riß mich die Erwartung schon mit dem ersten Morgenstrahl aus dem Schlaf im Hemdchen ans Fenster ; wie frisch waren die Blumen ! Wie atmeten sie in meiner Hand ! - Einmal brachte sie mir dunkle Nelken in einen Topf eingepflanzt ; welcher Reichtum ! - Wie war ich überrascht von der Großmut ! - Diese Blumen in der Erde - sie schienen mir ewig ans Leben gebunden , es waren mehr , als ich zählen konnte ; immer fing ich von vorne an ; ich wollte kein Knöspchen überspringen ; wie dufteten sie ! Wie war ich demütig vor dem Geist , den sie ausströmten ! - Ich wußte ja noch wenig von Wald und Flur , und die erste Wiese im Abendschein eine unendliche Fläche fürs Kinderauge , mit goldnen Sternen übersäet ; - ach , wie hat Natur aus Liebe es dem Geist Gottes nachahmen wollen . - Und wie liebt er sie ! - Wie neigte er sich herab zu ihr für diese Zärtlichkeit ihm entgegenzublühen ! - Wie hab ich gewühlt im Gras und hab gesehen , wie eins neben dem andern sich hervordrängt . Manches hätte ich vielleicht übersehen bei der Fülle , aber sein schöner Name hat mich mit ihm vertraut gemacht , und wer sie genannt hat , der muß sie geliebt und verstanden haben . Das kleine Schäfertäschchen zum Beispiel - ich hätte es nicht bemerkt , aber wie ich seinen Namen hörte , da fand ich ' s unter vielen heraus , ich mußte ein solches Täschchen öffnen , und fand es gefüllt mit Samenperlen . Ach , alle Form enthält Geist und Leben , um sich auf die Ewigkeit zu vererben . Tanzen die Blumen nicht ? - Singen sie nicht ? - Schreiben sie nicht Geist in die Luft ? - Malen sie nicht sich selbst ihr Innerstes in ihrem Bild ? - Alle Blumen hab ich geliebt , eine jede in ihrer Art , wie ich sie nacheinander kennen lernte , und keiner bin ich untreu geworden , und wie ich ihre Muskelkraft entdeckte : das Löwenmäulchen , wie es mir zum erstenmal die Zunge aus seinem samtnen Rachen entgegenstreckte , als ich es zu kräftig anfaßte . - Ich will sie nicht alle nennen , mit denen ich so innig vertraut wurde , wie sie mir jetzt im Gedächtnis erwachen ; nur eines einzigen gedenk ich , eines Myrtenbaums , den eine junge Nonne dort pflegte . Sie hatte ihn Winter und Sommer in ihrer Zelle ; sie richtete sich in allem nach ihm ; sie gab ihm nachts wie tags die Luft , und nur so viel Wärme erhielt sie im Winter , als ihm nottat . Wie fühlte sie sich belohnt , da er mit Knospen bedeckt war ! Sie zeigte mir sie , schon wie sie kaum angesetzt hatten ; ich half ihn pflegen ; alle Morgen füllte ich den Krug mit Wasser am Madlenenbrünnchen ; die Knospen wuchsen und röteten sich , endlich brachen sie auf ; am vierten Tag stand er in voller Blüte ; eine weiße Zelle jede Blüte , mit tausend Strahlenpfeilen in ihrer Mitte , deren jeder auf seiner Spitze eine Perle darreicht . Er stand im offenen Fenster , die Bienen begrüßten ihn . - Jetzt erst weiß ich , daß dieser Baum der Liebe geweiht ist ; damals wußt ich ' s nicht ; und jetzt verstehe ich ihn . - Sag : kann die Liebe süßer gepflegt werden , als dieser Baum ? - Und kann eine zärtliche Pflege süßer belohnt werden , als durch eine so volle Blüte ? - Ach , die liebe Nonne mit halb verblühten Rosen auf den Wangen , in Weiß verhüllt , und der schwarze Florschleier , der ihren raschen zierlichen Gang umschwebte ; wie aus dem weiten Ärmel des schwarzen wollenen