so als ein schmähliches Fragment liegenzulassen . Es ist nicht billig , daß wir alle büßen , was nur einer der Teilnehmenden gesündigt hat . » Ich wäre einverstanden « , sagte Elsheim , » wenn Mannlich im Zorn nicht sein Ehrenwort darauf verpfändet hätte , den Götz nie wieder zu spielen . Es ist vergebene Mühe , ihn überreden zu wollen . « » Es muß ohne ihn möglich sein « , erwiderte Emmrich , » er bleibe fürs erste ein Märtyrer seines Wortes und alter Lesearten . Meine Rolle des Sickingen kann leicht ein anderer übernehmen , und ich habe längst , wieviel mehr seit unseren Proben , die Rolle des Götz genau in meinem Gedächtnis . Nur rate ich , wenn wir es noch unternehmen , daß wir dazutun , bevor die Baronesse zurückkommt , die es übel empfinden dürfte , wenn sie sähe , daß wir den gescheiterten Wrack wieder zum Segeln bringen wollten . « Alle waren über den Vorschlag erfreut , am meisten der junge Cadet , der in Verzweiflung darüber gewesen war , daß er seine interessante Rolle des leidenschaftlichen Franz nicht hatte zu Ende führen können . Auch Charlotte , sowenig sie es wollte merken lassen , war sehr zufrieden , die Adelheid zu Ende zu spielen ; Albertine war willig ; selbst die Tante ließ sich bewegen , sich noch einmal in der häuslichen Tugend der Elisabeth zu zeigen , und Dorothea lachte laut auf , daß sie noch einmal als Georg mit ihren kecken Reden auftreten sollte . Der Graf Bitterfeld war leicht umgestimmt , und der Schulmeister triumphierte , als er am Abend vernahm , daß sein Selbitz noch einmal zu Ehren kommen sollte . Ein junger Verwalter eines benachbarten Gutes , ein verständiger Mann , war leicht in den Charakter des Sickingen eingelernt , und die Bauern , der Schulze und die Dienerschaft sahen mit Spannung und Neugier der wiederholten Aufführung des nationalen Schauspiels entgegen . Elsheim mußte sich aber wirklich gefallen lassen , noch außer dem Weislingen den Zigeunerhauptmann zu übernehmen , weil der Förster taub gegen alle Bitten und Vorstellungen blieb . Schon nach einigen Tagen war das große Werk zur allgemeinen Zufriedenheit vollendet worden . Alle gestanden laut , daß durch die bessere Darstellung des Götz das Gedicht in der Wiederholung ein ganz anderes geworden war , als es sich im ersten Versuch gezeigt hatte . War vorher Götz ruhmredig erschienen , prahlend und rechthaberisch , hatte er durch eine fürchterliche Deutlichkeit der Aussprache den biederherzigen Mann langweilig und anmaßend hingestellt , so waren jetzt alle von der Liebenswürdigkeit des Ritters ergriffen , durch seinen Edelmut gerührt und von seinem tragischen Schicksal und Lebensende tief erschüttert . In Weislingens Sterbeszene war Maria so hingerissen , und in Rührung aufgelöset , daß sie kaum die wenigen übrigen Szenen noch spielen konnte , und als der Vorhang zum letztenmal fiel , begab sie sich sogleich zur Ruhe , ohne an der Abendtafel zu erscheinen . An dieser erschien der junge Cadet , der nach der Anstrengung den Wein nicht geschont hatte , ganz ausgelassen , besonders da er von der ältern Schwester Albertine nicht beobachtet und gezügelt werden konnte . In seinem Rausch verhehlte er es nicht , wie sehr er Charlotten verehre , und da seine Ausdrücke immer poetischer , sowie seine Erklärungen immer deutlicher wurden , so wurde Leonhard zu seiner Beschämung und seinem Schrecken inne , daß er eine stechende Eifersucht empfinde . Es war