die Patrone alles Ausgezeichneten und Talentvollen zu sein , halten bei uns noch viele Große das Talent für ihren natürlichen Feind , oder doch für lästig und unbequem , gewiß aber für entbehrlich . Es gibt ganze Landstriche im deutschen Vaterlande , in welchen dem Adel , ein Buch zu lesen , noch immer für standeswidrig gilt , und er statt dessen lärmende , nichtige Tage abhetzt , wie in den Zeiten jener Bürgerschen Parforcejagd-Ballade . Das Aufallendste hiebei ist , daß selbst nach der ungeheuren Lehre , welche die Weltkriege den Privilegierten erteilt hatten , diese noch nicht eingesehen haben , es sei mit dem leeren Scheine nunmehr für immer vorbei , und der erste Stand müsse notwendig sich in sich selber gründlich fassen und restaurieren . Es war seine erste Obliegenheit , dies zu begreifen , es war die Lebensfrage für ihn , ob er sich mit dem Heiligtume deutscher Gesinnung und Gesittung nunmehr inniglich verbünden , allem wahrhaftquellenden geistigen Leben der Gegenwart Schirm und Schutz geben möchte , damit das Zauberbad dieses Lebens seine altersstarren Glieder verjünge . Er hat seine Stellung und diese Frage nicht verstanden , hat in allerhand kleinen Hausmittelchen seine Erkräftigung gesucht , und ist darüber obsolet geworden . Nie und zu keiner Zeit hat ein Stand anders als durch Ideen existiert . Auch den ersten haben Ideen geschaffen und erhalten , anfänglich die der Kampfestapferkeit und Lehnstreue , demnächst die der besondern Ehre . Gegenwärtig ist durch die Errettung des Vaterlandes , welche von allen Ständen ausging , die höchste Ehre ein Gemeingut geworden ; weshalb denn die oberen Stände das Protektorat des Geistes hätten übernehmen müssen , wenn sie wieder etwas Besonderes sein und vorstellen wollten . « » Ich habe « , sagte der Jäger kleinlaut , » in einer hohen und vornehmen Familie , die ich vor kurzem auf meinen Streifereien kennenlernte , die zwanzigjährigen Töchter auf gut schwäbisch mit der Iphigenie bekannt machen müssen , welche sie noch nie gelesen hatten , weil die Eltern Goethe für einen jugendverführerischen Schriftsteller hielten . « » Und wer weiß , ob das Haupt dieser Familie , welche ich übrigens nicht kenne , nicht eine von den Figuren ist oder sein wird , welcher man Bahnen der Kultur anvertraut ? « sagte der Diakonus . » Der unbefangene Beobachter hat in dieser Hinsicht zuweilen die erschreckendsten Kontraste anzuschauen . Nun müssen Sie einräumen , daß ein französischer Marquis oder Duc , von dem eine gleiche Barbarei gegen einen Klassiker seiner Nation verlautete , in der Pariser Sozietät für Lebenszeit verloren wäre . « » Das Beispiel von Frankreich fordert hier von selbst zur Frage auf « , sagte der Jäger . » Wie kommt es nur , daß sich dort ganz natürlich gemacht hat , was bei uns nie zustande kommen will , nämlich : ein beständiger Kontakt der Großen mit den Geistern und mit dem Geiste der Nation , eine zarte Achtung vor dem geistigen Ruhme der Nation , und eine unbedingte Anerkennung der Literatur , als der eigentlichen Habe der Nation ? « » Die französische Nation , ihr Geist und ihre Literatur haben und sind Esprit « , versetzte der Diakonus . » Der Esprit ist ein Fluidum , welches die Natur unter den zu seiner Erzeugung günstigen Voraussetzungen an ganze Länder und Völker austeilen kann . Es ist also dort in Frankreich eine natürliche Brücke von dem Volksgeiste und von der Literatur zu dem Geiste der vornehmen Klassen geschlagen , letztere ergreifen in ihrem Interesse ohne Anstrengung nur das ihnen Gleichartige . Wir haben keinen Esprit . Unsere Literatur