, daß sein Vetter bei ihm im Hause sei , und klagte über dessen seltsames Betragen . Der Obrist freute sich sehr auf das Zusammentreffen mit seinem jungen Freunde und bedauerte nur , daß er ihn noch nicht erblickte . Endlich trat der junge Mann , sorgfältig gekleidet , in den hell erleuchteten Saal ; sein Auge schweifte über die glänzende Gesellschaft hinweg und haftete auf der würdigen Gestalt eines Greises , der , in das Gespräch mit seinem Oheim vertieft , ihn nicht sogleich bemerkte . Eine glänzend neue Uniform , die ganze für sein Alter zwar passende , aber mit Sorgfalt gewählte Kleidung , deutete auf eine Wohlhabenheit , die den jungen Grafen irre machte und sich am Wenigsten mit seinen letzten Nachrichten vereinigen ließ ; aber das edle ihm so wohl bekannte Gesicht , die dünnen Haare , die sich silberweiß an die Schläfe schmiegten , ließen keine Zweifel . Er wollte eben vortreten und den Obristen anreden , als dieser sich umwendete und ihn erkannte . Mit väterlicher Liebe trat er dem jungen Manne entgegen , dessen Staunen ihn verhinderte , sein Gefühl auszudrücken . Sie haben mich hier nicht erwartet , rief mit Gutmüthigkeit lächelnd der Obrist nach den ersten Begrüßungen , aber kommen Sie nur , ich will Sie noch mehr in Verwunderung setzen , Sie sollen auch meine Tochter begrüßen . Betäubt hatte der junge Graf sich führen lassen und stand nun vor einem reizenden Wesen , dessen schlanke Gestalt von leichten Gewändern umschwebt , von Blumen umrankt war , und das ihm aus heitern braunen Augen mit unschuldiger und unverhehlter Freude entgegen lächelte . Der junge Graf stand verwirrt . Theresens Bild hatte ihn begleitet in allen Gefahren , in allen kummervollen und in allen besseren Stunden , aber in der Dürftigkeit war sie ihm erschienen , wie er sie gekannt hatte ; das Letzte , was er von ihr erfahren , hatte ihn in Verzweiflung versenkt , ja er mußte sie für verloren halten , und nun fand er sie hier , umgeben mit allen Zeichen des Wohlstandes , in allem Uebrigen den versammelten Damen gleich , nur daß statt der reichen Perlen , der glänzenden Steine , mit denen die andern geschmückt waren , eine feine venetianische Kette , das Weihnachtsgeschenk der Gräfin , den schlanken Hals bescheiden umschlang . Sie hier , stammelte endlich der junge Graf , wie bin ich so glücklich , Sie hier zu finden . Setzen Sie sich zu mir , sagte Therese mit vor seliger Freude feuchten Augen , ich will Ihnen Alles erzählen . Der Graf nahm einen Stuhl neben ihr ein , und die Welt umher entschwand ihm . Er horchte mit Entzücken auf die Töne , die den rothen Lippen begeisternd entschwebten ; das im schönen Gefühle der Dankbarkeit befeuchtete Auge blickte so rein , so zärtlich in das seine , daß er dem Zauber zu erliegen fürchtete ; die Fassung wollte ihn verlassen ; die Rücksicht auf die Gesellschaft entschwand ihm , und er war nahe daran , zu den Füßen des Wesens hinzusinken , das ihm wie durch ein Wunder so verschönert , so veredelt zurückgegeben wurde , nachdem es von ihm mit finster menschenfeindlicher Verzweiflung betrauert worden war . Die Gräfin hatte schon längst das Auffallende einer so langen und innigen Mittheilung in einer großen Gesellschaft bemerkt ; sie war einige Male vorbei gegangen , aber die jungen Leute waren zu sehr mit sich beschäftigt , als daß sie auf einen leichten Wink hätten achten können . Die Gräfin bot also Theresen die Hand , als hätte sie ihr etwas zu sagen , und führte sie , freundlich mit ihr sprechend , von dem jungen Grafen hinweg , dessen trunkene Augen jeder Bewegung seiner reizenden Freundin folgten . Die Musik spielte einen französischen Kontretanz , und St. Julien forderte Theresen auf , neben der die Gräfin saß , die ihrer jungen Freundin noch einige Worte zuflüsterte , worüber diese wie die schönste Rose erröthete , indem sie doch zugleich liebevoll zu der Gräfin auflächelte . Der junge Graf war mit seinen Gedanken wenig bei dem Tanze , man sah es ihm an , daß Gefühle seine Brust bewegten , die er sich vergeblich zu beherrschen bemühte . Der Tanz war geendigt , und St. Julien hatte Theresen kaum zu ihrem Sitze zurückgeführt , als der junge Graf hastig zu ihm trat , seinen Arm merklich drückte und mit bewegter Stimme ihm eilig zuflüsterte : Folgen Sie mir auf einige Augenblicke in den Garten . St. Julien war erstaunt ; der heftige Druck , das glühende Auge , die bewegte Stimme des Grafen , der schon den Saal verlassen hatte , ließen auf eine Erneuerung der Feinschaft schließen , und er folgte ihm mißvergnügt darüber , daß er ihm die wenigen Stunden der Freude zu verbittern strebte . Der junge Graf stürmte durch die Gänge des Gartens , so daß St. Julien ihn mit Mühe erreichte , und beide standen endlich auf demselben von Gebüschen umgebenen Platze , wo sie den Morgen ihr feindliches Gespräch geführt hatten . Es war eine stille , warme Nacht , der Mondschein ruhte auf dem Laube der Bäume und breitete seinen Silberschimmer über den Rasen aus , ein Springbrunnen plätscherte in der Nähe , und nur einzelne Töne der Musik klangen wie lockend zu ihnen vom Schlosse herunter . Der Graf wendete sich hier plötzlich , und indem er St. Juliens Arme , die dieser über die Brust zusammen geschlagen hatte , mit beiden Händen heftig faßte , rief er : St. Julien , ich muß reden , heute noch ; mein Herz würde sonst zerspringen ; ich könnte das Gefühl der Qual und Seligkeit nicht diese Nacht hindurch ertragen . Nicht wahr , rief er aus , indem ihm die Thränen über die Wangen strömten , es wäre lächerlich , wenn Einer von uns den Andern für feig halten wollte , da wir Beide , jeder für sein Vaterland , aus schmerzlichen Wunden geblutet haben ; deßhalb sind für uns solche abgeschmackte Rücksichten nichts , und was sind alle Rücksichten gegen mein Gefühl ; hier an derselben Stelle , wo ich Sie beleidigte , bitte ich Ihnen mein Unrecht ab ; hier sage ich Ihnen , daß ein wilder Schmerz mich dahin brachte , Sie gern zu verkennen , daß ich einen Zweikampf suchte , um mein Leben darin zu endigen , und hier antworten Sie mir , ob Sie mein Gefühl mit derselben Freimüthigkeit erwiedern können . Bester Graf , sagte St. Julien mit Rührung , Sie sind so erschüttert , daß Ihr Zustand mich besorgt macht , lassen Sie uns vergessen , daß wir uns gegenseitig verkannt haben , und schenken Sie mir Ihre Freundschaft . Freundschaft ? wiederholte der Graf mild lächelnd ; ja , lassen Sie uns Freunde sein , und helfen Sie mir die Qual des Kummers und die Seligkeit des Entzückens ertragen , die mich beide zu vernichten drohen . Sie müssen es erfahren , fuhr er nach einem kurzen Schweigen , während dessen er sich gesammelt hatte , mäßiger fort , was mich bei meiner Ankunft hier auf dem Schlosse in jene unselige Stimmung versetzt hatte , und wodurch jetzt mein Gefühl so gänzlich umgewandelt worden ist , damit Sie mich nicht für einen Thoren halten , dessen Zorn eben so wenig , als seine Freundschaft Achtung verdienen . Sie müssen wissen , daß ein großer Theil unseres Adels mit der Armuth kämpft , und zu diesen Unglücklichen