, nicht zornig , aber erstarrt vor dem Mißton zwischen des Vaters Dankgebet und der Mutter Lästerung : » Weib , ich meldete Deinem Gatten , daß Gott Euer Kind errettet hat . « - Was sie aber antwortete , vernahm ich nicht , ich verstand nur , daß sie mir augenblicklich ihr Haus zu verlassen gebot . Hier verließ Herrn Boswell die angewohnte Schlaffheit seines Betragens , um einem Anfall von unwürdiger Heftigkeit Platz zu machen ; er faßte seiner Gattin Arm , rief einige donnernde Worte , die ich mir nicht erinnre , warf sie zur Seite und eilte in der Kranken Gemach . - Die Frau erregte mein inniges Mitleid , aber meine Kräfte sanken so schnell , daß ich nicht , was ich gern wollte , ihr zu sagen im Stande war . Ich gehe , ich gehe , gleich gehe ich , sprach ich stammelnd , wankte nach meinem Zimmer und sank ohne Besinnung zu Boden . Eine sonderbare Betäubung bemächtigte sich nun meiner . Schwarze Schatten , von blutrothen Lichtstreifen durchkreuzt , schwammen vor meinem Blick , abscheuliche Gespenster wimmelten um mich her , und eines von ihnen , das scheußlichste , legte seine glühende Hand an meine Stirn . Dann folgte eine dunkle Hoffnung , daß alles nur ein schrecklicher Traum sey , aus dem ich bald erwachen würde , ich strebte mich aufzurichten , diesen Traum abzuschütteln - doch plötzlich sah ich mich am Rand eines Abgrunds liegen und mußte froh seyn , mich fest an die glühenden Felsen schmiegen , jede Bewegung , bei deren geringster ich nothwendig herabstürzen mußte , zu vermeiden . Doch noch einmal war ich mir bewußt , daß diese Schrecken nur in Täuschung beständen . Ich glaubte mein Zimmer zu erkennen , ich war mir bewußt , daß es bestimmte Gegenstände gäbe , an die ich denken sollte ; doch , anstatt sie zu finden , drängten Larven und Töne sich um mich , und der Gedanke , den Verstand verloren zu haben , schnitt furchtbar durch mein Gehirn . Nach einer Zeit , die ich nicht ermessen konnte , glaubte ich eine Gestalt sich mir nahen zu sehen , die ich für meine Mutter oder Miß Mortimer hielt . Ich rief sie , sie nahte sich mir , ergriff mich aber unsanft , hüllte mich in ein rauhes dunkles Gewand , das ich für mein Leichentuch hielt , und übergab mich zwei finstern Gespenstern , die mich auf ein Rad legten , das sich im Wirbel umherdrehte , bis ich alles Gefühl und Bewußtseyn des Schmerzes selbst verlierend , dem Elend dahingegeben war . Der erste Eindruck , von dem ich mir wieder Rechenschaft zu geben vermochte , war der Ton rauher , mißklingender Stimmen , die mich aus einem tiefen , schweren Schlummer zu wecken schienen . Ich öffnete meine Augen und befand mich in dichter Finsterniß . Mühselig hob ich mein Haupt empor und empfand eine scharfe Nachtluft , die in ein kleines Fenster zu meinen Füßen , doch hoch an der Wand , hereinströmte . Die Nacht war dunkel , doch unterschied ich endlich , daß es mit eisernen Gittern verwahrt sey . » Bin ich denn in einem Gefängniß ? « fragte ich mich bestürzt ? aber Schwäche senkte mein Haupt wieder nieder und ich dachte : » mag es auch ein Gefängniß seyn ! für die wenigen Momente , die ich noch zu leben habe , ist das einerlei . » Ich schloß meine Augen und meine noch immer trüben Gedanken erhoben sich sehnsuchtsvoll zu der Welt , die mir in glücklichen Tagen so fremd war und mit der mich auch die Prüfung des Unglücks noch wenig vertraut gemacht hatte . Nicht lange so vernahm ich eine weibliche Stimme , die im Ton der sanftesten Klage zu singen begann ; dann lebhafter fortfahrend , unglückliche Liebe besang , bis sie von einer ersterbenden Cadenz zum Gesprächston übergehend , in unzusammenhängenden Reden die Verwirrung ihrer Begriffe offenbarte , und sich selbst in die wildeste Heftigkeit hinein schwatzend , in die stille Nacht hinein rief . Endlich schien der Ton einer fernen Glocke ihre wandernden Gedanken in einen bestimmten Jammer zusammen zu fassen ; denn sie rief ängstlich : sie läuten , sie läuten ! und verstummte in herzbrechendem Schluchzen . - In einem Tollhaus ! sagte ich mit selbst und mein Blut erstarrte vor Schrecken ; aber er dauerte nur einen Moment . Und wenn auch ? jenseits der Pforte an der ich stehe , ist der Verrückte und der tiefste Philosoph seiner Fesseln entledigt . - O wär ich ihr wirklich so nahe gewesen dieser Pforte , welche beschämende Rechenschaft hätte ich dem Hausherrn von dem Geschäft , das er mir übertragen , geben müssen ! Heil , daß seine Welt so groß ist , um jedem Schüler Hoffnung zu geben , daß er in ihr irgendwo Raum zur Belehrung , zur Besserung finden werde ! Doch in diesem Augenblick wurden mir diese Betrachtungen nicht klar ; mein Geist war mit meinem Körper so geschwächt , daß meine Todeserwartung sehr bald in tiefen , aber dieses Mal in einen natürlichen Schlaf überging . Bei meinem auf ihn folgenden Erwachen , war es heller Tag . Ich konnte nun meinen Aufenthalt übersehen . Ich befand mich in einer Art von Zelle , eben nur lang genug für mein niedriges Bett , die nackten Wände waren mit zahllosen albernen Sprüchen beschrieben , aber durch sie hin hatte eine meiner unglücklichen Vorgängerinnen einen Namen , der vielleicht die Veranlassung ihres Elendes war , in jeder Richtung mit den zärtlichsten Beinamen geschrieben . Nie kann ich diesen Namen vergessen , so unbekannt mir der blieb , der ihn trug , der ihn schrieb ; denn wenn ich in der erdrückenden Unthätigkeit meiner Einkerkerung alle diese Sprüche hundert Mal gelesen hatte , kehrte meine Aufmerksamkeit auf ihn zurück . Indem ich noch meine Umgebungen betrachtete , hörte ich einen festen Schritt meiner Thür nahen , den Schlüssel im Schloß sich umwenden , und ein Mann mit einem strengen dunkelgefärbten Gesicht trat herein . Er bot mir einige Speise der ärmlichsten Art. Mein krankhafter Ekel bewog mich , sie schnell von mir zu wehren ; darauf reichte er mir einen Trank von Milch und Wasser , den ich mit Begierde verschluckte und soweit es meine Schwäche gestattete , dafür dankte . Des Mannes strenger Blick milderte sich ein wenig . » Ihr seyd heute früh etwas besser ? « fragte er . - » Ich werde es bald seyn « , erwiederte ich mit schwachem Lächeln . Er wendete sich um fortzugehen , als mich der Gedanke ergriff , daß ich nach meiner Auflösung , die ich für unfehlbar sich nahend ansah , diesem Manne , vielleicht seinen noch roheren Gehülfen , überlassen seyn könnte ; ich bot alle meine Kräfte auf , rief ihn zurück und bat : » wenn es mit mir aus ist , so bittet doch - aus Barmherzigkeit ! bittet irgend ein frmmes Frauenzimmer , daß sie für meinen Leichnam sorge ! Ich war von gutem Stande und bin keiner Unanständigkeit gewohnt . « - Der Mann versprach ohne Schwierigkeit mir zu genügen und ermunterte mich dadurch noch mehr zu bitten . » Ich habe einen Freund , dem möchtet Ihr doch auch schreiben ! « - » Warum nicht , wie heißt er ? « fragte er eifrig . - Herr Maitland , der reiche indische Kaufmann . Schreibt ihm Ellen Percy sey hier gestorben und habe seiner mit Achtung und Dankbarkeit gedacht . « - Der Wärter sah mich einen Augenblick mit Erstaunen an , dann lächelte er ungläubig und ging mit den sorglos ausgesprochnen Worten : » ja , ja , ich werde es besorgen « aus der Zelle . Meine zitternde Hoffnung , meine freudige Zuversicht eines heran nahenden Todes , ward diesen ganzen Tag von nichts als dem Eintritt des Wärters , der mir zu bestimmten Stunden Nahrung brachte , unterbrochen . Eine ruhige Nacht stärkte meine Kräfte so merklich , daß den folgenden Tag , mit der Möglichkeit zu leben , auch die Freude am Leben zurückkehrte . Mit dieser Freude ward aber auch das schreckliche Bewußtseyn meiner Lage in mir klar . Ich begriff , daß Irrthum oder Bosheit die Bewußtlosigkeit meines , von Jessy geerbten Fiebers für einen Zustand angesehen hatte , der mich in die Classe der Unglücklichen , welche diese Anstalt bewohnten , beigesellen mußte . Welche helfende Hand würde sich aber , wenn Bosheit mich hier festhielt , meiner erbarmen ? Kein lebendes Wesen entbehrte mich von allen , die mich jemals gekannt ; Niemand fand eine Lücke , da wo ich meinen Platz in der Gesellschaft besessen ; wer sollte nach mir forschen ? wer an mir , an der aus den Lebenden ausgestrichnen , Barmherzigkeit üben wollen ? - Meine Unerfahrenheit gab mir keine Möglichkeit an , mir einen Ausgang aus diesem furchtbaren Aufenthalt zu verschaffen . Monate lang hier zu bleiben , Jahre lang vielleicht , war ein Gedanke , vor dem ich meinen schwachen Kopf hüten mußte , denn er drohte mich den Unglücklichen gleich zu stellen , deren herzzerreißende Stimmen die Stille der Nacht mir hie und da zutrug . Sobald mein Wärter am zweiten Tage zu mir eintrat , empfing ich ihn mit der Frage : warum ich mich in dieser Anstalt , zu der mein Zustand mich keineswegs eigne , befinde ? » Herr und Mistriß Boswell « , sagte ich , » wissen beide , daß mich das Fieber bei der Krankenpflege ihrer Tochter befiel . « - » Ja , ja , das wissen sie , « antwortete er besänftigend . - » Warum haben sie mich denn hierher geschickt ? « - » Ja , für was halten Sie denn dieses Haus « ? sagte der Mann nach einigem Nachsinnen . » Denken Sie denn es sey ein Irrenhaus ? Es ist eine Krankenanstalt für Kranke Ihrer Art. « - Jetzt nahm ich wahr , daß er mich glaubte als eine Verrückte beruhigen zu müssen . Ich bat ihn dringend , er solle sich auf alle Weise von den sehr gesunden Zustand meines Gehirns überzeugen und mich aus dem Hause entlassen . Er versprach mir , daß dieses , sobald es mein Zustand erlaubte , geschehen sollte . Um meine Kräfte bald herzustellen , sey es aber nothwendig , mich ruhig zu halten , und mir die unnützen Gedanken aus dem Sinn zu schlagen . So schaudervoll dieser unbestimmte Aufschub meiner Wünsche war , mußte ich dem Mann doch rücksichtlich der Nothwendigkeit durch Ruhe Genesung zu erstreben , recht geben . Ich erbat sie innig von Gott , und wendete mein Gemüth mit unendlicher Anstrengung von der Hoffnung der Befreiung aus diesem fürchterlichen Aufenthalt , die meine nächste Zukunft beglücken sollte , zu der Vergangenheit hin , die durch Thorheit , Eigensinn und Unglück mich in diese schreckliche Lage gebracht hatte . Das Nachdenken während der nun folgenden Tage reifte meinen Geist mehr , wie Jahre des Glückes hätten thun können . Mein letztes Unglück hatte meinen stolzen Sinn völlig gebrochen ; ich hatte die Vergänglichkeit jedes Erdengutes erfahren , mein letzter Götze war der Vorzug , den mir mein Verstand über Mistriß Boswell gegeben und der Uebergang weniger Minuten von Gesundheit zu Krankheit , hatte diesen Verstand in eine Verfassung gesetzt , die mich den Bewohnern eines Irrenhauses gleichstellte . Wenn ich , statt des Unwillens , mit dem ich der dummen Leidenschaftlichkeit dieser Frau trotzte , mit wahrer Ueberlegenheit des Geistes und Milde des Gemüths sie behandelt hätte , würde der ganze Gang der Begebenheit verschieden gewesen , Jessy ' s Krankheit vielleicht vermieden , und ich nie in dieses fürchterliche Gewahrsam gekommen seyn . Mit allen diesen Betrachtungen kehrte wirkliche Ergebung in mein Gemüth zurück und durch sie stärkten sich meine Kräfte . Ich war wieder fähig das Bett zu verlassen und den engen Raum meines Kämmerchens zu durchschreiten und lag meinem Wärter täglich dringender an , mir meine Freiheit zu geben . Er verwies mich immer kaltblütig auf das unleugbare Bewußtseyn meiner Schwäche , berief sich aber endlich auf den nächsten Besuch des Arztes dieser Anstalt , der über meinen Aufenthalt entscheiden würde . Von nun an sah ich täglich diesem Besuch , als meiner Rettungsstunde , entgegen . Während die Zeit mit bleiernem Schritte dahin schlich , hatte ich einen Gegenstand ausfindig gemacht , der mir einen Wechsel der Beobachtung , in dem Fortschritt seines Zustandes , darbot . Dieses war ein Schwalbennest , welches seine Bewohner in dem Mauerwinkel meines Zellenfensters erbaut hatten . Ich ward mit dem Thun und Lassen derselben aufs innigste vertraut , sah sie aus- und einfliegen , ihren Jungen Futter bringen , und fröhlich im Sonnenschein die Mauern umkreisen . Während die Alten , Nahrung zu suchen außen waren , kamen die Jungen einer nach dem andern an die Oeffnung des Nestes und riefen in mein Gefängniß hinein , ich sprach zu ihnen hinauf und sie antworteten mir wieder . Ich sah sie wachsen und gedeihen und mir schien es oft , als wär unser Schicksal verwandt , und die Vögelchen würden von ihren Eltern zu ihrem ersten Fluge zu eben der Zeit geführt werden , wenn mein Kerker sich öffnen würde . Eines Morgens verkündigte mir mein Wärter den lang ersehnten Besuch des Arztes , und beantwortete meine zuversichtliche Hoffnung , auf sein unfehlbares Zeugniß sogleich in Freiheit gesetzt zu werden , mit gefälligem Zustimmen . Meine schwachen Nerven geriethen bei dieser Aussicht in ungeregelte Spannung . Mit Mühe hielt ich mich zurück dem Mann freudetrunken die Hände zu küssen , aber auf meine Knie sank ich und strömte , noch in seinem Beiseyn , mein Dankgefühl zu Gott aus . Der Mann sah mich aufmerksam an und verließ kopfschüttelnd das Gemach . Ich ahnte , daß meine Heftigkeit seiner Meinung von der Gesundheit meines Kopfes nicht sehr günstig gewesen war , und suchte mich durch die Beobachtung meiner kleinen gefiederten Freunde zu zerstreuen . Jetzt bemerkte ich , daß ein heftiges Sturmwetter heranzog . Bald sauste der Wind an den Mauern her und der Regen schlug an das Fenster . Die Eltern der jungen Brut steckten die Köpfchen aus dem Nest , gleichsam um das Wetter zu beobachten ; ein paar Mal schlüpften sie heraus , versuchten die Flügel zu lüften , aber der Luftstrom trieb sie zurück ; sie setzten sich mit gesträubtem Gefieder aufs Gitter , schüttelten den Regen von den Fittichen und krochen wieder in ihr Nest . Um die gewöhnliche Zeit trat der Wächter wieder bei mir ein . » Wenn kommt der Arzt ? « fragte ich ängstlich . - » Bei dem Sturm doch nicht ? « erwiederte jener verdrießlich , » er reißt ja die Ziegel vom Dach . « - In diesem Augenblick rollten wirklich Ziegel herab ; ich blickte zum Fenster und rief : » Ach ! das Nest reißt los ! o helft , helft mir es retten ! « mit diesen Worten deutete ich an das Fenster hin , und auf mein Bett steigend , bemühte ich mich mit meiner Hand an das Fenster zu reichen , um den leichten Anbau zu sichern . Es war zu spät ; ein neuer Windstoß ergriff ihn und schleuderte ihn herab , indem die Alten , dem unsichern Schlupfwinkel entfliehend , vom Sturm niedergetrieben , mit ängstlichem Geschrei gegen den Boden flatterten . Meine Schwäche verrieth sich freilich durch den Eindruck , den dieser nichtsbedeutende Zufall auf mich machte . Ach , dem Unglücklichen , der von der Theilnahme seiner Mitgeschöpfe keinen Trost erhält , wird die theilnahmlose Natur zum Propheten und Wahrsager . Dieser Sturm an dem Tage meines ersehntesten Glückes hatte mich schon gequält , das Verderben dieser kleinen Geschöpfe , deren ersten Flug meine , jedes fremden Gegenstandes beraubte Einbildungskraft , so lange als Symbol meiner Befreiung angesehen hatte , brachte mich zur Verzweiflung . Ich rang die Hände und brach in ein convulsivisches Weinen aus . » Nun , da seht Ihr , daß Ihr nicht fähig seyd das Haus zu verlassen « , sagte mein Wärter , der mir bedenklich zugesehen hatte , mit rechthaberischem Ton , » wie würde es Euch gehen wenn Ihr Euch bei andern Leuten auch so thöricht wolltet anstellen « , und hiermit verließ er das Zimmer . - Die Einsicht der furchtbaren Folgen schnell übersehend , welche dieses Mannes Bericht an den Arzt , über meinen Mangel an Fassung , hervorbringen könnte , gab mir Selbstbeherrschung zurück ; ich warf mir die Verirrung meiner Fantasie vor , die mit einer Art von Aberglauben in den unzusammenhängendsten Dingen , Beweisgründe für die Leitung meines Schicksals aufgesucht , da es mein besserer Sinn so oft schon gläubig in die Hände eines gütigen Vaters im Himmel gelegt hatte . Mit vielem Kampfe gelang es mir , bei dem Eintritt des Arztes in einer ruhigen Stimmung zu seyn . Er befragte mich sehr sorgfältig um meine Gesundheit , dann sagte er zu dem Wärter : » Herr Schmid , ich wiederhole Ihnen was ich bei dem Eintritt dieses Frauenzimmers gesagt : ihr Uebel eignet sich keineswegs für die Behandlung dieses Hauses . « - » O was das anbetrifft « , antwortete der Wärter mit zuversichtlichem Wesen , » so hätten Sie noch heute Morgen sehen sollen , welchen Auftritt ich wegen eines albernen Schwalbennestes mit ihr hatte . « - » Den will ich dem Herrn erzählen « , nahm ich das Wort , » bitte Sie aber um Entschuldigung , Sie mit meiner kränklichen Empfindlichkeit belästigt zu haben . « Statt der Geschichte des zertrümmerten Nestes erzählte ich aber dem Arzt mit so bündigem Zusammenhang , wie mir immer möglich war , die Veranlassung meiner Krankheit und die Umstände , denen ich mein Einsperren zuschrieb . Der Arzt hörte mich aufmerksam an , that dann viele Fragen , um sich des Zusammenhangs meiner Begriffe zu versichern , und fragte endlich : ob ich ihm gestattete , bei Herrn Boswell meinetwegen Erkundigungen anzustellen . - » Von Herzen gern , wenn Sie keinen andern Weg kennen , sich von meinen gerechten Ansprüchen an meine Freilassung zu überzeugen . Außerdem wünschte ich Herrn Boswells häusliches Unglück nicht durch die Kenntniß von seiner Frau Verbrechen zu vermehren . « - Der wackre Mann blieb noch lange bei mir , unterhielt mich von mancherlei Gegenständen , um meine Geistesfassung zu beobachten , widerlegte durch die Bemerkungen , welche ich selbst über des Wärters Anschuldigung von Ueberspannung machte , die falschen Ansichten , die der Mann von meinem Zustand hatte , und am