darauf machte . Außer einem kleinen Vorrat von Effekten , worunter auch jenes Gemälde und das Diarium sich befand , kam nichts an uns . - So endete der Bruder eures Vaters . Ich sage , Friede sei mit ihm ! Ich werde ihn aufrichtig beweinen bis an meinen Tod , ob ich gleich was er tat nicht billigen kann und jeden warnen muß , dem Gott ein so gefährlich Temperament verlieh , daß er den Fallstrick des Versuchers vermeide und nie die Bahn heilsamer Ordnung verlasse . Ich denke hier an meinen eigenen Sohn , an Theobald . Der Junge hat , so fromm und sanft er ist , mich manchmal schon erschreckt . So ganz das Gegenteil von mir ! So manches Übertriebene , Unnatürliche ! So heute wieder - mir läuft die Galle über , wenn ich ' s denke - was soll die dumme Neugierde auf die Fremde ? nichts , als daß seine Phantasie toll wird ! Und du , Adelheid , machst oft gemeinschaftliche Sache mit ihm , statt ihn zu leiten - Er läßt sich nicht wie andere Knaben seines Alters an . Da - stundenlang oben im Glockenstuhl sitzen , wie ein Träumer , Spinnen ätzen und aufziehen , einfältige Geheimnisse , Zettel , Münzen unter die Erde vergraben - was sind mir das für Bizarrerien ? Und daß ich einen Maler aus ihm mache , soll er sich nur nicht einbilden . Das ist das ewige Zeichnen und Pinseln ! wo man hinsieht , ärgert man sich über so ein Fratzengesicht , das er gekritzelt hat , und wär ' s auch nur auf dem Zinnteller . Wenn er einmal sonntags nachmittag zur Erholung sich eine Stunde hinsetzte und machte einen ordentlichen Baum , ein Haus und dergleichen nach einem braven Original , so hätt ich nichts dagegen , aber da sind es nur immer seine eigenen Grillen , hexenhafte Karikaturen und was weiß ich . Bei Gott ! gerade solche Possen hat Onkel Friedrich in seiner Jugend gehabt . Nein , bei meiner armen Seele , mein Sohn soll mir kein Maler werden ! Solange ich lebe und gebiete , soll er ' s nicht ! « Die Mädchen machten große Augen zu diesen Worten , denn es war beinahe das erstemal , daß der Vater über seinen Liebling entrüstet schien , und doch war auch dies nur der ängstliche Ausdruck seiner grenzenlosen Vorliebe für ihn . Endlich brach er auf und noch während des Auskleidens redete er nach seiner heftigen Gewohnheit laut mit sich selber über den störenden Vorfall des Abends . Am folgenden Morgen meldete der Knecht , daß , als er mit Tagesanbruch aufgestanden und in den Hof getreten , um Wasser zu schöpfen , das Zigeunermädchen ihm dort in die Hände gelaufen sei ; sie hätte sich nur ihr Kleiderbündel von ihm bringen lassen , um sogleich weiterzugehen . Sie habe ihm einen freundlichen Gruß an Adelheid , besonders aber an den jungen Herren befohlen . Ein Medaillon , das sie vom Halse losgeknüpft , soll man ihm als Angebinde von ihr einhändigen . Der Vater nahm das Kleinod sogleich in Empfang ; es war von feinem Golde , blau emailliert , mit einer unverständlichen orientalischen Inschrift ; er verschloß es und verbot jedermann aufs strengste , seinem Sohn etwas von diesem Auftrage kundzutun . Der junge Mensch hatte außer Adelheiden keine Seele , der er sein Inneres hätte offenbaren mögen . Er wandelte , seitdem er Elisabethen gesehen , eine Zeitlang wie im Traume . Wenn er seit seinen Kinderjahren , in Rißthal schon , so manchen verstohlenen Augenblick mit der Betrachtung jenes unwiderstehlichen Bildes zugebracht hatte , wenn sich hieraus allmählich ein schwärmerisch religiöser Umgang wie mit dem geliebten Idol eines Schutzgeistes entspann , wenn die Treue , womit der Knabe sein Geheimnis verschwieg , den Reiz desselben unglaublich erhöhte , so