Gewands die schöne Hand hervorreichte , um die Blumen zu begießen ! Einmal steckte sie ein kleines schwarzes Böhnchen in die Erde , sie schenkte mir ' s und sagte , ich solle es pflegen ; ich werde ein schönes Wunder daran erleben . Bald keimte es und zeigte Blätter wie der Klee ; es zog sich an einem Stöckchen in die Höh wie die Wicke mit kleinen geringelten Haken ; dann bracht es sparsame gelbe Blüten hervor , aus denen wuchs so groß wie eine Haselnuß ein grünes Eichen , das sich in Reifen bräunte . Die Nonne brach es ab und zog es am Stiel auseinander , in eine Kette von zierlich geordneten Stacheln , zwischen denen der Same von kleinen Bohnen gereift war . Sie flocht daraus eine Krone , setzte sie ihrem elfenbeinernen Christus am Kruzifix zu Füßen und sagte mir , man nennt diese Pflanze Corona Christi . Wir glauben an Gott und an Christus , daß er Gott war , der sich ans Kreuz schlagen ließ ; wir singen ihm Litaneien und schwenken ihm den Weihrauch ; wir versprechen heilig zu werden und beten , und empfinden ' s nicht . Wenn wir aber sehen , wie die Natur spielt und in diesem Spiel eine Sprache der Weisheit kindlich ausdrückt ; wenn sie auf Blumenblätter Seufzer malt , ein O und Ach , wenn die kleinen Käfer das Kreuz auf ihren Flügeldecken gemalt haben und diese kleine Pflanze eben , so unscheinbar , eine mit Sorgfalt gehegte künstliche Dornenkrone trägt ; wenn wir Raupen und Schmetterlinge mit dem Geheimnis der Dreifaltigkeit bezeichnet sehen , dann schaudert uns , und wir fühlen , die Gottheit selber nimmt ewigen Anteil an diesen Geheimnissen ; dann glaub ich immer , daß Religion alles erzeugt hat , ja daß sie selber der sinnliche Trieb zum Leben in jedem Gewächs und jedem Tier ist . - Die Schönheit erkennen in allem Geschaffenen , und sich ihrer freuen , das ist Weisheit und fromm ; wir beide waren fromm , ich und die Nonne ; es werden wohl zehn Jahr sein , daß ich im Kloster war . Voriges Jahr hab ich ' s im Vorüberreisen wieder besucht . Meine Nonne war Priorin geworden , sie führte mich in ihren Garten , - sie mußte an einer Krücke gehen , sie war lahm geworden , - ihr Myrtenbaum stand in voller Blüte . Sie fragte mich , ob ich ihn noch kenne ; er war sehr gewachsen ; umher standen Feigenbäume mit reifen Früchten und großen Nelken , sie brach ab , was blühte , und was reif war , und schenkte mir alles , nur der Myrte schonte sie ; das wußte ich auch schon im voraus . Den Strauß befestigte ich im Reisewagen ; ich war wieder einmal so glücklich , ich betete , wie ich im Kloster gebetet hatte ; ja selig sein macht beten ! Siehst Du , das war ein Umweg und etwas von meiner Weisheit ; sie kann sich freilich der Weltweisheit , die zwischen Dir und Deiner amie Staël obwaltet , nicht begreiflich machen ; - aber das kann ich Dir sagen : ich habe schon viele große Werke gesehen von zähem Inhalt in schweinsledernem Einband ; ich habe Gelehrte brummen hören , und ich habe immer gedacht , eine einzige Blume müsse all dies beschämen , und ein einziger Maikäfer müsse durch einen Schneller , den er einem Philosophen an die Nase gibt , sein ganzes System umpurzeln . Pax tecum ! Wir wollen ' s einander verzeihen , ich , daß Du einen Herzens- und Geistesbund mit der Staél geschlossen hast , worüber , der Prophezeiung Deiner Mutter nach , ganz Deutschland