und aller Welt Feind . Und es konnte ihr keiner mehr etwas anhaben . Aber sehet , da sind wir schon . Lebet wohl , vielleicht daß ich Euch schon heute nacht wiedersehe . Ich steige jetzt ins Land hinab , und bringe dann dem Herrn in der Höhle Kundschaft , wie es dort unten aussieht . Vergesset nicht , an der Brücke Brief und Ring dem Herrn des Schlosses zu senden , und hütet Euch , das Siegel selbst zu brechen . « » Sei ohne Sorgen ! ich danke dir für dein Geleite , und grüße meinen werten Gastfreund in der Höhle . « Georg sprach es , trieb sein Pferd an , und in wenigen Augenblicken war er vor der äußeren Verschanzung von Lichtenstein angelangt . Ein Knecht , der das Tor bewachte , fragte nach seinem Begehr und rief einen anderen herbei , ihrem Herrn das Brieflein und den Ring zu übergeben . Georg hatte indes Zeit genug , das Schloß und seine Umgebungen zu betrachten . War ihm schon in der Nacht , beim ungewissen Schein des Mondes und in einer Gemütsstimmung , die ihn nicht zum aufmerksamsten Beobachter machte , die kühne Bauart dieser Burg aufgefallen , so staunte er jetzt noch mehr , als er sie vom hellen Tag beleuchtet , anschaute . Wie ein kolossaler Münsterturm steigt aus einem tiefen Albtal ein schöner Felsen , frei und kühn , empor . Weitab liegt alles feste Land , als hätte ihn ein Blitz von der Erde weggespalten , ein Erdbeben ihn losgetrennt , oder eine Wasserflut vor uralten Zeiten das weichere Erdreich ringsum von seinen festen Steinmassen abgespült . Selbst an der Seite von Südwest , wo er dem übrigen Gebirge sich nähert , klafft eine tiefe Spalte , hinlänglich weit , um auch den kühnsten Sprung einer Gemse unmöglich zu machen doch , nicht so breit , daß nicht die erfinderische Kunst des Menschen durch eine Brücke die getrennten Teile vereinigen konnte . Wie das Nest eines Vogels auf die höchsten Wipfel einer Eiche oder auf die kühnsten Zinnen eines Turms gebaut , hing das Schlößchen auf dem Felsen . Es konnte oben keinen sehr großen Raum haben , denn außer einem Turm sah man nur eine befestigte Wohnung , aber die vielen Schießscharten im unteren Teil des Gebäudes , und mehrere weite Öffnungen , aus denen die Mündungen von schwerem Geschütz hervorragten , zeigten , daß es wohlverwahrt und trotz seines kleinen Raumes eine nicht zu verachtende Feste sei ; und wenn ihm die vielen hellen Fenster des oberen Stockes ein freies , luftiges Ansehen verliehen , so zeigten doch die ungeheuren Grundmauern und Strebepfeiler , die mit dem Felsen verwachsen schienen , und durch Zeit und Ungewitter beinahe dieselbe braungraue Farbe , wie die Steinmasse , worauf sie ruhten , angenommen hatten , daß es auf festem Grunde wurzle , und weder vor der Gewalt der Elemente noch dem Sturm der Menschen erzittern werde . Eine schöne Aussicht bot sich schon hier dem überraschten Auge dar , und eine noch herrlichere , freiere , ließ die hohe Zinne des Wartturms und die lange Fensterreihe des Hauses ahnen . Diese Bemerkungen drängten sich Georg auf , als er erwartend an der äußeren Pforte stand , die wohlverschanzt herwärts über der Kluft , auf dem Lande den Zugang zu der Brücke deckte . Jetzt tönten Schritte über die Brücke , das Tor tat sich auf , und der Herr des Schlosses erschien selbst , seinen Gast zu empfangen . Es war jener ernste , ältliche Mann , den Georg in Ulm mehreremal gesehen , dessen Bild er nicht vergessen hatte ; denn die düsteren , feurigen Augen , die bleichen aber edlen Züge , seine große Ähnlichkeit mit der Geliebten , hatten sich tief in die Seele des Jünglings geprägt . » Ihr seid willkommen in Lichtenstein « , sagte der alte Herr , indem er seinem Gast die Hand bot , und eine gütige Freundlichkeit den gewöhnlichen strengen Ernst seiner Züge milderte . » Was steht ihr müßig da ihr Schlingel ! « wandte er sich nach dieser ersten Begrüßung zu seinen Dienern . » Soll etwa der Junker sein Roß mit hinauffahren in die Stube ? schnell , hinein mit in den Stall ; das Rüstzeug traget auf die Kammer am Saal ! - Verzeihet , werter Herr , daß man Euch so lange unbedient stehenließ , aber in diese Bursche ist kein Verstand zu bringen . Wollet Ihr mir folgen ? « Er ging voran über die Zugbrücke , Georg folgte . Sein Herz pochte bei diesem Gang , voll Erwartung , voll Sehnsucht , seine Wangen röteten sich vor Liebe und vor Scham , wenn er an die letzte Nacht und an die Gefühle zurückdachte , die ihn zuerst vor diese Burg geführt hatten . Sein Auge suchte an den Fenstern umher , ob es nicht die Geliebte erspähe , sein Ohr schärfte sich um vielleicht ihre Stimme zu vernehmen , wenn auch ihr Anblick ihm jetzt noch verborgen war . Aber umsonst suchten seine Blicke diese Mauern zu durchbohren , umsonst fing sein scharfes Ohr jeden Laut begierig auf , noch schien sie sich nicht zeigen zu wollen . Sie gelangten jetzt an das innere Tor . Es war nach alter Art tief , stark gebaut , und mit Fallgattern , Öffnungen für siedendes Öl und Wasser , und allen jenen sinnreichen Verteidigungsmitteln versehen , womit man in den guten alten Zeiten den stürmenden Feind , wann er sich der Brücke bemeistert haben sollte , abhielt . Doch die ungeheuren Mauern und Befestigungen , die sich von dem Tor an rings um das Haus zogen , verdankte Lichtenstein nicht der Kunst allein , sondern auch der Natur ; denn ganze Felsen waren in die Mauerlinie gezogen , und selbst der schöne , geräumige Pferdestall und die kühlen Kammern , die statt des Kellers dienten , waren in den Felsen eingehauen . Ein bequemer , gewundener Schneckengang führte in die oberen Teile des Hauses , und auch dort waren kriegerische Verteidigungen nicht vergessen ; denn auf dem Vorplatz der zu den Zimmern führte , wo in anderen Wohnungen häusliche Gerätschaften aufgestellt sind , waren hier furchtbare Doppelhaken und Kisten mit Stückkugeln aufgepflanzt . Das Auge des alten Ritters ruhte mit einem gewissen Ausdruck von Stolz auf diesem sonderbaren Hausrat , und in der Tat konnten diese Geschütze damals für ein Zeichen von Wohlhabenheit und selbst Reichtum gelten , denn nicht jeder Privatmann war imstande , seine Burg mit vier oder sechs solchen Stücken zu versehen . Von hier ging es noch einmal aufwärts in den zweiten Stock , wo ein überaus schöner Saal , ringsum mit hellen Fenstern , den Ritter von Lichtenstein und seinen Gast aufnahm . Der Hausherr gab einem Diener , der ihnen gefolgt war , mehr durch Zeichen als Worte einige Befehle , die ihn aus dem Saale entfernten.31 VIII -Und der Graf , gerührt von solches Hohen Opfers hohem Geiste Bei der Freude süßer Regung , Kann der Freundschaft mildem Taue Der durchs Herz ihm , der durchs Auge Schon ihm schleicht , nicht widerstehen . P. Conz Als die beiden Männer in dem weiten Saale von Lichtenstein allein waren , trat der Alte dicht vor Georg hin , und schaute ihn an , als messe er prüfend seine Züge . Ein Strahl von Begeisterung und Freude drang aus seinen Augen , die Melancholie seiner Stirne war verschwunden , er war heiter , fröhlich sogar , wie der Vater , der einen Sohn empfängt , der von langen Reisen zurückkehrt . Endlich stahl sich eine Träne aus seinem glänzenden Auge , aber es war eine Träne der Freude , denn er zog den überraschten Jüngling an sein Herz . » Ich pflege nicht weich zu sein « , sprach er nach dieser feierlichen Umarmung zu Georg , » aber solche Augenblicke überwinden die Natur , denn sie sind selten . Darf ich denn wirklich meinen alten Augen trauen ? trügen die Züge dieses Briefes nicht ? ist dieses Siegel echt und