. Hierauf begab sich Alice zu Gilbert in das Boot hinab , welcher halsstarrig ihren Fragen ein consequentes Schweigen entgegensetzte . - Da Ihr nicht antwortet , Chevalier - sagte sie endlich - so werde ich mir auf andere Weise Aufklärung verschaffen müssen . Ralph ! - durchsuche ihn und bringe mir alle Briefschaften , welche er bei sich führt . Nach wenigen Minuten kam Ralph mit einem Packet Briefe den Hügel hinauf . Alice öffnete es sogleich , begnügte sich jedoch , die Adressen und wenn sie an Gilbert selbst gerichtet waren , die Unterschriften zu lesen . - Von der provisorischen Regierung in Rendsburg - sagte sie - stecke ihn ein , Ralph , er kann uns als Empfehlungsschreiben dienen . - An den Capitain Falkson am Bord des Dannebrog . Wir wollen ihn ihm selbst vorlesen . Lege ihn zur Seite . - Vom General von Below an den General von Wrangel . Der kommt zum ersten . An - - - - o Himmel ! - rief Alice , den Brief sowie einen andern , zu dem jener wohl die Antwort sein mochte , in ihre eigene Brusttasche steckend . - Es ist gut , daß ich meinen Brief heute früh nicht abgeschickt . Wer weiß , ob ich überhaupt noch an ihn schreibe , wenn ich diese hier gelesen . - Hier ist noch eine topographische Karte von der Ostküste Schleswigs und - - das ist Alles - - - - . Hatte er es sehr versteckt ? - Er trug das Packet auf bloßer Brust . - St ! Hörtest du nichts ? - In der That , es schien mir , als ob in der Entfernung sich ein Ruder ins Meer senkte . - Er ists . Auf deinen Posten , Ralph ! Man hörte jetzt deutlich das Boot sich dem Lande nähern . - Gieb mir doch den Brief an den Capitain zurück - sagte Alice , überlegend , daß dieser Brief ihr als Mittel dienen könnte , wenn der Capitain , durch die fremde Erscheinung überrascht , es für besser halten sollte , sich wieder in sein Boot zurückzuziehen . Ralph seufzte , als er den Brief wieder herausgab . Denn er verstand Alicens Gedanken sehr wohl . Auf den Rückzug des Capitains hatte er seine letzte Hoffnung gesetzt , die Wette zu gewinnen . Wie die Sachen nun standen , mußte er sie verlieren , wenn er nicht Alicen ins Verderben stürzen wollte . Das Boot landete . Man hörte die Schritte des Capitains durch das hohe Gras streifen . Jetzt hatte er den Steig , der zum Gipfel führte , erreicht . - Guten Abend - schallte Alicen eine Stimme entgegen . Sie erschrack . Das war nicht das Organ des Capitains . Dennoch erwiederte sie den Gruß , vergaß jedoch in der Verwirrung ihre Stimme zu vertiefen ; der Fremde stutzte und trat dann mit größerer Vorsicht näher . Alice hatte sich indeß gesammelt . - Warum ist der Capitain nicht selbst gekommen ? - fragte sie , einen Schritt vortretend . - Ich kenne Sie nicht , mein Herr , und erwarte Sie auch nicht . - Wir scheinen in gleichem Falle - versetzte Jener , ein junger Mann in der Uniform eines dänischen Seeofficiers - doch , eine Frage erlauben Sie : Kennt und erwartete der Capitain Sie ? - Natürlich , was soll die Frage ? Würde er sonst meiner Aufforderung gefolgt sein ? Der Officier wußte nicht , was er aus der merkwürdigen Erscheinung dieses in Freischärleruniform ihm entgegentretenden Weibes machen sollte . In ihrem Anschauen verloren , fiel es ihm nicht ein , daß sie wahrscheinlicher Weise nicht allein hieher gekommen sein dürfte . - Kommen wir zur Sache ! - fuhr Alice fort . - Sind Sie im Auftrage des Capitains hier , so wird er Ihnen ohne Zweifel eine Vollmacht ausgestellt haben . Sind Sie damit versehen ? - Allerdings - erwiederte jener