er zuletzt gesprochen hatte und betrug sich vollkommen wie einer , der nur spricht , um nicht vollends einzuschlafen . Alles Sehenswerthe , alles bedeutend Merkwürdige hatte er in den Ländern gesehen , die er durchreist war . Nichts war ihm entgangen , aber auch nichts hatte seine Erwartung befriedigt , am wenigsten das , was alle andere Reisende mit Bewunderung erfüllte . Dabei sprach er viel von antiken und anderen Kunstwerken , die er in Italien an sich gekauft hatte ; vieles , das den Transport nicht gar zu sehr erschwerte , versicherte er mit sich zu führen , und erbat sich zugleich die Erlaubniß , es den Damen gelegentlich zeigen zu dürfen . » Es wird mir einigermaßen selbst lieb seyn , alle diese Dinge einmal wieder zu sehen , denn seit ich sie acquirirte , habe ich mich nicht wieder darum bekümmert , « sprach er ; » mein Secretair hat sie unter seiner Aufsicht . Mich interessirten sie nur , so lange ich sie nicht besaß , wegen der Freude , sie andern wegkaufen zu können , die ebenfalls nach ihrem Besitze strebten . Ich betrachte das wie eine Art von Entschädigung für die Freuden der Jagd , die ich in jenem Lande entbehren mußte und die langnasigen römischen Cicerones kamen mir dabei wie treffliche Spürhunde vor . Übrigens mögen diese Herren mich wohl mitunter ziemlich ruchlos betrogen haben , aber ich scheute die Mühe dieses zu merken , und ließ sie lieber machen was sie wollten . Im Grunde ist es doch ein thörigtes Beginnen , sein schönes Geld für altes rostiges Eisenwerk und zerbrochenen Marmor wegzugeben , doch was thut man nicht aus Langeweile ! und die athmet man in Italien , besonders in Rom , mit der Luft ein . « Das Gespräch wandte sich zufälligerweise auf Manufakturen und ihre Erzeugnisse . Sir Charles gab auch hier , wie überall , seinem angeblichen Vaterlande , England , den Vorzug , aber er wußte doch auch über manches von dieser Art , was er in andern Ländern gesehen , ziemlich bestimmte Auskunft zu geben und beantwortete einige Fragen des alten Kleeborn zu dessen großer Zufriedenheit , so daß dieser allmählig wieder völlig mit ihm ausgesöhnt schien , und die afrikanischen Thiere darüber vergaß . Unter andern rühmte er die Korallenschleiferei in Marseille , und zog dabei ein Schmuckkästchen unter seinem Kittel hervor , welches er als Beweis der hohen Vollkommenheit ihrer Produkte Vicktorinen überreichte , die bis jetzt an dem Gespräch nur schweigenden Antheil genommen hatte . Es enthielt einen sehr vollständigen Damenschmuck von ausgesucht schönen geschliffenen Korallen , dessen größter Werth aber in der außerordentlich eleganten Fassung derselben bestand . Vicktorine und die Tante betrachteten und lobten den schimmernden Putz mehr aus Höflichkeit , als aus wirklichem Wohlgefallen daran , doch Babet , die sich gleich sehr geschäftig herbeidrängte , wurde nicht müde , jedes einzelne Stück desselben überlaut bis in die Wolken zu erheben . » Der herrliche Kamm ! « rief sie , » ach und das ganz einzige allerliebste Jeannetten-Kreuz ! und nun vollends die köstlichen Ohrringe ! Nein , darüber geht doch nichts in der Welt ! « Sie trieb dieses so lange und so laut , bis Vicktorine sich ihrer schämte und alles wieder in das Kästchen hineinpackte . Sir Charles ergriff gerade diesen Moment , um aufzustehen und Vicktorine , da sie ihn im Begriffe sah sich fortzubewegen , bat ihn , seinen Schmuck nicht zu vergessen . » Meinen Schmuck ? « fragte er mit dem unbefangensten Gesichte von der Welt , und da sie ihm das jetzt wieder geordnete Kästchen hinreichte , ging er so weit , zu behaupten , es sey nicht das seine , sondern Vicktorinens . » Nun , in der That , « erwiederte Vicktorine mit etwas spöttischem Lächeln , » Sie sind für einen so jungen Herrn entweder sehr zerstreut , oder Sie verstehen die schwere Kunst aus dem Grunde , mit einem sehr ernsthaftem Gesicht zu scherzen , indem Sie sich stellen , als ob Sie Ihr Eigenthum nicht anerkennen wollten . « - » Ich versichre Sie mein Fräulein - « fing Sir Charles an , doch Vicktorine unterbrach ihn . » Ich bitte , « sprach sie sehr stolz , sehr ernst , aber zugleich auch sehr höflich , » ich bitte Sie , geben Sie sich nicht weiter Mühe , das kleine Versehen zu entschuldigen ; ich bin ohnehin vollkommen überzeugt , daß Sie nur zerstreut waren , denn es kann mir doch unmöglich in den Sinn kommen , daß Sie fähig wären , in diesem Hause , auf diese Art Scherz treiben zu wollen , und noch weniger , daß es Ihnen einfallen könnte , einem Mädchen wie ich bin , ein Geschenk anzubieten . « Sir Charles nahm jetzt anscheinend gleichgültig sein Kästchen zurück , doch innerlich kochte der Zorn , den Vicktorinens stolzes Benehmen in ihm aufregte . » Vater , ich berufe mich auf Sie selbst , konnte ich anders ? ich , Ihre Tochter ? « sprach Vicktorine , sobald Sir Charles zur Thüre hinaus war , und ehe noch Kleeborn das zornige Wort aussprechen konnte , das auf seinen Lippen schwebte . Der Alte mochte auf diese Frage nicht gefaßt seyn , die ihn an die Verhaltungsregeln erinnerte , welche er selbst Vicktorinen eben gegeben , und wußte daher nicht gleich , was er ihr antworten solle ; er schüttelte daher nur den Kopf und begab sich fort , ohne eine Silbe zu erwiedern ; aber zufrieden war er weder mit Vicktorinen , noch mit Sir Charles . Sir Charles lief indessen , gleich einem Wüthenden , in seinem eignen Zimmer auf und ab , und zwar weit schneller , als man es ihm zutrauen konnte , wenn man ihm nur im gewöhnlichen Leben sah . » Die stolze Thörin ! « rief er aus , » geberdet sie sich nicht , als wäre sie Königin von Spanien , und es thäte Noth , daß man auf den Knien zu ihr heranrutschte ? Wäre sie nur nicht Kleeborns Tochter ! « Der Kammerdiener Marcellin , sein Vertrauter , versuchte es zwar , seinen Herrn zu besänftigen , doch lange umsonst . Endlich gab er ihm zu bedenken , ob es denn zur Abwechselung so übel wäre , auch einmal eine Spröde zur Vernunft zu bringen , besonders wenn man sie zu heurathen denke , und Sir Charles , der indessen ausgetobt hatte , fing an , seinen Gründen Gehör zu geben . » Freilich , « erwiederte er , » es liegt etwas pikantes in ihrem Benehmen und überdem ist sie wunderschön , und der Hochmuth steht ihr nicht übel , das muß ich ihr lassen . Nun , wir wollen unser Heil versuchen , es wäre schade , wenn die Weisheit unsrer Papas bei dieser Gelegenheit zur Thorheit würde ; die alten Knaben haben diesmal zu klug speculirt . Es sey ! Diese Donna Diana verlangt einen Don Cesar , wie ich merke . Va ! sie soll ihn in mir finden . Wir wollen sehen , ob das Trotzköpfchen sich nicht bändigen läßt . « Um diesen Plan sogleich zur Ausführung zu bringen , ging er noch am nämlichen Abende um die Theezeit in das Kleebornsche Haus hinüber und betrug sich gegen Vicktorinen und gegen Alle , als wäre gar nichts vorgefallen , das ihm unangenehm berührt hätte . Er war sogar ungewöhnlich aufmerksam und gesprächig , besonders gegen Babet , und suchte auf eine recht angenehme Art zur Unterhaltung des zahlreichen Kreises junger Mädchen beizutragen , welche als Babets und Agathens Freundinnen sich dort versammelt hatten , eigentlich wohl nur , um