darf ich ihm glauben ? doch - was zweifle ich ! hat nicht die Natur Euch ihr Siegel auf die freie Stirne gedrückt ? sind die Züge nicht echt , die sie auf den offenen Brief Eures Gesichtes geschrieben ? nein , Ihr könnet nicht täuschen - die Sache meines unglücklichen Herrn hat einen Freund gefunden ! « » Wenn Ihr die Sache des vertriebenen Herzogs meinet , so habt Ihr recht gesehen , sie hat einen warmen Anhänger gefunden . Der Ruf bezeichnete mir längst den Herrn von Lichtenstein , als einen treuen Freund des Herzogs , und ich wäre vielleicht auch ohne den Rat jenes unglücklichen Mannes , der mich zu Euch schickte , gekommen , Euch zu besuchen . « » Setzet Euch zu mir , junger Freund « , sagte der Alte , dessen Augen immer noch mit Liebe auf dem Jüngling zu ruhen schienen ; » setzet Euch hier und höret was ich sage . Ich liebe es sonst nicht , wenn die Leute ihre Farbe ändern , ich habe in meinem langen Leben gelernt , daß man die Überzeugung eines jeden ehren müsse , und daß ein Mann , wenn er nur sonst reine Absichten hat , nicht gerade deswegen zu verdammen sei , weil er anderer Meinung ist , als wir . Aber wenn man seine Farbe mit so uneigennützigen Absichten ändert wie Ihr , Georg von Sturmfeder , wenn man dem Glück den Rücken kehrt , um sich an das Unglück anzuschließen , da hat die Änderung großen Wert , denn sie trägt das Gepräge einer edlen Tat an der Stirne . « Georg errötete über sich selbst , als er hörte , wie der Lichtensteiner seine uneigennützigen Absichten pries . War es denn nicht auch die schöne Tochter , was ihn zu der Fahne des Vaters führte ? Und mußte er nicht in der Achtung dieses Mannes sinken , wenn über kurz oder lange dieses Motiv seines Übertrittes ans Licht kam ? » Ihr seid zu gütig « , antwortete er ; » die Absichten eines Menschen liegen oft tiefer verborgen , als man auf den ersten Anblick glaubt ; seid versichert , daß mein Übertritt zu Eurer Sache zwar zum Teil von dem empörten Gefühl des Rechtes geleitet wurde ; doch könnte es auch einen irdischeren Beweggrund geben , Herr Ritter ; und ich möchte nicht , daß Ihr mich für zu gut hieltet , es würde mir um so weher tun , wenn Ihr nachher ungünstiger von mir urteiltet . « » Ich liebe Euch um dieser Offenheit willen nur noch mehr « , entgegnete der Herr des Schlosses , und drückte seinem Gast die Hand . » Doch traue ich meiner Erfahrung und meiner Kenntnis der Gesichter , und von Euch will ich kühn behaupten , daß , wenn Euch auch noch eine andere Absicht leitet , als das Gefühl des Rechtes , diese Absicht doch keine schlechte sein kann . Wer Schlechtes im Schilde führt , ist feig , und wer feig ist , wagt es nicht , den Truchseß , den Herzog von Bayern und den Schwäbischen Bund vor den Kopf zu stoßen und so aufzutreten , wie Ihr aufgetreten seid . « » Was wisset Ihr von mir « , rief Georg mit freudigem Erstaunen ; » habt Ihr denn je von mir gehört vor diesem Augenblick ? « Der Diener , welcher bei diesen Worten die Türe öffnete , unterbrach die Antwort des alten Herrn ; er setzte Wildbret und volle Becher vor Georg hin , und schickte sich an , den Gast zu bedienen . Doch ein Wink seines Herrn entfernte ihn aufs neue . » Verschmähet diesen Morgenimbiß nicht « , sagte er zu dem jungen Mann ; » den ersten Becher sollte zwar die Hausfrau kredenzen , wie es die angenehme Sitte heischt ; aber die meinige ist schon lange tot , und meine einzige Tochter , Marie , die an ihrer Stelle das Hauswesen versiehet , ist ins Dorf hinabgegangen , um am hohen Feste eine Predigt zu hören und die Messe . Nun , Ihr fragtet mich , ob ich noch nie von Euch gehört hatte ? Ihr seid ja jetzt unser , daher darf ich Euch wohl sagen , was man sonst verschweigt . Ich war zur Zeit , als Ihr in Ulm einrücktet , in jener Stadt , um meine Tochter abzuholen , die sich dort aufhielt , hauptsächlich aber , um manches zu erfahren , was für den Herzog zu wissen wichtig war ; Gold öffnet alle Pforten « , setzte er lächelnd hinzu , » auch die des Hohen Rates , und so hörte ich täglich , was die Bundesobersten beschlossen . Als der Krieg erklärt wurde , war ich genötigt , abzureisen ; ich hielt aber treue Männer in jener Stadt , die mir auch das Geheimste berichteten , was vorging . « » War nicht einer davon der Pfeifer von Hardt « , fragte Georg , » den ich bei dem Geächteten traf ? « » - Und der Euch über die Alb führte ? ja wohl ! Diese brachten immer Kundschaft . So erfuhr ich denn auch , daß man beschloß , einen Späher hinter den Rücken des Herzogs zu schicken , etwa in die Gegend von Tübingen , um dem Bunde sogleich Nachricht von unseren Schritten zu erteilen . Ich erfuhr auch , daß die Wahl auf Euch gefallen sei . Nun muß ich Euch redlich gestehen , Ihr und Euer Name war mir ziemlich gleichgültig , nur bedauerte ich Euch , als ich hörte , daß Ihr noch solch ein junges Blut seid , denn sobald Ihr über die Alb kamet als Kundschafter , wäret Ihr ohne Gnade und Barmherzigkeit totgeschlagen oder unter die Erde gesetzt worden , wo keine Sonne und kein Mond hinscheint . Um so überraschender war mir und vielen Männern die Nachricht , wie Ihr es ausgeschlagen , und wie tapfer Ihr vor jenen Herren gesprochen . Auch daß Ihr absagtet und auf vierzehn Tage Urfehde schwören mußtet , erfuhr ich . Und wie freut es mich , daß Ihr nun gar unser Freund geworden seid ! « Die Wangen des jungen Mannes glühten , sein Auge strahlte vor Freude , brach ja doch dieser Augenblick alle Schranken , welche die Verhältnisse zwischen ihm und Marie gezogen hatten . Sein langer Wunsch , dessen Erfüllung oft so weit in die Ferne hinausgerückt schien , war in Erfüllung gegangen , er hatte unbewußt Mariens Vater für sich gewonnen . » Ja , ich habe ihnen abgesagt « , antwortete Georg , » weil ich ihr Wesen nicht mehr leiden mochte , ich bin Euer Freund geworden , doch wäre es möglich , ich hätte mich nicht so bald zu Eurer Sache bekannt ; aber als ich unten in der Höhle neben jenem geächteten Mann saß , als ich bedachte , wie man mit den Edeln und selbst mit dem Herrn des Landes umgehe , wie seine gewaltigen Reden so mächtig an meiner Brust anklopften : da war es mir auf einmal hell und klar , hieher müsse ich stehen , hier müsse ich streiten . Und glaubt Ihr , es werde bald etwas zu tun geben ? denn ich bin nicht zu Euch herübergeritten , um die Hände in den Schoß zu legen ! « » Das konnte ich mir denken « , sagte der Ritter lächelnd ; » vor vierzig Jahren hatte ich auch so rasches Blut , und es ließ mich nicht lange auf einem Fleck . Wie die Sachen stehen , wißt Ihr ; man kann sagen eher schlimm als gut . Sie haben das Unterland , sie haben den ganzen Strich von Urach herauf . Auf eines kommt alles an : hält Tübingen fest , so siegen wir . « » Die Ehre von vierzig Rittern bürgt dafür « , rief Georg mit Unmut , » das Schloß ist stark , ich habe kein stärkeres gesehen , Besatzung ist hinlänglich da , und vierzig Männer von Adel werden sich so leicht nicht ergeben . Es kann nicht sein , es darf nicht sein . Haben sie nicht des Herzogs Kinder bei sich und den Schatz des Hauses ? sie müssen sich halten . « » Wohl , wenn sie alle dächten wie Ihr . Es kommt gar viel auf Tübingen an . Wenn der Herzog Entsatz bringen kann , so hat er an Tübingen einen festen Punkt , von wo aus er sein Land wieder erobern kann ; es sind große Kriegsvorräte , es ist ein großer Teil des Adels dort ; solange sie zu seiner Partie halten , ist Württemberg nur dem Boden nach gewonnen , dem Geiste nach ist es noch des Herzogs ! aber ich