das hatte er , der mich nur mit den Augen der Sinne ansah , nicht glauben wollen . Er kannte von der Liebe nichts , als was die Sinnlichkeit ihm zuflüsterte , die mich empört , wenn ihr nicht die Seele ihren himmelblauen Mantel umgeschlagen - und so lebten wir , mit einander schauerlich verbunden , in einander schauerlich getrennt . O , ich habe viel gelitten ! ich fühlte wohl das Drückende , das Pflichtlose unsers Verhältnisses . Wenn Obernau nicht da war , stellte ich mir seine guten Eigenschaften vor , und schob alle seine Fehler auf Rechnung der vernachlässigten Erziehung . Dann hing ich meine früheren Plane zu seiner Bildung und Erhebung daran , und nichts schien mir leichter , als mit einiger Kraft und einigem guten Willen ihn in eine andere Sphäre zu versetzen . Aber dann kam er , und sein erstes Wort : » Komm her , Ini , küsse mich « - war ganz hinreichend , um mir die grausige Ueberzeugung wieder aufzudrängen , welche nur momentan unterdrückt war , daß kein Mittel in meiner Macht stehe , um günstig auf ihn einzuwirken , weil ich ihn ja leider ! leider ! nicht liebte . Bisweilen kam er in tiefer Nacht heim , der Himmel mag wissen , aus was für Gesellschaft ! Hatte der Wein seinen Kopf montirt , so überstieg seine Brutalität alle Vorstellung . Doch mitunter hatte er gespielt , und wie sich von selbst versteht , bedeutende Summen verloren - dann war er verdrießlich , müde und niedergeschlagen , dann verwünschte er seine Freunde , das wüste Leben mit ihnen , seine eigene Schwäche ; - und dann war ich ihm wieder gut , so wie früher als Braut , und drang in ihn , den Abschied zu nehmen , mit mir zu reisen . Er ging ganz auf diesen Vorschlag ein : das dienstliche Verhältniß drückte ihn ; die Kameradschaft langweilte ihn ; er wollte mit mir reisen , sich aufhalten , wo es mir gefiele ; ich sollte in Paris , in Rom malen , so viel ich Lust hätte - ich schlief ein mit der festen Zuversicht auf eine , wenigstens äußerliche Aenderung meines Schicksals , wo ich im Genuß der Reiseabwechselung und der Kunstausübung Zerstreuung und Freude finden würde . Aber ach ! wenn Obernau nicht mehr müde und abgespannt war , so kamen ihm meine Vorschläge » romantisch « vor - ein Lieblingswort , daß er fast gegen jede meiner Aeußerungen anwendete - ihm gefiel nichts besser , als in Bamberg zwischen seinen Kameraden und guten Freunden fortzuleben , und ich mußte manchen plumpen Spott über meine Liebe zur Natur und Kunst anhören . Aeußerlich ertrug ich das mit kalter Verachtung ; aber es grämte mich , daß Obernau nicht die geringste Theilnahme für mich empfand , und es erbitterte mich , das er dennoch es wagen konnte , von seiner Liebe zu mir zu sprechen und Erwiderung zu fordern , als sei sie sein Recht . Und ließen gar meine Schwägerinnen sich einfallen , denselben Ton anzustimmen , so wies ich sie herbe zurück , und sie rächten sich dafür , indem sie gegen ihren Bruder über meine Schroffheit wimmerten , und ihn endlos beklagten , an eine seelenlose Puppe sein schönes Herz zu verschwenden . » Wie lange ich diese Existenz ertragen , welchen Act der Verzweiflung ich am Ende begangen haben würde - das weiß ich nicht mehr ! wogende Nebelmassen liegen auf jenem Ehestandsjahr , und gern wende ich meinen Blick von ihnen ab , der lichten Erscheinung zu , welche meinem