diesen Musikfluten , von denen ich nicht weiß , ob sie Wert haben können für ein ander Ohr , das schadet nicht , sie reden mit mir und sagen mir volle Lebensakkorde , die ich erkenne als eins mich machend mit der Natur , das ist ' s , was mich hindert . Es ist mir , als wolle ich in Weissagungen pfuschen . - - Ja , es wird schwer gehen mit dem Lernen . Und doch ! - ich hab den Willen und tue das mögliche in dieser Einöde von Talentlosigkeit ; - und von dem Geist , der Leben in mir ist , da muß ich Abschied nehmen , wenn ich lernen will , da sag ich mir , es sei nur auf Zeiten , er werde wiederkehren der Geist , und dann fühl ich mich reif zum Abschied und sterb , wenn ich lernen will . Jetzt will ich Dir auch noch auf Deine letzte Frage antworten von der gemeinen Frau , das war kurz ehe ich von Frankfurt hier herauskam , da war ich allein von dem Bockenheimer Tor aus dem Garten , wo die Tonie wohnt , hereingegangen in die Stadt . Da begegnete mir eine Frau , der war das Band aufgegangen am Schuh , und sie konnte sich nicht bücken , denn sie ging mit einem Kinde und seufzte sehr unter ihrer Last , ich ließ sie ihren Fuß auf mein Knie stellen , um das Schuhband ihr zuzubinden , dann aber führte ich sie nach ihrer Wohnung , weil sie so sehr jammerte über Schmerzen , es war schon dämmerig , als wir in die Stadt kamen , da begegnete mir eben auch die Frau Euler , welche unser beider böser Dämon zu sein scheint , ich machte ihr eine tiefe Verbeugung zu meinem Pläsier , und schleppte die Frau weiter , die fing aber an , mir bang zu machen , denn sie seufzte so schwer und ward so blaß und der Schweiß trat ihr auf die Stirn , da kam der gute Doktor Neville , dem übergab ich die Frau , und als ich auf den Roßmarkt kam , da begegnete mir der Moritz , der sagte : » Ach , wie blaß sehen Sie aus , es fehlt Ihnen was . « » Ich habe so großen Hunger « , sagte ich - und es war auch wahr , die Angst mit der Frau hatte mir Hunger gemacht , der Moritz griff in die Tasche , die hatte er voll getrockneter Oliven , die esse ich gern , er leerte seine Tasche in meinen Handschuh aus , den ich ausgezogen hatte , um sie hineinzufüllen , da führt der Kuckuck die Lotte vorbei ; der Moritz ging , die Lotte kam an mich heran und fragte : » Wie kannst du nur auf offner Straße mit dem Moritz Hand in Hand stehen ? « Das ärgerte mich , ich ging ins Stift zu Dir herein , wo ich meine Oliven speiste und die Kerne alle in eine Reihe legte aufs Fensterbrett , Du standst neben mir und warst ganz still versunken in die Dämmerung , und endlich sagtest Du : » Warum bist Du heute so schweigsam ? « Ich sagte : » Ich esse meine Oliven , das beschäftigt mich , aber Du bist doch auch stille , warum bist Du still ? « - » Es gibt ein Verstummen der Seele , « sagtest Du , » wo alles tot ist in der Brust . « - » Ist es so in Dir ? « fragte ich - Du schwiegst eine Weile , dann sagtest Du : » Es ist grade so in mir wie da draußen im Garten , die Dämmerung liegt auf meiner Seele wie auf jenen Büschen , sie ist farblos , aber sie erkennt sich , - aber sie ist farblos , « sagtest Du noch einmal , und dies letzte Mal so klanglos auch , daß ich Dich im Nachtschimmer ansah , verwundert und verschüchtert , denn ich traute mich nicht mehr zu reden , ich sann auf Worte , wie ich mit Dir anheben sollt ; ich suchte in weiten Kreisen umher , nichts schien mir geeignet , diese Stille zu unterbrechen , die immer tiefer und