Einfluß auf seinen Entschluß hatte . Dies grade ist es , was Euern Vater beschäftigt , worüber er von Euch Auskunft hofft . - Da ich einmal angefangen habe zu sprechen , in der Hoffnung , meinen Gemahl dadurch nicht zu beleidigen , und in der Gewißheit , daß mein Vater stets die Gefühle der Gattin in mir schonen wird , so will ich jetzt , wofern sich auch meinen Worten irgend etwas gegen die Absicht meines Gemahls enthüllen lassen sollte , Euch Alles sagen , was mir selbst davon bekannt werden konnte , ohne die Grenzen überschreiten zu dürfen , die mir wohlanständig waren . Der Herzog empfing in meiner Gegenwart einen Courier vom Prinzen und reiste schon am Abende ab , indem er mir sagte , daß der Prinz ihm Dinge von Wichtigkeit mitzutheilen habe . Es hat in Bezug auf den Prinzen immer unter uns diejenige Zurückhaltung in unsern Mittheilungen geherrscht , die man sich auch in den nächsten Verhältnissen schuldig ist , wenn das Interesse Anderer dabei betheiligt ist , oder eine uns bekannte und nicht auszugleichende Verschiedenheit der Meinungen obwaltet . Ich suchte nie meinen Gemahl von diesen Zusammenkünften abzuhalten , die ihn mir oft und auf lange raubten . Ich fragte nie nach der Zeit seiner Rückkehr , wenn er nicht die Güte hatte sie mir selbst anzuzeigen ; aber eine lange Erfahrung ließ mich stets eine Trennung von mehreren Wochen fürchten . Ich ward daher sehr überrascht , als ich ihn den nächsten Tag zurückkehren sah , und der unwillkürliche Schrecken , der mich ahnend zurückbeben ließ , fand sich nur zu sehr gerechtfertigt durch das veränderte Ansehen meines Gemahls . Seine edeln , offenen Züge waren der Verstellung unfähig , und ich sah in ihnen einen sanften Schmerz , einen Ausdruck von Unruhe und eine besorgte Zärtlichkeit um mich , die mir das Herz um so mehr belastet , da ich vergeblich einer Aufklärung entgegen sah . Erst nachdem er sich und mich bis zum andern Tage mit seinem Schweigen beunruhigt hatte , erhielt ich durch die Anzeige seiner Reise nach Spanien eine theilweis traurige Auflösung . Er sagte mir nämlich , er wolle den lang genährten Wunsch meines Vaters erfüllen und ihm Robert vorstellen . Nach diesen Worten schwieg er , und ich mit ihm , denn von dem Augenblicke an ergriff mich der namenlos bittere Schmerz seines Verlustes , und die Qual des Geheimnisses , das über diesem Ereignisse ruhte , zerschnitt mir das Herz . Ich wagte ihn an die Jahreszeit , an die Abwesenheit Richmonds zu erinnern , wodurch der Wunsch meines Vaters nur halb erreicht werden könnte . Er schwieg , nahm liebevoll meine Hand und sagte mit einem Tone der Weichheit , der nie aus meinem Gedächtniß kommen wird : Ich muß dennoch reisen ! Ich nahm nun all meinen Muth zusammen und erwiederte ihm : So sei Gott mit Euch , ich werde aller Welt sagen , daß Ihr unsern Sohn meinem Vater vorstellen müßt . Nach dieser Ergebung in seinen Willen sagte er mir tausend Worte der Liebe , die mir seine Dankbarkeit verriethen , daß ich ihn schonen wollte . Aber ich täuschte mich so wenig , als er selbst . Wir wußten bei unserer Trennung , daß wir uns nicht wiedersehen würden ; unser Schmerz konnte durch nichts als durch diese Ahnung gerechtfertigt werden . Ihr wißt jetzt Alles . Es blieb mir nie ein Zweifel , daß der Prinz ihn zu dieser Reise bestimmt , zu welchen Zwecken jedoch , ist mir , wie Ihr seht , unbekannt und muß auch meinem Vater unbekannt geblieben sein , denn er kam ja nur zu ihm , um sein Sterbelager zu besteigen . Graf Archimbald fühlte sich nach der Beendigung dieser Erzählung von Theilnahme