Schicksal eine versöhnende Wendung gab . Ich lernte Andlau kennen , und ich liebte ihn . Gott ! ich Arme , ich Bedürftige , ich Hartverletzte - mit welcher unaussprechlichen Wonne , mit welcher lautlosen Ueberraschung sah ich aus dem alltäglichen , langweiligen Schwarm eine Gestalt auftauchen , bei der es mir wohl ward , bei der ich mich in meinem innersten Wesen geschützt und frei fühlte ! Ein armes , kleines Fischlein , das im Eismeer geschwommen und gefroren , und sich an Eisschollen blutig gestoßen hat , und nun plötzlich in die lauen , sonnigen Wellen der Südsee versetzt wird , muß diese friedliche Seligkeit genießen . Es fiel mir gar nicht ein , daß meine Pflicht gegen Obernau im Geringsten verletzt werden könne durch dies Gefühl , für das ich keinen Namen wußte und wissen mochte . Ich nannte es nicht Liebe , denn bei dem Wort fiel mir meines Mannes Liebe ein , und ich mochte mein Gefühl nicht einmal durch den Gleichklang des Namens entadeln lassen . Aber ich liebte ihn ! meine Seele blühte auf vor seinem Lächeln , meine Träume wurden wach vor seinem Blick , die Welt schlug für mich das Auge auf , wenn ich in das seine schaute - in dies ernste , denkende Auge , das forschend , prüfend , wägend auf den Gegenständen ruhte , und ihnen Werth und Bedeutung zu geben schien , je nachdem es nach der Prüfung mehr oder minder befriedigt war ; und das bei mir allein die Forschung vergaß , um in heller Freude zu glänzen . Und wohl mir , daß er es vergaß ! unentwickelt , kindisch , dumpf und befangen , wie ich damals war , hätte ich nimmermehr vor der Analyse des Verstandes bestehen können ; aber er liebte mich und vergaß daher mich zu analysiren . Ich war ihm wie ein Meteor zwischen dem regelrechten Planetensystem der Gesellschaft . Unter andern Verhältnissen würd ' ich mich vielleicht in derselben acclimatisirt haben ; jetzt , aus Scheu ihr zu gleichen , blieb ich in meiner primitiven Natur , aufrichtig , stolz , sauvage , unabhängig , leidenschaftlich - eine Charactermischung , die man wol als eine Reaction des allgemeinen Gesellschafts-Characters betrachten darf , die aber nicht eben bestimmt sein mag , um einer Frau eine glückliche Zukunft in der Welt zu sichern . Ein gewöhnlicher Mann würde dies sehr bald zu seinem Vortheil benutzt haben : Andlau wurde dadurch gerührt . Er wollte meinem exotischen Wesen etwas von seiner phantastischen Glut nehmen , damit es besonnen in der kühlen Atmosphäre der Welt gedeihen könne - aber daran scheiterte seine Kraft , denn das tiefe Feuer , welches bis jetzt in meiner Brust geschlummert , weil kein Lufthauch es angefacht , brach nun mächtig hervor und verzehrte seinen Willen . Die Liebe brannte wie zwei Altarflammen in unsern Herzen . - - Was sagte die Welt dazu ? O die Welt ! tausend gemeine Verhältnisse duldete sie , und abertausend noch gemeinere begünstigt sie ! aber wo eine starke Leidenschaft auftaucht , da schreit sie Zeter ! die keusche , sittsame Welt . Herzen , die im Schlamm ersticken , sucht sie fein säuberlich abzuwaschen ; Herzen , die in Glut verlodern , streut sie in alle vier Winde . Ich nahm keine Rücksicht darauf . Mein Leben hatte einen andern Polarstern , als das Urtheil der Menge , und ich sagte höchst unbefangen , wie glücklich ich mich fühle , endlich einen Mann gefunden zu haben , den ich