fürchte , ich fürchte ! « » Wie ? unmöglich können sich die vierzig ergeben ! « » Ihr habt noch wenig erfahren in der Welt « , erwiderte der Alte , » Ihr wißt nicht , welche Lockungen und Schlingen manchen ehrlichen Mann straucheln machen können . Und es ist mancher in der Burg , dem der Herzog zu viel getraut hat . Er merkt auch wohl , daß es nicht ganz lauter und rein hergeht , denn er schickte den Ritter Marx Stumpf von Schweinsberg an sie mit einem beweglichen Schreiben32 , das Schloß nicht zu übergeben , sondern ihm Gelegenheit zu machen , in dasselbe zu kommen , weil er dort zu sterben bereit sei , wenn es Gott über ihn verhänge . « » Der arme Herr ! « rief Georg bewegt . » Aber ich kann nicht glauben , daß der Landesadel so schändlich freveln könne ; sie werden ihn einlassen in die Burg , er wird ihren Mut aufs neue beseelen , er wird Ausfälle machen , er wird sie schlagen die Belagerer trotz Bayern und Frondsberg , wir werden uns an ihn anschließen , wir werden fechtend durch das Land ziehen und diese Bündler verjagen . « » Marx Stumpf ist noch nicht zurück « , sagte der Ritter von Lichtenstein mit besorgter Miene ; » auch haben sie seit gestern das Schießen eingestellt . Sonst hörte man jeden Stückschuß hier auf dem Lichtenstein , aber seit gestern ist es still wie im Grabe . « » Vielleicht schweigt das Geschütz wegen des Festes ; gebt acht sie werden morgen oder am Ostermontag wieder donnern lassen , daß es durch Eure Felsen hallt . « » Was da ! « entgegnete jener . » Wegen des Festes ? seinem Herzog treu zu dienen ist auch ein frommer Dienst ; und es wäre den Heiligen im Himmel vielleicht lieber sie hörten den Donner der Feldschlangen von Tübingens Wällen , als daß sie die Ritter müßig sehen . Müßiggang ist aller Laster Anfang ! aber wenn nur der Stumpf in das Schloß kommt , der wird sie aufrütteln aus ihrem Schlummer . « » Der Herzog hat den Ritter von Schweinsberg nach Tübingen geschickt , sagt Ihr ? der Herzog will ins Schloß , weil die Besatzung seit einigen Tagen zu wanken scheint ? da kann also Ulerich nicht bis Mömpelgard entflohen sein , wie die Leute sagen ; da ist er vielleicht in der Nähe ? O daß ich ihn sehen könnte , daß ich mich mit ihm nach Tübingen schleichen könnte ! « Ein sonderbares Lächeln zog flüchtig über die ernsten Züge des Alten ; » Ihr werdet ihn sehen , wenn es Zeit ist « , sagte er . » Ihr werdet ihm angenehm sein , denn er liebt Euch schon jetzt . Und ist das Glück gut , so sollt Ihr auch mit ihm nach Tübingen kommen , Ihr habt mein Wort drauf . - Doch jetzt muß ich Euch bitten , Euch ein Stündchen allein zu gedulden . Mich ruft ein Geschäft , das aber bald abgetan sein wird . Nehmt Euch meinen Wein zum Gesellschafter , schauet Euch um in meinem Haus , ich würde Euch einladen auf die Jagd auszureiten , wenn ein solches Vergnügen zum Karfreitag paßte . « Der alte Herr drückte seinem Gast noch einmal die Hand und verließ das Zimmer ; bald nachher sah ihn Georg aus dem Schlosse dem Wald zu reiten . Als sich der junge Mann allein gelassen sah , fing er an , seinen Anzug ein wenig zu besorgen , der durch den Ritt in der Nacht , durch seinen Aufenthalt in der Höhle etwas außer Ordnung gekommen war . Wer je unter solchen Umständen in die Nähe der Geliebten kam , wird es ihm nicht übelnehmen , wenn er vor einem kleinen Spiegel von poliertem Metall , den er in diesem Gemach vorfand , und der wohl zu Mariens Gerätschaften gehören mochte , Bart und Haare ordnete , das Wams ein wenig reinigte , und jede Spur von Unordnung aus seinem Anzug zu verbannen suchte . Er erging sich dann in dem großen Zimmer , und suchte unter den vielen Fenstern eines auf , von welchem er auf den Felsenweg hinabschauen konnte , den Marie von der Kirche im Tal