Erregung gewahrte . Halb verwirrt vor Angst , erzählte sie ihm den gestrigen Vorfall und daß Louis mit Kronberg hart an einander gerathen ; sie bat ihn , einen von Beiden zu bewachen , um ein noch schlimmeres Zusammentreffen zu verhindern . Wir haben Kronberg eben auf der Promenade begegnet , schloß sie verlegen , er fuhr an uns vorüber . Das eine Wort war dem gewandten Franzosen genug , er wußte sogleich mit wem , und errieth das Uebrige . Nach wenigen Minuten verließ er seine schöne Freundin , um Louis zu besuchen , ging aber statt dessen zu Kronberg , drückte dem Bedienten , der ihn melden wollte , einen Gulden in die Hand und trat in dem Augenblicke in ' s Zimmer , als Kronberg eben seinen Schwager bei der Schulter ergriff und heftig auf ihn eindringend , wiederholend ausrief : Wer ist der Elende ? Wer hat es gesagt ? Pardon , cher Comte ! sagte der alte General und ließ im Eintreten seinen Stock fallen , den er , mit dem Rücken jenen zugewendet , äußerst mühsam aufhob . Auf diese Art gehindert , irgend etwas von dem zu sehen , was vorging , fuhr er fort : Ich kam , Sie zu bitten , mich meinem jungen Freunde Müller vorzustellen , der freilich den brillanten Offizier von Anno 8 schwerlich in mir erkennen wird . Kronberg hatte im Augenblick seines Eintritts die Hand von Louis ' Schulter zurückgezogen , ihm standen die Schweißtropfen glühender Beschämung auf der Stirn , er hatte ja seinen Schwager beinahe wie einen Bedienten behandelt ! Louis faßte sich schneller , weil das Erkennen des Generals seine Aufmerksamkeit gewaltsamer in Anspruch nahm . St. Luce ließ sich innerlich von Beiden zu allen tausend Teufeln wünschen , hielt aber Stich und ruhte nicht eher , bis er Louis ' Stimmung beschwichtigt hatte . Die außerordentliche Freundlichkeit des alten Mannes , der ihn wie einen Sohn an ' s Herz drückte , überwältigte ihn . Mit Bitten bestürmt , den General zu begleiten , der ihm durchaus Wien zeigen wollte , wandte sich der junge Krieger etwas verlegen , doch jetzt in durchaus würdiger Weise , zu Kronberg : Ich stehe Ihnen morgen zu Dienst , sagte er kalt . Auf Kronberg , der augenblicklich des schlauen Invaliden Spiel durchschaute , machte die Sache einen allmälig fast komischen Eindruck . Der alte Fuchs , dachte er innerlich , er hat ganz Recht ! Mit einem Unteroffizier kann ich mich doch nicht schlagen ! Und wegen der Capacelli ! ich ! Er reichte , plötzlich entschlossen , seinem Schwager die Hand . Vergeben Sie mir , ich bin zu rasch gewesen ! sagte er mit anmuthiger Höflichkeit ; Sie sind im Recht ! Ist ' s aber irgend möglich , so nennen Sie mir nun endlich den Namen des Verleumders , ich bitte Sie dringend darum ! Der Graf sah vollkommen beruhigt aus , und doch wogte das Blut noch in ihm , als wolle es seine Adern sprengen . Ich habe vor meinem Freunde St. Luce kein Geheimniß ! fuhr er bittend fort . Louis schwieg immer noch . Er schämte sich , die Namen des Wirthes und einiger untergeordneten Personen zu nennen , ein inneres Zartgefühl hielt ihn zurück ; er wußte , der reiche Graf würde solche Stimmen nicht gelten lassen . Morgen ! wiederholte er entschlossen . Nach secundenlangem Nachsinnen ließ ihn Roderich ruhig mit St. Luce sich entfernen . Ein ungeheurer Schmerz hatte ihn ergriffen , es war ihm klar , Anna , Anna hatte über ihn geklagt ! Anna hatte Geheimnisse vor ihm . Ein fressendes Mistrauen drängte sich in seine Seele und zwischen ihn und sie . Er ward rauh , unfreundlich , höhnisch gegen seine Frau , die diese