zögernd . - Allein , dieselbe ist für den Chevalier - - - - Chevalier St. Just , ich weiß es . Indeß da er zu kommen verhindert ist und mich beauftragt hat , seine Stelle einzunehmen . - - - - Auch Sie besitzen dann natürlich eine Vollmacht ? - fragte der Officier . - - - Wozu ? Da mich der Capitain kennt . Indessen wird Ihnen dies genügen . Sie hielt den Brief an den Capitain so , daß das Licht der Laterne darauf fiel . Der Officier verneigte sich . Ich bin befriedigt - doch habe ich einen Wunsch - - - - - Der wäre ? - Zu wissen , mit wem mich das Schicksal zu diesem wunderbaren Rendezvous zusammengeführt hat . - Es thut mir leid , daß ich Ihnen in diesem Augenblicke nicht genügen kann , doch werden Sie noch heute meinen Namen erfahren . Lassen Sie jetzt hören , wie weit die Verhandlungen vorgeschritten sind . - So weit , daß übermorgen der Abschluß des Waffenstillstandes zu erwarten steht . Es waren seitens des Reichscommissarius der deutschen Centralgewalt und des Generals Wrangel einige Schwierigkeiten gemacht worden . Da drohte das preußische Cabinet mit einem Separatfrieden und dem General Wrangel mit Entlassung aus dem preußischen Dienste ; und die Herren gaben nach . - Wie aber , wenn die preußische Regierung in Frankfurt desavouirt wird ? - Dafür ist gesorgt . Es wird vielleicht einige Stürme setzen , und die Majorität schließlich die Sache als fait accompli betrachten und darüber zur Tagesordnung übergehen . - Woher wissen Sie das ? - Der Capitain hat es von Herrn von Reetz gehört . Es wird versichert , daß der Fürst Lichninsky , Herrn von V. und einige andere Mitglieder der Rechten sich für die Majorität verbürgt hätten . - Wahrhaftig ! - rief Alice in einem Tone , der die bittere Ironie , welche ihre Lippen umzog , nicht hinlänglich versteckte . - Das sind in der That erfreuliche Nachrichten - - - und glauben Sie , daß dem Waffenstillstande ein Frieden folgen wird ? - Schwerlich . Ein Frieden liegt gar nicht in der Absicht des dänischen Kabinets . Es würde den Krieg fortführen , wenn es die Möglichkeit eines Erfolges sähe . Allein wir wissen recht gut , daß , wenn wir so lange warten , bis vielleicht ein strenger Winter die Blokade der Häfen unmöglich , dagegen den Uebergang der feindlichen Truppen nach Alsen und Fünen möglich macht , die Abschließung eines Waffenstillstandes seine Schwierigkeiten haben könnte . Der Zweck des Waffenstillstandes ist kein anderer , als den Winter in Ruhe und Sicherheit auf die Vorbereitungen zu einem Frühlingsfeldzuge bedacht sein zu können . Deshalb wird auch derselbe spätestens bis zum März dauern . - Und die Paulskirche ist in diesen Landesverrath eingeweiht ? - rief Alice , die ihre Entrüstung nicht länger bemeistern konnte , voller Hohn aus . Der Officier sah sie erstaunt an . - Ich verstehe Sie nicht - sagte er . - O , armes , betrogenes Vaterland , daß diese Elenden es wagen dürfen , dich zum Spielball der Fürstenlaunen herabzuwürdigen ! - Sie sind mein Gefangener , Lieutenant - wandte sie sich an den Erstaunten , der einen Schritt zurücktretend die Hand an den Degen legte . In demselben Moment aber fühlte er sich von zwei starken Händen an den Schultern gefaßt und zu Boden gezogen . Ehe er einen Ruf nach Hülfe ausstoßen konnte , war sein Mund mit einem Schnupftuch verstopft . Nachdem die Hände des Officiers zusammengebunden waren , bat Alice ihn mit der liebenswürdigsten Freundlichkeit , sich zu erheben ; worauf alle Drei sich nach dem Boote in Bewegung setzten . - Chevalier - sagte scherzend Alice - unsere Gesellschaft hat sich vermehrt . Erlauben die Herren , daß ich Sie einander vorstelle ; Chevalier von St. Just und - - - ja so , ich weiß Ihren Namen noch nicht . So muß der Chevalier noch das Vergnügen entbehren , Ihre Bekanntschaft zu machen . Ralph stieß das Boot vom Lande ab . Da ließ der Chevalier , dessen Mund frei war , auf einen bezeichnenden Blick des Officiers , plötzlich einen gellenden Pfiff ertönen . - Guter Gilbert , Du wirst Dich noch um Deinen Kopf pfeifen - rief Alice , auf ihn zueilend und ihr eigenes Schnupftuch ihm zwischen die Zähne schiebend . - Zieh ' die Ruder fester an , lieber Ralph ; und das Boot durchschnitt , trotz der großen Last , die es trug , pfeilschnell die hochaufzischenden Wogen . Doch zeigte es sich bald , daß der Pfiff seine Wirkung nicht verfehlt hatte . Das Boot des Officiers , von zwei rüstigen Matrosen bemannt und fast leer , wie es war , hatte nicht sobald die Spur des fliehenden Feindes bemerkt , als es mit einer Geschwindigkeit , die der des Fahrzeugs unserer Freunde um das Doppelte überlegen war , die Jagd begann . - Halt ein , Ralph , es nützt zu Nichts , daß wir fliehen . Du kannst Deine Kräfte besser brauchen . Zieh ' die Ruder ein und nimm die Büchse zur Hand . Salvador , Du , nimm das Pistol Gilberts . So ! Das Boot kam mit furchtbarer Schnelligkeit näher . Doch da die Dunkelheit , selbst die nächsten Gegenstände , nur als ungewisse Schatten erscheinen ließ , so konnten die Angreifer unmöglich die Distance zwischen ihrem und dem feindlichen Boote berechnen . Sie hatten sich nur durch den Schall der Ruder leiten lassen und waren jetzt , da diese schwiegen , in völliger Ungewißheit über die Richtung , welche sie einzuschlagen hätten . Indessen verminderten sie die Schnelligkeit nicht , in der Meinung , daß durch ein Umschlagen des Windes der Schall nach einer andern Seite geführt werde . Alice saß , den starren Blick auf das näherkommende Boot gerichtet , am Steuer . Jetzt sah sie es heranschießen . Ein Druck am Steuer und das gehorsame Fahrzeug beschrieb einen Halbkreis und stieß im nächsten Augenblick dem heranstürmenden Feinde den Kiel in die Flanke . Während es selbst nur von der Erschütterung getroffen , tief stöhnte , verloren die beiden Männer des feindlichen Bootes das Gleichgewicht und stürzten über Bord ins Meer . - Jetzt , Ralph ! - sagte Alice - mit einem Lächeln der Zufriedenheit - lege die Ruder wieder ein ! - Von Neuem setzte sich das Fahrzeug in Bewegung , während die beiden Matrosen , wieder auftauchend , den Bord des Bootes zu erfassen suchten . In der That gaben sie , durch ihren Unfall erbittert , nachdem sie sich glücklich ins Boot zurückgerettet hatten , nicht nur nicht die Verfolgung auf , sondern setzten sie mit noch größerem Eifer fort . Aber theils der Umstand , daß sie ein Ruder eingebüßt , theils die große Entfernung , in der sich bereits das verfolgte Boot befand , ließen sie bald von ihrem Vorhaben abstehen . Als Ralph gelandet war , wurde Kriegsrath über die Gefangenen gehalten und beschlossen , daß sie so lange im Boote unter der Aufsicht Salvadors und Alicens zurückbleiben sollten , bis Ralph vom General von Wrangel Bescheid darüber erhalten , was mit dem dänischen Officier geschehen solle . Nach kurzer Zeit kehrte Ralph niedergeschlagen und erbittert durch die Antwort zurück , daß , da die Abschließung des Waffenstillstandes nahe bevorstehe , der Officier nicht zurückgehalten werden dürfte , weil