großen Schmerze den Trost geben kann , den sie allein aufzufassen vermag , den nämlich : mich nicht von ihr zu trennen . Es scheint mir demnach dies Verfahren vollständig durch die Umstände gerechtfertigt , und ich muß Alles im Voraus zurückweisen , was Ihr andeuten wollt , indem Ihr dies nicht so anseht . « » Wir sind also beide entschlossen , « sprach der Marquis , und es drängte sich diesen Worten aus der Tiefe seines erbitterten Inneren eine Fülle des heftigsten Grolles nach - » und wir wollen uns beide über das , was wir thun und zulassen müssen , eine Sicherheit und Rechtfertigung verschaffen , mit der wir uns vor uns selbst und den Anforderungen der Welt zu behaupten vermögen . « » Thut das ! « erwiederte Leonin und verließ seinen Gefährten , noch wohl gerüstet für seine Absichten durch die heil ' gen und theuren Ansprüche , die an ihn in jedem Augenblicke ergingen . Der Marquis hatte die Wohnung , in die der Tod eingekehrt war , nicht wieder betreten , er hatte das Schloß bezogen und erwartete , gleich Leonin , die Ankunft des Lord Gersey mit größter Ungeduld . Dagegen war seit dem Tode des ehrwürdigen Greises der junge Graf von Crecy gegen seine Dienerschaft , wie gegen die Bewohner des Schlosses unverholen mit seiner Vermählung hervorgetreten , und hatte seine Wohnung in der Abtei genommen , um seiner leidenden Gemahlin jeden Trost gewähren zu können , dessen sie so sehr benöthigt war . Zugleich war ein Bote nach Edinburg zum Grafen Gersey gegangen mit der doppelten Anzeige des Todes und der Vermählung , und nachdem die Ueberreste des ehrwürdigen Vaters der Erde übergeben waren , verständigte sich der junge Graf mit Emmy Gray über die Anstalten zur Abreise , welche er zu beschleunigen trachten mußte , da er vor der festgesetzten Zeit seiner Rückkehr nach Paris , Fennimor nach Ste . Roche führen mußte , und dort durch seine Gegenwart ihrem Verhältnisse die Ehrbarkeit verleihen , die er ihm vorzüglich zu sichern trachtete . Er fand auch , trotz der früher erwähnten Ansicht , jetzt in Emmy eine willige und bereite Stütze , der es , sobald die Dinge , denen sie dienstbar sein sollte , ihre Zustimmung hatten , keinesweges an Verstand und Ueberlegung fehlte , die sie bald in volle Thätigkeit setzte , um ihre junge Herrschaft mit allem Erforderlichen auszurüsten . Erst jetzt , nach dem Tode ihres angebeteten Herrn , sah sie die Stütze ein , die ihre junge Herrin durch ihre Vermählung erhalten , und fing an , sich um so lieber mit dieser Maaßregel auszusöhnen , da der junge Graf , ganz gegen ihre argwöhnische Befürchtung , bemüht war , sein Verhältniß auf alle Weise zu ehren , und von seinen übernommenen Pflichten vollkommen durchdrungen schien . Zuerst ward daher der armen müdgeweinten Fennimor von ihrer eifersüchtigen Gefährtin der süße Trost zugeraunt , daß ihr Gott ja einen Gatten zur rechten Stunde gegeben , der ihr den Vater sicher ersetzen würde . Wir können nicht läugnen , daß Emmy kein Mittel hätte ersinnen können , wirksamer , das Herz der Leidenden aus ihrem maaßlosen Grame zu erheben , als diese Worte , die ihr den Geliebten aufs Neue sanktionirten , und das von der einzigen feindlichen Macht , wie sie wähnte , die der neuen Richtung ihrer Hoffnungen bis jetzt entgegen getreten war . Und so handelten alle drei in Uebereinstimmung , wobei Fennimor freilich nicht selbst thätig , sondern nur sich fügend anzutreffen war . John Gray hatte seiner despotischen Gattin versprechen müssen , sich ihrem Willen in nichts zu widersetzen ; und