tiefer sich wurzelte und mir wie einen Schlummer durch den Kopf strömte , dem ich nicht mehr widerstand - ich legte mich träumend auf die Fensterbank mit dem Kopf , und so , wer weiß , wieviel Zeit verging , da kam Licht ins Zimmer , und als ich aufsah , da standst Du über mir gebeugt und sahst auf mich , und als ich Dich fragend ansah , da gabst Du zur Antwort : - » Ja , ich fühle oft wie eine Lücke hier in der Brust , die kann ich nicht berühren , sie schmerzt ; « ich sagte : » Kann ich sie nicht ausfüllen , diese Lücke ? « - » Auch das würde schmerzen , « sagtest Du ; da reicht ich Dir die Hand und ging , und lang verfolgte mich Dein Blick , der so still war und so innerlich und doch nur wie über mir hinstreifte . O ich hatte Dich im Heimgehen so lieb , ich schlang meine Arme um Dich so fest in Gedanken , ich dacht , ich wollte Dich tragen auf meinen Armen ans End der Welt und dort Dich an einen schönen moosreichen Platz niedersetzen , da wollt ich Dir dienen und nichts Dich berühren lassen , was Dir wehtun könne ; ja , so war ' s in meinem kindischen Herzen , mit Gewalt wollt ich Dich fröhlich machen und dachte einen Augenblick , es solle mir gelingen , aber ich weiß wohl , daß mir so was nicht gelingen kann , und daß es nur Verwechslen ist von meinen Sinnen , die wie Kinder Fernes und Nahes nicht unterscheiden können , die auch meinen , sie können den Mond herablangen mit der Hand und können den Spielkamerad damit trösten , wenn er stumm und traurig ist . - Als ich nach Hause kam , da waren alle beim Tee versammelt , und ich war stumm , weil ich an Dich dachte , und setzte mich auf einen Schemel am Ofen , und da ging ich tief in mein Herz hinein , wie ich doch ein inneres Leben aus meinem Geist wecken wolle , das Dich ein bißchen berühre , da Du mir bisher alles allein gegeben hast , und ich hab nie die Stimme in meiner Brust können vor Dir laut werden lassen ; da dacht ich , wenn ich fern von Dir wär , da würd ich in Briefen wohl eher zu mir selber kommen , weil das vielfältige , ja das tausendfältige Getümmel in mir mich verstummen macht , daß ich nicht zu Wort komme vor mir selber . - Und ich erinnerte mich , daß , wie wir einmal von den Monologen des Schleiermacher sprachen , die mir nicht gefielen , so warst Du andrer Meinung und sagtest zu mir : » Und wenn er auch nur das einzige Wort gesagt hätte : der Mensch solle alles Innerliche ans Tageslicht fördern , was ihm im Geist innewohne , damit er sich selber kennenlerne , so wär Schleiermacher ewig göttlich und der erste größte Geist . « - Da dacht ich , wenn ich von Dir fern wär , da würd ich in Briefen wohl Dir die ganze Tiefe meiner Natur offenbaren können - Dir und mir ; und ganz in ihrer ungestörten Wahrheit , wie ich sie vielleicht noch nicht kenne , und wenn ich will , daß Du mich liebst , wie soll ich das anders anfangen als mit meinem innersten Selbst , - sonst hab ich gar nichts anders , - und von Stund an ging ich mir nach wie einem Geist , den ich Dir ins Netz locken wollt . Am Abend hatte mir der Franz noch ein paar freundliche , aber doch mahnende Worte darüber gesagt , daß ich mit dem Moritz auf der Straße gestanden hatte und geplaudert ; - die Lotte hatte es der Schwägerin gesagt ; - ich antwortete ihm nicht darauf , denn verteidigen schien mir nicht passend , wie denn das meiner Seele ohnedem nicht einverleibt ist , daß ich solche Irrtümer aufklären möchte , und am Ende schien mir