ihrer zog die himmlische Kunst unter mein Dach ; das stimmte mich sehr heiter , ja sogar fröhlich . Doch diese seltene Stimmung entschwand als Sedlaczech fragte : » Graf Astrau ist doch nicht krank ? « » Er ist wol - so viel ich weiß ! entgegnete ich .... und weshalb sollte er denn krank sein ? « » Weil er am heutigen Tage unsichtbar ist . « » Er lebt schon seit Jahren in Paris « - erwiderte ich ruhig , aber ich fühlte daß ich erbleichte . Verlegen darüber etwas Unpassendes gesagt zu haben , fiel der arme Sedlaczech um dies Gespräch abzubrechen auf etwas ebenso Unpassendes . » Heute vor dreizehn Jahren war Ihr Vermälungstag « - brachte er fast stotternd hervor . Wol hatte ich daran gedacht , und meine ganze Kindheit und Jugend , und mein ganzes Schicksal voll seltsamer Einsamkeit waren auf diesem Gedanken an mir vorüber gerauscht und hatten mich während des Tages trübe gestimmt . Jezt vergaß ich es einen Augenblick in der Freude Sedlaczech wiederzusehen und er , er selbst mußte mich daran erinnern . » Schon dreizehn Jahr den bewußten Traum des Lebens zu träumen .... ist fast zu viel , erwiderte ich kalt . Ueberdies ist dreizehn eine schlimme Zahl . Mir graut vor diesem Jahr . « Man beruhigte mich damit daß das vierzehnte beginne und die böse Dreizehn überwunden sei ; und bald darauf trennten wir uns . Du bist ein Novemberkind , vergiß das nicht ! - sprach ich zu mir selbst , als ich mein Cabinet wieder betrat , das ich vor einer Stunde so fröhlich verlassen hatte . Der Monat ist ein Symbol Deines Lebens : die Sonne sendet wol zuweilen einen Stral herab , allein er geht unter in Wolken und Nebeln und sie selbst steigt nicht hoch genug um das wüste Grau zu überwinden . Abwärts , abwärts sinkt sie in den ersterbenden December hinein .... da erlischt sie im Eise . Am andern Morgen reiste Herr Becker ab , nach Paris . Ich fühlte mich verpflichtet ihm nach der tödtlichen Langenweile der drei Engelauer Jahre die Erholung dieser Reise zu verschaffen . Er wollte freilich von der Langenweile nichts wissen , und es ist auch ganz richtig : wenn man sich verliebt langweilt man sich nicht . Um desto größer war aber seine Freude , und sie contrastirte lebhaft mit den Thränen welche Fräulein Mathilde wegen der Trennung vergoß . Indessen auch diese versiegten . Sie war ein gutes Geschöpf ; doch glaube ich daß sie binnen Jahresfrist im Stande gewesen wäre Mezzoni ebenso gern zu heirathen als Becker . Aber Mezzoni verabscheute sie , eben um diese ihre negative Natur , die ihn auch über ihr Clavierspiel zu der Bemerkung veranlaßte : Ihm sei dabei zu Muth wie zwischen den Perlfabriken seiner Heimat - ( er war ein Venetianer ) - so glatt , kalt und sauber gehe da Alles von statten . Zwei Jahr später bewerkstelligte sich endlich Mathildens Verheirathung und Beckers Anstellung , und ich denke sie leben in friedlicher Ehe . - Der alte Müller ließ sich in Eutin nieder und widmete sich mit erneutem und gänzlich ungestörten Eifer der Forschung nach jener bewußten Formel . Ich trug sorgsam all meine mathematischen Bücher in die Bibliothek und begrub sie dort zwischen ihres Gleichen . Die Stöße Papiere aber die mich mit meinen Arbeiten angähnten , begrub ich noch viel sorgsamer in den Flammen meines Kamins . Wie sie dort als ein Häufchen zerstiebender Asche lagen , sagt ' ich ganz laut zu mir selbst : Da sind drei Jahre meines Lebens in Rauch aufgegangen .... und um zu diesem Resultat zu kommen hab ' ich die Existenz eines