ihm daher sehr erwünscht , als Elsheim auf eine milde Art den jungen Menschen zurechtwies , und Adelheid , Charlotten , von seinem Ungestüm erlöste , die sich um diese erwachende Leidenschaft nicht zu kümmern schien , indem sie alle hyperpoetischen Reden des Cadetten nur mit heiterm Lachen beantwortete . Am anderen Morgen war Elsheim sehr durch den unvermuteten Besuch Mannlichs überrascht . » Ja , ja « , sagte dieser zum erstaunten Freunde , » ihr wollt mich nicht und denkt , ich habe mich selbst , wer weiß auf wie lange , verbannt ; aber so ist es nicht gemeint : ich war böse , bin aber jetzt wieder gut , ja ich war selbst gestern incognito im Parterre und habe euer Spiel mit angesehen . Ich hätte fast Lust , einen dramaturgischen Aufsatz über diese eure Aufführung zu schreiben . Lieber Himmel , wie wenig ist doch eigentlich dem Dichter sein Recht widerfahren ! Der Götz war ohne Kraft und Nachdruck , kein Wort konnte mich in die alte Zeit versetzen , alles wurde so schnell und natürlich gesprochen , wie es heutzutage auch geschehen kann ; gerührt war er ein paarmal , wo er sich gerade als Held zeigen sollte . Dein Spiel als Weislingen war im ganzen vortrefflich , doch nicht ohne bedeutende Fehler ; in der Sterbeszene drücktest du zu wenig die Wirkungen des Giftes aus , was doch gewiß Krümmungen , Auffahren und Konvulsionen erregen muß . Von Albertinen weiß ich nichts zu sagen , denn sie spielte so , als wenn es gar keine Rolle wäre ; sie sprach , wie sie immer spricht , und deshalb hat mich auch die Tante nicht befriedigt , die bei weitem nicht erhaben genug war . Unerträglich war dein Freund , der Professor Leonhard ; als Mönch so weinerlich und gelassen , und als Lerse so plump , gar kein vornehmer , poetischer Ton . Die kleine Dorothea war allerliebst , neckisch und komisch , dabei nicht ohne Natur , wie sie denn überhaupt ein Naturkind ist . Über alles Lob erhaben war Charlotte . In ihr sah man doch einmal eine Dame , und wie verführerisch , wie reizend ! Ich habe es wohl bemerkt , daß sie dich mehr als einmal in Verlegenheit setzte , denn sie ist wirklich gar zu liebenswürdig . Der Graf Bitterfeld zeigte sich als ein denkender Schauspieler , er wird nichts , was er unternimmt , ganz verderben - aber der Schulmeister ! und der Cadet ! Es ist doch nichts unerträglicher , als wenn Menschen , die gar keine Anlage haben , sich in einem Talent zeigen wollen , was ihnen so ganz und völlig versagt . Diese Szenen waren unleidlich . Dann störte es auch die Illusion zu sehr , daß du zuletzt noch als Zigeuner wiederkamst . Du hattest dich zwar wundervoll entstellt und verkleidet , es half dir aber nichts , denn ich kannte dich doch wieder . « Viele von der Gesellschaft waren auf Spaziergängen zerstreut ; die freundliche Dorothea war bei Albertinen , die sich unwohl fühlte und welche von der Kleinen liebkosend gepflegt und getröstet wurde . » Liebchen « , sagte sie jetzt eben , » laß nur die Tante nichts von diesen deinen Empfindungen merken , denn so gut sie ist , so würde es dir doch Verdruß machen und nicht ohne Beschämung abgehen können . « » Du irrst dich « , sagte Albertine eifrig , » du irrst dich völlig . Mir ist überhaupt nicht wohl , und das Spiel gestern hat mich übermäßig angegriffen . Das Gedicht selbst ist ja von einer Kraft und so herzzerreißender Wehmut , daß diese Worte schneidend durch Mark und Gebein gehen . Ich begreife die