der Moritz doch wert , daß man freundlich mit ihm Hand in Hand stehe , obschon er mir bei jener Vermahnung sehr schwarz gemacht wurde , er begegnete mir am andern Morgen auf dem Vorplatz , und ich sah mich um , ob niemand mich erspähen könne , und zog ihn in die Ecke , wo die Wendeltreppe hinaufführt zu meinem Zimmer , da küßte ich ihn auf seinen Mund , zwei-dreimal , und daß er meine Tränen auf seinem Gesicht fühlte , denn er wischte sie mit der Hand ab , und sagte , » Was ist das ? - was fehlt dir , Kind , was ist dir ? « Ich riß mich los und sprang hinauf auf die Altan hinter die Bohnen - und war sehr schnell oben , daß er ' s nicht sah , er glaubte mich in meinem Zimmer und kam herauf und klopfte an , und weil er keine Antwort bekam , so machte er leise auf und weilte einen Augenblick im Zimmer , als er herauskam , sah er nach der Altan , mir war recht bang , er würde mein weiß Kleid erblicken , denn das schimmerte durch das dünne Bohnenlaub . Ich weiß nicht , ob er mich sah und mein Verbergen achtete , aber ich glaub ' s , und das gefiel mir so wohl von ihm ; als ich ins Zimmer kam , fand ich auf meinem Tisch im Kabinett am Bett ein Fläschchen in zierlichem Brasilienholz mit Rosenöl ; - am Abend auf dem Ball bei seiner Mutter sprach er nichts zu mir - wie sonst - aber er kam in meine Nähe , und weil das Fläschchen so süß duftete hinter dem Strauß von Aschenkraut und Rosen , da lächelte er mich an , und ich lächelte mit , aber ich fühlte , daß gleich mir die Tränen kommen wollten , ich mußte mich abwenden , er merkte es und ging zurück und stellte sich unter die andern , er mußte auch tanzen mit den Prinzessinnen und hatte viel Geschäfte und mußte eine Weile mit dem König von Preußen sprechen , aber ich sah doch , daß er mich im Aug behielt den ganzen Abend , und selbst während er mit dem König sprach , sah er herüber , sehr ernsthaft immer , ich war heimlich vergnügt , aber doch hätt ich jeden Augenblick weinen mögen , als wir weggingen , flüsterte er mir ins Ohr : » Du gleichst der Sophie . « Was war das alles , was mir durch die Seele ging ? - ich weiß es nicht . Am andern Tag , wo ich nicht wie gewöhnlich zu Dir kam , da hatte Moritz am Morgen seinen Gärtner geschickt mit einem Wagen voll schöner seltner Blumen , die stellte er ohne mein Wissen hinter der Bohnenwand auf - und als ich sie sah , war ich erst gar erschrocken und verstand nicht , wie die Blumen daher gekommen waren , aber bald verstand ich , er müßte mich doch wohl gesehen haben hinter der Bohnenwand am vorigen Tag . - - Ach , ich war während dieser Stunden so wunderlich bewegt gewesen : von Dir , von Kränkungen , von Mitleid , daß er verleumdet war ; von seinem feinen Wesen zu mir , und dann , daß er mir gesagt hatte so leise : » Du gleichst der Sophie , « die ihm doch gestorben war , - daß ich nicht mehr wußte , was ich wollte . Am Nachmittag kam Christian Schlosser , vom Neville geschickt , der der Frau beigestanden hatte bei der Geburt von einem kleinen Mädchen , denn das war gleich in der Stunde auf die Welt gekommen , der ließ mich fragen , ob ich nicht wolle zur armen Frau kommen , die sei sehr krank und auch das Kindchen , und ich solle es aus der Tauf heben , der Christian Schlosser wolle mit Taufzeuge sein , ich ging mit , da war der Pfarrer , der taufte das Kind , und die Frau war sehr krank , wie der Pfarrer weg war , so nahm die Wartfrau das Kindchen auf den Arm und sagte : » Es wird gleich sterben , « da war mir so bang , ich hatte niemals jemand sterben sehen , und die kranke Frau im Bett weinte so sehr ums Kind , die Hebamme sagte , eben stirbt ' s ; und schüttelte es , da war ' s plötzlich tot . - Ach , wie ich nach Hause kam , war ich so traurig - der Franz sagte : » Du siehst seit einiger Zeit so blaß aus , deine Gesundheit scheint mir gar nicht fest , « und als am Abend wieder das Gespräch auf den Moritz kam , wobei er gar nicht geschont wurde , da schrieb ich an die Großmama , sie solle mich vom Franz zu sich begehren nach Offenbach . Das war allen recht und mir auch , so war ich ihrer Meinung nach dem Moritz aus dem Weg geschafft , und ich meiner Meinung nach brauchte doch nichts Böses von ihm zu hören , denn ich will nichts Böses von ihm hören , nein , nimmermehr will ich was Böses von ihm hören . Aber hier in Offenbach war ich gleich wieder ruhig , und da ward mir mein Gelübde gleich wieder klar , das ich an jenem Abend vor Deiner Tür noch aussprach , als Du so kalt warst und so traurig , - daß ich eine Gabe Dir wollt geben von meiner Seele , daß ich mein Innerstes wollt Dir zu Lieb zu Tage fördern , weil Du das so hochschätzest wie jener Schleiermacher . Und da hab ich in meinem Innersten Wege geschritten und bin dahin geraten , wo Du jetzt stockst und willst nicht weiter und fürchtest Dich , mich anzuhören ; denn ich hab ' s wohl gemerkt an Deinem Brief , Du fürchtest Dich vor meinen Abwegen . O fürcht Dich nicht , ich gab Dir treulich wie ' s Echo , was widerhallte aus mir . Ach ! - Ich bin jetzt glücklich , sei Du ' s auch ! - Schöne Träume hab ich , und das ist ein Zeichen , daß die Götter mit mir zufrieden sind . - Im Herzen ist mir ' s , wenn ich erwache am Morgen , als ob ich von Dichterlippen geküßt sei , ja merk Dir ' s , von Dichterlippen . Nein , ich fürchte mich nicht mehr vor der Zukunft ! - Ich weiß , durch was ich sie mir zum Freund mache , ja ich weiß es . Ich will auch wie die Großmama einen Ewigkeitspreis mit meinem Leben schließen , nicht wie Du gesagt hast , jung sterben . Viel wissen , viel lernen , sagtest Du , und dann jung sterben , warum sagst Du das ? - Mit jedem Schritt im Leben begegnet Dir einer , der was zu fordern hat an Dich , wie willst Du sie alle befriedigen ? - Ja sage , willst Du einen ungespeist von Dir lassen , der von Deinen Brosamen fordert ? - Nein , das willst Du nicht ! - Drum lebe mit mir , ich hab jeden Tag an Dich zu fordern . Ach ! - wo sollt ich hin , wenn Du nicht mehr wärst ? - Ja dann , gewiß vom Glück wollt ich die Spur nimmer suchen . Hingehen wollt ich mich lassen , ohne zu fragen nach mir , denn nur um Deinetwillen frag ich nach mir , und ich will alles tun , was Du willst . - Nur um Deinetwillen leb ich - hörst Du ' s ? - Mir ist so bang - Du bist groß , ich weiß es - nicht Du bist ' s - nein so laut will ich Dich nicht anreden - nein , Du bist ' s nicht , Du bist ein sanftes Kind , und weil ' s den Schmerz nicht tragen kann , so verleugnet es ihn ganz und gar - das weiß ich , so hast Du Dir gar manchen Verlust verschleiert . Aber in Deiner Nähe , in Deiner Geistesatmosphäre deucht mir die Welt groß ; Du nicht - fürchte Dich nicht , - aber weil alles Leben so rein ist in Dir , jede Spur so einfach von Dir aufgenommen , da muß der Geist wohl Platz gewinnen , sich auszudehnen und groß zu werden . - Verzeih mir ' s heut , ein Spiegel ist vor meinen Augen , als