und Achtung für seine edle Schwägerin erfüllt ; dies verlieh ihm jene Wärme und Güte des Ausdrucks , der , leicht verständlich , dem Herzen so wohlthuend , besonders wenn er von Personen kommt , zu deren Gefühl man sonst schwer Zugang gewinnt . Er hat bei dem wahren und tiefen Ausdruck von Schmerz und Edelsinn , womit die Herzogin gesprochen , fast ganz den politischen Zweck der Sache vergessen , und die gefühlvollen Worte , womit er die Leidende zu ehren wußte , führten diese beiden einander so würdigen Personen für einige Zeit ohne das gewöhnliche Rüstzeug ihres Verstandes zu einander . Die Herzogin erinnerte ihn selbst an seinen Zweck , indem sie ihn bat , ihr zu sagen , ob ihr Vater aus den letzten klaren Tagen des Herzogs vor der Zunahme seiner Krankheit , die so bald seinen schönen Geist verdunkelte , über seine eigentlichen Absichten habe Schlüsse machen können , und Graf Archimbald theilte ihr nun , theils erzählend , theils lesend , Stellen aus den Briefen des Grafen mit . Der Herzog war erkrankend angekommen , dennoch nach einer kurzen Zwischenzeit , die er dem Erguß der verwandtschaftlichen Gefühle gegönnt , hatte er nach allen , auf die im Werke stehende Vermählung des Prinzen und der Infantin bezughabenden Umständen gefragt . Als aber der Graf seinerseits von ihm , als dem genauesten Freunde des Prinzen , über dessen Stimmung habe Auskunft haben wollen , sei er von ihm auf spätere Mittheilungen verwiesen worden , die nachher nicht mehr erfolgen konnten . Während seiner Phantasien war er stets mit seiner Vorstellung bei Hofe und einer Privat-Audienz bei der Infantin beschäftigt . Zuletzt rief er noch mit qualvoller Angst den Prinzen , bis Alles ohne Deutlichkeit in der Nacht seines zerstörten Geistes untertauchte . So fürchte ich , hob die Herzogin nach einer Pause an , wird mein Vater seinem eigenen Scharfsinn überlassen bleiben . Aber sagt mir Mylord , so ihr es dürft , ist über die Wünsche des Prinzen , die er , wenn ich offen mich erklären darf , so abenteuerlich durch seine Reise nach Spanien an den Tag gelegt , ein Zweifel ? und worüber ? und wohin gewendet ? Wie sonderbar und widersprechend es auch erscheinen möge , erwiederte Graf Archimbald , so glaubt dennoch Graf Bristol , daß grade der Prinz in seinem Innern am entschiedensten gegen diese Verbindung ist , daß seine Reise sowol , wie seine Versöhnung mit Buckingham das letzte Mittel war , um eine Störung in diese Angelegenheit zu bringen , ohne durch eine offene Weigerung den König , seinen Vater , zu beleidigen . Der Graf konnte während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit den Prinzen zu keiner offenen Erklärung über eine Sache bringen , die ihn doch allein dorthin geführt zu haben schien . Er erzählte dem Grafen unaufhörlich , wie es ihn überrascht habe , in Spanien , das jüngst noch gegen England entbrannt war , bei seiner plötzlichen Ankunft , auf die das Land von Hofe aus unmöglich vorbereitet sein konnte , auf kein Hinderniß oder irgend eine Beleidigung gestoßen zu sein . Es glich dies Erstaunen fast einer getäuschten Erwartung . Ebenso war , bei der übrigen Kälte des Prinzen , sein Verlangen , um jeden Preis die Infantin allein zu sprechen , so dringend , von Buckingham so unschicklich heftig unterstützt , daß man eine geheime , damit verknüpfte Absicht dahinter hätte ahnen mögen ; und Graf Bristol wußte es der unüberwindlichen Etikette Dank , daß sie die Sache unmöglich machte . Eben so wenig suchte der Prinz den Zügellosigkeiten Buckinghams entgegen zu treten . Er theilte sie zwar