Schluß der Unterredung - - o Entzücken , das keine Ausdrücke beschreiben ! - unterzeichnete er das Zeugniß meiner Entlassung aus dem Institute . - Ich wußte nicht , wo ich nun ein Obdach finden sollte , ich mußte fürchten , daß meine wiedergeschenkte Freiheit mich der Dienstbarkeit , dem Hunger , dem Elend entgegenführen würde - aber ich war frei ! - und so wie der Gedanke an Gottes Schutz in meinem Kerker mein einziger Trost gewesen war , so dünkte mir , draußen in der Freiheit sey mir sein Schutz noch gewisser . Ach , ist es dem , der nach langem Sehnen den Gegenstand seiner innigen Wünsche erhält , wohl zu verdenken , wenn er ihn mit der höchsten Schöne herausschmückt ? Seine Brüder , seine Mitgenossen des wandelbaren Erdenlooses , dürfen ihn darum wenigstens nicht verwerfen . Die Ordnung des Hauses wollte , daß Mistriß Boswell , auf deren Antrag ich eingesperrt worden war , von meiner Freilassung , von meiner Wiederherstellung unterrichtet seyn sollte . Der Arzt nahm das Mißtrauen wahr , mit dem ich diese Nachricht empfing , sendete daher sogleich einen Boten zu ihr ab und erwartete seine Rückkehr in meiner Zelle . Dieser brachte die Nachricht , daß Herrn Boswells Haus unbewohnt und verschlossen sey , indem die ganze Familie sich aufs Land begeben habe . » Gut « , sagte der menschenfreundliche Mann , » das hält Sie nicht auf . Mistriß Boswell empfange die Anzeige nach ihrer Rückkehr . Die Furcht , ihre Unthat bekannt machen zu sehen , wird sie den Mangel an Förmlichkeit wohl übersehen machen . « Ich nahm daraus ab , daß diese Frau durch die Furcht einer Entdeckung aus der Stadt getrieben worden ; ihre Abneigung gegen das Landleben war mir bekannt , sie hatte , um unter keinem Vorwand dazu beredet werden zu können , Herrn Boswells Vorschläge zu Verbesserungen seines Landhauses stets abgelehnt . - Doch meines Schweigens über ihren an mir begangnen unmenschlichen Verrath konnte sie gewiß seyn . Ich traute meinem eignen Gefühl noch zu wenig , um entscheiden zu können , ob Gerechtigkeit oder Rache mich leiten würde , indem ich mich über jenen beklagte , nahm deshalb den Entschluß , fürs erste die Begebenheit dieser letzten Wochen gegen niemand zu erwähnen . Man händigte mir bei meinem Austritt aus dem Hause einige Bündel mit allem dem Wäsch- und Kleidervorrath aus , die ich in Mistriß Boswells Hause besessen hatte , sie waren bei meiner Ueberkunft in das Irrenhaus abgegeben und mir treulich aufbewahrt worden . Es war so wenig , was dieser Vorrath enthielt , aber der Erbe der reichsten Verlassenschaft kann nicht froher auf seine Schätze blicken , als ich auf diese geringen Habseligkeiten , die mir für die nächste Zeit Reinlichkeit und ehrbaren Anstand zusicherten . Wie ich endlich das Haus verließ und dessen Thore hinter mir zufielen , wie der Träger , der mein kleines Gepäck trug , mich fragte , wohin ich zu gehen gedächte , schien mir das alles ein Traum . Diese Frage , die mir meinen verlaßnen Zustand aufdringen mußte , wie er sie zum ersten Mal that , füllte mich mit Entzücken ; im nächsten Augenblick machte sie mich stutzig ; wie der Mann sie aber wiederholte , hatte ich meinen Entschluß gefaßt und wies ihn wohlgemuth an , mich zu meiner ehemaligen Hauswirthin , Frau Millner , zu führen . Sie empfing mich sehr kalt , sie antwortete kaum auf meine Frage : ob mein ehemaliges Zimmer offen sey , und auf meine Bitte , wenn sie mir dieses nicht geben könnte , doch eine andre anständige Wohnung für mich aufzufinden , brach ihre Beredtsamkeit los . Ich