willen . Adieu , ich gehe jetzt zur Günderode und lese ihr diesen Brief vor und konsultiere , ob ich diesen widerbellerischen Brief Dir schicken soll . Clemens ! - Die Günderode hat gesagt , der Brief wär sehr gut und ich soll ihn Dir schicken . Bettine Düsseldorf Liebe Bettine ! Du wirst Arnims Brief für Dich und Gundel erhalten haben , heute erhielt ich Dein liebes Schreiben und danke Dir herzlich . Ich hoffe von Dir einen Brief in Marburg zu finden , wohin ich in wenig Tagen abreise , und begehre denn auch sehnlich nach einem ordentlichen schriftlichen Verkehr mit Dir . Dein heutiger Brief hat mir einen ganz eignen Eindruck gemacht . Ich weiß nicht , in wiefern sich Dein Gemüt verändert hat durch Deinen Aufenthalt in Frankfurt , daß Du so ruhig in eine verneinende Position Dein ganzes Wesen übertragen hast . Ich kann mich nicht ohne Deine Treue im Leben denken , und so habe ich leicht Furcht , ich könne durch ein unwillkürliches Verletzen Dich verscheuchen wie ein Reh , dem einer nachging , und es liebt doch mehr den Wald als alle Liebe , die man ihm bietet . - Und was ist es denn , was ich in meinem letzten Brief Dir aussprach ? - Alles , was ich von Deiner Liebe erwarte ; ich erwarte in ihr die Liebe eines unverschrobenen , reinen , einfachen Gemütes . Wenn Du aller Verschrobenheit entgegenarbeitest , ich glaube zum andern , was ich Bildung der Seele nenne , brauchst Du keine Mühe . Um eines bitte ich Dich , lasse Dich nicht in die Basereien und Flüstereien ein , die dort in der Luft wehen , die als ewig langweiliger Schweif schiefer Liebeleien das Interesse für unmittelbaren Geist durchkreuzen ! Bleibe um Gotteswillen wie Du warst ! Sei jedermann höflich , aber nie , nie mit einem Menschen vertraulich , den Du nicht achtest . Ich weiß , wie leicht man durch das langweilige unordentliche Leben in der Gesellschaft zu niedrigen Gattungen der Unterhaltung seine Zuflucht nimmt , da nichts Großes , nichts Edles in ihr unsre Fähigkeiten anregt , sondern Klatscherei , Kokettieren , dummes Witzeln und so weiter , worüber der Mensch nach und nach schlecht wird . Und solltest Du mir ' s verdenken , daß ich zärtlich um Dich besorgt bin , und daß ich in dieser Besorgnis jeden Schatten verfolge , der sich in Deine Nähe wagt , von dem ich nicht weiß , ob nicht ein falsches Licht diesen Schatten wirft , da seit einem langen Monat Du nicht geschrieben hattest . Du müßtest mir immer etwas zu sagen haben , aber Du vergißt mich gewiß einmal ganz . Andere mögen mir wohl gut sein , aber herzlich geliebt , scheint mir , war ich nur von Dir , bei der ich keine Nebenbuhler hatte , deren Lehren Dir mehr galten als die meinen . Menschen , die nie wünschen können , was ich wünsche , die waren nie Deine Freunde , und Du hast mich bisher nicht in meinem Glauben geschwächt und mich mit meinem Vertrauen noch nicht entzweit , wie mir schon manche schmerzliche Erfahrung geworden . Liebe Bettine , tue Dein Möglichstes , mir getreu zu bleiben , hebe das Dunkle , Schwankende in Deinem Vertrauen zu mir auf , lasse es klar und fest werden , daß nie etwas zwischen uns treten könne , selbst Deine Nachlässigkeit nicht . Außerdem bitt ich Dich noch um eines : ohne Dich öffentlich allzuhoch zu halten , so halte Dich doch innerlich über jeden Preis . Der Edelstein , der seinen