nicht , aber es fiel ihm doch unläugbar zur Last , daß die nächste Person seines Gefolges , und die einzige von Range überhaupt , unter seinen Augen dergleichen wagen durfte . Vergeblich aber war des Grafen Bitte , wenigstens den Herzog von Olivarez zu versöhnen , gegen den der Prinz ein höchst unzeitig beleidigtes Wesen annahm , und diesen stolzen Mann , den des Grafen Bristol unendliche Klugheit uns eben erst gewonnen , zum unversöhnlichsten Feinde umschuf . Der Courier , den der Graf mir mit diesen Andeutungen gesendet , übereilt den Prinzen um einige Tage , da der despotische Wille Buckinghams den Prinzen durch Frankreich wieder zurückführt , als ob er die Höfe Europa ' s , denen es am vortheilhaftesten scheinen könnte , eine so wichtige Person , als den Thronerben von England , bei sich fest zu halten , diese Probe ihrer völkerrechtlichen Tugend zu seiner eigenen Belustigung bestehen lassen wolle . Jedenfalls bewahren wir der Nachwelt eine seltene Probe unserer Klugheit auf , und einer Lächerlichkeit des Betragens , die uns um ein Jahrhundert vor Elisabeth zurückversetzt , deren Nachfolger zu sein , wir uns doch rühmen wollen . Der Graf hielt hier inne , er besaß nicht die Pedanterie politischer Geheimnißkrämerei , und am wenigsten vor einer Frau , die ihm eben Proben ihrer Selbstbeherrschung gegeben . Aber er fühlte selbst ein gewisses Unbehagen , die Handlungen ins Licht treten zu lassen , die seinem Altenglischen Herzen so kränkend waren . Er mußte indeß der sehr dadurch beschäftigten Herzogin noch Rede stehen , die nun zu wissen wünschte , ob man ihrem Gemahl dieselbe Ansicht mit Buckingham und dem Prinzen beimessen könne . Wir können nur Thatsachen an einander stellen , erwiederte Graf Archimbald . So viel dürfte für uns Gewißheit sein , daß der Prinz die Veranlassung zur Reise meines Bruders ward , welches eine ähnliche Absicht anzudeuten scheint , wie der Prinz später so dringend verfolgte . Ebenso scheint die letzte Zeit , wo er sich noch äußern konnte , eine Beziehung zu den Angelegenheiten des Prinzen hinlänglich zu verrathen , wozu ich rechne , daß er sich gegen Graf Bristol über den Prinzen ausweichend äußerte , und daß sein Bestreben gleichfalls darauf ausging , die Infantin allein zu sprechen . Unmittelbar nach der Nachricht von dem Tode des Herzogs trat dann die Versöhnung mit Buckingham und die Reise des Prinzen ein . So scheint es , daß der Prinz , als der Herzog nicht vollziehen konnte , was er von ihm gehofft , eines andern Vertrauen bedurfte , der ihn dann zur eignen Ausführung antrieb . Doch werdet Ihr selbst einsehen , daß wir hier nur unbestimmte Muthmaßungen haben , eine aus der andern geleitet , aber sämmtlich des Hauptanhalts entbehrend , der Kunde vom unbegreiflichen Zweck aller dieser Anstrengungen ! - O Gott ! seufzte hier die Herzogin schmerzlich auf , so wäre also das Glück meines Lebens dennoch an dem Willen des Prinzen zertrümmert , der stets als ein finsterer Geist neben dem Lichtbilde meines Gemahls stand , und mit dem ich das Recht des Besitzes zu theilen stets gewärtig sein mußte . Wir wollen denken , Graf Archimbald , fuhr sie fort , indem sie sich fast geisterhaft bleich von ihrem Sessel erhob , daß in Gottes Hand der letzte Augenblick des Menschen ruht , und ich sage mir , daß dies geliebte Wesen reif war , hinüber zu gehen , und hier im Schooße der Seinigen so sicher ereilt worden wäre , wie unter den Beschwerden und Sorgen dieser Reise . Dennoch mag vielleicht stolzes Ueberbieten geistiger und physischer Kräfte schneller den Augenblick herbei