, als auf diese der Fabrik im Allgemeinen bezogen . Jaromir schien zwar sehr aufmerksam zu sein , lieh diesen Worten aber doch nur ein halbes Ohr ; seine Blicke ließ er öfter über die jammervollen kleinen Gestalten und blöden Gesichter der Kinder gleiten , oder über die mürrischen und thierischen Züge der ältern Fabrikarbeiter , oder über die gemeinen und böswilligen Erscheinungen der Frauen ; seine Gedanken aber weilten noch in ganz anderem Kreise . Elisabeth war bei Georgs Schwester - er war ihr so nahe und sollte sie nicht sehen - sie hatten denselben Weg zurückzulegen - und er sollte sie allein lassen ? Er sagte jetzt zu Georg : » Sie haben Sich so bereitwillig für einen Fremden bemüht , nehmen Sie dafür meinen verbindlichsten Dank , und wenn Sie einmal den Namen Jaromir Szarinh hören , so erinnern Sie Sich meiner . « Georg machte eine stumme Verbeugung und sagte dann : » Sie sind wohl ein Gast der neuen Wasserheilanstalt ? « » Allerdings ; die romantische Umgebung hat mich einige Zeit hierher in die freie Natur gelockt . « » Da haben Sie aber einen weiten Weg gemacht , Sie werden das bei der Rückkehr empfinden , wenn Sie nicht erst eine Weile bei uns ausruhen wollen . « » Sie werden mich sehr verbinden , wenn Sie mir dies erlauben wollen , allein ich muß fürchten , Sie in Ihren Geschäften zu stören . « » Erlauben Sie mir , Sie in das Wohnhaus zu begleiten , und entschuldigen Sie dann , wenn ich Sie wieder auf einige Augenblicke verlasse . « Man trat in das Haus . » Wo ist mein Vater ? « fragte Georg eine Magd , die in der Hausflur beschäftigt war . Sie antwortete : » Er hat sich in das Comptoir mit zwei Rechnungsführern eingeschlossen und mir den Auftrag gegeben , Jedermann zu sagen , er sei nicht zu Hause , kein Mensch dürfe ihn vor dem Abend stören . « » Sie entschuldigen , « sagte Georg zu dem Grafen , ohne durch die allzunaive Antwort der Magd im Mindesten in Verlegenheit gesetzt zu werden , » das ist so Brauch in unserm Geschäftsleben , es läßt uns wenig Zeit für andre , Dinge und für andre Menschen . « Dann fragte er die Magd wieder : » Ist meine Schwester in ihrem Zimmer oder unten ? « » Sie wird Besuch haben , « antwortete die Magd , » und sagte mir , ich solle sie nicht unnöthiger Weise rufen . « Jaromir lachte , diese Art und Weise Jemand zu empfangen , der einen Besuch machen will , kam ihm sehr spashaft vor , Georg aber fuhr hitzig auf : » So werde ich wohl selbst Pauline fragen müssen , ob es ihr gefallen wird , meine Anordnungen für nöthig oder unnöthig zu halten . « Kaum hatte er dies ganz ausgesprochen , als Pauline an Elisabeths Arm die Treppe herab kam . Die Mädchen waren im Begriff , in die Gartenlaube zu gehen . Man ward einander vorgestellt , und ging dann gemeinschaftlich in den Garten und nahm da in der Laube Platz . Nach wenig Augenblicken entfernte sich Georg . Elisabeth und Pauline erzählten Jaromir wechselsweise , wie sie zusammen erzogen und Freundinnen geworden wären und sich nun unbeschreiblich glücklich fühlten , gerade in dieser Einsamkeit einander so nahe zu sein . Jaromir hörte mit Vergnügen zu und warf manchen innigen Blick auf Elisabeths leuchtende Augen . Eine glückliche Stunde zog sich über die drei Menschen hin , eine Stunde , die nach ihren besten Momenten sich nicht beschreiben , sondern nur fühlen läßt . Ein Sommerabend still und heiter , an dem