gehört mein Vater . Von frühester Kindheit an hörte ich es beklagen , daß mein Oheim hier das gesammte Familen-Vermögen mit Unrecht besitze ; es wurden oft ohnmächtige Pläne gegen ihn entworfen , und man behauptete , daß hauptsächlich meine Tante ihn abhielte , sich mit meinem Vater in Unterhandlungen einzulassen . Auf mich machte dieß Alles keinen tiefen Eindruck , außer , daß ich einen Widerwillen gegen meinen Oheim und besonders gegen meine Tante faßte . Ich nahm Militairdienste eben so wohl aus Noth , als aus Neigung ; ich lernte früh entbehren , denn mein Vater konnte mich nur wenig unterstützen , von den jungen reichen Leuten beim Regiment zog ich mich zurück , einen Bruder hatte ich nicht , und so lebte ich die schönsten Jahre der Jugend in tiefer Einsamkeit des Herzens . Endlich lernte ich ein Wesen kennen , in noch beschränkterer Lage , als ich selbst , dessen zarte Schönheit , die wie eine Knospe im Erblühen war , dessen edle Eigenschaften , die sich unter den ungünstigsten Umständen dennoch herrlich zu entwickeln begannen , tausend zarte Bande um mein Herz legten , und ich lernte eine Seligkeit kennen , die ich in diesem armen Leben nie geahnet hätte . Ich erwartete von meinem Vater nichts , aber ich hoffte , daß sein Gut ihm die Mittel zur Existenz gewähren würde , so lange er lebte . Ich war Stabsrittmeister , und es konnte nach meiner Meinung nicht mehr lange währen , daß ich eine Eskadron bekommen müßte ; dann wollte ich mich mit dem holden Wesen vereinigen , in dessen unschuldigen Augen ich zu meinem Entzücken las , daß sie , vielleicht ohne es zu wissen , auf mich die Hoffnungen ihres Lebens baute . Der Krieg begann , und ich mußte mich von meiner holden Freundin und ihrem ehrwürdigen Vater trennen . Bei Eylau wurde ich schwer verwundet und verlor zugleich Alles , was ich an irdischen Besitzthümern mein nennen konnte . Nach Monaten hatte ich mich in so weit erholt , daß ich reisen konnte , und nun wurde es durch den Waffenstillstand auch möglich . Ich kam bei meinem Vater an , den ich in vielen Jahren nicht gesehen hatte , und in den ersten Stunden schon überzeugte ich mich , daß er völlig zu Grunde gerichtet war , wozu der Krieg das Seinige beigetragen hatte . Ich war kaum einige Tage bei meinen Eltern , als der Friede mit allen seinen Bedingungen bekannt wurde , und in Folge der großen Reduktionen bei der Armee erhielt ich meinen Abschied . Jetzt wurde meinem Vater die Nachricht mitgetheilt , daß mein Oheim damit umgehe , das gesammte Vermögen einem Fremden zuzuwenden . Mich erbitterte mehr , als alles Andere , die Ungerechtigkeit gegen meinen Vater , und ich ließ mich bestimmen , die Reise hieher zu unternehmen ; ich war hiezu um so lieber bereit , da mich die größte Unruhe quälte über das Schicksal meiner Freunde , alle meine Briefe waren unbeantwortet geblieben , und die heißeste Sehnsucht erfüllte mein Herz . Auf dem Wege hieher eilte ich zuerst die Unruhe meines Herzens zu endigen . Ich wollte mich an dem Anblicke meiner Freundin stärken und erfreuen ; ich hoffte selbst Rath von ihrem Vater , vor Allem aber wollte ich sie sehen und über ihr Schicksal beruhigt sein ; so erreichte ich nach den qualvollsten Tagen der heißesten Sehnsucht endlich ihre Wohnung . Fremde Menschen kamen mir entgegen ; ich fragte nach dem Obristen Thalheim , ein plumper breiter Mensch fragte : Meinen Sie den vorigen Pächter ? Nun ja , das war ja der Obrist Thalheim , rief ein Weib aus einem Winkel . Der ist gänzlich hier verarmt , ergänzte nun der