, du hast entschieden wie es recht war . Uebrigens geschehe gleich , was geschehen muß ; alles ist vorbereitet . Zögern ist Qual , ist Gefahr , und ich bin müde und will zur Ruhe . « Mit diesen Worten zog er die Schelle und ging in das Vorzimmer , um die Thüre zu öffnen . Athemlos stürzte dort Frau Dalling ihm entgegen , ein lauter Schrei des Schreckens , als sie Gabrielen bleich und regungslos im Lehnstuhl erblickte , verrieth , daß Ernesto ihr alles vertraut habe , was er wußte . Der Baron achtete nicht darauf . » Führen Sie Ihr Fräulein auf ihr Zimmer , « sprach er , » schmücken Sie die Braut mit dem Hausschmuck , den seit Jahrhunderten jede Braut von Schloß Aarheim an ihrem Ehrentage trägt , « fügte er hinzu , indem er ihr ein uraltes Kästchen mit einem goldnen Schlüssel übergab . » In einer Stunde kommt der Bräutigam , sie zur Trauung abzuholen . « Matt zum Tode , aber fromm lächelnd wie ein seliger Engel neigte , sich Gabriele vor ihrem Vater , dann wankte sie am Arm der Frau , die einst an der Schwelle des Lebens sie empfing , still hinaus . Ernesto eilte schon im Vorzimmer ihr entgegen . Ein Strom lindernder Thränen machte beim Anblick des treuen Freundes dem armen gepreßten Herzen Luft . » Sie hatten Recht , « flüsterte Gabriele ihm zu , und lehnte das schöne bleiche Köpfchen auf seine Schulter , indem sie erschöpft auf einen Stuhl sank . Frau Dalling und Ernesto knieten vor ihr hin , sie zu unterstützen . » Noch ist Rettung möglich ! « sprach Ernesto ängstlich und schnell . » Fliehen Sie , alles ist bereit . Frau Dalling begleitet uns , Moritz selbst befördert und beschützt unsre Flucht , er will Sie nicht dem Zwange verdanken . Keine Pflicht bindet Sie , den Willen eines verwirrten Sinnes zu erfüllen , wenn es dem Glücke Ihres ganzen künftigen Lebens gilt . Kommen Sie , verlieren Sie keine Zeit , Pferde und Wagen stehen unten am Schloßberge , jede Minute ist kostbar , Moritz selbst will hier uns vertreten , wir eilen zur Frau von Willnangen . « » Der Rath kam nicht aus Ihrer Seele , Ernesto , « erwiederte Gabriele sehr ernst und trocknete ihre Thränen . » Wohin könnten Sie mich führen , daß nicht der Fluch meines Vaters mich erreichte ? daß nicht die Schrecken der eben durchlebten Stunde mich verfolgten , nicht die Angst um einen sterbenden Vater , dem ich den Trost verweigerte , welchen zu geben in meiner Macht stand ? Ernesto , « setzte sie hinzu , und blickte ihn zutrauend an , indem sie seine beiden Hände faßte , » können Sie mir wirklich rathen jetzt zu fliehen ? « » Nein ! ich kann es nicht , und du bist verloren , « rief Ernesto , » dort in der Freiheit würde Reue dich verzehren , ich fühle es . So gehe denn gefaßt dem entgegen , was du , reine Seele ! als Pflicht anerkennst . Damals , als du diesen fürchterlichen Mauern zueiltest , in denen alles Gute und Schöne untergehen muß , damals hätten wir , deine Freunde , dich zurückhalten , dich nicht so unbedacht der Gewalt eines Wahnsinnigen ausliefern , wir hätten seinen Zustand vorher erkunden sollen . Jetzt ist es zu spät , « setzte er mit verhülltem Gesicht hinzu . Die zum Schmuck der Braut vom Baron bestimmte Stunde war vorüber . Bleich wie ein Marmorbild , keine Spur von Lebenswärme auf Wangen und Lippen , saß Gabriele auf ihrem Sopha , und schauderte bei jedem Geräusch . Nur ihr schwimmendes Auge , die zitternde Bewegung ihres hochklopfenden Herzens , von welcher der diamantne Blumenstrauß an ihrer Brust erbebte , verriethen innres Leben und innern Kampf . Schweigend , aber vergebens , strebte sie wie sonst dem Unvermeidlichen wenigstens äußerlich gefaßt