ist ein Produkt der Spekulation , der freiwaltenden Phantasie , der Vernunft , des mystischen Punkts im Menschen . Die Gaben dieser von Grund aus gehenden Arbeit des Geistes sich anzueignen sind eben nur wieder Geister , welche die Arbeit stählte , vermögend . Mit Leichtfertigkeit ist deutscher Art nicht beizukommen . Die Vornehmen arbeiten aber nicht gern , sie ziehen es bekanntlich vor , zu ernten , wo sie nicht gesäet haben . Deshalb ist es wieder natürlich - wenn auch das Verwerfungsurteil über die Barbarei des ersten Standes bei Kräften stehenbleibt - daß er locker mit deutschem Geiste zusammenhängt ; zu einem näheren Bündnisse hätte er sich über Gebühr anstrengen müssen . « » Zu leugnen ist doch auch nicht , daß gerade durch die Absonderung des deutschen Geistes von dem Atem der hohen Sozietät ihm manche Tugenden erhalten worden sind « , sagte der Jäger ; » seine Frische , seine eigensinnige herbe Jungfräulichkeit , sein rücksichtsloses Um- und Vorgreifen . Denn jede Erfindung der schaffenden Seele , welche vor Augen haben muß , mit gewissen Forderungen der Gesellschaft zusammenzutreffen , wird notwendigerweise mechanisiert . Unsere Wissenschaft , unsere Philosophie , unsere Literatur sind Töchter Gottes und der Natur ; mit welchen andern möchten sie einen Tausch solches Stammbaums eingehen ? « Hier wurden diese Gespräche von einem heftigen Schreien , ja Brüllen unterbrochen , welches sich an der Zinskarre erhob . Hinzueilend sahen sie den Küster in entsetzter Stellung , die Arme wie Wegweiser ausgebreitet , das Gesicht braun und weiß gesprenkelt , den Mund wie Laokoon aufgesperrt . Um ihn her standen die Frauenspersonen und der Kolonus , der seine Karre zum Stehen gebracht hatte . Die Küsterin klopfte dem Küster den Rücken , die Magd hatte ihm den Rock halb aufgeknöpft , aus welchem das Federkissen gefährlich hervorhing . Der Diakonus forschte nach der Ursache des Auftritts und erfuhr von seiner Magd ( denn der Küster war noch immer sprachlos ) , daß der Küster von der Karre abgestiegen sei , um , wie er gesagt , der lieben Verdauung wegen etwas zu gehen , da sei ein großer schwarzer Hund dicht an ihm vorbei quer über den Weg hinübergeschossen , der Küster habe aber sofort jenes Geschrei oder Gebrüll erhoben , so daß beinahe die Pferde scheu geworden seien . In diesem Augenblicke gab die Küsterin ihrem Manne , bei dem das Klopfen nicht verfangen wollte , mit den Worten : » Wenn alles bei der Maulsperre vergebens ist , so hilft das ! « aus Leibeskräften eine Ohrfeige . Alsobald flogen die Kinnbacken des entsetzten Mannes zusammen wie Torflügel , er wischte sich die Tränen aus den Augen und sagte zu seiner Frau : » Ich danke dir , Gertrud , für diese Backpfeife , durch welche du mich von schweren Leiden kuriert hast . « Und zum Diakonus sich wendend : » Ja , Herr Diakonus , ein wütender , ein toller Hund ! Schweif eingeklemmt , rote und dabei triefende Augen , Schaum vor der Schnauze , blaue Zunge , heraushängend , taumelnder Gang , kurz alle Kennzeichen der wasserscheuen Wut ! « » Um Gottes willen , wo hat er Euch gebissen ? « rief der Diakonus erblassend . » Nirgend , mein Herr Diakonus « , versetzte der Küster feierlich , » nirgend ; dem Allmächtigen sei Dank dafür . Aber wie leichtlich hätte er mich beißen können . Ich habe das Ungeheuer , wie andere einen grimmen Wolf durch Geigenspiel in die Flucht schlugen , durch den Ton meiner Stimme , die mir Gott gegeben , verscheuchet und verjaget , als es eben im Anspringen auf mich begriffen war . Er stutzete und schwang sich seitswärts die Wallhecke hinauf . Mir aber blieben von der übermenschlichen Anstrengung jenes heilsamen Angstrufes die Kinnbacken in der Maulsperre verfangen und verfestiget , bis meine gute Ehefrau , wie Sie gesehen , mir die wirksame Backpfeife verordnete . Das ist ein Zinstag , an welchen ich gedenken werde ! « Der Diakonus und der Jäger hatten Mühe , ein Lachen zu verbeißen . Die Magd sagte , sie glaube nicht , daß der Hund toll gewesen sei , er möge wohl nur seinen Herrn verloren gehabt haben , in welchem Falle die Kreaturen sich immer sehr ungebärdig anstellten . Wirklich sah man den Hund in einiger Entfernung auf einem Feldwege ruhig und schweifwedelnd hinter einem Packenträger hergehen . Der Küster , dem diese Bemerkung mitgeteilt wurde , ließ sich nicht aus der Fassung bringen , sondern sprach ernsthaft : » Wie leichtlich hätte der Hund toll sein können ! « Der Diakonus ließ ihn und sein Fuhrwerk sich wieder in Bewegung setzen und trennte sich an dieser Stelle von dem Jäger , da , wie er sagte , ihr Gespräch doch gestört sei , und der Kolonus es ihm verdenken werde , wenn er dessen Gesellschaft auf dem ganzen Heimwege meide . Bei dem Abschiede mußte der junge Schwabe seinem Bekannten das Versprechen geben , ihn auf einige Tage in der Stadt zu besuchen . Darauf gingen sie nach verschiedenen Richtungen auseinander . Eilftes Kapitel Die fremde Blume und das schöne Mädchen . Die Gelehrte Gesellschaft Die Sonne stand noch hoch am Himmel , und dem Jäger war es nicht gelegen , so früh in den Oberhof zurückzukehren . Er trat auf eine der höchsten Wallhecken , sah sich in der Gegend um und meinte , daß er eine Hügelgruppe , welche in geringer Entfernung ihre buschichten Häupter erhob , wohl noch durchstreifen und doch vor spät abends wieder in seinem Quartiere sein könne . Das Wiederfinden des Diakonus und sein Gespräch hatte manche Erinnerungen der früheren Zeiten in ihm aufgeweckt ; er war unruhig und sehnte sich in dieser Stimmung nach Pfaden , die er noch nicht betreten , nach Bergen und Bäumen , an deren Anblick er sich noch nicht gewöhnt hatte . Tief , tief seine heiße Seele in das kühle Waldesdunkel , in den feuchten Dunst bemooster Felsen , in den begeisteten Schaum springender Quellen zu tauchen , danach lechzte er ; danach schmachtete er aus der brütenden Wärme der Kornfelder . Der Anblick des Diakonus hatte ihm wohl und wehe gemacht ; ihre erste Bekanntschaft war durch die unerschrockene Gymnastik des Geistes , in welcher die Jugend ihre ersten überschwellenden Kräfte zu tummeln liebt , bezeichnet gewesen . Jener , älter , und wie erwähnt worden , schon Führer eines jungen vornehmen Schweden , hatte sich dennoch als ein immer fertiger Disputant und Opponent zu den Studenten gehalten , und manche Stunde der Mitternacht war dem Jäger mit ihm in eifrigem Kämpfen und Ringen vergangen . - » Ja « , rief er , indem er immer fürbaß den Hügeln zuschritt , » du , mein deutsches Vaterland , bleibst doch der ewig geweihte Herd , die Geburtsstätte des heiligen Feuers ! Überall , auf jedem Fleckchen in dir wird dem Dienste des Unsichtbaren geopfert , und der Deutsche ist ein Abraham , der dem Herrn den Altar baut allerwege , wo er auch nur die Nacht über gerastet hat . « - Er gedachte der Reden seines Bekannten und der Situation , in welcher sie vorgefallen waren . - » Das wird auch anderwärts nicht vorkommen , daß ein armer Pastor , hinter seiner Hühnerkarre herschreitend , sich an der unsterblichen Idee der Nation begeistert « , sagte er . » Lächerlich und erhaben ! Lächerlich , weil das Erhabene auch durch das Ärmlichste und Kleinste