achten könne , weil Pferde und Hunde , Wein und Karten ihm nicht als die höchsten Güter und wichtigsten Interessen des Lebens erschienen . Obernau spottete sehr oft über meine romantische Liebe zu Andlau , aber er suchte nicht sie zu stören , vielleicht weil er meiner überdrüssig war , vielleicht weil er mich nicht fähig hielt , eine mächtige Liebe zu erwiedern ; wenigstens meinte er ganz ehrlich , ich müsse von Marmor und Erz sein , indem ich bei der seinigen ungerührt geblieben . » In meinem jungen brausenden Kopf hatten schon Flucht und jede mögliche gewaltsame Trennung gegohren , da eine Scheidung bei uns Katholiken mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat . Es gab Augenblicke , wo ich mir die Zuflucht eines Klosters wünschte , um nur dem Druck meiner unseligen Ehe zu entfliehen ; denn die Liebe geht ihren Entwickelungsgang , und da mußte es mir bald unerträglich werden , daß mein Äußeres und mein inneres Wesen schauerlich zerspalten war durch mein Verhältniß zu diesen beiden Männern . Was Eins war - getrennt ! was ewig Zwei blieb - verbunden ! Das ist ein Rechenexempel , bei dessen Lösung das Gehirn wirbeln kann ! - Nur frei sein ; danach schmachtete ich , wie nach Wasser in der Wüste . Nur frei sein ; das war das Angstgebet , welches ich zum Himmel emporschrie . Und Gott hörte mich . Wie ein Gefangener durch Erdbeben - so gewaltsam , so schauerlich wurde ich frei . » Andlau war eines Tags bei mir , und eben so traurig und niedergeschlagen als ich , mochten wir nicht sprechen und auch nicht unsrer Melancholie uns hingeben . Wir setzten uns an das Piano und spielten . Die Musik machte mich weich , Thränen entstürzten meinen Augen und als er mich zärtlich umschlang , lehnte ich die Stirn an seine Wange und weinte zum Sterben ! Da trat plötzlich Obernau mit seiner Schwester Crescenzie ein und rief mit knirschender Wuth : » Du hast Recht , Schwester ! « Dann stürzte er in sein Zimmer , holte zwei geladene Pistolen , welche stets im Schranke hingen , und begehrte , Andlau solle sich auf der Stelle mit ihm schießen . Dieser verweigerte es kalt . Obernau wurde immer rasender ; Andlau blieb ruhig , beschwor ihn mich zu schonen , kein Aufsehen zu machen , indessen ich wie eine Statue wort- , gedanken- , besinnungslos dastand , und nicht eher meine Fähigkeiten wiederfand , als bis ein Schuß fiel und Andlau zu meinen Füßen hinsank . Nun wußte ich , was ich zu thun hatte ! ich ließ anspannen , ihn in seine Wohnung schaffen , Aerzte rufen , ich begleitete ihn . Keinen Augenblick verlor ich in Unentschlossenheit , Verzweiflung , Zaghaftigkeit . Keinen Augenblick wich ich von seiner Seite . Obernau , die ganze Welt , waren nicht mehr für mich da . Ich gehörte dem an , der für mich litt , unschuldig und qualvoll litt . Ich weiß nichts aus jener Zeit , als daß ich ein Paar Wochen Tag und Nacht vor seinem Schmerzenslager saß und um sein Leben flehte . Obernau begehrte , ich solle zu ihm kommen , bald bittend , bald drohend ; seine Verwandten forderten dasselbe . Ich hatte nur eine Antwort : » Nie kehre ich in das Haus eines Mannes zurück , der sich und mich im Angesicht der ganzen Welt erniedrigt hat . « Unerschütterlich blieb ich dabei . Obernau wollte sich nicht scheiden lassen , sei es aus Haß oder aus Rache . Mir einerlei ! ich ging mit