mußte der Moment , worin das Wunderbild ihm lebendig entgegentrat , ein ungeheurer und unauslöschlicher sein . Es war , als erleuchtete ein zauberhaftes Licht die hintersten Schachten seiner inneren Welt , als bräche der unterirdische Strom seines Daseins plötzlich lautrauschend zu seinen Füßen hervor aus der Tiefe , als wäre das Siegel vom Evangelium seines Schicksals gesprungen . Niemand war Zeuge von dem seltsamen Bündnis , welches der Knabe in einer Art von Verzückung mit seiner angebeteten Freundin dort unter den Ruinen schloß , aber nach dem , was er Adelheiden darüber zu verstehen gab , sollte man glauben , daß ein gegenseitiges Gelübde der geistigen Liebe stattgefunden , deren geheimnisvolles Band , an eine wunderbare Naturnotwendigkeit geknüpft , beide Gemüter , aller Entfernung zum Trotze , auf immer vereinigen sollte . Doch dauerte es lang , bis Theobald die tiefe Sehnsucht nach der Entfernten überwand . Sein ganzes Wesen war in Wehmut aufgelöst , mit doppelter Inbrunst hielt er sich an jenes teure Bild ; der Trieb zu bilden und zu malen ward jetzt unwiderstehlich und sein Beruf zum Künstler war entschieden . In kurzem starb der Vater am Schlagflusse . Die Kinder wurden zerstreut . Theobald ward einem wackern Manne ( dem Förster zu Neuburg ) in die Kost gegeben , von dessen Hause aus er die benachbarte Malerschule zu * * * besuchte . Nach fünfthalb Jahren fleißiger Studien fand ein reicher Gönner sich bewogen , dem jungen Manne die Mittel zu seiner weiteren Bildung im Auslande zu reichen . In hohem Grade fruchtbar ward ihm der Aufenthalt zu Rom und Florenz , aber selbst die mannigfaltigen Anschauungen dieser herrlichen Kunstwelt vermochten den Grundton jener früheren Eindrücke nie völlig zu verdrängen , deren mysteriöser Charakter zunächst in der Idee des Christlichen eine analoge Befriedigung fand . Elisabethen hat er nie wiedergesehen . Zweiter Teil Leopold ging unter tiefer Betrachtungen nach der Stadt zurück . Er kommt an dem Garten des wunderlichen Hofrats vorbei . Der Liebling des letztern , ein zahmer Star , sitzt auf dem Spitzdache eines Pumpbrunnens , über den sich eine Trauerweide neigt . Der Vogel stimmt , eben wie Leopold vorüber will , sein Stückchen an , mit einem spöttischen Zwischenruf , der offenbar ihm gilt : » Es reiten drei - Spitzbub - zum Tore hinaus « ; zugleich wird das gepuderte Haupt des Hofrats sichtbar ; derselbe ersucht den Bildhauer , einen Augenblick hereinzutreten . » Ich habe eine Neuigkeit « , sagte er , » über deren angenehmen Inhalt Sie wohl dem Flegel da oben seine Unart vergessen werden . Monsieur Larkens wurde den Morgen schnell zu einem Verhöre berufen . Man darf sich auf ein erwünschtes Resultat gefaßt halten ; mir ward nur en passant und ganz im allgemeinen , jedoch von sicherer Hand ein Wink gegeben . Bringen Sie den Leutchen diesen Trost , sagen es aber nicht weiter . « Voll Freuden dankte der Bildhauer und wollte eilends gehn , als der Hofrat , der heute seinen schönen Tag hatte , ihn noch am Rockknopf festhielt und sagte : » Widmen Sie doch dem Burschen da droben noch einen Blick ! Bemerken Sie die philosophische Klarheit , den feinen Sarkasmus , womit dieser Schnabel in die Welt hinaussticht ! Stellen wir uns nun etwa unter der Brunnenpyramide ein Monument , ein Grabmal vor , so wäre es dem elegischen Geschmack ohne Zweifel gemäßer , in den hängenden Weidenzweigen sich Philomelen , die süße Sängerin der Wehmut und der Liebe , zu denken , als den gebildetsten Staren , dessen bloße Figur schon viel vom Weltmann hat . Indessen , dünkt mich , wäre ein Hanswurst , gedankenvoll auf einem Sarkophagen sitzend , eine üble Vorstellung auch nicht , vielleicht ein Gegenstand für einen Hogarth . Man gäbe dem Kujon etwa ein schlafendes Kind auf den Schoß und hinter seinem Rücken würde , halb zürnend halb lächelnd , ein eisgrauer Alter am Stabe das sonderbare Selbstgespräch belauschen . Des Narren Gesicht müßte zeigen , wie er sich Mühe gibt , recht tiefsinnig und ernsthaft zu sein ; aber es geht nicht , und das bedeutendste Kopfschütteln wird jedesmal von der Schellenkappe begleitet . Was meinen Sie nun ? der geflügelte Schlingel dort , welcher gestern das Unglück gehabt , ich weiß weder wo noch wie , in einen Topf mit gelber Ölfarbe zu fallen , davon er die Spuren noch trägt - gleicht er denn nicht aufs Haar so einem buntscheckigen Allerweltsspötter ? Ist es nicht ein unvergleichlicher Junge ? « Der Bildhauer mußte dem Vogel eine Lobrede halten , war aber endlich nur froh , loszukommen und sich bei den Freunden seiner glücklichen Zeitung zu entledigen . Wirklich gingen nicht vier Tage hin , als den Gefangenen bereits ihre Lossprechung eröffnet ward . Man hatte bei keinem von beiden eine bösliche Absicht , wohl aber eine strafbare Unziemlichkeit in ihrer Handlungsweise entdeckt , wofür ihnen die Gnade des Königs Verzeihung zuerkannte . Sämtliche Freunde fanden dies ganz in der Regel , nur den Schauspieler schien die schnelle Wendung der Sache zu befremden , er schüttelte den Kopf , indem er nicht undeutlich zu verstehen gab , daß dahinter irgend etwas stecken müsse ; übrigens äußerte er weiter keine Vermutung und teilte von Herzen den allgemeinen Jubel . Der Augenblick , in dem er Nolten zum ersten Male wieder , obgleich am Krankenbett begrüßte , riß jeden , der zugegen war , zu Rührung und Freude hin . Nie hatte man eine leidenschaftlichere Freundschaft gesehen , und wenn sonst Larkens die Vermeidung jedes Anscheins von Empfindsamkeit beinahe bis zur Härte trieb , so ward er jetzt nicht satt , den Kranken zu umarmen und zu küssen , ihm aufs beweglichste den Unfall abzubitten , dessen er sich allein anklagte . Zum Glück versprach der Arzt , daß Nolten in kurzer Zeit völligen Gebrauch von seiner Freiheit würde machen können , ja der Kranke selber schwur , es fehle gar nicht viel , so hätte er wohl Lust , sich heute schon auf die Füße zu richten ; zum wenigsten wollte er aus dem traurigen Arrestzimmer erlöst sein und müßte man ihn auch samt dem Bette wegtragen . Larkens nahm gleich den Schließer auf die Seite , ließ sich die nächstgelegenen Zimmer weisen und kam bald mit der lustigen Botschaft wieder , er habe nur wenige Schritte von Theobalds Zelle ein Lokal entdeckt , darüber in der Welt nichts gehe : einen kleinen getäfelten Rittersaal mit einem Erker , der die schönste Aussicht im ganzen Schloß darbiete . Sodann beschrieb er den altertümlichen Reiz der vielfach verzierten eichenen Wände , eine Reihe von lebensgroß in Holz geschnitzten Grafen und Herzogen mit ihren Wappenschildern und Sinnsprüchen , die hölzerne Decke , auf welcher , in gleiche Quadrate geteilt , die halbe biblische Historie in rührender Geschmacklosigkeit gemalt zu schauen , zwei riesenhafte Ofen , die man im Notfall beide heizen würde ; daneben in einer Ecke lehne ein Haufen rostiger Waffen , an deren Schwere der Patient von Tag zu Tage seine zunehmenden Kräfte prüfen müsse ; auch stünden ein paar kleine Feuerspritzen bereit , und er behalte sich vor , dieselben an dem Tage , wo man Befreiung und Genesung festlich begehen würde , mit Tokaier füllen zu lassen , denn da müsse der Wein recht eigentlich in Strömen fließen . Sprach er das letztere im Scherz , so war es ihm mit der Verlegung Noltens in den bezeichneten Saal so vollkommen Ernst daß er noch jenen Morgen die Erlaubnis hiezu von seiten des Verwalters einholte und Anstalt machte , alles recht sauber und reinlich herzustellen . Der Umzug ging des andern Tages vor sich , und Nolten mußte gestehen , er fühle sich wahrhaft erleichtert und erhoben durch eine so heitere als eindrucksvolle Umgebung . Fenster an Fenster reihten sich die langen Wände entlang und die ehemalige Pracht erstreckte sich selbst bis auf die kleinen runden Scheiben , deren Blei noch überall die Spuren guter Vergoldung zeigte . Es soll der Saal vorzeiten seiner Kostbarkeit und außerordentlichen Helle wegen , » die goldene Laterne « geheißen haben . Einer der ersten Besuche , deren unser Freund in seiner neuen Wohnung eine große Anzahl erhielt , war Tillsen und der alte Baron von Jaßfeld . Beide hatten während der Gefangenschaft , vermutlich aus Rücksicht gegen den Hof , Anstand genommen , diese Pflicht zu erfüllen . Der Schauspieler konnte eine spöttische Bemerkung deshalb nicht unterdrücken , für Theobald aber war wenigstens der gegenwärtige Beweis von Aufmerksamkeit um so wichtiger , als er eine günstige Folgerung auf die Gesinnungen der Zarlinschen daraus zog . Allein hierin irrte er sich , denn gar bald ließ man ihn merken , daß in jenem Hause noch immer eine auffallende Verstimmung herrsche , daß er wohltun würde , sich vorderhand durchaus entfernt zu halten . Hiezu war er nun wirklich fest entschlossen , besonders da auch in den folgenden Tagen von seiten des Grafen nicht einmal ein trockener Glückwunsch , geschweige denn , wie doch zu erwarten gewesen wäre , ein freundlich Wort an ihn erging . Unter andern Umständen vielleicht hätten diese Aussichten ihn trostlos gemacht , aber so ward sein Stolz empfindlich gereizt , er sah sich unfreundlich , schnöde zurückgestoßen , und da er wußte , wie wenig von jeher die Gräfin gewohnt gewesen , sich ihre Gefühle und Handlungen durch den Bruder oder sonst jemanden vorschreiben zu lassen , so konnte er auch ihr jetziges Benehmen keineswegs auf fremde Rechnung setzen Er glaubte sich in seinen Vorstellungen von der ungemeinen Denkart dieses Weibes entschieden getäuscht , zum erstenmal fand er an Constanzen die Kleinlichkeit ihres Geschlechts , die engherzige Pretiosität ihres Standes , ja was noch mehr als dies , er überzeugte sich , daß sie ihn niemals eigentlich geliebt haben könne . Er war traurig , allein er wunderte sich , daß er es nicht in höherem Grade sei . Auf diese Art hatte nun freilich der Schauspieler , dem sehr darum zu tun sein mußte , die Eindrücke dieser Leidenschaft bei Nolten von Grund aus zu vertilgen , bei weitem leichtere Arbeit , als er immer gefürchtet . Er wunderte sich im stillen höchlich über die vernünftige Gelassenheit seines Freundes , und gab dem Wunsche desselben gerne nach , daß von der Sache nicht weiter die Rede sein solle . Übrigens gab es für Larkens gar mancherlei zu bedenken und auszumitteln . Gleich nach der Haftsentlassung war es eine seiner ersten Sorgen gewesen , ob jene seltsame Elisabeth , welche vor wenig Tagen von Leopold war auf der Straße gesehen worden , nicht etwa noch in der Nähe sich befinde : mehrere Gründe setzten es jedoch außer Zweifel , daß sie die Stadt bereits wieder verlassen . Jetzt wünschte er sich über den Zustand der Gemüter im Zarlinschen Hause , sowie über den wahren Grund der eilfertigen Erledigung jener anfänglich so ernsthaft behandelten Rechtssache genauer zu unterrichten . Er war um so begieriger , als einige heimliche Stimmen sich verlauten ließen Herzog Adolph habe sich mit seinem fürstlichen Worte für die Gefangenen verbürgt und so den Knoten mit einemmal zerschnitten . Dies fand der Schauspieler so unwahrscheinlich nicht , obgleich der Herzog , wie es schien , seine Großmut öffentlich nicht Wort haben wollte und sich übrigens jeder Berührung mit seinen Schützlingen entzog . Höchst peinlich empfand daher Larkens seine Ungewißheit über diesen Punkt , sowie die Unmöglichkeit , dem Wohltäter ausdrücklich zu danken , wenn dieser sich wirklich in der Person des Herzogs versteckt haben sollte . Letzteres ward er je länger je mehr überzeugt , und bald gesellte sich hiezu noch eine weitere , obgleich noch sehr entfernte Mutmaßung , welche er jedenfalls vor Nolten auf das sorgfältigste zu verbergen guten Grund haben mochte . Der Gedanke stieg nämlich bei ihm auf , ob nicht Gräfin Constanze selbst als geheime Triebfeder , zunächst zugunsten Theobalds , durch den Herzog könnte gewirkt haben ? Er wußte nicht eigentlich , was ihn auf diese Vorstellung führte , im allgemeinen aber setzte er bei Constanzen noch immer eine stille , sehr nachhaltige Neigung für Theobald voraus , und es war ihm unmöglich , sie anders als in einem leidenden Zustande zu denken . Eines Morgens findet er seinen Freund außer dem Bette unter dem halboffenen Fenster sitzen und sich im kräftigen Strahl der Frühlingssonne wärmen . Der Schauspieler drückte laut seine Freude über die glücklichen Fortschritte des Rekonvaleszenten aus , während Theobald ihm lächelnd mit der Hand Stillschweigen zuwinkte , denn der lieblichste Gesang tönte soeben aus dem Zwinger herauf , wo die Tochter des Wärters mit den ersten Gartenarbeiten beschäftigt war . Sie selbst konnte wegen eines Vorsprungs am Gebäude nicht gesehen werden , desto vernehmlicher war ihr Liedchen , wovon wir wenigstens einen Vers anführen wollen . Frühling läßt sein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte , Süße wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll das Land ; Veilchen träumen schon , Wollen balde kommen ; Horch , von fern ein leiser Harfenton ! - - Frühling , ja du bist ' s ! Frühling , ja du bist ' s ! Dich hab ich vernommen ! Die Strophen bezeichneten ganz jene zärtlich aufgeregte Stimmung , womit die neue Jahreszeit den Menschen , und den Genesenden weit inniger als den Gesunden , heimzusuchen pflegt . Eine seltene Heiterkeit belebte das Gespräch der beiden Männer , während ihre Blicke sich fern auf der keimenden Landschaft ergingen . Nie war Nolten so beredt wie heute , nie der Schauspieler so menschlich und liebenswürdig gewesen . Auf einmal stand der Maler auf , sah dem Freunde lang und ernst , wie mit abwesenden Gedanken , ins Gesicht , und sagte dann , indem er seine Hände auf die Schultern des andern legte , im ruhigsten Tone : » Soll ich dir gestehen , Alter , daß dies der glücklichste Tag meines Lebens ist , ja daß mir vorkommt , erst heute fang ich eigentlich zu leben an ? Begreife mich aber . Nicht diese erquickende Sonne ist es allein , nicht dieser junge Hauch der Welt und nicht deine belebende Gegenwart . Sieh , das Gefühl , wovon ich rede , lag in der letzten Zeit schon beinahe reif in mir ; ich kann nicht sagen , daß es die Folge langer Überlegung sei , doch ruht es auf dem klarsten und nüchternsten Bewußtsein und ist so wahr als ich nur selber wirklich bin . Es hat sich mir in diesen Tagen die Gestalt meiner Vergangenheit , mein inneres und äußeres Geschick , von selber wie im Spiegel aufgedrungen und es war das erstemal , daß mir die Bedeutung