Gymnasiasten - jugendlichen Uebermuth abgerechnet - durchgemacht . Welch ein Unsinn ! - - - Als ich mit Sedlaczech allein war , erzählte ich ihm ausführlich und aufrichtig wie ich mit Otbert gelebt , und warum wir uns getrennt . Er kam mir noch immer - und in Engelau mehr denn je ! - als eine Autorität vor und es gewährte mir Erquickung mich an eine solche zu wenden , da grade sie mir seit meinem zehnten Jahr gefehlt hatte . Die kränkliche Mutter , der zärtliche Paul , der gleichgültige Otbert , ließen mich gewähren - aus sehr verschiedenen Gründen , welche aber für mich die nämliche Wirkung hatten . Mein Schwiegervater würde vielleicht versucht haben mich zu dominiren , wenn wir mehr zusammen gelebt hätten ; allein grade ihm würde es schwerlich gelungen sein , weil ich nur kühle Achtung , keine warme Verehrung für ihn empfand . Und mein Onkel der Bischof , für den ich letztere im hohen Grade hegte , mied mit zarter Vorsicht jede persönliche Autorität um nicht unwillkürlich die geistliche hinein zu mischen . So hatte ich Niemand als mich selbst und meine eigene Zustimmung und Abmahnung , woraus ich mir das Tribunal meiner Handlungen zusammensetzen konnte ; - und wie bestechlich .... im besten Fall wie einseitig , ist ein solches . » Wie glauben Sie denn daß Ihre Zukunft sich gestalten werde ? « fragte Sedlaczech . » Da giebt es zwei Wege , entgegnete ich . Entweder ich verfalle in die schaale Routine des Lebens , welche die Eigenschaft besitzt die Leute - wie man es nennt zu conserviren ; nämlich so wie Leichen sich in manchen Gewölben mit dem Anschein von Leben erhalten ; und dann kann ich es zu grauen Jahren bringen .... vor denen der Himmel Alle behüten möge die er liebt ! Oder solche Existenz ohne Reiz , ohne Nerv , ohne erhebende Gedanken , ohne beseelende Idee , ohne Leidenschaft - führt eine Atonie sämtlicher Kräfte herbei .... welche bald gänzliche Auflösung zur Folge hat . Acht bis zehn Jahre geb ' ich mir noch . Dann ist meine Tochter erzogen , dann bin ich fertig , dann werd ' ich vielleicht erfahren zu welchem Zweck ich gelebt habe ; - denn bis jezt , das gesteh ' ich Ihnen , begreif ' ich es nicht . Das Leben aus Instinct fortzupflanzen , welches mir meine Eltern aus Instinct gegeben haben , scheint mir keine erschöpfende Bestimmung zu sein , und alles Uebrige : diese Gesetze nach denen - diese Pflichten für welche - diese Genüsse um welche man lebt : entsprechen so wenig unsrer Natur , sind so sehr das Product eines künstlich zusammengesetzten Zustandes , daß man sich selbst verkünsteln muß bevor man sich an sie gewöhnt . « » Wer kann sagen : ich begreife das Leben ! erwiderte Sedlaczech . Niemand ! Das ist eben die Sache Gottes . Wir aber , die wir es nicht können , sollten die Hände davor falten , weil es eine Hieroglyphe ist , die ein göttliches Geheimniß verbirgt . « - » Immer die Fabel von der verschleierten Isis ! « » Ja ! aber auch immer im Fabelkleide die urewige Wahrheit . « » O Meister ! rief ich , wie sind Sie nur zu Ihren unumstößlichen Ueberzeugungen gelangt . « » Als ich in meine Seele hinein blickte fand ich sie dort vor ; denn sie sind uns eingeboren . « » Nimmermehr ! « rief ich . » Doch ! unterbrach er mich sanft . Als die Engel in Menschengestalt zu jenen Zeiten von denen nur Legenden uns erzählen , auf der Erde umher wandelten , hatten sie ein geheimnißvolles Wort , kraft dessen sie augenblicklich zu ihren Gestirnen und ihren Himmeln emporsteigen konnten . Die Menschenseele