selbst wenig eigene Gedanken hegend , war er hierauf willig eingegangen . Sie erklärte ihm , ihre junge Gebieterin vor ' s Erste nicht verlassen zu wollen , und gab ihm die Hoffnung zu ihrer Rückkehr erst , wenn die Verhältnisse derselben dort ihre Anwesenheit unnöthig machten ; dagegen begehrte sie , daß er sich augenblicklich nach ihrer Abreise mit ihrer kleinen einjährigen Tochter auf den Weg nach England machen , und sie dort dem Bruder der jungen Gräfin Crecy , dem Pfarrer Lester , der in Yorkshire und jetzt verheirathet lebte , zum Schutze und zur Erziehung übergeben solle . Ob er selbst dort bleiben oder nach der Heimath zurückkehren wolle , stellte sie ihm mit der größten Gleichgültigkeit anheim ; und überzeugt , der Pfarrer Lester , der Emmy Gray , als Spielkameradin und treue Pflegerin der Familie , wie eine Schwester liebte , werde ihrem Kinde die Aeltern ersetzen , glaubte sie ihr Haus völlig versorgt zu haben und widmete ihm keine Aufmerksamkeit mehr . Fennimor meldete ihrem Bruder in einem Briefe , so ausführlich sie es jetzt vermochte , den Tod des Vaters und die eigene Schicksalsveränderung , und bat ihn um seinen Segen für ihre Zukunft . - Auf Niemanden jedoch machte die Entdeckung des Vorgefallenen vielleicht einen größeren und unangenehmeren Eindruck , als auf Lord Gersey . Der Tod des Sir Reginald war ein so erwartetes Ereigniß , daß es ihn völlig unberührt ließ , besonders , da er mit praktischer Umsicht schon für einen Nachfolger gesorgt , und dieser bereit war einzuziehen . Was kam aber der Bestürzung gleich , womit ihn die Vermählung des jungen Grafen von Crecy erfüllte ? - dieses Jünglings , der ihm anvertraut ward mit einem Aufgebote von Vertrauen , welches ihn auf sich selbst stolz gemacht hatte , den man bei ihm vor jedem bösen Einflusse gesichert gehalten , und der ihn selbst durch sein ganzes Verhalten so gänzlich zu täuschen gewußt hatte , daß er in die jämmerliche Lage kam , jetzt eingestehn zu müssen , er habe diesen jungen Mann nicht zu beurtheilen vermocht , dessen Geistesfähigkeiten er doch so weit unter sich geschätzt hatte . Sein Zorn verwirrte ihn zuerst über die Macht , die ihm zustand , er wollte augenblicklich den jungen Mann zwingen , seine Vermählung widerrufen zu lassen , er war ganz außer sich , und fast in derselben Stunde schon auf dem Wege nach Stirling-Bai . Die Zeit , die er im Reisewagen hatte , Alles noch ein Mal zu bedenken , klärte ihn zwar etwas mehr über seine bedingte Stellung gegen den jungen Grafen auf , konnte aber nicht hindern , daß er mit allen Zeichen der lebhaftesten Empfindlichkeit auf dem Schlosse anlangte . Hier fand er zuerst den Marquis de Souvré , der , nachdem er sich ihm zu erkennen gegeben hatte , ihm die beschämende Zusicherung gab , daß die Frau Marschallin selbst in Paris den veränderten Zustand ihres Sohnes gemerkt habe , von dem der Lord in der Nähe keine Ahnung bekommen . Er ließ sich dann von ihm , seiner Ansicht gemäß , das Geschehene ausführlich erzählen , und theilte die Verzweiflung des Marquis , zu spät angekommen zu sein , um eine so recht- und pflichtwidrige Handlung verhindern zu können . Wie lange jedoch Beide deliberirten - die Anwesenheit des jungen Grafen konnte erst ihre verschiedensten Pläne und Rathschläge zur Reife bringen , und der Lord mußte ihn zu einem Besuche auffordern lassen , so sehr er sich auch gegen ihn erzürnt fühlte . Unterdessen hatte der Marquis Zeit , den Lord zu sondiren , und obwol er in ihm den Mann sehr bald erkannte , der