sei im Voraus überzeugt , uns vollkommen gut erzogen zu finden . Als der Hofmarschall das bestätigte , sagte sie : » Es ist nur Schade , die hübschen Kinder werden uns nicht lange bleiben . Das Vorzügliche wird immer gesucht . Solche Mädchen verheirathen sich bald . Ich möchte sie hier fixiren . « Und nun stelle Dir vor , darauf hat sie den jungen Baron Wildenau genannt , der ihr kürzlich vorgestellt ward , indem sie hinzusetzte : » Ich hoffe , er wird so viel Verstand haben , und mit meinen Augen sehen . « Du kannst wohl glauben , liebe Mama , daß ich an so etwas weiter nicht denke ; aber lachen würde ich doch , wenn der steife , unentschlossene Leontin auf diese Art zu einer Erklärung gezwungen würde . Apropos ! von Leontin , und was damit zusammenhängt . Es ist doch außerordentlich , wie lächerlich die Leute werden , wenn sie etwas Besonderes sein wollen . Du kannst Dir nicht vorstellen , was man sich hier Alles über die fortgesetzte Freundschaft der beiden Nachbarhäuser sagt . Ich kann es Dich nur errathen lassen , denn es zu wiederholen , erlaubt die Schicklichkeit nicht . Hätte sich die gute Präsidentin doch mehr mit ihrer Toilette beschäftigt , als mit den albernen , romanhaften Grillen ! Was helfen der sentimentalen Närrin nun Verstand und überspannte Gefühle ? Sie bekommt nie wieder Gewicht in der Gesellschaft . Ich für meinen Theil bin gewiß , daß ich nicht in ähnliche Thorheiten verfallen könnte . Wer bescheiden von sich denkt , der ist leicht befriedigt . Adieu , liebe Mama ! Ich küsse Dir die Hand . Es ist doch fatal , daß die Tante uns nichts vermacht hat . Die kleine Französin war heute früh hier . Sie hat mir wunderschöne Ballroben und himmlische Blumen gezeigt . Ich verwies sie auf Deine gränzenlose Güte . Wenn Du erst hier bist - nicht wahr , sie darf wiederkommen ? Deine Rosalie . Der Comthur an Sophie Sie wollen es von mir hören , geliebte Sophie , was eigentlich für Ihre und meine Freunde zu fürchten sei ? Ach ! leider Alles ! denn sie stehen auf einem Krater , und kein warnendes Anzeichen macht sie aufmerksam . Möchte das entscheidende Wort Ihr weiches Herz , theure , unvergeßliche Freundin ! nicht härter treffen , als es meine Liebe ertragen kann . Sie wollten es hören . Aus meinem Munde , sagten Sie , werde es Ihnen weniger verletzend klingen . Glauben Sie das ? Wie wehe muß es uns beide thun , auf den Trümmern unsers Glückes , wieder nur Trümmer aufgeschichtet zu sehen . Es ist Niemand dadurch reicher geworden , daß ich arm blieb . Doch , weg mit den eigennützigen Rückblicken ! Es reicht hin , das Gewissen gerettet , die Absicht einer ehrwürdigen Institution unverletzt erhalten zu haben . Erfolge sind nicht zu berechnen ! Glauben Sie mir , oft muß sich alles vereinigen , um einer Handlung , welche die Welt nicht verstand oder verstehen wollte , noch in ihren Folgen den Krieg machen zu können . Gehört das zu der speciellen Prüfung des Handelnden ? oder liegt es in der Natur des auffallenden Schrittes überhaupt , daß jede Handbreit Weges erkämpft sein will ? Vielleicht beides zugleich ; denn eine reine That muß sich vielfach bewähren , um mit dem eigenen Bewußtsein zurecht zu kommen . Ihnen , Sophie ! mag ich es nicht bergen , daß ich große , innere Anfechtungen zu erdulden habe . Wenn ich die sonderbare Richtung bei Hugo , im Widerspruch mit dem Bestehenden des Lebens , so bis zur Unnatur leidenschaftlich losbrechen , ihn rechts und links nur zerstören , und nichts an die Stelle setzen sah , als Scherben und Splitter , wenn ich es ihm anfühle , daß es ihm auch nur um diese Siegestropheen der Willkühr zu thun ist ; dann sage ich mir : das ist der ätzende Bodensatz bitterer Gährung . Der gekränkte Vater , die betrübte Mutter , das bewegte Jugendleben , das hat den Stolz entflammt , den weichen Sinn gehärtet , den ganzen Menschen zu einer Waffe der Selbstvertheidigung geformt ! Hätte ich das einmal Geschehene seinen Gang gehen , es sich mit der Zeit fortbewegen lassen , es ist kein Zweifel , diese hätte mit neuen Ansichten auch neue Gründe gefunden , das Verletzte zeitgemäß und natürlich zu ergänzen . Mein Bruder wäre im Besitz des väterlichen Erbes geblieben , so lange ich nicht protestirte . Er lebte vielleicht noch , und hätte es erlangt , sich mit spätern Agnaten über die Stiftungsacte des Majorats zu vereinen , denn es wiegen sich momentane Vortheile sehr schnell gegen spätere Ansprüche auf . Der Mensch der Gegenwart hält es gewöhnlich mit dem Sprüchwort vom Sperlinge in der Hand und den zehn andern auf dem Dache . An historische Existenz denkt und kann der nicht denken , dessen augenblickliche bedroht ist . So würde sich dann auf andere Weise gestaltet haben , was jetzt auf Umsturz hinarbeitet , und über kurz oder lang zerfallen muß . Denn es ist keine Frage , was ich that , einer frivolen , selbstsüchtigen , gewissenlosen Richtung entgegen zu wirken , hat diese nur gefördert . Hugo ist das Kind empörter Elemente . Er steht gewaffnet gegen mich auf , und wird das Recht , welches die Jugend gegen das Alter mit so leichter Scheinbarkeit behauptet , aufbewahren . Meine Tage sind ihrem Ende nahe , der neue Tag , der mit ihm beginnt , führt keine wohlthätige Sonne herauf . Ich ahnde das Ungewitter und die Ausbrüche vulkanischer Gährung , die das lang Bewahrte , langsam Geschaffene , in raschen Stößen zerstören werden . Bei dem Allen ist es mein Trost , nach innigster Ueberzeugung festgestanden , und dem gemäß , der Gefahr entgegengetreten zu sein . Es bleibt mein Trost , sage ich , es ist der wiederkehrende , beruhigende Gedanke , wenn tausend Erschütterungen mich von allen Seiten fassen und mein Herz zerdrücken , meine Seele zerreißen . Sehe ich auf meine nächsten Umgebungen , was erblicke ich ? den Neffen , den Erben meines Namens , meiner Güter , den Sohn meiner Wahl , trocken , kalt , von einer Leidenschaft verzehrt , welche allen Erwartungen seiner Freunde zu spotten scheint . So geht er an dem Leben hin , als habe es keinen Theil an ihm . Und Emma ? die schöne , starke Seele , sinkt ermattend in sich zusammen . Ruht sie nur aus von den Kämpfen , oder lastet die Erde zu schwer auf ihr , und kann sie sich nicht mehr frei machen von der harten Decke ? Ist es wirklich vorbei für diese Welt ? Sie scheint es zu glauben , mit fast an Stumpfheit gränzender Abspannung , läßt sie geschehen , was sie allein noch hindern könnte . Seit sie schwach und matt das Zimmer hütet , kümmert sie sich wenig um Dinge , die außerhalb vorgehen . Sie hat das Ansehn , Niemand zu vermissen , und bemerkt es kaum , daß Hugo ganze Tage außer dem Hause zubringt . Uns Alle ängstigt diese