widrige Mensch ; vorigen Winter wurde er hinaus getrieben und wird nun wohl schon gestorben sein . Und seine Tochter ? fragte ich mit höchster Anstrengung . Gott weiß , sagte der Mensch , wo das Mädchen hingekommen sein mag ; wie kann man es wissen , da Freunde und Feinde hier durchgezogen sind . Ich weiß nicht , wie ich das Haus verlassen habe ; ich weiß nicht , was ich auf dem Wege hieher dachte und fühlte . - Mit dieser Qual im Herzen kam ich hier an . Alles kam mir nun feindselig vor , ja selbst der sichtbare Wohlstand empörte mich , denn ich dachte an die Entbehrungen meines Vaters ; mir fiel es ein , daß vielleicht ein kleiner Theil dessen , was hier überflüssig ausgegeben wird , das edelste Geschöpf erhalten hätte . Dunkel schwebte mir dabei vor , daß ich doch meinem Vater nicht einmal würde nützen können , und diese Gefühle brachten mich dahin , das Ende meines Lebens zu suchen . Können Sie nun die Stimmung begreifen , die mich dazu trieb , den Streit mit Ihnen zu beginnen ? St. Julien drückte seine Hand , und der junge Graf fuhr fort : Ich war nicht so verstockt , daß ich nicht dennoch mein Unrecht empfunden hätte ; ich war entzweit mit mir selbst ; ich entzog mich den Blicken aller Menschen und schweifte auf den Bergen umher , um in der Einsamkeit das Gleichgewicht wieder zu finden , das meine Seele verloren hatte ; die Stürme meines Busens wurden gekühlt , eine edlere Trauer ruhte mir im Herzen , und ich beschloß schon auf meinem einsamen Spaziergange , mich näher gegen Sie zu erklären . Mit solchen Empfindungen kehre ich zurück und finde hier , begreifen Sie mein staunendes Entzücken , die Freundin meines Herzens mit allen Zeichen des Wohlstandes umgeben , blühender , schöner , als ich sie jemals kannte . Ihr leuchtendes Auge goß den Strahl des Friedens in meine Seele , von ihren Purpurlippen erfuhr ich , wie sie und ihr Vater schon am Rande des entsetzlichsten Abgrundes gestanden hatten ; hier vernahm ich , welche Hand sie erhalten , daß mein Oheim wie ein edelfühlender Mensch ihr Leid getheilt , wie ein milder Engel sie darin getröstet und wie ein helfender Gott sie mit starkem Arm daraus errettet hatte . Ich vernahm , mit welcher schonenden Großmuth meine gütige Tante das Werk ihres Gemahls vollendete ; wie ihr edler , gebildeter Geist alle schönen Keime zu entwickeln strebt , die in Theresens Seele ruhen ; ich erfuhr , wie dieß himmlische Geschöpf hier nur Liebe und Freundschaft umgegeben , und sie heben und tragen auf den Wegen des Lebens . Liebe , Bewunderung , Entzücken durchbebten mein Herz , aber zugleich die brennende Scham über die verächtlichen Gründe , die mich dazu gebracht hatten , mich diesen Menschen feindlich gegenüber zu stellen . Ich konnte mich nicht mehr beherrschen , ich wäre zu Theresens Füßen gesunken und hätte allen meinen Empfindungen Worte gegeben , wenn nicht meine Tante das holde Geschöpf in demselben Augenblicke von meiner Seite genommen hätte . Und nun , mein theurer Freund , sagte St. Julien , werden Sie doch gewiß schon den Entschluß gefaßt haben , sich mit Offenheit an Ihren Oheim zu wenden , und werden eben so , wie ich , überzeugt sein , daß Sie einen väterlich helfenden Freund an ihm finden werden ? Es kann nicht sein , sagte der junge Graf , daß mein Oheim das Vermögen besitzt , welches zum Theil meinem Vater zukäme ; sein edler Charakter würde ihn sonst längst bestimmt haben , Gerechtigkeit zu üben , und mein Vater schwebt gewiß darüber , wie über vieles Andere , im Irrthume ; aber es sei , wie es