weiß auch von einer solchen Bannformel mit der sie sich über den Staub hinaufschwingen kann , und die ist ihr eben eingeboren , ohne Unterschied der intellectuellen Gaben - Allen ! sie heißt : Glaube und Liebe ! - der Glaube einer ewigen Einheit anzugehören , die ihrer Essenz nach nichts Andres als eine Vollkommenheit sein kann : das ist der Schöpfer ! .... die Liebe , welche uns die Vielheit , das Geschöpf , als unsers Gleichen , als Gefäß seines unerforschten Willens , als Symbol seiner Idee zeigt . « » Das ist genug für erhabene Menschen , entgegnete ich traurig ; - nicht für mich . Diese gleichsam unpersönliche Gemeinschaft mögte ich die der Heiligen nennen .... und die Heiligen , Fidelis , über welche Dornen und Kohlen sind sie gewandelt ehe sie dahin gelangten . Lesen Sie doch die Bekenntnisse des heiligen Augustin , der heiligen Theresia ! ist nicht jede Zeile , jedes Wort in ihre Thränen getaucht , von ihrem Herzblut überrieselt ? wie sich eine wunde Brust aus unsrer harten nordischen Luft in eine südlichere flüchtet : so haben sie ihre Herzen einer Region zugewendet , deren Aether feiner als unser derber irdischer ist , den die kaum vernarbten Wunden nicht ertragen würden . Sie tragen eine Glorie , ja ! aber deren Stralen sind verwandelte Dornen . « » War Christus nicht von seinem Herzblut überrieselt auf dem Weg zu Golgatha ? - Sie fürchten das Leid zu sehr , Sibylle ! « » Ich fürchte es nicht ! ich weiß nur aus unseliger Erfahrung , daß es uns nicht fördert und nicht hilft - und darum meid ' ich es « .... - - » Das heißt Sie lassen es fallen anstatt es reifen zu lassen . « » Das Leid pflegen .... ist Mißverstand . « » Es reifen lassen .... grenzt an Weisheit ! sprach er lächelnd . Es lebt sich dann durch alle Phasen durch und aus ; es gestaltet sich zuweilen zu einer köstlichen Essenz - wie starker Wein , das Leben kräftigend , wie Rosenöl , es mit Balsamduft durchhauchend . Zuweilen wird es freilich auch zu einer sehr , sehr bittern Frucht , durch die man nichts gewinnt als - eine schmerzliche Warnung oder Erfahrung . Doch gleichviel ! bei dieser inneren Arbeit ist der Boden so zergraben und gelockert , daß er fähig ist ein neues Samenkorn zu empfangen . Wird aber die Frucht hastig und unreif abgerissen - wie Sie es thun - so ist die ganze Entwickelung gewaltsam unterbrochen , und ringende Kräfte reagiren schädlich .... ja feindlich , weil sie nicht ihren natürlichen Gang gehen durften . Sie stocken , und es wird daraus das Allertraurigste was den Menschen befallen kann und was ich versetztes Leid nenne : Bitterkeit . Hüten Sie sich davor , theure Sibylle . « » O Meister ! rief ich bewegt und mit feuchten Augen , wie thun Sie mir wol ! bleiben Sie nur immer bei mir ! bei Ihnen fühl ' ich mich zu Hause und bei meines Gleichen ; denn Sie denken , empfinden und sprechen wie ein Mensch - während ich so lange ! so lange ! nur sprechen höre vom Standpunkt aus , den Beruf oder Gelehrsamkeit oder Verhältnisse zur Pflicht und zur Gewohnheit machen . Das ist natürlich .... ach , es mag sogar respectabel sein ! aber .... ich kann ' s nicht aushalten - ich kann es nicht ! All dies kluge Wissen , all dies brave Thun kommt mir vor wie der Teich Bethesda , dessen Gewässer stagniren und ohne Leben und Wirksamkeit sind bis ein Engel über sie dahin rauscht und sie segensvoll macht . Nach diesem lebendig machenden Geist schmachte ich - und von Ihnen weht er mich an . Bleiben Sie hier . « » Und wenn Graf