hätte einer den Schleier vor ihm weggezogen , und so traurig ist mir ' s , lauter Gewölk seh ich im Spiegel , und klagende Winde - als müßt ich ewig weinen , weil ich an Dich denk - ich war draus heut abend am Main , da rauschte das Schilf so wunderlich - und weil ich in der Einsamkeit immer mit Dir allein bin , da fragte ich Dich in meinem Geist . » Was ist das ? Redet das Schilf mit Dir ? « hab ich gefragt . Denn ich will Dir ' s gestehen , denn ich möchte nicht so angeredet sein , so klagvoll , so jammervoll , ich wollt ' s von mir wegschieben ! - Ach Günderode , so traurig bin ich , war das nicht feige von mir , daß ich die Klagen der Natur abwenden wollt von mir , und schob ' s auf Dich - als hätte sie mit Dir geredet wie sie so wehmutsvoll aufschrie im Schilf . - Ich will ja doch gern alles mit Dir teilen , es ist mir Genuß , großer Genuß , Deine Schmerzen auf mich zu nehmen , ich bin stark , ich bin hart , ich spür ' s nicht so leicht , mir sind Tränen zu ertragen , und dann sprießt die Hoffnung so leicht in mir auf , als könnt wieder alles werden und besser noch , als was die Seele verlangt . - Verlaß Dich auf mich ! - Wenn ' s Dich ergreift - als woll es Dich in den Abgrund stoßen , ich werde Dich begleiten überall hin - kein Weg ist mir zu düster - wenn Dein Aug das Licht scheut , wenn es so traurig ist . - Ich bin gern im Dunkel , liebe Günderode - ich bin da nicht allein , ich bin voll von Neuem , was in der Seele Tag schaffet - grade im Dunkel , da steigt mir der lichte hellglänzende Friede auf . - O verzweifle an mir nicht , denn ich war in meinen Briefen auf einsamen Wegen gegangen , ja , zu sehr als such ich nur mich selbst , das wollt ich doch nicht , ich wollte Dich suchen , ich wollt vertraut mit Dir werden , nur um mit Dir die Lebensquellen zu trinken , die da rieseln in unserm Weg . - Ich fühl ' s wohl an Deinem Brief , Du willst Dich mir entziehen - das kann ich nicht zugeben , die Feder kann ich nicht niederlegen - ich denk , Du müssest aus der Wand springen ganz geharnischt wie die Minerva und müßtest mir schwören , meiner Freundschaft schwören , die nichts ist als nur in Dir - Du wollest fortan im blauen Äther schwimmen , große Schritte tun , wie sie , behelmt im Sonnenlicht wie sie , und nicht mehr im Schatten traurig weilen . Adieu , ich geh zu Bett , ich geh von Dir , obschon ich könnt die ganze Nacht warten auf Dich , daß Du Dich mir zeigst , schön wie Du bist und im Frieden und Freiheit atmend , wie ' s Deinem Geist geziemt , der das Beste , das Schönste vermag . Eine Ruhestätte Dir auf Erden , das sei Dir meine Brust . - Gute Nacht ! - Sei mir gut - ein weniges nur . - Montag Jetzt hab ich schon drei Tage an diesem Brief geschrieben , und heute will ich ihn abschicken , ach , ich mag ihn nicht überlesen , geschrieben ist er , wahrheitsvoll ist er auch , wenn Du die augenblickliche Stimmung der Wahrheit würdigest , wie ich sie deren würdige und nur sie allein , obschon die Philister sagen , sie sei die Wahrheit nicht , nur was nach reiflichem Überlegen und wohlgeprüft vom Menschengeist sie angenommen , das sei Wahrheit . Ach diese Stimmungen , sie bauen das Feld , und was uns zukommt , als sei die Seele mit im Abendrot zerschmolzen , oder als löse sie sich frei vom Gewölk und tue sich auf im weiten Äther - das bringt uns auch wie das fruchtbare Wetter Gedeihen . Ist mir ' s doch , da ich meinen Brief schließen will , als ob das