die Heimchen flüsternde Weisen unter wallenden Grashalmen zirpen , wo die Abendblumen ihre geheimnißvollen Blüthenkelche scheu und vorsichtig öffnen , Düfte wunderbar aushauchen , große goldne Augensterne allmälig aufschlagend , wo Schmetterlinge darüber hinziehen , in mystischen Kreisen von Blüthe zu Blüthe tanzend . Und wieder über den Schmetterlingen empor schwingen sich freudetrunkene Lerchen , schmettern ihre Lieder hoch in die Lüfte , lassen ihre lieblichen Töne wieder leise fallen und wieder klingen zu den lauschenden Feldern und Gärten . - Da ist es , als richteten sich alle Halme auf und lauschten , als fragten alle Blumen mit emporgeschlagenen Augen zum Himmel auf , woher die wunderreichen Lieder tönten - und auch das weichgewordene Menschengemüth lauscht empor und wird wonnetrunken und still - und doch ist nichts Aeußerliches geschehen , nichts Neues , nichts Unerlebtes . So war es auch jetzt den drei Menschen in der Laube . Pauline fühlte sich froh und verstanden , deßhalb zufrieden und heimisch , zum ersten Mal so recht heimisch in der Heimath , in der sie hinter lauter bekannten Gesichtern lauter fremde Seelen finden mußte . Jaromir und Elisabeth waren glücklich , ein ganzer Frühling blühte und sang in ihren Herzen und eine lachende Sonne strahlte wärmend darein . Ihre Worte waren aber nicht anders als das Heimchenzirpen , das Duften und Blühen der Abendblumen , das farbige Spielen der Schmetterlinge , das Singen der Vögel rings um sie - nicht außerordentlicher , nicht neuer , nicht unerlebter . So wie diese Heimchen , Blumen , Schmetterlinge , Vögel schon an Tausend Abenden zu gleicher Naturfeier sich vereinigt , so wie es die drei Menschen schon oft selbst mit angesehen und erlebt hatten , so waren sie auch jetzt sich bewußt , noch niemals eine stillglücklichere Stunde verlebt zu haben , als diese , und doch war ihre Unterhaltung einfach und konnte alltäglich klingen und verrieth Nichts von der Herzen tiefinnerster Bewegung , außer , daß zuweilen das Feuer poetischer Beredtsamkeit von Jaromir ' s Lippen flammte , daß seine Worte den Klängen der Lerche selber glichen , welche sich in das obere Himmelblau stürzte , indem die scheidende Sonne noch ihre Flügel vergoldete . Es fiel Elisabeth schwer , an den Aufbruch zu denken ; - Jaromir blieb so lange unter dem Vorwande , daß er Georgs Rückkunft erwarten wolle ; aber als jetzt Elisabeth aufstand , von dem hereindämmernden Abend erinnert , fragte er doch : Ob er sie begleiten dürfe ? » Mein Pferd habe ich weggeschickt , « sagte sie , » weil ich den kleinen Rückweg zu Fuß machen wollte , und da ich noch am Tage zurückzukommen dachte und ein nachfolgender Diener mir lästig ist , hab ' ich auch diesen nicht bestellt , wollte vielmehr um Paulinens Begleitung bis an den Park bitten - in unserm Park geh ' ich ja doch allabendlich allein . « » Nun , « sagte Pauline , » so brechen wir zusammen auf . « Die Mädchen baten nun Jaromir , zu warten , bis sie ihre Hüte und Hüllen aus dem oberen Zimmer geholt , und entfernten sich deßhalb . So eben ward Feierabend geläutet . Jaromir trat aus dem Garten auf den freien Platz vor dem Hause . Wilhelm und Anton kamen vorüber , sie stießen einander an , wie sie ihn gewahr wurden , und Anton sagte : » Er ist immer noch da und treibt sich hier ganz allein herum . Glaubst Du nicht , daß das Etwas zu bedeuten