den Fremden zu sehen , dessen seltsames Wesen schon anfing , Aufsehen zu erregen . Der Abend neigte sich bereits zum Ende , als Sir Charles noch eine neue Art von Lottospiel in Vorschlag brachte , welchem die Tante sich nicht wohl entgegensetzen konnte , indem alle Übrigen , außer Vicktorinen , ihm mit lauter Freude ihren Beifall schenkten . Um nicht wunderlich zu erscheinen , mußte sie es daher geschehen lassen , daß Domingo einen großen Korb voll jener unbedeutenden , bunt bemalten Spielereien herbeibrachte , die jedermann unter dem Namen von Attrappen kennt , welche bei Weihnachts-oder Geburtstags-Geschenken sehr oft zur Verhüllung irgend einer artigen Kleinigkeit dienen müssen . Das Spiel ging vor sich , Sir Charles wußte es mit großer Feinheit zu leiten , und benahm sich sehr artig dabei ; am Ende hatte jede der Anwesenden ein Körbchen , eine Frucht , ein Vogelnest , oder eine ähnliche , aus Pappe gebildete zierliche Kleinigkeit gewonnen , deren Inhalt warscheinlich bedeutender war , als ihre Aussenseite . Doch da die Tante und Vicktorine ihren Gewinnst weglegten , ohne ihn näher zu untersuchen , so folgten auch die Uebrigen diesem Beispiel , weil sie meynten , es schickte sich nicht anders . Nur Babet konnte ihre Neubegier nicht zähmen , und versuchte es , den großen Ananas , der ihr zu Theil worden war , ein klein wenig zu öffnen , ein fast unsichtbarer Wink von Seiten des Sir Charles , der ihr bei ihrer steten Aufmerksamkeit auf diesen nicht entgehen konnte , bewog sie indessen , sogleich wieder davon abzustehen . Der ganze Korallenschmuck nebst einer beträchtlichen Anzahl ähnlicher zum Theil kostbarer Kleinigkeiten war auf diese Weise ganz unmerklich in der Gesellschaft vertheilt worden ; nur Vicktorine fand das Kästchen so sie gewonnen mit Bonbons gefüllt , was sie als einen Vorzug betrachtete , obgleich Sir Charles sie dadurch zu kränken gemeint hatte ; der Tante aber war eine kleine , von einem italienischen Künstler sehr brav in Wasserfarben gemalte Ansicht des Vesuvs zugetheilt , mit der sie ebenfalls vollkommen zufrieden war , und dabei bemerkte , daß Sir Charles es sehr wohl verstände , die Linie des Schicklichen nicht zu verletzen , sobald er sich nur die Mühe geben wollte , sie zu berücksichtigen . Doch nichts glich Babets stürmischem Entzücken , als sie Abends in ihrem Zimmer nicht nur den Kamm , sondern auch die Ohrringe und sogar auch das Kreuzchen , die sie am Morgen so sehnsüchtig betrachtet hatte , in ihrer Ananas fand . Sie schrie vor Freuden laut auf , und hohlte dann sogleich alle Lichter herbei , deren sie habhaft werden konnte , um sich im Spiegel , mit diesen Herrlichkeiten geschmückt , von allen Seiten und nach allen Richtungen hin zu bewundern . Sie erzählte dabei so ausführlich und mit so großem Triumph , wie geschickt Sir Charles es angefangen habe , um ihr absichtlich diesen gewiß größten Gewinnst in die Hände zu spielen , daß Agathe sie zuletzt bitten mußte , doch endlich einmal davon aufzuhören . » Ich habe ganz andere wichtigere Dinge zu überlegen , « seufzte die Kleine , und stützte dabei sehr nachdenklich das sorgenschwere Lockenköpfchen auf die runde weiße Hand ; » ich mag nicht einmal nachsehen was in dem Spargelbunde steckt , das ich gewonnen habe , da liegt es noch unberührt , denn ach ! Babet , denke Dir um Gotteswillen , morgen um diese Zeit soll ich schon eine Braut seyn ! « » Du ? « fragte Babet voller Erstaunen , » Du schläfst wohl schon und sprichst halb im Traum ? « » Ach nein , bewahre , « erwiederte Agathe , » ich denke nicht an Schlafen . Stell ' Dir nur vor , Horst hat heute früh beim Onkel ordentlich um mich angehalten , er hat es mir gestern über Tische schon gesagt , daß er es wollte , und er hat auch dem Onkel recht wohl gefallen . Hernach ist er wohl anderthalb Stunden lang mit der Tante allein in ihrem Zimmer geblieben , und er hat auch ihr recht wohl gefallen , besonders , sagt sie , wegen seines ehrlichen und aufrichtigen Wesens , und weil er mich so lieb hat . Nun und hernach hat die Tante auch mich ins Verhör genommen , und dabei ging es scharf her , das kannst Du nur glauben , nun und hernach - ach Gott ! « rief sie halbweinend , » und hernach soll ich morgen früh das Jawort geben ; der Onkel will es nicht anders , und der Schwarze will auch nicht länger warten , und ich habe noch in meinem Leben keinen Menschen ein Jawort gegeben , und ich weiß gar nicht wie ich das anfangen werde . Ach wäre morgen doch erst vorüber ; ich ängstige mich so , Du kannst es gar nicht glauben ! « » Höre , « erwiederte Babet mit einem sehr altklugen Gesicht , » wäre ich wie Du , und fürchtete ich mich so , ich gäbe das Jawort nicht und ließe ihn ohne solches abziehen . Solch ' eine förmliche Heurathsgeschichte könnte mir nun gar nicht gefallen . Das ist ja wie , als der Großvater die Großmutter nahm . Es ist viel hübscher , wenn die Leute sagen , die ist noch so jung , und hat doch schon einem Rittmeister den Korb gegeben , denn bekannt muß so etwas doch werden - « » Das wäre doch recht schlecht von mir , « fiel Agathe ein , » und ich müßte mich doch schämen , wenn ich ihn dafür , daß er mich lieb hat , ins Gerede bringen wollte . Und dann , Du weist es ja , mir hat der Schwarze schon lange viel besser als alle Andere gefallen . Wenn ich nur das Jawort nicht geben müßte ! Nun , der liebe Gott wird mir helfen , und der Mensch kann viel überstehen . « » Meinetwegen thu ' was Du willst , « erwiederte jetzt Babet , etwas pikirt , » und denke nur nicht etwa , daß ich mich ärgre , weil Du eher Braut wirst als ich , obgleich ich dreizehn und einen halben Monat älter bin als Du . Glück zu , Frau Rittmeisterin , ich denke höher hinaus , und wer weiß , ob ich Dich dennoch nicht einhole . Man kann zwar nicht im Voraus so genau bestimmen , wie alle Dinge kommen werden , aber ich weiß was ich weiß , und gieb nur Acht , es wird sich noch alles ganz anders machen , als die Leute es sich jetzt denken . « Dem mit altreichsstädtischer Förmlichkeit in Gegenwart des Onkels und der Tante ausgesprochnen Jawort , mit welchem am folgenden Morgen Agathe unter gewaltigem Herzklopfen den Rittmeister beglückte , folgte bald die feierliche Verlobung des jungen Paares , und Agathe ward die allerreizendste kleine Braut , die man sich denken kann . Anfangs war sie freilich noch sehr schüchtern und ängstlich , sie kam sogar ganz von selbst auf den Gedanken , daß sie den Mann doch eigentlich sehr wenig kenne , mit dem sie ihr ganzes Leben hindurch Freude und Leid theilen wollte . Doch Horsts treue herzliche Liebe gab ihr bald die jugendliche Fröhlichkeit wieder , die ihr zuerst das Herz des junges Kriegers gewonnen hatte . Der ihr angeborne Muthwille kam wieder auf , und sie verstand es in kurzer Zeit vortrefflich , ihren Rittmeister , der sich dies mit tausend Freuden gefallen ließ , auf gut militärisch zu kommandiren . Nebenher trieb sie den ganzen Tag über ihre gewohnten Kinderpossen , obgleich sie auch wieder dazwischen die zahlreichen Gratulationsvisiten von Freunden und Verwandten mit unendlicher Gravität anzunehmen wußte . Das ganze Kleebornsche Haus erhielt durch sie einen