neue Wendung seiner Laune nicht begriff und in der die Sehnsucht nach Gotthard mit jedem Tage fürchterlicher arbeitete und bohrte , wie das tödtende Eisen , das man langsam in die verwundete Brust senkt . Louis aber war wenige Stunden , nachdem er den Grafen verlassen , plötzlich heftig erkrankt ; der klimatische Wechsel oder die ungeheure innere Aufregung , die das Gespräch mit demselben erzeugen mußte und die der nur an körperliche Strapazen Gewöhnte nicht in sich zu verarbeiten vermochte , zogen ihm ein Wechselfieber zu . Anna und St. Luce besuchten ihn täglich ; Letzterem gelang es , ihm allmälig etwas ruhigere Ansichten einzuflößen und sein Betragen gegen den Grafen zu regeln . Kronberg ließ sich alle Morgen nach ihm erkundigen , ging aber nicht hin . Schweigend verdoppelte er Annens Nadelgeld . Sie muß doch anständig erscheinen können , sagte er bitter ; aber sein Benehmen blieb folternd ungleich , hart und voller Mistrauen . Jedes Gefühl seines eigenen Unrechts gegen sie war plötzlich aus seiner Seele geschwunden . So standen die Dinge , als unerwartet , wie ein Trost des Himmels , Gotthard von Berlin zurückkehrte . Am nächsten Morgen erwachte sie mit dem Gefühl : Er ist da , du wirst ihn sehen ! Und in den Vormittagsstunden kam er . Sie durchsprachen in hieroglyphenartigen Worten Alles , was während jener tödtenden Trennungszeit an Beiden vorübergezogen ; sie berührten es kaum und nur andeutend , denn bei solchem Ineinanderwachsen der Seelen bedarf es keiner langen Rede ; jeder Blick , jeder Hauch , jedes Schweigen wird verstanden . Das eben ist ja das eigentliche Glück der höheren Liebe , daß sie zwei Menschen frei macht von all den kleinen Qualen und Fesseln des Nichtverstehens und der Seeleneinsamkeit . Sie erzählte ihm auch von Louis , von seinem Betragen und seiner Krankheit und daß er nun heimzureisen gedenke , doch seltsam mit dem Entschlusse dazu zögere von Tag zu Tag , ohne eigentlichen Grund . Als er sie verließ , begegnete ihm im Hinausgehen St. Luce . Sonderbar , sagte dieser , ich bringe den jungen Müller durchaus nicht fort . Der Arzt findet ihn genesen ; sein auf unser Schreiben verlängerter Urlaub ist fast abgelaufen ; seine Rechnungen sind in unsern Händen , der Wirth , der Arzt , der Schneider - - Und alles das muß die Gräfin zahlen ? fragte Gotthard . Leider ! Sie besucht ihn alle Vormittage , er nimmt jedesmal halb und halb von ihr Abschied , versichert , ein förmliches Lebewohl sei ihm unerträglich , und am nächsten Morgen findet sie ihn wieder . Was kann das sein , er kann uns doch nicht immer so in Wien auf dem Halse bleiben wollen ! Sollte er verliebt sein oder heimliche Schulden gemacht haben ? Er hat gespielt , erwiderte Gotthard , wie durch plötzliche Eingebung . Ich will sogleich zu ihm . Gotthard hatte die Fessel richtig erkannt , welche den Unglücklichen von seinem Krankenlager nicht sich lösen ließ . Louis war einem Stube an Stube mit ihm wohnenden Glücksjäger in die Hände gefallen und alles Geld , das er von Anna erhalten , jenem bereits zur Beute geworden . Die Art und Weise , durch welche es Gotthard gelang , den Unbesonnenen zum Geständniß zu bringen , kann für uns kein sonderliches Interesse haben . Als die Summen berechnet waren , reichte Alles , was Louis an baarem Gelde besaß , nicht hin , die Hälfte der Schuld zu decken . Des ganz Unbemittelten Aufenthalt in einem Hotel , seine Krankheit , seine verschiedenen Bedürfnisse hatten Annens Hilfsquellen erschöpft ; sie hatte es nicht