Gleichgültigkeit . Die Mutter setzt sie in Verzweiflung . Der Arzt sagt wenig dazu . Hugo scheint nicht zu wissen oder nicht zu glauben , daß man anders als vor Alter sterben könne . Und kennt er auch gefährliche Krankheiten , so ist ihm doch das Kranksein zu fremd , um seine Bedeutung recht einzusehen . Kurz , es ist unmöglich , Ihnen , liebste Sophie ! einen Begriff von den peinlichen Widersprüchen zu geben , die hier einander durchkreuzen . Die Spannung wächst täglich . Die einzige Vermittlerin schweigt . Umstände und Leidenschaft werden den entscheidenden Schlag herbeiführen . Halten Sie sich bereit , geliebte Freundin ! uns auf den ersten Ruf zu Hülfe zu eilen . Ich bin gewiß , daß der Augenblick nicht mehr fern ist . Gestern , in aller Frühe , hat Tavanelli dem Prior drüben bei den Remonstratensern gebeichtet . Es war noch dunkel , als er sich an dem Klosterthor zeigte . Der Pförtner glaubte einen Wahnsinnigen vor sich zu sehen . Mit sonderbarer Hast , mit unstätem , verwildertem Blick forderte er Einlaß . Er gab vor , ein Kranker verlange geistlichen Beistand . Hierauf wurde ihm geöffnet . Nach einer Weile sah man ihn , in Begleitung des Sacristan , nach der Kirche gehen . Nicht lange , so folgte der Prior . Dieser blieb geraume Zeit mit dem Jünglinge im Beichtstuhl verschlossen ; als Tavanelli den Rückweg späterhin antrat , lagen Bangigkeit und Zerknirschung auf seinem todtbleichen Gesicht . Seitdem ist er schon zweimal an Emma ' s wie auch an meiner Thüre gewesen , ohne gleichwohl Zutritt zu finden . Ich hege eine Scheu vor ihm , wie vor allen überspannten Menschen , die sich in Momenten der Exaltation nicht angehören , und Worte über ihre Lippen fliegen lassen , die sie vielleicht späterhin mit ihrem Leben zurückkaufen möchten . Zum Glück hat die Oberhofmeisterin nichts von jenen wiederholten Besuchen erfahren . Sie schlief noch , oder war spatzieren gefahren , als der Geistliche hier war . Ich habe ein Vorgefühl von dem , was er uns bringen will ! Aber wenn es das ist - wenn das Unglück einmal auf dem Wege zu uns ist , werden wir hindern können , daß es irgendwo bei uns eindringt ? Ich schreibe Ihnen mit mehr Unruhe , als weise , mit mehr Unwillen , als recht ist . Ich weiß nicht , wen ich bei der allgemeinen Verwirrung eigentlich tadeln soll ? und deshalb bin ich mit Niemand zufrieden . Auch nicht mit mir . Ich verehre , ich bewundere Emma , ich beweine ihr Geschick ; doch kann ich nicht aufhören , mit zärtlicher Hinneigung an Elisen zu denken . Ich würde die Hand zu lähmen wünschen , die es versuchte , einen Stein gegen sie aufzuheben . Und doch , wenn ich die Thränen der Mutter sehe , wenn ich an Emma ' s Bett sitze ! - Gott allein ist hier Richter . Wir wollen schweigen und zum Handeln bereit sein . Deshalb , meine Sophie ! lassen Sie Ihren Freund nicht vergebens bitten . Eilen Sie , so bald Sie können , größerem Uebel vorzubeugen . Elise bedarf Ihrer , so viel ist ausgemacht . Sie kennen ja ihren arglosen Trotz gegen die Meinung der Welt . Was sie in dieser Stimmung zu thun im Stande ist ? welche Veranlassung sie müßigen Lauschern geben könnte , mit ihr , uns Alle zu verderben ? Beste ! Liebe ! eilen Sie , eilen Sie zu uns ! Leontin an Tavanelli Ich suchte Sie gestern Abend in Ihrem Zimmer auf . Sie waren nicht darin . Doch stand es