führen können , den Gott ohne solche menschliche Verschuldung noch entfernter gestellt haben würde , und vielleicht war das der Fall auch hier . Mylord , o begreift es , wie schwer bei diesen Gedanken mir die Ergebung wird , wie der Gram die schreckliche Zugabe des Vorwurfs gegen die Verschulder desselben erhält ! Geht hierin nicht zu weit , Mylady , sagte der Graf Archimbald milde , laßt den Gedanken vorwalten , daß Gottes Hand hier lenkte und bestimmte , und machet den Dienst der Freundschaft , der wol ohne Vorahnung dieser Folgen gefordert und gewährt werden konnte , den Beiden nicht zum Vorwurf , die stets ein wahrhaft schönes Bild dieser reinen Empfindung darstellten . Es sei so , sagte die Herzogin sich empor ringend , und es mag Zeit sein , den Gedanken ihr Ziel zu setzen , die mich ergreifen wollen über den geheimnißvollen Einfluß , den dieser Freund meines Gemahls auf ihn ausübte . Denn ich darf ja jetzt am wenigsten vergessen , daß die Stelle leer ist , die er zum Schutz und zur Leitung seiner Familie so würdig einnahm , und , setzte sie leiser hinzu , vielleicht sollte ich schon jetzt die Güte Gottes erkennen , die wenigstens sein Herz vor dem Schmerz bewahrte , der mir in der Verirrung meines Sohnes droht , - ach ! welch ' ein Schmerz wäre das für ihn geworden ! Ihr Blick voll düsterer Melancholie traf hier Graf Archimbald , der trotz aller zarten Theilnahme , die ihm bis dahin gegen die edle Leidende so natürlich gewesen war , dennoch den Schmerz seiner Schwägerin über die Ansichten ihres Sohnes etwas übertrieben finden mußte . Sie gewahrte augenblicklich diese Gedanken , wenn auch fast unmerklich in seinen Zügen ausgedrückt , und wider ihren Willen rief sie wie überwältigt aus : Ich gelte Euch so eben als eine Thörin , die , den Anforderungen ihres Schicksals nicht gewachsen , sie phantastisch vergrößert , ihr Unvermögen damit zu verhüllen ; aber könntet Ihr die Größe dieses Schmerzes so durchschauen , wie es mir aufbehalten war , Ihr hieltet mich nicht für ein allzuschwaches Weib . Und dessen seid in jedem Fall gesichert ! Ihr habt mir eben durch Eure verehrungswürdigen Mittheilungen eine Lehre der Mäßigung in Bezug auf die Geheimnisse Anderer gegeben , die Euch zu hoch in meinen Augen stellt , als daß Ihr sie nicht gegen Euch zuerst befolgen möchtet . Aber vergeßt nicht , daß es der Bruder Eures Gemahls ist , der stets mit allen seinen Kräften Euch zur Seite bleibt , und dem Ihr vertrauen dürft , wie der es that , den ich mit Euch so schmerzlich vermisse . - Der starke Mann zollte hier einen Augenblick dem tief verschlossenen Gefühl seiner Brust einen ehrenvollen Tribut , aber er kürzte gern solche , ihn stets überraschende Momente ab , und Beide trennten sich stumm grüßend , mit dem Gefühl einer erhöhten Achtung und Freundschaft . Weniger genügend für beide Theile fiel eine Unterredung der Herzogin mit ihrem Sohne aus . Sie hatte nur zu viel Veranlassung , der Menschen-Kenntniß des Grafen Archimbald Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und seine Befürchtung wegen der hartnäckigen Entschlossenheit sanfter Gemüther , die durch Leidenschaften in ihren Empfindungen erhöht sind , zu theilen . Es ward ihr manche , bis dahin noch vorenthaltene Kenntniß der Grenzen älterlicher Macht über die Gewalt individueller Empfindungen , der Ohnmacht des Willens und der Bitte bei anders Fühlenden . Ihre Lage war um so drückender , da ihr nicht vergönnt war , mit der vollen Kraft der Wahrheit zu ihm zu reden . Denn wiewol glühend überzeugt von der Unmöglichkeit der Sache , mußte sie es sich doch versagen , ihren Sohn durch dieselben Gründe zu überzeugen , welche in ihr dies Resultat hervorgebracht . So blieb ihre Lage ihm gegenüber von der Halbheit beschlichen , die kräftige Gemüther um so tiefer verletzt , je nöthiger ihnen stets in Rede , wie in That jene rechtfertigende Consequenz ist , wovon sie sich des oft geprüften Erfolges gesichert wissen . Sie sah ihren Sohn dadurch , daß er seine volle Seele in Wahrheit und ohne allen Rückhalt vor ihr entlud , in einem ihr nachtheiligen Vortheil über sich , und mußte auch das sonstige Uebergewicht ihres Verstandes vor ihm einbüßen , da sein ganzes Wesen , in Liebe erhöht , seinem Geiste eine Glut und Kraft der Combinationen verliehen hatte , die dem kindlich schlummernden früheren Zustande nicht mehr gleich kam . Ein für die Herzogin namenlos schmerzliches Gespräch mehrerer Stunden hatte sie um nichts ihren Wünschen näher gebracht . Es war noch immer der liebevolle , ehrende Sohn , der treffliche Mensch , aber zugleich ein zum ersten Mal im Leben Wollender , unterstützt in diesem Willen von der ganzen Ueberredungsgabe eines zuerst liebenden Herzens . Dagegen schien die Herzogin wenig Anderes als Vorurtheile und Stolz in die Waagschale legen zu können , und gegen das Ende dieser qualvollen Unterredung mußte sie entmuthigt sich das ihr so neue Geständniß machen , sie sei sich selbst hier nicht genug und ihr Einfluß auf ihn nur noch bedingt . Sie hatte nur die Versicherung von ihm erlangt , daß er sein Gefühl der Gräfin verschweigen werde , bis die Familie Dorset mit schonender Achtung entfernt sein werde , und bei dieser Bitte fand sie den Sohn so nachgiebig , so durchdrungen von den Anforderungen der Ehre und Wohlanständigkeit , daß sie ihm nicht einmal zürnen konnte , sondern ihn seiner edeln Erziehung vollkommen entsprechend finden mußte . Der Herzog verließ endlich seine Mutter mit weit mehr Hoffnung , als er nähren durfte . Denn er hielt ihren fast erschöpften Zustand für Nachgiebigkeit in seine Wünsche , und für ihn lagen alle Schwierigkeiten allein in der möglichen Beleidigung der Familie Dorset . Zu einer milden Ausgleichung dieses Punktes hoffte er seine geliebte Großmutter zu bestimmen und vertraute diese Absicht auch der Herzogin , von der er so kindlich liebevoll schied , daß die Thränen der zärtlichen Mutterliebe über das schöne Gesicht des knieenden Jünglings flossen . Aber kaum war er ihren Blicken entschwunden , so rang sich die Klarheit ihres Geistes aus der weichen Betäubung empor , worein ihr Herz sie verstrickt hatte , und der jähe Schmerz , den ihr der Ueberblick der wirklichen Lage der Sache gab , erschien ihr jetzt um so schrecklicher , da die Unterredung , von der sie so viel gehofft , vorüber war und sie sich sagen mußte , sie sei dadurch eher zurück , als dem Ziele näher geschritten . Sie machte sich in ihrer Heftigkeit selbst die bittersten Vorwürfe , ihrem Sohn auch nur einen Schatten von Hoffnung für diese Verbindung gelassen zu haben ; sie glaubte sich dem Elende einer Entdeckung ihres Geheimnisses nahe gebracht , und rief in fieberhafter Angst Gott auf ihren Knieen um Beistand an und um Herbeiführung eines Ausweges . Thränen sandte ihr vorerst Gott , und als diese ihr banges Herz erleichtert , stand auch der rettende Engel , den Gott gesandt , ihr zur Seite . Sie hob den Kopf empor , sich von ihren Knieen zu erheben , und stand vor ihrer ehrwürdigen Schwiegermutter , die , von ihr ungehört , das Zimmer während ihres heftigen Weinens betreten und , über den Zustand , worin sie