bei uns hindurchsieht und die Formen des Geringen siegreich zerbricht ! Wie reich bist du , mein Vaterland ! « Sein Fuß betrat frisches , feuchtes Wiesengrün , besäumt von Büschen , unter denen ein klares Wasser rann . Dieser vollen , gesunden , jungen Seele taten noch symbolische Handlungen not , sich und ihrem Drange zu genügen . In kurzer Entfernung zeigten sich kleine Felsen , über die ein schmales , schlüpfriges Pfädchen lief . Er ging hinüber , klomm zwischen den Klippen nieder , streifte den Ärmel auf , ritzte das Fleisch seines Armes und ließ das Blut in das Wasser rinnen , indem er ein stilles , frommes Gelübde ohne Worte sprach . Er legte den Arm in das Wasser , die Flut kühlte ihm mit anmutigem Schauder das heiße Blut ab . So , halb knieend , halb sitzend an dem feuchten , dunkeln , umklippten Orte blickte er seitwärts in das Offene ; da wurden seine Augen von einer prachtvollen Erscheinung gefangengenommen . Zwischen den Gräsern waren alte Baumtrümme verweset und starrten schwarz aus dem umgebenden lustigen Grün . Einer derselben war ganz ausgehöhlt , in seinem Inneren hatte sich der Moder zu brauner Erde niedergeschlagen , und aus dieser und aus dem Trumm , wie aus einem Krater , blühte die herrlichste Blume empor . Über dem Kranze sanfter runder Blätter erwuchs ein schlanker Stengel , der große Kelche von unnennbar schöner Röte trug . Tief in den Kelchen stand ein geflammtes zartes Weiß , welches in leichten grünen Äderchen nach dem Rande zu auslief . Es war offenbar keine hiesige , es war eine fremde Blume , deren Samenkorn , wer weiß , welcher ? Zufall in den durch die Verwesungskräfte der Natur bereiteten Gartenboden getragen , und eine günstige Sommersonne auch hier zum Wachsen und Blühen gebracht hatte . Der Jäger erquickte sein Auge an diesem reizenden Anblicke , der ihn belohnte , als er das Gelübde getan hatte , mit Leib und Seele dem Vaterlande angehören und zeitlebens keine Götter haben zu wollen , als die heimischen . Trunken von der Magie der Natur lehnte er sich zurück und schloß in süßen Träumereien die Augen . Als er sie wieder öffnete , hatte sich die Szene verändert . Ein schönes Mädchen in einfachem Gewande , den Strohhut über den Arm gehängt , kniete vor der Blume , hielt deren Stengel zärtlich , wie den Hals des Geliebten umschlungen , und blickte , die holdeste Freude der Überraschung in den Augen , tief in einen der roten Kelche . Sie mußte , während der Jäger zurückgebeugt lag , leise herbeigekommen sein . Ihn sah sie nicht ; die Klippen verdeckten ihn , und er hütete sich wohl , eine Bewegung zu machen , welche ihm die Erscheinung verscheuchen konnte . Aber , als sie nach einer Weile atmend von dem Kelche emporschaute , fiel ihr Blick seitwärts in das Wasser , und sie gewahrte den Schatten eines Mannes . Nun sah er sie sich verfärben , die Blume aus ihren Händen entlassen , übrigens aber regungslos auf den Knieen bleiben . Er erhob sich mit halbem Leibe zwischen den Klippen , und vier junge , unschuldige Augen trafen einander mit feurigen Strahlen . Nur einen Augenblick ! denn alsobald stand das Mädchen , Glut im Antlitz , auf , warf den Strohhut über das Haupt und war mit drei raschen Schritten hinter den Büschen verschwunden . Er kam nun auch aus den Klippen hervor und streckte den blutigen Arm nach den Büschen aus . War der Geist der Blume lebendig geworden ? Er sah diese wieder an , sie wollte ihm nicht mehr so schön bedünken , wie wenige Augenblicke zuvor . » Eine Amaryllis « , sagte er kalt , » ich erkenne sie jetzt , ich habe sie im Gewächshause . « Sollte er dem