eine solche Gefangennehmung , besonders unter den Umständen , wie sie veranstaltet worden , moralisch als ein Friedensbruch betrachtet werden würde . - Ich hab ' s Dir ja vorhergesagt - erwiederte Alice ruhig . Binde ihnen die Hände los und lasse sie frei . - Auch Gilbert ? - fragte Salvador . - Ja ! - erwiederte Alice , die ein unbezwingliches Gefühl davon abhielt , den Elenden der tausend Mal verdienten Strafe anheimzugeben . Schweigend lösten Salvador und Ralph die Stricke , mit denen die Hände der Gefangenen gefesselt waren . Ohne ein Wort zu wechseln , entfernten sich diese . Die drei Freunde aber bestiegen wieder ihr Boot und begaben sich , am Ufer hinsteuernd , auf den Rückweg . Alice schien über einen Entschluß zu sinnen . - Woran denkst Du ? - - fragte Ralph , sich zu ihren Füßen kauernd , während Salvador gemächlich das Boot in Bewegung setzte . - Ich überlege , ob ich schon Morgen reisen soll , oder erst den Abschluß des Waffenstillstandes abwarte . - Reisen ! - fragte bestürzt Ralph , sich halb aufrichtend . - Wie kann Dich das wundern ? Ich halte es hier nicht mehr aus , nachdem abermals alle Hoffnungen verschwunden , die ich auf das frisch aufblühende Leben , auf die politische Regeneration Deutschlands , die - wie ich meinte - hier in Schleswig ihren Anfang nehmen würde , gesetzt hatte . - Du siehst zu schwarz , Alice . - Wenn irgendwo , so finden wir hier diejenigen Elemente , welche die erste Bedingung jedes volksthümlichen Staatslebens sind , ich meine : nirgends hat die demokratische Bildung und das Bewußtsein des Volks über seine eigene Souverainität tiefere Wurzeln geschlagen , als in dem » meerumschlungenen « Schleswig . - Du irrst , mein Lieber - sagte traurig Alice - die demokratischen und selbst republikanischen Elemente , welche hier sein mögen , concentrirten sich in den Freischaaren und den süddeutschen Truppen . Die Schleswiger selbst sind reine Bourgois , die nur einen einzigen erregbaren Punkt in ihrer indifferenten Seele besitzen , ihren Haß gegen Dänemark ; und selbst über diesen Haß beginnt sich bereits eine Decke zu legen . Ziehen die Truppen aus dem Lande , werden die Freischaaren aufgelöst , und geht der brave Major von der Tann nach München zurück , dann ist hier Alles zu Ende . - Es mag sein , daß dadurch Schleswig aufhört , der Schauplatz der Entscheidung über das künftige Schicksal Deutschlands zu sein , indessen werden nicht alle Truppen zurückgezogen , und wenn auch die Freischaaren aufgelöst werden , so bleiben doch unter der Linie noch tüchtige Kräfte . - Zum Beispiel ? - - Zum Beispiel der Major von H. Auch er gehörte , wie Du weißt , den Freischaaren Tann ' s an , und Du wirst nicht leugnen , daß er zu den ehrlichsten Republikanern gehört . - Dein Beispiel ist unglücklich gewählt . Herr v. H. ist meiner gewissen Ueberzeugung nach der entschiedenste Absolutist , den sich die Regierung nur wünschen kann . - Ah , Du scherzest ! - sagte Ralph ungläubig lächelnd . - Ich könnte Dir die Biographie des sehr ehrenwerthen Herrn Magnus H. - so wie manche Historien über den Republikanismus unserer » entschiedensten Demokraten « erzählen - sagte mit Bitterkeit Alice . - Aber die Zeit wird kommen , wo nicht nur ihre Maske , sondern der ganze Kopf herabfallen wird . - Trotzdem - setzte sie nach einer Pause hinzu - würde ich es jetzt als eine Pflicht betrachten , hier zu bleiben , wo ich zuerst nur aus Vergnügen war - wenn mich nicht andere Pflichten abriefen . - Andere Pflichten ? - sagte