Getränk eingeschenkt worden , das sich für berauschenden Wein ausgeben will . Und dann diese ersonnenen Liebschaften , oft ernst in Heuchelei , oft nur in galanten und feinen Anspielungen und Wendungen ; andre , an Damen gerichtete Begeisterung , die gar nicht leben - wo kann in diesem albernen Gesang der Mode sich Erhebung für Religion und Vaterland , wo der Haß des Tyrannen und schändlicher Willkür , wo die Lobpreisung des wahrhaft Edlen , wo die echte ewige Leidenschaft großer Liebe vernehmen lassen ? Durch dieses stets wiederholte Stammeln und Lallen wird dem echten Gesang die stark tönende Zunge ausgerissen und es kommt dahin , daß auch der Bessere die Affektation affektiert . Ja , diese mächtige Harfe durch welche der Adler Dante mit seinen großen Schwingen rauscht - wie hallt da Vaterland , Tugend , Himmel und Natur im einklingenden Echo jeden tiefsinnigen Ton zurück , und die Poesie ist die Gattin des prophetischen wahrsagenden Genius ! « Wenn zwei edle Gemüter sich auf die Weise näher gekommen sind , wie das Schicksal Vittoria und Bracciano zueinandergeführt hatte , so empfängt jedes Wort , jeder Ausspruch in dieser Aufregung hoher Leidenschaft den Charakter der Weihe : der Liebende nimmt die Rede als Orakel auf , und grübelt und deutet auch aus dem nur Hingeworfenen einen tiefen Sinn . In dieser Entzündung der Herzen wird den beiden alles Poesie und Wahrheit . So sah der Herzog und die junge schöne Frau in allem , was sie lasen oder hörten , in der Begebenheit des Tages oder in alter Geschichte , immer nur Anspielungen auf sich und ihr beiderseitiges Verhältnis . - Wo habe ich denn bis jetzt gelebt , und wie ! pflegte der Herzog in einsamen Stunden wohl zu sich selber zu sagen , daß ich den Menschen und seinen Wert , daß ich die Hoheit des Weibes noch niemals gesehn und verstanden ? Mußte ich zum Manne heranreifen , um in so späten Jahren erst mich selbst im innersten Geheimnis meines Herzens zu finden ? - Und ich sollte nicht das erringen , was Himmel und Natur für mich erschaffen haben ? Mit diesen Gesinnungen begab sich der Herzog wieder einmal , und ohne Gefolge , wie er gewöhnlich zu tun pflegte , nach dem Hause der Peretti . Als er eintrat , bemerkte er , daß alle Mitglieder der Familie das Haus verlassen , und Vittoria sich allein im Gartensaal befinde . Er überraschte sie , indem sie eben jene Gedichte fortsetzte , an denen sie gern in einsamen Stunden arbeitete und schrieb , sie war so vertieft und abwesend , daß sie ihn erst gewahr ward , als er , über ihre Schulter gebeugt , das Blatt schon gelesen hatte . Sie verwunderte sich , war aber nicht erschrocken , noch weniger stellte sie sich so , als sie sich plötzlich allein mit dem Geliebten sah . Er freute sich dieser ruhigen Fassung und sie antwortete : » Wäre ich jetzt empfindlich , oder erzürnt , so möchtet Ihr mein Freund , wohl gar glauben können , es sei ein ersonnenes vorsätzliches Spiel , daß Ihr mich einsam bei diesen Dichtungen treffen , und sie auf diese Weise kennenlernen solltet . Aber dem ist nicht so . Ihr erinnert Euch gewiß , daß Ihr gestern bestimmt sagtet , es wäre Euch unmöglich , uns heut zu sehn , meine Mutter und Peretti sind beim Kardinal , ihm zu danken , denn unser Prozeß ist endlich , und zwar zu unsern Gunsten entschieden , so hatten denn die Diener den Befehl , alles abzuweisen , und nur Euer Name ward nicht genannt , weil ich die Hoffnung Eures Besuchs aufgegeben hatte . « » Und so wird mir einmal das ungehoffte Glück , Euch so ganz allein zu treffen « , erwiderte Bracciano : » - und so laßt mich jetzt alle diese Blätter , diese lieblichen Bekenntnisse lesen . - O Vittoria ! « rief er nachher aus : » was bist du für ein Wesen , für ein Wunder ! « - Er umarmte sie und sie entzog sich seinen Küssen nicht . - » Wie ist dir ? « fragte er dann , als er sah , wie sehr sie zitterte . » Wie ? « antwortete sie mit bewegter Stimme , » so selig , wie ich nicht mir einbilden konnte , daß eine solche Wonne für uns Menschen geschaffen sei . Zu glücklich bin ich so in deiner Gegenwart . Eine solche Seligkeit , sagten die alten Griechen , gönnen uns die Götter nicht , sie werden uns bald durch Unglück trennen . O Giordano ! wir fordern das Schicksal heraus durch unsern Obermut , ein solcher ist Sterblichen nicht erlaubt , und die Götter werden uns strafen . Und bist du denn glücklich ? « » Mehr als Worte es fassen und aussagen können « , antwortete der Herzog begeistert . » Wie groß bist du und edel , daß du ohne Wort und Rede meine Liebe gefühlt und verstanden hast . So laß uns vielmehr den Göttern auf die wahre Art dankbar sein , anstatt sie zu fürchten : ist doch der ganze Olymp zu uns herniedergestiegen , unser Gefühl , unser Mut hat uns ihre Gunst gewonnen , zagen wir dann nicht , an ihrem Gastmahl teilzunehmen . « » Und wie liebst du , Liebster ? « fragte sie . » Daß ich dir ganz unbedingt gehöre , du ganz mir « , sprach der Trunkene : » daß unter uns kein Zweifel waltet , keine ängstliche Furcht uns die kleinste Wahrheit oder größte Wonne unterschlagen darf , daß du mir keine Faser deines Herzens verdeckst , daß du jeder Frage mit Liebe und Wahrheit Antwort gibst . « » Ja , Freund « , sagte Vittoria , » das ist mein Wunsch selbst ; aber , wenn die Lüge unter uns verbannt sein soll , so bleibt es doch immer schwer , die wahre , eigentliche Wahrheit zu finden . In der Lüge und Heuchelei spricht der böse Geist ; aber in der Leidenschaft nicht immer der der Wahrheit . « » Und du könntest zögern « , sagte Bracciano , » da du mich liebst , ganz mein zu sein , ohne Rückhalt und Vorbehalt ? Du selber hättest diesen nächsten natürlichsten Wunsch nicht , wenn du mich liebst ? du könntest kalt und überweise es ansehn , wenn ich mich in Sehnsucht verzehre ? O du Angebetete , laß uns das Elend des Lebens ja nicht durch willkürliche Satzungen und Eigensinn , die sich Tugend nennen wollen , erhöhen . « » Du wirst mich verstehn , Geliebtester « , antwortete Vittoria . » Mein Herz , meine Seele , alles mein Wünschen ist dein ; wie kann es anders , wenn mein Eigensinn es auch selber wollte . Die unbedingte Hingebung ist in der Liebe alles , das habe ich erst erfahren , seit ich dich kenne . Inbrünstiger Wunsch , Wonne und Paradies ist mir mit dir jene Vereinigung , die ich sonst mit Grauen betrachtete - aber , ist denn nicht auch in der Liebe , auch ohne diese Vollendung , das höchste Glück ? Jeder Blick von dir ist meinem Herzen ein Gruß aus dem Himmel , jedes Wort eine Offenbarung , und jeder Druck der Hand eine selige Gemeinschaft der Geister . Wäre ich frei , Teuerster , ich käme deinem Wunsch entgegen , ja ich könnte mit mitleidigem Lächeln auf die Welt herniedersehn , wenn sie mich deine Buhlerin nennen wurde ; aber ich habe meiner Mutter , dem