Mädchen nachfolgen ? Er wollte es , eine geheime Scheu fesselte aber seinen Fuß . Er faßte an seine Stirne ; geträumt hatte er nicht , das wußte er , » und das Ereignis « , rief er endlich mit einer Art von Anstrengung , » ist auch so absonderlich nicht , daß es geträumt werden müßte ! Ein hübsches Mädchen , die des Weges daherkommt und sich auch an einer hübschen Blume erfreut , das ist das Ganze ! « Er strich zwischen unbekannten Bergen , Tälern , Geländen umher , solange ihn die Füße tragen wollten . Endlich mußte er an den Rückweg denken . Spät , im Dunkeln , und nur mit Hülfe eines zufällig gefundenen Führers erreichte er den Oberhof . In diesem brummten die Kühe , der Hofschulze saß auf dem Flure mit Tochter , Knechten und Mägden zu Tische und wollte moralische Gespräche beginnen . Aber dem Jäger war es unmöglich , darauf einzugehen , es kam ihm alles verwandelt , roh und ungefüge vor . Er suchte rasch seine Stube , nicht wissend , wie er noch länger in das Ungewisse hin hier werde verweilen können . Ein Brief , den er oben von seinem Freunde Ernst aus dem Schwarzwalde fand , vermehrte noch sein Mißbehagen . In dieser Stimmung , welche einen Teil der Nacht dem Schlummer raubte und die sich selbst am folgenden Morgen noch nicht verloren hatte , war es ihm sehr erwünscht , daß ihm der Diakonus ein kleines Wägelchen schickte , ihn nach der Stadt abzuholen . Schon von weitem zeigten Zinnen , hohe Mauern und Bastionen , daß der Ort , einst ein mächtiges Glied im Bunde der Hansa , seine große , wehrhafte Zeit gehabt habe . Der tiefe Graben war noch vorhanden , wenngleich zu Baumpflanzungen und Küchengärten verwendet . - Sein Fuhrwerk bewegte sich , nachdem das dunkle , gotische Tor durchfahren war , etwas mühsam auf dem zerschrotenen Steinpflaster und hielt endlich vor einer freundlichen Wohnung , an deren Schwelle ihn schon der Diakonus empfing . Er trat in einen heitern , behaglichen Haushalt ein , belebt von einer munteren , hübschen Frau , und einem Paar lebhafter Knaben , die sie ihrem Eheherren geboren hatte . Nach dem Frühstück machten sie einen Gang durch die Stadt . Die Straßen waren ziemlich menschenleer . Zwischen alten Schwibbögen , Türmchen , Kragsteinen , Fragmenten von Steinfiguren zeigten sich nicht selten Sumpfstellen , Baumplätze , Grasflecke . Um ein altes Gebäude , mit vier zierlichen Spitzsäulen an den Ecken und einer Kränzung von Rauten und Rosen aus Sandstein sprang ein mutwilliges Wässerchen ; Efeu und wilder Wein hatte sich in den Ritzen des Mauerwerks eingenistet . Ringsumher die tiefste Einsamkeit . » Ist es nicht , als ob man den Geist der Geschichte leibhaftig weben und spinnen sieht ? « sagte der Jäger an dieser oder einer anderen ihr ähnlichen Stelle . » Ja « , versetzte der Diakonus , » man wird hier , wie von selbst , zum Altertume hingeführt , und eine erinnernde Stimmung bemächtigt sich der Seele . Dazu kommt , daß auch ein Teil der Bevölkerung aus menschlichen Ruinen besteht . « » Wieso ? « fragte der Jäger . » Weil es hier sehr wohlfeil leben ist , ferner wegen der Stille des Orts und vielleicht auch wegen seiner dem menschlichen Alter ähnlichen Physiognomie ziehen sich hieher viele bejahrte Leute aus Amt und Geschäft zurück , ihre letzten Tage unter diesem verwitternden Gemäuer zuzubringen « , sagte der Diakonus . » Greiser Beamten und Offiziere , welche hier ihre Pensionen verzehren , betagter Rentner , welche das Comptoir jüngeren Händen überlassen haben , gibt es hier eine Menge . Wenn nun auch viele dieser Ausruhenden nur langweilige alte Tröpfe sind , so stößt man