Andlau nach Nizza , seine verwundete Brust brauchte mildere Luft . Zwei Jahr lang kämpften meine Liebe , Sorgfalt und Pflege ihn dem Tode ab . Zwei Jahr lang war ich in steter zitternder Angst um ihn . Doch mitten in dieser Angst war ich glückselig - bei ihm , für ihn lebend , nichts von der Welt wissend , wünschend , verlangend . Meine Tante war kurz vor der Katastrophe gestorben , und hatte mir , der Frau eines reichen Mannes , nur das Pflichttheil , meiner Schwester das ganze Vermögen hinterlassen . Von meinem kleinen Erbe lebte ich damals wie ich jetzt lebe , einfach , schlicht , unabhängig , aber damals unsäglich froh durch den mir so neuen Genuß der Freiheit . Meine Liebe war nicht erkauft , ward nicht bezahlt ! ich fühlte mich weder gekränkt , noch erniedrigt , noch gedemüthigt ! in meiner Freiheit fühlte ich mich auf derselben Stufe stehend mit dem Mann , den ich so unaussprechlich verehrte , während ich mich durch meine Abhängigkeit tief unter dem Mann gefühlt hatte , den ich nicht achtete . Als Andlau endlich genesen , machten wir eine Reise durch Italien . Wie ging mir das Leben auf im Doppellicht der Liebe und der Kunst ! wie entwickelten sich meine Fähigkeiten ! welcher Strom von vielseitigem Glück umrauschte mich , und wie froh , wie sicher , wie bewußt meines Glücks und meines Rechts daran stand ich im Nachen , und ließ ihn durch Andlau lenken ! » Da starb Obernau , und ich war frei mit meiner Hand zu schalten . Aber ein unermeßlicher Widerwille gegen die Ehe hatte sich zu fest in meine Brust genistet , als daß ich eine zweite hätte schließen mögen . Die zwei Jahre meiner Verheirathung hatten mich übersättigt mit bittern Empfindungen : der Gemahl war mir peinigend gewesen , seine Familie feindlich , die Welt gleißnerisch , ich mir selbst verächtlich ; keinen Schutz hatte ich gefunden gegen die bitterste Demüthigung , keine Stütze für meine rathlose Unerfahrenheit , keinen Trost für meine innere Zerfallenheit ; zweifelnd an Gott , an den Menschen , an mir selbst , stand ich in grausiger Einsamkeit da , unbegnügt , unbefriedigt , tantalisch nach Hesperidenfrüchten schmachtend und , wenn mir eine in die Hand fiel , wenn meine Lippen sie berührten , augenblicklich den Sodomsapfel in ihnen erkennend . Bei Andlau - wie anders ! stets war ich gehoben , nie herabgezogen ; stets fühlte ich ein Vorwärtsschreiten , eine Entwickelung , keinen Stillstand , kein Zurückgehen , kein Versinken . Ich war glücklich , und fühlte mich durch dies Glück befähigt und stark gemacht , in dieser eigenthümlichen Weise es festzuhalten . Dies Glück und diese Weise ließen mich in meiner vollen Selbständigkeit und doch zugleich in der Sphäre des Weibes , welches seine Ausbildung und Befriedigung allein in der Liebe findet . Es war eine unendliche Gewißheit in mir , welche keines endlichen Symbols bedurfte , und eine endliche Fessel verschmähte . Vielleicht jedem andern Mann gegenüber würde diese Zuversicht eine ungeheure Thorheit sein : bei Andlau ist sie nur eine richtige Würdigung seines Charakters . Aber mir selbst gegenüber ist es die größte Thorheit gewesen , denn die unendliche Gewißheit wankt , und der Platz , der wie ein Fels unter meinen Füßen war , ist Triebsand geworden . « » Darum , Faustine , mußt Du ihn verlassen , « sagte Mario ernst und ruhig , stand auf und nahm ihre Hand ; » da , wo Du bisher gestanden , ist es nicht mehr sicher für Dich . Stütze Dich getrost auf meinen Arm , ich hebe Dich über alle Schwankungen hinweg . Ich danke Dir , daß Du mir Dein Schicksal enthüllt hast , und doppelt danke ich Dir , weil ich darin nichts sehe , was uns trennt . « Faustine blickte ihn sprachlos an und fuhr mit der Hand über die Augen , wie um sich zu überzeugen , daß sie wache . » Nichts ! denn Du liebst mich , und Andlau - liebst Du nicht mehr ; denn wenn Du ihn noch liebtest , so wäre Dein Auge nie anders , als mit dem gleichgültig freundlichen Blick auf mich gefallen , den Du für alle Welt hast - « » Ja , siehst Du - das ist unmöglich ! « rief sie . » Nun , Faustine , ich liebe Dich : Du weißt es , ich habe es Dir gesagt und Du mußt es auch ohne Worte wissen ; aber da ich es Dir gesagt habe , so will ich auch nicht von Dir lassen , denn Dich bindet nichts an einen Andern , sobald Dein Herz Dich nicht bindet , und Dich aufgeben , zurücktreten , von Nothwendigkeit der Selbstopferung reden - das thut nur eine matte Liebe , die sich nicht stark genug fühlt , für die Geliebte eine alte Welt aus ihrer Axe zu heben und eine neue hineinzulegen . Wer zu einer Frau spricht : ich liebe Dich ! - und nach diesem Wort nicht bereit ist , mit ihr eines Weges zu gehen , und sollte der in die Hölle führen - freudig bereit ist , weil er die Zuversicht hat , die Hölle in Himmel verwandeln zu können durch Liebe - der ist feig , Faustine , und der Feigling ist keiner Liebe fähig . Ich bin nicht feig ! ich habe den Muth , Dich mit Allem zu versöhnen , mit Vergangenheit und Zukunft , und mit jedem Verhältniß , das Dich bisher verwundet oder abgestoßen hat . Du wirst mein Weib , Faustine ! « » O dann bin ich aber von erbärmlicher Untreue ! « sagte sie dumpf . » Und was wärest Du , wenn Du zwischen zwei Männern stehen bliebest , beide verzaubertest , jedem halb , keinem ganz gehörtest ? und was wärst Du , wenn Du mit einem gespaltenen Herzen zu demjenigen Dich zurückwendetest , den Du geliebt hast , und zu ihm sprächest : ich liebe einen Andern , aber Dir will ich treu sein ? - Du liebst das Schöne , Gute und Hohe , wo Du es findest , Faustine : das macht Dich liebenswürdig ; und Du bist zu sehr von der Gegenwart beherrscht , um Dich dauernd an eine Persönlichkeit zu fesseln , sobald Dir diese nicht ganz überwältigend entgegentritt : das macht Dich schwach . Ich will diese Schwäche nicht vertheidigen , weil Du mir Sophisterei vorwerfen , oder mich beschuldigen könntest , ich spräche für meinen eigenen Vortheil ; aber glaube mir , wenn Du meine Schwester wärest , würd ' ich Dir nichts Anderes sagen als : Untreue ist ein zerrissenes , halbes , schwankendes Wesen , ist Widerspruch in der Seele ; mach ' den zunicht durch eine scharfe Entscheidung , durch einen unwiderruflichen Schritt , und Du hast Dich frei gemacht , Dich ins Gleichgewicht gestellt , hast das Störende fallen lassen und das Fördernde ergriffen ; wähle . Wähle , Faustine ! « rief Mario , und die ruhige Gelassenheit , mit der er bisher gesprochen , ging in die bewegteste Leidenschaftlichkeit über ; » wähle ! jetzt , gleich , auf der Stelle ! in einer halben Stunde verlasse ich dies Zimmer , und es hängt von Dir ab , ob ich es je wieder betreten werde , oder nicht . Denn so , wie es bisher zwischen uns gewesen , kann es jetzt , nachdem das Liebeswort gesprochen ward , nicht mehr bleiben - « » O warum nicht ? « unterbrach Faustine ; » Sie sind stark , Mengen , Sie können Alles ! « » Alles Menschliche , Faustine , nichts Uebermenschliches ! ich liebe Dich ! die Liebe will Eins sein mit dem geliebten Gegenstand . In Deiner Nähe bleiben , unter dem Zauber Deiner Holdseligkeit , und diesen Wunsch nicht mit jedem Athemzug , wie die Luft die mich umgiebt , begierig einzusaugen - dazu reicht meine Stärke nicht hin . Hast Du aber die Ueberzeugung , daß Deine Verbindung mit Andlau Dir und ihm noch die frühere Befriedigung gewähren könne , so scheide ich jetzt auf immer von Dir ; das kann ich allerdings . Doch meine Liebe zu Dir endet darum nicht ! so lange mein Herz schlägt , schlägt es für Dich ! so lange meine Augen offen stehen , wachen sie über Dich ! so lange ein Blutstropfen in meinen Adern fließt , gehört er Dir ! so lange ich auf dem Wege fortgehe , den ich seit meiner Kindheit gewählt , durch meine Jugend fortgeführt habe , und mit dem ich als Mann gleichsam verschmolzen bin - folge ich Dir ! Du gehörst zu meiner innersten Wesenheit , Faustine , denn durch Dich ist mir das Verständniß der Liebe geworden . Und Du solltest mich nicht genug lieben , um nicht ganz mir gehören zu wollen ? o das werd ' ich nimmer glauben . Und wenn Du Nein sprichst mit Worten und Nein durch die That - dennoch werd ' ich Dir nicht glauben ! « » Da hast Du Recht , Mario ! « rief sie . » Jetzt hast Du entschieden , Faustine : Du willst mir gehören . O Engel , habe Dank ! Du liebst mich ! « - Marios Stimme zitterte und sein Auge war feucht , als er so sprach ; von seinen Zügen war jede Spur des Selbstbewußtseins weggeschmolzen , welches ihm sonst etwas so Kühles , so Verpanzertes gab , daß man leicht glauben durfte , sein Herz bleibe unangefochten hinter der eisernen Brustwehr . Faustine sah ihn an ; Freude und Wehmuth , Wonne und Schmerz wogten in ihrem Busen ; sie erkannte , daß sein Glück in ihrer Hand lag : der Augenblick beherrschte sie , die Gegenwart siegte ; sie vergaß die Vergangenheit und dachte nicht an die Zukunft . Sie sagte nichts , aber sie nahm seine Hände , faltete sie und legte sie um ihren Hals , wie ein Joch . Dann fragte sie : » Hast Du verstanden , Mario ? « Aber Mario antwortete nicht , und Faustine sah sich zum ersten Mal dem Ausbruch einer Leidenschaft gegenüber , neben welcher die eigne Glut ihr blaß und kalt erschien . » Kann Dich denn wirklich die Liebe beseligen ? « fragte sie . » Die Deine kann es , Faustine ! « entgegnete Mario , » und jetzt begehr ' ich den Beweis dieser Liebe . « Sie schlug die erstaunten Augen groß zu ihm auf , als er sie bei der Hand nahm und aus dem Salon nach ihrem Zimmer führte . Da , vor ihrem Schreibtisch , ließ er sie los und sagte bittend : » Jetzt schreibe , Faustine . « » O Gott , « ächzte sie und sank in den Lehnstuhl , » ich kann nicht ! « » So muß ich es thun ! « sagte Mario gelassen . » Bist Du wahnsinnig ? « rief sie außer sich ; » nein ! keine andre Hand , als die meine , soll ihm den Dolch ins Herz stoßen ; denn das thue ich , das weiß ich ! « » Ja , « sagte Mario , » ihm oder mir . « Faustinens Zähne schlugen krampfhaft zusammen und ihre Hände waren