schönste Leben uns bevorstehe , wenn Du nur willst und willst so viel mich würdigen , daß Du ruhig Deine Hand in der meinen liegen lässest , wenn ich sie fasse . - Ich war heut morgen draus und hab mir den Aschenkranz zum Ball bestellt - wie Du ' s gesagt hast - aber , gelt der Moritz hat Dir ' s gesagt , ich soll den Kranz aufsetzen ? - Ich kam hin zum Gärtner , er stand zwischen der Tür vom Boskett und dem Blumengarten gelehnt , gewiß er hat auf mich gewartet , denn ich war schon zwei Tage nicht da gewesen . Aber gestern abend , wie ich schlafen ging , da hatt ich mir fest vorgenommen , ich wollt gewiß keinen Menschen unglücklich machen , oder besser , ich wollt gewiß jedem geben an Glück , was ich kann . - Und mir soll ' s nicht zu gering sein , und was ist ehrender , als wenn Du mit einem Blick oder Wort wohltun kannst ! - Nun hör nur mein lieb Gespräch mit dem Gärtner an . - Weil ich kam , so sagt ich : » Ich hätt wohl eine Bitte an den Anton . ( Denn ich rede ihn nicht anders an , denn ich mag ihn nicht Er nennen . ) Ich geh auf den Ball heut und da möcht ich einen Kranz , und weil ich gar nicht vergnügt bin , daß ich zum Tanz soll gehen , so wollt ich einen traurigen Kranz gern haben von Aschenkraut , und keine Blumen wollt ich gar nicht . Ist wohl so viel Aschenkraut da , daß wir einen Kranz können machen , ohne die Büsche zu verderben ? « - Da ging er voran und brach mir eins nach dem andern , und ich band ' s am Draht fest . Er hatte mir doch noch kein Wort gesagt und legte mir die Sprossen nacheinander auf den Schoß , ich saß auf der Blumenbank am Treibhaus , er rückte die Blumen über mir und um mich her zusammen , während ich meinen Kranz flocht , und holte noch mehrere aus dem Treibhaus , daß ich wohl merkt , ich war ganz eingerahmt , und da war eine große purpurrote Passionsblume , die hing herab an meiner Seite , er schnitt sie ab und legte sie schweigend an das Geflecht , ich band sie auch schweigend mit ein , ich probierte ihn auf , er war weit genug , er nahm ihn mir aus der Hand , streifte sich den Ärmel auf , maß am Arm die Länge vom Kranz und band ihn selber fest , schnitt die überflüssigen Stiele und Blätter ab , und gab ihn mir . Das alles war schweigend geschehen . » Es ist heut so schönes Wetter , « sagte ich - » find ich Euch morgen im Garten - wenn ich früh komme ? « - » Oh , das werden Sie wohl verschlafen , weil Sie die Nacht durch tanzen . « » O nein , um halber zwölf fahr ich schon wieder zurück , und Ihr könnt mich heimfahren hören , an Eurer Wohnung vorbei - ich fahr im Kabriolett , nur mit einem Pferd hier vorbei , da könnt Ihr hören , ob ich Euch nicht Wort halt , da ! Ich geb Euch meine Hand drauf . « - Er ward rot , der Gärtner , als ich ihm die Hand reichte und ' s Schnupftuch fallen ließ , das er mit der andern Hand auffing und mir reichte , ich sah es an , nahm ' s ihm aber nicht ab . - Ich sagte : » Der Kranz ist unbezahlbar , Ihr habt ihn aus der Mitte von jedem Busch geschnitten - wie werd ich ' s Euch lohnen , ich werd ihn Euch wiedergeben müssen ! « - » Ja , « sagt er plötzlich , - » der Kranz gehört mein . « » Nun , « sagt ich , » verlaßt Euch drauf , ich bring ihn wieder . « Gestern , um halb acht Uhr fuhr ich mit der Tonie auf den Ball , auf dem Weg nach dem Forsthaus waren die Leute vom Moritz mit Fackeln zu Pferd und begleiteten die Wagen , von weitem war ' s ergötzlich , all die Fackeln galoppierend durch