Glauben Sie nicht , Therese , sagte er , daß die Ereignisse des heutigen Tages mich zu meinen Handlungen bewegen . Schon lange fühle ich , daß für mich kein Wirken und Schaffen möglich ist , daß ich elend und muthlos werde , wenn ich mit mir selbst nicht einig bin . Ich habe es versucht , mich zufriedenzustellen durch die Erfüllung meiner Pflicht ; sie sollte mir Kraft und Ruhe geben , mich über Ihren Verlust zu trösten . Ich habe mich getäuscht , sie konnte das nicht . Fühlen Sie nicht , daß dem Menschen ein unwiderstehliches Verlangen nach Glück , nach Wahrheit innewohnt ? Ich habe das Unrecht begangen , ein Mädchen zu meiner Frau zu machen , die ich nicht mehr liebte . Ich habe in guter Absicht gefehlt und schwer dafür gebüßt . Wollen Sie , daß ich zum Unrecht das Verbrechen füge , in erkanntem Unrecht zu beharren ? Wollen Sie , daß ich in den Armen meiner Frau mich nach Ihnen sehne ? Wollen Sie in dem falschen Glauben , ich könnte Sie vergessen , mich zu einer Tiefe des Elends hinabstoßen , von der Ihr reiner Blick sich schaudernd abwenden würde , wäre ich hart genug , sie Ihnen zu enthüllen ? Das können Sie nicht wollen , das willst Du nicht , Therese ! oder Du hast mich nie geliebt . Wenn Du fühltest wie ich , wenn nicht kalte Rücksichten auf das Urtheil der Fremden , wenn nicht die Liebe für Deinen Bruder mächtiger in Dir wären als die Liebe zu mir , wie könntest Du zaudern , mein zu werden , wie könntest Du daran denken , mich von Dir zu stoßen , um mich mit einer Frau wie Caroline auf das Neue zu vereinen , hättest Du mich je geliebt . Da konnte sie sich nicht länger überwinden . Und wen habe ich geliebt als Dich , seit ich zu denken vermag ? rief sie und warf sich in die Arme des Geliebten , die sich öffneten sie zu empfangen , und ruhte weinend an seiner Brust , während seine Küsse auf ihren Lippen brannten . Aber mitten in dem Entzücken des Augenblicks riß sie sich aus seinen Armen los , und das Gesicht in den Händen bergend , stieß sie leise , wie man in angstvollem Traume zu sich selber spricht , die Worte aus : Das ist Ehebruch , das ist ein Verbrechen . Alfred ließ sie erschüttert los . Da warf sie sich vor ihm nieder , umfaßte seine Knie und rief in leidenschaftlicher Erregung : Du sagst , Du liebst mich , Alfred ! o so rette mich vor dem Schicksal , das über uns hereinbricht . Du bist ein Mann , Du hast Muth , Du hast Kraft . Sei stark , überwinde mehr als die Welt , rette mehr als das Leben - überwinde Dich , rette unsere Seelen vor Verbrechen und Verzweiflung . Kehre zu Deiner Frau zurück , vergiß diese unglückselige Stunde , laß Dein Beispiel mir vorleuchten , ich werde Dir folgen . Sei mehr als ein Mensch , der unwillig vergibt . Sei Gott ähnlich , vergib ihr , und beglücke ! Erhebe Caroline barmherzig bis zu Dir ; vergib ihr , damit ich mir und Dir vergeben darf , und wie zu dem Heiland , der mich erlöst von Verdammniß , will ich zu Dir emporblicken und zu Dir beten aus der Ferne . Fühle , wie ich Dich liebe , Alfred , wie ich Dir vertraue , wenn ich freudig und getrost ein solches Opfer von Dir fordere , wenn ich Dir die Kraft zutraue , es freudig mir und Deiner Pflicht zu bringen . Er hob sie auf , Thränen entströmten seinen Augen und mit tiefer Traurigkeit sagte er still und ernst zu ihr : Du weißt nicht was Du bittest , nicht was Du von mir forderst ; aber es sei , wie Du es willst ! Gott gebe , daß wir