geradezu gesagt , Gotthard hatte es im Gespräch mit ihr durchfühlt , er übernahm sogleich einen Theil der Zahlung , für den andern sagte er gut und verließ Louis erst , nachdem er eine lange Unterredung mit dem Spieler gehabt und jenen zum Posthofe begleitet hatte . In den letzten Momenten seines Aufenthalts , während Gotthard zu seinem Nachbar hinüberging , nahm Louis in einigen Zeilen Abschied von seiner Schwester und übergab den Brief dem Lohnbedienten des Hotels . Nachdem auf diese Weise alles geordnet und Louis abgereist war , glaubte Gotthard Annen beruhigen zu müssen , ohne ihr jedoch von der sich auf einige und fünfhundert Gulden belaufenden Summe etwas zu sagen , die zu zahlen er übernommen , und von welcher er hoffte , sie solle ganz unerwähnt bleiben , um der theuern Frau nicht auf ' s Neue eine Ursache zu geben , über ihren Bruder zu klagen . Als er Annens Zimmer betrat , fand er sie in Thränen , sie hatte ihn angenommen , weil sie sich ' s nicht zu versagen vermochte . Es war die erste Unbesonnenheit ihrer Liebe , der erste Fehltritt . Louis hatte ihr alles geschrieben . Zu redlich , einen ihm ganz Fremden um eine ihm bedeutend erscheinende Summe zu bringen , zu leichtsinnig , um die möglichen Folgen der Uebertragung seiner Anleihe zu bedenken , schien ihm der natürlichste Ausweg der , seine Schwester zu Gotthard ' s Schuldnerin zu machen . Kahl und nackt , ohne alle Selbstentschuldigung , hatte er ihr die Sache hingestellt , wie sie eben war ; ja , er hatte sogar den aufgeregten fieberhaften Zustand , während welchem er dem Hazardspieler in die Hände gefallen , dem unverantwortlichen Betragen Kronbergs gegen sich und Annen zugeschrieben . Es lag wenig Liebe und gar keine Hingebung in diesen herben Abschiedsworten an seine Schwester , und dennoch schlossen sie mit der Voraussetzung , daß sie um seinetwillen den Verlust der paar Thaler leichter verschmerzen werde , als er , der freilich nur zerstörte oder halberfüllte Hoffnungen seinem armen Weibe heimzubringen habe . Anna weinte bittere Thränen , Louis ' Egoismus schnitt ihr in ' s Herz , sie fühlte sich zwischen Gatten und Bruder so fürchterlich allein , so fremd , wie in einer endlosen Wüste . Louis ' Anklage ihres Mannes war schonungslos scharf , das Aussprechen seiner Treulosigkeit gegen sie that ihr aus ihres Bruders Munde weher , als in all den Bemerkungen der frivolen Gesellschaft , welche am Ende nur lachte , spöttelte und - vergaß . Auch Gotthard , dem ganz unbegüterten Freunde , eine neue Last aufgebürdet zu sehen , schmerzte sie - da hörte sie den ihn meldenden Bedienten . Als er aber nun eintrat mit dem milden freudigen Ausdruck in den geisteshellen Zügen , ward ihr , als senke sich plötzlich die Heimat um sie nieder , aus dem Himmel in ihr Herz . Gotthard setzte sich diesmal neben sie , statt wie sonst ihr gegenüber . Ihm war so unsäglich wohl und leicht ; war doch nun diese Sorge der theuern Frau entnommen . Er sprach sogleich von Louis , ging freimüthig in dessen Lage und Ansicht ein , erst ihn beklagend , dann heiter ihn vertheidigend . Er schilderte ihr Schlesien , Glatz , das er kannte , das gemüthliche , etwas beschränkte Bürgerleben des Städtchens ; sprach über manche kleine Vortheile und Annehmlichkeiten , die ein längerer Aufenthalt Louis und den Seinen dort gewähren müsse . Mit jedem neuen Abschnitt lichtete er die Farbe seiner Darstellung . Zuletzt erzählte er von sich , daß er selbst früher gern sein Glück auf einen raschen Wurf gesetzt und schwer