Kardinal und diesem Peretti mein heiliges Wort , mein feierliches Versprechen gegeben , niemals zu freveln , niemals diese Untreue und Schwachheit mir zuschulden kommen zu lassen . So wie die Sachen in der Welt stehn , muß ich dem guten , edlen Montalto mein Versprechen halten , ich darf ihn und meine Mutter nicht auf diese Weise kränken . Du glaubst nicht , von welcher Schmach uns Montalto durch seinen Edelmut , durch diese traurige Vermählung erlöst hat . Wäre ich frei und ungebunden , so wär ich dein . - Sieh , ich habe dir jetzt mit meiner Liebe auch die Wahrheit gegeben . « Bracciano schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und ging unzufrieden im Saale auf und ab . » Ich Unglücklicher ! « rief er aus , » daß ich dich nicht früher habe kennen lernen ! du meine Gattin - welch Glück dem meinigen zu vergleichen ! O du Himmlische , was ist dir gegenüber die verächtliche Bianca Capello , die täuschende und heuchelnde Lügnerin , und doch ist sie jetzt die rechtmäßige Gemahlin des Fürsten ! So sehr ist dieser so schwache Francesco doch von der Gewalt der Liebe bezwungen worden . « » Und du könntest nicht glücklich sein « , fragte Vittoria furchtsam , » ohne diese Befriedigung ? « » Ja « , rief Bracciano , » glücklich und selig , mehr als einer , den ich kenne , und doch elend zugleich . Ja wohl ist die Zeit der mächtigste Gönner und Feind : damals , als du noch kein Wort gegeben , als du mir als freie , edle Jungfrau entgegentreten konntest , o warum lernt ich dich damals nicht kennen ? - Und nun ? - So flicht sich unser Schicksal zusammen , um uns zu erdrosseln , und die Leidenschaft wirft sich wütend und doch ohnmächtig in die Notwehr , und erliegt endlich im Kampf , oder siegt scheinbar durch Verzweiflung . Und dann - o dann ist das Leben nicht mehr jenes klare , reine Blatt , das der Jüngling in seinem Lebensbuche aufschlägt , um eine jugendliche Hymne begeistert hineinzuschreiben . « Er versank in ein tiefsinniges Hinbrüten , stand lange , das Haupt niedergesunken und blickte dann nach dem Garten und dem Abendhimmel : » Ha , Isabella ! « rief er plötzlich , » - du drohst , du mahnst - ja , du hast dich jetzt an mir gerächt , und mich gedemütigt . « Vittoria schrak zusammen , weil sie ihn zu verstehn glaubte . Ihr war , als wenn plötzlich eine tiefe schwarze Nacht in ihre Seele falle . Wo war in diesem Augenblick die Gegenwart und das Gefühl der Liebe , von dem sie noch eben begeistert war ? So kann zuweilen in uns die letzte Spur des Lebens verschwinden , und ein Grauen befällt uns , daß das , was uns als reiches mannigfaltiges Paradies erschien , nun , da die süße Täuschung verschwunden ist , als unübersehbare dürre Steppe vor uns liegt , ein Nichts dürrer Verzweiflung . Er stand jetzt vor ihr , und beide sahen sich mit einem Blicke an , der sich nicht beschreiben läßt . Auch selbst nach diesem Blicke konnten sie die Rede noch nicht wiederfinden . So fühlten ihre Seelen jenen sonderbaren Druck , der uns beängstigt , auch wenn Lüge , Unwahrheit , Heuchelei uns fern stehn : der furchtbare Tod schwingt dann seine Flügel durch unser ohnmächtiges Wesen und ermattetes Dasein . » Ich kenne deine Gedanken « , sagte er endlich , nachdem er wieder durch den Saal gegangen war , und sich dann niedergesetzt hatte , » aber sie war meiner ganz unwürdig , und selbst ihre Brüder haben kein Wort der Klage