hat ? Und wer es wüßte , ob Gutes oder Schlimmes ? « » Nun , was könnte denn noch Schlimmes kommen ? Anton , ich hoffe jetzt : Es giebt Leute , welche sich unsers Elendes erbarmen wollen , welche es gut mit uns meinen ; gelehrte Leute , welche schreiben und was Rechtes gelernt haben , die sagen es gerade heraus , daß man uns Unrecht thut , und solche Leute müssen jetzt in unsrer Nähe sein - ich weiß es gewiß - wer weiß , ob er nicht Einer von ihnen ist - er schien doch freundlich zu sein . « » Und nun ist er noch immer hier , « sagte Anton , » am Ende hat er den Feierabend abgewartet , um noch mit uns zu sprechen . « In diesem Augenblick kamen Pauline und Elisabeth aus dem Haus und Jaromir ging mit freundlicher Anrede auf sie zu . Die Arbeiter entfernten sich kopfschüttelnd , zusammen murmelnd . In heitrer Unterhaltung wie vorher war die Stelle am Eingang des Parkes bald erreicht , an welcher Pauline von Jaromir und Elisabeth scheiden wollte . Die Freundinnen hielten sich eben umschlungen , als ein Wagen vorüber fuhr . Es war ein leichter zurückgeschlagener Phaeton , ein einzelner Herr saß darin - man würde weder ihn noch seine Lorgnette bemerkt haben , wenn er nicht ein hämisches : » Guten Abend - « aus dem Wagen der Gruppe zugerufen hätte . Es war Kammerjunker von Aarens , welcher mit diesem Gruß , und indem er langsamer als erst vorüber fuhr , die Erkannten niederzuschmettern glaubte . Aber sowohl Elisabeth als Jaromir dankten unbefangen in gewohnter Art und Weise . » Wer war denn die Dame , welche jetzt das Paar allein läßt ? « fragte Aarens auf Paulinen deutend , welche den Rückweg antrat , seinen Kutscher . » Die Tochter des Fabrikanten Felchner ? « antwortete dieser . » Was - Kerl , ist das wahr ? « rief Aarens außer sich . » Bestimmt , ich kenne sie genau - « versetzte der Kutscher . Aarens schlug ein Gelächter auf und rief ein Mal über das andere : » Das ist göttlich , himmlisch - unvergleichlich ! « Unterdeß ging Jaromir an Elisabeths Seite dem Schlosse zu . Sie sprachen Wenig - ihre Herzen schlugen zu laut und doch auch zu befriedigt , als daß sie hätten sprechen können . Sie gingen langsam , aber das Schloßthor war bald erreicht , an dem sie sich trennten . Wie sie einander guten Abend boten , fragte er nun leise , ob sie morgen Nachmittag zu Hause sei , und sie antwortete ein freudiges , leises : » Ja . « Später traf Anton wieder mit Franz zusammen . » Was nur der fremde Herr so lang in der Fabrik wollte ? « fragte er . » Ich glaube wohl , daß Du in Allen Spione siehst , seitdem Du mit einem Stiefel zusammen gewesen . « » Höre , « sagte Anton , » hat Dich das Mährchen auch angesteckt , Stiefel soll hier sein ? Der , den August dafür hält , hat dunkle Haare und keinen Bart - und Stiefel hat rothes Haar und langen Bart um ' s ganze Kinn . « Später gefragt , mußte August dies selbst zugeben , man lachte ihn aus und ermahnte ihn , ein anderes Mal besser Acht zu geben - Stiefel werde nicht wagen , je wieder in ihre Nähe zu kommen , versicherte Anton . VII. Die Zwei » Denkt Euch der Herren Wandergang , Voran des Bettlers Kleid als Fahne ! « Alfred Meißner . Es war Abend . Die Geheimräthin von Vordenbrücken hatte mit dem jüngern Waldow ein empfindsames Stelldichein in irgend einem romantischen Bosquet , ihr Gatte saß allein zu Hause und dachte zum tausendsten Mal darüber nach , wie