meines Lebens , von seinen ersten Anfängen an , so unzweideutig vor Augen lag . Auch konnte das und durfte nicht wohl früher sein . Ich mußte gewisse Zeiträume wie blindlings durchleben , vielleicht geht es mit den folgenden nicht anders und vielleicht ist das bei den meisten Menschen so ; aber auf den kurzen Moment , wo die Richtung meiner Bahn sich verändert , wurde mir die Binde abgenommen , ich darf mich frei umschauen , als wie zu eigner Wahl , und freue mich , daß , indem eine Gottheit mich führt , ich doch eigentlich nur meines Willens , meines Gedankens mir bewußt bin . Die Macht , welche mich nötigt , steht nicht als eigensinniger Treiber unsichtbar hinter mir , sie schwebt vor mir , in mir ist sie , mir deucht , als hätt ich von Ewigkeit her mich mit ihr darüber verständigt , wohin wir zusammen gehen wollen , als wäre mir dieser Plan nur durch die endliche Beschränkung meines Daseins weit aus dem Gedächtnis gerückt worden , und nur zuweilen käme mir mit tiefem Staunen die dunkle wunderbare Erinnerung daran zurück . Der Mensch rollt seinen Wagen wohin es ihm beliebt , aber unter den Rädern dreht sich unmerklich die Kugel , die er befährt . So sehe ich mich jetzt an einem Ziele , wonach ich nie gestrebt hatte , und das ich mir niemals hatte träumen lassen . Vor wenig Wochen noch schien ich so weit davon entfernt ! Manches , was mir so lang als notwendige Bedingung meines Glücks , meines vollendeten Wesens erschienen war , was ich mit unglaublicher Leidenschaft genährt und gepflegt hatte , liegt nun wie tote Schale von mir abgefallen ; so ist Constanze mir nicht viel mehr als noch ein bloßer Name , so ist mir schon früher jene Agnes untergesunken . Große Verluste sind es hauptsächlich , welche dem Menschen die höhere Aufgabe seines Daseins unwiderstehlich nahebringen , durch sie lernt er dasjenige kennen und schätzen , was wesentlich zu seinem Frieden dient . Ich habe viel verloren , ich fühle mich unsäglich arm , und eben in dieser Armut fühle ich mir einen unendlichen Reichtum . Nichts bleibt mir übrig , als die Kunst , aber ganz erfahr ich nun auch ihren heiligen Wert . Nachdem so lange ein fremdes Feuer mein Inneres durchtobt und mich von Grunde aus gereinigt hat , ist es tief still in mir geworden , und langsam spannen alle meine Kräfte sich an , in feierlicher Erwartung der Dinge , die nun kommen sollen . Eine neue Epoche ist für mich angebrochen , und , so Gott will , wird die Welt die Früchte bald erleben . Siehst du , ich könnte dir die hellen Freudetränen weinen , wenn ich dran denke , wie ich mit nächstem zum ersten Male wieder den Pinsel ergreifen werde . Viel hundert neue , nie gesehene Gestalten entwickeln sich in mir , ein seliges Gewühle , und wecken die Sehnsucht nach tüchtiger Arbeit . Befreit von der Herzensnot jeder ängstlichen Leidenschaft , besitzt mich nur ein einziger gewaltiger Affekt . Fast glaub ich wieder der Knabe zu sein , der auf des Vaters Bühne vor jenem wunderbaren Gemälde wie vor dem Genius der Kunst geknieet , so jung und fromm und ungeteilt ist jetzt meine Inbrunst für diesen göttlichen Beruf . Es bleibt mir nichts zu wünschen übrig , da ich das Allgenügende der Kunst und jene hohe Einsamkeit empfunden , worin ihr Jünger sich für immerdar versenken muß . Ich habe der Welt entsagt , das heißt , sie darf mir mehr nicht angehören , als mir die Wolke angehört , deren Anblick mir eine alte Sehnsucht immer neu erzeugt . Ich sage nicht , daß jeder Künstler ebenso empfinden müsse , ich sage nur , daß mir nichts anderes gemäß sein kann . Auf diese Resignation hat jede meiner