außer Stande war , mit seinem Verstande einen Einfluß auf Leonin auszuüben , fand er doch in seiner stolzen beleidigenden Haltung und seiner Ansicht über die Handlungen eines Minderjährigen , Stoff genug zur Benutzung für seinen augenblicklichen Zweck , den jungen Grafen in allen seinen Empfindungen zu verletzen und ihn aus der stolzen Sicherheit zu treiben , die dem Marquis unerträglich war an diesem gering geachteten Jünglinge . Zugleich fühlte er , daß der Lord ihm vollkommen vertraue , und er hoffte , ihn bei den ferneren Schritten leiten zu können . Der junge Graf dagegen empfing die Nachricht von der Ankunft des Schloßherrn mit lebhaftem Vergnügen . Er fühlte sich so im guten Rechte , so leicht und befriedigt durch Liebe und gutes Gewissen , daß er nach dem Schlosse eilte , bloß Beides darzuthun und dann seine Abreise anzusetzen . Schon die Dienerschaft , leicht die Umstimmungen ihrer Herrschaft errathend , empfing ihn mit bloß feierlicher Haltung , und als er in das Zimmer des Lords trat und ihn dort neben dem Marquis erblickte , - schallte ihm nicht der Ton der rauhen Lustigkeit entgegen , womit er sonst von ihm begrüßt ward , sondern man ließ ihn den Weg bis zu dem Platze , wo Beide saßen , ohne Beachtung zurücklegen , und kurz erhob sich dann der Lord , ihn zu begrüßen : » Euer Gnaden haben mir den Vorzug entzogen , Sie , wie bisher , als meinen Gast hier begrüßen zu können . Doch darf ich meine Gastfreundschaft Niemandem aufdrängen , wie ich eingesehen habe , denn wie bereit ich auch war , hierin die Wünsche Ihrer Frau Mutter zu erfüllen , ich konnte mir das Recht nur durch einige Höflichkeiten bei Ihnen erwerben , die jedoch sich unzureichend erwiesen haben . « » Mein theurer Lord , « lächelte Crecy , völlig harmlos - » es kann Euch mit diesen Worten nicht Ernst sein ; die Umstände , denke ich , rechtfertigen so vollständig diesen Umzug , daß es gar keiner Erklärung meinerseits bedarf , eben so , wie Sie mir glauben müssen , daß ich Ihnen aufs Innigste dankbar bin und den Aufenthalt bei Ihnen zu den größten Segnungen meines Lebens rechnen werde . « » Und ich , junger Mann , « schrie hier Lord Gersey , durch Leonin ' s Ruhe um alle Haltung gebracht , » ich werde diesen Aufenthalt wegen seiner heillosen Folgen für das fluchwürdigste Ereigniß meines Lebens halten , und nun mögt Ihr selbst danach urtheilen , was ich von dem wahnsinnigen Schritte denke , den Ihr Eure Vermählung nennt ! « Er wollte bei diesen Worten aus dem Zimmer stürzen , seine eigene Aufregung befürchtend , aber dem Marquis war dieser Anfang um so weniger gelegen , wenn er zugleich das Ende sein sollte ; er eilte ihm nach und hielt ihn an der Thür mit dringenden Bitten zurück . » Laßt mich , laßt mich , Marquis ! « rief der Lord , indem er zögernd widerstand , - » ich tauge nicht dazu , hier die Beichte der jugendlichen Tollheit zu hören , und bringe mit so viel Unwillen im Herzen die Sache nicht zu Stande . « - » Und doch bedenkt , Mylord , Ihr seid es Eurer Freundin , der Frau Marschallin , die Euch ganz vertraute , schuldig , liebevoll , väterlich dem jungen Manne beizustehen . Denkt , wie seine Jugend ihm das Wort um Milde und Nachsicht spricht . « - Er führte den grollenden alten Lord zurück , und es entstand eine ungefällige Pause unter den Dreien , weil Zwei sich im vollkommen gleichen Rechte des Zürnens wähnten , und der Dritte sich die listige Zurückhaltung zu sichern trachtete , die nur , was jene veranlaßten , ohne Nachtheil benutzen wollte . Dessen ungeachtet