wieder ? « - » Am Ziele ! « - rief er , sich noch einmal nach mir umwendend , feierlich und stark , daß das Gewölbe dröhnte - » Also morgen ? « - Leise drehte sich die Türe in den Angeln , der Maler war verschwunden . - Sowie der helle Tag nur angebrochen , erschien der Kerkermeister mit seinen Knechten , die mir die Fesseln von den wunden Armen und Füßen ablösten . Ich solle bald zum Verhör hinaufgeführt werden , hieß es . Tief in mich gekehrt , mit dem Gedanken des nahen Todes vertraut , schritt ich hinauf in den Gerichtssaal ; mein Bekenntnis hatte ich im Innern so geordnet , daß ich dem Richter eine kurze , aber den kleinsten Umstand mit aufgreifende Erzählung zu machen hoffte . Der Richter kam mir schnell entgegen , ich mußte höchst entstellt aussehen , denn bei meinem Anblick verzog sich schnell das freudige Lächeln , das erst auf seinem Gesicht schwebte , zur Miene des tiefsten Mitleids . Er faßte meine beiden Hände und schob mich sanft in seinen Lehnstuhl . Dann mich starr anschauend , sagte er langsam und feierlich : » Herr von Krczynski ! ich habe Ihnen Frohes zu verkünden ! Sie sind frei ! Die Untersuchung ist auf Befehl des Fürsten niedergeschlagen worden . Man hat Sie mit einer andern Person verwechselt , woran Ihre ganz unglaubliche Ähnlichkeit mit dieser Person schuld ist . Klar , ganz klar ist Ihre Schuldlosigkeit dargetan ! ... Sie sind frei ! « - Es schwirrte und sauste und drehte sich alles um mich her . - Des Richters Gestalt blinkte , hundertfach vervielfältigt , durch den düstern Nebel , alles schwand in dicker Finsternis . - Ich fühlte endlich , daß man mir die Stirne mit starkem Wasser rieb , und erholte mich aus dem ohnmachtähnlichen Zustande , in den ich versunken . Der Richter las mir ein kurzes Protokoll vor , welches sagte , daß er mir die Niederschlagung des Prozesses bekannt gemacht und meine Entlassung aus dem Kerker bewirkt habe . Ich unterschrieb schweigend , keines Wortes war ich mächtig . Ein unbeschreibliches , mich im Innersten vernichtendes Gefühl ließ keine Freude aufkommen . Sowie mich der Richter mit recht in das Herz dringender Gutmütigkeit anblickte , war es mir , als müsse ich nun , da man an meine Unschuld glaubte und mich freilassen wollte , allen verruchten Frevel , den ich begangen , frei gestehen und dann mir das Messer in das Herz stoßen . - Ich wollte reden - der Richter schien meine Entfernung zu wünschen . Ich ging nach der Türe , da kam er mir nach und sagte leise : » Nun habe ich aufgehört Richter zu sein ; von dem ersten Augenblick , als ich Sie sah , interessierten Sie mich auf das höchste . So sehr , wie ( Sie werden dies selbst zugeben müssen ) der Schein wider Sie war , so wünschte ich doch gleich , daß Sie in der Tat nicht der abscheuliche , verbrecherische Mönch sein möchten , für den man Sie hielt . Jetzt darf ich Ihnen zutraulich sagen ... Sie sind kein Pole . Sie sind nicht in Kwiecziczewo geboren . Sie heißen nicht Leonard von Krczynski . « - Mit Ruhe und Festigkeit antwortete ich : » Nein ! « - » Und auch kein Geistlicher ? « frug der Richter weiter , indem er die Augen niederschlug , wahrscheinlich um mir den Blick des Inquisitors zu ersparen . Es wallte auf in meinem Innern . - » So hören Sie denn « , fuhr ich heraus - » Still , « unterbrach mich der Richter , » was ich gleich anfangs geglaubt und noch glaube , bestätigt sich . Ich sehe , daß hier rätselhafte Umstände walten , und daß Sie selbst mit gewissen Personen des Hofes in ein geheimnisvolles Spiel des Schicksals verflochten sind . Es ist nicht mehr meines Berufs , tiefer einzudringen , und ich würde es für unziemlichen Vorwitz halten , Ihnen irgend etwas über Ihre Person , über Ihre wahrscheinlich ganz eigne Lebensverhältnisse entlocken zu wollen ! - Doch , wie wäre es , wenn Sie , sich losreißend von allem Ihrer Ruhe Bedrohlichem , den Ort verließen . Nach dem , was geschehen , kann Ihnen ohnedies der Aufenthalt hier nicht wohltun . « - Sowie der Richter dieses sprach , war es , als flöhen alle finstre Schatten , die sich drückend über mich gelegt hatten , schnell von hinnen . Das Leben war wiedergewonnen , und die Lebenslust stieg durch Nerv und Adern glühend in mir auf . Aurelie ! sie dachte ich wieder , und ich sollte jetzt fort von dem Orte , fort von ihr ? - Tief seufzte ich auf : » Und sie verlassen ? « - Der Richter