diese Stunde nie bereuen . Ich gehe zu meiner Frau . Langsam schritt er der Thüre zu und verließ das Haus , ohne Julian gesehen zu haben . Als dieser endlich in das Zimmer seiner Schwester trat , nachdem er lange vergebens die Rückkehr des Freundes erwartet , lag sie matt und keines Wortes mächtig in dem Sessel , der zunächst der Thüre stand . Es war zu viel gewesen für ihre Kraft . X Zum zweiten Male hatte sich Alfred gegen seine Neigung mit seiner Frau vereinigt . Noch an dem Abend des Tages , an dem jene Ereignisse stattgefunden , die wir geschildert , hatte er Caroline in sein Haus geführt und nach einer erschütternden Scene zwischen den Gatten war eine Aussöhnung zu Stande gekommen . Ermüdet von dem Kampfe mit sich selbst , überließ er die Bestimmung der äußeren Verhältnisse dem Präsidenten und seiner Frau . Diese hatte Neigung , auf das Land zurückzukehren , aber Julian widerrieth es ihr . Er fürchtete , wenn die Eheleute nach den Vorgängen der letzten Zeit sich allein , in der Stille des Landlebens gegenüberständen , würde das Andenken an die schmerzliche Vergangenheit zu mächtig sprechen und zu laut gehört werden . Es schien ihm wünschenswerth , daß ein gesellig und geistig angeregtes Leben ihnen über ihre mißliche Lage forthelfe , und beide Gatten erklärten sich bereit , in der Stadt zu bleiben , da ohnehin nichts schlagender dem gegen Therese verbreiteten Verdachte widersprechen konnte , als ein gutes Einverständniß der Eheleute und der beiden Familien untereinander . Die Aufregung , die Gemüthsbewegungen , die Alfred empfunden , tönten in den ersten Tagen seines neuen Beisammenseins mit Carolinen lebhaft in ihm nach ; aber edle Naturen haben eine solche Opferfreudigkeit , daß sie sich in vielen Fällen über sich und ihre Kraft , ja selbst über die Größe ihres Opfers täuschen . Je schwerer es ist , je mehr sie darunter leiden , um so mehr erhebt sie das Bewußtsein der Liebe oder der Ueberzeugung , aus der sie es dargebracht haben , um so fester hängen sie an Demjenigen , für den es gebracht ward . So empfand es Alfred , der in sich die Gewißheit trug , ein zerstörtes eheliches Verhältniß , zerstört durch gänzliche Verschiedenheit der Charaktere und Neigungen , könne nie zu einem beglückenden Bande werden . Er wußte , daß er nicht glücklich sein würde , und seine ganze Hoffnung war darauf gerichtet , der von ihm geliebten Freundin die verlorene Ruhe wiederzugeben , und , ungestört durch Carolinen ' s Nähe , sich selbst und seinen Arbeiten zu leben . Er ersuchte seine Frau , sich ganz nach ihren Wünschen in der Stadt einzurichten , er stellte ihr mit verschwenderischer Zuvorkommenheit bedeutende Summen zur Verfügung , und that Alles , sie äußerlich zufriedenzustellen . Er wollte ihr gewähren , was er ihr gewähren konnte , um sie dafür zu entschädigen , daß er ihr kein Herz zu bieten vermochte . Aber diesen Mangel empfand Caroline zum Glück nicht mehr so tief . Sie war seit Jahren daran gewöhnt , daß ihr Mann ein in sich abgeschlossenes Dasein führte . Außer bei den gemeinsamen Mahlzeiten , bei einer Spazierfahrt oder einem Besuche hatten sie sich auch früher oft Tage hindurch nicht gesehen . So blieb es auch jetzt und Caroline war zufrieden , um so mehr als sie die Zerstreuungen der Residenz liebte , sie lange entbehrt hatte und nun eine reiche Unterhaltung in ihnen fand . Nicht so war es mit ihrem Gatten . Wenn er einsam