traurig Ralph . - Ich begleite Dich - Alice . - Nein , ich gehe allein . - Nur Salvador kommt mit mir . Du , Ralph , mußt bleiben , weil es auch für Dich hier Pflichten giebt . - Und wohin gehst Du ? - fragte er noch einmal . - Nach Frankfurt . - Nach Frankfurt ! - wiederholte mit zitternder Stimme Ralph , indem er einen halb ängstlichen , halb vorwurfsvollen Blick auf Alicen warf . - Hast Du Vertrauen zu mir ? - sagte mit Ernst Alice . - Ja ! - erwiederte aus voller Seele Ralph , die Hand auf ' s Herz legend . - Nun , dann frage nicht weiter , leb ' wohl und denke meiner . Wir sind am Ziele . IV Der Waffenstillstand war zu Malmoe am 26. August auf 7 Monate abgeschlossen worden . Durch das deutsche Land ging nur ein Schrei der Entrüstung über die Schmach , welche dem deutschen Namen dadurch widerfahren . In Schleswig stieg die Aufregung selbst unter den Truppen bis zu einem so bedenklichen Grade , daß sich General von Wrangel veranlaßt fühlte , unter dem Titel einer allgemeinen Recognoscirung sämmtliche Truppentheile bis hinauf zur jütländischen Grenze zu inspiciren . Wohl wissend , daß nichts mehr den Gehorsam und die Subordination erhält als eine , wenn auch übertriebene Anerkennung derselben , sprach er in einem langen Armeebefehl seine » vollkommenste Zufriedenheit « über die » Haltung der Truppen « aus . Zwar bedauert er die » Ungleichmäßigkeiten im Aeußern , « die nothwendig aus der » verschiedenartigen Uniformirung « hervorgehen , und » dem Auge sich mehr oder weniger stark bemerkbar darstellen müsse , « beeilt sich jedoch hinzuzusetzen , daß diese » Ungleichmäßigkeiten « doch wieder » vollkommen ausgeglichen « werden durch den » Geist der Ordnung , des Gehorsams und der freudigen Hingebung , « der ihn zu den » schönsten Erwartungen berechtigt , « wenn es ihm » beschieden sein sollte , hier oder auf einem andern Kriegsschauplatz , jene Truppen gegen den Feind zu führen « - O , du ahnungsvoller Engel Du ! - - - - denn man kann unmöglich annehmen , daß der General damals schon eine wirkliche Wissenschaft darüber gehabt habe , daß er nach Berlin als Commandeur der » Marken « berufen werde , um die Nationalversammlung zu sprengen und den Belagerungszustand über die ruhige Stadt zu verhängen . Ja , der » Geist des Gehorsams und der freudigen Hingebung , « ist dem preußischen Kriegsheere vortrefflich eingeimpft und genährt worden . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der Waffenstillstand von Malmoe war der erste Triumph , den die Fürsten dem Volke ins Gesicht schleuderten . Sie durften es wagen , waren sie doch ihrer Trabanten in Frankfurt gewiß . Die denkwürdige Sitzung der deutschen Nationalversammlung am 16. September 1848 streifte dem arglosen , vertrauungsvollen Volk die Schuppen von den Augen . In dieser eilfstündigen Sitzung wurde die Frage des Malmoer Waffenstillstandes definitiv verhandelt . Die Commission , welche denselben zu prüfen hatte , sprach bedenklich ihre Ansicht dahin aus , daß die Nationalversammlung ihre Anerkennung versagen solle . In der darauf beginnenden Debatte zeichneten sich unter den Rednern , welche für die Anerkennung sprachen , Herr von Vinke und der Fürst Lichnowski , unter denen , welche gegen dieselbe sprachen , Robert Blum und Simon aus Trier aus . Von des Morgens um 9 Uhr hatte die Discussion ohne Unterbrechung bereits bis Nachmittags um 5 Uhr gedauert und immer noch war kein Resultat abzusehen . Das Volk hatte sich erwartungsvoll um die Paulskirche geschaart und diskutirte