ausgesprochen . Und du standest hell und klar in jenem finstern Momente vor mir ; und auch ohne Vorwurf . « » Auch jenen Abend « , sagte sie jetzt , » an welchem der Schwatzende hier war , hat uns das Verhängnis gesendet . Das ist die große Frage des Lebens , wie sehr man sich den Schickungen widersetzen darf , wie man sie bezwingen kann . Daß du mir vorher Entsetzen erregtest , gehört auch als ein dunkles Bild in das Gedicht meiner Liebe und meines Lebens . « » Ach ! Vittoria « , klagte jetzt Bracciano , und Tränen stürzten aus seinen Augen , » in manchen Momenten glaube ich , daß ich deiner nicht würdig bin , dann fühle ich dich so viel größer und herrlicher . Ja , zu deinen Füßen muß ich liegen , im Staube vor dir und deine Füße küssen , als dein Huldiger oder demütiger Sklave , dem deine Hoheit , deine Gnade erst die Freiheit schenken kann . « Er warf sich nieder und barg schluchzend sein Haupt in ihren Schoß . So überließ er sich einige Momente dem seligen Genuß jener wehmütigen Hingebung , jener Auflösung aller Kräfte und Gedanken , wo wir uns selbst enfliehen und uns verlieren , und nur noch in den Pulsen der süßesten Rührung unser Leben fühlen . Sie legte weich und zart die rechte Hand in die Locken seines Haars , und er fühlte sich jetzt , wie erwachend durch und durch beglückt , weil ihm war , als segnete ihn der höchste Engel des Himmels und spräche ihn von allen seinen Sünden frei . Unangemeldet , wie er als nächster Verwandter , sich dieser Freiheit bedienen durfte , war der Bruder Vittorias , der Bischof Ottavio hereingetreten . Er warf einen boshaften prüfendes Blick auf die Gruppe und fragte die Schwester , die sein Eintreten auch nicht bemerkt hatte : » Vittoria ! ist Seiner Exzellenz nicht wohl ? « Vittoria sah , ohne zu erschrecken auf , und ruhig erhob sich der Herzog , blickte , noch Tränen in den Augen , den Bruder mit festem Gleichmut an und sagte : » Sehr wohl , Herr Bischof , war mir , so freudig bewegt , wie selten im Leben : Eure Schwester hatte mir eben einige ihrer neuesten Gedichte hergesagt , und diese sind so schön , daß ich ihr nur auf den Knieen meinen Dank sagen konnte . Ihr seht , ich schäme mich dieser schönen Rührung nicht , daß auch die Stärke des Mannes von dem Zauber der Poesie zerschmelzen kann . « » Immer eine seltene Erscheinung « , erwiderte mit fragendem Lauschen der Bruder ; » möchte mir die Schwester die schönen Ottaven oder Sonette nicht ebenfalls mitteilen , damit ich die Erfahrung machen könne , ob mein Gemüt vielleicht weniger nachgiebig wäre ? « » Du würdest diese Verse doch nicht begreifen « , sagte Vittoria kalt , stand auf und verschloß die Blätter in ihrem Schrank . » Ich bin freilich « , sagte der Bischof , » in der Poesie nicht so eingeweiht , wie hochbegabte Kenner , indessen sollte doch wohl , was so gewaltige Rührung hervorbringen kann , auch dem Laien verständlich sein . « » Nicht immer « , sagte Bracciano , indem er seinen Hut nahm und sich zum Abschied rüstete : » es gibt Stimmungen , in welchen die Kunst der Musen leichter Eingang in unsere Herzen findet , als in andern kältern Augenblicken . « » So muß es wohl sein « , erwiderte Ottavio , » und Eure Exzellenz ist natürlich seit dem Tode Ihrer schönen Gemahlin , mehr als früher , zu solchen Tränen und Rührungen aufgelegt . « » Signor « , sagte der Herzog und trat ganz nahe an ihn heran , indem er ihm