die Herzogin sah , erschrocken , so eben sich ihr genähert hatte . Die Herzogin fuhr zusammen , und dann mit einem so überspannten Ausdruck zurück , daß ihre starren Augen zu fragen schienen : Bist du ein Mensch ? Ach , bist du der Ausweg , um den ich Gott anrief ? seufte ihr Herz , und sogleich wiederholten es auch ihre Lippen , und vor der alten Herzogin aufs Neue niedersinkend , rief sie wie begeistert : Du bist es , ja , Du bist es ! Dich sendet mir Gott , vor Dir soll ich mein Herz von seiner erdrückenden Bürde befreien , Du bist der Ausweg , den er mir sandte ; in Deiner reinen Seele wird sich das Rechte vom Unrechten scheiden , und was sein muß , wird meine rathlose Seele von Dir erfahren . - Sie sprang zugleich mit einer Heftigkeit auf , welche dem krankhaften Zustande zu widersprechen schien , in dem sie sich befand , und war bemüht , ihre erstaunte und bekümmerte Schwiegermutter zu einem Ruhebette zu ziehen , auf dem sie sich sogleich mit einer Hast dicht neben ihr niederließ , welche von der regellosen Aufregung ihres Innern zeugte . Die alte Herzogin war ihr willig in all ' ihren stummen Anordnungen gefolgt , aber die Besorgnisse , die dies seltsame Verfahren ihr gab , raubten ihrem stets gegenwärtigen Geiste dies Mal die Leichtigkeit , sich in lindernden Worten auszudrücken . Sie fühlte sich unfähig , einen Eingang zu dem Vertrauen zu finden , das die geliebte Leidende mit einer räthselhaften Angst und Uebereilung ihr zu schenken bereit schien , und sie blickte blos , in unendliche Liebe und das tiefste Mitgefühl aufgelöst , in die zerstörten Züge der Herzogin . Diese schwieg ebenfalls noch ; dicht neben der mütterlichen Freundin sitzend , ihre Hände zwischen den ihrigen drückend , die von Thränen geschwollenen Augen an den Boden geheftet , schien sie von eigenen Gedanken noch zu überfüllt , um reden zu können ; sie schien in sich vor allen Dingen die Ordnung herstellen zu wollen , die ihr nöthig war . Sie hob endlich die Augen zu ihrer Schwiegermutter auf , und ward durch einen Blick in dies liebevoll besorgte Antlitz wie von jeder Qual befreit und in die Arme gezogen , die sich ihr so mütterlich öffneten . Höre mich erst , seufzte sie dann , ehe Du mich thöricht schiltst ; aber höre mich ! Länger kann ich die Qual dieses Geheimnisses allein nicht tragen , ich bedarf auch Deines Beistandes , und Du hast ja fast dasselbe heilige Interesse , wie ich selbst , geheim zu halten , was ich Dir sagen muß . Aber dennoch , setzte sie bang und flehend hinzu , dennoch kann ich nicht eher das mir gethane Gelöbniß ewiger Verschwiegenheit brechen , ehe Du nicht großmüthig Dich meiner Angst erbarmst und mir heilig gelobst , das , was ich Dir sagen muß , als unverbrüchliches Geheimniß in Dir zu bewahren , so , als hätte Dich nie eine Ahnung davon erreicht . Alles gelobe ich , was Dich , mein armes Kind , beruhigen kann , sagte schnell die bekümmerte alte Dame , und bin gewiß , Du wirst mir nun ohne Sorge vertrauen und mich die Bürde mit Dir tragen lassen , die Dich so grausam zerstört . O eile , geliebtes Kind , Dein Herz zu erleichtern , und Gott wird mir Kraft verleihen , Dir eine wahrhafte Stütze zu sein . Ach , seufzte die Herzogin , wie weit in die Vergangenheit muß ich zurückgehen , denn wie sehr ist das , was ich Dir sagen will , in das Gewebe meines ganzen Lebens mit einem unabgerissenen , mir allein stets sichtbaren Faden verflochten . Wie hat es mit seinem stillen und doch unläugbaren Dasein mir den Muth zur Klage , wie zum völlig reinen Genusse des Lebens geraubt ! O , wie tief