und Frankreich die Augen aufreißen wird , denn es wird doch nichts draus : - und Du , daß ich so aberwitzig bin , alles besser wissen und mehr als alle Dir gelten zu wollen , denn das gefällt Dir . - Heute geh ich noch einmal auf den Rochusberg ; ich will sehen , was die Bienen machen im Beichtstuhl , ich nehme allerlei Pflanzen mit , die in Scherben eingesetzt sind , und auch einen Rebstock ; die grab ich dort oben ein ; die Rebe soll am Kreuz hinaufwachsen ; in dessen Schutz ich eine so schöne Nacht verschlafen habe ; am Beichtstuhl pflanz ich Kaiserkronen und Jelängerjelieber , Deiner Mutter zu Ehren ; - vielleicht , wenn mir ' s ums Herz ist , beicht ich Dir da oben , da ich zum letztenmal dort sein werde ; um doch den Ablaß des Primas in Wirkung zu setzen ; aber ich glaube wohl , ich habe nichts Verborgnes mehr in mir ; Du siehst in mich hinein , und außer dem ist nichts in mir zu finden . Den gestrigen Tag wollen wir zum Schluß noch hierher malen , denn er war schön . Wir gingen mit einem irreführenden Wegweiser durch eine Talschlucht einen Fluß entlang , den man die Wisper nennt , wahrscheinlich wegen dem Rauschen des Wassers , das über laute platte Felssteine sich windet und in den Lücken schäumt und flüstert . Auf beiden Seiten gehen hohe Felsen her , auf denen zerfallene Burgen stehen , mit alten Eichen umwachsen . Das Tal wird endlich so enge , daß man genötigt ist , im Fluß zu gehen . Da kann man nicht besser tun , als barfuß und etwas hochgeschürzt von Stein zu Stein zu springen , bald hüben , bald drüben am Ufer sich forthelfen . Es wird immer enger und enger hoch über uns ; die Felsen und Berge umklammern sich endlich ; die Sonne kann nur noch die Hälfte der Berge beleuchten ; die schwarzen Schlagschatten der übergebogenen Felsstücke durchschneiden ihre Strahlen ; aus der Wisper , die kein ganz unbedeutender Fluß ist - sie rauscht mit ziemlicher Gewalt - stehen erhöhte Felsplatten wie harte , kalte Heiligenbetten hervor . Ich legte mich auf eins , um ein wenig auszuruhen ; ich lag mit dem glühenden Gesicht auf dem feuchten Stein ; das stürzende Wasser beregnete mich fein , die Sonnenstrahlen kamen sans rime et raison quer durch die Felsschichten , um mich und mein Bett zu vergolden ; über mir war Finsternis ; meinen Strohhut , den ich schon längst mit Naturmerkwürdigkeiten angefüllt hatte , ließ ich schwimmen , um die Wurzeln der Pflanzen zu tränken ; - wie wir weiterkamen , drängten die Berge sich nesterweise aneinander , die nur dann und wann von schroffen Felsen geschieden wurden . Ich wär gar zu gern hinaufgeklettert , um zu sehen , wo man war ; es war zu schroff , die Zeit erlaubte es nicht , dem gescheuten Wegweiser waren alle Sorgen auf dem Gesichte gemalt ; er versicherte jedoch , daß er keine im Herzen hege ; es wurde kühl in unserer engen Schlucht ; so kühl war mir ' s auch innerlich ; wir trippelten immer vorwärts . Das Ziel unserer Reise war ein Sauerbrunnen hinter Weißenthurn , der in einer wüsten Wildnis liegt . Wir hatten alle Umwege der Wisper gemacht ; der kluge Wegweiser dachte , wenn wir uns von der nicht entfernten , müßten wir endlich das Ziel erreichen , da die Wisper an dem Brunnen vorüberführt , und so hatte er uns auf einen Weg geführt , der wohl selten von Menschen betreten wird . Da wir dort ankamen , erleichterte er seine Brust durch ein Heer von Seufzern . Ich glaub , der fürchtete sich nicht allein vor dem Teufel , sondern vor Gott und allen Heiligen , daß sie ihn würden zur Rechenschaft ziehen , weil er uns ins Verderben gestürzt habe ; - kaum waren wir angekommen , so schlug die Kuckucksuhr in der einsamen Hütte bei dem Brunnen und mahnte an den Rückweg . Es war acht Uhr ! Zu essen war nichts , auch kein Brot , nur Salat mit Salz ohne Essig und Öl . Eine Frau mit zwei Kindern wohnte da ; ich frug , von was sie lebe ; sie deutete mir in die Ferne auf den Backofen , der zwischen vier majestätische Eichen auf einem freien Platz in voller Glut stand . Ihr kleines Söhnchen schleppte eben ein Reiserbündel hinter sich heran ; sein Hemdchen hatte noch Ärmel , die Hinterwand und den Knopf vom Kragenbund , mit dem es befestigt war ; vorne war es weggerissen ; seine Schwesterpsyche wiegte sich quer über einen Block auf einem langen Backschieber , auf dem als Gegengewicht die zu backenden Brote lagen ; ihr Gewand bestand auch aus einem Hemd und aus einer Schürze , die sie um den Kopf befestigt hatte , um die Haare vor dem Verbrennen zu bewahren , wenn sie in den Ofen guckte und die Reiser anlegte . Wir gaben der Frau ein Geldstück ; sie frug wieviel es wär ; da sahen wir , daß es nicht in unserer Macht war , sie zu beschenken , denn sie war zufrieden und wußte nicht , daß man mehr brauchen könne , als man bedürfe . Ich marschierte also wieder links um , ohne auszuruhen , und kam nachts um ein Uhr zu Hause an ; in allem war ich zwölf Stunden unterwegs gewesen und durchaus nicht ermüdet . Ich stieg in ein Bad , das mir bereitet war , und setzte ein Flasche Rheinwein an und ließ es so lange herunterglucken , bis ich den Boden sah . Die Zofe schrie und dachte , es könne mir schaden im heißen Bad , allein ich ließ mir nicht wehren ; sie mußte mich ins Bett tragen ; ich schlief sanft , bis ich am Morgen durch ein wohlbekanntes Krähen und Nachahmen eines ganzen Hühnerhofs vor meiner Tür geweckt wurde . Du schreibst : meine Briefe versetzen Dich in eine bekannte Gegend , in der Du Dich heimatlich fühlst ; versetzen sie Dich denn auch zu mir ? - Siehst Du mich in Gedanken , wie ich mit langem Hakenstock auf die Berge klettere , und siehst Du in mein Herz , wo Du Dich von Angesicht zu Angesicht erblicken kannst ? Diese Gegend möcht ich Dir doch am alleranschaulichsten machen ! Noch acht Wochen werd ich wohl in allerlei Gegenden herumstreifen , im Oktober mit Savigny erst auf ein paar Monate nach München und dann nach Landshut gehen , wenn es der Himmel nicht anders fügt . - Ich bitte Dich , wenn Du Dich meiner mit der Feder erbarmen solltest , um zu » strafen oder zu lohnen « , so adressiere gleich nach Schlangenbad über Wiesbaden ; ich werde drei Wochen dort bleiben . Schickst Du den Brief an die Mutter , so wartet sie auf eine Gelegenheit ; und ich will lieber einen Brief ohne Datum , als daß ich am Datum erkennen muß , daß er mir vierzehn Tage vorenthalten ist . Der Mutter schreib ich alles , was unglaublich ist ; obschon sie weiß , was sie davon zu halten hat , so hat es doch ihren Beifall , und fordert mich auf , ihr immer noch mehr dergleichen mitzuteilen ; sie nennt dies » meiner Phantasie Luft machen « . Bettine An Bettine Karlsbad , am 21. August