dem Spiel entsagt . Er lobte Louis ' sanftes Hinnehmen seines Eingriffs in eine ihm ganz fremde Angelegenheit ; er breitete eine lange bunte Scenenreihe vor dem geliebten Blicke aus , wie man einem kranken Kinde ein Bilderbuch aufschlägt und mit ihm es durchblättert , und lockte so aus allen Tiefen ihrer Seele die Schmerzen und dunkeln Gedanken hervor , um sie wie mit einem balsamischen Zauber zu umweben . In diesem Augenblicke lag nicht die mindeste Leidenschaft in seinem Thun zu Tage ; es war die Wundermacht des tief sein ganzes Sein durchdringenden Gefühls eines schonenden tiefen Wohlwollens , das er bewußt und sanft anwendete , wie ein Arzt die ihm inwohnende heilende Kraft . Anna war , als habe sie noch nie Jemanden zugehört , oder als tauche ihre Kindheit wieder auf , als säße sie noch auf Sophiens Schoos und lauschte emsig deren Erzählungen . Wie eine Blütendecke legten sich seine Worte auf die unruhige Qual ihres Innern . Mit einem unaussprechlichen Dankgefühl blickte sie zu ihm auf , der Widerschein ihrer Stimmung in seinem Antlitz rührte sie fast noch inniger , als sein Handeln . Wie selten war ihr wohlgethan worden in ihrem so beneideten und brillanten Leben ! Und Er war ihr noch dankbar dafür , daß sie es annahm . Die kleine irländische Ballade , welche Leontine am ersten Abende des Zusammenseins mit ihm gesungen , war Beiden eine Art inneren Palladiums geworden . An jenem Abend hatte Gotthard zuerst sich ihr ausgesprochen . Seitdem hatte er die Verse in Musik gesetzt und oft gesungen . Wenn Kronberg Annen ganz unverständlich wurde , spielte sie die Melodie ; seltsam genug liegt diese Art Doppelempfindung in der weiblichen Natur : sie wollte Roderichs früheres edles Bild sich hervorrufen , es festhalten , trotz den entsetzlichen Verzerrungen des Lebens , und dennoch blickten Gotthards ernste stetige Augen so tröstlich zwischen den Notenreihen sie an . Anna saß in der Nähe des Fortepiano , auf demselben lag die Ballade aufgeschlagen ; unwillkürlich fiel ihr Blick darauf , er umflorte sich , sie ward sehr düster . Gotthard war ihr im Sprechen näher gerückt , sein Stuhl berührte die Sophaecke , in welcher sie ruhte . Sein Auge folgte dem ihren , aber er verstand den Zug ihrer Gedanken nicht sogleich ; es trat eine jener gefährlichen Gesprächspausen ein , in denen die Gewalt des sich insgeheim entwickelnden Gefühls verrätherisch der Erwiderung im Augenaufschlag des Geliebten begegnet - Beide errötheten . Gotthard ergriff ihre Hand und küßte sie unbewußt leise ; sie ließ sie ihm eben so unwillkürlich . Zum ersten Mal versagten sich ihnen Wort und Gedanken , die innere Flut der Empfindung und einer plötzlich sie überkommenden namenlosen schmerzlichen Ahnung überwältigte Beide . So saßen sie schweigend neben einander , dicht zu einander gebeugt , lautlos das Glück der Geliebten Nähe fühlend , scheu vor jeder noch näheren Berührung zurückbebend . Da sprang die kleine Tapetenthüre auf , die aus dem Cabinet zu einer obern Zimmerreihe führte , Kronberg trat in dieselbe , er schleuderte den kleinen Joseph vor sich her , den er an der Hand herabgeführt . Kannst du mir erklären , Anna ! - begann er und blieb verstummend , staunend an der Schwelle stehen - er gewahrte Gotthard , der aufgesprungen war , der Knabe aber stürzte in des geliebten Freundes Arme , der ihn zärtlich an sich zog und liebkoste . - Joseph , fuhr Kronberg nach einem höflich kalten Gruße fort , hat mich soeben gebeten , ihn zu seinem Bruder in ' s Institut zu