träumend in seinem Zimmer saß , störte ihn die unruhige Geschäftigkeit seiner Frau , die bald diese , bald jene Anordnung zu machen hatte und laut sprechend oder scheltend ihre Befehle gab , weil ihr , wie den meisten ungebildeten Menschen Ruhe , sowohl körperliche als geistige , kein Bedürfniß , laute Thätigkeit vielmehr ein Labsal war . Sie empfand und kannte das Glück nicht , durch keine äußere Bewegung , durch kein Geräusch gestört , den Geist ausruhen zu lassen in der Betrachtung seiner selbst , die Gedanken zurückkehren zu lassen in die stillen Tiefen der eigenen Seele , in ihr geheimnißvolles Geburtsland , um sie dann erstarkt der Außenwelt und dem Leben wieder zuwenden zu können . Sie wollte wie Menschen von niedriger Stufe der Entwicklung , wie die Kinder , von Außen her angeregt und beschäftigt werden . Sie mußte gehen , schaffen , sprechen und arbeiten , obschon eine zahlreiche Dienerschaft sie solcher Nothwendigkeit enthob . Versagte der Körper endlich einmal den Dienst , war sie gezwungen , still und unthätig auf derselben Stelle zu bleiben , so mußte sie ihre Hände wenigstens beschäftigen und jedes Bändchen , jede Kleinigkeit , die ihr dann zunächst lag , ward ihr zu willkommenem Spiele . Sie kannte keine Ruhe und eben deshalb hielt sie sich für fleißig und für thätig . Ihre klappernden Schlüssel , ihr beständiges Kommen , Gehen , Befehlen , die unruhige Hast , mit der sie arbeitete , hatten Alfred von jeher belästigt . Jetzt , wo er sich an die gleichmäßige Ruhe in Theresen ' s Nähe gewöhnt hatte , machte die Weise seiner Frau ihn so ungeduldig , daß er es kaum zu verbergen , kaum zu ertragen wußte . Er hatte sich es gelobt , Caroline milder zu beurtheilen , sie zufrieden zu stellen . Jetzt sah er sie heiter , zu jedem Lebensgenusse gestimmt , und es that ihm wehe , daß sie so leicht zu befriedigen war , daß sie glücklich sein konnte ohne Liebe . Er würde Mitleid mit ihr gefühlt , dies Mitleid würde ihn zu ihr gezogen haben , sagte er sich , wenn sie empfunden hätte , wie ganz ihr sein Herz verschlossen war . Daß sie es nicht fühlte , daß sie ihn mit Zärtlichkeiten überhäufte , wenn irgend eine ihrer kostspieligen Launen befriedigt war , mit Zärtlichkeiten , die er weder verlangte noch theilte , das verletzte ihn auf das Aeußerste und machte sie ihm widerwärtig . Verstimmt und innerlich widerstrebend , erfüllte er ihr Verlangen , sie bei den Besuchen , die sie zu machen hatte , bei den Lustbarkeiten , an denen sie Theil zu nehmen wünschte , zu begleiten . Daß sie nicht an die Erschütterungen dachte , die er erlitten , daß sie selbst nichts davon empfand , schien ihm unglaublich ; und wie unzart , wie rücksichtslos mußte sie sein , wenn sie so wenig Schonung für seine Stimmung hatte , ihn zu Genüssen zu überreden , die ihm augenblicklich unmöglich zusagen konnten . Er hatte auf des Präsidenten Bitte , der ihn häufig besuchte , Therese noch nicht wiedergesehen , und Julian hatte ihm nur wenig von der Schwester gesprochen . So oft er in eine Gesellschaft trat , fürchtete er ihr zu begegnen , und wenn er sie nicht fand , seufzte er über die getäuschte Erwartung . Die blendend hellen Räume des Theaters , die überfüllten Gesellschaftssäle konnten ihn nicht zerstreuen , und bei dem nächsten Anlaß gestand er seiner Frau , daß er sich zu Vergnügungen nicht aufgelegt fühle , daß er sich bei seiner Arbeit und in seinem Hause wohler