Prüfungen hingedeutet , dies war der Fingerzeig meines ganzen bisherigen Lebens ; es wird mich von nun an nichts mehr irre machen . « Der Maler schwieg , seine blassen Wangen waren von einer leichten Röte überzogen , er war aufs äußerste bewegt und bemerkte mit Unwillen die Befremdung seines Freundes , sowie sein zweifelhaftes Lächeln , das jedoch weniger Spott als die Verlegenheit ausdrückte , was er auf Theobalds höchst unerwartete Erklärung erwidern sollte . » Darf ich « , fing Larkens an , » darf ich aufrichtig sein , so leugne ich nicht , mir kommt es vor , mein Nolten habe sich zu keiner andern Zeit weniger auf sich selber verstanden , als gerade jetzt , da er plötzlich wie durch Inspiration zum einzig wahren Begriff sein selbst gelangt zu sein glaubt . Weiß ich es doch aus eigener Erfahrung , wie gerne sich der Mensch , der alte Taschenspieler , eine falsche Idee , das Schoßkind seines Egoismus die Grille seiner Feigheit oder seines Trotzes , durch ein willkürlich System sanktioniert , und wie leicht es ihm wird , einen schiefen oder halbwahren Gedanken durch das Wort komplett zu machen . Denn du gibst mir doch zu - « » Hör auf ! ich bitte dich « , rief Theobald lebhaft , » hör auf mit diesem Ton ! du machst , daß ich bereue , dir mein Innerstes aufgeschlossen , dir das heiligste Gefühl bloßgestellt zu haben , das mir kein Mensch unter der Sonne von den Lippen gelockt hätte , wenn es der Freund nicht wäre , von dem ich eine liebevolle Teilnahme an meiner Sinnesart erwarten durfte , selbst wenn sie der seinigen zuwiderliefe . Höre , ich kenne dich als einen verständigen und klugen Mann , nur was gewisse Dinge anbelangt , gewisse Eigenheiten eines treuen Gemüts , so hätt ich nicht vergessen sollen , daß wir von jeher vergeblich drüber disputierten . Laß uns von diesem Punkte lieber gleich abgehn und tun , als wäre von nichts die Rede gewesen , es braucht ' s auch nicht , da ich meinen Weg verfolgen kann , unbeschadet unseres bisherigen Verhältnisses . « » Doch wirst du mir nicht zumuten « antwortete Larkens » ich soll dich stillschweigend einer Grille überlassen , die dir nur schädlich werden kann . - Vorderhand finde ich deinen Irrtum verzeihlich ; das Unglück macht den Menschen einsam und hypochondrisch , er zieht den Zaun dann gern so knapp wie möglich um sein Häuschen . Ich selber könnte wohl einmal in diesen Fall geraten , nur wär es dann ein Kasus - wahrhaftig ganz verschieden von dem deinen . Der Herr führt seine Heiligen wunderlich . Unstreitig hat dein Leben viel Bedeutung , allein du nimmst seine Lehren in einem viel zu engen Sinn : du legst ihm eine Art dämonischen Charakter bei , oder , ich weiß nicht was ? - glaubst dich gegängelt von einem wunderlichen Spiritus familiaris , der in deines Vaters Rumpelkammer spukt . Ich will mich in diese Mysterien nicht mischen ; was Vernünftiges dran ist , leuchtet mir ein , so gut wie dir : nur sage mir , mein Lieber du hast vorhin von Einsamkeit , von Unabhängigkeit gesprochen : je nachdem du das Wort nimmst , bin ich ganz einverstanden . In allem Ernst , ich glaube , daß deine künstlerische Natur , um ihren ungeschwächten Nerv zu bewahren , ein sehr bewegtes gesellschaftliches Leben nicht verträgt . Eben die edelsten Keime deiner Originalität erforderten von jeher eine gewisse stete Temperatur , deren Wechsel soviel möglich nur von dir abhängen mußte , eine heimlich melancholische Beschränkung , als graue Folie jener unerklärbar tiefen Herzensfreudigkeit , die so recht aus dem innigen Gefühl unseres Selbst hervorquillt . Im ganzen ist das so bei jedem Künstler von