schlimm es sei , eine schöne Frau mit einer reichen Mitgift zu haben . Eine Frau , welche jedem eifersüchtigen Vorwurf des Gatten sogleich den andern entgegen setzen konnte , recht wohl zu wissen , daß er mehr um ihre Staatspapiere , als um ihr Herz geworben habe , eine Gattin , welche es immer geltend zu machen wußte , daß ohne ihren Reichthum ihr Gatte eine unbedeutende Rolle in der Gesellschaft spielen würde , und daß er deßhalb sie niemals in der glänzendsten Ausstattung derjenigen Rolle beschränke , welche sie selbst sich einmal vorgenommen , zu behaupten . So mußte er alle ihre Launen dulden , sie überall hin in die große Welt begleiten , wo er selbst sich und Andere langweilend eine erbärmliche Figur spielte , mußte ihre Liebhaber als Hausfreunde verbindlich willkommen heißen , und jetzt hatte sie es gar dahin gebracht , ihm durch seine Aerzte zu beweisen , daß der Gebrauch einer Wassercur in einer entfernten Wasserheilanstalt für seine Gesundheit ganz unerläßlich sei . Er hatte vergebens versichert , daß er sich ganz wohl fühle und einen ordentlichen Abscheu gegen alles Wassertrinken habe - gerade deshalb fand man die Wassercur für ihn um so unabweißlicher nothwendig . Die zärtliche Gattin versicherte , daß sie sich ewig Vorwürfe machen würde , wenn sie zugebe , daß der Gemahl die Pflege seiner Gesundheit in gleicher Weise vernachlässige wie bisher - daß sie darauf bestehen müsse , daß er ärztlichem Ausspruche sich füge , und daß sie ihn selbst begleiten werde , um den gewissenhaften Gebrauch des Bades selbst zu überwachen . Frau von Vordenbrücken gehörte mit zu den durch die Journale Mystifizirten ; sie hatte gelesen , daß jetzt die Wasserheilanstalt zu Hohenheim der fashionableste Kurord Deutschlands sei - so durfte sie dort nicht fehlen . Die Kur selbst zu brauchen , fand sie langweilig und bürdete sie deshalb ihrem Gatten auf . Da dieselbe sehr viel Zeit erforderte und die Abendluft dabei gemieden werden mußte , konnte sie um so mehr ohne seine stäte Nähe und Begleitung ihren Vergnügungen ungehemmt nachgehen . Als jetzt der Geheimrath sich in diese unerquicklichen Betrachtungen seines ehelichen Lebens versenkte , hörte er ein bedächtiges und zugleich eiliges Klopfen an der Thüre . Auch ein Thürklopfen kann voll tiefster Charakteristik sein - das jetzt gehörte war es : es war das Klopfen eines Menschen , welcher in allen Dingen sehr vorsichtig zu Werke geht und doch zugleich immer sehr pressirt ist . Der Geheimrath rief laut : » Herein ! « erfreut eine Unterbrechung seines Gedankenkreises zu finden , und schritt schnell der Thüre zu , um zu öffnen . Ein langer dürrer Mann mit einer ausgesucht maliziösen Miene trat ein . » Guten Abend , mein lieber Doctor Schuhmacher ! « rief der Geheimrath . » Ihr Besuch freut mich außerordentlich - ich hätte Sie längst schon gebeten , mir denselben öfter zu gönnen - allein Sie schienen mir immer mit so viel wichtigen Dingen beschäftigt , so pressirt , daß - « » Wirklich schien ich das ? « unterbrach Schuhmacher und machte dabei ein bestürztes und ziemlich albernes Gesicht . » So hätte ich dies Mal meine Rolle wirklich schlecht gespielt ? « » Ihre Rolle ? Ich verstehe Sie nicht recht - aber nehmen wir Platz . Sie werden mir doch heute Ihre Gesellschaft nicht sogleich entziehen ? « Schuhmacher setzte sich . » Wenn wir ungestört sind , « sagte er ; » mich