fühle . Er schlug ihr freundlich vor , den Abend mit ihm allein zuzubringen , und sie erklärte sich dazu bereit , aber mit einer so schlecht verhehlten Verdrießlichkeit , daß er seine Bitte schnell bereute . Sie blieb den ganzen Tag hindurch in übler Laune , sie schalt die Dienstboten , jede Bewegung , jede Miene des Sohnes gaben ihr Anlaß zu Tadel , jede Aeußerung ihres Mannes einen Grund zum Widerspruch . Endlich am Abend schien der Sturm besänftigt . Es ward ruhiger im Hause und Alfred verfügte sich in Carolinen ' s Zimmer , die eifrig strickend am Theetisch saß , während Felix unter Aufsicht seines Lehrers in einer andern Stube mit den Arbeiten für den kommenden Tag beschäftigt war . Ein paar Fragen seiner Frau , häusliche Angelegenheiten betreffend , waren bald beantwortet und Alfred griff mechanisch nach einem Buche , das vor ihnen lag . Er schlug es auf , durchblätterte es , der Gegenstand fesselte ihn und er wollte lesen ; aber Carolinen ' s Stricknadeln hinderten ihn daran . Der kleine , immer sich wiederholende Ton der gegeneinander schlagenden Nadeln war ihm lästig . Tausendmal hatte er das seiner Frau gesagt und sie gebeten , die ganz unnöthige Arbeit , wenigstens in seiner Gegenwart , zu unterlassen . Sie aber strickte gern und konnte , wie sie es nannte , nicht müßig sein . Alfred ' s Widerwille gegen das Strickzeug galt ihr als eine von seinen räthselhaften Grillen , und sie strickte denn auch heute , wo sie nach längerer Trennung zum ersten Male wieder den Abend mit ihrem Manne allein beisammen war . So gut er konnte , kämpfte er die unangenehme Empfindung nieder , er wollte sie gewähren lassen und sprach es nicht aus , wie ungeduldig sie ihn mache , indeß dabei zu lesen war ihm doch nicht möglich . Er legte das Buch aus den Händen und sagte , an das Gelesene denkend , halb zu sich selbst sprechend : Wie schön sind diese Briefe Yorik ' s an Elise ! welch innige Zärtlichkeit , welche Tiefe des Gefühls ist in ihnen ! So oft ich sie vornehme , erfreue ich mich an der schlichten Darstellungsart dieser poetischen Schöpfung auf ' s Neue . Findest Du das ? entgegnete Caroline , mir kommen sie sehr langweilig vor . Ich nahm sie heute mit , als ich das Eßzimmer aufräumen ließ , wo Du sie vergessen haben mußt , denn Deine Bücher liegen ja überall umher . Da habe ich beim Stricken eine Weile darin gelesen , aber es geht ja gar nichts vor sich in dem Buche ! Muß denn etwas geschehen in einer Dichtung , muß es große Scenen , Entführungen , muß es Mord und Todtschlag geben , damit sie uns anziehend wird ? Ist die Schönheit des Gedankens und der Empfindung nicht genug ? Mord und Todtschlag braucht es nicht zu geben , aber Etwas muß doch geschehen , antwortete Caroline , Liebe oder sonst Etwas muß doch in einem Buche sein , die bloßen Gedanken thun es doch nicht . Und was ist das anders als reinste , heiligste Liebe , rief Alfred lebhaft , nahm das Buch und begann den neunten Brief an Elise zu lesen , den er vorher angefangen hatte . Nach den ersten Seiten hielt er aber inne : Möchtest Du nicht wenigstens das Strickzeug fortlegen , während ich lese ? bat er . Caroline that es und er fuhr in dem Briefe fort ; aber kaum hatte er noch ein paar Zeilen gelesen , als er sie leise gähnen hörte . Endlich nahm sie ihr Arbeitskörbchen zur Hand und fing darin etwas zu suchen an . Das störte Alfred , doch ließ er sich nicht unterbrechen und