Es ist noch die Frage , liebste Bettine , ob man Dich mehr wunderlich oder wunderbar nennen kann ; besinnen darf man sich auch nicht ; man denkt endlich nur darauf , wie man sich gegen die reißende Flut Deiner Gedanken sicher zu stellen habe ; laß Dir daher genügen , wenn ich nicht ausführlich Deine Klagen , Deine Forderungen , Fragen und Beschuldigungen beschwichtige , befriedige , beantworte und ablehne ; im ganzen aber Dir herzlich danke , daß Du mich wieder so reichlich beschenkt hast . Mit dem Primas hast Du Deine Sache klug und artig gemacht . Ich habe schon ein eigenhändiges Schreiben von ihm , worin er mir alles zusichert , was Du so anmutig von ihm erbettelt hast , und mir andeutet , daß ich Dir alles allein zu verdanken habe , und mir noch viel Artiges von Dir schreibt , was Du in Deinem ausführlichen Bericht vergessen zu haben scheinst . Wenn wir also Krieg miteinander führen wollten , so hätten wir wohl gleiche Truppen ; Du die berühmte Frau , und ich den liebenswürdigen Fürsten voll Güte gegen mich und Dich . - Beiden wollen wir die Ehre und den Dank nicht versagen , die sie so reichlich um uns verdienen , aber beiden wollen wir auch den Zutritt verweigern , wo sie nicht hingehören , sondern nur störend sein würden , nämlich zwischen das erfreulichste Vertrauen Deiner Liebe und meiner warmen Aufnahme derselben . - Wenn ich auch Deine Antagonistin in der Weltweisheit in einer nur zufälligen Korrespondenz amie nenne , so greife ich damit keineswegs in die Rechte ein , die Du mit erobernder Eigenmacht schon an Dich gerissen hast . Ich bekenne Dir indessen , daß es mir geht wie dem Primas : Du bist mir ein liebes , freundliches Kind , das ich nicht verlieren möchte , und durch welches ein großer Teil des ersprießlichsten Segens mir zufließt . Du bist mir ein freundliches Licht , das den Abend meines Lebens behaglich erleuchtet , und da gebe ich Dir , um doch zustande zu kommen mit allen Klagen , zum letzten Schluß beikommendes Rätsel ; an dem magst Du Dich zufrieden raten . Goethe Charade Zwei Worte sind es , kurz , bequem zu sagen , Die wir so oft mit holder Freude nennen , Doch keineswegs die Wesen deutlich kennen , Wovon sie eigentlich den Stempel tragen . Es tut gar wohl , an schön beschloßnen Tagen Eins an dem andern kecklich zu verbrennen , Und kann man sie vereint zusammen nennen , So drückt man aus ein seliges Behagen . Nun aber such ich ihnen zu gefallen Und bitte mit sich selbst mich zu beglücken ; Ich hoffe still ; doch hoff ich ' s zu erlangen : Als Namen der Geliebten sie zu lallen , In Einem Bild sie beide zu erblicken , In Einem Wesen beide zu umfangen . Es findet sich noch Platz und auch noch Zeit , der guten Mutter Verteidigung hier zu übernehmen ; ihr solltest Du nicht verargen , daß sie mein Interesse an dem Kinde , was noch mit der Puppe spielt , heraushebt , da Du es wirklich noch so artig kannst , daß Du selbst die Mutter noch dazu verführst , die ein wahres Ergötzen dran hat , mir die Hochzeitfeier Deiner Puppe mit dem kleinen Frankfurter Ratsherrn schriftlich anzuzeigen , der mir in seiner Allongeperücke , Schnabelschuhen und Halsschmuck von feinen Perlen im kleinen Plüschsessel noch gar wohl erinnerlich ist . Er war die Augenweide unserer Kinderjahre , und wir durften ihn nur mit geheiligten Händen anfassen . Bewahre doch alles sorgfältig , was Dir die Mutter bei diesen Gelegenheiten aus meiner und der Schwester Kindheit mitteilt ; es kann mir mit der Zeit wichtig werden . Dein Kapitel über die Blumen würde wohl schwerlich Eingang finden bei den Weltweisen wie bei mir ; denn obschon Dein musikalisches Evangelium etwas hierdurch geschmälert ist ( was ich doch ja nicht zu versäumen bitte im nächsten , recht bald zu erwartenden Brief ) , so ist es mir dadurch ersetzt , daß meine frühsten Kinderjahre sich mir auf eine liebliche Weise darin abspiegeln , denn auch mir erschienen die Geheimnisse der Flora als ein unmöglicher Zauber . Die Geschichte des Myrtenbaums und der Nonne erregt warmen Anteil ; möge er vor Frost und Schaden bewahrt bleiben ! Aus voller Überzeugung stimme ich mit Dir ein , daß die Liebe nicht süßer gepflegt kann werden als dieser Baum , und keine zärtliche Pflege reichlicher belohnt , als durch eine solche Blüte . Auch Deine Pilgrimschaft im rauschenden Fluß mit der allerliebsten Vignette der beiden Kinder gibt ein ergötzliches Bild und Deinen Rheinabenteuern einen anmutig abrundenden Schluß . Bleib mir nun auch hübsch bei der Stange und gehe nicht zu sehr ins Blaue ; ich fürchte so , daß die Zerstreuungen eines besuchten Badeorts Deine idealen Eingebungen auf dem einsamen Rochus verdrängen werden ; ich muß mich darauf gefaßt machen , wie auch auf noch manches andere , was Dir im Köpfchen und Herzen spuken mag . Ein bißchen mehr Ordnung in Deinen Ansichten könnte uns beiden von Nutzen sein ; so hast Du Deine Gedanken , wie köstliche Perlen , nicht alle gleich geschliffen , auf losem Faden gereiht , der leicht zerreißt , wo sie denn in alle Ecken rollen können und manche sich verliert . - Doch sage ich Dir Dank und dem lieben Rhein ein herzliches Lebewohl , von dem Du mir so manches Schöne hast zukommen lassen . Bleibe Dir ' s fest und sicher , daß ich gern ergreife , was Du mir reichst , und daß so das Band zwischen uns sich nicht leicht lösen wird . Goethe Rochusberg Ich hatte mir ' s vorgenommen , noch einmal hier heraufzugehen , wo ich in Gedanken so glückliche Stunden mit Dir verlebt habe , und vom Rhein Abschied zu nehmen , der in alle Empfindungen eingeht und der größer , feuriger , kühner , lustiger und überirdischer als alle ist ; - ich komme um fünf Uhr nachmittags hier oben an ; finde alles im friedlichen Sonnenlicht , die Bienen angesiedelt , von der Nordseite geschützt durch die Mauer ; Beichtstuhl und Altar stehen gegen Morgen . Meine Pflanzen hab ich alle eingesetzt mit Hilfe des Schiffsjungen , der sie mir heraufbringen half ; die Rebe im Topf , welche schon an sechs Fuß hoch ist und voll Trauben hängt , hab ich am Altar zwischen eine gebrochne Steinplatte gesetzt ; den Topf hab ich zerschlagen und die Scherben leise abgenommen , damit die Erde hübsch an den Wurzeln bleibt ; es ist eine Muskatellerart , die sehr feine Blätter hat ; dann hab ich ihn am Kreuz auf dem Altar festgebunden ; die Trauben hängen grade über den Christusleib ; - wenn er schön einwächst und gedeiht , da werden sich die Menschen wundern , die hier oben herkommen ; des Schäfers Bienen im Beichtstuhl mit dem Geißblatt , das ihn umzieht , und das Kreuz mit Trauben . Ach , so viele Menschen haben große Paläste und prächtige Gärten ; - ich möchte nur diese