andern nicht , die nachher noch heiter , ja lustig sein können . Unsern Elsheim verstehe ich gar nicht , denn ich hatte ihm diesen Leichtsinn nicht zugetraut . Selbst in den Zwischenszenen konnte er mit Charlotten lachen und scherzen . Sie freilich , die niemals fühlt , die mit dem ganzen Leben und mit allen Empfindungen nur ein Spielwerk treibt , sie hat ihre Freude daran , nur alle zu ärgern und zu kränken . Ihre Gefallsucht ist so unersättlich , daß sie jeden Mann durch ihre Künste in ihr Netz zieht ; selbst den Knaben , meinen Bruder , verschmäht sie nicht . Hast du es nicht bemerkt , wie sie sogar den Stelzfuß , den alten Schulmeister , freundlich anlacht ? « » Sei nicht bitter , Kindchen « , erwiderte Dorothea freundlich ; » du weißt ja , wie über diese wunderlichen Launen selbst die Tante niemals etwas vermocht hat . Es ist doch eine poetische und fast wieder unschuldige Koketterie , wenn diese Charlotte allen Männern ohne Ausnahme gefallen will , und wenn es ihr Spaß macht , jeden , indem sie seine Schwächen kennt und benutze , auf eine Zeitlang zu ihren Füßen zu sehen . So war sie immer , und sie wird sich jetzt nicht ändern . Du bist ihr böse , weil sie auch schon unsern Leonhard verblendet hat . Es ist nur zu sichtlich , wie schmachtend er an ihren schönen Augen hängt . « » Auch Leonhard , meinst du ? « erwiderte Albertine , » das hatte ich bis jetzt noch nicht bemerkt ; mir schien es , die habe es in diesen Tagen allein auf unsern Elsheim angelegt . Mag sie doch , was kümmert es mich ! Und mögen alle Männer dieser gleißenden Herzlosen folgen und sie vergöttern , ist es doch einmal das Schicksal der Besseren , immerdar verkannt zu werden . « - Sie weinte von neuem , trocknete dann in heftiger Eile die Augen und warf sich an Dorotheens Busen . Auch die stets heitere Dorothea weinte jetzt . » O daß dich diese Leidenschaft hat ergreifen müssen , du armes Kind « , sagte sie dann , » gerade zu diesem fremden Manne , der uns allen unbekannt ist ! Es richtet dich zugrunde , denn er scheint dir weniger als den andern zugetan ; er ist wahrscheinlich längst vermählt , hat Kinder und wohnt weit von hier , ist ein Bürgerlicher , schwerlich reich , sowenig als wir . Was kommt da alles zusammen , um dich zu quälen , um dein Leben durch und durch zu vergiften ! Und immer noch willst du mir diese Liebe ableugnen , du zwingst dich zur Verstellung , und dennoch muß ich fürchten , daß schon mancher andere deine Leidenschaft bemerkt und erkannt hat , denn du kannst deinen Gram , besonders in seiner Nähe , zu wenig bemeistern . « » Du machst , daß ich wider Willen lächeln muß « , antwortete Albertine ; » dein Mißtrauen und deine Teilnahme irren , durchaus irren sie ; mein Herz ist frei , und mein Gemüt wird von ganz anderm Kummer gedrückt . Aber dieser Leonhard ! Es wäre doch schade um ihn , wenn er sich auch von den Augen Charlottens bestricken ließe . Dieses treue , redliche braune Auge , aus welchem ein edles weiches Gemüt so zuversichtlich schaut , daß der bessere Mensch ihm vertrauen und ihn lieben muß . Ja , lieben , aber nicht , wie du es irrig meinst . Hast du wohl recht auf sein Spiel geachtet ? Wie edel er alles vortrug und doch so einfach , ganz dem Charakter angemessen . Vielleicht hätte er den Weislingen besser als der Vetter dargestellt , und doch sprach der Leichtsinnige auch manches Wort so , daß es aus dem Herzen zu kommen schien . Wie