las weiter . » Ich will meine Frau und Tochter kommen lassen , hieß es an der Stelle , die sollen Dich , um zu gesunden , nach Montpellier , nach Bareges , nach Spaa führen , oder wohin Du willst . Du sollst es bestimmen und Ausflüge machen , in welchen Winkel der Welt die Phantasie Dich lockt . Wir wollen an den Gestaden des Arno fischen und uns in den lieblichen Labyrinthen seiner Thäler verlieren , meine Elisa ! « Caroline lachte laut auf . Nun ! das wird für die Frau und die Tochter auch kein sonderliches Vergnügen gewesen sein , rief sie aus , wenn der alte Seladon und die sentimentale Elisa sich in den Labyrinthen verirren gegangen sind . Aber Caroline ! wie ist Dir diese Aeußerung möglich ! rief Alfred unwillig und betroffen aus . Ich begreife nicht , was Dir daran auffällt ! Du weißt , für Ueberspannung habe ich keinen Sinn . Ich nenne die Dinge beim rechten Namen , und wenn ein verheiratheter , alter Mann einer fremden Frau solche Briefe schreibt , das finde ich unsittlich und empörend und diese Briefe sind langweilig trotz alledem . Ich schlafe dabei ein , wenn ich nicht stricken soll . Alfred legte das Buch schweigend nieder . In demselben Augenblicke klapperten auch schon wieder die verhaßten Stricknadeln an sein Ohr und Caroline sagte : Du magst es glauben oder nicht und magst es kleinbürgerlich nennen , aber gegen einen guten gestrickten Strumpf kommt der beste gewebte englische nicht auf ! So lasse welche stricken ! man hat mir in diesen Tagen von einer Frau gesagt , die mit ihren Töchtern dergleichen Arbeit wünscht ! meinte Alfred , um sie zu begütigen . Kennst Du die Frau ? Sind die Töchter jung ? fragte aber Caroline sofort mit einem Tone des Verdachtes . Ich weiß es nicht , ich habe sie nie gesehen . Der Präsident interessirt sich für sie und sie bedürfen , wie er sagte , dringend einer Unterstützung . Dann sind Mutter und Töchter häßlich ! rief Caroline lachend . Wären sie hübsch , so sorgte der Präsident allein für sie . Alfred zuckte verächtlich die Schultern und schwieg . Nach einer Weile warf Caroline , die wieder einmal eine ihrer besonders unliebenswürdigen Launen hatte , die Frage auf : Ich möchte wohl wissen , wie viel Frau von Barnfeld und die Brand ' s jährlich verausgaben ? Alfred antwortete nicht darauf , und sie wiederholte die Frage mit dem Zusatz : Warum antwortest Du mir nicht ? Weil mir das sehr gleichgültig ist und weil ich es nicht mag , wenn Du Dich in der Weise um fremde Angelegenheiten kümmerst . Es hat ja Jeder vollauf mit den eigenen zu thun . Ich glaube nicht , daß ich die meinigen vernachlässige ! rief sie mit gewohnter Empfindlichkeit . Der Vorwurf trifft mich nicht . Wer denkt denn daran , Dir einen Vorwurf zu machen ? entgegnete ihr Alfred . Es ist möglich , daß die Brand weniger bedarf als ich , aber wie armselig ist sie auch gekleidet ! Freilich ist sie auch so verblüht , daß ihr die glänzendste Toilette nicht helfen könnte , fuhr Caroline eifrig fort . Alfred stand auf und wollte sich entfernen , um seinem Zorne keine Worte zu geben , als Felix hereinsprang . Er hatte Theresen ' s Namen gehört , und als falle ihm plötzlich Etwas ein , wendete er sich mit der Frage an den Vater : Warum gehen wir denn nicht mehr zu Tante Therese , Vater ? Es war ja immer so hübsch bei ihr und ich bin ihr gut . Du auch ? rief Caroline . Freilich ! versicherte Felix . Sie weiß ja so viel Geschichten