Astrau kommt ? « .... - - » Er wird nicht kommen ! Käme er aber , so würde er ein Gast unter meinem Dach sein gleich Ihnen - und das Gastrecht meines Hauses genießen wie ein Fremder - und nicht wie Sie , mein Freund . « » Ich werde bleiben so lange ich kann ! entgegnete Sedlaczech nach einigem Schweigen und mit gepreßter Stimme . Kann ich nicht mehr so « .... - » So sind Sie frei - das versteht sich ! unterbrach ich ihn . Aber jezt .... bleiben Sie bei mir . Und glauben Sie mir : es ist Ihre Pflicht ! wo der Mensch die heilsamste Wirsamkeit übt - ist sein Platz . Es ist nicht Jedem gegeben wolthätige Lebensluft um sich zu verbreiten . Trockne , dürre , harte Seelen hauchen Stickstoff aus , worin das Leben erlischt , das in ihre Atmosphäre geräth . Aber Sie entzünden das bereits halb erstorbene « .... - » Wozu dies Alles ! unterbrach er mich unruhig . Ich kenne ja Ihre Art : heute fanatisiren Sie sich für einen Menschen der Ihnen ein Prophet zu sein scheint , und binnen drei Wochen sind Sie seines falschen Prophetenthums überdrüssig , klagen ihn der Täuschung , sich selbst des Irrthums an , und geben sich einer ebenso übertriebenen Schwermuth hin als Ihre Freude übertrieben war . « » Mit Otbert war es allerdings so , « antwortete ich beschämt . » Und nicht mit ihm allein , sondern mit Allen und Allem was Sie je ergriffen haben . « » Wolan es ist so ! rief ich entschlossen , denn meine Seele will Ruhe finden in dem was sie liebt , und findet statt dessen Unruh , Angst , Verzweiflung - weil die Gegenstände ihrer Liebe wesenlos an ihr vorüber und in das Nichts hinein schweben dem sie angehören . Ich kann das nicht ändern , weder meine Sehnsucht noch meinen Schmerz kämpfen . Beide sind gleich groß , gleich gewaltig . Wie jene Halb-Verdammten des Dante befinde ich mich in einem beständigen Wirbelwind . Das Unbekannte lockt mich mit den süßesten Verheißungen , die in dem Bekannten ebenso sicher untergehen , wie eine gewisse flammende Morgenröthe einen Tag voll Regen bringt . Zwischen jenen Chimären und dieser Nichtigkeit stehe ich auf einem so ungewissen Punkt wie der Krater eines Vulkanes ist ! ich habe ihn nicht gewählt , nicht gesucht ! ich bin durch meine angeborne Richtung zu ihm hingeführt worden .... und Sie machen mir Vorwürfe ! ist das gerecht ? « » Ja , ich mache Ihnen Vorwürfe , Sibylle ! Wer klar genug über sich selbst ist um die Richtung zu erkennen in welche seine Natur ihn drängt - wer dieselbe unablässig verfolgt : dem ziemt keine Klage wenn deren letzte Consequenzen ihm begegnen - denn er sollte auch über sie allmälig klar werden und sie als Bedingungen der Existenz annehmen . Ein Ringen aus der Unvollkommenheit zur Vollkommenheit - das ist das Leben ; das ist das Ziel des Menschen ; dahin muß er streben durch Licht und Schatten , in Sieg und Niederlage , durch handeln und denken , mit Kreuz und Schwert ; darin muß er seine Seligkeit suchen - denn seine Bestimmung ist Seligkeit . Nur muß zuvor mancher herbe Kelch geleert werden , der auf ewig geheiligt ist weil ihn der Allerheiligste nicht verschmäht hat . Aber Sie .... lassen ihn fallen ! Aber Sie .... mögten in der Vollkommenheit geboren sein und bequem die Seligkeit als Hausmannskost genießen in Ihrer olympischen Trägheit ! « » Ja ! denn ich bin mir bewußt sie nimmermehr verdienen zu können ! « » Verdienen ? Wer spricht von verdienen .... ich gewiß nicht , Sibylle ! die Seligkeit kann nicht verdient - sie muß errungen werden . Sie verdienen