führt allerdings eine Angelegenheit von größter Wichtigkeit zu Ihnen . - Aber vielleicht ist in Ihrem Nebenzimmer Gesellschaft - oder Ihre Frau Gemahlin - - ? « » Ich bin vollkommen einsam - es ist dies nicht das Local dazu , viel Gesellschaft zu empfangen , und was meine Frau betrifft , so ist sie ausgegangen , und ich denke , sie wird noch lange nicht wiederkommen - « der geduldige Ehemann konnte dabei doch einen leisen Seufzer nicht unterdrücken . » Nun so bin ich zur guten Stunde gekommen , « sagte Schuhmacher geheimnißvoll , » denn die Unterredung , welche ich mit Ihnen haben werde , wird allerdings keine Zeugen dulden - - es ist doch Niemand von Ihren Dienstboten im Vorsaal oder nebenan ? Sie erlauben , daß ich nachsehe und die Thüren verschließe . « Der Geheimrath versicherte wiederholt , daß Niemand in der Nähe sei , Schuhmacher untersuchte aber doch zu bessrer Vorsicht alle Thüren , verschloß dann die äußere , setzte sich und begann : » Daß ich mich hier befinde , geschieht nicht etwa , um die Mode mitzumachen , oder diese lächerliche Cur zu brauchen . « Der Geheimrath biß sich in die Lippen - Schuhmacher stellte sich , als ob er das nicht bemerke und fuhr fort : » Ich bin von Amtswegen hier , und Nichts konnte mir bei der wichtigen Angelegenheit , welcher ich mich schon seit längerer Zeit unterzogen habe , mehr zu Statten kommen , als daß in dieser Gegend , welche der geheime Schauplatz staatsgefährlicher Bewegungen ist . « Der Geheimrath schrak auf : - » Staatsgefährliche Bewegungen ! Hier ! In der That , ich erstaune ! Wie sollte hier der Sitz einer staatsgefährlichen Bewegung sein , wo es weder eine Universität , Akademie , noch irgend ein Institut giebt , in dessen Schoose sie keimen oder sich verkriechen könnte ? Staatsgefährliche Bewegung hier , wo es keine gefährlichen Menschen giebt - weder Advocaten , noch Künstler , Literaten und andere unnütze Subjekte , aus deren rebellischen Köpfen demagogische Pläne kommen könnten - hier ! « » O , mein theurer Freund , Sie mißkennen die Zeit , Sie stellen sich auf den Standpunkt , welchen wir vor dreißig oder auch vor zehn Jahren einnahmen . Jetzt gilt es ja gar nicht mehr , vor den Burschenschäftlern mit ihren schwarz-roth-goldnen Tiraden auf der Hut zu sein , auch haben wir nicht den schäumenden Julirausch zu fürchten , welcher achtzehnhundertunddreißig auf ein Mal aus den Bürgern ganz aparte Menschen machen wollte - nein , vor diesen Dingen fürchten wir uns nicht mehr . Die Deutschthümelei ist , wie Sie wissen , vollkommen erlaubt , denn die Majestäten sprechen ja selbst von einem einigen Deutschland und die Toaste auf dieses sind vollkommen offiziell . Auch die Julimänner machen uns Nichts mehr zu schaffen , es ist ihnen ja unbenommen , in den Ständesälen schöne Reden zu halten und einander Adressen zu schicken . Daß dies Alles ohne weiteren Erfolg bleibt , wird uns ergebenen Dienern der Regierung und der Polizei ein Leichtes zu bewerkstelligen - aber hier haben wir es mit einem ungleich gefährlicheren Feinde zu thun - und deßhalb - um meinen Satz von vorhin zu beenden , konnte mir Nichts erwünschter kommen , als die Anlegung dieser Wasserheilanstalt . Sie gab mir Gelegenheit , hier einen längern Aufenthalt zu nehmen , ohne mich irgend Jemand verdächtig zu machen , ohne den wichtigen Zweck meines Hierseins irgend wem zu verrathen . « » Ich begreife jetzt immer noch nicht klar , wo Sie hinaus wollen - denn die Nachricht von den Unruhen der Eisenbahnarbeiter ist doch zu neu , bedarf noch der Bestätigung . « Schuhmacher fiel dem Geheimrath in ' s Wort : » Unruhen , Eisenbahnarbeiter - was wollen Sie damit ? « » Also ist es nicht gegründet ? « fragte der Andere gelassen . » Daß Sie es hätten lange vorausahnen können , schien mir mindestens unglaublich . « » Ich bitte Sie um Gottes willen , « rief Schuhmacher außer sich , » was wollen Sie mit den Eisenbahnarbeitern ? Was wissen Sie ? « » Sie wissen also Nichts ? « » Foltern Sie mich nicht länger , reden Sie heraus . « » Nun , da Sie es nicht wissen , ist es gewiß nur ein leeres Gerücht - meine Wirthsleute erzählten mir , die Arbeiter an der nächsten Bahn - Sie wissen , man arbeitet jetzt ungefähr sieben Stunden von hier - hätten ihre Arbeit eingestellt , um einen höhern Lohn zu erzwingen . « » Das wäre ja entsetzlich ! Und wenn soll das geschehen sein ? « » Ich glaube erst heute . « » Sonst hätt ' ich es wissen müssen - ich muß sogleich mit Ihren Wirthsleuten sprechen , die Geschichte von ihnen selbst hören . - Waren sie dort ? « » Ich glaube , Ihr Sohn arbeitet dabei und ist eben zurückgekommen , um sich so aus der Schlinge zu ziehen . « » Theuerster Freund ! Erweisen Sie mir vor allen Dingen die Gefälligkeit , lassen Sie diesen Menschen unter irgend einem Vorwand zu sich kommen , fragen Sie ihn geschickt aus und erlauben Sie mir , im Nebenzimmer Ihr Gespräch mit anzuhören , es wird dies ungleich zweckmäßiger sein , als wenn ich sogleich selbst mit ihm rede . « Schuhmacher rannte aufgeregt , bestürzt und nachsinnend zugleich in der Stube hin und her . Der Geheimrath maß ebenfalls das Zimmer , aber mit langsamen , abgemessenen Schritten . - Beide waren nachdenklich , jeder in seiner Sphäre und seiner Weise . Der Geheimrath trat an ' s Fenster - drunten im Hof war sein Diener beschäftigt , Stiefeln zu putzen und schäkerte dabei mit einer muntern Bauerdirne , welcher er drohte , mit der Bürste voll Schuhwichse über ihr flachsblondes Haar zu fahren , wenn sie sich noch länger gegen einen Kuß sträube . In diesem allerliebsten Kriege war er eben nahe daran , Sieger zu werden , als der Ruf seines Herrn vom Fenster herab diesem ein unerwartetes Ende machte . » Was steht zu Befehl ? « schrie der Diener , mühsam seine üble Laune verbergend , als Antwort hinauf , während die Dirne kichernd und verschämt in den Kuhstall eilte . » Ist unten der Sohn der Wirthin zu Hause , der vorhin angekommen ist ? « » Gnädiger Herr , ich werde zu Dero Befehl erst nachsehen , « war die umständliche Antwort . » Was giebts ? « rief mit Stentorstimme ein kleiner stämmiger Bursche aus dem Hause heraus - es war derselbe , von dem die Rede war , der Eisenbahnarbeiter Adam , welcher das Frag- und Antwortstück von Herr und Diener mit angehört hatte und jetzt heraustrat . » Wollten Sie wohl einmal zu mir heraufkommen , « rief der Geheimrath dem Burschen zu , » ich wünschte mit Ihnen zu sprechen . « Der Bursche nahm ehrerbietig die Mütze ab und sagte höflich aber mit grober Stimme : » Ich komm gleich . « Schuhmacher gab dem Geheimrath die Hand . » Die Regierung wird es Ihnen Dank wissen , wenn Sie auch dieser Angelegenheit sich annehmen ! « sagte er feierlich . » Fragen Sie den Menschen geschickt aus - ich gehe