von alten Helden und von Elfen ! laß uns doch morgen hingehn ! Aber denke Dir , Vater , wie die Mutter drollig ist ! Sie sagt , sie liebe Tante Therese nicht , und fragt immer nach ihr , wenn wir allein sind . Immerfort soll ich erzählen , was sie gesagt hat und was sie gethan hat , und was Du thust , wenn wir bei ihr sind . Ob sie auch zu uns herkommt ! und heute hat sie mich zuletzt gefragt , ob Du Tante Therese küßtest . Du - die Tante ! - Der Knabe lachte dazu , aber Alfred rief im Tone des höchsten Zornes : das ist empörend ! stand heftig auf und verließ das Zimmer . Seine Frau folgte ihm erschrocken in seine Arbeitsstube nach . Sie versuchte , sich zu entschuldigen , ein Mißverständniß des Knaben vorzuschützen . Er hörte auf ihre Worte nicht , und als sie sich weinend an seine Brust lehnte , als sie ihn küssen wollte , stieß er zum erstenmale sie so unsanft von sich , daß sie zurücktaumelte . Die Falschheit wäre schlimmer , rief er , wäre strafbarer , als die Küsse , die ich nach Deiner Meinung mit Therese gewechselt haben soll . Er ließ sie stehen , nahm Hut und Mantel und schritt in die helle Winternacht hinaus . Der Schnee knisterte unter seinen Fußtritten , als er die Straße hinabging . Von beiden Seiten leuchtete Licht aus den Fenstern der Läden und Gasthäuser . Es war nur wenig Tage vor dem heiligen Abende und viel fröhliches Leben und Treiben in den Straßen . Knaben mit brummenden Waldteufeln liefen umher ; Mütter aus den ärmeren Klassen trugen ihre Kinder auf den Armen , die fröhlich von den Wundern des Weihnachtsmarktes erzählten . Andere hatten sich mit Weihnachtsbäumen und einfachem Spielzeug beladen und guckten in die Fenster der Conditoreien hinein , an deren Thüren die Equipagen der reichen Familien hielten . Eben stieg ein stattlicher Mann vor einer derselben aus dem Wagen . Er war Alfred nahe befreundet und glücklich verheirathet . Behutsam hatte er seine Frau herausgehoben und zählte nun lachend die Kinder , welche der Diener ihm auf die Treppe hinaufreichte , damit die kleinen Füße den kalten Boden nicht berührten . Alfred blickte bewegt auf das heitere Bild . Er wollte dem Freunde ausweichen und hüllte sich , schnell vorüberschreitend , tiefer in den Mantel . Aber der Andere hatte ihn erkannt und rief ihm scherzend zu : Wohin so eilig und so allein in der fröhlichen Weihnachtszeit ? Sie schämen sich wol vor mir , daß Sie ohne Frau und Kind umherlaufen ? Sehen Sie da , ich habe alle Vier mit hergebracht und war nahe daran , auf Verlangen meiner Frau , sogar die Wärterin mit dem Kleinsten mitzunehmen . Die Weihnachtszeit gehört der Familie an . Wo haben Sie die Ihrigen ? Sie sind zu Hause . Und wo gehen Sie hin ? Ich will mir Bewegung machen , sagte Alfred . Das Bild des lieblichen Familienlebens that ihm wehe und er suchte zu entkommen , mit der Bemerkung , daß es zu kalt für die Kleinen sei , und daß er sie nicht aufhalten wolle . Schnell und immer schneller schritt er vorwärts , je trüber die Gedanken in seiner Brust sich entfalteten . Alles war heiter in dieser Zeit ; der Aermste suchte für die Weihnacht , für diesen Lichtblick in dem Familienleben der Deutschen , Freude zu schaffen in dem Kreise der Seinen . Elternliebe führte die Eheleute enger noch zusammen , aber er selbst hatte noch nicht an das Fest gedacht , seit er wieder mit seiner Frau unter demselben Dache lebte . In dumpfem Mißmuth waren seine