Anstrich von heiterer Fröhlichkeit , die sonst nicht immer darin einheimisch gewesen war , aber die Nähe einer jungen glücklichen Braut besitzt eine eigne , alles belebende Kraft , und selbst die Aeltesten fühlen sich in ihr gleichsam verjüngt ; sie gleicht dem Frühlinge , bei dessen ersten Erscheinen sogar die alte halb abgestorbne Eiche mit jugendlichem Grün sich kleidet und sich ihren Sprößlingen gleichstellt . Von nun an wandte die Tante alle Liebe und Sorge , deren sie in so hohem Grade fähig war , der jungen Braut in verdoppeltem Maaße zu , indem sie in dieser bei tausend Anlässen , welche ihr neues Verhältniß herbeiführte , ein höchst glückliches Naturell entdeckte , das nur geringer Nachhülfe und einer Leitung bedurfte , um sich schnell recht erfreulich zu entwickeln . Horst war in seinen Anforderungen an die künftige Gefährtin seines Lebens sehr mäßig ; er selbst machte bei einem gesunden hellen Verstande dennoch nur wenig Ansprüche an höhere geistige Bildung , und forderte deshalb auch nichts weiter von seiner jungen Braut , als ein treues liebendes Gemüth , heitern Sinn und nie wankendes Vertrauen . Dieses alles fand er in ihr , er war der Mann dazu , es sich zu erhalten , und so schien denn die glückliche Zukunft des neuverlobten Paares sich mit jedem , Tage fester zu stellen . In dem alten Kleeborn war indessen die Lust an dem ehemaligen Glanz seines gastfreien Hauses von neuem erwacht , und die weiten Säle desselben mußten von neuem fast täglich von rauschenden Festen widerhallen , denen das junge Brautpaar zum Vorwande diente , obgleich es dabei eigentlich darauf abgesehen war , Vicktorinen und Sir Charles einander näher zu bringen . Horsts einfacher Sinn hätte ihn dem allen zwar gern aus dem Wege geführt , doch da man ihn jetzt schon als einen nahen Verwandten betrachten konnte , so entdeckte ihm Herr Kleeborn das Verhältniß , in welchem seiner Meynung nach jene Beiden zu einander standen , und er war dafür gefällig genug , sich einstweilen eine Lebensweise gefallen zu lassen , die ihm eigentlich wenig zusagte . Zum Glück gewann er dabei seine Agathe nur um so lieber , da er sah , wie sie mitten im glänzendsten Gewühle dennoch mit ganzer Seele nur an ihn hing , und sobald sich die Gelegenheit dazu bot , für eine einsame Stunde an seiner Seite gern andern Freuden entsagte . In diesem nur selten unterbrochenen Taumel des Vergnügens verging der größte Theil des Winters und der Frühling nahte bereits , ohne daß sich Kleeborn dennoch durch alle seine kostbaren Anstalten der Vollendung seiner Wünsche nur um einen Schritt näher gebracht sah . Obendrein ward mit der Zeit die halbe Stadt in seine Pläne eingeweiht , so gern er diese noch eine Weile verborgen gehalten hätte , und es fehlte nicht an Anspielung darauf , die er freilich nur schweigend , höchstens durch ein schlaues Lächeln beantwortete , die ihm aber doch eigentlich sehr unangenehm waren . In bedeutenden Handelsstädten wird freilich das Leben etwas liberaler betrieben , als selbst in mancher großen Residenz , denn in letzterer sind gewöhnlich die Stände viel strenger von einander gesondert , und die große Stadt zerfällt dadurch in unzählige kleine . In großen Handelsstädten hingegen , wo Alle einander mehr oder weniger gleich stehen , und nur der größere oder geringere Reichthum der Familien einigen Unterschied bildet , ist dieses weit weniger der Fall , besonders wenn sie zugleich Seestädte sind . Selbst das ganz vom Gewöhnlichen Abweichende fällt dort schon darum weit weniger auf , weil die aus allen Ecken der Welt zuströmenden