einsame Rochuskapelle haben und daß alles so schön fortwüchse , wie ich ' s eingepflanzt habe ; - vom Berg hab ich mit den Scherben die Erde losgegraben und an die Rebe gelegt , und zweimal hab ich unten am Rhein den Krug gefüllt , um ihn zu begießen ; es ist wohl zum letztenmal , daß er Rheinwasser trinkt . - Jetzt , nach beendigtem Werk , sitz ich hier im Beichtstuhl und schreib an Dich ; die Bienen kommen alle hintereinander heim ; sie sind schon ganz eingewohnt ; - könnt ich einziehen in Dein Herz mit jedem Gedanken , so gefühlig , so süß summend wie diese Bienen , beladen mit Honig und Blumenstaub , den ich von allen Feldern zusammentrage , und alles heimbringe zu Dir - nicht wahr ? - Am 13. August » Alles hat seine Zeit ! « sprech ich mit dem Weisen , ich habe die Reben ihre Blätter entfalten sehen ; ihre Blüte hat mich betäubt und trunken gemacht ; nun sie Laub haben und Früchte , muß ich Dich verlassen , du stiller , stiller Rhein ! Noch gestern Abend war alles so herrlich ; aus der dunklen Mitternacht trat mir eine große Welt entgegen . Als ich von meinem Bett aufstand in die kühle Nachtluft am Fenster , da war der Mond schon eine halbe Stunde aufgegangen und hatte die Wolken alle unter sich getrieben ; er warf einen fruchtbaren Schein über die Weinberge ; - ich nahm das volle Laub des Weinstocks , der an meinem Fenster hinaufwächst , in Arm und nahm Abschied von ihm ; keinem Lebendigen hätte ich den Augenblick dieser Liebe gegönnt ; wär ich bei Dir gewesen , - ich hätte geschmeichelt , gebeten und geküßt . Schlangenbad , 17. August Nur das sei mir gegönnt ! - Und ach , es wird mir nicht leicht , es auszusprechen , was ich will , wenn mich manchmal der Atem drückt , daß ich laut schreien möchte . Es überfliegt mich zuweilen in diesen engbegrenzten Gegenden , wo die Berge übereinander klettern und den Nebel tragen und in den tiefen kühlen Tälern die Einsamkeit gefangen halten , ein Jauchzen , das wie ein Blitz durch mich fährt . - Nun ja ! - Das sei mir gegönnt : daß ich dann mich an einen Freund schließe , - er sei noch so fern , - daß er mir freundlich die Hand aufs klopfende Herz lege und sich seiner Jugend erinnere . - O wohl mir , daß ich Dich gesehen hab ! Jetzt weiß ich doch , wenn ich suche und kein Platz mir genügt zum Ausruhen , wo ich zu Haus bin und wem ich angehöre . Etwas weißt Du noch nicht , was mir eine liebe Erinnerung ist , obschon sie seltsam scheint . - Als ich Dich noch nie gesehen hatte und mich die Sehnsucht zu Deiner Mutter trieb , um alles von Dir zu erforschen , - Gott , wie oft hab ich auf meinem Schemel hinter ihr auf die Brust geschlagen , um meine Ungeduld zu dämpfen . - Nun : - wenn ich da nach Hause kam , so sank ich oft mitten im Spielen von Scherz und Witz zusammen ; sah mein Bild vor dem Deinen stehen , sah Dich mir nah kommen , und wie Du freundlich warst auf verschiedene Weise und gütig , bis mir die Augen vor freudigem Schmerz übergingen . So hab ich Dich durchgefühlt , daß mich das stille Bewußtsein einer innerlichen Glückseligkeit vielleicht manche stürmische Zeit meines Gemüts über den Wellen erhalten hat . - Damals weckte mich oft dieses Bewußtsein aus dem tiefen Schlaf ; ich verpraßte denn ein paar Stunden mit selbsterschaffnen Träumen und hatte am End , was man nennt , eine unruhige Nacht