hat er mich gerührt mit diesen weichen , einschmeichelnden Tönen ! Ich fragte mich dann : Ist es möglich , daß man so sprechen kann , ohne wirklich zu empfinden ? Das ist das Sonderbare und Fürchterliche , daß es der Lüge möglich ist , so ganz den Schein der Wahrheit anzunehmen . « » Närrisches Mädchen « , sagte Dorothea lachend , » es war ja auch nur eine Komödie , welche er spielte . « Hier wurden sie unterbrochen , denn die Tante trat in ihr Zimmer . - Leonhard hatte sich in den nahe gelegenen schönen Buchenwald begeben und kam jetzt durch den Garten von seinem langen Spaziergange zurück . Sowie er durch die Pforte in die Lindenallee trat , stand Charlotte im ganzen Reiz ihrer Schönheit vor ihm , lächelnd ihm entgegentretend , als wenn sie ihn erwartet hätte . » Sie werden uns ungetreu « , sagte sie dann , » wenn uns die Komödie nicht vereinigte , so würden Sie immer in Feld und Wald umstreifen . « » Konnt ich glauben « , erwiderte er , » daß man mich vermissen möchte ? und daß gerade Sie mir diesen freundlichen Vorwurf machen würden ? « » Artige Worte « , erwiderte sie lachend , » der ewige Text , um den sich die Unterhaltung der Gesellschaften dreht ; die Auslegung ganz willkürlich , so oder so , und meist ohne Ernst und Wahrheit ; Gespräch , um zu sprechen , so wie oft Noten zu Dichtern entstehen , bloß um Noten zu machen . - Aber wie waren Sie mit der gestrigen Darstellung zufrieden ? « » Von Ihnen will ich nicht sprechen « , antwortete Leonhard , » denn Sie würden mich doch nur als einen Schmeichler abweisen und wenn man entzückt ist , ist man nicht gerade in der Stimmung , um ein Urteil zu fällen . Aber haben Sie nicht auch die Darstellung Emmrichs bewundert ? Er war unter uns Männern doch eigentlich allein nur der Meister . Dieses Verwirklichen aller Empfindung so ohne Anstrengung ! jede Szene so gegeben , als könnte es eben nicht anderes sein ! so daß jeder Zuschauer der Meinung sein mußte , er selbst würde es gerade eben auch so und nicht anders gemacht haben . « » Ein Spiel « , sagte Charlotte , » so wie Sie es beschreiben , ist gewiß der Triumph der Schauspielkunst . Wohl versteht es unser Emmrich ganz anders , als der Baron Mannlich . Indessen wollte ich doch , man hätte ein anderes Stück gewählt . « » Das wünschen gerade Sie ? « sagte Leonhard mit einigem Erstaunen , » wo möchten Sie einen Charakter antreffen , in welchem Sie so allen Zauber der Lieblichkeit , des Reizes , der Verführung und des feinen Anstandes entwickeln könnten ? « » Sie geraten doch in jene Schmeichelei « , bemerkte sie , » der Sie ausweichen wollten . Das Stück aber hat auf keine Weise meinen Beifall . Der Götz geht zu schmählich unter , und man begreift nicht , weshalb ; die innere Notwendigkeit tritt nicht deutlich genug hervor . « » Wie ? « sagte Leonhard , » fühlen wir diese nicht in jedem Wort ? Sehen wir sie nicht in jeder Szene ? Die bessere Zeit geht unter , und mit ihr der brave Götz , ihr Repräsentant ; sie wird verdrängt oder erdrückt von einer anderen , die uns als die der List und Verstellung , der Unwahrheit und Treulosigkeit gemahnt ; ihre Repräsentanten , Adelheid und Weislingen , gehen aber ebenfalls in dem Sturm der Begebenheiten zugrunde , den sie erregt haben , den sie aber nicht bewältigen können . « » Und dann « , sagte Charlotte , » tritt ein anderes Zeitalter auf , das für uns jetzt Lebende auch schon ein längst veraltetes