offen . Mehrere Papiere flogen mir vom Boden entgegen . Ueber den Stuhl vor dem Schreibtisch hing ein abgeworfener Rock . Hut und Handschuh fand ich hier und dorthin geschleudert , der Spatzierstock lag quer über dem Sopha , alles trug die Spuren einer Unachtsamkeit , die ich sonst nie an Ihnen bemerkte . Es fiel mir auf , daß die Leute im Hause von Ihrer Abwesenheit nicht unterrichtet waren , da sie mich hierher zu Ihnen gewiesen hatten . Die Vermuthung , Sie vielleicht unten im Garten zu treffen , entstand nun ganz natürlich in mir . Ich ging , und kam bis an die Bucht am See , ohne einem Menschen begegnet zu sein . Hier spielte , zu meiner großen Verwunderung , Georg mit einer Ziege , die er von seinem kleinen Wagen losspannte , und sie Gras fressen ließ . » Wo ist Dein Freund Tavanelli ? Kind ! « fragte ich , ahndend , daß Sie in der Nähe sein müßten . Der Kleine antwortete erst gar nicht ; später , als ich meine Frage wiederholte , sagte er gleichgültig , ohne von seinem Spiele aufzusehen : » Tavanelli ? Ja , das weiß ich nicht . Der läuft immer umher . « » Und Dich , armes Kind ! « sagte ich , » läßt er so allein ? Es ist ja fast schon dunkel , bekümmert sich denn Niemand um Dich ? « » Um mich braucht sich auch Keiner zu bekümmern , « entgegnete er zuversichtlich . » Ich ziehe die Liese hier in den Stall , und dann gehe ich auch zu Bett . Das ist immer so ! « » Immer so ? « wiederholte ich , » und Deine Mutter weiß - « » Ach ! « lachte Georg , » die weiß von gar nichts , die glaubt , der Caplan ist bei mir , aber der denkt nicht an mich ! « » Komm , « sagte ich , » wir wollen zu Deiner Mutter gehen . « » Da könnten wir schön laufen , ehe wir die fänden , « versicherte Georg , indem er sich halb unwillig von mir losmachte . » Mutter , « fuhr er fort , » geht alle Abend am See . spatzieren , und manchmal fährt sie auch im Kahn auf dem Wasser . « » Wer sagt Dir das ? « unterbrach ich ihn schnell . » Tavanelli ! « erwiederte er , als wenn sich das von selbst verstände . » O ! der ist manchmal so böse , so böse , wenn sie gar nicht wieder nach Hause kommt . Er rennt durch alle Zimmer und schilt , und ächzt ! Ich höre dies bisweilen wohl , wenn es auch so aussieht , als schliefe ich . « Ich ließ das Kind nicht weiter die Geheimnisse des Hauses ausschwatzen . Ich mischte mich in sein Spiel , ging mit ihm nach dem Stall , und blieb so lange bei ihm , bis er schläfrig ward , worauf ich ihn dann der Sorgfalt eines Bedienten überließ , der wohl beauftragt war , sich seiner anzunehmen Aber Sie Unglücklicher , wohin führte Sie der eigennützige Wunsch , sich selbst genügen zu wollen ? Kommt es auf Ihre Ruhe an , wenn Sie die Pflicht , für die Ruhe Anderer zu sorgen , übernehmen ? Was gehen Sie fremde Irrthümer an ? Genügt es nicht , das zarte Gefühl , dem Sie Ihr Streben widmeten , davor zu bewahren ? Und weshalb erschrecken Sie vor Anfechtungen , die Ihnen nicht fremd sind ? deren Schlingen Sie sehr wohl kennen ? Glauben Sie ein Heiliger zu sein ? Hofften Sie wirklich , der bloße Entschluß reiche zur gänzlichen Umwandlung hin ? Mit sonderbarem Stolz finden Sie sich durch den Andrang menschlicher Widersprüche empört . Es dünkt Ihnen unbegreiflich , daß sich dergleichen bis zu Ihnen wagen . In der verlegenen Entrüstung darüber , durchkreuzen Sie den