entgegen zu treten , ihr unwillkürliches Zittern , ihre Unfähigkeit , sich aufrecht zu erhalten , vermochte sie nicht zu überwinden . Ernesto stand bleich wie sie selbst neben ihr , sein Blick ruhte auf den vor alter Zeit in wunderliche Schnörkel gefaßten Diamanten , die , zum Brautkranz zusammengefügt , Gabrielens blonde Locken niederdrückten . Plötzlich ergriff ihn der Gedanke , daß dieser nehmliche Kranz wahrscheinlich auch an Augustens Opfertage in ihren Haaren geschimmert hatte , und die Ironie des Zufalls , der hier den kalten schweren Stein statt der weichen lieblichen Myrte erwählte , erhöhte den bittern Schmerz , der ihn , den sonst so ruhigen Mann , in diesem Augenblick der Verzweiflung nahe führte . » Alle Liebe erstirbt in diesen Mauern , « rief er aus , » darum ist auch ihr Symbol daraus verbannt , und spitziger Steine flimmernder Glanz muß dessen Stelle ersetzen . O Gabriele ! mögen Sie nie auf Ihrem Lebenswege die Myrte vermissen , die jetzt auch Ihrem Schmucke fehlt , und nie ihr begegnen ! Dieß ist der einzige Segen , den ich heute Ihnen geben kann , und es klingt wie ein Fluch . « » Ich denke Sie zu verstehen , guter Ernesto , und möchte gern Sie trösten , wenn Sie mir nur glauben wollten , « erwiederte sanft und gelassen Gabriele . » Mein Leben ist vorüber , wenn Lieben Leben ist . Andern mag Hoffnung strahlen , mein Stern ist Erinnerung , Erinnerung an eine kurze Stunde voll Wonne und Schmerz , die nie mir wiederkehren kann und dennoch ewig mich beglückt . In meinem Herzen ist der Sturm beschwichtigt , um nie wieder zu erwachen , ich weiß es , seit gestern , da ich es vermochte , vor Ihnen den Namen auszusprechen , den ich nie wieder nennen werde , obgleich ich es dürfte , denn mein Empfinden ist ruhig und schuldlos . Das Opfer , welches ich meinem Vater bringe , ist daher nicht so groß , als Sie es sich wohl denken . Ich opfre keine Hoffnungen , denn ich hatte keine , kein Glück der Zukunft , denn mir blüht keins , als in der Liebe meiner Freunde , und die bleibt mir . Für die Freiheit weniger Jahre gewinne ich meines Vaters Ruhe , seinen Segen , und Frieden mit mir selbst . Es werden der Jahre sehr wenige seyn , mir sagt es mein ahnendes Herz , und warum sollte ich um so hohen Preis mit einer Hand voll Tage noch geizen ! « Die Thüre öffnete sich , Moritz von Aarheim trat herein . Gabriele zuckte bei seinem Anblick krampfhaft zusammen , doch erholte sie bald sich wieder , und ging , gestützt auf ihre Dalling , ihm einige Schritte entgegen . » Haben Sie den Wunsch meines Vaters erfüllt ? « fragte sie leise und zitternd . » Ich habe es . In allen Formen , wie er es verlangte , habe ich gerichtlich mich und meine Nachkommen auf ewige Zeiten verbindlich gemacht , keinen Stein in Schloß Aarheim zu verrücken , weder zu bauen noch einzureißen , « erwiederte Moritz in ungewohnter Kürze , denn innre Bewegung und Gabrielens überirdischer Anblick hemmten den gewohnten Fluß seiner Rede . » Wollen Sie auch mir eine Bitte gewähren ? « fragte Gabriele . Moritz antwortete schweigend mit einer bejahenden Verbeugung . » Nun so versprechen Sie mir , mich nie von meinem Vater zu trennen , solange mir Gott sein Leben erhält , « bat Gabriele , mit unendlich weicher rührender Stimme und Geberde . » Ich verheiße es Ihnen , « erwiederte Moritz , » gewähren Sie mir dagegen die Versicherung , daß Sie freiwillig und ohne Zwang mir die Hand reichen . « » Freiwillig , ohne Zwang , « wiederholte Gabriele kaum hörbar . » Der Baron erwartet uns , « sprach Moritz ebenfalls sehr leise . Gabriele wankte , indem sie hinausschreiten wollte , Ernesto bot zur rechten Zeit ihr den Arm , um sie vor dem Fall zu schützen ; auf ihn gelehnt , betrat sie die an das Zimmer ihres Vaters grenzende Kapelle des Schlosses . Dort stand der Baron , neben dem Priester am hellerleuchteten Altar , nur die Bewohner des Schlosses und der Gerichtsdirektor waren als Zeugen gegenwärtig , bange Grabesstille herrschte unter allen Anwesenden . Feierlich schritt der Baron dem langsam herannahenden Paare entgegen , er nahm die zitternde Hand der Braut , die so lange auf Ernestos Arm geruht hatte , und schien dabei diesen in der Zerstreuung nicht zu bemerken . Todesbleiche wechselte mit der Purpurröthe des Zorns in Ernestos Gesicht , während dieses geschah , sein Herz pochte hoch , sein Auge flammte , seine Hand ballte sich wie zum Kampf . Ungehindert hatte indessen die Zeremonie begonnen , welche Gabrielens Schicksal unwiderruflich bestimmte . Sie ward beendet , alles blieb still , kein fröhliches Getümmel Glückwünschender drängte sich um die Neuvermählten , und wie bewußtlos schwankte Gabriele am Arm ihres Vaters in sein Zimmer . Ernesto folgte mit Moritz von Aarheim , zuletzt Frau Dalling und Annette . Alle übrigen blieben in der Kapelle zurück , die Thüre derselben , welche in des Barons Zimmer führt , ward geschlossen . Der Baron trat in seinem Zimmer an das Fenster und blickte hinüber zur Brandstätte ; wüthender Sturm durchtobte heulend die schwarzen Trümmer . » Dort ist Aufruhr , hier endlich Ruhe , « sprach der Baron , und setzte sich auf seinen gewohnten Platz . Gabriele , unfähig sich aufrecht zu erhalten , kniete vor ihm hin . » Dir danke ich diese Ruhe , Gabriele ; auch deine Mutter hat viel für mich gethan , « sprach der Baron . » Ich segne dich nochmals , mein Kind , « setzte er höchst feierlich hinzu , indem er ihre Stirn mit seiner Hand berührte ; » auch dich segne ich , mein Sohn Moritz von Aarheim ! halte das Kleinod hoch , das ich dir übergab . « Es lag etwas besonders mildes in dem Ton , mit welchem der Baron diese Worte sprach . Ungewohnte Ruhe ebnete die harten Züge seines Gesichts und machte sie fast unkenntlich . » Jetzt ist mein Haus bestellt . Lebt wohl ! ich bin müde und gehe zur Ruhe , « sprach er noch , und winkte verabschiedend wie gewöhnlich . Halb getragen von Annetten und ihrer Dalling , schritt Gabriele langsam der Thüre zu , Moritz und Ernesto folgte ihr ; kaum aber hatten sie die Mitte des sehr geräumigen Zimmers erreicht , als Ernesto den Baron in seinem Lehnstuhl zusammensinken sah , zugleich verbreitete sich ein betäubender mandelartiger Geruch . Alle wandten sich plötzlich wieder dem Baron zu . An seinem Halse hing das kristallne Fläschchen erbrochen an der goldnen Kette herab , er selbst lag regungslos in seinem Lehnstuhl , kein Zweifel war möglich . Im Geiste des Kirschlorbeers hatte er den schnellen schmerzlosen Tod eingeathmet , welchen er einst Gabrielen bestimmte , die einzige Frucht seines jahrelangen , mühseligen , alchymistischen Forschens . In tiefer Ohnmacht sank Gabriele neben der entseelten Hülle ihres Vaters zu Boden . Zweiter Theil Wie dem Blitz der Donner , so schnell war bei der Entscheidung von Gabrielens Geschick die Erfüllung dem ersten Drohen der Gefahr auf dem Fuße gefolgt . Ernesto hatte im Drange der Begebenheiten keinen ruhigen Augenblick gefunden , um Frau von Willnangen auf die Möglichkeit des fast Unglaublichen vorzubereiten , und selbst , nachdem schon alles entschieden war , währete es noch mehrere Tage , ehe er Muth und Ruhe des Geistes genug gewinnen konnte , um ihr zu schreiben . Ueberdies stand er nach dem Tode des