will , ich werde mit meinem Oheim über Alles sprechen , und wenigstens zwischen uns soll ein reines Verhältniß stattfinden . St. Julien konnte den Entschluß des jungen Grafen nur loben und erinnerte ihn nun daran , daß sie schon lange aus dem Gesellschaftssaale entfernt wären und dieß leicht auffallen könnte . In der That hatte der Graf die Abwesenheit der beiden jungen Männer bemerkt , die ihm bei der feindlichen Stellung , die sie gegen einander annahmen , mancherlei Besorgnisse erregte ; um so größer war also seine Verwunderung , als sie Arm in Arm eintraten , und ihre Blicke wie ihre ganze Haltung zeigten , daß auf ein Mal eine innige Vertraulichkeit an die Stelle feindseliger Kälte getreten war . Der junge Graf näherte sich seiner schönen Freundin von Neuem und fragte mit schmeichelnden Blicken : Darf ich nicht wissen , was meine Tante Ihnen sagte , als sie vorhin unsere Unterredung störte ? Warum sollte ich Ihnen das nicht mittheilen dürfen , antwortete Therese , indem sie die großen , dunkeln Augen mit dem Ausdrucke der reinsten Unschuld zu ihrem Freunde erhob ; die Gräfin sagte mir : Ich werde gewiß , mein liebes Kind , Dich nicht mit unzeitiger Zudringlichkeit stören , wenn wir unter uns sind und lauter wohlwollende Menschen Dich umgeben ; dann kannst Du ohne Rückhalt Deinem Freunde alles mittheilen , was ihm wichtig scheint , aber hier , jetzt unter so vielen fremden Menschen , ist es besser , wenn Du keine so langen und angelegentlichen Unterredungen mit ihm führst . Und Sie wünschen den Rath meiner Tante zu befolgen ? fragte lächelnd der Graf . Wenn es Sie nicht kränkt , wünsche ich es wohl , erwiederte Therese aufrichtig , denn die Gräfin behandelt mich so mütterlich , ihr Rath ist so wohl gemeint , daß ich ungern davon abweichen möchte . Da wir denn nicht viel mit einander sprechen dürfen , sagte der junge Graf , so werden Sie es mir doch gewiß nicht abschlagen , mit mir zu tanzen ? O gewiß nicht , rief Therese , ich habe mich schon lange darüber gewundert , daß Sie ganz weggegangen waren und nicht einmal Lust bezeigten , mit mir zu tanzen . Und dahin schwebten Beide durch den Saal zum größten Erstaunen des Grafen , der die Verwandlung seines finstern Vetters gar nicht begreifen konnte und doch auch sich nicht aufklären mochte , weil er eine lange vertrauliche Unterredung mit St. Julien in dieser gemischten Gesellschaft nicht suchen wollte . So war unter Tanz , Spiel und heitern Gesprächen ein großer Theil der Nacht verschwunden , und die Gesellschaft begab sich nach dem Speisesaale zur Abendtafel . Die geschmackvolle Verzierung der Tafel , die glänzende Beleuchtung , machten dem Haushofmeister eben so viel Ehre , als die Fülle der auserlesenen Speisen und Getränke . Die feurigen Weine erhöhten die Heiterkeit der Gäste , und auch die , welche sich bis jetzt ruhig gehalten hatten , wollten nun durch Witz und muntere Einfälle ihren Zoll zur allgemeinen Freude beitragen . Freilich trafen nicht Alle immer das Beste , und oft erhob sich Gelächter aus ganz andern Gründen , als der beabsichtigte , welcher es erregte ; aber doch umschwebte die Freude die Tafel . Endlich neigte sich auch diese Lust zu Ende , und der Haushofmeister schenkte schon den perlenden Champagner ein ; der Baron Löbau sah mit ängstlichen Blicken den Grafen an , der ihn sogleich verstand , ein Glas nahm und , indem er aufstand , mit lauter Stimme rief : Auf das Wohl unseres theuern Landesvaters , unseres geliebten Königs , den uns Gott lange erhalten möge ! Ein langer