nach seiner eigenen Weise . Nur wenige theilten die allgemeine Spannung nicht ; zu diesen Wenigen gehörten drei Männer , welche dicht am Hauptgange der Kirche standen und mit gleichgültiger , fast verächtlicher Miene auf das hin- und herwogende Publikum blickten . Von Zeit zu Zeit flüsterten sie sich einige Bemerkungen zu . - Es ist nothwendig - sagte der jüngste von ihnen - daß wir hinausschicken . Man kann immer nicht wissen , was geschieht . Seit einer halben Stunde ist das Volk um das Doppelte angewachsen . - Bah ! - erwiederte der Angeredete - was Du da » Volk « zu nennen beliebst , besteht zu drei Viertheilen aus Dütchendrehern und Pfeffersackscommis . Ich kenne die Frankfurter besser . Sie wundern sich über die lange Sitzung und meinen in ihrem Bourgeoisverstande , daß etwas Wichtiges dahinter stecken müsse . Wenn die Herren aus der Paulskirche herauskommen , gehen sie eben so ruhig nach Hause , als wenn sie Sonntags drüben im Forsthause ihren Schoppen getrunken . - So gehe ich allein , auf meine eigene Verantwortung - sagte der Erstere entschlossen . - Sie hat uns ausdrücklich beauftragt , ihr sogleich zu melden , wenn das geringste Merkmal da wäre , was auf einen Tumult hindeute . - Meinetwegen geh in ' s Teufels Namen . Was kümmert ' s mich ? Aber ich sage es frei heraus , diese Weiberhierarchie will mir verflucht schlecht gefallen . Was soll diese Geheimnißkrämerei bedeuten ? Dummes Zeug . Wenn ' s ans Losschlagen einmal kommt , was ich in diesem verdammten Meßjudennest sehr bezweifle , so kehre ich mich an Niemandem , sondern gehe meinen eignen Weg . - Thun , was Du nicht lassen kannst - erwiederte Jener - ich thue dasselbe . Adieu . - Ich begleite Dich , Joseph - sagte der Dritte , welcher bisher schweigend an dem Pfeiler gelehnt hatte . Sie schlugen den Weg nach der Mainlust ein . Auf einer der schattigsten Plätze der Mainlust , vor sich die gefüllten Becher , saßen Alice , der Pater Angelikus und Salvador . Aus der Ferne schallten die vollen Klänge der Harmoniemusik herüber . Aber die drei Freunde schienen weder durch den Duft des herrlichen Rheinweins , noch durch den Zauber der Musik erheitert zu werden . Ernst saßen sie einander gegenüber , eine wahrscheinliche Folge des Gesprächs , das sie eben mit einander geführt hatten . Alice wandte zuweilen einen Blick zwischen die Bäume in der Richtung nach Frankfurt zu , als erwarte sie Jemand . Der Pater blickte aufmerksam auf Alice , als wolle er die Wirkung seiner letzten Worte prüfen . Salvador war noch blässer als gewöhnlich , und auffallend gleichgültig gegen das vorhin geführte Gespräch . - Wozu sind Sie entschlossen , werthe Freundin ? - fragte endlich der Pater , seinen Blick von Alicen abwendend . - Zu handeln , wenn ' s Zeit ist - erwiederte kurz Alice . - Sehr wohl - fuhr der Pater mit sanftem Tone fort . - Allein , wenn ' s nun Zeit ist , zu handeln , wie weit sind Sie zu gehen entschlossen ? - So weit die Nothwendigkeit und die von mir übernommene Mission es fordert . - - - Pater , fragen Sie mich nicht aus . Ich kann Ihnen keine bestimmte Antwort geben . Aber Eins kann ich Ihnen sagen : Unsere Wege mögen dieselben sein , oder auch nicht ; sicherlich aber sind unsere Ausgangspunkte nicht dieselben . Bedenken Sie wohl , daß ich mich nicht zum Werkzeuge fremder Privatrache hergebe . Der Pater sah sie mit einem lauernden Blicke an . Ein Lächeln des Hohns flog über seinen zusammengekniffenen Mund , als er mit seinem gewöhnlichen ruhigen Tone sagte : - Es ist ein Unglück , was ich tief beklage , daß Sie nicht eine bessere Meinung von mir gewinnen können und nicht mehr Vertrauen in mich setzen . Sie kennen meine Zwecke . Sie sind so allgemein wie die Ihrigen , oder halten Sie die Interessen des Katholizismus in seiner ganzen Ausdehnung für weniger umfassend als die Interessen der radikalen Partei in Deutschland ? Nun wohl , so fällt der Vorwurf , der indirekt in Ihren Worten liegt , daß ich nur eine Privatrache befriedigen will , in sich zusammen . Sie haben eine Mission , ich erkenne es an , ich habe die meinige . Die Mittel , sie zu erfüllen , sind wie das Ziel , das sie erreichen sollen , dieselben . Wohlan , so gehen wir miteinander ! Ich brauche , um die meinige zu erfüllen , die Unterstützung der radikalen Partei , Sie , um die Ihrige zu vollenden , das , was die katholische Partei Ihnen bieten kann . Alice wollte antworten , als sie die beiden jungen Männer von der Paulskirche auf sich zuschreiten sah . Rasch erhob sie sich und ging ihnen entgegen . - Ist die Sitzung zu Ende ? - fragte sie schnell . - Nein - war die Antwort - aber eine große Menge Menschen ist draußen versammelt und harrt auf das Resultat . - Unbefriedigt kehrte sie zum Pater zurück und fuhr mit diesem und Salvador augenblicklich nach Frankfurt . Als sie dort hörte , daß der Majoritätsantrag mit 258 gegen 237 Stimmen verworfen und demnach der Waffenstillstand , trotz des Hohns , der darin lag , daß die Centralgewalt beim Abschluß desselben vollständig bis auf den Namen ignorirt worden war , anerkannt sei , sagte sie , mit Thränen im Blick und zitternder Stimme , zum Pater Angelikus , indem sie ihm die Hand reichte : - Ich bin entschlossen , Pater . Ich ziehe meine Hand , die ihn bisher beschützte , von ihm ab . - Des Paters Züge veränderten sich nicht . Er nickte nur mit dem Kopfe und verließ schweigend das Zimmer . Die Nachricht von dem Resultate der Sitzung verbreitete sich mit stürmischer Schnelligkeit durch die Stadt . Eine gährende Bewegung gab sich urplötzlich in dem Volke kund . Große Haufen zogen , die Nationalversammlung verwünschend , durch die Straßen nach der Westendhall ; andere sammelten sich vor dem englischen Hofe , dem Zusammenkunftsorte der Abgeordneten der rechten Seite . Fenster wurden eingeworfen und mannigfach donnernde Pereats auf die Rechte ausgebracht . Generalmarsch tönte . Der englische Hof wurde von zwei Compagnien Kurhessen umzingelt , das Volk zurückgedrängt und das Haus besetzt . Aber noch hatte der Zorn des Volks nicht den höchsten Grad erreicht . Es fehlte die Einheit des Bewußtseins in der Menge . Um Mitternacht herrschte wieder vollkommene Ruhe . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Tausende strömten am Nachmittage des folgenden Tages von allen Seiten her nach der Pfingstweide zur Volksversammlung . Sämmtliche demokratische Vereine der umliegenden Ortschaften , so wie Frankfurt selbst setzten sich in corpore nach der Pfingstweide in Bewegung . Nachdem die Redner , welche meistens wie Schlöffel , Simon aus Trier , Wesendonck , Zitz u. A. der Linken der Nationalversammlung angehörten , unter dem lautlosen Schweigen des Volks , das nur zuweilen durch einen stürmischen Beifallsjubel unterbrochen wurde , gehört worden waren , wurde beschlossen : Die Mitglieder der gestrigen Majorität , welche den Waffenstillstand anerkannten , für Verräther am Vaterlande , an der Ehre und Freiheit Deutschlands zu erklären , und diesen Beschluß nicht nur dem deutschen