mußte dieser Dritte mit der Sprache zuerst heraus , denn hochroth vor Zorn blickte der Lord finster zur Erde , und ihm gegenüber hatte Crecy die kalte Haltung des Beleidigten angenommen , der das Entgegenkommen des Andern glaubt erwarten zu müssen . » Ihr seht , Herr Graf , « wandte er sich gegen Crecy , » wie ich nicht der Einzige bin , der in abweichender Meinung von der Eurigen diese Sache ansieht , und Ihr dürft es nicht zurückweisen , einen alten Freund Eurer Frau Mutter darüber zu hören . « » Dies zu thun , kam ich hieher « , erwiederte Crecy - » und wahrlich , mit aller Achtung , die ich Sr. Herrlichkeit schuldig bin , war ich gesonnen , sowol meine Verhältnisse offen darzulegen , als den Rath des Verständigen zu hören ; dies hat mir aber die augenblickliche Heftigkeit des Lords abgeschnitten , und ich muß jetzt erwarten , ob mir dies überhaupt noch möglich gemacht wird , und welche Form Mylord dazu einzuleiten gedenkt . « » Mein junger Herr , « rief hier Lord Gersey , noch immer mit dem rauhen Tone des Zorns , » es kann , denke ich , hier von vielen Einrichtungen unter uns gar nicht die Rede sein ; wie unleidlich meine Stellung durch Euer unbesonnenes Betragen gegen Eure Mutter geworden , müßt Ihr übersehen , wenn Euch auch die Leidenschaft noch so toll gemacht hat . Mir waret Ihr anvertraut von Eurer Mutter - ich sollte Euch vor Mißgriffen und Thorheiten bewahren , bis Ihr unter den Schutz Eurer Aeltern zurückkehrtet , - und ich durfte diese Verpflichtung übernehmen und sie angeloben , denn Ihr lebtet hier nur in den ehrbarsten und würdigsten Verhältnissen . Aber der Neigung zur Thorheit ist überall der Ausweg eröffnet , so mußt ' ich an Euch lernen - mein Vertrauen habt Ihr betrogen ; mit dem alterschwachen Greise , dessen Kenntniß der Welt von jedem Kinde überboten werden konnte , habt Ihr Freundschaft geschlossen , um Euch von der Thörin , seiner Tochter , verführen zu lassen . « - » Haltet ein , Mylord ! « rief hier Crecy , indem er mit Heftigkeit aufsprang , - » wenn Ihr es wagt , mit dieser Bezeichnung die Tochter des ehrwürdigen Sir Reginald zu meinen , so vergeßt nicht , daß sie Gräfin von Crecy und meine Gemahlin ist , gegen die jede Beleidigung zur meinigen wird ! « » Gräfin von Crecy ! « höhnte der Lord - » die Tochter eines Kaplans von Stirlings-Bai ! ein Mädchen ohne Rang , ohne Vermögen , die sich darum nicht einmal zur Gesellschafterin meiner Töchter eignete , Gräfin von Crecy ! die Schwiegertochter der Fürstin Soubise ! und des ersten Marschalls von Frankreich , des ältesten Geschlechtes dieses Landes ! - Junger Mann , « fügte er mit heiserem Lachen hinzu , » wem wollt Ihr das weiß machen ? Wer , denkt Ihr , daß Euch dies glauben wird ? Dankt dem Himmel , daß die Komödie Eurer Heirath so in allen Formen kindisch , lächerlich , formlos gewesen ist , und daß Eure Minderjährigkeit selbst die anscheinend gesetzlicheren Bande so gänzlich annullirt hätte , daß diese Thorheit wenigstens nur dem Mädchen zur Last fallen wird , die so unberufen den reichen Erben zu gewinnen dachte . « » Es ist genug ! « rief Crecy hier und erhob sich mit Ungestüm - » ich werde Euch verlassen , Mylord , um durch so unerhörte Beleidigungen nicht dahin gebracht zu werden , daß ich ganz vergesse , wie viel Dank ich Euch für Euer früheres Bezeigen schuldig bin . Die Beleidigungen , die Ihr gegen mich und meine Gemahlin ausstoßt , widerlegen zu wollen , hieße mich und diese Verhältnisse wirklich erniedrigen - ich werde sie zu rechtfertigen wissen