Tage dahingegangen , ein trübes Weihnachtsfest stand ihm in seinem Hause jetzt bevor . Wie anders hatte er es zu feiern gehofft , wie hatte Therese es dem Knaben seit seiner Ankunft anmuthig zu schildern gewußt ! Alfred selbst war zum Kinde geworden mit dem Kinde ; wie ein Knabe hatte er sich wieder auf das Fest gefreut . Mit sorgfältiger Liebe hatte er die Geschenke gewählt , die er für Therese bestimmt ! Nun lagen sie da , und Therese sollte sie nicht sehen . So widerwärtig als an diesem Abend war ihm Caroline nie gewesen . Er hatte sie nicht geliebt seit Jahren ; heute verabscheute er sie . Er fragte sich , wie es ihm möglich gewesen sei , sich gegen seine bessere Ueberzeugung wieder mit ihr zu verbinden ? Er klagte sich selbst unverzeihlicher Schwäche an , er zürnte dem Präsidenten und Theresen besonders . Tausend wilde Phantasien durchkreuzten sein Gehirn . Er wollte , er mußte frei werden . Was zwang ihn denn , in den unerträglichen Verhältnissen auszudauern ? Rücksichten auf seinen Sohn ? Und wenn Felix stürbe , ehe er die Früchte dieses Opfers genossen hätte ? Schaudernd bebte er zusammen ; denn der fluchenswerthe Gedanke zuckte in ihm auf , daß der Tod seines Sohnes ihn befreien , der Tod seines einzigen Kindes sein Glück begründen könne . Er war allein in den fernsten Gängen des Thiergartens , tiefe Stille und Dunkelheit um ihn her . Der Wind hatte am Tage den Schnee von den Bäumen herabgeschüttelt , gespenstisch zeichneten sich die dunkeln Stämme der Bäume gegen die weiße Schneefläche des Erdreichs ab , und hoben ihre schwarzen , kahlen Aeste wie schaurige Wahrzeichen zum Himmel empor . Nur dann und wann schwirrte ein Vogel , langsam die breiten Flügel bewegend , an ihm vorüber , sich auf einem Baume das Nachtlager zu suchen . Ein leises Knistern der Zweige verrieth den Ort , an dem er es gefunden , ein paar liegen gebliebene Schneeflöckchen glitten unter seiner Berührung von den Bäumen zur Erde herab , dann regte sich Nichts mehr . Alfred war bange vor sich selbst , sein eignes Herz war ihm fremd und es graute ihm vor sich selber . Er ging und ging - und endlich löste sich die Starrheit , die ihn umfangen hielt . In dem heiligen Schweigen , in der Ruhe der Natur fing er sich zu beruhigen , sich wieder zu sammeln an . Sein Leid löste sich in Thränen auf , der Sturm der Leidenschaft besänftigte sich , Kraft und Klarheit kehrten allmälig in seine gequälte Seele zurück . Die frische Kälte der Winternacht kühlte sein erhitztes Blut und legte sich wohlthuend um seine brennende Stirn . Er schlug den Mantel zurück , damit der kalte Strom auch seine Brust berühre , und athmete tief auf , wie Jemand , der eine zu schwere Bürde von sich wirft . Statt scheu in die Zukunft zu sehen , blickte er fest in seine eigne Brust und eine tiefe Unzufriedenheit , eine beschämende Reue bemächtigten sich seiner . Er hatte Hand an seine Frau gelegt , er hatte sich so tief erniedrigt , ein Weib die Kraft des Stärkern empfinden zu lassen . Sein Glück , er konnte es sich nicht verbergen , war ihm einen Augenblick hindurch theurer erschienen , als das Leben seines Kindes . Er hatte sie jetzt kennen lernen , die schaurigen Geheimnisse , welche die Tiefe der menschlichen Brust verbirgt , und fühlte deutlicher als je , wohin ein Zustand führen könne , der uns mit uns selbst in Widerspruch bringt . Je länger er vorwärtsschritt , je fester bildete sich