doch auch auf manchen , der sich umgetan hat , einen reichen Schatz von Erfahrung bewahrt und von dem man Dinge zu hören bekommt , die nicht so allgemein bekannt sind . So erzählen gewissermaßen die steinernen Trümmer Geschichte und die Menschentrümmer , welche darunter umherwanken , Memoiren . Hier sollen Sie gleich ein solches Fragment kennenlernen , einen alten Hauptmann ; nur bitte ich Sie , widersprechen Sie ihm in nichts , denn Widerspruch kann er nicht ertragen . « Er klingelte an der Türe eines ziemlich gut aussehenden Hauses , welches hinter Kastanien beschattet lag , ein Diener öffnete und führte mit steifer militärischer Haltung den Besuch in ein Zimmer , welches von Sauberkeit glänzte . Dann ging er den Herrn zu rufen , welcher , wie er sagte , die Hühner füttere . Der Diakonus blickte sich flüchtig im Zimmer um und sagte dann rasch zum Jäger : » Der Hauptmann ist heute französisch , also um Gottes willen keine patriotische deutsche Aufwallung , er mag vorbringen , was er will ! « Der Jäger hatte sich gleichfalls im Zimmer umgesehen . Alles atmete darin das Andenken an die Taten des Empire . Napoleon stand als ganze Figur im bekannten Oberrocke , die Arme gekreuzt , auf dem Schreibschranke , außerdem war er mehrmals in Büsten und Medaillons vorhanden . Da hing Murat in dem bekannten Theaterkostüme zu Roß , Eugen , Ney , Rapp . Es fehlte nicht der General bei dem Besuche der Pestkranken zu Jaffa , der erste Konsul zu St. Cloud und der Kaiser bei dem Abschiede von den Garden zu Fontainebleau . Viele , diesen gemäße Darstellungen reihten sich ihnen an . In einer Ecke des Zimmers sah der Jäger ein Bücherbrett mit den Werken von Ségur , Gourgaud , Fain , Las Cases und andern , welche zu dieser Autorenreihe gehörten . Dennoch hatte er die Mahnung seines Begleiters nicht ganz verstanden und wollte ihn eben um nähere Erläuterung bitten , als der Hauptmann das Zimmer betrat . Es war ein ältlicher Herr in blauem Oberrock , das rote Band im Knopfloch . Durch das hagere Gesicht zogen sich unzählige Runzeln und auch einige Schmarren . Er begrüßte seine Gäste mit trockener Höflichkeit , lud sie zum Sitzen und ließ sich den Namen des Jägers nennen , den der Diakonus ohne Arg aussprach , ehe sein Träger es verhindern konnte . » Ich habe « , sagte der Hauptmann , indem er nachsann , » einen dieses Namens bei den Württembergern in Rußland gekannt . Der Zufall führte uns mehrmals zusammen , bei Smolensk gerieten wir beide in Gefangenschaft , halfen uns aber bald wieder heraus . « » Das war mein Oheim « , erwiderte der Jäger . - Diese Entdeckung gab ihm sogleich einen näheren Bezug zu dem Hauptmann , dessen ganzes Gesicht sich erheiterte . Er drückte dem Neffen seines alten Kameraden die Hand und ließ sich nun in seinen Kriegserinnerungen bis zur Schlacht von Leipzig ungemessen gehen . Dort aber bekamen sie einen Halt und stockten , sozusagen , hinter einem Schlagbaume , über den sie nicht hinwegsprangen . Am Schlusse seiner Erzählungen sagte er : » Es ist um einen großen Mann eine eigene Sache , und die Menschheit schaufelt sein Bild aus dem Schutte hervor , mag das Unglück diesen noch so hoch über ihm aufgetürmt haben . Was haben alle die Siege , die zweimal nach Paris führten , den Siegern in betreff des Nachruhmes geholfen ? Nichts . Es sind Tatsachen geblieben , die alle Welt kalt anhört und weitererzählt , aber der Kaiser , der Kaiser bleibt die einzige Gestalt jener Tage . Er hat die Menschen gequält , und dennoch vergöttern sie ihn , ei , ein wenig Qual ist dem Menschengeschlechte nützer als allzu schlaffes