wollen wäre Knechtes- und Miethlingswerk , von denen geschrieben steht : » sie haben ihren Lohn dahin . « Der Freie ringt . Das braucht kein sichtbarer Kampf zu sein voll Getümmel und Geschrei ; - er kann ebensowol in tiefer Stille entschieden werden und der erbleichenden Lippe nicht eine Klage entlocken . Der Eine ringt .... und die Erde bebt , die Völker zittern , die Welt droht aus ihren Angeln zu gehen ; - der Andre ringt .... und die Thräne eines Dankbaren fällt auf seine Pfade , und der Segen eines Geretteten folget ihm nach . Dieser ringt um sich zu verstehen - Jener um sich zu beherrschen - Der , um sich zu entwickeln - und Der nach Weisheit ! und Der nach Brot ! und Der nach Ruhm ! Alle .... auf ihre Weise , nach ihren Einsichten , mit ihren Kräften , welche so verschieden sind wie die Individuen selbst . Aber sie ringen , das heißt sie sammeln ihr ganzes Wesen auf einen Punkt , von wo sie den Zug ins gelobte Land beginnen - vielleicht , wie Moses , es nie erreichend ! - Und auch Sie müssen ringen , Sibylle , sonst werden Sie untergehen . « » Und wohin - wohin soll ich ringen ? « rief ich . » Zu Gott ! « sagte er sanft . Himmlisch mild wie der Schlußaccord einer Hymne fiel dies Wort und diese Stimme in mein Ohr . » Zu Gott ! « wiederholte ich leise , und mein Gesicht sank in meine Hände , und mit tausend Thränen brach ich in mir selbst zusammen und ihre heiße Flut hob den starren Frost unter dem mein Herz seit Jahren eingeschrumpft war . Als ich aus diesem Paroxismus wieder zu mir selbst kam und mich ganz bewildert umsah - war Sedlaczech fort ! - - Hatte ich eine Vision gehabt ? - hatte unter Orgelton und Glockenklang eine Stimme zu mir geredet ? - Ich war doch jeden Sonntag in der Kirche gewesen und hatte ein Paar hundert Predigten gehört und hatte außerdem manches ernste gute Wort über religiöse Dinge mit meinen Pfarrern - und nicht blos mit ihnen ! - geredet , und nie war mir so zu Muth gewesen . Nie bebte meine Seele vor ihrem Wort und dennoch ihrem Wort entgegen ! Nie stand ihnen der Mosisstab zu Gebot , der aus dem Felsen Wasser schlug ! - Und jezt kommt ein Mensch , sagt das Allereinfachste , das Allernatürlichste , was ich , was Jeder ebensogut oder besser hätte sagen können - schöpft es aus dem warmen tiefen Quell seines Herzens - und bewegt mich so .... aber so , daß ich zu mir selbst sprach : Vielleicht ist der Engel über den Teich Bethesda dahin gerauscht , und die Blinden und Lahmen , welche jezt in ihm baden , werden genesen ! - Vielleicht ist Ostertag gekommen .... der Morgen der Auferstehung . - O welche Gotteskraft ist im Menschen .... wenn er ein göttlicher Mensch ist ! - - - Das Leben bekam jezt eine andre Färbung , als ob ein wärmerer , farbenreicherer Himmel einen kühlen und eintönigen verdrängt habe . Freilich war nicht mehr jeder Stunde ihre unveränderliche Bestimmung wie von einem Fatum zugewiesen . Freilich waren meine Beschäftigungen willkürlicher und unregelmäßiger . Ich trieb nicht mehr die Eintheilung der Zeit bis zu pedantischer Genauigkeit . Eben daher ward mein Leben mannigfaltiger weil Stimmung und Neigung des Augenblicks befragt wurden , weil der Tag nicht wie die Musik einer Spieluhr mechanisch abgearbeitet wurde . Was war das nur für ein unsinniger Einfall sich dermaßen in ein Extrem zu sperren ? fragte ich mich selbst ganz verwundert - und bedachte nicht , daß ich mir diese Frage wol schon zwanzig Mal vorgelegt hatte und immer aus einem Extrem in das