ist ; dieses verspielt sich wieder an einem einbrechenden , welches als das schwächere und schlechtere erscheint ; und so geht es immer fort , und das ist die Täuschung der Geschichte , die , so vorgetragen , vielleicht kein wahres Wort enthält . « Leonhard ward nachdenklich und sagte dann : » Die Zeitalter wechseln wohl in Güte und Schlechtigkeit ; bald tritt diese , bald jene Vortrefflichkeit mehr und deutlicher hervor , und die Aufgabe ist , an diesen Zeichen die Zeit zu erkennen . « » Gut « , sagte sie , » mögen das die Gelehrten und Denker tun ; unsereins versteht nur das , was ewig wiederkehrt , nie wandelt , weil es selbst der Wandel ist . « » Und das wäre ? « - » Ei nun , jene Schwäche der menschlichen Natur , die auch den rührenden und interessanten Teil unseres Schauspiels bildet ; dieser Weislingen , der so meisterhaft geschildert ist , in welchem sich die menschliche Natur selbst und das eigentliche Wesen der Männer so unvergleichlich präsentiert . « » Sie meinen also - « » Jawohl « , fiel sie schnell ein , » der Weislingen ist der Mann selbst , das heißt , der wirkliche , der interessante , von dem es sich zu sprechen lohnt . Denn was wäre die Welt , wenn alle Männer so bieder , treu , unerschütterlich wären , wie dieser alte Freibeuter , der Berlichingen ? Und was würde in aller Welt das Stück selbst für eine triste Physiognomie haben , wenn Weislingen und Adelheid nicht Leben und Frische hineinbrächten ? Und so war es gewiß immer und zu allen Zeiten . Und Götz selbst ! fällt er nicht fast ohne Ursache von seiner Treue ab , um der Anführer der rebellischen Bauern zu werden ? Dies Gelüst war seine neue Geliebte , die ihn zur Treulosigkeit verführte , und er muß , wie Weislingen , nur seinen eigenen Fehler büßen . Alle Hochachtung vor Tugend und Wahrheit ! aber herrschten sie allein in der Welt , so gäbe es wenigstens keine Poesie . « Leonhard mußte über diese Ketzerei lachen und wußte doch im Augenblick dieser seltsamen Behauptung nichts entgegenzusetzen . » Können Sie mir unrecht geben ? « fuhr sie nach einiger Zeit fort ; » in der römischen Geschichte stehen Antonius und seine Kleopatra ebenso glänzend und unglücklich da , und wo sich mein Auge hinwendet , schon von der Iliade an bis zu unserem Wieland und Clavigo und der Stella , ist immer die weiche , liebe , interessante Verführbarkeit des Mannes der Gegenstand der schönsten Gemälde und anziehendsten Verwicklungen . Jene festen , unerschütterlichen , dem Reiz und der Schönheit unzugänglichen sind eben keine echten Männer , sondern nur Larven und widerwärtige , wenigstens gleichgültige Gespenster . « Leonhard war während dieser Rede nach und nach ernsthaft geworden . » Nicht wahr « , fuhr sie fort , » wer gar nicht , gar nicht wanken könnte , den dürfte man doch eigentlich auch nicht treu nennen ? Seine Natur ohne weiteres wäre einmal so eingerichtet , und Schönheit und Reiz und mit ihnen Versuchung fänden keinen Eingang bei einem solchen . Liebe - so sprechen die Menschen - und was ist sie denn ? Ist sie denn nicht auch Talent ? Und wenn das , erfordert sie nicht Übung , Erfahrung ? Und wenn sie ein Lebendiges ist , eine Wirklichkeit , kein totes Wort , muß sie sich nicht in jedem Wesen anders gestalten ? Die Leute schelten jetzt auf die Stella , aber das ist es , was Goethe so deutlich empfunden und dargestellt hat . Kann Ferdinand die ältere Gattin so lieben , ja auch