Preis bestimmen kann , ist der Taxe immer noch unterworfen . Sich so betragen , daß man den verdient , den man nicht lieben kann , und den glücklich machen kann , den man liebt ; das ist die Würde und die Höhe , auf die sich die Bildung der Seele schwingen soll , und das ist das ganze Geheimnis , was Du vorgibst oder auch meinst , nicht verstehen zu dürfen . - O , weiche mir nicht aus ; - die Idee , daß ich Dich jemals weniger schätzen dürfte , als ich bis jetzt zu meinem Trost und meiner Lebensfreude immer noch getan , macht mich sehr betrübt . O ich bitte Dich , liebe Bettine , bringe es dahin , daß die Menschen und Du selbst Dich ehren . Wenn auch jene Dich nicht verstehen und Du selber Dich nicht begreiflich machen kannst . - Den zweiten oder dritten Jenner bin ich wieder in Marburg . Wenn es Dir und Gundel Freude macht , an Arnim zu schreiben , so erwarte ich Euern Brief in Marburg zum Einschluß . - Hast Du nicht wieder das ungezogne Hannchen oder Hänschen gesehen , Minchen vergiß um alles in der Welt willen nicht zu grüßen und zu küssen , ich kann sie manchmal tagelang nicht vor den Augen wegbringen , sie ist meine Opernheldin , nur noch viel lieber und zarter , sie hat mich einmal dazu verführt , daß ich diese Oper schrieb , täglich läßt mir der Kapellmeister Ritter ihre Grazie in den schönsten Melodien erklingen , und oft muß ich ' s selbst ihr sagen in Tönen ; noch am Abend spät erfind ich mir Melodien zu meinen Versen , die Ritter mit freundlicher Anerkenntnis in die Oper aufnimmt , für mich klingt das alles schön , ja hinreißend . Aber kann mich ' s nicht auch bestechen , die Lust sie doppelt zu besingen , mit der Melodie und den Worten . - Deine Verhältnisse mit dem Stickermädchen berühr ich nicht ferner . - Es ist einmal traurig , daß oft das Einfachste , wenn es ungewöhnlich ist , eine Laufbahn der Gefahr wird , aber ich kenne auch Deinen Eigensinn oder Heroismus , - um Dich nicht zu beleidigen , - dem Trotz zu bieten , wenn Du etwas für Recht hältst , kenne ich . Ich freue mich doch sehr auf den Savigny , da ich nun wieder Proviant auf die langen Winterabende habe , ihm zu erzählen . Wenn er auch wenig oder gar nichts antwortet , so hört er doch mit einem Interesse zu , das entschädigt für die Antwort , die er einem schuldig bleibt . - Du glaubst nicht , wie wenige man findet in der Welt , die ganz frei sind vom Schlechten und Gemeinen , und wie ein Mann gleich Savigny ein wahres Wunderwerk ist . Ich will Dir noch eine Ballade hierher schreiben , die ich gestern gemacht habe , nur um dem Arnim ein Gedicht schicken zu können , die Geschichte von Gottschalk Overstoulz und der Maus und Bischof Engelbrecht habe ich in der Kölnischen Chronik gelesen , es geschah im dreizehnten Jahrhundert , das andre ist hinzugedichtet , viel Gutes mag vielleicht nicht dran sein , aber es reimt sich doch , hat Anfang und Ende und gefällt Dir vielleicht . Von Köllen war ein Edelknecht Um Botschaft ausgegangen , Den Vater hielt ihm Engelbrecht , Der Bischof , hart gefangen . Er ging gen Arle manchen Tag , Er ging in schweren Sorgen , Sein Liebchen ihm im Sinne lag , Der hätt er es verborgen . Gar traurig er am Brunnen lag , In Busch und grünen Hecken , Da hört er schallen Hufesschlag Und tät sich schnell verstecken . Zum Brunnen ritt ein froher Mann , Sein Hütlein tät er schwenken , Ein andrer ging betrübt heran , Die Lanze tät er senken . Und sprach zum frohen - Froher Mann , Was mag Dich so erfreuen - Laß ab zu trauren , hub der an , Gott will uns Trost verleihen . Denn Gottschalk , der getreue Mann , Geht frei aus seinen Banden , Durch Gottes Wunder er entrann Mit allen den Verbannten . Er hatte eine kleine Maus Sich also zahm erzogen , Die lief da freundlich ein und aus , Und war dem Herrn gewogen . Doch einst der kleine Freund entlief Und wollte nicht mehr kehren , Und wie Herr Gottschalk pfiff und rief , Das Mäuslein wollt nicht hören . Da sprach betrübt der treue Mann , Ich muß dich wieder haben , Und mit den Freunden er begann , Dem Mäuslein nachzugraben . Und in der Erde eingescharrt Fand Meißel er und Feilen , Womit er ihre Bande hart Gar leichtlich konnte teilen . Der andre sprach , mein Schwesterlein Das liegt gar hart gefangen , So hart , daß selbst das Mäuslein klein Nicht könnt zu ihr gelangen . Des Schlosses Dach ist himmelblau , Die Mauern grüne Wellen , Die Graben rings sind Flur und Au , Die Fenster Fluß und Quellen . Der süße Knecht , die Liebe brach In ihres Herzens Kammer , Ihm folgten die Gesellen nach , Der Schmerz und böse Jammer . Die Hoffnung blies ihr Lämpchen aus Die Schmerzen sie bezwangen , Und legte sie ins dunkle Haus Wohl auf den Tod gefangen . Am Fels , wo wild der Rhein zerschellt , Wo bös die Schiffe stranden , Dort ewig sie gefangen hält Der Schlund in kühlen Banden . Ein Freund des Bischofs sie belog , Herr Hermann sei erschlagen , Der insgeheim gen Arle zog , Den Vater zu erfragen . Dann zäumten sie die Rosse auf , Um von dem Quell zu scheiden , Und gaben sich die Hand darauf , Den Bischof zu bestreiten . Und wie sie aus dem Walde schon , Trat wieder an die Quelle Hermann , des treuen Gottschalks Sohn , Der traurige Geselle . Er eilte an das Wasserschloß , Wo bös die Schiffe stranden , Und schrie , wer macht mich fessellos , Wer sprenget mir die Banden . Leb wohl , leb wohl , o Vater mein , Leb wohl in großen Ehren , Ich hab verloren das Mäuslein klein , Es kann nicht wiederkehren . Leb wohl , leb wohl , o Kerker mein , Das Mäuslein ist verloren , Das Schwert muß meine Feile sein , Da tät er sich durchbohren . Und stürzt hinab ins kühle Haus , Wo Liebchen liegt gefangen , O Liebchen breit die Arme aus , Ihn herzlich zu empfangen . Ach läg gefangen im kühlen Haus , Die mich so hart betrogen , Sie hätte , eh dies Lied noch aus Mich auch hinabgezogen . Grüße die Gundel und alles , wem es Spaß macht , dem lese mein Liedlein . Clemens An Bettine Marburg , am Mittwoch Den Montag bin ich von Münster wieder zurückgekehrt . Savigny ist mir dort begegnet und war freundlich ; daß ich keinen Brief von Dir hier gefunden habe , macht mich traurig oder läßt mich einsam in meiner Trauer . - Deinen Brief , worin die Reise auf den Trages beschrieben , hab ich ihn lesen lassen ; er hat aber keine Silbe gesprochen und die Zeitung nachher gleich weitergelesen . Überhaupt spricht er nie von Dir und hört ungern von Dir reden . Das ist vielleicht in seiner Art und muß Dich nicht verdrießen , Du hast die richtigste Ansicht von ihm , und wenn Du nichts mehr von ihm begehrst , werde ich nichts mehr an ihm vermissen , der keinen Menschen vermißt . Adieu , in höchstens vier