Wohlleben ! Wahrlich , wahrlich , ich sage euch : An den gußeisernen Monumenten mit den spitzigen Kirchendächern werden die Invaliden wachen und die Gegitter den reisenden Engländern aufschließen , aber nur an der Vendômesäule werden jeden fünften Mai frische Immortellen liegen . « Der Diakonus erhob sich ; der Hauptmann fragte , ob er den Fremden nicht noch anderweit zu sehen bekomme , was der Diakonus bejahte , da , wie er hinzufügte , sein junger Freund ihm das Vergnügen machen werde , an der Gelehrten Gesellschaft teilzunehmen . » In ihr hoffen wir diesmal stark auf Sie , liebster Hauptmann « , sagte er . - » Ich werde euch aus den Papieren meines seligen Freundes einen Beitrag liefern , welcher euch zeigen soll , welche Jüngelchen den großen Kaiser geschlagen haben wollen « , versetzte der Hauptmann ironisch . » Das ist ja ein wütender Bonapartist « , sagte der Jäger draußen zum Diakonus . » Tageweise « , versetzte dieser . » Johann , können Sie uns nicht das preußische Zimmer zeigen ? « mit diesen Worten wandte er sich an den begleitenden Diener . Der Mensch sah sich ängstlich um , nach einigem Schweigen antwortete er : » Der Herr wird wohl gleich ausgehen ; treten Sie nur sacht hinein , ich will hier auf Posten bleiben . « - Der Diakonus ging mit seinem Gaste über den Flur nach der andern Seite des Hauses und tat ihm ein Zimmer auf , vor dessen Fenstern Weinranken einen grünen Schimmer verbreiteten und welches eine anmutige Aussicht auf blühende Gartenbeete hatte . Das erste , was dem Jäger auffiel , weil es der Türe gerade gegenüberstand , war ein Tropäon auf hohem Postamente , zusammengefügt aus Kanonen , Waffen , Fahnen , Kriegesgerät . An dem Postamente glänzten in goldenen Ziffern die Jahreszahlen 1813 , 1814 , 1815 und über dem Tropäon an der Wand prangten in einer Einfassung von goldenen Sternen die Namen der Befreiungsschlachten auf weißem Grunde . Die Wände dieses Zimmers waren von den Büsten der verbündeten Herrscher und ihrer Feldherrn geschmückt . Da sah man den Abschied der Freiwilligen , Blücher und Gneisenau in ihren Regenmänteln nach der Schlacht an der Katzbach über die Heide reitend , den Einzug in Paris , die Plane von Leipzig und Belle-Alliance . Und um den symmetrischen Gegensatz zu dem französischen Zimmer zu vollenden , so fehlte auch hier eine kleine Sammlung von Kriegsbüchern nicht , von Deutschen in deutschem Sinne geschrieben . » Nun sagen Sie mir , was bedeutet das ? « fragte der Jäger , welcher die Gegenstände umher mit Verwunderung betrachtete . » Ist Ihr Hauptmann ein Amphibium ? « - » Ein Stück davon « , erwiderte der Diakonus . » Ich höre eben die Türe klinken , er hat das Haus verlassen , ich kann Ihnen mit Muße die Kontraste auslegen , über welche Sie erstaunen . « Er nötigte seinen Gast auf ein Canapé , dann fuhr er so fort : » Unser Hauptmann ist ein rechtwinklichter , schroffer und unvermischter Charakter . Deshalb haben sich seine Erinnerungen wie zwei mathematische Figuren auseinandergelegt . Er diente bei den Franzosen mit großer Auszeichnung ; Sie haben gesehen , daß ihm unter jenen Adlern das rote Band zuteil geworden ist . Nach der Schlacht von Leipzig wurde sein Corps aufgelöst , er war als Deutscher sich selbst und den vaterländischen Verhältnissen zurückgegeben . Indem nun das Kriegsgetümmel weiter raste , und alle Welt gen Frankreich zog , wäre es unnatürlich gewesen , wenn der alte Degen hätte zurückbleiben sollen ; er nahm daher preußische Dienste , und kämpfte mit so vielen andern Tausenden nun auf derselben Seite , welche er noch vor wenigen