andre geschwankt sei . Jezt wollte ich auf der schönen klaren Mitte bleiben . Ein stiller Geist kam über mich . Mir ward woler denn je . Ich weiß nicht was für friedliche Anklänge voll süßer Melancholie aus den Tagen meiner Kindheit , aus der Erinnerung an meine Todten , mich anwehten ! Sedlaczech war der Repräsentant jener Vergangenheit ! unwillkürlich sah ich ihn von dem Kreise geliebter Geister umringt ; unwillkürlich reihte ich ihn einer andern Ordnung der Wesen an . Ich hegte ihn mit zärtlicher und ehrfurchtsvoller Pietät in meinem Hause , wie den Barden aus den Tagen der Väter in den Ossianischen Gesängen . Ich sagte ihm das . » Bin ich wirklich so sehr alt und ehrwürdig ? « fragte er lächelnd . Ich mußte ihn auf diese Frage einmal gründlich betrachten . Nach einer Pause sagte ich : » Das Genie hat kein Alter , und Sie haben ein merkwürdiges Antlitz , Meister Fidelis - als hätte die Natur bei dessen Bildung mächtig tiefsinnige Gedanken gehabt , und als hätten Sie diese Gedanken alle errathen , alle ausgeführt . « Dies war ganz richtig ! die Züge waren fest geschnitten und fester noch ausgebildet . Flammenfinger schienen magische Zeichen auf seine Stirn geschrieben - Elfenfinger deren strenge Furchen geglättet , und den Abglanz ihres eigenen Schimmers über sie gebreitet zu haben . Die graden starken Augenbrauen , der festgeschlossene Mund zeugten von unüberwindlicher Entschiedenheit ; aber wenn diese Lippen sich im Lächeln oder im bewegten Sprechen lösten , so legte sich ein schmerz- und seelenvoller Schmelz weich und fast zitternd über sie . Das Auge ruhte unter der Felsenstirn in tiefer Höle wie ein farbenspielender Diamant , der sein Licht nach innen wendet und nur zuweilen dessen Reflex nach Außen blitzen läßt . » Sind Sie eine Jüngerin Lavaters ? fragte er scherzend ; und glauben Sie an dessen Physiognomik ? « » Ich glaube an die Urmacht der Natur . Ist der Mensch nicht der Aus- und Abdruck der in ihm wohnenden , ihm uranfänglich eingehauchten Idee : so ist er ein Larvenbild , und dieses ist von einer wahrhaften Gestalt zu unterscheiden . Ich glaube daß Genius und Größe nicht wie Zieraffen aussehen und sich geberden ; und glaube daß im Zieraffen ebensowenig Größe und Genius stecken . Ich glaube daß ein Engel nicht aussieht wie ein Teufel - daß ein Teufel die Maske eines Engels vornehmen und Diejenigen täuschen kann die gedankenlos mit ihm umgehen und sich täuschen lassen wollen - und daß der unbefangen beobachtende Blick sie unterscheidet . Und ich glaube endlich daß unser in dieser Beziehung ursprünglich scharfer Blick stumpf wird , weil er die allgemeine Sitte mitmacht den Menschen nach dem Rock zu beurtheilen . Und Rock nenne ich nicht blos seine Kleider - - sondern die ganze Form unter der er zur Erscheinung kommt , und die von den gekräuselten Haarspitzen bis zu den viereckigen Schuhspitzen conventionel ist . « » Wäre es nicht ein unerhörtes Unternehmen , entgegnete Sedlaczech , aus einem modernen Schuh auf das schöne Gebilde eines menschlichen Fußes mit seiner feinen und festen elastischen Gliederung schließen zu wollen ? Und wie der Schuster mit unserm Fuß , so verfährt der Mensch mit dem Menschenantlitz . « » Aber dem unbezwinglichen Herzens- Geistes- und Leidenschaftsleben bleiben dennoch immer Canäle geöfnet in denen es sich ausströmt und ausstralt . Und ich meine auch nur daß der Grundzug einer Natur , die Hauptrichtung eines Characters erkennbar sind - etwa so wie Beethovens