Barons wirklich ganz allein in der alten grausenvollen Burg , mitten unter einem Haufen verschüchterter , hülfloser Menschen , die alle zu ihm aufblickten , die von ihm berathen und in Thätigkeit gesetzt zu werden verlangten , um nur dadurch ihren eignen Gedanken zu entgehen . Moritz war zufolge seiner armen , schwachen , an tausend Kleinigkeiten sich anklammernden Natur , im ersten Schrecken ganz unfähig geworden , nur einen einzigen Gedanken klar zu fassen ; noch weniger vermochte er , einigermaßen zweckdienliche Anstalten zu treffen , wie sie die Umstände heischten . Seine unglaubliche Unbeholfenheit , Gabrielens bewußtloser Zustand , selbst die ängstliche müßige Neugier der Bedienten , alles vereinigte sich , die ganze Thätigkeit des einzigen hellen Geistes in Anspruch zu nehmen , der mitten in diesem Wirrwarr fähig geblieben war , für die Uebrigen zu denken . Ernestos erste Sorge mußte das feierliche Leichenbegängniß des Barons seyn , dessen selbst gewählte Todesart er um Gabrielens Ruhe willen möglichst zu verheimlichen suchte . Der Uebung dieser traurigen Pflicht folgte des neuen Besitzers festliche Uebernahme der Güter und dem zunächst die Untersuchung der bisherigen sehr nachlässig betriebnen Verwaltung derselben . Ernesto übernahm gern jedes Geschäft , theils um Gabrielens willen , theils weil er wirklich unausgesetzter Thätigkeit bedurfte , um sich selbst aufrecht zu halten . Moritz wendete indessen seine Aufmerksamkeit auf unzählige unbedeutende Kleinigkeiten , die aber alle mit der höchsten Wichtigkeit von ihm betrieben wurden . Ruhig , keiner Erdennoth sich bewußt , aber krank zum Tode , lag während der Zeit Gabriele in tiefer Betäubung auf ihrem Bette , bis sie nach mehreren Tagen wieder zur Besinnung und ins Leben zurückgerufen ward . Ihr Erwachen glich dem eines Kindes , das nach einer Nacht voll ängstlicher Träume beim ersten Aufschlagen der Augen in das milde treue Antlitz der Mutter blickt . Ihr war , als fände sie sich wieder im Hause der Frau von Willnangen wie bei ihrer ersten Krankheit . Wie damals , sah sie Ernesto und Annette neben ihrem Bette ; freundlich reichte sie beiden die Hand und begrüßte mit mildem Lächeln den tiefblauen Himmel voll goldner Herbstwolken , in den sie durch ein großes Fenster , ihrem Bette gegenüber , blicken konnte . » Ich bin wohl wieder krank gewesen ? « sprach sie , » ich habe euch wohl wieder recht viel Sorge gemacht ? mir ist auch , als sey ein großes Unglück geschehen , aber ich weiß nicht welches ? und so habe ich doch wohl nur davon geträumt . « Da ging die Thüre auf , Moritz trat herein , sein Anblick , seine laute wunderliche Freude über ihre Besserung , riefen sie plötzlich in helles Bewußtseyn zurück . Alles , alles , was geschehen war , stand in einem fürchterlichen Momente vor ihr , klar wie der Tag , die ganze Hoffnungslosigkeit ihrer Zukunft , alle Schrecken der nächsten Vergangenheit . Sie verbarg das Gesicht in die Kissen , ihre Augen schlossen sich wieder , sehnlich betete sie in ihrem Herzen um neuen Schlummer ohne Erwachen , aber sie ward nicht erhört , ihre Jugendkraft siegte und jeder Tag führte sie von nun an näher der völligen Genesung . Der Tod ihres Vaters war das einzige Ereigniß , dessen Gabriele sich nicht deutlich erinnerte . Sie selbst hatte ja , fast im nehmlichen Momente als er zusammensank , ebenfalls das Bewußtseyn verloren , und so konnte es Ernestos sorgsamer Freundschaft gelingen , sie nach und nach auf diese traurige Begebenheit vorzubereiten , und vor allem ihr das Entsetzen über die Todesart des Barons zu ersparen . Heiß und bitter