mußte hören , wie sie ihre Schwester , indem sie mich an Mistriß Boswell empfohlen , in die Gefahr , verabschiedet zu werden , gebracht , und daß es kein Mensch Mistriß Boswell hätte verdenken können , mich aus dem Hause zu schaffen , nachdem ich so ein Unglück , wie Mistriß Jessys und ihres Vaters Krankheit , in die Familie gebracht hätte . » Also ward Herr Boswell auch angesteckt ? « rief ich bestürzt . » Gewiß ! und das ganze Haus wäre krank geworden , hätte man Sie nicht entfernt . « Bei dem Anblick meiner aufrichtigen Theilnahme milderte sich meiner Hausfrau Betragen . Ich war zu glücklich gestimmt , um mich durch die erste Unannehmlichkeit niederschlagen zu lassen ; und da es ihr auch ganz angenehm war , ihr Zimmer wieder zu vermiethen , so ward unser Vertrag bald erneut , und ich befand mich wieder im Besitz meiner ehemaligen Wohnung . Wie ich sie das erste Mal bezog , schien sie mir so dürftig , so klein ; und jetzt mußte ich mir doch eingestehen , daß die wenigen Schillinge , die ich in meinem Gepäck , als letzten Rest meiner kleinen Baarschaft , gefunden , nicht hinreichten , diese Wohnung lange zu bezahlen . Mein rechtlicher Anspruch an den mir von Herrn Boswell versprochnen Quartal-Gehalt war die einzige mir offenstehende Aussicht , eine kleine Summe zur Deckung meiner nächsten Bedürfnisse zu erhalten . Der Schritt ward mir unendlich schwer , aber ich lernte je mehr und mehr mich der Nothwendigkeit beugen und schrieb Jessys Vater , ohne der letzten Vergangenheit zu erwähnen , mein Gesuch , wobei ich ihn von dem Ort , wohin er das Geld zu senden habe , unterrichtete . Ich hoffte wenig , und doch waren die Tage , die ohne Antwort verflossen , sehr lang , und die allmälig eintretende Ueberzeugung , daß man meinen Brief verhindert hatte , in Herrn Boswells Hände zu kommen , sehr bitter . Indessen machte ich jeden Versuch , mir Arbeit und Erwerb zu verschaffen . Ich erkundigte mich nach Mistriß Murray - sie war noch immer im Auslande , und ihr Sohn war ihr dahin gefolgt ; ihre unliebenswürdige Schwester befand sich , so wie der größte Theil der wohlhabenden Bewohner Edinburgs , auf dem Lande ; denn in der schönen Jahrszeit ist das , was von London nur als Redensart gilt , in Edinburg im eigentlichen Sinne wahr : die Stadt ist dann leer . Dieser Umstand mochte meinem Nachsuchen ebenso ungünstig seyn , wie mein gänzlicher Mangel an Bekanntschaft und Empfehlung . In vornehmern Häusern fehlte mir diese , und in Bürgerhäusern mochte meine wieder aufblühende Jugend und mein Ansehen , das mich auch in meiner bescheidnen Kleidung vor der Volksclasse auszeichnete . Mißtrauen erregen . Eines Tags sah ich hinter dem Fenster eines Kaufladens einige kleine Handarbeiten , wie ich sie in meinen bessern Tagen verfertigt . Ich trat hinein und bot dem Kaufmann an , ihm ähnliche zu liefern . Er schien sehr wenig Vertrauen in meine Geschicklichkeit zu setzen , versprach mir aber doch , wenn ich selbst das Material dazu hergeben wollte und sie ihm gefielen , dieselben zu kaufen . So gering diese Gefälligkeit war , konnte ich doch meine erste Hoffnung an sie knüpfen und ging freudig nach Hause . Meine Lage forderte dringend eine günstigere Wendung ; ich hatte nur eine Woche von meinen wenigen Schillingen gelebt , und bei der strengsten Sparsamkeit gingen sie zu Ende . Meine Miethe sollte heute auch bezahlt werden , und es blieb mir kein Mittel , als ein Stück meines kleinen Kleidervorraths zu verkaufen . Lange sann ich nach , wie ich dieses schwere Opfer zu meinem