Fremden den Augenpunkt der Bewohner einer solchen Stadt erweitern und das Fremdartige ihnen dadurch zum Bekannten wird , weil es beinahe täglich vorkommt . Da es indessen aber wohl keinen Ort in der Welt giebt , aus welchem die Lust , über Andere zu reden , völlig verbannt wäre , so machte auch Vicktorinens Geburtsstadt von dieser Regel keine Ausnahme , und man muß gestehen , daß Sir Charles ihren Bewohnern überreichen Stoff zur Unterhaltung freiwillig lieferte . Sein langer Aufenthalt im theuersten Gasthofe , in welchem er mit seiner zahlreichen Dienerschaft fürstlichen Aufwand trieb , konnte schon an und für sich unmöglich ganz unbemerkt bleiben ; er wandte aber auch überdem geflissentlich alle Mittel an , die ihm zu Gebote standen , um die allgemeine Aufmerksamkeit täglich von neuem auf sich zu richten , nicht nur durch seine und seiner Dienerschaft auffallende Kleidung , sondern auch durch sein ganzes übriges Betragen . Bald stellte er mit seinen schönen Pferden ein öffentliches Wettrennen nach englischer Art an , welches die halbe Stadt herbeizog ; bald regierte er als ein ächter Pferdebändiger , mit eigener Hand , und auch im Äußern einem Kutscher ähnlich gekleidet , seine vier muthigen Rosse vom Kutschbock aus , und fuhr so seinen im Wagen sitzenden Kammerdiener auf den besuchtesten Promenaden spazieren . Ein Paar Mal ließ sogar Babet sich von ihm auf diese Weise im Triumph herumfahren , und neben ihr saß denn in Todesangst mit kaum zu unterdrückendem Angstgeschrei die arme alte Virnot . Denn Vicktorine weigerte sich , unter dem Vorwande unüberwindlicher Furcht , Babet auf solchen Fahrten zu begleiten , und ihr Vater , dem bei dem wilden Treiben selbst nicht wohl zu Muthe war , mochte sie nicht zwingen , diese Furcht zu besiegen . Ein andermal lud Sir Charles alle Welt zu einem Tanz-Frühstück ein , das um drei Uhr Nachmittags anfing und gegen Mitternacht endete , oder gab um acht Uhr Abends ein großes Mittagsessen , zu welchem die seltensten Leckerbissen aus fernen Landen verschrieben und alle Treibhäuser mehrere Meilen in der Runde geplündert werden mußten , um den Speisesaal mitten im Winter zu einem blühenden Frühlingsgarten umzuschaffen . So brachte fast jeder Tag etwas Neues und bot zur Unterhaltung auf Kosten des Fremden frischen Stoff dar . Am wenigsten war man aber geneigt , ihm sein Benehmen in der Gesellschaft zu verzeihen . Die Trägheit und Gleichgültigkeit , die er so gern zur Schau trug , die anscheinend geflissentliche Verletzung der allergewöhnlichsten Regeln der Höflichkeit , die er sich gelegentlich zu Schulden kommen ließ , machten ihn durchaus nicht beliebt , oft aber zum Gegenstand des Spottes , ohne daß seine gewohnte Apathie ihm erlaubt hätte , Notiz davon zu nehmen . So sah man ihn zum Beispiel einst in einem sehr besuchten öffentlichen Concert , wo es durchaus an Platz fehlte , in einer der vordersten Reihen seine gewohnte Lieblingsstellung über zwei Stühle hingelehnt beibehalten , obgleich mehrere Damen um und neben ihn standen , bis es ihm endlich nach einer halben Stunde beliebte , mitten in einer Cadenz des Virtuosen , während man bei der allgemeinen Stille eine Stecknadel hätte fallen hören können , sich mit ziemlichen Geräusche in die Höhe zu richten , den Damen seine Plätze zu überlassen und dabei auszusehen , als erwache er eben aus einem tiefen Traume . Alles dieses mißfiel dem alten Kleeborn gar sehr und machte ihn zuweilen recht mißmuthig , vor allem aber verdroß es ihm , daß es noch immer zwischen Sir Charles und Vicktorinen zu keiner förmlichen