eiskalt . Mario fuhr fort : » Die halbe Stunde ist sogleich verronnen , Faustine ! schreibe ! Du mußt Dich entschließen . Nach dem Entschluß hört die Qual auf . Das Unwiderrufliche überströmt die Schwankungen so beruhigend , wie Oel die tobenden Wellen . Ich will ja nicht Deinen Willen beherrschen ; ich will ja nur , daß Du ihn aussprechen sollst . Schreibe , Faustine . « Sie war ganz von ihm beherrscht . Seine Bestimmtheit , die sich um seine Leidenschaft legte , wie ein Schild vor eine nackte Brust , beschämte sie , die Schwankende . » Ja , « sagte sie , » Du bist zuversichtlich , weil Du ganz göttlich-zuverlässig bist . Aber ich - darf ich mich auf mich selbst verlassen ? « » So verlasse Dich auf mich , Faustine , und schreibe ! Sieh , Du kannst ja nichts Anderes thun . Gesetzt , Du stießest mir den Dolch ins Herz - was wolltest Du hinterher beginnen ? gegen Andlau schweigen ? das ist Dir unmöglich ! überdies würd ' er errathen , daß Du nicht die Alte bist , und fragt er , wie willst Du leugnen , lügen können ! - Oder Du sagst ihm , was Dir begegnet ist : glaubst Du , daß er im Stande sein wird , es zu verschmerzen ? Wenn ' s eine Laune von Deiner Seite gewesen wäre - wenn Du in einem müßigen Augenblick Gefallen an mir gefunden und Dich neckend und lieblich mit mir amüsirt hättest - ja , darüber könnte er lächeln und sich trösten . Kann er das jetzt , Faustine ? « » Nimmermehr , « sagte sie , und nahm entschlossen die Feder . Sie schrieb : » Anastas , Dein letztes Wort beim Abschied ist Wahrheit worden : ich habe Dich vergessen . Nein ! nicht Dich , aber mich . Ich meine , ich hab ' vergessen , daß ich nur in Dir leben konnte oder wollte . Wir dürfen uns nie wiedersehen , Anastas . Mit dieser Entscheidung ruinire ich Dein Leben ! darum wag ' ich auch nicht , Dich um Vergebung zu bitten . Du wirst am Besten wissen , wie Du zu denken hast an Faustine . « Ihre Schrift war unkenntlich , keine Spur der sonst so sichern , leichten Hand . Mario couvertirte das Blatt . Dann sagte er : » Nun die Adresse , Faustine . « » Jetzt mach ' ich ein Todesurtheil fertig « - murmelte sie , und adressirte nach Nürnberg ; denn so hatte Andlau es in seinem letzten Brief bestimmt . Mario siegelte den Brief mit Faustinens Siegel und steckte ihn zu sich , indem er sagte : » Morgen früh werd ' ich , bei der Post vorbeifahrend , ihn selbst abgeben . « Dies Alles hatte er gelassen und leidenschaftlos gesagt und gethan . In seinen Augen war eine andre Handlungsweise unmöglich für Faustine ; sie hatte ihren Willen erkannt und ausgesprochen , sie mußte ihn thun . Nun aber überstürzte ihn die Fülle des seligsten Bewußtseins wie eine Jubel-Symphonie . Er sank vor Faustine nieder , umschlang sie mit beiden Armen und wiederholte immer , als ob er sich mit dem Wort vertraut machen müsse : » Du liebst mich , Faustine ! o , Du liebst mich . « » Das muß wol wahr sein , « sagte sie finster , und ließ die Hände sinken , mit denen sie bisher das Antlitz bedeckt hielt . Kaum sah sie aber in Marios Augen , so entzündete sich auch in den ihren ein helles Freudenlicht , sie war wieder die glühende , funkelnde Schönheit , wieder das liebedürstige Weib . Sie nahm seinen Kopf in ihre Hände und fragte mit jenem Uebermuth , den die Liebe so graziös auszusprechen weiß : » Du bist aber wol nicht