schmetternder Tusch von Trompeten bestätigte die ausgebrachte Gesundheit , und es war , als ob die Töne in jeder Brust das gleiche Gefühl der Liebe und Hingebung hervorriefen , Aller Augen glänzten in Thränen , alle Stimmen wiederholten die Worte , und selbst der Baron Löbau , der die Sache wie eine Förmlichkeit betrieben hatte , fand unvermuthet eine Empfindung in seinem Busen , die auch seine Augen befeuchtete . Er hatte sich nicht auf den Grafen verlassen und befürchtet , daß in Ansehung dieses wichtigen Gesundheitstrinkens nicht die gehörige Anordnung getroffen sein möchte , deßhalb hatte er es nicht verschmäht , in einem unbeachteten Augenblicke den Haushofmeister aufzusuchen und ihm selbst das Nöthige aufzutragen , und blickte nun mit einem Gefühl von Stolz gleichsam in die Trompetentöne hinein , die er glaubte veranlaßt zu haben . Nach der Abendtafel wollten noch Einige den Tanz zu erneuern suchen , aber auch die Lust ermüdet den Menschen , und da der Tag schon wieder zu dämmern begann , so trennte sich die ermüdete Gesellschaft . XVIII Als nach einer Ruhe von einigen Stunden der Graf sich wieder von seinem Lager erhoben hatte , säumte Dübois nicht , aus doppelten Gründen , sogleich vor dem Herrn zu erscheinen ; zuerst wollte er erfahren , ob der Graf mit der ganzen Anordnung des Festes zufrieden gewesen sei , und dann glaubte er , daß es gut gethan sei , wenn er ihm die Unterredung mittheilte , die er mit dem Knaben Gustav gehabt hatte . Als ihn der Graf erblickte , rief er : Ei , ei , guter Dübois , sind Sie schon aufgestanden , nach der großen Anstrengung , die Sie gestern hatten ? Sie sollten sich mehr schonen , Sie sollten daran denken , daß Sie sich uns noch lange erhalten müssen . Dübois lächelte entzückt über diese Güte und versicherte , daß er gar keine Müdigkeit fühle , auch , fuhr er fort , stand mir der Knabe des jungen Herrn Grafen mit so vieler Gewandheit und Einsicht bei , daß ihm ein großer Theil des Lobes gebührt , wenn wir überhaupt Lob verdient haben . Alles war vortrefflich , sagte der Graf , jede Anordnung verständig ; wie läßt sich das auch von Ihnen anders erwarten ; Sie haben in Paris eine so gute Schule gehabt ; und Alles war so eingerichtet , wie ich es liebe ; Jeder wohl versorgt , auch der geringste Gast beachtet , ein anständiger Ueberfluß ohne alle Prahlerei ; durch Ihre Mühe war es ein so wohlgeordnetes Fest , daß ich Ihnen recht sehr dafür danke . Gewiß , sagte der Haushofmeister , ich bin innig erfreut über die Zufriedenheit meiner hohen Herrschaft , aber doch muß ich der Wahrheit gemäß eingestehen , daß ich mir ohne den lieben Knaben Gustav gar nicht in dem Grade diese mir so theure Zufriedenheit hätte erwerben können . Was ist es mit dem Knaben , fragte der Graf , denn es scheint mir , daß Sie seiner nicht ohne Absicht gedenken ? So ist es , erwiederte Dübois und ließ sich gern bereit finden , Alles , was er von dem Knaben wußte , mitzutheilen . Der Graf hörte nicht ohne Theilnahme dessen traurige Geschichte und sagte , als sie geendigt war : Wie bereit doch ein Jeder ist , dem Andern Unrecht zu thun ; ich hätte meinem finstern , kalten Vetter nicht so viel Menschlichkeit zugetraut , und ich war sehr geneigt , das für seinen Charakter zu erklären , was vielleicht nur die Folge eines eben erduldeten Unglücks sein mag . Ich hielt es deßhalb für meine Pflicht , erwiederte Dübois , das Alles zu berichten , damit nicht vielleicht die Mitglieder eines verehrten hohen Hauses durch Mißverständnisse noch mehr von einander