Erklärung kommen wollte . Es sah sogar zuweilen aus , als erwarte jener , daß der erste Antrag zu einer nähern Verbindung von Seiten des Vaters seiner Braut an ihn gelangen solle : doch dagegen sträubte sich dessen Stolz , und so blieb Alles wie es war . Zwar meynte Kleeborn , Sir Charles förmliches Anhalten um Vicktorinens Hand sey eigentlich nur eine bloße Formalität , da zwischen ihm und dem alten Wißmann , was ihm die Hauptsache war , schon längst verabredet wurde , aber er sah diese Formalität doch als durchaus nothwendig an . Auch würde er ihre Verzögerung kaum so lange ertragen haben , wenn nicht zuweilen der Gedanke ihn getröstet hätte , daß Sir Charles sie absichtlich verschiebe , um Vicktorinen mit der Zeit seinen Wünschen geneigter zu stimmen , als sie jetzt es zu seyn bezeigte . So wartete er denn in wunderlicher Selbsttäuschung von einem Tage zum andern , ohne eigentlich recht gewahr zu werden , wie aus diesen Tagen Wochen und zuletzt sogar Monate entstanden , die dennoch nicht die geringste Veränderung in der Lage der Dinge herbeiführten . Inzwischen erwartete aber auch Babet täglich , und mit nicht minderer Gewißheit als ihr Oheim , eine Erklärung ähnlicher Art von Seiten des Sir Charles , die gewiß allen Hoffnungen des alten Herrn mit einemmal ein Ende gemacht hätte ; und die Nachgiebigkeit , mit der dieser die Launen seines erwählten Schwiegersohnes ertrug , war in der That nicht weniger zu bewundern , als seine Verblendung gegen Dinge , die dicht unter seinen Augen vorgingen . Babets Einbildung war freilig sehr geschäftig , doch muß man auch gestehen , daß Sir Charles sich gegen sie auf eine Weise betrug , welche sich ganz dazu eignete , in dem eitlen unerfahrenen Mädchen die schmeichelhaftesten Erwartungen zu erregen ; besonders war dies der Fall , wenn er sich von Andern unbemerkt glauben konnte . Der Eindruck , den ihre frische Jugendblüthe im ersten Augenblick ihres Zusammentreffens auf ihn gemacht hatte , war nicht so ganz oberflächlich , daß nicht ihre zuvorkommende Freundlichkeit und ihre , ihm oft ganz unbegreifliche Naivetät diesen täglich hätten erneuern und ihn bewegen sollen , ihr gegenüber , alle jene kleinen Künste männlicher Koketterie zu üben , die seinesgleichen stets zu Gebote stehen . Er bildete sich sogar ein , nach einem sehr wohldurchdachten Plane dabei zu handeln , indem er glaubte , Vicktorinens Eifersucht erregen und die Stolze demüthigen zu wollen , während es doch eigentlich nur Langeweile und das Bedürfniß einer kleinen Intrike war , die ihn zu diesem Benehmen bewogen . Demohngeachtet stand aber der Vorsatz in ihm fest , sich hier auf keinem Fall zu einer Unvorsichtigkeit hinreißen zu lassen , die für ihn die unangenehmsten Folgen nach sich ziehen konnte . Daher suchte er vor allem sich stets so unbestimmt als möglich gegen Babet zu äußern und trachtete hauptsächlich darnach , das Spiel so in seiner Hand zu behalten , daß er es aufgeben könne , sobald er wolle . Er sprach sich daher selten in Worten aus , weit öfter durch Blicke , und hütete sich sorgsam vor allem , was ihn vor der Welt ernstlich kompromittiren könnte . Babet hingegen benahm sich auf ganz entgegengesetzte Weise , und setzte ihn dadurch oft in nicht geringe Verlegenheit . Ihr lag vor allen Dingen daran , der Welt zu zeigen , welch ' eine Eroberung sie auf Vicktorinens Kosten gemacht habe . Der stille Triumph war ihr nicht genug , sie verlangte einen öffentlichen , und beging dahei unzählige , oft recht künstlich berechnete Unvorsichtigkeiten , durch die sie weit mehr errathen ließ , als