mit scharfem Blicke , halb zürnend , halb verachtend in sein Auge sah : » ich wußte nicht , daß wir so vertraut miteinander wären , daß Ihr etwas von meinen Seelenzuständen wissen könntet . Ich pflege mein Vertrauen und meine Freundschaft nicht so eilig auszubieten . « Mit diesen Worten entfernte er sich in stolzer Haltung . Ottavio setzte sich jetzt der Schwester nahe gegenüber , und sagte mit spöttischer Feierlichkeit : » Ich habe da wohl eine Szene unterbrochen , die vielleicht das Vorspiel zu einer andern war , die noch weniger einen Zeugen vertrug . Also schon jetzt , so früh schon , du schwachherzige Schwester , fängst du an , die Ehre unseres Hauses zu vergessen ? « Ohne zu erröten , mit Eiseskälte sah ihn starr und fest die Schwester mit den großen Augen an . » Wie tief ich dich verachte , kann ich nicht aussprechen . « Nur diese wenigen Worte sagte sie . Ottavio , der den Blick des stolzen Herzogs mit entgegnender Dreistigkeit ertragen hatte , schlug jetzt , mit den Augenlidern zitternd , den Blick zu Boden und eine Schamröte übergoß sein Antlitz , » So kalt kannst du mir das sagen ? « Nur diese wenigen Worte konnte er stotternd hervorbringen . » Daß ich dem Bruder es sagen « , sprach sie , » und es so sagen muß , demjenigen , der mein Schutz sein sollte , der mit mir unter demselben mütterlichen Herzen gelegen hat , das , glaube mir , spaltet mir , zwar nicht erst jetzt das Herz , nein , denn ich bin endlich ruhig geworden . Aber welche Todeskämpfe es mir gekostet hat , welches Ringen in der gequälten Seele , das kann ich dir Kaltherzigen nicht in Worten ausdrücken . Und wozu ? dein Busen ist allem Edlen entgegen gepanzert : mich wirst du mit deiner Heuchelei niemals täuschen . Gehe nur hin , und erzähle ihm alles , was du glaubst gesehn zu haben : was kümmert es mich ? Ihr alle , Gute wie Schlimme , habt mich so hingestellt , daß ich nur mir selbst verantwortlich bin . Ihr sollt mein Schicksal nicht aufhalten und mein Wesen nicht beschränken , ihr , schlimmer , als die Pharisäer ! « » Ich verstehe dich nicht « , sagte Ottavio verlegen , der sich aber gern sammeln wollte ; » wem wiedersagen ? Was meinst du damit ? « » Man möchte lachen « , erwiderte sie , » wenn der Narr nur selber lustiger dabei aussähe : nun , dem weltberühmten Niemand , der ja alles Böse , Schlechte und Verächtliche in der Welt ausrichtet , der arme Sündenbock , auf den alle Laster und Bosheiten immer gewälzt werden : diesem Niemand kannst du es sagen , oder auch seinem Erbfeinde , dem Jemand : denn freilich ist der Niemand auch wieder der Tugendsame , Gottesfürchtige , Wohltätige , der ohne Laster und Leidenschaft ist , und wenn Niemand so ausbündig und tadellos ist , so muß irgendein Jemand doch wohl dies und das verbrochen haben . - O ihr armen Armseligen ! hat Gott denn wirklich für euch die Sprache erfunden und sie euch mitgeteilt ? « Mit dieser Rede ließ sie ihn stehn , um sich in ihren Zimmern zu verschließen . Ottavio , der Hohnlächeln und verachtenden Spott in ihren Mienen gesehn hatte , war erfreut , als die Mutter mit ihrer Gesellschaft in das Haus trat . Vittoria ließ sich , als unpaß , durch den Diener entschuldigen . - Drittes Kapitel Die Mutter , Donna Julia , hatte sich schon seit lange in alle die Einrichtungen gefunden , welche Vittoria in ihrem Haushalt für notwendig hielt . Es befremdete sie eigentlich nicht , wenn