thun , weil er dort Herrn Gotthard wieder alle Tage sehen würde . Er klagt über seinen Lehrer , daß er ihn geschlagen ; wolltest du die Gnade haben , mir diesen Gallimathias zu erklären ? In der That kann ich auch nicht begreifen , wie es zugehen mag , daß Sie , Herr Gotthard , meine Kinder täglich sehen ? Gotthard fühlte lebhaft , es gälte , die Geliebte vor einer neuen Form der Eifersucht zu schirmen , die Kronberg verzehrte . Beide Männer verstanden vollkommen einer den andern : Anna ' s Name durfte nie unter ihnen genannt werden . Sie saß beklommen , schwer athmend , still in ihrer Sophaecke . Gotthard erwiderte stolz aber besonnen , daß der Director des Instituts sein Jugendfreund sei , den er allerdings während seines kurzen Aufenthalts in Wien täglich besuche und bei welchem er den Knaben öfters treffe , zu dem ja immer noch die herzlichste Neigung ihn hinziehe . Herr Gotthard , unterbrach ihn der Graf , als die Kinder noch das Glück hatten , Ihrer Obhut anvertraut zu sein , habe ich , der Vater , mir nie die kleinste Einmischung in Ihre Ansicht und Erziehungsart erlaubt . Sie würden mich verbinden , obgleich ich Ihre Theilnahme dankbar anerkenne , dasselbe jetzt für mich zu thun . Doch habe ich ohnehin mit Beiden andere Pläne und kam , sie mit der Gräfin zu besprechen . Vergeben Sie , daß ich Ihre Gegenwart in meinem Eifer nicht augenblicklich bemerkte ; die Sache hat Zeit . Mit gewohnter Leichtigkeit begann er ein Gespräch über ein von Gotthard verfaßtes Memoire , blieb eine halbe Stunde und verließ dann das Zimmer mit der Bitte an Gotthard , mit Annen noch ein wenig Musik zu machen , indem er die auf dem Flügel liegenden Musikalien bemerkte ; das Kind ließ er in dessen Armen zurück . Ernst blieben die Liebenden vor einander stehen : die dunkle Ahnung war schon Wirklichkeit geworden . Anna , sagte endlich Gotthard , indem er den Knaben , der in seinen Armen eingeschlafen war - es war Abend geworden - auf ' s Sopha legte , Anna ! wir müssen scheiden . Auf welche Weise ist mir selbst noch nicht deutlich , aber es gilt , Ihnen die Knaben zu erhalten , deren Verlust Sie zerstören würde . Gott weiß , ob ich Sie je wieder allein spreche , darum heute eine Bitte , für welche ich Ihre Verzeihung innigst erflehe . Er blickte auf Joseph , das Kind schlief fest und sanft . Anna war in einer furchtbaren Stimmung , Gotthards volle bewegte Stimme vibrirte in jedem Nerv ihrer bebenden Gestalt ; sie konnte nicht reden , es erstickte sie . Der Graf wird meine Einmischung in seine Verhältnisse unter keiner Form jemals vergeben , Sie würden immer dafür büßen . Sie wissen , Anna , daß mein Leben hier , wie in der Ferne Ihnen angehört . Ich werde Wien gleich nach der geschlossenen Uebereinkunft mit Metternich verlassen , mich ganz den Geschäften in den älteren Provinzen widmen . Der volle , tragende Strom der Zeit - Anna , er wird auch uns wieder zusammenführen und - es übermannte ihn , er schwieg einige Secunden - durch alle Verwandlungen der Tage hindurch werden wir einander erkennen . Nicht wahr , immer , überall ? Ich hoffe es , sagte sie , zusammenbrechend . Nein , o nein , Anna ! Sie müssen es wissen , unumstößlich gewiß , wie Sie wissen , was Ihnen das Höchste ist , wie Sie von Gott wissen , von der Fortdauer , tief aus dem Innern der Seele heraus - sonst wäre mein Dasein eine Hölle ! schloß er dumpf . Ich weiß es ! sagte sie fest . Er ließ sie los und ging nach seiner alten Art einige Male hin und wieder , um sich zu sammeln . Es