Antlitz die sturmbewegten und durchfurchten Züge eines Titanen an Macht und Tiefsinn nicht verleugnen kann - und Rafael nicht die liebende Anmuth seiner Seele . « » Ich bin ganz Ihrer Meinung ! sagte Sedlaczech , und da ich finde daß die Hauptrichtung eines Menschen die einzige ist , welche bei seiner Beurtheilung von Wichtigkeit ist , so freut mich stets die Wahrnehmung , daß sie sich zwischen den kleinen verwickelten Zickzacklinien der Zufälligkeiten Platz macht . « » Wenn Sie mich nicht kennten , Fidelis , sprach ich gedankenvoll , was würden Sie über meine äußere Erscheinung sagen ? « » Das ist schwer .... fast unmöglich ! .... Vielleicht würde ich sagen : eine schöne schicksalträumende Walkyre ! - Vielleicht .... eine Somnambule , so ahnungsvoll , aber befangen und gebunden ; eine immense Seele - aber leer . « Fräulein Mathilde hatte dem Gespräch zugehört in ihrer Weise , d.h. jedes meiner Worte als einen Orakelspruch bewundernd . Als ich jezt ernst und sinnend schwieg , nahm sie gekränkt das Wort und rief lebhaft : » Herr Sedlaczech ! besinnen Sie sich ! wie können Sie die Gräfin eine leere Seele nennen ! sie ist ja so voll Güte und Wolwollen ! Ich hätte gemeint daß Sie auf Ihren Reisen mehr Menschenkenntniß erworben haben müßten . « » So wird man verkannt - und gar von seinen Freunden ! « rief ich scherzhaft und abbrechend . Aber zu Sedlaczech sagte ich später : » Sie hatten ganz Recht , Fidelis ! statt zu leben - träume ich mir Schicksale , und ich suche die Seele durch Handlungen der Güte und des Wolwollens zu füllen - denn sie ist leer . « Er schwieg . Ueberhaupt schwieg er viel , und ich hätte doch gewünscht er möge viel sprechen . Ich fragte ihn auch einmal weshalb er so wortkarg sei ? er habe doch Gedanken vollauf . » Worte sind nicht die eigentliche Sprache meiner Gedanken ; antwortete er . Ich bin so daran gewöhnt die besten und tiefsten in Musik auszusprechen , daß ich , wenn ich reden soll immer jene Unbeholfenheit fühle mit der wir uns in einer fremden Sprache ausdrücken . Ueberdas habe ich nicht jene Gabe der Unterhaltung , die man nur im Verkehr mit der großen Welt entwickeln kann . « » Ganz Recht , Fidelis : mit der großen Welt , in der alle Menschenbildungen ihren Platz einnehmen , sich durch einander drängen und bewegen , und jede auf ihre Art die Sprache verstehen und handhaben . Da muß der Gedanke schnell und beweglich , der Ausdruck fein , schmiegsam und doch präcis sein , und immer wechseln je nach dem Verständniß Desjenigen mit dem man eben redet . Dazu gehört ein erstaunlicher Scharfblick und eben so erstaunliches Wolwollen . Die große Welt bietet zu diesen Uebungen einen vortreflichen Tummelplatz . Aber ihre Fractionen , diese Masse von kleinen Welten welche sich sämtlich nur darum groß finden und nennen , weil sie für die wirklich große weder Maßstab noch Ahnung noch Verlangen haben : die sind recht eigentlich dazu geschaffen den Menschen um die edle Gabe der Sprache zu bringen . In der eleganten Welt - welch ein frivoles Gezwitscher ! in der gelehrten Welt - welch ein pedantisches Dociren ! in der literarischen - welch ein babylonisch verwirrter Wortschwall ! Wer sich nur in einer derselben bewegt und mit ihrer Redeweise unwillkürlich auch ihre Gedankenrichtung annimmt , wird in den andern so unverstehend und unverständlich sein , wie ein Kamtschadale zwischen Hottentotten und Botokuden . Und es kann unsereinem wol begegnen in eine derselben hinein zu gerathen ! .... aber