sie eigentlich zu verbergen hatte . Denn sie strebte hauptsächlich nur nach dem Vergnügen , sich von ihren zahlreichen Freundinnen necken , mitunter auch wohl ein wenig beneiden zu lassen , und beides gelang ihr . Bei solchen Gelegenheiten pflegte sie dann Vicktorinen mit wirklich beleidigendem Mitleide zu betrachten , während diese nichts sehnlicher wünschte , als das Spiel sich in Ernst verwandeln zu sehen . Ihre edlere , aller Hinterlist abgeneigte Natur und auch Babets mitunter recht unartiges Betragen , hielten sie freilich davon zurück , hier die Mittlerin machen zu wollen , aber sie that wenigstens alles , was in ihren Kräften stand , um nichts von dem zu sehen , worauf Babet sie aufmerksam machen wollte , und so wenigstens auf keine Weise dem anscheinenden Verständnisse jener Beiden in den Weg zu treten . Übrigens war Babet so überzeugt , daß Sir Charles bis zum Sterben in sie verliebt sey , daß sein bisheriges Vermeiden einer förmlichen Erklärung dieser Leidenschaft ihr auch nicht die mindeste Unruhe verursachte ; sie war im Gegentheil unerschöpflich im Bemühen , täglich neue Gründe dafür zu ersinnen . Hatte er ihr doch gesagt , daß sie unbeschreiblich schön und reizend sey , und was noch mehr war , hatte er sie sogar nicht einigemal seine bezaubernde Lady Betty genannt ? was konnte das anders heißen , als daß er sie liebe , und sie folglich durch eine Heirath mit ihm zu einer englischen Lady erheben wolle . Eine Lady ! sie wußte selbst nicht , was sie sich darunter dachte , aber es kam ihr doch über alle Maßen romantisch vor , eine englische Lady zu seyn . Daß dem im langen Leben mit der Welt geübten Scharfblick der Tante von allem diesen nichts entgehen konnte , war wohl natürlich , aber sie kannte auch Babet genau genug , um zu wissen , daß hier jede , selbst eine mit der größten Schonung ausgesprochene Warnung , wohl manches verschlimmern , jedoch nichts verbessern könnte . Deshalb begnügte sie sich damit , jeden ihrer Schritte treulich zu beobachten , und sie übrigens ihren Weg gehen zu lassen . Sie stellte sie einer Nachtwandlerin gleich , die man nicht anrufen darf , wenn man sie nicht dem Abgrunde zu treiben will , aber sie versäumte es deshalb dennoch nicht , den Abgrund sorgsam zu umstellen , um sie im Falle der Noth gewaltsam zurückhalten zu können . Daß übrigens der Schmerz getäuschter Liebe der künftigen Ruhe eines Mädchens , wie Babet , nie gefährlich werden könne , davon war sie ebenfalls auf das Vollkommenste überzeugt ; indessen hoffte sie viel für sie von der heilsamen Erschütterung des gewiß nicht fernen Moments ihres Erwachens aus dem selbst geschaffnen Traume , und nahm sich fest vor , diesen alsdann recht kräftig zum Besten des verblendeten eitlen Kindes zu benutzen . In diesem von mehreren Seiten höchst gespannten Verhältnisse war schon eine ziemliche Zeit vergangen , während welcher Allen , die nur die äußere Seite des Lebens in dieser Familie kannten , sie für höchst glücklich halten mußten , als Vicktorine eines Morgens die Tante in einem ganz ungewohnten Zustande in ihrem Zimmer allein fand . Ihre Hand hielt einen Brief oder vielmehr ein Packet , dessen noch versiegelter Umschlag sie mit tiefen Schmerz , ja fast mit dem Ausdruck geheimen Grauens betrachtete , und alles an ihr deutete auf eine gewaltsame Bewegung in ihrem Innern , über welche sie nicht Herr zu werden vermochte . Erschrocken eilte Vicktorine auf sie zu , doch der erste Blick auf den Brief in Annas Händen machte auch auf sie den tiefsten Eindruck . » Tante ! « rief sie fast athemlos , » öffnen sie