in das Nebenzimmer , « und damit huschte er schnell zur Thüre hinaus , als er bereits schwerfällige Tritte auf der Treppe hörte . Adam trat ein und drehte stumm die Mütze in der Hand . » Man hat mir gesagt , « begann der Geheimrath , » daß Sie Arbeiter bei der Eisenbahn sind ? « » Ja , « war die kurze Antwort . » Ist es wahr , daß die Leute dabei heute ihre Arbeit eingestellt haben ? « » Sie hatten ' s im Willen . « » Sie wollten nur und es ist nicht geschehen ? « » Das weiß ich nicht so genau . « » Guter Freund , antworten Sie mir ordentlich und ohne Scheu - es liegt mir sehr Biel daran , über diese Sache Etwas zu erfahren - und es soll sein Schade nicht sein , wenn ich Wahrheit zu hören bekomme . « » Der Herr haben wohl viel Actien dabei ? « » Nein - keine einzige - ich habe einige Leute , welche ich für zuverlässige und gute Arbeiter hielt , zur Arbeit bei dieser Bahn empfohlen , sie sind angenommen worden und es sollte mir leid thun , wenn sie sich mit bei den Unruhstiftern befänden , oder auch , wenn sie nicht mit zu diesen gehörten , aber mit unter ihnen , unschuldig mit den Schuldigen leiden müßten . Erzählen Sie mir also Alles aufrichtig und wie es kommt , daß Sie Sich heute hier befinden , da doch weder Feiertag noch Sonntag ist ? « » Ja sehen Sie , « sagte der Bursche treuherzig und durch die freundliche Art , mit welcher der Geheimrath zu ihm sprach , zutraulich gemacht , » das ist ein närrisches Ding - das Beil war mir auf den Arm gefallen , ich konnte nicht ohne große Schmerzen arbeiten , da dacht ' ich : es ist besser , Du gehst jetzt für krank nach Hause - und so bin ich denn da . Feiertag steht heute freilich nicht im Kalender - auf der Bahn wird aber wohl welcher gewesen sein . « » Wie so - die Leute mögen nicht mehr arbeiten ? Ist denn der Lohn so gering ? « » Nun , Viel setzt es freilich nicht , indessen , wir waren gerade nicht unzufrieden , wir hier aus der Gegend wußtens nicht anders . Aber da sind viel Ausländer unter uns , die hetzten uns auf und meinten , sie hätten bei andern Bahnen viel mehr gehabt . Nun wollten wir die und jene Erleichterung haben - wir kamen deshalb ein ; Alles in Ordnung und Friede . Darauf hieß es , unsere Sache wäre verschickt und wir bekämen gewiß bald Erleichterung und manchen Vortheil . Ein paar Wochen vergingen - auf einmal hieß es : nun käme die Erleichterung - nein und wissen Sie , was das war ? « » Nun ? « » Es ist zu närrisch ! Man machte uns bekannt , daß , wenn wir an unsre Angehörigen Briefe mit Geld schicken wollten , wir kein Porto zu bezahlen brauchten . Nun da schlag Einer ein Rad ! Könnten wir so Viel Geld verdienen , daß wir welches wegschicken könnten , so würde gewiß Keiner klagen und das Porto würden wir da vielleicht auch noch zusammen bringen können . « » Nun - und Ihr waret also damit nicht zufrieden ? « » Gnädiger Herr , wir , die wir vorher nicht gerade unzufrieden gewesen waren , wir lachten nur über so eine Verordnung und ließen es gut sein - die Andern aber murrten und sagten , sie ließen es nicht gut sein - - Da wird aber einem ehrlichen , ruheliebenden Kerle , wie ich nicht wohl bei solchen Gesichtern , bei solchem tückischen Treiben . - Wie mir nun der Arm jetzt weh that , nahm ich ' s für ein Zeichen , ' s sei wohl das Beste , jetzt wegzugehen . Nun calculirt ' ich : Keiner von uns soll arbeiten , bis man ihm