größten Vortheil bringen könnte . Wenn ich für den Erlöß meiner Habseligkeit Material zu den Arbeiten anschaffte , die mir der Kaufmann abzunehmen versprochen hatte , so konnte ich mich in den Stand setzen , nicht allein Frau Millner zu bezahlen , sondern auch für meinen künftigen Unterhalt zu sorgen . Allein hatte ich , so lange ich ihr meinen Miethzins schuldig war , das Recht , über einen Theil meines Besitzes auf eine andre Weise zu verfügen ? Sollte ich die Nachsicht einer Person in Anspruch nehmen , die ich nur mit Mühe nöthigte , mich mit Achtung zu behandeln ? Nach langem schmerzlichen Bedenken überwand ich meinen aufgährenden Stolz , bat Frau Millner , in mein Zimmer zu kommen , und legte ihr meine Lage vor . » Ich kann Ihnen den Miethzins noch diese Woche bezahlen , aber dann nicht mehr , wenn Sie mir nicht auf einige Tage Credit geben « , schloß ich meinen Vortrag . Sie sah mich verwundert an , denn nie vorher hatte ich mit ihr von meiner Lage oder meinen Verhältnissen gesprochen . Nach einigen Fragen , durch die sie sich über meine Plane noch mehr verständigen wollte , und die ich nicht zurückweisen durfte , sagte sie : » Nein , ich will Ihnen nicht weh thun . Bezahlen Sie mir die Hälfte der Miethe und versuchen Sie mit der andern Ihr Glück . « - Dieser Punct war also gewonnen ; jetzt kam es darauf an , das Geld herbeizuschaffen , und zu diesem Ende nahm ich mein kleines Päckchen , um es dahin zu tragen , wohin die Noth mir schon früher den Weg gezeigt hatte . Der elende Winkel , in welchem der Trödler und Pfandverleiher seinen Laden aufgeschlagen hatte , erfüllte mich mit Ekel . Es war ein trüber , regniger Tag ; vielleicht war dieser Umstand daran schuld , daß mir dieser Ort heute so schauerlich vorkam ; vielleicht hatte mein Fieber mich reizbarer gemacht , meine dürftige Nahrung mich geschwächt , genug , daß ich mit Zittern und Zagen mein Geschäft begann . Einige schmuzige , zerlumpte Weiber , anscheinend aus der niedrigsten Volksclasse , standen vor dem Zahltisch , der mit Kleidungsstücken und Wäsche von sehr schlechtem Ansehen bedeckt war ; in rauhen , rohen Tönen feilschten sie , schrieen , bettelten , und Noth , Ungeduld oder Arglist verzog ihre garstigen Gesichter . Ich schloß schleunig meinen Handel und wollte wieder hinwegeilen , als ich beim Heraustreten eine Stimme vernahm , die , weniger mißtönend wie die andern , traurig und halb leise dem Trödler ein dringendes Gesuch vorzutragen schien . Sie sprach meine Landessprache , und dieser Ton traf wie Freundes Stimme mein Ohr . Das Gesicht der Sprechenden war von mir abgewendet , auch zum Theil mit einem Mantel verhüllt , an dem noch einige Fetzen eines ehemaligen Besatzes zu sehen waren ; mit dem einen Arm , der so abgezehrt war , daß die farblose Haut jeden Knochen bezeichnete , hielt oder schleppte sie vielmehr ein kränkliches Kind . Sie begann noch einmal zu bitten : » O Herr , wenn es nur einige Schillinge seyn könnten ! « - » Nicht einen . Ihr habt schon viel mehr erhalten , wie das Kleid werth ist , « sagte der Mann mit unbarmherzigem Ton . - » Nun so helfe mir Gott ! so muß ich verhungern ! « rief die Frau und schritt neben mir aus der Thür . Jetzt konnte ich ihre Züge unterscheiden , und wie verändert sie auch waren , erkannte ich Julie Arnold . Ich rief ihren Namen , und mit ihm trat ihre ehemalige Lieblosigkeit vor mein Gedächtniß . Starr vor Entsetzen sah ich sie einige Augenblicke an - ein Bild des Jammers ! Krankheit , Mangel , Gram war in ihre Züge eingegraben ! -