in den Augen meiner Familie und der ganzen Welt . « » Ich gratulire zu diesen Vorsätzen , junger Herr ! « entgegnete der Lord mit verbissenem Zorne . » Wahrlich , Ihr habt nicht umsonst meine Bibliothek in der kurzen Zeit ausgelesen - Ihr führt eine vollkommen romantische Rittersprache , zum Weinen rührend . O , junger Mann , junger Mann , hättet Ihr lieber das unschuldige , fröhliche Waidmannsvergnügen mit den ehrlichen unerschrockenen Gefährten durchgemacht , als Euch in dürres , wüstes Büchergeschwätz versenkt , um Stoff zu sammeln für das Schäferspiel , das Ihr zu spielen dachtet ! « » Wir sind zu Ende , Mylord ! « sagte Crecy empört - » erlaubt , daß ich mich bei Euch und diesem Hause auf immer beurlaube ; ich eile zurück , um sogleich die Anstalten zu meiner Abreise zu treffen , und bitte Euch nur um so viel Zeit noch in den Mauern der Abtei - die jetzt allerdings zu Eurer Bestimmung steht - bis meine Gemahlin zur Abreise gerüstet sein wird . Nehmt meinen Dank für Eure frühere Güte ; es schmerzt mich tiefer , als Ihr glaubt , daß die Gefühle , die Ihr mir einzuflößen wußtet , eine so grausame Störung erfahren mußten . « » So lasset auch uns von einander Abschied nehmen ! « sprach jetzt der Marquis de Souvré zu Crecy . » Ich reise noch am heutigen Tage nach Paris ab , denn ich kann durch meine Gegenwart hier nicht länger Euren Handlungen einen Schein von Billigung geben , den ich aufs Bestimmteste verweigern muß . Dessen ungeachtet frage ich Euch , ob Ihr mir irgend eine Weisung für Eure Frau Mutter zu geben habt , aus der sie Trost zu schöpfen vermöchte , wenn ihre Fragen mich drängen werden ? « » Ich überlasse das Euch selbst ; ich hatte gewünscht , der Erste sein zu können , der ihr meine Verhältnisse vortrüge - aber ich fühle , Euch die Verpflichtung zum Schweigen aufzuerlegen , wäre bei den Fragen , denen Ihr zu begegnen haben werdet , zu viel verlangt . Gott lenke daher Eure Worte ! Denkt , daß so viel vom ersten Eindrucke abhängt ; denkt , daß es der einzige Sohn der Frau ist , der Ihr so ergeben seid , und daß Ihr so wohl versteht , Eure Ansichten vorzutragen ! « - Kein Laut verrieth die Meinung des Marquis auf die herzliche , dringende Anrede ; stumm verneigte er sich mit zu Boden geschlagenen Augen und wendete sich dann zu Lord Gersey . » Und Ihr , Mylord - was habt Ihr mir zu befehlen ? « » O , Marquis , « rief der Lord - » was soll ich Euch an die edle , tugendhafte Frau für Aufträge mitgeben , die sich durch mich verrathen glauben wird , und mir Vertrauen und Achtung versagen für immerdar . Nein , nein , niemals kann ich diese Kränkung verwinden ! Sagt Ihr , ich mache keine Ansprüche auf ihre Verzeihung , und wollte ihre Feindschaft , ihre Geringschätzung als lebenslängliche Strafe ertragen . Aber das fügt hinzu , « und bis zum dumpfen Brüllen steigerte sich sein Ton - » finde ich diese Copulation im Kirchenbuche verzeichnet , so lasse ich es auf offenem Platze vor der Kirche verbrennen , und John Gray und sein Weib und der Kirchendiener , die sich Zeugen zu nennen wagen , werden noch heute aus der Kirchengemeinde ausgestoßen , und der Büttel soll sie über die Grenze jagen , daß sie sich nie wieder zu Stirlings-Bai zählen dürfen ! « Schon hörte der Unglückliche , gegen den dieser neue Schimpf ausgestoßen ward , das Ende dieser zornigen Befriedigung , welche sich der Stolz und der Hochmuth eines der untadelhaftesten Barone des alten Schottlands verschaffte , nicht mehr . Mit tausendfach verwundetem Herzen , bis zur Raserei