ein Entschluß in ihm aus , je zuversichtlicher gelobte er sich , ihn zu halten , aber er war müde geworden von dem innern Kampfe , er mußte einen Augenblick rasten . Trotz der winterlichen Kälte ließ er sich auf einer der Bänke nieder . Er schloß die Augen und ein Gefühl von Erquickung kam über ihn . Die unnatürliche Spannung seiner Geistes- und Körperkräfte ließ nach , die Schwingungen seines Blutes wurden gelinder , er konnte freier denken , freier fühlen . Wie lange er so gesessen , er wußte es nicht . Das ferne Anschlagen eines Hundes erweckte ihn zur Wirklichkeit . Er erhob sich und schritt der Stadt zu . Als er seine Wohnung erreichte , war es tief in der Nacht . Caroline hatte sich lange zur Ruhe begeben . Er eilte in sein Zimmer und trat vor das Bett seines Sohnes . Ruhig , mit der blühenden Röthe der Gesundheit auf den Wangen , schlief der schöne Knabe schon seit mehren Stunden . Sein Vater betrachtete ihn mit tiefer Erschütterung , endlich konnte er es sich nicht versagen , einen Kuß auf die Stirn des Sohnes zu drücken . Das erweckte den Knaben . Schlaftrunken blickte er auf und sagte freundlich , den Vater erkennend , indem er die Arme nach ihm ausbreitete : Lieber Vater ! Ein heißer Thränenstrom brach bei den schlichten Worten aus des Vaters Augen . Er drückte den Sohn fest an sich , küßte ihn und legte ihn dann mit weiblicher Sorgfalt in die Kissen zurück . Mein geliebter Sohn ! - Das war Alles , was er sagen konnte , und es sagte Alles . Am nächsten Tage erwachte er in sehr weicher Stimmung . Er suchte seine Frau auf , bot ihr versöhnend die Hand und bat : Laß uns des gestrigen Abends vergessen ! Mich reut die Heftigkeit , zu der ich mich hinreißen ließ , aber auch Du warst nicht ohne Schuld . Wir wollen Beide schonender werden , damit unsere neue Vereinigung nicht nur eine leere Form bleibe , damit sie uns endlich zum Frieden verhelfe . Aber Caroline nahm die Hand nicht , die er ihr bot , und antwortete ihm nicht . Sie nahm ruhig das Frühstück ein , bei dem sie Alfred gefunden hatte . Hörst Du nicht , was ich Dir sage ? Hast Du keine Erwiderung darauf ? fragte er . Mißhandlungen kann ich nicht vergeben ; ich kann es nicht vergessen , daß Du mich fortgestoßen , daß Du mich mißhandelt hast ! sagte Caroline kalt . Und glaubst Du , mich hätten Deine Worte , Dein Betragen nicht ebenso arg verwundet ? Caroline ! Worte sind oft verletzender als die schärfste Waffe . Laß uns den Balsam der Vergebung auf unsere Wunden legen , laß uns von Herzen vergessen . Wir haben Alles , was zum Glücke erforderlich ist , warum verbittern wir einander das Leben ? warum trüben wir die Kindheit unsers Felix durch unsern beständigen Unfrieden ? Komm ! laß uns vergessen ! Laß uns nur an den Knaben denken , wir wollen ausfahren , für seine Weihnachtsbescherung zu sorgen . Ich habe in diesem Augenblick nicht Zeit , ich bin auch noch nicht für eine Promenade gekleidet , meinte Caroline schmollend . So will ich warten ; wann denkst Du fertig zu sein ? Mein Gott ! Alfred ! quäle mich nicht , rief sie heftig aus . Was gestern geschehen ist , ist geschehen . Redensarten ändern das nun einmal nicht , Redensarten habt Ihr Dichter billig . Und daß Du mich jetzt zum Ausgehen zwingst , da ich keine Lust dazu habe , ist auch nicht gemacht , mich zu versöhnen . Ich werde schon für Felix besorgen , was nöthig ist , Du brauchst mich nicht dazu zu treiben . Ich