Genie , ich meine bei jedem Künstler deines Faches , nur weiß der eine mehr , als der andere seine Stimmung in die Welt zu teilen . Was aber namentlich die Berührung mit der sogenannten großen Welt anbelangt , so war es mir gleich anfangs eine ausgemachte Sache , daß du dich nie dorthin verlieren würdest . Der plötzliche Anlauf , den du mit der Bekanntschaft des Herzogs genommen , schien mir deshalb der größte Widerspruch mit dir selber . Gewohnt , dich als einen seltnen Knaben zu betrachten , der ausgerüstet mit erhabnen Kräften sich auf einmal ungeschickt und fast unmächtig fühlen müsse , sobald man ihn in jene blendenden Zirkel hineinzöge , war mir die Geschmeidigkeit , womit du dich in kurzem assimiliertest , beinah , wie soll ich sagen ? nicht verdächtig , doch höchst auffallend , und mir ahnete , es würde in die Länge nicht wohl dauern . Wie leicht , so meint ich , wär es möglich , daß unter solchen Influenzen sich dies und jenes von seiner ursprünglichen Farbe verwischte , daß sein Ehrgeiz eine falsche Richtung nähme , daß er an der Treue gegen seinen Genius etwas aufopferte ! Kurzum , mich peinigte etwas , und wär ' s auch nur das törichte Mitleid , das einen anwandeln kann , wenn der Kristall , losgerissen aus seiner mütterlichen Nacht , die sein Wachstum förderte , in die unkeuschen Hände der Menschen fällt . Doch das sind Possen . Aber du siehst nur daraus , ich bin weder borniert , noch anmaßend , noch leichtsinnig genug , dir dein eigentliches Esse zu bestreiten und den stillen Boden aufzulockern , worin dein Wesen seit frühester Zeit so liebevoll Wurzel geschlagen . Gewiß , ich habe die herrlichsten Früchte daraus hervorgehn sehen ; und - Nolten ! siehst du , es hat dich nicht befremdet noch verdrossen , wenn du seit der ganzen Zeit , als wir uns kennen , nichts von überschwenglichem Lobe , von enthusiastischen Diskursen über den Gang deines Geistes und dergleichen aus meinem Munde vernahmst ; ich bin nun einmal wie ich bin . Aber in diesem Augenblick , wo sich so viel ernste Betrachtung von selbst aufdringt , du deine Sache gleichsam auf die Spitze stellst , jetzt möcht ich wohl , daß die Zunge sich mir löste , daß ich dir sagen könnte , wie ich von Anfang an mit einer stillen Rührung , mit einer bewundernden Freude deiner Entwicklung zugeschaut , ja gewiß mit mehr Pietät und Sorgfalt , als du mir zuzutrauen scheinst . « Nolten hörte mit zunehmendem Staunen die Bekenntnisse seines Freundes , wodurch er sich wirklich höher geehrt und herzlicher gestärkt fühlte , als durch das ruhmvollste Lob , das ihm irgendein mächtiger Gönner hätte spenden mögen . Er wollte soeben etwas erwidern , als der Schauspieler fortfuhr : » Laß mich dir eins anführen . Du erinnerst dich des Gesprächs , das wir bei einem Spazierritt nach L. zusammen hatten . Es war der köstlichste Abend mitten im Juli , die untergehende Sonne warf ihren roten Schein auf unsere Gesichter , wir schwatzten ein weites und breites über die Kunst . Mit jedem Worte schlossest du , ohne es zu wollen , mir die Bildung deiner Natur vollständiger auf , zum erstenmal durft ich mich freudig in den innern Kelch deines Wesens vertiefen . Es frug sich , weißt du über das Verhältnis des tief religiösen und namentlich des christlichen Künstlergemüts zum Geist der Antike und der poetischen Empfindungsweise des Altertums , über die Möglichkeit einer beinahe gleich liebevollen Ausbildung beider Richtungen in einem und demselben Subjekte . Ich gestand dir eine hohe und seltne Universalität zu , wie denn hierüber auch nur eine Stimme sein kann . Ich überzeugte mich , es