gereizt und gekränkt sich fühlend , war der ganze Himmel seines idyllischen Glückes entweiht und beschimpft , und es schien ihm , als könne er nie wieder einen Hauch des seligen Friedens empfinden , den er wenige Tage früher noch als ein unzerstörbar gewonnenes Gut betrachtete . - Vielleicht hatte er Recht ; denn sein Herz hatte eine unheilbare Wunde empfangen , um so nachhaltiger , da die heftigen Worte , denen er ausgesetzt war , die Grundsätze und Ansichten , die er gehört , ein ausschließlicher Besitz seines Standes waren , unter deren Einfluß er groß geworden , und denen er überall mit dem Wiedereintritte in die Welt zu begegnen sicher war . So stürzte er dem mechanisch gefundenen Wege nach der Abtei zu und ward sich erst seiner selbst wieder bewußt , als er in den grünen Dom der hohen Buchen trat , die ihr großartiges Naturleben in heiliger Unabhängigkeit fortführten , das kleinliche Treiben der Menschen , was seit Jahrhunderten an ihnen hingegangen , mit hohem Blicke übersehend , als wollten sie dem keuchenden Wanderer zurufen : » Geduld ! Du und Deine Leiden verfallen der Zeit , und Du gehst mit ihr vorüber , ein kleines Atom in dem großen Zellgewebe der göttlichen Weltordnung ! « - Vielleicht nicht dasselbe , aber doch etwas , einer Erquickung , einem Troste ähnlich , drang in die blutende Brust des tödtlich Gereizten - er schlug die glühenden Augen auf , und der sonnenhelle Glanz der grünen Gewölbe leuchtete wie Himmelsthau in sie hinein . Krampfhaft preßte er die Hände in einander , einem Schrei des Schmerzes glich der Seufzer , der sich losriß , und bebend vor Aufregung stürzte er in das weiche Moos und verbarg sein Gesicht in dessen duftendem Schooße . Wir wollen es nicht belauschen , womit auch der Mann in dem Augenblicke sich erleichtern darf , wo sein Herz die krampfhafte Starrheit sprengt , in die ein überwältigendes Ereigniß ihn versetzt ; mag er der Mittel theilhaftig werden , die Gott der Menschheit gegeben , da er sie nicht schützen konnte gegen das unendliche Weh , das sie sich bereitet . Leonin gewährte es seinem Schmerze , sich zu erschöpfen . - Er hatte kein Herz von der Natur erhalten , was sich in eigner Kraft behaupten konnte , es mußte gestützt und in beifälliger Ruhe erhalten werden durch die nächsten Menschen , durch Verhältnisse , wenn es sich selbstvertrauend bleiben sollte . Matt und todtenbleich ging er dem offenen Gemach entgegen , vor dessen Thüren das geschmähte unschuldige Opfer dieser fremden Anmaßung in der tiefen Trauerkleidung mit dem heil ' gen Scheine des frömmsten Kummers um die schönen Züge , auf einem niedrigen Stuhle saß und dem lieblich lächelnd entgegen blickte , der den ersten harten Wurf der Welt nach ihrem stillen Glücke so eben aufgefangen hatte , doch nicht ohne selbst davon verwundet zu werden . Tief bewegt von ihrem Anblicke kniete er neben ihr hin , und sie mit einem vielfach vermischten Gefühle an sich drückend , rief er wehmüthig : » O , Du armes , armes gekränktes Wesen ! « Wie hätte diese feine weibliche Seele nicht die Veränderung fühlen sollen , die dem Geliebten geschehen ? » Was hat man Dir gethan ? « sagte sie sanft forschend und faßte sein bleiches Gesicht in ihre beiden Hände . » War der Lord nicht , wie es Recht ist ? Hast Du Dich erzürnt ? Wird er mich besuchen ? « » Ach , « rief Leonin , » laß uns abreisen ! laß uns in die Wälder von Ste . Roche fliehen und die Welt vergessen , und uns fern von ihr halten , die weder unser Glück versteht , noch uns ein anderes gönnen