bleibt keine Zeit mehr , Wort und Ausdruck zu messen , wir haben kaum noch nach Minuten zu zählen ; also meine Bitte . Anna weinte , Gotthard trocknete leise ihre Thränen ; aber er berührte ihre Augen nur mit dem Tuche . Hören Sie mich , fuhr er immer trauriger fort , jede kleinliche Rücksicht einer engherzigen Delicatesse muß in diesem Augenblicke schwinden ! Ihr Gemahl darf nie , unter keiner Bedingung , auf keine Weise erfahren , was zwischen mir und Louis vorgefallen ; die Verpflichtungen , die er und ich als Männer gegeneinander übernommen , müssen unberührt zwischen ihm und mir allein bleiben - das , Gräfin , versprechen Sie mir ! Es ist wichtiger , als Sie ahnen . Louis hat mir alles geschrieben - Unmöglich ! Ich weiß , welche Summe Sie für ihn übernommen . Er hat mir das Geld zu zahlen - O Anna ! rief Gotthard , schmerzlich ergriffen , indem er ihre Hände einen Augenblick an seine Brust zog , mußten Sie es aussprechen ? Mußten Sie das elendeste Wort in dieser Stunde sich eindrängen lassen , die wahrscheinlich für uns keine Schwestern auf Erden hat ? - Doch wie Sie wollen ! Gleichviel ; meine Bitte bleibt fest : kein Vorwurf , keine Scene , kein Misverstehen darf Ihnen das Geheimniß entlocken ; Kronberg darf nie erfahren , was zwischen mir und Louis abgehandelt ! O Freundin ! versprechen Sie mir , was Sie nicht begreifen , ich bitte , ich beschwöre Sie darum ! Ich verspreche es ! sagte Anna ; und glauben Sie mir , es ist kein Kleines , was ich thue , daß ich verspreche , was ich nicht übersehen kann ! Mutter ! Gotthard ! schrie das Kind im Schlaf . Beide eilten zu ihm . Gotthard küßte seine blonden Locken , die über die Sophalehne herabhingen - er sah traurig aus , wie van Eyks richtende Engel . Gott erhalte Ihnen den Knaben ! rief er gepreßt , dann wandte er sich , um zu scheiden . In Beiden wogte der Kampf einer mit jedem Moment sich steigernden verzweifelnden Leidenschaft und seine schmerzliche Gewalt riß Herz an Herz . Gotthard drückte die zitternden Hände auf seine Augen . Nein ! nein ! rief er mit wachsender Heftigkeit , auch nicht den Schatten eines Fleckens auf diese Stunde ! Er bog sich leicht zu Annen nieder und küßte ihr Gewand . Bleibe meine Heilige ! flüsterte er und stürmte fort . Anna sank weinend neben ihrem schlafenden Knaben in die Knie und betrachtete ihn lange ; sie dachte nicht deutlich , sie fühlte nur dumpf eine unsägliche Pein ; und wie ganz von fern in Nebel eingehüllt , zog ihrer Erinnerung die erste Stunde ihres Kampfes vorüber , als ihr klar geworden , daß sie Gotthard liebe . Wenn ich nur nicht wahnsinnig werde ! seufzte sie . Endlich küßte sie ihren Joseph wach , um ihn zu Bett bringen zu lassen . Nach fünf Minuten hörte sie Kronbergs Schritt im Vorzimmer . Er sah erhitzt und unglücklich gestimmt aus ; er kam von der Capacelli , die ihm irgend eine Scene gemacht haben mochte . Dem Aerger über sie gesellte sich die Entrüstung über Gotthards unverschämte Eingriffe in alle Rechte , die ihm die Natur und die bürgerliche Gesellschaft verliehen . Anna , sagte er , ich hatte gehofft , die unglückselige Geheimnißkrämerei , die so traurige und ernste Folgen in Bezug auf Leontinen gehabt , würde in unserer Familie wenigstens nicht Wurzel schlagen ; ich habe mich geirrt ! Je ne suis pas le dupe des phrases de Monsieur Gotthard ! Wie er bei unserm Fortzuge von Bern mit Gewalt sich in die unselige Geschichte Viatti ' s eindrängte - Mich dünkt , sagte Anna , wir verdanken ihm die Freiheit unseres Schwagers . Hast du vergessen , daß am Tage nach dessen gelungener Flucht Haussuchung die ganze Straße entlang gehalten wurde ? Sie trat zu ihm und legte sanft die Hand auf seinen Arm . Beflecke dich nicht durch Undankbarkeit , Roderich ! Eben so , fuhr Kronberg fort , ohne auf sie zu hören , möchte er nur ohne Recht und Befugniß die Leitung des ganzen Bildungsganges unserer Söhne sich erhalten ! Ich glaube nicht an Infallibilität , nicht einmal an die des heiligen Vaters . Was soll das Alles ? fragte Anna . Du hast mir schmerzlich-klare Gründe gegeben , vorauszusetzen , daß dieser Gotthard die Hand bei allen bedeutenderen Ereignissen unseres Lebens im Spiele hat ; ich hätte aber wenigstens erwarten können , persönlich von seinen Einflüsterungen und Zwischenträgereien verschont zu bleiben ! Anna schwieg ; wie eine Königin stand sie ruhig und ernst vor ihm . Ich verstehe dich nicht , sagte sie endlich . Leider sind mir seine Beweggründe keine Räthsel mehr ! Aber bedenke , fuhr er , immer heftiger aufbrausend , fort , bedenke genau , was du thust ! Ein unedles Erspähen meiner Tritte und Schritte ertrage ich nicht ! - Ich habe dir volle , unbegrenzte Freiheit in allen Handlungen gelassen - laß sie nicht in Beherrschung der meinen ausarten ! Armes Kind ! was hoffst du zu erreichen ? setzte er , immer mehr sich steigernd , höhnisch hinzu . Meinst du , der Satan lasse mit sich handeln und sich einen Rest des einmal von ihm ergriffenen Menschenglückes abdingen ? Er hält fester , als Liebe und Glück . Er warf sich auf das Sopha und blieb schweigend , als erwarte er ihre Antwort , mit verhülltem Gesicht vor ihr sitzen . Seine Brust arbeitete fürchterlich , er schien fassungslos . Hand und Schnupftuch verbargen ihr seine Züge . Ich verstehe dich durchaus nicht , Roderich ! wiederholte sie mit trauriger , aber fester Stimme . Meinst du jedoch eine Einmischung des Geheimraths , so ist deine Besorgniß grundlos , denn er steht auf dem Punkte , Wien auf lange zu verlassen . Das ist nicht wahr ! fuhr Kronberg auf , das wäre in seiner Lage Wahnsinn , Raserei ! - Was will er damit ? Hält er mich - er zitterte vor Wuth , seine Zähne schlugen aneinander - hält er mich etwa gar für eifersüchtig ? In diesem Augenblicke brachte der Jäger des Grafen ein Billet . Roderich erbleichte ; er las es mehre Male und verließ mit dem Jäger das Zimmer . Nach wenigen Secunden kam er zurück und nahm seinen Platz wieder ein . In dumpfes Sinnen verloren , saßen die Gatten einander lange gegenüber . Endlich sprach Kronberg weiter : Unser Egon ist der ausgezeichnetste Knabe , den ich je gesehen - Dank sei Gotthard , der seine Anlagen erweckte ! dachte Anna . Ich hoffe , er wird einst unter den Bedeutendsten seines Vaterlands zählen , darum will ich ihm keine berechnenden Erziehungsfesseln angelegt wissen , wie sie mich während meiner Jugend gedrückt - Anna seufzte und schwieg . Herr Gotthard und Consorten vermögen kaum , den Standpunkt zu erfassen , von welchem aus der junge Aar seinen Flug beginnen soll . Ja ! fuhr er plötzlich , wie in ' s Weite blickend , aber sehr trübe fort , er mag die Flügel ungebunden entfalten und des Vaters Beispiel soll ihn wenigstens vor einer sentimentalen Störung seiner Carrière bewahren , zu welcher auch ihn die Umstände stoßen könnten , und der in unsern Tagen überall nur die krasseste Lebensironie entgegentritt . Um Gottes willen , Roderich ! fuhr Anna bebend auf , was hast du über die Kinder beschlossen ? Die Knaben kommen sogleich nach Berlin