heraufkommen mußte . Es waren fröhliche Gedanken , die sich in bunter Menge an seiner Seele vorüberdrängten , schnell und flüchtig wie ein Zug heller Wölkchen , die am blauen Gewölb des Himmels dahingleiten . Dies war die Burg , die er seit mehr als einem Jahre im Wachen geträumt , in Träumen klar gesehen hatte ; dies die Berge , die Felsen , von denen sie ihm so oft erzählte , dies die Gemächer ihrer Kindheit ! Es hat etwas Anziehendes , in den Zimmern zu verweilen , wo die Geliebte groß geworden ist . Man träumt sich um Jahre zurück , man sieht sie als kleines Mädchen in diesen Kammern , in diesen Gängen sich umtreiben . Man geht um einige Jahre vorwärts , man sieht sie noch klein aber verständig der Mutter jene kleinen Künste der Haushaltung abspähen , die sie viele Jahre nachher als Hausfrau nötig hat . Doch in dem kleinen Köpfchen gestaltet sich schon jetzt ein eigenes Hauswesen ; es ist vielleicht jene Ecke , dachte Georg lächelnd , wo sie in kindischer Geschäftigkeit , was sie von den Brosamen der Küche erbeutete , zu Speisen von eigener Erfindung bereitete , wo sie das hölzerne Wesen , das ein Knecht kunstreich schnitzelte , und die Amme mit einigen bunten Fetzen behängt hat , für ein wackeres Kind hält , und es mit wichtiger Miene zu füttern gedenkt . Und dann jene anmutsvolle Stufe zwischen Kind und Jungfrau ! wo ist wohl das stille Plätzchen , wo sich das fünfzehnjährige Fräulein , wenn sie in Garten und Feld nach Kinderweise getobt hatte , sich ernst und feierlich hinsetzte , die Kunkel zur Hand nahm und goldene Fäden zog , während ihr der Vater von der Mutter und von den Tagen seiner Jugend erzählte , oder durch weise Lehren und gewichtige Sprüche den Geist der Jungfrau zu erheben suchte ? Wo ist das Lieblingsfenster , wohin sie sich , immer höher und schöner heranwachsend , gerne setzte , und mit unbewußter , dunkler Sehnsucht in die Ferne sah , über das Leben und ihre eigene Zukunft nachsann , und sich in freundliche Träume versenkte ? Es war ihm so heimisch , so wohl in diesem Hause , es war ihr Geist , der hier waltete , der ihn umschwebte , den er , ob sie auch fern war , freundlich begrüßte ; dieses Gärtchen auf einem schmalen Raum am Felsen hatte sie besorgt und gepflegt , diese Blumen , die in einem Topf auf dem Tische standen , hatte sie vielleicht heute schon gepflückt ! er ging hin , diese Zeichen ihres freundlichen Sinnes zu begrüßen . Er beugte sich herab über die Blumen , er führte die duftenden Veilchen zum Mund . In diesem Augenblick glaubte er ein Geräusch vor der Türe zu vernehmen ; er sah sich um - sie war es , es war Marie , die staunend und regungslos , als traue sie ihren Augen nicht , an der Türe stand . Er flog zu ihr hin , er zog sie in seine Arme , und seine Lippen erst schienen sie zu überzeugen , daß es nicht der Geist des Geliebten sei , der ihr hier erscheine . Wie viel hatten sie sich zu fragen , bei weitem mehr als sie nur antworten konnten . Es gab Augenblicke wo sie , wie aus einem Traum erwach , sich ansahen , sich überzeugen mußten , ob sie denn wirklich sich wieder haben ? » Wie viel habe ich um dich gelitten « , sagte Marie , und ihre Wangen straften sie nicht Lügen , » wie schwer wurde mir das Herz , als ich aus Ulm scheiden mußte . Zwar hattest du mir gelobt , vom Bunde abzulassen , aber hatte ich denn Hoffnung , dich so bald wiederzusehen ? - und dann , wie mir Hanns die Nachricht brachte , daß du mit ihm nach Lichtenstein kommen wolltest , aber du seiest überfallen , verwundet worden , das Herz wollte mir bald brechen , und doch konnte ich nicht zu dir , konnte dich nicht pflegen ! « Wie beschämt war Georg , wenn er an seine törichte Eifersucht zurückdachte , wie füllte er sich so klein und schwach Mariens