will , als was sie dafür erkennt . « » Meinte so der Lord ? « frug Fennimor - » ja , ich konnte es denken ! Sie sind da oben durchaus anders , wie wir , und immer waren sie mir nicht gut genug ; aber wir wollen sie lassen - die haben mich nie erzürnen können , sie waren so klein , so ungeschickt und konnten nie verstehen , wie ich ' s meinte . « Dies stolze , feste Herz erschütterte mit ihren einfachen unschuldigen Worten mächtiger in Leonin die imponirende Wichtigkeit des eben Erfahrenen , als seine eigenen durch frühere Eindrücke bedingten Betrachtungen es vermocht hatten . Er erhob sich an der festen Hoheit dieser reinen Seele , und ein Schimmer des früheren Glückes kehrte ihm wieder in der größeren Berechtigung , die sie ihm theils in ihrem eigenen Werthe , theils in der strengen Kritik über seine Widersacher gegeben . - Er raffte sich zusammen und besann sich , was ihm zunächst läge - und alle Weisheit der Liebe kehrte ihm zurück . Er eilte , die heil ' ge Unschuld seines Weibes vor der Schmähung der Welt zu bewahren , und hüllte den ganzen Vorgang in gleichgültige Worte ein . Dann begab er sich zu Emmy Gray , um ihr , wenn auch nicht Alles , doch das Wichtigste seiner gehabten Unterredung mitzutheilen und die Nothwendigkeit klar zu machen , dies Haus wo möglich andern Tags zu verlassen . » Ja wohl , Herr , « rief sie mit stolzem Zürnen , » laßt uns schon morgen dies Haus verlassen , was jetzt dem gehört , für den wir zu gut sind , ihm irgend Dank zu schulden . Eben so soll John heute noch sein Bündel schnüren und nie diese Stätte wieder betreten . Gut , gut , Mylord , daß diese unweisen Männer , die ein Sakrament lästern , nicht Gewalt haben über die heiligen Dinge der Erde ! Laßt es sie nicht hören , sie ist noch zu jung , um Unrecht zu begreifen , das Leben zeitigt früh genug dazu ! « - So verließ sie den Grafen , und sein Selbstgefühl , was durch die Schmähungen , die er erduldet , in ihm gestört worden war , kehrte langsam unter Menschen zurück , in deren Werth er fühlte , nicht als ein Thor gehandelt zu haben . - Die schnelle Abreise der Verfolgten verhinderte , daß die strengen Maaßregeln des Lord Gersey sie erreichten , und John Gray war schon auf seinem kleinen Karren , worauf er sein Kind und seine beweglichen Habseligkeiten geladen , längst über die Grenzen von Stirlings-Bai , ehe sich der Lord seines Vorsatzes erinnerte . Bald kehrten die mit seinem Willen Beauftragten zu ihm zurück , um ihm anzuzeigen , daß die Abtei leer von allen ihren Bewohnern sei , und nur noch auf der Landstraße nach Edinburg die Reisekutsche des Grafen von Crecy habe gesehen werden können . Der Himmel lag so fest und grau , wie eine Kuppel von gegossenem Stahl , über dem schmucklosen Herbsttag , und der Wind streifte mit eisiger Schärfe über die leeren Felder und durch die laublosen Wälder , als wolle er die Erde zerreißen und ihr die Macht fühlen lassen , die er umsonst an der festen Nebeldecke des Himmels erprobte . Vergeblich versuchte der junge Schloßherr von Ste . Roche diesem lang vernachlässigten Aufenthalte einen Anstrich von Wohnlichkeit zu geben , an den seine junge Gemahlin gewöhnt war , und der sie nach einer langen und schwierigen Reise , der ersten ihres Lebens , so sehr benöthigt schien . Es half ihm wenig , daß ihm die Auswahl im ganzen Schlosse frei stand , überall fanden sich Schwierigkeiten , die am wenigsten für einen Mann zu beseitigen waren , der von dem Erschaffen einer häuslichen Einrichtung so wenig Begriff bekommen hatte . In