Ihnen , Meister , Ihnen steht die ganze große Welt geöfnet . « » Was hilft das einem schüchternen Menschen ? ich bin schüchtern - meine Seele ist ' s ! Das mag mit meinem Schicksal , mit meinen Fähigkeiten zusammenhängen . Meine Gedanken und Empfindungen kommen mir so beschränkt , alltäglich und armselig vor wie Nachtviolen , die unschönen grauen Blumen , die nur dann zu duften wagen , wenn die Nacht mit ihren ewigen Gestirnen heraufzieht ; dann verschwinden sie unbemerkt unter den goldnen Sternen . Meine Nacht - ist die Musik . Sie breitet ihren Sternenmantel über mich und in ihrem Schutz öfnet sich unbefangen meine Seele . « » Ihr inneres Leben mögt ' ich kennen , Meister , sagte ich gedankenvoll . Es muß gleich dem Karfunkel sein : mystisch und licht . « » Ist nicht jedes innere Leben so ? « » O nein ! so ist es ! statt der Mystik - Verwirrung , und statt des Lichtes - farblose Wässrigkeit ! « rief ich . » Sie sind sehr hart , Gräfin Sibylle ! « sprach er . » Nur gegen mich , Fidelis ! meine Bemerkung galt hauptsächlich mir ! .... aber freilich nebenbei manchen Anderen . Denken Sie doch nur : der bewußte Geist , der die Persönlichkeit genau bestimmt und ausprägt - der macht licht . Und die Inspiration , die Begeisterung , die Gefühlsströmungen von Andacht und Liebe , welche jene Persönlichkeit durch- und umfließen und sie im unbewußten Zusammenhang mit dem Ganzen , mit dem All zeigen - die sind mystisch . Glauben Sie wirklich daß dieser hochheilige Tag und diese tiefheilige Nacht eine alltägliche Erscheinung in unsern verschrumpften , verfinsterten , engen , matten Seelen sei ? « » Ich glaub ' es nicht , erwiderte er sanft , und daher glaub ' ich auch nicht daß sie in mir zu finden sind . Aber ich denke so Einer wie Sie ihn meinen muß Beethoven gewesen sein ! frei im Geist , wie ein ächtes Kind Gottes ; und im Einklang mit den Gestirnen , den Elementen , seinen Geschwistern ! In der Symphonie seines Daseins , welche unter der Hand Gottes dahin gerauscht ist , bildet sein Geist die ewig lichte , sonnenschöne Melodie , die auf dem Zusammenbrausen unirdischer Ströme - auf dem Zusammenklingen unirdischer Glocken - auf einer Unendlichkeit von Harmonien ruht , die alle in der Urtiefe seines Wesens wiederhallen und neugestaltet aus ihr empor quellen . « Wenn Sedlaczech durch den Gegenstand hingerissen sprach - wenn er gleichsam das Wehr öfnete und die Flut der Empfindung nicht länger hemmte - wie veränderte sich dann sein Gesicht , sein Ausdruck , seine Stimme ! Die Stirn wurde so transparent , daß man meinte hinter ihr die Gedanken weben und walten zu sehen ; - das hagre bleiche Antlitz war erfüllt und erwärmt von der Ueberfülle der Seele ; - die kalte monotone Stimme klang und vibrirte wie ein tonreiches Instrument das erst jezt seinen Meister gefunden . Ebenso war es auch wenn er spielte . Ich würde geglaubt haben , daß jene Veränderung nur für mein Auge mit ihm vorgehe , wenn nicht Fräulein Mathilde mich überrascht und neugierig gefragt hätte , ob ich dieselbe bei vielen Menschen außer bei Sedlaczech wahrgenommen habe ; was ich verneinte . » Welch ein herrlicher Schauspieler hätte er werden müssen , setzte sie hinzu , da er im Stande ist seine Mienen und Bewegungen so in Uebereinstimmung mit seinen Worten zu bringen . « Sie war mir immer ziemlich einfältig vorgekommen , die gute Mathilde ! jezt fand ich sie gradezu dumm : sie konnte wähnen daß er absichtlich diesen und jenen studirten Ausdruck annahm