den hochstämmigen Weg im Wald . Das Wäldchen war mit bunten Lampen erleuchtet . Ach , wie schön war ' s ! - Und dazu lächelten die unendlichen Sterne ! - Der Moritz empfing uns , - ich sagte : » Ach , wie schön ist ' s hier ! « - » Ja ? - gefällt dir ' s ? - Du bist auch schön ! « - und so ging er wieder . - Ach ich war so vergnügt - ich mußte lächeln mit mir , - es weckte mich aus dem Traum , als ich tanzen mußte , und der Traum war so schmeichelig selbstvergessen - mitten im Getümmel ein Wonnegrab , da kamen die Grabesschauer mir nachgeflogen und weckten Gedankenseelen in der Brust begraben , die gaukelten über mir im Blauen , und der Tag heut spiegelt die Nacht und die Nacht wieder den Tag , die ist so helleglänzend , daß die Sterne erblassen und der Tag so schattig kühl , daß die Sonne nichts vermag . - Beim Nachtessen kam der Moritz , wir saßen an kleinen Tischen , ich am allerletzten mit der Pauline Chameau und Willig . Der Moritz setzte sich neben mich , er fragte : » Wer hat heut Ihre Toilette besorgt , so einfach , so originell ! - Die blaue Schärpe ! - Was bedeuten die blauen Bänder ? - und der graue Kranz ! - Wer hat den aschgrauen Kranz besorgt ? « - Ich sagte : » Der Widerhall . « - » Gris de cendre , joyeux et tendre , so muß denn der Widerhall freudiger Zärtlichkeit an Ihr Ohr geschlagen haben ? « - Er ging . - So ein Liebesgespräch , mitten an offner Tafel , von keinem verstanden , nur von mir , so leicht - so luftig - wie nimmst Du ' s ? - Ist ' s nicht Blütenstaub , vom lauen Westwind Dir ins Gesicht geweht ? - Ja , alles müssen wir der Natur vergleichen , was voll heiteren Entzückens uns durchdringt , nichts anders kann ' s aussprechen noch wiedergeben im Bild . Will ich mir von jenen Worten die Regung im Herzen lebhaft wieder in die Sinne rufen , so muß ich doch an Blütenbäume denken , die ihre Geschenke dem Morgenwind auf die Flügel laden für mich , und dann schauert ' s mich so frühlingsmäßig , wenn ich das denke . - Als wir alle wegfuhren , die Schwägerinnen im Stadtwagen zuerst , und ich ins hohe luftige Gig vom George , da ließ der Moritz seinen Mantel holen , mir auf die Füße zu werfen , weil ' s kühl sei , er fragte , ob ich froh gewesen sei ? - » Ja ! « sagte ich , » alles war schön und stimmte ineinander , der Rasenteppich und die bunten Lichter und die Sterne am Himmel , rauschende Bäume und die Musik der Geigen und Flöten , und auch die der süßen Reden . « - Er drückte mich an sich und sagte : » Du warst die Königin vom Fest , Dir hab ich die Lichter angezündet und die Flöten rufen lassen , es schmeichelt mir unendlich , daß du Gefallen hattest dran , und schenk mir was zum Lohn und zur Erinnerung der schönen Nacht . « - » Ich hab nichts , was soll ich Ihnen geben ? « - » Der Kranz steht Dir zu gut , den will ich nicht , gib mir die blaue Schärpe , ich will sie heut nacht um den Hals schlingen . « Ich gab sie ihm , - er hob mich ins Gig , warf mir seinen Mantel über , vier Reiter jagten mit Fackeln voran durch den Wald . Wie war ' s mir doch ? ein Zauber - so schnell die Schatten der Bäume - im Flammenschein verschwindend - und wieder da gleich , im stillen Nachthimmel ; ich freute mich - es dauerte so eine Weile , daß die Sterne mit den Fackeln um die Wette mich auffingen , und als wir vor den Wald kamen , da war der Mond aufgegangen , da waren die Reiter ebenso schnell wieder in den Wald zurück und jagten wie die Pfeile , ich