höhern Lohn verspricht - gut ! Verspricht man den höhern Lohn und geht Alles vergnügt und lustig an die stehen gelassene Arbeit , so geh ' auch ich vergnügt und lustig mit daran - läuft es aber schlecht ab - zwingt man uns , wieder wie erst um denselben Tagelohn zu arbeiten , hetzt ' uns wohl gar mit Soldaten dazu und bestraft die , die es erst anders gewollt haben - muß man ' s wohl auch gut heißen , denn wer die Macht hat , hat das Recht , und das Recht muß wohl immer gut sein . - Dann , calculirt ' ich , arbeit ' ich auch wieder mit , aber Niemand kann mir Etwas anhaben , denn ich bin gar nicht da gewesen , sondern krank zu Hause wie der Teufel los ging . « » War also etwas Bestimmtes beschlossen ? « » Weiter gar Nichts - als gestern , wie es von der Arbeit heim ging , sagt ' es Einer dem Andern : Bruder , morgen machen wir gleich früh Feierabend - keine Hand rührt Etwas an - und wer doch an die Arbeit gehen will , dem soll ' s bald vergehen , wir werden keine großen Umstände mit ihm machen , er mag seine Knochen wahren - so hieß es , und so sagte man weiter : wenn sie dann kommen und fragen , was das heißen solle , daß wir Feiertag machten , so antworten wir , daß wir für so geringen Lohn etwas Besseres thun könnten , als uns den ganzen Tag zu plagen ; wenn man uns nicht verspräche , uns täglich wenigstens einen Groschen zum Lohn zuzulegen , so mögten die Herren Actionaire die Bahn mit eignen hohen Händen fertig bauen - wir fragten dann den Geier danach . So würden sie schon klein zugeben , hofften die Leute - - mir aber ward gar nicht wohl zu Muthe und wie ich schon sagte - da macht ' ich mich in der Stille auf und ging heim - daß ich fortgelaufen , kann kein Mensch sagen , denn ich habe dem Aufsher meinen gelähmten Arm gezeigt und Urlaub genommen . « » Das ist eben so pfiffig gehandelt , als treuherzig gesprochen , « sagte der Geheimrath - » eigentlich hätten Sie aber den Aufsässigen Gegenvorstellungen machen sollen . « » Habe wohl - aber was nutzt das ? Da schimpfen sie Einen gleich einen feigen Lumpenhund , eine Schafnatur und was der Ehrentitelchen mehr sind , und was man zum Frieden redet , das hilft nicht das Geringste . - Wer am Meisten schreit , schimpft und flucht , der ist ihnen dann der rechte Mann , vor dem haben sie Respect , auf den hören sie , den machen sie zum Führer - und sonst Keinen . « » Und das waren Ausländer oder - « » Herr ! « fiel ihm Adam in ' s Wort und seine Stirn ward plötzlich zornroth - aber eben so schnell , als er das eine Wort gesagt , brach er auch ab und schwieg wieder . - Der Geheimrath hatte Recht ; Adam war wirklich so pfiffig als treuherzig ; bei der letzten Frage errieth er plötzlich , daß man ihm zum Angeber machen wollte , und dagegen empörte sich seine redliche , Deutsche Natur . Adam war ein echter Typus Deutschen Charakters . Er war nicht gerade unzufrieden , aber da man ihm gesagt hatte : er verdiene es eigentlich , bessere Arbeit zu haben , als eben diese , so dachte er , ein höherer Lohn sei freilich mitzunehmen und eine schöne Sache - aber er fürchtete sich , dazu einen entscheidenden Schritt zu thun , ein Mal , weil er überhaupt träge zur That war und lieber geduldig wartete , bis , wie ihm die Ausländer höhnend zuriefen : die gebratenen Tauben ihm einmal aus der Luft in den Mund geflogen kämen ; - und dann aus angestammter Liebe zu Frieden