zarter Liebe gegenüber . Er suchte sein Erröten zu verbergen , er erzählte , oft unterbrochen von ihren Fragen , wie sich alles so gefügt habe , wie er dem Bunde abgesagt , wie er über die Alb gezogen sei , wie er überfallen worden , wie er der Pflege der Pfeifersfrau sich entzogen habe , um nach Lichtenstein zu reisen . Georg war zu ehrlich , als daß ihn Mariens Fragen nicht hin und wieder in Verlegenheit gesetzt hätten ; besonders als sie mit Verwunderung fragte , warum er denn so tief in der Nacht erst nach Lichtenstein aufgebrochen sei , wußte er sich nicht zu raten . Die schönen , klaren Augen der Geliebten ruhten so fragend , so durchdringend auf ihm , daß er um keinen Preis eine Unwahrheit zu sagen vermocht hätte . » Ich will es nur gestehen « , sagte er mit niedergeschlagenen Augen , » die Wirtin in Pfullingen hat mich betört , sie sagte mir etwas von dir , was ich nicht mit Gleichmut hören konnte . « » Die Wirtin ? von mir ? « rief Marie lächelnd ; » nun was war denn dies , daß es dich noch in der Nacht die Berge herauftrieb ? « » Laß es doch ! ich weiß ja , daß ich ein Tor war . Der geächtete Ritter hat mich ja schon längst überzeugt , daß ich völlig unrecht hatte . « » Nein , nein « , entgegnete sie bittend , » so entgehest du mir nicht ; was wußte die Schwätzerin wieder von mir ; gestehe nur gleich - « » Nun lache mich nur recht aus ; sie erzählte : du habest einen Liebsten und lassest ihn , wenn der Vater schlafe , alle Nacht in die Burg . « Marie errötete ; Unwille und die Lust über diese Torheit zu lachen , kämpften in ihren schönen Zügen . » Nun , ich hoffe « sagte sie , » du hast ihr darauf geantwortet , wie es sich gehört , und aus Unmut über eine solche Verleumdung ihr Haus verlassen ? Dachtest vielleicht , du könntest unser Schloß noch erreichen und hier übernachten ? « » Ehrlich gestanden , das dachte ich nicht . Siehe , ich war noch halb krank , ich glaubte ihr auch anfangs gewiß nicht , aber deine Amme , die alte Frau Rosel wurde aufgeführt , sie hatte es der Wirtin gesagt , sie hatte mich selbst mit ins Spiel gebracht und bedauert , daß ich um meine Liebe betrogen sei , da - o sieh nicht weg , Marie , werde mir nicht bös ! Ich schwang mich aufs Pferd und ritt vors Schloß herauf , um ein Wort mit dem zu sprechen , der es wage , Marien zu lieben . « » Das konntest du glauben « , rief Marie , und Tränen stürzten aus ihren Augen . » Daß Frau Rosel solche Sachen aussagt , ist unrecht , aber sie ist ein altes Weib , klatscht gerne ; daß die Frau Wirtin solche Sachen nachsagt , nehme ich ihr nicht übel , denn sie weiß nichts Besseres zu tun ; aber du , du Georg konntest nur einen Augenblick so arge Lügen glauben , du wolltest dich überzeugen , daß - « von neuem strömten ihre Tränen , und das Gefühl bitterer Kränkung erstickte ihre Stimme . Georg zürnte sich selbst , daß er so töricht hatte sein können , aber er fühlte auch , daß wenn er ein großes Unrecht an der Geliebten begangen hatte , es nur die Liebe war , die ihn verleitete . » Verzeihe mir nur diesmal « , bat er ; » siehe , wenn ich dich nicht so liebgehabt hätte , ich hätte gewiß nicht geglaubt ; aber wenn du wüßtest , was Eifersucht ist ! « » Wer recht liebt kann gar nicht eifersüchtig sein « , sagte Marie unmutig ; » aber schon in Ulm hast du etwas solches gesagt , und schon damals hat es mich recht tief betrübt . Aber du kennst mich gar nicht , wenn du mich recht gekannt hättest , wenn du mich geliebt hättest wie ich dich , wärest du nie auf solche Gedanken gekommen . « » Nein ! ungerecht mußt du doch nicht werden « , rief Georg und faßte ihre Hand ; » wie kannst du mir vorwerfen , daß ich dich nicht liebe , wie du mich ? hätte es denn nicht möglich sein können , daß ein Würdigerer als