zugebracht ; ich war blaß geworden und mager ; ungeduldig , ja selbst hart , wenn eins von den Geschwistern zur Unzeit mich zu einer Zerstreuung reizen wollte ; dachte oft , daß , wenn ich Dich jemals selbst sehen sollte , was mir unmöglich schien , so würde ich vielleicht viele Nächte ganz schlaflos sein . - Da mir nun endlich die Gewißheit ward , fühlte ich eine Unruhe , die mir beinah unerträglich war . - In Berlin , wo ich zum erstenmal eine Oper von Gluck hörte ( Musik fesselt mich sonst so , daß ich mich von allem losmachen kann ) , wenn da die Pauken schlugen , - lache nur nicht - schlug mein Herz heftig mit ; ich fühlte Dich im Triumph einziehen ; es war mir festlich wie dem Volk , das dem geliebten Fürsten entgegenzieht , und ich dachte : in wenig Tagen wird alles , was Dich so von außen ergreift , in Dir selber erwachen ! - Aber da ich nun endlich , endlich bei Dir war : - Traum , jetzt noch , - wunderbarer Traum , - da kam mein Kopf auf Deiner Schulter zu ruhen , da schlief ich ein paar Minuten nach vier bis fünf schlaflosen Nächten zum erstenmal . Siehst Du , siehst Du ! - Da soll ich mich hüten vor Lieb , und hat mir nie sonst Ruhe geglückt ; aber in Deinen Armen da kam der lang verscheuchte Schlaf , und ich hatte kein ander Begehren ; alles andere , woran ich mich angeklammert hatte und was ich glaubte zu lieben , das war ' s nicht ; - aber soll keiner sich hüten oder sich um sein Schicksal kümmern , wenn er das Rechte liebt ; sein Geist ist erfüllt , - was nützt das andere ! - Den 18. Wenn ich nun auch zu Dir kommen wollte , würde ich den rechten Weg finden ? Da so viele nebeneinanderher laufen , so denk ich immer , wenn ich an einem Wegweiser vorübergehe , und bleibe oft stehen und bin traurig , daß er nicht zu Dir führt ; und dann eil ich nach Hause und meine , ich hätte Dir viel zu schreiben ! - Ach , ihr tiefen , tiefen Gedanken , die ihr mit ihm sprechen wollt , - kommt aus meiner Brust hervor ! Aber ich fühl ' s in allen Adern , ich will Dich nur locken , ich will , ich muß Dich nur sehen . Wenn man bei der Nacht im Freien geht und hat die Abendseite vor sich : am äußersten Ende des dunkeln Himmels sieht man noch das letzte helle Gewand eines glänzenden Tags langsam abwärts ziehen - so geht mir ' s bei der Erinnerung an Dich . Wenn die Zeit noch so dunkel und traurig ist , weiß ich doch , wo mein Tag untergegangen ist . Den 20. Ich habe selten eine Zeit in meinem Leben so erfüllt gehabt , daß ich sagen könnte , sie sei mir unvermerkt verstrichen ; ich fühl nicht , wie andere Menschen , die sich amüsieren , wenn ihnen die Zeit schnell vergeht ; im Gegenteil , es ist mir der Tag verhaßt , der mir vergangen ist , ich weiß nicht wie . Von jedem Augenblick bleibe mir eine Erinnerung tief oder lustig , freudig oder schmerzlich , - ich wehre mich gegen sonst nichts als nur gegen nichts . Gegen dies Nichts , das einen beinah überall erstickt ! Den 22. Vorgestern war ein herrlicher Abend und Nacht ; ganz mit dem glänzenden frischen Schmelz der lebhaftesten Farben und Begebenheiten , wie sie nur in Romanen gemalt sind , so ungestört ; der Himmel war besäet mit unzähligen Sternen , die wie blitzende Diamanten durch das dichte Laub der blühenden Linden funkelten ; die Terrassen , welche an dem Berg hinaufgebaut sind , an dessen Fuß die