getrennt werden . Sie sind ein verständiger Mann , sagte der Graf mit Güte , und ich habe es oft mit Dank erkannt , daß Sie alles , was zu meinem Vortheil gehört , wie ein Freund berücksichtigen . Dieß ist die Pflicht eines treuen Dieners , sagte der alte Mann mit vor Rührung bebender Stimme , aber nicht immer wird diese Pflicht gegen so edle Herren ausgeübt . Ich bin so dreist gewesen , fuhr er sich beherrschend fort , dem Bürschchen Gustav den Gebrauch der Bibliothek zu gestatten , ohne um Ihre Erlaubniß dazu erst nachzusuchen , wie ich hätte thun sollen , aber die Geschäfte des Tages verhinderten mich , und ich hoffe , der Herr Graf verzeihen mir diese Freiheit . Sie haben auch daran Recht gethan , mein guter Dübois , sagte der Graf , wie ich alles , was Sie für den unglücklichen Knaben gethan haben , nur loben kann , und gewiß werde ich es nicht unterlassen , Ihre guten Absichten mit ihm nach besten Kräften zu unterstützen . Das Wort war gesprochen , welches Dübois von der Großmuth seines Herrn erwartet hatte , und er ging in jeder Hinsicht befriedigt hinweg . Kaum hatte der Haushofmeister den Grafen verlassen , als St. Julien mit ganz ungewöhnlicher Heiterkeit hereintrat . Sie wollten kein Friedensfest , rief er lachend , nachdem er den Grafen umarmt hatte , aber wenn Sie auch dabei bleiben wollen , das gestrige Fest nicht so zu nennen , so haben Sie doch meinen Frieden mit einem heftigen Feinde dadurch gestiftet und , setzte er mit Herzlichkeit hinzu , ihn in meinen aufrichtigen Freund verwandelt . Dann wäre durch eine geringe Ursache eine große Wirkung hervorgebracht , sagte der Graf lächelnd , aber theilen Sie mir doch mit , wie die Verwandlung sich begeben hat , die ich schon gestern bemerkte . St. Julien wurde ernsthaft und erzählte dem Grafen das ganze , anfänglich so feindliche und dann so rührend herzliche Benehmen des jungen Grafen ; er theilte ihm Alles mit , was er von ihm selbst erfahren hatte , und sein Zuhörer konnte sich des Mitgefühls nicht erwehren . Der arme junge Mann , rief er , als St. Julien geendigt hatte , er hat Vieles durch ein hartes Geschick erduldet und sehr Vieles durch die ungereimte Falschheit seines Vaters , der den eigenen Sohn hintergeht , um ihn zu Schritten zu bewegen , die ihn nur hätten herabwürdigen können . Ich sehe das deutlicher ein , als Sie , mein lieber Freund , und zweifeln Sie nicht , ich werde dem Vertrauen meines Vetters so begegnen , wie ich hoffe , daß es für uns Alle wohlthätig sein soll . Nur gedenken Sie meiner nicht dabei , sagte St. Julien , denn ich weiß nicht , ob unsere junge Freundschaft nicht dadurch erschüttert werden könnte , wenn er darauf käme , zu glauben , ich habe sein Vertrauen mißbrauchen wollen . Sein Sie unbesorgt , sagte der Graf lächelnd , ich werde ja nicht den kaum geschlossenen Frieden stören wollen . Die Gesellschaft versammelte sich spät zum Frühstück , und die heiteren Erinnerungen an den gestrigen Tag wurden gehemmt und unterbrochen , weil man bemerkte , daß der junge Graf seine Gedanken auf andere , ernsthaftere Gegenstände richtete , und daß auch sein Oheim diesen Dingen wenig Aufmerksamkeit schenkte und hauptsächlich ein Gespräch mit seinem Vetter einzuleiten suchte . Endlich nach beendigtem Frühstück bat er diesen , ihm in sein Kabinet zu folgen , weil er sich über manche Gegenstände mit ihm zu unterreden wünsche . Der junge Graf folgte schweigend , nicht ohne peinliche Empfindungen , weil er nicht wußte , welche Wendung eine Unterredung nehmen würde , die er