quollen Gabrielens Thränen als sie endlich vernahm , daß sie ihrem Vater mit allem , was sie ihm opferte , nur ein paar ruhige Minuten hatte erkaufen können . Alle ihre , auf dieses Opfer gegründete Hoffnungen von seiner zufriedenen Zukunft , seinem heitern Alter , seiner Wiederkehr zu den Menschen und zu milderm Gefühle waren nun verschwunden auf immer ; alles , woran sie unter der ungeheuren Last der übernommenen Pflichten , sich zu halten gehofft , war nun mit ihm zu Grabe getragen . Gabrielen blieb kein Trost als das Bewußtseyn , der heiligen Stimme in ihrem Innern gefolgt zu seyn . Nach langem Zögern ergriff Ernesto endlich die Feder , um Frau von Willnangen die traurige Geschichte der im Schloß Aarheim verlebten Tage kund zu thun . Das grausenvolle Gespräch zwischen Vater und Tochter , durch welches zuletzt Gabrielens traurige Bestimmung entschieden ward , konnte er ihr fast wörtlich mittheilen . Denn als sich der Baron mit seiner Tochter eingeschlossen , hatte Ernesto in der höchsten Angst seine Zuflucht zu Frau Dalling genommen . Zwar war diese nicht im Stande gewesen , ihn in das fest verriegelte Vorzimmer zu bringen , aber sie hatte ihn auf verborgnen Wegen und Treppen zu einem kleinen Behältniß neben dem Kamine des Barons geführt , von wo aus beide alles deutlich vernehmen konnten , was im Zimmer gesprochen ward . Nachdem Ernesto Gabrielens mütterliche Freundin mit jedem , auch dem kleinsten Umstande bekannt gemacht hatte , der zur Entscheidung ihres Geschickes beitrug , fuhr er in seinem Briefe also weiter fort : » Alle die Bilder und Räthsel , mit denen der Baron Gabrielen betäubte , der grüne Löwe , die schlummernde Königin , alle bestätigen es mir , daß Forschen nach übermenschlichen Kenntnissen , besonders nach dem Stein der Weisen ihn dem Untergange zuführte . In dem zunächst vergangnen Jahrhundert verfielen manche an Geist ausgezeichnete , bedeutende Männer in den nehmlichen Irrthum und gingen unter wie der Baron . Auch in unsern , jedem verjährten Unsinn , jeder Schwärmerei so günstigen Tagen fällt dem Streben nach sogenanntem verborgnem Wissen manches beklagenswerthe Opfer , ohne daß die Welt viel davon erfährt . Ich bin zufällig mit der Tendenz und dem Ton der in jenes Fach einschlagenden Schriften wohl bekannt . Mir fiel ein staubiger Wust magokabbalistischer und theosophischer Bücher einst in Italien , beim Aufräumen einer alten Bibliothek , in die Hände . Neugierig durchblätterte ich sie , und vieles ist mir aus ihnen im Gedächtniß geblieben , was mir jetzt das Betragen von Gabrielens Vater erklärt . Unter andern entsinne ich mich einer sehr feierlichen Warnung vor der fünften Wiederholung eines chemischen Prozesses , der , viermal geübt , jedesmal die Kraft des Steines der Weisen verdoppelt , aber dem , der ihn zum fünftenmal wagt , unwiderrufliches Verderben bringt . Diese Warnung erklärt mir des Barons Verzweiflung beim Ausbruch der Flamme , sein späteres Klagen über das Vergessen der fünften Zahl , durch die er wahrscheinlich das Unheil sich selbst zugezogen zu haben wähnte . Ich glaube auch die Angst zu verstehen , mit der sein in Wahn versunkner Geist , kämpfend zwischen Sehnsucht und Grausen , der Todesstunde entgegen sah . Wer sich solchen Träumereien überläßt wie dieser unglückliche Greis es that , der ist auch jeder quälenden Einwirkung des Aberglaubens und vor allem dem Grauen der Gespensterwelt verfallen , welchem auch wohl hellere Geister , in dunkeln Momenten nicht immer glücklich entgegenstreben . Unter der vor Jahrhunderten schon erbauten Burg Aarheim erstrecken sich unabsehbare , in den