seiner bisherigen Lage , die ihm alles Benöthigte fertig überlieferte und so jene unmännliche Verwöhnung erzeugte , in welcher die Fürstin Soubise ihn so sorgfältig zu erhalten verstand , hatte er keine Gewandtheit lernen können , und es konnte daher nicht fehlen , daß Emmy Gray mit ihrem entschlossenen und thätigen Geiste nur kurze Zeit das unsichere , erfolglose Umhertappen des Grafen mit ansehen konnte . Mit glücklichem Ueberblicke wählte sie den gewandten Kammerdiener desselben zu ihrer Hülfe , und nachdem sie mit dem alten Kastellan das Schloß durchstreift , fand sie , wenn auch aus einem andern Jahrhunderte , doch kostbares und brauchbares Material genug , eine Wohnung einzurichten . Sobald die Art der Thätigkeit sich zeigte , die erforderlich war , trat auch der junge Schloßherr mit dem liebenswürdigsten Eifer ihr bei , und die höheren Anforderungen seines Standes , die Emmy fremd geblieben , wurden durch ihn selbst und den damit vertrauten Kammerdiener zu den Nothwendigkeiten gefügt , die sie zuerst ins Leben zu rufen gewußt . Wenn anfänglich zu fürchten war , daß Fennimor durch den Aufenthalt in einem großen wüsten Schlosse , welches mit seiner wunderbaren Gestaltung und seinen fremdartigen , uralten Constructionen jede , auch die ruhigste Phantasie mit geheimen Schauern anzuregen vermochte , sich unheimlich und erschrocken fühlen würde , so zeigte sich bald , dem entgegen , eine so lebhafte , bewundernde Theilnahme für diese außerordentliche Erscheinung , daß die anderweitigen kleinlicheren Anregungen ihrer Umgebungen , von denen selbst Leonin nicht ganz frei blieb , unverstanden an ihr vorüber gingen . Ihr Geist war frei geblieben von jedem Hauche des Aberglaubens , für jeden Eindruck von übernatürlichen Erscheinungen ; ihre Spielgefährtin , Beschützerin und Pflegerin war Emmy gewesen , welche , wo möglich , noch furchtloser , als ihr Zögling , diesen nicht dazu verführen konnte . An geheimnißvolle Zustände in dem Geiste des Menschen hatte sie in Schottland , diesem Lande mondsüchtiger Träumer und vom Geiste der Ahnung berührter Propheten , wohl glauben gelernt , aber alles , was an Geistererscheinungen und an das Grauen , das selbst leblose Dinge , wie Möbel und Zimmer , dadurch gewinnen , streifte , verwarf sie als gemein und für sie nicht passend . Es zeigte sich daher bald eine große Annäherung zwischen dem alten Kastellan und seiner jungen Gebieterin ; denn nicht minder , als von ihm selbst , sah er die alten , werthvollen Ueberreste des einst königlichen Besitzes , von denen er die Chronik des kleinsten Gegenstandes zu erzählen wußte , geehrt . Es fanden sich daher in Folge dieser entstehenden Zuneigung immer mehr Gegenstände ein , welche zum Gebrauche sich nützlich zeigten , und die der beunruhigte Alte zu Anfang mit eifersüchtiger Scheu zu verbergen bestrebt gewesen war . Die Familie der Kastellane von Ste . Roche waren dieser Besitzung treuer gewesen , als die Herren derselben . Die St. Albans waren schon unter Katharina von Medicis auf diesem Posten gewesen , und vom Urahn her hatte Sohn auf Sohn bei allem Wechsel der Verhältnisse diesen Platz behauptet . Jeder Nachkommende war unter den Chroniken von Ste . Roche aufgewachsen , und jeder Schrank , jede Tapete , jedes Geräth war für sie ein heiliges Vermächtniß , was Jeder von Kindheit an hatte pflegen sehen , und was vor den Einflüssen der Zeit zu bewahren , der Stolz jedes Einzelnen ward . Katharina von Medicis , die hier zuerst einen Hof von einigen Wochen während der