früher so geliebt haben , wie jene wunderbare Stella , die ihn mit ihren tiefen Empfindungen an sich gerissen hat ? Und dieses Gedicht der Treulosigkeit nannte unser Goethe damals beim Erscheinen : ein Schauspiel für Liebende . Und mit Recht ; denn nur derjenige , der die Liebe empfunden und erlebt hat , kann es wissen , wie das Herz wohl so gestimmt sein kann , daß es die neue , höhere Liebe nur fühlt und rein in ihr lebt , wenn eine andere , auch echte Zärtlichkeit ihr fast schwesterlich Gesellschaft leistet . Ich spreche von Männern , denn bei Frauen äußert sich das geheimnisvolle Leben dieser Gefühle gewiß auf verschiedene Weise . « Sie traten jetzt wieder in jene abgelegene kühle Laube , deren grüner duftender Schatten sie zum Sitzen einlud . » Darin « , fuhr sie fort , als sich beide gesetzt hatten , » ist auch Goethe so groß und einzig , daß bei ihm jedes Verhältnis der Liebe so etwas Eigenes und Individuelles hat , wie bei keinem andern Dichter , und diese Verhältnisse , die er schildert , sind wieder unter sich so abgesondert und eigen gehalten , daß man jegliches selbst mitzuerleben glaubt . Der Frühling ist freilich immer und allenthalben schön , er ist stets Frühling , aber er blüht mir doch anders am Genfersee als in der Mark entgegen , und so muß Liebe , obgleich sie innere Bezauberung bleibt , doch in jedem andern Wesen mit eigener Süßigkeit und Frische in ganz verschiedenen Traumgestalten sich aussingen und dichten . Und das , lieber Leonhard , sollte nicht zur sogenannten Untreue verlocken ? sollte diese nicht selbst zu einem höchst poetischen Gewerbe machen ? « Sie sah ihn fragend mit den schönen dunkeln Augen an . Er reichte ihr die Hand und sagte nur ganz kurz : » Ich muß Ihnen recht geben . « Sie drückte seine Hand mit inniger Zärtlichkeit und sagte seufzend : » O du ! Du Lieber ! « - Sie neigten sich zueinander , und ein heftiger langer Kuß brannte auf ihren vollen Lippen , den sie erwiderte . Dann sahen sie sich an , Hand in Hand , ohne zu sprechen ; bloß ganz leise sagte Leonhard : » Lottchen ! Du ! Süße ! « Als sie nach einer Weile aufsahen , stand Elsheim vor ihnen , welcher sagte : » Ich suche Sie allenthalben , denn es ist Tischzeit . « - - » So ? schon ? « sagte sie ganz gleichgültig und stand auf , Elsheims angebotenen Arm anzunehmen . Leonhard war hastig und in großer Verlegenheit aufgesprungen . Er wußte nicht , wie lange der Freund schon zugegen gewesen , ob er den Kuß bemerkt habe , was er denken möchte . Alle diese Vorstellungen ängstigten ihn , und er folgte den beiden fast träumend . Es war ihm lieb , als sie Albertinen und Dorothea im Garten trafen . Indem sie über eine Brücke gingen , nahm Albertine , die jetzt sehr heiter und freundlich schien , Leonhards Arm , um sich auf ihn zu stützen . Sie sah ihn dabei so hell und fast zärtlich an , daß er sich einbildete , sie drücke im Gehen seinen Arm , und er konnte sich nicht erwehren , durch einen Gegendruck diese Freundlichkeit zu erwidern . Dorothea , welche voranlief , stand plötzlich still und sah sich bedeutsam nach ihnen beiden um . Es war auffallend , daß Albertine in diesem Augenblick errötete , und Leonhard mußte in seinem Gemüt die auffallende Schönheit seiner Begleiterin , sowie ihr holdseliges Wesen erwägen . In sich selbst sah er wie in eine dunkle Tiefe hinein , und die Frage drängte sich ihm lästig auf : Was will ich denn ? Bin ich von jener