Monaten zu vernichten sich bestrebt hatte . Auch unter diesen Fahnen war seine Tapferkeit belobt , namentlich soll er späterhin in den mörderischen niederländischen Schlachten wie ein Löwe gestritten haben . Er empfing zu dem Kreuze der Ehrenlegion das Eiserne , jenem so feindlich gewordene . Nach dem Frieden blieb er nur noch kurze Zeit im Heere ; seine Strapazen und Wunden hatten ihn mürbe gemacht . Hieher zog er sich mit seiner Pension zurück , welche ihm ein anständiges Auskommen gewährte . Indem nun jedermann um ihn her in den wiedererworbenen westlichen Teilen des Vaterlandes sich mit seinen Gefühlen einzurichten wußte , die Sympathien des gestürzten Reichs und der neuen Deutschheit amalgamierte , oder wenigstens zusammenschweißte und lötete , wollte es unserem armen störrigen Hauptmann nicht so wohl gelingen . Den Degen in der Faust hatte er ohne Reflexion darauf losgeschlagen , für oder wider ; aber in der Muße und im Nachdenken des Friedens überfiel ihn eine Spaltung und Verwirrung , welche ihn fast toll machte . Er konnte es nicht in sich beherbergen , daß er binnen Jahresfrist ein tapferer Franzose und ein tapferer Preuße gewesen sein sollte , daß er bis zum Oktober la perfidie du cabinet de Berlin habe züchtigen und nach dem Oktober das Vaterland retten helfen . Mit seltsamen Blicken betrachtete er die beiden Orden , die streitbaren Löwen , welche wie friedliche Lämmer nebeneinander auf seiner Brust ruhten . Er stieß Reden aus und verübte Handlungen , die seinen Bekannten bange um ihn machten . Ich weiß von diesen Dingen nur durch andere , denn ich war damals noch nicht hier . Möglich , daß der Zustand durch die Nachwirkung seiner Kopfwunden und des russischen Eises befördert worden ist , doch bin ich überzeugt , daß die Ursache desselben im Geistigen , in dem Leisten- und Fachartigen seines ehrenwerten Sinnes gelegen hat . Endlich nahm sich ein Fieber seiner an , machte ihm Leib und Seele frei . Unmittelbar nach der Herstellung richtete er die sonderbare Lebensweise sich ein , deren Zeichen und Spuren Ihnen aufgefallen sind , und in dieser habe auch ich ihn erst kennengelernt . Er stiftete nämlich militärische Ordnung in seinen Erinnerungen und teilte sie , sozusagen , in zwei abgesonderte Corps ein , die für sich agieren . Eine Zeitlang ist er Franzose und ganz versenkt in die Herrlichkeit der Napoleonischen Zeit , dann wird er wieder eine Zeitlang ebenso entschiedener Preuße und Lobredner des Aufschwungs jener großen Epoche der Volksbewegung . Diese Phasen treten abwechselnd ein , je nachdem ihn eine Vorstellung , die dem einen oder andern Kreise angehört , in Beschlag nimmt , und sie dauern so lange , bis der Stoff der Vorstellung sich abgesponnen hat . Es versteht sich , daß er auch immer nur einen Orden , entweder den preußischen , oder den französischen trägt . Diesem Turnus gemäß hat er denn auch die beiden abgesonderten Wohngelasse sich ausgerüstet , und neben jedem ein besonderes Schlafgemach . Drüben unter den Marschällen bringt er zu , wenn er Franzose ist , und hier bei dem Tropäon verweilt er , wenn er die preußischen Tage hat . Nicht wahr , wir besitzen hierzulande gute Originale ? « » In der Tat « , versetzte der Jäger , » man fühlt sich bei Ihnen wie in der Welt des Tristram Shandy . Übrigens kann ich nicht sagen , daß mir die Manier des guten Hauptmanns , so barock sie auch aussieht , gerade unvernünftig vorkäme . Mancher Deutsche , welcher eine geraume Zeit lang selbst nicht gewußt hat , was er eigentlich war , Franzose oder Deutscher , würde durch sie seinen Charakter reiner und