sie sah , wie die beiden Ehegatten auf keine Weise in dem Verhältnis lebten , wie es Sitte , Gesetz und Religion verlangen . Sie waren stets getrennt , und sahen sich nur , wie zufällig , wenn Besuchende im Saale versammelt waren . Sie benutzten die Gewohnheit , welche schon damals eine mißverstandene Schicklichkeit und Courtoisie in Italien einführte , daß Mann und Frau sich nicht beisammen in fremden Häusern zeigen , und so erblickte man Vittoria allenthalben nur in Gesellschaft des Herzogs Bracciano , dem alle übrige erklärte Verehrer der schönen Frau hatten weichen müssen . Vittoria behandelte immerdar mit einer stillen , nicht auffallenden Geringschätzung , an welche er sich nun schon gewöhnt hatte , ihren Gemahl ; eine Vernachlässigung , die ihn jetzt nicht mehr demütigte , da er so auffallend von vielen Großen , vorzüglich vom Kardinal Farnese beschützt wurde . Die Mutter Julia war bekümmert , daß sie so ganz das Vertrauen der Tochter , sie wußte selbst nicht wie , verloren hatte , und die bange Ahnung eines vielleicht bald einbrechenden Unglücks bedrückte ihr Gemüt , so daß sie nach und nach alle Heiterkeit verlor . Es machte sie auch das Gefühl unglücklich , daß ihr Sohn , der Bischof , ihr und dem Kardinal Montalto fast mit offenbarer Feindlichkeit entgegentrat , und sich offen als Anhänger der Farnesischen Partei erklärte : von ihrem Sohne Marcello brachte sie nichts in Erfahrung , als nur betrübende Gerüchte , so daß sie für diesen immerdar zittern mußte , und so war das Glück , auf welches sie gerechnet hatte , fast in nichts zerronnen . War der Herzog Bracciano auch glücklich , so kämpfte sein ungestümer Geist doch immerdar , mehr und alles zu erringen . Indem er seine Geliebte wegen ihres edlen Mutes verehren mußte , fühlte er doch , wie unwürdig ihr gegenüber ihr sogenannter Gemahl erschien , auch quälte ihn eine sonderbare Eifersucht , denn er wußte oder ahnete wohl , was Farnese gehofft , und früher der junge Orsini beschlossen hatte . Dieser vermied geflissentlich alle Gesellschaft , wo er die Accorombonis treffen konnte und lebte ganz seiner Braut , der schönen Savelli , mit welcher er sich auch nach einiger Zeit vermählte , zum Erstaunen vieler Römer , welche es nicht begreifen konnten , wie die edle , von allen verehrte Jungfrau sich mit dem Ausgelassensten der römischen Jugend verbinden könne . Es war ein Fest und ein Maskenball unter den jungen Leuten veranstaltet worden , an welchem auch Peretti teilnehmen sollte . Vittoria entzog sich seit einiger Zeit diesen rauschenden Vergnügungen , und so auch dieser Anstalt , und um so mehr , weil man beschlossen hatte , daß das Festino bis in den folgenden Tag hinein dauern sollte . Die Mutter war unwohl und ging früh zur Ruhe , alle Bekannte und Freunde , jeder Besuch war abgewiesen worden , und so hatte Vittoria Gelegenheit , sich wieder einmal ganz der Einsamkeit zu ergeben , die sie jetzt mehr als je gern aufsuchte , sooft es nur irgend möglich war . Denn dem beobachtenden Freunde entging es nicht , daß sie viel ernster war , als früher , daß jene jugendliche übermütige Laune , die sie ehedem so reizend machte , sie jetzt nur noch selten besuchte . Heut am Abend überließ sie sich gern den süßesten Träumen , weil es verabredet war , daß Bracciano sie sehn , und ungestört bis spät sich ihres Gesprächs und ihrer Gesellschaft erfreuen solle . Der