Kampfplatz mit feiger Scheu , ohne einem einzigen Feind ins Gesicht zu sehen . Ja , ich schelte Sie feige , denn nur in dieser schlimmsten Krankheit des Geistes entdecke ich den Grund Ihrer lahmen Willenskraft . Wo suchen Sie ein Schild , fest genug , den zaghaft Zitternden zu schützen ? Sie haben es weggeworfen , Tavanelli ! Es lag Ihnen ganz nahe . In der Liebe und Thätigkeit für das Kind , das man Ihren Händen anvertraute , fanden Sie Ihren Beruf ; da , da hätten Sie eine Brustwehr gegen jede Gefahr gehabt . Jetzt - ? Sehen Sie auf das , was Sie thaten . Sie haben Gift in die kleine Seele geworfen . Es wird nachwirken , verlassen Sie sich darauf . In das Kloster zu dem Prior flüchten Sie , und beichten . Was beichten Sie denn ? Auch die Sünde , die Sie in dem Augenblick begehen , da Sie sich selbst untreu werden ? das Kind verlassen ? die Zunge des Gesindes beflügeln , den Ruf der Mutter preis geben ? O ! zurück , zurück in Ihre Kammer , auf den Knien vor dem , der überall ist , der Ihren Muth beflügeln , Ihren Willen stählen kann . Halten Sie aus , Tavanelli ! der Friede ist bei Gott . Auf Erden ringen seine Streiter . Hier giebt es keine andere Ruhe , als in der Zuversicht heiligen Ausganges . Ich wiederhole es Ihnen , weichen Sie nicht von Ihrem Platz . Es ist die höchste Pflicht , damit nicht noch größeres Unglück geschehe . Ich weiß nicht , welche Unruhe ich dieserhalb hege . Ihr Zimmer - das Kind - der Garten - es hat mir den allerpeinlichsten Eindruck gelassen . Könnten Sie doch fühlen , daß Sie nicht der einzige Unglückliche auf der Welt sind ! Es giebt Schmerzen ! Schmerzen ! - Aber ich klage nicht ! Die nächste Stunde kann die entscheidende sein , und diese fordert den ganzen Menschen in all seiner Kraft ! Erwägen Sie das , und halten Sie aus . Elise an Hugo Wir haben uns , wir haben Emma betrogen . Ich dulde den Vorwurf nicht in meiner Seele ! Ein rasches , offnes Geständniß soll die großmüthige Frau zu unserer Richterin machen . Durfte ich es mir bekennen , daß ich Sie liebe , Hugo ! konnte ich es Ihnen gestehen , so habe ich keine zweite Demüthigung zu scheuen . Mein Gott ! war es möglich ? trägt das Leben solches Gift in sich , daß die allereinfachsten , natürlichsten Beziehungen , die harmloseste Mittheilung , die ruhige Freude angenehmen Umganges , ein Netz um uns spinnen konnten , in dem Alles , bis auf den Willen , frei zu sein , gefangen ist ? Ich verstehe weder Sie noch mich , noch was wir beide empfinden ! In diesem dumpfen Schwindel hege ich keinen andern Wunsch , als daß Emma wisse , wie mir ums Herz ist . Morgen , heute kann ich nicht mehr zu ihr dringen , morgen liege ich auf meinen Knien vor ihrem Bette , und beschwöre sie , mir zu glauben , daß ich unwissend fehlte ! O Hugo ! Hugo ! wo ist mein heiterer Muth , mein klarer , fester Blick ! Ich bin gefangen , und keine Macht der Erde spricht mich frei ! Antwort Uebereilen Sie nichts . Der Augenblick ist unpassend . Emma leidet . Die Seele ist so abhängig vom Körper ! Warum sie durch unvorgesehene Stürme aufs neue erschüttern ? Und wozu ? Was ist es denn , das Sie ihr sagen wollen ? Fürchten Sie nicht , durch laute , bestimmte Worte dem Geheimniß in sich zu nahe zu treten ? Zittern Sie nicht , die Wahrheit zu verletzen , indem Sie durch ihren Schein das Gewissen hintergehen ? Können Sie sagen : » so ist ! so war es ! « ohne zu empfinden , daß es ganz , ganz anders war ? Läßt sich der Hauch des Lebens , der Athem der Seele , wie ein Ding fassen , das man halten und geben kann , wie das Bedürfniß der Verständigung es fordert ? - Es ist vergebens ! Sie werden Emma nichts entdeckt haben , wenn Sie gleich Ihr Herz vor ihr entblößen , und sie zwingen , das strafende Auge verletzend darauf zu richten . O Elise ! wollen Sie denn gleich den Frost strenger , kalter Erörterung auf die Blüthe eines neuen Daseins werfen ? Ich verstehe Sie , ich verstehe Sie vollkommen . Aber Sie täuschen sich ! Es geht nicht ! Die Sprache giebt den Begriff wohl wieder , doch das Unbegreifliche durchdringt uns , wie der Strahl des Lichts ! Er ist überall , und weder das Bewußtsein , noch irgend eine Kraft des Geistes vermag das Unaussprechliche unentweiht in die Gränzen der Anschauung zu zwingen . Warten Sie wenigstens noch einen Tag , ehe Sie Ihr Vorhaben ausführen . Ueberlegen Sie , was Sie thun wollen . Zähmen Sie den unruhigen Durst , sich in einer ungewöhnlichen Aufopferung zu genügen . Ich komme , Elise . Ich bin diesen Abend mit dem Kahn an Ihrem Garten . Eilen Sie , eilen Sie , dem Geschick die fliehenden lieben Stunden abzustehlen ! Gegen acht Uhr Abends bin ich bei Ihnen . Gute , liebe Elise ! Verwickeln Sie Ihren freien Sinn nicht in jene nachschleppenden , hinkenden Gedanken , die das Gefühl lähmen und den Wunsch doch nicht tödten können . Sein Sie auch diesmal die starke , kräftige Frau , die sich selbst ihre Bahn zeichnet ! Tavanelli an Leontin Zu spät ! Zu spät ! Ihre Warnung verfliegt in den Wind ! Ich kann nichts ungeschehen machen . Ich darf es auch nicht . Sie wissen nicht , was Sie fordern . Sie kennen die Qualen nicht , die mich foltern . Sie werden es auch nicht fassen , wenn ich Ihnen sage , daß , um Elise zu retten , ich sie verderben mußte . Ja , sie muß zeitlich untergehen , um ewig zu leben . Niemand liebt sie , wie ich sie liebe . Niemand ! Ich habe mein Herz mit tausend Pfeilen durchstochen . Auch das ihrige wird bluten . Aber Gott weiß , es geht nicht anders ! Meine Füße tragen mich nicht mehr , und doch muß ich unstät umherlaufen , bis ! - Er kömmt gewiß ! Walter bringt ihm diese Zeilen . Heute Abend - o ich zittre an allen Gliedern ! Gottes Gericht ist fürchterlich . Leontin an den Arzt Säumen Sie nicht eine Sekunde . Fliegen Sie , wenn Ihnen der Wunsch , ein Leben zu retten , Flügel geben kann ! Kaum athmet noch der schöne , liebe Knabe . Sein guter Engel führte mich ans Ufer , ehe es auf immer um ihn geschehen war . Aber es ist vielleicht nur das letzte Zucken des Daseins ! Ewiger Richter im Himmel ! laß dies das einzige Opfer sein ! Ich fürchte , auf der Burg wird diese Nachricht den Ausschlag geben ! Ja , ja ! finsterer Tavanelli , Gottes Gericht ist fürchterlich ! Der Comthur an Sophie Bleiben Sie , arme Sophie , bleiben Sie , wo Sie sind . Hier können Sie Niemanden mehr nützen . Emma hat mit ihrer Mutter die Burg in einem Zustande verlassen , der ihr die Fähigkeit nahm , über sich selbst zu bestimmen . Dahin ist es gekommen ! Ich tadle Niemand ! Der Fall war von der Art , daß er ein Gemüth , wie das der Oberhofmeisterin , zum Aeußersten treiben mußte . Was soll ich Ihnen weiter sagen ? Alles ist entdeckt , der Riß geschehen ! Eine geschickte Hand könnte wohl zusammenhalten - aber Leben giebt nur Leben , und das ist an der Wurzel erschüttert . Erlassen Sie mir den peinlichen Bericht des Geschehenen . Mir widersteht die gewaltsame Verwüstung ruhig geordneter Verhältnisse . Ich wende mich betrübt davon ab , um soviel als möglich nicht wieder darauf hinzusehen . Unser Freund , der Arzt , übernimmt es , Ihnen alle Umstände eines Vorfalles mitzutheilen , bei welchem sein Beistand von mehr als einer Seite in Anspruch genommen ward . Er rede , wenn ich schweigend in mich selbst zurücktrete und hier die Welt aufsuche , in der wir , Liebste , unzertrennlich bleiben ! - Der Arzt zur Fortsetzung . - Am Mittwoch Abend saß ich am Ruhebett der Frau Gräfin . Ich fand ihren Zustand besser . Wir redeten von gleichgültigen Dingen , als mir ein Billet mit dem Zusatze eingehändigt wurde : der Reitknecht sei beauftragt , mir sein Pferd zu überlassen , um mich schneller nach dem Landhause des Herrn Präsidenten zu bringen , woselbst dringende Gefahr meine Gegenwart nothwendig mache . Ich erschrack um so mehr , da mich ein flüchtiger Blick auf die ersten Worte des Schreibens ein Unglück ahnden ließ . Dies , und die große Reizbarkeit meiner theuren Kranken bedenkend , bemühte ich mich , mit so viel Gleichmuth , als mir nur zu Gebot stand , meinem schnellen Aufbruch durch die Aeußerung , daß man drüben sehr ängstlich sei , das Beunruhigende zu nehmen . So stand ich noch ein paar Minuten neben der Frau Gräfin , die Finger an ihren Puls gelegt , als ich diesen stocken fühlte , und sie die eiskalte Hand losmachend , krampfhaft die meinige mit den Worten umschloß : » Ich beschwöre Sie , halten Sie sich nicht mit mir auf . Ich bin ja ganz wohl ! aber dort , - Sie werden sehen - es ist gewiß etwas Entsetzliches vorgefallen . « Ich wollte ihr das ausreden , aber sie ließ mir keine Zeit dazu . » Um Gotteswillen ! « rief sie , indem sie aufstand und mich bis zur Thüre begleitete , » verlieren Sie keine Zeit . « Ich folgte ihrem Befehl . Wie ich indeß die Thüre öffne , tritt mir die Frau Oberhofmeisterin mit ganz verstörtem Gesicht entgegen ; und , lebhaft wie sie ist , auch wohl in dem Gedanken , daß ihre Tochter im Hintergrunde des Zimmers nichts von dem hören könne , was hier gesprochen werde , flüsterte sie eilig : » Bleiben Sie , drüben kommen Sie ohnehin zu spät , das Kind ist todt ; und hier sind Sie nöthig , Hugo ist verwundet . Gehen Sie zu ihm ! « Ein heller Schrei , und ein Fall dicht hinter mir , ließen es außer Zweifel , daß die unseligen Worte von der Gräfin gehört wurden . Ich befand mich in der schrecklichsten Verlegenheit . Wohin nun zuerst meine Schritte lenken ! Ich wandte mich nach dem Zimmer zurück , als die gebieterische Dame mit einer Fassung , die mich in Verwunderung setzte , schnell entschied : » Diese überlassen Sie mir . Zu ihm müssen Sie hinunter , und mich sogleich wissen lassen , ob Gefahr zu fürchten ist ? « Ich flog nach des Grafen Cabinett . Im Hause herrschte die größte Bestürzung . Aus einzelnen , flüchtigen Aeußerungen der Leute , die sie mir so im Vorbeigehen zuwarfen , faßte ich schnell den traurigen Zusammenhang des ganzen Ereignisses . Ich trat deshalb mit einiger Befangenheit zu dem Verwundeten hinein . Er lag in einem Winkel des Sopha ' s , den einen Arm auf mehrere , über einander gethürmte Kissen gelegt . Er hatte den Rock abgeworfen . Das Hemd und ein starkes um den Arm gebundenes Tuch trieften von Blut . Es war Niemand sonst im Zimmer . Der Blutverlust schien mir sehr groß zu sein , ich rief daher unwillkührlich erschrocken : » Herr Gott ! in welchem Zustande finde ich Sie ! « der Graf fuhr aus seinem Kissen in die Höhe . Er sah entsetzlich bleich aus . » Was wollen Sie bei mir ? « fragte er unwillig . » Mir fehlt nichts ! Mit dem Ritz da , « fuhr er , verächtlich auf den Arm deutend , fort , » werde ich bald fertig werden . « Als ich gleichwohl Miene machte , die Wunde näher zu besichtigen , widersetzte er sich sehr bestimmt , versicherte , der Dorfbarbier könne das auch heilen ! ich solle nicht länger ein Leben auf das Spiel setzen , an welchem so unendlich viel liege . Er riß bei diesen Worten , in fieberhaftem Zorn , den Verband vom Arme , und mir in der That nur eine bloße Fleischverletzung zeigend , klingelte er , um den berufenen Chirurgus eintreten zu lassen . Da ich nun sah , daß hier für mich nichts zu thun war , begnügte ich mich , die Frau Oberhofmeisterin über den Zustand des Grafen zu beruhigen , und eilte unter tausend bangen Ahndungen zu dem nachbarlichen Landsitze . Die Sonne war schon hinter die Berge . Das rothe Abendlicht durchschnitt den Himmel in langen Streifen . Es war schwül und still in der Luft . Man hörte nichts , als das schrillende Säuseln der Aehren in den Kornfeldern und das Gezirp der Heimchen . Mir schlug das Herz immer ängstlicher in der beklommenen Brust . Einzelne Arbeiter , die auf das Gerücht eines Unfalles , ihr Tagewerk verlassen hatten , um zu sehen , was es gäbe , kamen jetzt zurück , Geräth und Kleidungsstücke aus dem Felde abzuholen . Sie sahen betrübt aus und wiederholten Alle dasselbe . Das Kind der Herrschaft drüben sei verunglückt und für todt aus dem Wasser gezogen worden . Es müsse wohl einer daran Schuld sein , den man sich nicht zu nennen getraue . Es wäre großer Zank und Streit darüber entstanden , und viele wollten sagen , es seien zwei Schüsse gefallen . Wer geschossen ? wisse jedoch Keiner . So kam ich , von den unheimlichen Gerüchten gejagt , endlich bis zu dem Gehege des Gartens . Es war hier und da eingerissen , um den Zudringlichen Bahn zu machen . Diese standen und saßen , vom Gaffen und Schwatzen müde , auf dem Boden umher . Weiber mit ihren Kindern auf dem Arm , jammerten über den kläglichen Anblick des bläulich angeschwollenen kleinen Leichnams , indeß Andere mit giftiger Zunge der Sünde Schuld auf das Gewissen der Mutter warfen , und diese mit Schmähreden überschütteten . Ich sprang vom Pferde , und mir durch das Gewühl Platz machend , stieß ich auf einen Mann , der versicherte , in dem Knaben sei noch Leben . Er selbst habe das Herz schlagen fühlen . Auch wäre die Rettung zu schnell gekommen , als daß der Tod schon volle Gewalt geübt habe . Der brave Herr da unten , von Wildenau , sei ja gleich bei der Hand gewesen , setzte er hinzu . Ich athmete auf . Die Andern mochten es nicht Wort haben , daß man irgend Hoffnung hegen dürfe . Sie ließen sich nichts von dem vollen Maaße des Entsetzlichen streitig machen . Ihr Widerspruch gab mir Muth . Dieser sank gleichwohl , als ich in den Gartensaal trat , der erschütternde