Fels selbst hineingehauene feuerfeste Gewölbe . Ich habe sie untersucht , so weit ich vordringen konnte . Nach allen Richtungen hin bilden sich zwei Reihen , unter und über einander , in bedeutender Tiefe ; viele sind verschüttet , viele von den jetzigen Burgbewohnern nie besucht , einige werden von ihnen noch als Keller benutzt . Ich habe erfahren , daß der verstorbene Baron oft Stunden lang in den Gewölben unter dem jetzt abgebrannten Flügel des Schlosses verweilte . Vermuthlich ruht dort manches ihm wichtige Geheimniß , manches Resultat seiner ängstlichen mühsamen Arbeit , auch wohl manche Schrift , die auf seiner dunkeln Bahn ihn leitete . Was dort liegt , entzog der schützende Fels wahrscheinlich den Flammen , aber der Zugang dazu ist beim Einsturz des Gebäudes durch hohe Schutthaufen , durch zertrümmerte Mauern und schwere Steine unzugänglich gemacht . Des Barons Blick ruhte stets auf diesen Trümmern , sein Sinnen und Trachten ging nur dahin , jede dort begrabene Spur seines Hoffens und Mißlingens der Welt zu verbergen . Es war ihm unmöglich , nur einen Augenblick seine Gedanken von diesem Wunsche abzuziehen , der dadurch bei ihm zur fixen Idee geworden . Kein Wunder daher , daß ihm vor der Möglichkeit graus ' te , dort noch nach Jahrhunderten gespenstisch Wache zu halten , im Fall er ohne die Gewißheit der Erfüllung dieses seines einzigen Wunsches von der Oberwelt scheiden mußte . Seine Bücher konnten ihn nur in dieser Angst bestärken ; ich erinnere mich in einer solchen Schrift sogar eine förmliche Abbildung des Aufenthalts unseliger Geister gesehen zu haben , die , wie jene Schwärmer lehren , ihn allnächtlich mit der Oberwelt vertauschen müssen , bis der letzte Wunsch erfüllt ist , der sterbend sie beunruhigte . Es wird Ihnen unglaublich scheinen , liebe Frau von Willnangen ! daß ein Mann , der , wie der Baron , durch Geist , Bildung und Verstand sich einst in der Welt auszeichnete , bis zu dem Glauben an solchen Unsinn sinken konnte ; aber Einsamkeit , Ehrgeiz und durch diesen erregtes stetes Hinstreben nach einem Punkte haben wohl noch hellere Geister verdüstert . Uebrigens fiel des Barons Jugend in die herzlose , trostlose , jedes höhere Gefühl austrocknende Zeit von Voltaire und Konsorten , und glauben Sie mir , wer in seiner Jugend sich über den bon Dieu mockiren lernte , der kommt im spätern Alter leicht dahin , vor dem Teufel zu zittern . Unerachtet seiner jammervollen Ansicht von unsrer Zukunft jenseits , peinigte den Baron dennoch ein unsäglicher Ueberdruß am Leben , eine ewige Sehnsucht nach der Stunde des Scheidens aus dieser Welt , in welcher alle sein Hoffen zerstört war . Ich danke Gott , daß Gabriele die unselige Verknüpfung ihres Geschicks nicht ganz zu übersehen vermag . Wüßte sie , daß sie selbst ihrem Vater das längst erwartete Signal gab , die Bürde des Lebens getrost abzuwerfen , unter deren Last er längst seufzte , wüßte sie , daß sie sein Todesurtheil sprach , während sie Ruhe und Freude für den Spätherbst seines Lebens ihm erkaufen wollte , ich glaube sie überlebte diese Entdeckung nicht . Nur einmal wagte ich die Aeußerung gegen sie , daß vielleicht lebhafte Freude über die Erfüllung seiner Wünsche ihm den Schlagfluß zuzog , an dem sie glaubt , daß er gestorben sey , und ich bereute es bitter , als ich sah , wie gewaltsam erschütternd dieser Gedanke ihr Gemüth ergriff . Und so habe ich denn das Verderben des liebenswürdigsten Wesens vor meinen Augen bereiten sehen , und durfte es nicht abwenden . Vergebens war meine ängstliche Sorge , vergebens daß ich wie Argus sie bewachte ! Wie schwach