fühle ich seinen Einfluß auf mein ganzes Wesen , wie ließ es in mir die Fehler ergrauen , von deren Dasein ich zu meiner Qual mir stets bewußt blieb , während ich ihnen doch die Herrschaft wieder gönnte , die mich zu verhärten schien gegen die geheimen Schmerzen dieser Brust . Mutter , wenn es ein Frevel werden kann , ein menschliches Wesen zu sehr zu lieben , so hab ' ich ihn vielleicht begangen ; aber , den ich so über alle Grenzen hinaus liebte , - es war Dein Sohn , und an Deinem Herzen rufe ich um Nachsicht . Du weißt , daß mein verehrungswürdiger Vater nach dem Tode meiner Mutter das zehnjährige Mädchen ganz in seine Obhut nahm , nur Mistreß Morton blieb mir als weiblicher Schutz zur Seite , und sie war , obgleich noch jung und schön , doch nur in der Liebe zu mir lebend , allen den Pflichten vollkommen gewachsen , die mein Vater ihr mit vollständigem Vertrauen übertrug . Wir theilten jede Stunde , die ich entfernt von meinem Vater lebte , aber dem früh vereinsamten Manne war es süßer Trost , das einzige Andenken seiner Liebe um sich zu haben , und meine Tage schwanden in dem Studirzimmer des Vaters hin in wortkarger Einförmigkeit . Der Ernst dieses Lebens widerstrebte jedoch meiner Sinnesart nicht ; ich fügte mich nicht allein , sondern ich ahmte bald in Wort und Zeichen einen Ernst und eine Würde nach , die mein Vater in seiner reichen Natur mit einer heitern Lebendigkeit des Geistes und einer zärtlichen Empfänglichkeit des Herzens verband . Von dieser war mir nur wenig verliehen , und sie wurde daher unter seinen Eigenschaften leichter von mir übersehen , als sein Ernst und sein Stolz , der in meinem Gemüthe reichern Anklang fand . Alle meine Umgebungen huldigten bald den Anforderungen dieses jugendlichen Dünkels , der mich bei der Strenge meines Karakters nie zu Bedrückungen verleitete , die im Stande gewesen wären , meinen Vater aus dem zärtlichen Liebestraum über die Vorzüge seines Kindes zu wecken . Meine theure Morton war das lindernde Prinzip . Sie liebte ich , und an ihrer zärtlichen Brust verschwand der Ernst , den ich überall fest hielt ; ich ward jung in ihrer wohlthätigen Nähe und lernte weiblich fühlen . Vielleicht schon damals stimmte der bloße Name des Mannes , den ich später so grenzenlos lieben sollte , mein Herz so empfänglich für Mortons weiblich heitere Gespräche , denn sie , von den Plänen zu dieser Vermählung unterrichtet , bereitete in sorgloser Geschwätzigkeit mein Herz zu diesem Glücke vor . Mein Vater , der seit dem Tode meiner Mutter dem öffentlichen Leben standhaft entsagt hatte , bis zu meiner Vermählung , glaubte endlich mit Deinem Gemahle , der Augenblick hierzu sei gekommen . Morton sagte mir , daß beide Familien ihre Kinder bei Hofe vorstellen wollten und ich den sehen würde , der in mir seine Braut zu finden hoffte . Aehnliches , obwol ferner angedeutet , sagte mir mein Vater , und ich zürnte jedes Mal dem ungestümen Schlage meines Herzens , als der stolzen Würde widersprechend , die überall zu behaupten ich mir auferlegt . Ach , nur zu bald und immer mehr ward dieser angenommene Grundsatz in mir erprobt . Wir sahen uns , nachdem ich zuerst Deinen Segen , als von der Freundin meiner Mutter , in Deinem Hause empfangen , zuerst am Hofe . Obwol der Augenblick , wo ich zuerst ihn sah , mir deutlich ist , als wär ' s der gegenwärtige , könnte ich Dir doch die stürmische Gewalt nicht schildern , womit auf ewig sich dies heißgeliebte Bild in meine Seele senkte . Was ich gehofft , geträumt , geahnet , lag wie ein Schattenbild , verschmolzen mit dem