wünschte und fürchtete . Als sie allein waren , sagte der Graf : Ich glaube , mein lieber Vetter , Sie haben es leicht bemerken können , daß Offenheit und Freimüthigkeit die Hauptzüge meines Charakters sind ; ich befürchte nicht mich zu täuschen , wenn ich dieselben Eigenschaften bei Ihnen voraussetze , es ist uns also ohne Frage beiden gleich quälend , wenn wir eine Spannung zwischen uns erhalten , die vielleicht durch eine offenherzige Unterredung aufgehoben werden kann . Der junge Graf fand auf diese Anrede keine Antwort und begnügte sich mit einer stummen Verbeugung . Ich will den Anfang des Vertrauens machen , fuhr sein Oheim fort , da mich die weitere Bahn , die ich auf dem Wege des Lebens zurückgelegt habe , vielleicht geschickter dazu gemacht hat , diese Aufgabe zu lösen . Ich glaube mich nicht zu irren , setzte er hinzu , wenn ich annehme , daß Sie mich durch Ihren Besuch hier nicht bloß deßhalb erfreuen , um die Bekanntschaft eines Verwandten zu machen , sondern daß Sie dazu auch noch durch andere Gründe bestimmt worden sind . Ich kann nicht läugnen , sagte der junge Graf mit einer Verlegenheit , die er nicht bekämpfen konnte , mein Vater hat mir mancherlei Aufträge gegeben , die es mir unendlich schwer fällt auszurichten . Ich glaube , erwiederte ihm sein Oheim , ich kann Ihnen die Eröffnung , die Sie mir machen müssen , erleichtern , wenn ich sage , daß mir im Ganzen der Inhalt Ihrer Sendung bekannt ist . Ihr Vater beabsichtigt seit lange , Ansprüche auf einen großen Theil meines Vermögens geltend zu machen , und die Kenntniß dieser Absicht , die mir mein Rechtsfreund mittheilte , bestimmte mich hauptsächlich hieher zu kommen , wo in einer so wichtigen Angelegenheit meine Gegenwart vielleicht unentbehrlich sein konnte . Ich kann nicht läugnen , sagte der junge Graf , mein Vater ist überzeugt , bedeutende Ansprüche zu haben . Ist es Ihnen bekannt , worauf er diese gründet ? fragte der Graf . Mein Vater ist überzeugt , erwiederte sein Vetter , daß nach dem Tode Ihres Aeltervaters die Summe , welche Ihr Großvater dem seinigen hatte auszahlen sollen , nie berichtigt worden ist . Ich kann Sie vom Gegentheil überzeugen , sagte der Graf , und Ihnen das Dokument über die vollständig geleistete Zahlung vorlegen . Er reichte es ihm mit diesen Worten hin und zog sich etwas zurück , um seinem jungen Verwandten Zeit und Ruhe zum Lesen zu gewähren . Er beobachtete ihn während dieses Geschäfts und sah , wie das Gesicht des jungen Mannes während des Lesens erbleichte und das Gefühl einer völligen Hoffnungslosigkeit sich auf seinen Zügen ausdrückte . Noch eine Zeitlang hielt er das Blatt zitternd in der Hand , und sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke der Verzweiflung auf den Buchstaben , die alle seine Erwartungen vernichtet hatten . Endlich nahm er sich zusammen und gab gefaßt seinem Oheim die Urkunde zurück . Es ist so , wie ich es schon früher ahnte , sagte er mit ruhiger Stimme , es war ein Irrthum meines Vaters . Ihr Vater , rief der Graf mit Heftigkeit und unterbrach sich selbst , er fühlte , wie hart es wäre , einem Sohne zu zeigen , wie weit sein Vater von der Bahn der Ehre abgewichen sei . Mein Vater , ergänzte der junge Graf , muß seinen Irrthum schleunig erfahren , wenn auch dadurch alle seine Hoffnungen vernichtet werden ; er muß es wissen , daß wir gar keine Rechte auf Ihr Vermögen haben . Wenn ich auch zugeben muß , erwiederte sein Oheim , daß Sie diese Rechte in der That nicht haben , hören denn dadurch nothwendig alle