Volke , sondern auch der Nationalversammlung selbst durch eine Deputation mitzutheilen . Darauf zog das Volk in zerstreuten Gruppen der Stadt zu , um sich vor dem » deutschen Hofe « dem Sammelplatze der Linken , nach deren Beschlüssen es sein ferneres Verhalten einrichten wollte , wieder zu vereinigen . V In derselben Nacht rückten 3000 Mann Preußen und Oesterreicher ein . Als die Abgeordneten sich nach der Paulskirche zur Sitzung begaben , fanden sie dieselbe vom Militär umringt . Zwar wurden die Truppen auf die Reclamationen der Linken Anfangs zurückgezogen , bald jedoch , als die Masse des Volks immer größer und seine Haltung immer drohender wurde , wieder herbeigerufen . Aber das Volk hatte einmal Posto gefaßt und setzte dem andringenden Militär Widerstand entgegen . In der Paulskirche hatte man nach Absolvirung der Waffenstillstandsfrage die Berathung der Grundrechte wieder aufgenommen und Artikel 4 , welcher über » Lehrfreiheit « handelt , zur Debatte gestellt , als plötzlich der Tumult draußen so anwächst , daß des Präsidenten Stimme ihn kaum zu übertönen vermag . - - Schläge donnern an die Thür . Erschreckt springen die ehrenwerthen Herren von ihren Sitzen empor . Das Haus geräth in Unruhe - - - man flüstert sich das Schreckenswort » Barrikade « zu - - von der Rechten begeben sich einige Mitglieder nach der Thür , um die Soldaten zum Widerstande zu ermuntern . Da knallt der erste Schuß in das Volk ; ein 60jähriger Greis stürzt zusammen . Das Volk stiebt auseinander , voller Wuth über den frischen Mord . Rasch organisirt sich der Widerstand . Barrikaden wachsen mit wunderbarer Schnelligkeit aus der Erde empor und werden von Offenbacher , Isenburger und Hanauer Republikanern besetzt , die in zahllosen Schaaren herbeigeeilt waren , die Schmach , welche die Nationalversammlung über Deutschland gebracht , abzuwaschen . Um Mittag entbrennt der Kampf auf allen Punkten , das schwere Geschütz donnert durch die Scheuer- und Fahrgasse und gegen die Barrikaden am Römerberge . Das Volk kämpft mit einem Muthe , den nur die Verzweiflung zu erwecken im Stande ist . Die Stadt wurde in Belagerungszustand erklärt und das Standrecht proklamirt . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Zweimal begab sich eine Deputation der Linken zum Erzherzog Johann und bat ihn , die Truppen zurück ziehen und dem Blutbade ein Ende machen zu lassen . Der Reichsverweser war bereit , dem Wunsche Folge zu leisten , wenn das Volk verspräche , die Barrikaden zertrümmern zu wollen , aber die Minister verweigerten dem schon ausgefertigten Befehl ihre Contrasignatur . Dagegen gestatteten die Minister um 4 Uhr eine halbstündige Waffenruhe , um den Insurgenten Zeit zur Abtragung der Barrikaden zu gewähren . Die Frist lief ab und der Angriff begann aufs Neue . Um 8 Uhr Abends war der Kampf so gut wie beendet , obgleich noch einige Schüsse gehört wurden . Die Kartätschen hatten ihre Wirkung nicht verfehlt . Zu Hunderten lagen die Verwundeten und Todten in den Häusern und auf den Straßen umher . Blut röthete die Trümmer der Barrikaden . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Alice saß während des heftigsten Kampfes auf ihrem Zimmer in der Allerheiligengasse , dort , wo sie an die Zeil mündet . Dicht unter ihrem Fenster erhob sich eine starke Barrikade , welche von österreichischen Soldaten angegriffen wurde . Sie dachte an die Berliner Märznacht und seufzte aus tiefer Brust . Welch ' ein Unterschied zwischen dem Jetzt und Damals ! Wie