Herzog kannte ihr Wesen und ihre Festigkeit so gut , daß er mit keinen neuen Hoffnungen zu ihr schlich , und sie durfte sich so vertrauen , daß kein Flehn oder liebliches Träumen ihre Entschlüsse in dieser nächtlichen Einsamkeit erschüttern würden . Ursula , die Vertraute , ließ auf ein gegebenes Zeichen den verkleideten Fürsten in den Saal . Vittoria erwartete ihn beim Scheine einiger Kerzen , sie hatte verschiedene ihrer Gedichte hervorgesucht , die sie ihm nach seinem Wunsche mitteilen wollte . Bracciano war sehr feierlich gestimmt und nahm traurig und nachdenkend Platz an ihrer Seite . Sie erlaubte ihm gern Kuß und Umarmung und beide ergingen sich dann in süßen Plaudereien , die nur Liebende zu schätzen wissen , in jenen Kleinigkeiten , die den übrigen Menschen nur unbedeutend erscheinen , und an denen sich die Berauschten entzücken . Endlich sagte Bracciano : » Und du willst dies Elend noch ferner so ruhig mit ansehen , in welchem wir beide verstrickt leben ? Es ist dir nicht möglich , einen großen , herzhaften Entschluß dir abzuringen , um uns eine neue Bahn zu brechen ? Können wir nicht nach Venedig gehn , selbst nach Toskana , oder Frankreich und Deutschland ? Alles , was ich besitze , lege ich zu deinen Füßen : meine Verbindungen , mein Rang sichern dir in jedem Lande eine ehrenvolle Aufnahme , wer weiß , was indessen hier mit dem schwachen , oft kränkelnden Peretti geschieht , und dann erkläre ich dich vor aller Welt für meine Gemahlin . Gilt es das Glück des ganzen Lebens , die höchste Wonne unseres Daseins , so muß man nicht zu zaghaft jeden hemmenden Umstand in Erwägung ziehn - was ist das Geschwätz der Menge ? das Lästern jener Moralisten , deren engherziges Gemüt niemals das Große begreifen kann ? Und können wir es uns denn nicht mit sicherer Überzeugung sagen , daß nicht gemeine Lust oder Leichtsinn uns unüberlegt in diese Bahn wirft ? Ist die Liebe das Edelste der Welt , so muß sie endlich auch , nach langer Entsagung , ihren Preis erringen . « » Liebster « , antwortete sie , » ich habe dir schon sonst über diesen Gegenstand offen und wahr meine Meinung gesagt , meinen festen , unerschütterlichen Entschluß . Ihr übrigen Menschen faßt es nicht , von welchem Elend uns damals der edle Montalto auf so edle Art errettete : diese scheinbare Ehe , es ist wahr , ist nichtig und ungültig , ich habe sie niemals anerkannt , und seit ich dich sah , völlig in meinem Gemüt , wie für die Wirklichkeit vernichtet . Auch wagt es Peretti nicht , mir darüber Vorwürfe zu machen , er weiß , wie ich ihn verachte , ja wie sehr ich Grund hätte , ihn zu hassen , wenn er mir nicht zu unbedeutend wäre . Aber ich kann meine großartige tugendhafte Mutter nicht so kränken , die schon ein stiller Gram verzehrt und ihr Leben untergräbt . Ihr und dem armen Peretti habe ich feierlich versprochen , diese , von der Welt so laut ausgerufene Ehre nicht zu verletzen . Und wie sollte ich den gerechten Vorwürfen , oder gar dem Blick des tugendhaften Montalto begegnen können ? - Mit dir entfliehn ? - Und diese Kardinäle , deine Familie , Florenz und die Fürsten Italiens - welch Geschrei , welche Anklage würden sie erregen , welche Verfolgung ! Und hauptsächlich gegen mich , denn in diesen Fällen ist das Weib immerdar das Opfer . Nun würdest du gekränkt und verletzt sein , dein hoher Rang und deine Würde verwundet , und es wäre nur das