da was Ungewöhnliches in Gebrauch gekommen . Uli gehörte nicht zu diesem Schmutzgüggelgeschlecht , er war im Gegenteil , er mochte machen was er wollte , immer sauber anzusehen , aber er war von Natur so und wußte nicht , wie schnell man in die Familie der Schmutzgüggel geraten kann . Je mehr Mädi aus dem Häuschen kam , desto mehr kam an Vreneli . Viel machen macht sich noch , aber viel machen und nicht das Rechte machen und daher nicht genug schaffen können , das ist hart und drückt schwer aufs Herz , besonders wenn man noch was unter dem Herzen hat . Auch am Essen mäkelte er , es war ihm nicht mehr recht . Es klagen gar viele Weiber , sie könnten es ihren Männern nicht gut genug geben ; das ist von den Weibern dumm , sobald ihnen die Männer Geld genug geben und Geld dafür da ist . Lernen sie halt besser kochen , nehmen sie sich die Mühe nachzusehen , ob was in der Küche ist , und nachzudenken zu rechter Zeit und nicht erst , wenn es auf den Tisch sollte , was sie in die Küche geben , so wird das Ding sich wohl machen , der Mann müßte denn gar ein Unflat sein . Aber wenn die Frau es zu gut gibt , schlechter geben soll , als es sich mit ihrem Gewissen verträgt , weil sie denkt , Dienstboten seien doch eigentlich , genau genommen , keine Hunde , wenn sie zehn und mehr Jahre gekocht mit Verstand und zur Zufriedenheit , und auf einmal ists nicht mehr recht , sie sollte es mit dem Halben machen und hat doch gleich viel Mäuler zu sättigen oder noch mehr ( denn je schlechtere Arbeiter man hat , desto mehr muß man ihrer haben , und schlechte Arbeiter essen zumeist mehr als gute ) , dann ists böse , denn es ist nichts böser , als wenn man mit Bewußtsein und wider Willen unverständig handeln soll . Es ist wohl nichts dümmer auf der Welt , als wenn man zu schlecht zu essen gibt und es besser geben könnte . Es ist dumm und schlecht , wenn man es der eigenen Familie zu schlecht gibt , da wachsen keine Kräfte nach , die Kinder müssen es oft büßen lebenslang , hat ähnliche Folgen , wie wenn man das Land , den Boden ermagern läßt . Es ist aber noch viel dümmer , wenn man fremde Leute zu schlecht hält ; erstlich wird man tapfer verbrüllet , und zweitens stehlen sie wieder an der Arbeit ab , was man ihnen am Essen abstiehlt , das fehlt nicht . Das Sprüchwort » Eine Hand wäscht die andere « erwahrt sich wohl nirgends unfehlbarer als hier . Es ist sonderbar , wie Menschen in einfachen Dingen so wunderliche Augen oder Gedanken haben können . Uli wollte es nicht schlecht geben , aber minder gut . Ihm möge es eine große Summe bringen im Jahr , die Andern merkten es nicht oder hätten jedenfalls nicht weniger , meinte er . Der gute Uli hatte vergessen , wie feine Nasen die dümmsten Dienstboten in dieser Beziehung haben und wie hoch sie den geringsten Abbruch anschlagen , er dachte jetzt so wenig daran als früher an der Ernte , denn es sind gar viele Leute , welche meinen , sie alleine hätten ein Hirn zum Merken und eine Nase zum Riechen . Vreneli war übel daran . Diese Zumutungen alle waren nicht in einem Tage zu übersehn , sondern sie wurden alle Tage neu , sollten die Regel für das Tägliche werden , und Vreneli konnte sie wirklich nicht erfüllen , wenn es des Hauses Bestes im Auge hatte , konnte nicht denken : Meinethalben , wenn er es so haben will , so habe er es , es ist seine Sache . Es redete mit der Base . Die Base riet , leise zu tun , nicht viel zu widerreden , und wenn es geredet sein müßte , ohne Hitz , mit Liebe .