ist die Hand der Freundschaft , um gegen das Schicksal anzukämpfen ! Ich sah alles und durfte nichts ändern , um Gabrielens willen durfte ich es nicht . Ich danke meinem guten Genius , daß er mich mit unsichtbarer Hand im Augenblick der Ausführung von einem Plan zurückhielt , den die Verzweiflung mir eingegeben hatte , daß ich Gabrielen nicht gewaltsam entführte , wie ich es Willens war , als ich jeden andern Weg der Rettung mir versperrt sah . Umsonst hätte sie den Schmerz gefühlt , mich einer solchen That fähig zu wissen . Nichts als offenbare Gewalt hätte sie abhalten können , zu ihrem Vater zurück zu gehen und seinem Willen sich zu unterwerfen ; ich selbst hätte sie ihm ausliefern oder sie gefangen halten müssen . Ihre Achtung , ihr Vertrauen , jede Möglichkeit ihr in Zukunft als treuer Freund zur Seite zu stehen , hätte ich auf ewig und nutzlos verloren . Wir beide , theure Freundin ! wir beide kannten bis jetzt noch nicht die Tiefe und Festigkeit dieses Gemüths , nicht die seltne Kraft , mit der dieses sonst so zarte Geschöpf alles zu tragen , allem zu widerstehen weiß , nur nicht dem innern Vorwurf des Unrechts oder auch nur versäumter Pflicht . Bei aller unbeschreiblichen Aehnlichkeit mit dem Engel , der ihr zur Mutter gegeben ward , trägt Gabrielens Wesen doch auch starke Züge von dem felsenfesten Sinne ihres Vaters , dessen angestammte Geistesgröße ich , trotz seiner Verfinsterung , anerkennen mußte . Unerachtet des unaussprechlichsten Mitleids , beobachte ich jetzt mit Bewunderung , wie Gabriele den furchtbaren Kampf mit sich selbst besteht . Sie geht gewiß als Siegerin hervor , aber vielleicht sterbend . Schweigend muß ich es sehen , wie sie die Einsamkeit ihres Krankenzimmers benutzt , um mit ihrem armen wunden Herzen fertig zu werden , und sich auf den Weg vorzubereiten , welchen sie künftig zu gehen hat . Ich darf und kann ihr weder einreden noch rathen ; beides darf man überhaupt so selten , gerade wenn es der Mühe werth wäre . Und so ergriff ich heute den ersten besten Anlaß , als ich sie eben heitrer als sonst sah , den Wunsch zu äußern , nächstens meine Einsiedelei im Felsenthal aufsuchen zu dürfen . Ich gab vor , diese letzten schönen Tage des Spätherbstes zu Studien für meinen Johannes benutzen zu wollen , aber ich sah deutlich , wie wenig dieses Vorgeben sie täuschte . Lange ruhte ihr schönes dunkles Auge auf mir ehe sie mir antwortete , dann reichte sie lächelnd unter Thränen mir die Hand . Wo lebt noch ein Freund , der wie Sie zu kommen und zu gehen und alles zu errathen weiß , was gut wäre und nützlich ? sprach sie . Gehen Sie , lieber Ernesto ! weil Sie es wollen , setzte sie hinzu , gehen Sie morgen , um wo möglich täglich wieder zu kehren . Es ist freilich nöthig , daß ich mich gewöhne allein zu stehen , aber nur allmählig , wie es die Kinder lernen , darum lassen Sie mich nicht mit einemmale ganz ohne Stütze . Es blieb mir nicht verborgen , wie die Gewißheit , daß ich nicht mehr stündlicher Augenzeuge von den Lächerlichkeiten Moritzens seyn werde , Gabrielen über meine Entfernung tröstet , obgleich ich mir keine Anmerkung mehr über ihn erlaubte , seit jenes unselige Band geknüpft ward . Arme , arme Gabriele ! Giebt es ein härteres Frauenloos als das , sich des Mannes schämen zu müssen dem man alles aufopferte ! Oft ist mir , als wäre Augustens Geschick neben ihrem harten starren Gebieter , doch noch dem ihrer unglücklichen Tochter weit vorzuziehen gewesen . Dieser Moritz , den ich nie mich werde entschließen können Gabrielens Gemahl zu nennen , dieser Moritz geht umher wie einer der nicht weiß , ob ihm ein Königreich zufiel , oder ob ihm nur davon träume . Noch wage ich es nicht , von seinem Benehmen gegen Gabrielen eine Meinung zu fassen , mich dünkt , es sey unstät und wechselnd , wie seine ganze Erscheinung , bis auf die Sprache sogar . Meine Ueberzeugung , daß er wirklich zu gutmüthig ist , um einem lebenden Geschöpf wissentlich wehe zu thun , giebt mir zuweilen einigen Trost , aber leider schmerzt jede unversehens erhaltne Wunde deßhalb nicht weniger , weil sie uns ungeschickter Weise und ohne Vorbedacht versetzt ward . Am beunruhigendsten ist mir eine Spur von mißtrauischem Wesen , das ich leider an ihm bemerke ; vermuthlich ist es das dumpfe Gefühl eigner Unliebenswürdigkeit , was ihn argwöhnisch macht , aber ich fürchte davon die schlimmsten Einwirkungen auf Gabrielens künftige Ruhe . « Der gesellige Kreis , zu welchem Frau von Willnangen und Auguste gehörten , weilte noch immer in Karlsbad , obgleich die Brunnenzeit beinahe vorüber war , und die Zahl der übrigen Fremden mit jedem Tag merklich abnahm . Alle , den Kapellmeister und den Dichter mit eingeschlossen , hatten dem General Lichtenfels versprechen müssen , ihn auf sein nur wenige Tagereisen entferntes Gut zu begleiten , um dort die letzten schönen Tage des Spätherbstes mit ihm zuzubringen . Man harrte nur auf bestimmte Nachricht von Gabrielen , von der man noch nichts als ihre Ankunft in Schloß Aarheim erfahren hatte , um dann sogleich die kleine Reise gemeinschaftlich anzutreten . Frau von Willnangen hätte sich eigentlich gern davon ausgeschlossen , da sie vernahm , daß auch die Familie Wallburg mit von der Parthie seyn würde , aber sie wußte nicht wie sie dieses anfangen solle , ohne den General durch eine abschlägige Antwort zu kränken , auch fürchtete sie durch gewaltsames Eingreifen dem Glück ihrer Tochter vielleicht in den Weg zu treten . Augustens sich stets gleichbleibende Heiterkeit , mit der sie Leos augenscheinliche Huldigung sich gefallen ließ , ohne ihn weder geflissentlich anzuziehen noch zurückzustoßen , beruhigte sie ebenfalls nicht wenig . Das fröhliche Mädchen nahm augenscheinlich das Leben noch zu leicht , als daß man ihrer Zukunft wegen hätte ernsten Besorgnissen Raum geben müssen . Mit ächt jungfräulicher Grazie wußte sie den Ernst zum Spiel , das Spiel zum Ernst zu wandeln , und , gleich entfernt von Leidenschaftlichkeit und Ziererei , nichts zu gewähren und dennoch gefällig zu erscheinen . Auch verstand es niemand besser als sie , sich herzlich zu bezeigen , ohne doch zur Vertraulichkeit herabzusinken . Ernestos lange erwarteter Brief langte endlich in Karlsbad an . Der Schmerz der Frau von Willnangen und ihrer Tochter läßt sich mit Worten nicht ausdrücken , als sie nun die Lösung von Gabrielens Geschick vernahmen . Sie lasen den Brief wieder und immer wieder , und trauten dabei ihren Sinnen nicht , denn was geschehen war , ließ alles , was sie im Augenblick des Scheidens gefürchtet hatten , so weit hinter sich zurück , daß es ihnen fast unmöglich ward , an solche abentheuerliche und fabelhaft erscheinende Ereignisse zu glauben . Auguste zerfloß beinah in Thränen , als ihr endlich jedes Bestreben , länger an Gabrielens Unglück zu zweifeln , mißlang . » Ach ! wäre sie doch damals in unsern Armen gestorben , « rief sie , » schmerzlicher als jetzt hätte ich nicht um sie weinen können und ihr liebes Bild würde zeitlebens wie ein tröstender Engel mich umschwebt haben . In jeder frohen wie in jeder trüben Stunde hätte ich sie in himmlischer seliger Glorie mir gedacht . Jetzt , wenn ich wieder froh werden sollte , muß ich doch mitten