natürlichste , daß unsere Liebe , die wir jetzt , und mit Recht eine ewige nennen , getrübt und krank hinsänke . - O warum bist du , der du bist : mit allen diesen reichen großen Familien , diesen Kardinälen und Fürsten nah und näher verwandt , mit zwei schönen Kindern gesegnet , um deren Erbe man besorgt sein würde - warum bin ich , von den Umständen gedrängt , auch in diese hohe Verwandtschaft getreten , warum habe ich , so fest ich auch zu sein glaubte , meine Freiheit geopfert ? - Sieh , Geliebter , so hat sich unser Verhängnis durch und gegen unsern Willen geschmiedet , und unzerreißbare Ketten um uns gelegt . Keine Menschenkraft kann sie zerreißen . Und sind wir denn nicht glücklich ? Wahrhaft beseligt ? Wie arm , niedrig , und tief unter mir , erscheinen mir alle die übrigen Menschen , wie bejammernswürdig , daß sie nicht so lieben , wie wir . « » Nicht solche Worte ! « rief Bracciano , » du hast recht und doch auch wieder unrecht , und wenn du so oft diesen Satz verteidigst , der ganz der menschlichen Natur und der edelsten Kraft unsers Herzens widerstreitet , so gerate ich auf den Argwohn , daß du Sophistereien liebst , oder kalt bist und mich nicht wahrhaft liebst . « Sie drückte ihm weinend den herzlichsten Kuß auf die Lippen und sagte dann flehend : » Nicht so mich kränken . « - Die Träne , die in den goldenen Wimpern zitterte , küßte er ihr nun vom Auge , dann sprach er : » Wer dich so sieht , dies große Auge , diese Träne wie ein gefangenes Vögelchen in Goldstäben des Käfigs , diese aneinandergelegten Finger der flehenden schönen Hände , und dazu den Silberton , das süße Flöten dieser seelenvollen Stimme vernimmt , der muß , ist er nicht wahrer Skythe und Barbar , dir alles bewilligen . - Es sei . - Wie nun aber , Liebste , wenn du in einem Prozeß auf Scheidung drängest ? Du kannst ja gewiß gültige Gründe aufführen . « » O schweige , schweig ! « rief sie heftig aus , » wenn ich nicht in Schaudern vergehen soll . Ich bin dreist und mutig , wenn es gilt , verwegen ; aber allen dergleichen schändlichen Fragen , Zweifeln , Darlegungen müßte ich unterliegen : die Liebe darf vielleicht in der Feier ihrer Mysterien ( so denke ich es mir ) die Scham verleugnen - aber vor Rechtsgelehrten , kalten Männern , ihre Frechheit mit Frechheit überbieten - nein Liebster , eher würde ich mir auf offnem Markt den blank geschliffnen Dolch in die entblößte Brust stoßen . - Es ist aber auch nur dein Scherz , Geliebter , denn ich kenne dich viel zu gut , um es anders zu nehmen . - Und wäre ich die Unverschämte , die sich selbst zum eklen Schauspiel preisgeben möchte - was würde es fruchten ? Der Heilige Vater ist fromm , er und das Kollegium ständen der Familie Peretti bei , viele meiner und deiner Feinde würden alles gegen mich aufbieten - und nach Jahren würde dann wohl entschieden , daß ich zur Strafe meiner Gottlosigkeit in einem armseligen einsamen Kloster Buße tun müßte , um von einer bigotten Äbtissin und nichtswürdigen Nonnen gepeinigt zu werden . « Sie liebkosete ihm , scherzte , lachte und weinte , so daß er selbst in einen sonderbaren Humor geriet und ausrief : » Nun ? Wenn ich mich nun doch auf rohe Barbarei legte ? dich einmal plötzlich an einem schönen Morgen mit Gewalt entführte , in die weite Welt mit der Jammernden und Widerspenstigen hineinreisete , und hier Mama und Heiligem Vater , dem lieben Peretti und