ganzen Zeitraum der Jugend , den ich durchlaufen , wie leblos hinter mir . Er nahte mir , sein hold leuchtendes Auge erreichte wie ein unendlicher Wohllaut mich , wir redeten , und tausend Mal gab ich an diesem Abend ihm die Seele hin . Als bei der Rückkehr mich der Vater mit einem Segenskusse lächelnd von sich ließ und Morton mir am Eingange meiner Zimmer bewegt entgegeneilte , trat sie erstaunt zurück , die Arme , die ich ihr entgegenstreckte , erreichten sie nicht , denn sie schien ungewiß , ob ich es sei , und trat nun , mich zu sehen , vor meiner Umarmung zurück ; aber ich suchte das liebevollste Herz , und mit einer an Triumph grenzenden Freude rief ich ihr zu : Ich habe ihn gesehen ! - Welche Tage begannen nun ! Ach , es waren nur wenige , aber selige Tage . - Auch Ihr theiltet wol in älterlicher Zärtlichkeit die Bestätigung Eurer Hoffnungen . Denn nahte Robert mir auch nicht in Liebe , war ich doch die Liebste in dem weiten Kreise des Hofes ihm , und ich , so sicher ihn als mein betrachtend , ersetzte mit dem Reichthum meiner Empfindung die Lücken , die damals sich schon hätten finden lassen . Da rief der König die Familie seines übermüthigen Lieblings an den Hof , und Ihr wißt , was da geschah . Aber die Qualen meines Innern blieben Euch und aller Welt Geheimniß . An jenem Abend , wo die schöne Schwester des Herzogs von Buckingham am Hofe erschien , geschah in meinem Innern eine gewaltsame und fürchterliche Umänderung . Ich kann sagen , daß meine Entwickelung , gehemmt und für immer aus dem schönen Reiche sanfter , leidenschaftsloser Weiblichkeit verdrängt , den kalten Mächten wieder anheim fiel , denen die Liebe mich entzogen , vielleicht für immer entzogen hätte , wäre es mir beschieden gewesen , sie zu der ungetrübten , tugendhaften Höhe führen zu können , deren sie werth und fähig war . Aber gestört , so grausam gestört , bei so grenzenloser Hingebung , war mein Karakter nicht geschaffen , in Milde diesen heißen Schmerz zu wandeln , und ich bin es mir bewußt , daß ein ganzes folgendes Leben , reich an süßem Glücke und jeglicher Befriedigung , den jähen Umsturz meiner damals keimenden besseren Natur nicht wieder ins Gleiche bringen konnte . O Mutter , wende Dich nicht von mir , rief die Herzogin hier in Thränen der sichtlich erbebenden mütterlichen Freundin zu , und zürne nicht , daß ich Dich zum Beichtiger meines ganzen Lebens mache . Das Andenken dieser Tage , ja , das nie vordem Geschehene , daß meine Lippen zur Enthüllung ihrer Leiden sich öffnen , reißt mich mit sich fort , daß ich , so innig Dir vertrauend , so nie von Dir zurückgeschreckt , nicht mehr verhindern kann , zu sagen , was mir in trauriger Erkenntniß meiner selbst nur zu oft zur schmerzlichen Gewißheit wurde . Kaum hatte diese Schönheit sich gezeigt , so sah an meiner Seite ich an Robert die Wirkung , die bald Allen kein Geheimniß blieb . Ach , der mich durch sich gelehrt , was Liebe sei , ließ jetzt an sich dasselbe mich erkennen , von einer Andern eingeflößt , was ich in jeder Beziehung allein von ihm zu fordern berechtigt schien ! Ich kam nach einem kurzen Wehe namloser Schmerzen schnell zur Ueberzeugung , daß ich verloren sei , daß der , den ich noch wenig Stunden früher mit jubelndem Entzücken mein Eigenthum genannt , von mir gewendet war , mich völlig zu sehen aufgehört . Sorglos , wie ein Kind den Schmetterling erjagt , und vor und neben sich nichts mehr gewahrt , den Blick allein gefesselt an das Ziel , so folgte er den Schritten dieser Gräfin Buckingham , als wäre dies das einzige ihm aufgegebene