glücklich , Mario ? « » Nicht ganz , Faustine ! « » O , Sie sind nicht glücklich ? « sagte sie traurig , und ihre Hände sanken wie gelähmt herab ; » dann hab ' ich gewiß unrecht gethan . « Mario stand auf und sah sich im Zimmer um , indem er sagte : » Als ich Dich in jener Ballnacht heimführte und den tollen Clemens hier fand - als ich dort auf der Schwelle stehen blieb und nicht dies Gemach betreten durfte - ja , damals ahnte ich kaum , welch Glück mir heute beschieden werden sollte ! Aber ganz glücklich kann ich erst dann sein , wenn Du ganz mir angehörst , und darum flehe ich Dich an , Faustine , reise morgen mit mir zu meinen Eltern und laß den Vermählungstag meiner Schwester auch den unsern sein . « » Ach , ich soll Dich heirathen ? « rief sie ängstlich . » Wie dann nicht ? « fragte er stolz . » Meinst Du , ich würd ' es mir gefallen lassen , daß die Frau , der ich mein Leben weihe , meinen Namen zu tragen verschmähte ? meinst Du , ich könnte mich zufrieden geben in einem schiefen , aller Mißdeutung fähigen Verhältniß , wenn dieses durch nichts motivirt wird , als durch die Laune der Frau ? - Wie soll ich sie schützen , wenn sie nicht öffentlich freiwillig unter meinen Schutz getreten ist ? wie sie ehren , wenn sie mir nicht die Auszeichnung schenkt , die mich dazu befähigt , indem sie mich von der Menge trennt ? - Tausende können Dir huldigen , Einzelne können Dich lieben , Dein Gatte kann Dich schützen und ehren - er allein so , wie es Dir gebührt . « Vor einer Stunde ungefähr hatte Faustine ihren vollen Widerwillen gegen die Ehe ausgesprochen ; allein Mario dominirte sie dermaßen und rüttelte mit so kräftiger Hand an ihren bisherigen Ueberzeugungen , indem er seine entgegengesetzten leidenschaftlos aussprach , daß sie sich unfähig zum Widerstand fühlte . Sie sagte nur : » Und er soll dein Herr sein - steht in der Bibel . Wohlan , Mario , ich werde Dich heirathen . « Er hob sie auf und an sein Herz . » Komm ! « rief er . Sie nahm ihre letzte Kraft zusammen und sagte : » Nein ! geh zu Deinen Eltern , sie wissen ja nichts von mir , nichts von uns , Mario ! erzähl ' ihnen doch erst , daß wir uns lieben ! frag ' sie doch erst , ob ich ihnen willkommen bin ! In acht oder vierzehn Tagen bringst Du mir einen Gruß von ihnen - der wird mir Muth und Zuversicht geben . Jetzt geh , Mario ! « » Aber in diesen acht oder vierzehn Tagen wirst Du gewaltige Erschütterungen und wilde Aufregungen zu bestehen haben - fürcht ' ich - « » Du meinst , ich könnte wol auch von Dir abfallen ? « fragte sie mit trübem Lächeln . » Nein ! aber in Gram Dich versenken - « » Ich werde denken , daß Du glücklich bist , « unterbrach sie ihn , » und dann muß der Gram weichen ; denn in meiner Seele ist nichts so stark , als der Gedanke an Dich . « Sie war aufs Aeußerste erschöpft und kaum im Stande , sich aufrecht zu halten ; ihre Wangen brannten und ihre Hände waren eisig . Mario sah es , doch konnte er sich schwer zum Abschied entschließen . Er rief : » Was kann nicht Alles geschehen in vierzehn Tagen ! ich lasse die Hochzeit fahren und bleibe hier ! « Aber Faustine beharrte darauf , daß er ihr von den Eltern ein Liebeszeichen bringe . Als der Morgen graute , ging Mario . Faustine sank in einen eisernen Schlaf . Er hatte die Pferde mit Sonnenaufgang bestellt ; aber längst war