gefangen und soll hier auch an dieser Schönheit stranden ? Welcher Unterschied zwischen den beiden reizenden Wesen ! Wie zwei verschiedene Welten ! Ja wohl ist unser Herz unersättlich , und es fordert Kraft und Tugend , diesem Durst zu widerstehen ; doch matt ist unser Gefühl , indem wir unsere Stärke üben . Und was erfolgt , wenn dies nicht geschieht ? Bitteres Erwachen aus süßen Träumen ! Sie traten jetzt in den Saal , und auch Elsheim schien zerstreut , fast übellaunig , bis Wein und Speise und mannigfaltige laute Gespräche alle in den Strom der geselligen Heiterkeit hineinzogen . Elsheim saß neben Charlotten und sprach sehr eifrig mit ihr ; Leonhard hatte neben Albertinen Platz gefunden , und diese blieb während der Mahlzeit heiter . Auch den Dienstleuten hatte Elsheim an diesem Tage ein kleines Fest gegeben . Die Schulzen waren zugegen , sowie alle diejenigen , die als Knappen , Knechte , oder Zigeuner ausgeholfen hatten , und selbst der Förster , der den Zigeunerhauptmann nicht hatte spielen wollen , ließ sich jetzt seinen Anteil am Schmause nicht nehmen . Obenan aber prangte der Schulmeister , durch seine gelungene und vielgepriesene Darstellung des lahmen Selbitz verherrlicht . Er war so beglückt und von dem Beifall , den er allgemein erlangt hatte , so berauscht , daß er an der ziemlich langen Tafel fast niemand zu Worte kommen ließ , und wenigstens die andern alle mit seiner tönenden Stimme überschrie . » Habt ihr es wohl gesehen und bemerkt « , sagte er jetzt mit kräftigem Ton , » wie meine Rolle , dieser Selbitz , eigentlich , wenn man die Vernunft zu Hülfe nimmt , die Hauptperson im ganzen Stück ist ? Ohne ihn kann der Götz nichts machen , gar nichts ; gleich muß zu dem Lahmen geschickt werden , der auch zehnmal klüger ist , als der Herr Berlichingen selbst . Er traut gleich dem Weislingen nicht ; er weiß , daß an dem höfischen Gesellen kein gutes Haar ist . Und wäre ihm nur der Götz immer gefolgt , so würde alles besser gegangen sein . Er schlägt und siegt und ist sich und seiner Sache immerdar treu und unerschütterlich . Nun wird er aber im vollen Siege verwundet , er wird vom Schlachtfelde getragen : da zeigt er sich noch einmal in seiner ganzen Pracht , denn gewiß ist dieser Auftritt der schönste im ganzen Stück . Er kann aber nicht mehr mitfechten , er muß nach Hause , um sich kurieren zu lassen , und nun ist es eigentlich auch mit dem Herrn Götz zu Ende , denn von nun an geht alles mit ihm abwärts , er muß sich gefangen geben , und selbst der hochmütige Sickingen kann ihm im wesentlichen nichts nutzen . Auch nachher nicht , und noch viel weniger der armselige Zigeunerhauptmann , der auch so große Worte in den Mund nimmt und Blut und Leben für ihn lassen will . Was können nun Lerse , Maria , selbst Weislingen für ihn tun ? So gut wie nichts ; der arme Mensch muß zugrunde gehen , weil er seinen tüchtigen Selbitz nicht mehr hat , der wahrscheinlich an seinen Wunden gestorben ist , weil er gar nichts mehr von sich sehen und hören läßt . Seht , Kinder , so liegt eine sehr schöne Moral in dieser Sache , daß so oft unansehnliche Männer , die nur in einem kleinen Wirkungskreise leben , doch die allerwichtigsten im ganzen Staate sind , wie denn das auch der Kaiser Maximilian wohl eingesehen hat , der diesen Selbitz gar zu gern zu seinem Feldherrn gemacht hätte . Es hätten eigentlich alle Schulkinder dies Meisterwerk mit ansehen