Wochen bin ich bei Dir . Clemens Lieber Clemens ! Es ist wohl wahr , daß ich Dir lange nicht geschrieben habe ; denn mein letzter Brief , in dem ich wie ein ungebärdig Kind mich allem widerstemme , was Du mir vorhältst , der gilt nichts . Aber diesmal , noch ehe ich Deinen langen Brief eröffnet hatte , nahm ich mir vor , auf der Stelle zu antworten ; so hielt ich denn an mich , ließ mir erst eine Feder schneiden , mit der ich gleich recht kulant schreiben wollte ; und wie ich schreibefertig war , erbrach ich erst Deinen Brief , in dem ich las und noch einmal las und wieder las , daß Du in meinem letzten Brief Dich nicht zurechtgefunden hast und nicht mehr weißt , ob meine Briefe ruhig und zufrieden oder kalt und erschlafft sind ; ob ich Dich noch ebenso liebe wie sonst oder Dich ziemlich vergessen habe , da stockten meine Gedanken . - Ich habe zwar lange stillgeschwiegen gegen Dich , der Grund aber war kein andrer , als weil die Antwort mir nicht gleich einfallen wollte ; ich bin nicht geübt , mich zusammenzunehmen und zu suchen in meinem Herzen nach Antworten . Auf Vorwürfe , die Irrtum sind , auf Sorgen , die mich nicht grämen , auf Fragen , von denen ich nichts weiß . Da denk ich und will noch einmal denken , weil ich ja suchen muß nach Antwort , und weil es ja nicht ist wie in Offenbach , wo ein frischer Wind durch die Pappeln rauschte , alle Blätter zum Flüstern und Plaudern brachte , auch meine Gedanken auf die Flügel nahm und zu Dir hinflog ! - Sieh , das ist schuld , daß ich weniger schrieb ; der Offenbacher Luftzug , ach , der erhielt mich so frisch ! - Ach , die Straßen waren mein , die so sauber morgens in der Frühsonne dalagen , und die roten dunkelroten Granithäuser mit Spiegelfenstern und grünen Gittern . Ach , jetzt erst vermiss ' ich alles ! Wenn die liebe Domstraße noch in gemächlichen Morgenträumen sich dehnte und ich mit den reinlichen Täubchen allein drin auf und ab spazierte ; sie waren mich so gewohnt , sie flogen nicht auf , wenn ich kam ! - Und dann waren noch mehr kleine Hauptpläsiere und Schelmstreiche , die auf den ganzen Tag mich glücklich machten . Das war zum Beispiel , wenn ich ging auf Raub nach Rötel für meine Zeichnungen . In dem roten Granit , von dem dort die Häuser gebaut sind , steckt solcher Rötel von verschiedenen Nüancen bis zum stärksten Scharlachrot ! Den hab ich in der frühsten Frühe , wo kein Mensch merkte , daß ich die Häuser demolierte , mir beim Herrn Nachbar herausgebohrt und habe dann meiner Flora einen Kranz von Rosen aufgesetzt mit diesem gestohlnen Gut ! - Vier Knaben in Rotstift mit Perücken in schwarzer Kreide spielen mit einem Bock in weißer venetianischer Kreide auf hellblauem Papier . - Die Gassenbuben , denen ich sie manchmal aus dem Fenster heraushielt , freute es unvergleichlich , und einer holte den andern herbei ; manchmal waren ihrer fünf bis sechs , die baten , ich soll ihnen den Bock zeigen , sie haben mich bewundert . - Hier hat Fräulein Leonhardi einen Homer gezeichnet ! - Er wird sehr geschätzt ; ich werd ' s nie dahinbringen , einen Kopf zu zeichnen , der so viel Lob verdient und so wenig Neid , da er grade aussieht wie ein alter Schulmeister , der die Auszehrung hat und deswegen sehr ärgerlich gestimmt ist . Die Gassenbuben würden vor ihm ausreißen , aber nicht ihn bewundern