unter Geierspergs Aufsicht , der sie in ein bedeutendes adeliges Institut thun mag . Anna starrte unbeweglich vor sich hin , der Gedanke an diese Trennung lähmte ihre Sinne . Kronberg sah nach der Uhr , dann sprach er fort : Geiersperg hat mit bewundernswerther Consequenz Viatti ' s Sache geführt ; zweimal ist er in Mailand und Neapel gewesen . Graf Gonfalonieri büßt mit lebenslänglichem Gefängniß , was hier , in schonender Milde , mit Verbannung und einem gegebenen Ehrenwort abgemacht wurde . Noch in diesem Monat hoffe ich meiner Nichte Ehre gesichert und die Folgen dieses tollen Schrittes ausgelöscht zu sehen , noch vor Ablauf des Sommers sie dem Kaiser als Gräfin Viatti vorstellen zu dürfen . Nun so viel gelungen , steht mehr zu hoffen ! Und merke wohl , das danken wir Geiersperg ! Geiersperg , dem Realisten . Mitten im Sprechen hatte Kronberg wieder nach der Uhr gesehen . Der zweite Act der Medea , sagte er plötzlich in ganz anderem Ton . Darf ich dich hinfahren ? Mein Wagen wird bereits halten . - Eben meldete man St. Luce . Kronberg ließ ihn nicht zum Worte kommen , er mußte mit . Und die Unglückselige , von tausend räthselhaften Empfindungen und Sorgen Beängstigte mußte in die Oper und das Ballet sehen , von welchem seit drei Wochen die Rede war , und die Cavatine der Capacelli hören , die alle Welt entzückte . Kronberg brachte sie in ihre Loge , in welche auch St. Luce ihr folgte , dann verließ er sie . Sie wußte ihn auf der Bühne oder in der Capacelli Garderobe , aber sie machte eine glänzende Conversation mit einer Menge sie in der Loge umgebenden Herren , und war eine brillante , schöne , bewunderte Frau , deren türkischer Shawl und Schmuck unzählige neidische Blicke auf sich zogen . Das ist das Leben ! St. Luce wußte um Louis ' Abreise , er flüsterte es ihr zu und sah bewegt aus dabei . Woher konnte er es schon wissen ? In Anna ' s Seele flackerten die Gedanken , wie Irrlichter auftauchend und schwindend , sie vermochte keinen einzigen festzuhalten . Gotthard war nicht auf seinem Platze ihr gegenüber . Erst in der vorletzten Scene gewahrte sie ihn , sie sah , daß er nur kam , um zu erfahren , ob sie im Theater sei . Nach wenigen Minuten , noch ehe der Vorhang fiel , war er verschwunden . Kronberg ließ am folgenden Morgen Annen wissen , er komme nicht zu Mittag nach Haus . Den ganzen Tag über hieß es : er sei aus . Der heutige Abend war einer ihrer Empfangsabende , es kamen eine Menge Leute ; aber weder Gotthard noch Kronberg erschienen . Anna war in tödtlicher Verlegenheit , sie ersann eine Entschuldigung um die andere . St. Luce , der ihre Angst sah , verließ die Gesellschaft , wie er sagte , um Gotthard zu sprechen . Einen Moment athmete sie leichter auf , als sie seinen Wagen aus dem Thor rollen hörte ; vergebens , er kehrte zurück , Gotthard war nicht zu Hause . Gegen halb elf Uhr kam endlich Kronberg ; er entschuldigte sich leichthin mit der Abreise des hessischen Gesandten , den er in seinem Hotel habe aufsuchen müssen ; er schien aufgeregt , mit Annen sprach er kein Wort . In einem Seitencabinet saß ein kleiner Männerkreis , einer unter ihnen erzählte etwas , worüber alle andern laut auflachten . Ruthberg gesellte sich ihnen zu ; sie begrüßten ihn immer noch lachend als Mephisto und fragten , ob er seinen Mantel zur Luftreise bereit halte ? Ruthberg lachte auch ; er schien den Scherz zu verstehen . Ob die eigentliche Herzenskönigin ein Gretchen oder eine Helene sei , fragte man weiter . Ob der tugendhafte Bruder