müssen , hätte es nicht an Platz gemangelt . Ja , Freunde , wenn der verständige Selbitz noch gelebt hätte , so würde sich unser etwas bornierter Götz niemals mit dem dummen Bauernvolk eingelassen haben . « Hier erhob sich plötzlich der Schulze in großartigem Zorn . » Schimpft nicht « , Schulmeister , rief er aus , » wenn Euch nicht dies Weinglas an den Kopf fliegen soll . Weil Ihr den lahmbeinigen Reitersmann gespielt habt , als Komödiant , dürft Ihr darum unsersgleichen nicht verachten und niederträchtig machen . « » Ich schimpfe nicht , Mann « , schrie der Schulmeister dagegen ; » die Leute dort , versteht , sind ja keine verständigen Bauersmänner , sondern im Gegenteil nur Rebellen und Mordbrenner . « » Sie mögen auch nicht unrecht gehabt haben « , rief der Schulze laut , aber doch etwas besänftigt ; » wir hören ja auch im Stück , daß ihre Herrschaften ihnen das Fell über die Ohren gezogen haben und das ist , mein Seel , keine angenehme Empfindung . « » Ihr sprecht in der Art ganz vernünftig « , sagte der Schulmeister , denn Ihr seid einer der verständigsten Männer , die mir vorgekommen sind . Aber die Bauersleute gingen gleich über die Grenze aller Billigkeit , folgten den schlechtesten Ratschlägen und wurden Mörder und Kannibalen , schlachteten Schuldige und Unschuldige und verbrannten und beschädigten , wie Ihr es ja gesehen habt , den Bauernstand selber . Und das ist denn auch wieder moralisch und auferbaulich , wenn man sieht , wie ein solcher Aufstand immer wieder gegen sich selber wüten muß . Und darum hätte sich Götz , der doch einen ehrlichen Mann vorstellen will , nicht mit ihnen einlassen sollen . Aber es bekommt ihm auch schlecht , wie ihr alle gesehen habt . Seinen Feinden , die ihn stürzen und die dem so ziemlich rechtlichen Manne gegenüber ganz niederträchtig sind , geht es aber noch elender , und das ist nun eben die große und eindringliche Moral von dieser Sache , die sich jeder wohl zu Herzen nehmen soll . Wie überhaupt das ganze Komödienstück eine der allermoralischsten Arbeiten ist , die nur in der ganzen Welt zu finden sein mögen . Alle die Schlechten gehen unter und auch diejenigen , die sich haben verleiten lassen , und nur die ganz Schuldlosen bleiben übrig , wie die Elisabeth , Maria und Lerse . » Aber der Georg muß doch auch daran glauben « , sagte der alte Förster , » und der hat doch kein Wasser getrübt und war seinem Herrn so treu und ergeben , und Euer Selbitz , mit dem Ihr so hoch hinauswollt , hat doch auch so viel abgekriegt , daß er wohl gar verendet hat , oder sich nicht wiedersehen lassen kann , weil er zu miserabel ist . Denn wenn der Stelzfuß wieder gesund und stark wäre und ließe sich doch nicht wiedersehen , weil die Sachen etwa jetzt zu mißlich ständen , so wäre der Schreihals , mein Seel , gegen seinen alten Kumpan , den Götz , nur wie ein Lumpenhund ! « » Forstmann ! « rief der Schulmeister , » so quer müßt Ihr um des Himmel willen die Sachen nicht nehmen , das ist ja ein ganz falscher Gesichtspunkt . Der Dichter muß es am besten wissen , warum er den tüchtigen Stelzbein nicht wieder auftreten läßt . Daß wir ihn nicht wiedersehn , daß wir gar nichts weiter von ihm hören , als ganz zuletzt ein einziges Wort , scheint mir eben der größte Fehler des Stücks zu sein . Er konnte , wie bei Weislingens Bund , den Götz vom Bauernkriege abraten ; er konnte zum alten Kaiser reiten und dem die ganze Kabale