wie meinen Bock ! - Ach , die schmutzigen Straßen hier ! Wenn in Offenbach ein Platzregen kam , sahen da die Pflastersteine aus wie frisch gewaschne Gesichter , - hier muß man ein paar Tage durch die Pfützen patschen ! - Aber was schadet das , wenn die Sonne , die dort sie schnell auftrocknete , nur hier Gelegenheit fänd , irgend zu einem zu schleichen ; solang ich hier bin , hat sie noch nicht einmal mir das Fenster auf die Dielen gemalt ! - Um solche Dinge muß ich Sehnsucht haben , als müsse ich aus der Haut fahren . - Ich gehe in die Karmeliterkirche , setze mich da in die Bank , wo das Kirchenfenster mit seinem Weinlaub sich auf den Boden malt ; der Schatten des Laubes spielt mir auf dem Kleid , der Wind weht das Blatt herunter , so fällt Schatten mir vom Schoß , das amüsiert mich so träumerisch . - Die Zeit , die ich dort verliere - nicht wahr , ich könnte sie nützlicher anwenden ? Alles ist hölzern , was ich hier Ernsthaftes beginne ! Ich hab nur Interesse an Dummheiten . - Ein innerer Drang , heraus aus der Frankfurter Eierschale , die ich durchpicken möchte - in die Kirche gehe ich ins Hochamt gern . Der Franz sagt : » Du bist ja recht fromm , Mädchen ! « - Was zieht mich in die Kirche ? - Der Weihrauch , es ist doch ein bißchen ein stolzer Geruch ! - In den Straßen riecht es nach Schacher ; Sonntags sind die Läden geschlossen ! Was steckt denn hinter diesen eisernen Stäben und Gittern ? - Schacher , Geld ! - Was machen die Leute mit dem Geld ? - Ach ! Sie geben Diners , sie putzen sich und fahren mit zwei Bedienten hinten auf . - Gestern erzählt der Dominikus , daß in Wien immer ein Bedienter von Heu ausgestopft ist , das riechen des Fiakers hungrige Pferde ; sie schieben dicht an den Staatswagen heran , der Fiaker schlummert , jeder Gaul packt ein Bein der Galahosen und rupft das Heu heraus . Die Schenkel werden dünner , bis nur die Hälfte des Heumannes noch am Wagen hängt ; der Herr steigt ein , der andere Diener springt hinten auf neben den Halbmann , dessen Eingeweide der Wind plündert . - Aller Reichtum ist ein ausgestopfter Kerl , mit dem man Parade macht , und die Lungerer sind die Hungerpferde , es ist ihnen einerlei , ob der seine Eingeweide verliert , an dem sie sich sattfressen . - Du merkst , Clemens , daß ich wieder mit allerlei der Beantwortung Deines Briefes ausweiche ! - Mich hat zwar dies lange Stillschweigen nicht irre gemacht , ich glaub noch fest , daß ich Dir am nächsten bin . Dein Käfig voll Turteltauben , die Du am Rhein Dir eingefangen hast , die Dir im Kopf girren und gurren und ( Bemerkung der Günderode ) dazu noch andere herbeilockst . Deiner Bruderliebe zapfst Du ein Schöppchen Moral für mich ab . Ich lasse es stehen ; denn ich kann keinen Appetit mir dazu anschaffen , aber ich nehme es für genossen an . - Und da muß ich Dir doch wohl beweisen , wie ich das Kleinod Deiner Liebe heilig halte über alle Moral hinaus . Und sage Du nicht , aber Du vergißt mich gewiß einmal ganz ! Dich vergesse ich nie , aber ich vergesse manches über Dich . - Deiner Sorgen , die mich ermüden würden , wollt ich nicht augenblicklich sie vergessen ; Deiner Moral vergess ' ich , die meiner Liebe Eintrag tun würde . - Das alltägliche Leben ist hier sehr zudringlich , wo nicè bella nicè ingrata mich verfolgt durch die ganze Wüste , in welchem die Gemeinde der Gesellschaft sich versammelt ; da war ' s in Offenbach doch anders , wo ich jeden Tag im Erbrausen der Symphonien mich konnte verlieren . Die Abendstunden waren lieblich bei der Großmama , wo wir über alten Büchern studierten , dort sind mir oft über Nacht die tiefsten Gedanken eingefallen . Ich hab die höchsten Rollen durchgespielt , mich tief ins Leben hineingedacht , nicht bloß so obenhin , und hab mehr in denen gewaltet und geschaffen in meinem innern Sinn als in allem Äußern . Ich dachte oft : auf was freust Du Dich denn so sehr ? - Es war , den Traum der Einbildung von voriger Nacht fortzusetzen , wenn ich schlafen gehen werde . Meine großen Menschheitsprojekte führte ich da auf die Höhe des Weltmeeres . - In der Dunkelheit der Nacht so allein , da wird das Tiefste , was man will , recht deutlich ! - Wenn man durchführte , was man in der Nacht bei Mondschein halbschlummernd sich ausdenkt ! - Was würde dann noch als Traum können verworfen werden ? - Ich tue meine großen Taten alle im Traum , das Morgenrot scheint mir oft noch hinein , so nah drängt sich ihm das Tagsleben , und ich springe auf meine Füße ganz voll Willenskraft , aber wo soll ich doch das Leben anfassen ? - Für einen zu sorgen oder zwei , die mir grade in den Weg kommen , deucht Euch allen Extravaganz ! - Ihr verbietet mir mit einem armen Judenmädchen Umgang zu haben ; und ich will Umgang haben mit allem , was zugleich mit mir auf dieser Welt lebt . Oder sind dies etwa keine gerechten Ansprüche : daß ich bin und der Hilfe bedarf , die Du geben kannst . - Aber Sittlichkeit und Anstand , das sind zwei dumme Wächter , die dem menschlichen Sein und Willen den Weg verwehren . Fordere nun nicht mehr , ich soll Dir treu bleiben ; ich bleibe Dir in allem treu , was meine Natur nicht verleugnet , aber Deine närrische Angst , ich soll nie , nie mit einem Menschen vertraulich werden , den ich nicht achte , während ich mit allen Menschen vertraulich bin und gar keinen Unterschied zu machen weiß , als der sich von selbst macht ! - Manchmal bist Du doch gar zu blind über mich . - Ich kann die Menschen gar nicht voneinander unterscheiden und soll doch mich nur an die halten , die ich achte ! - Ich könnte zu dieser Achtung sehr leicht die unrechten herausgreifen , was soll ich sie erst lange hin und her wenden , zu dem bißchen Umgang , das doch nichts mehr gilt als eine Prise , welche die schnupfenden Leute sich bieten . Die Günderode und ich gehören einstweilen zusammen , bei ihr ist der Ablagerungsplatz unserer Bemerkungen und Witzeleien ; das macht sich von selber . - Ich bitte Dich um Gottes willen , gebe doch auch Deine Stoßseufzer auf um einen lieben Mann , den Du mir herbeiwünschest , und an den Du nur denkst , wenn Du präokkupiert bist von einer andern Liebe als der brüderlichen , wo dann , wie natürlich , keine Zeit zu dieser bleibt . Es ist Vorsorge , geliebter Clemens , aber glaube , daß ich keiner Stütze im Leben bedarf , und daß ich nicht das Opfer werden mag von solchen närrischen Vorurteilen . Ich weiß , was ich bedarf ! - Ich bedarf , daß ich meine Freiheit behalte . Zu was ? - Dazu , daß ich das ausrichte und vollende , was eine innere Stimme mir aufgibt zu tun . - Die Liebe , mein Clemente , die werde ich einfangen wie den Duft einer Blume , alles wird dem Geist zuströmen , der nicht mehr sorgen wird , wie er sich soll zu verstehen geben ; denn im Allerinnersten ist es Tag bei mir , dagegen mir die Welt sehr dunkel vorkommt , in der ihr glaubt , Licht zu haben , und dies Licht ist aber nur das , welches die Philister scheinen lassen ; ein garstiges schmutziges Talglicht zum Nutzen und Besten der Bärenhäuter , zu deren Nutzen immer das ganze Leben berechnet ist . - So gehöre ich denn in einen andern Kreis der Allgemeinheit , wo sich fassen möchten : Kinder , Helden , Greise , Frühlingsgestalten , Liebende , Geister . - Warum wähl ich mir diesen ? Weil die mich fragen nach dem Irdischen , sie gehören zu mir ! - Da glänzen die Wolken schon im Abendrot . - Späte Rosen glühen schon in der Halbdämmerung ! Nacht gibt doch Kraft zur Unsterblichkeit . Bettine Einen Gruß von Gundel . An Bettine Ich habe einmal eine Geschichte gelesen von zwei Liebenden , die mutterselig allein in einem Walde saßen , aus dem sie nicht mehr herauskonnten . Diese Leute wandten alle Mittel auf , um der Langenweile zu entgehen , sie setzten sich einander gegenüber auf Bäume und pfiffen und schimpften und machten sich Vorwürfe , hatten Ängste usw. ; sollten in unsern letzten Briefen sich nicht einige Ähnlichkeiten mit diesen Verliebten finden lassen ? - Ich zweifle kaum daran , und es hat also vermutlich nichts auf sich . - Zu meiner letzten ängstlichen Ermahnung an Dich hat mir eine gewisse Undeutlichkeit eines Briefes über Dich Anlaß gegeben , die aber nur eine Undeutlichkeit ist . Laß Dir daher meine Besorgtheit als einen Beweis meiner Liebe und nicht als einen Argwohn oder Beschuldigung gelten . Daß ich seit einer Zeit nicht mehr im Ton früherer Tage schreibe , fühl ich selbst deutlich , aber ich bereue es nicht . Alles Wesen hat auf Erden seinen Frühling , Sommer usw. ; wir spielen ganz natürlich mit den Kindern und werden ernster mit den Erwachsneren , denn wir fühlen , daß sie selbst zu leben beginnen , und wir haben nun kein Recht mehr , sie zu zerstreuen . Wenn einer ein Erzieher wäre , so tät er dies absichtlich , ist er ein bloßer Liebender , so tut er es , ohne davon zu wissen , und so ist es bei mir der Fall ; unser Verhältnis ist nun ernster zueinander und weniger auf die bunte Phantasie gegründet , weil unser Verhältnis zum Leben ernster ist . Man wird zur leicht verführt , die andern Menschen zu vergessen , sobald man sich einem einzigen mit Bequemlichkeit ergeben kann , und man nennt es nur zu leicht ein liebendes Gemüt haben , wenn man ein einseitiges Gemüt hat ; und wir sollen uns ja durchaus bilden und alle unsere Flächen der Seele mit der Welt in unschuldige , wohltätige Berührung bringen . Je einzelner und ausgezeichneter aber der einzelne Mensch ist , dem wir uns allein hingeben , je mehr beschränken wir uns , je mehr bestehlen wir die andern Menschen um das Wohltätige , was unsere Liebe für sie haben könnte , und wenn wir es beim Lichte betrachten , sind die Menschen nicht so verschieden , als sie aussehen . Wir dürfen nur das Wesentliche vom Zufälligen in ihnen trennen und nur jenes lieben , so wird unsre Selbstliebe zur natürlichen schönen Liebe für die ganze Gattung ; und richten wir dann über uns einzelnen , wie wir über die ganze Gattung so gern richten , so gehen wir der schönsten Bildung entgegen ; wir erheben uns zu Repräsentanten der reinen Menschheit , wir werden , was wir für das Höchste , Schönste in der Produktion des Universums erkennen , wir werden Bilder der reinen Menschheit , Ebenbilder Gottes . - Je begehrender , je wünschevoller aber unser Herz ist , je größere Pflicht liegt uns ob , uns zu bilden , je rührender uns die Liebe anderer zu empfinden und anzuschauen ist , je mehr müssen wir das in uns für sie ausbilden , was uns mit ihnen verbinden kann ; denn der ist kein guter Mann , der gerne wohltut und nichts zu erwerben sucht . Wir beide lieben einander herzlich um unserer selbst willen , das hat die Natur durch die Ähnlichkeit unserer Gemüter so wohltätig in uns vorbereitet , - es bliebe also bloß uns noch übrig , uns einander zu lieben , um aller andern halben ! - Das ist schwerer , denn hier setzen wir allgemein anzuerkennende Vortrefflichkeit in uns voraus ; - laß uns bescheiden sein , und wir müssen eingestehen , daß wir sehr weit von der Vortrefflichkeit entfernt sind , und hier trennen sich unsere Wege , nicht unsere Herzen ; denn wir müssen uns auf einige Zeit aus dem Gesichte verlieren , da Du ein Weib bist und ich ein Mann , und ein vortreffliches Weib etwas ganz anderes ist als ein braver Mann . - Doch lasse das alles ungeschrieben sein , es gefällt mir nicht , glaube mir , Deinem Herzen und Deiner Liebe . Damit Du mein Vertrauen und meine Liebe erkennst , damit Du die Menschen begreifst , die um Dich sind , damit Du etwas freudig fühlst , was auch mich innig erfreut hat , so sende ich Dir einen Brief , der mir über Dich geschrieben ward , und der für Dich und mich den Beweis enthält , daß ein vortreffliches geistvolles Wesen den innigsten Anteil an uns nimmt , Dich und mich liebt , - so schicke ich Dir die beiden Briefe , wovon der erste meine Warnung an Dich veranlaßte . - Auf diesen ersten Brief antwortete ich und beschwerte mich über die Undeutlichkeit seines Inhalts in Hinsicht Deiner und erhielt hierauf die heutige schöne Antwort , die ganz Dein Herz und Geist einnehmen muß . Ich bitte Dich aber , davon , daß ich Dir die Briefe mitteile , Dir nichts merken zu lassen , da diese Leute Dir nicht vertrauen , wie ich es tue . - Nochmals bitte ich Dich herzlich , ja sogar ernstlich , um Vermeidung aller männlichen Gesellschaft , außer in Gegenwart von Franz und Toni . Auch bitte ich um Fleiß , lieb Kind ; sei wahr und treu , ich liebe Dich unendlich . Clemens Beiliegenden Brief besorge an Minchen . Ich finde den ersten der beiden Briefe nicht gleich ; ich schicke also nur den zweiten , aber schweige und schicke ihn zurück . Clemens ! Sehr viel Ärger wird Dir alles machen , was ich eben im Begriff bin , Dir zu schreiben . Ich spür schon , daß ich sehr alles das sein werde , was Du im ganzen ein ungezognes oder ungebärdiges Ding nennen kannst , wenn Du willst ; - erstens , da der zweite mir gesendete Brief , den Du wunderschön edel nennst , nichts als Lüge über mich und von mir ist , so behalte nur Deinen ersten ganz und gar für Dich , - denn es ist mir gar nichts daran gelegen , dergleichen durchzustudieren ! - Und ich wollte doch lieber etwas anderes tun , als dergleichen Geschwätz nur zu berücksichtigen an Deiner Stelle , ob dies oder jenes ist oder war . Ich sage Dir feierlichst , warte