blickte mich im höchsten Erstaunen an und sagte dann schnell : » Ach ! jetzt glaube ich klar zu sehen ! Der Himmel gebe , Herr Leonard , daß eine sehr schlimme Ahnung , die mir eben jetzt recht deutlich wird , nicht in Erfüllung gehen möge . « - Alles hatte sich in meinem Innern anders gestaltet . Hin war alle Reue , und wohl mochte es beinahe frevelnde Frechheit sein , daß ich den Richter mit erheuchelter Ruhe frug : » Und Sie halten mich doch für schuldig ? « - » Erlauben Sie , mein Herr , « erwiderte der Richter sehr ernst , » daß ich meine Überzeugungen , die doch nur auf ein reges Gefühl gestützt scheinen , für mich behalte . Es ist ausgemittelt nach bester Form und Weise , daß Sie nicht der Mönch Medardus sein können , da eben dieser Medardus sich hier befindet und von dem Pater Cyrill , der sich durch Ihre ganz genaue Ähnlichkeit täuschen ließ , anerkannt wurde , ja auch selbst gar nicht leugnet , daß er jener Kapuziner sei . Damit ist nun alles geschehen , was geschehen konnte , um Sie von jedem Verdacht zu reinigen , und um so mehr muß ich glauben , daß Sie sich frei von jeder Schuld fühlen . « - Ein Gerichtsdiener rief in diesem Augenblick den Richter ab , und so wurde ein Gespräch unterbrochen , als es eben begann , mich zu peinigen . Ich begab mich nach meiner Wohnung und fand alles so wieder , wie ich es verlassen . Meine Papiere hatte man in Beschlag genommen , in ein Paket gesiegelt , lagen sie auf meinem Schreibtische , nur Viktorins Brieftasche , Euphemiens Ring und den Kapuzinerstrick vermißte ich , meine Vermutungen im Gefängnisse waren daher richtig . Nicht lange dauerte es , so erschien ein fürstlicher Diener , der mit einem Handbillet des Fürsten mir eine goldene , mit kostbaren Steinen besetzte Dose überreichte . » Es ist Ihnen übel mitgespielt worden , Herr von Krczynski , « schrieb der Fürst , » aber weder ich noch meine Gerichte sind schuld daran . Sie sind einem sehr bösen Menschen auf ganz unglaubliche Weise ähnlich ; alles ist aber nun zu Ihrem Besten aufgeklärt ; ich sende Ihnen ein Zeichen meines Wohlwollens und hoffe , Sie bald zu sehen . « - Des Fürsten Gnade war mir ebenso gleichgültig als sein Geschenk ; eine düstre Traurigkeit , die geisttötend mein Inneres durchschlich , war die Folge des strengen Gefängnisses ; ich fühlte , daß mir körperlich aufgeholfen werden müsse , und lieb war es mir daher , als der Leibarzt erschien . Das Ärztliche war bald besprochen . » Ist es nicht « , fing nun der Leibarzt an , » eine besondere Fügung des Schicksals , daß eben in dem Augenblick , als man davon überzeugt zu sein glaubt , daß Sie jener abscheuliche Mönch sind , der in der Familie des Barons von F. so viel Unheil anrichtete , dieser Mönch wirklich erscheint und Sie von jedem Verdacht rettet ? « » Ich muß versichern , daß ich von den näheren Umständen , die meine Befreiung bewirkten , nicht unterrichtet bin ; nur im allgemeinen sagte mir der Richter , daß der Kapuziner Medardus , dem man nachspürte und für den man mich hielt , sich hier eingefunden habe . « » Nicht eingefunden hat er sich , sondern hergebracht ist er worden , festgebunden auf einem Wagen , und seltsamerweise zu derselben Zeit , als Sie hergekommen waren . Eben fällt mir ein , daß , als ich Ihnen einst jene wunderbaren Ereignisse erzählen wollte , die sich vor einiger Zeit an unserm Hofe zutrugen , ich gerade dann unterbrochen wurde , als ich auf den feindlichen Medardus , Franceskos Sohn , und auf seine verruchte Tat im Schlosse des Barons von F. gekommen war . Ich nehme den Faden der Begebenheit da wieder auf , wo er damals abriß . - Die Schwester unserer Fürstin , wie Sie wissen , Äbtissin im Zisterzienserkloster zu B. , nahm einst freundlich eine arme Frau mit einem Kinde auf , die von der Pilgerfahrt nach der heiligen Linde wiederkehrte . « » Die Frau war Franceskos Witwe , und der Knabe eben der Medardus . « » Ganz recht , aber wie kommen Sie dazu , dies zu wissen ? « » Auf die seltsamste Weise sind mir die geheimnisvollen Lebensumstände des Kapuziners Medardus bekannt worden . Bis zu dem Augenblick , als er aus dem Schloß des Barons von F. entfloh , bin ich von dem , was sich dort zutrug , genau unterrichtet . « » Aber wie ? . .. von wem ? « ... » Ein lebendiger Traum hat mir alles dargestellt . « » Sie scherzen ? « » Keinesweges . Es ist mir wirklich so , als hätte ich träumend die Geschichte eines Unglücklichen gehört , der , ein Spielwerk dunkler Mächte , hin und her geschleudert und von Verbrechen zu Verbrechen getrieben wurde . In dem ... tzer Forst hatte mich auf der Reise hierher der Postillon irre gefahren ; ich kam in das Försterhaus , und dort ... « » Ha ! ich verstehe alles , dort trafen Sie den Mönch an « ... » So ist es , er war aber wahnsinnig . « » Er scheint es nicht mehr zu sein . Schon damals hatte er lichte Stunden und vertraute Ihnen alles ? « ... » Nicht geradezu . In der Nacht trat er , von meiner Ankunft im Försterhause nicht unterrichtet , in mein Zimmer . Ich , mit der treuen , beispiellosen Ähnlichkeit , war ihm furchtbar . Er hielt mich für seinen Doppeltgänger , dessen Erscheinung ihm den Tod verkünde . - Er stammelte - stotterte Bekenntnisse her - unwillkürlich übermannte mich , von der Reise ermüdet , der Schlaf ; es war mir , als spreche der Mönch nun ruhig und gefaßt weiter , und ich weiß in der Tat jetzt nicht , wo und wie der Traum eintrat . Es dünkt mich , daß der Mönch behauptete , nicht er habe Euphemien und Hermogen getötet , sondern beider Mörder sei der Graf Viktorin . « - » Sonderbar , höchst sonderbar , aber warum verschwiegen Sie das alles dem Richter ? « » Wie konnte ich hoffen , daß der Richter auch nur einiges Gewicht auf eine Erzählung legen werde , die ihm ganz abenteuerlich klingen mußte . Darf denn überhaupt ein erleuchtetes Kriminalgericht an das Wunderbare glauben ? « » Wenigstens hätten Sie aber doch gleich ahnen , daß man Sie mit dem wahnsinnigen Mönch verwechsle , und diesen als den Kapuziner Medardus bezeichnen sollen ? « » Freilich - und zwar nachdem mich ein alter blöder Greis , ich glaube , er heißt Cyrillus , durchaus für seinen Klosterbruder halten wollte . Es ist mir nicht eingefallen , daß der wahnsinnige Mönch eben der Medardus , und das Verbrechen , das er mir bekannte , Gegenstand des jetzigen Prozesses sein könne . Aber wie mir der Förster sagte , hatte er ihm niemals seinen Namen genannt - wie kam man zur Entdeckung ? « » Auf die einfachste Weise . Der Mönch hatte sich , wie Sie wissen , einige Zeit bei dem Förster aufgehalten ; er schien geheilt , aber aufs neue brach der Wahnsinn so verderblich aus , daß der Förster sich genötigt sah , ihn hierher zu schaffen , wo er in das Irrenhaus eingesperrt wurde . Dort saß er Tag und Nacht mit starrem Blick , ohne Regung , wie eine Bildsäule . Er sprach kein Wort und mußte gefüttert werden , da er keine Hand bewegte . Verschiedene Mittel , ihn aus der Starrsucht zu wecken , blieben fruchtlos , zu den stärksten durfte man nicht schreiten , ohne Gefahr ihn wieder in wilde Raserei zu stürzen . Vor einigen Tagen kommt des Försters ältester Sohn nach der Stadt , er geht in das Irrenhaus , um den Mönch wieder zu sehen . Ganz erfüllt von dem trostlosen Zustande des Unglücklichen , tritt er aus dem Hause , als eben der Pater Cyrillus aus dem Kapuzinerkloster in B. vorüberschreitet . Den redet er an und bittet ihn , den unglücklichen , hier eingesperrten Klosterbruder zu besuchen , da ihm Zuspruch eines Geistlichen seines Ordens vielleicht heilsam sein könne . Als Cyrillus den Mönch erblickt , fährt er entsetzt zurück . Heilige Mutter Gottes ! Medardus , unglückseliger Medardus ! So ruft Cyrillus , und in dem Augenblick beleben sich die starren Augen des Mönchs . Er steht auf und fällt mit einem dumpfen Schrei kraftlos zu Boden . - Cyrillus mit den übrigen , die bei dem Ereignis zugegen waren , geht sofort zum Präsidenten des Kriminalgerichts und zeigt alles an . Der Richter , dem die Untersuchung wider Sie übertragen , begibt sich mit Cyrillus nach dem Irrenhause ; man findet den Mönch sehr matt , aber frei von allem Wahnsinn . Er gesteht ein , daß er der Mönch Medardus aus dem Kapuzinerkloster in B. sei . Cyrillus versicherte seinerseits , daß Ihre unglaubliche Ähnlichkeit mit Medardus ihn getäuscht habe . Nun bemerke er wohl , wie Herr Leonard sich in Sprache , Blick , Gang und Stellung sehr merklich von dem Mönch Medardus , den er nun vor sich sehe , unterscheide . Man entdeckte auch das bedeutende Kreuzeszeichen an der linken Seite des Halses , von dem in Ihrem Prozeß so viel Aufhebens gemacht worden ist . Nun wird der Mönch über die Begebenheiten aus dem Schlosse des Barons von F. befragt . - Ich bin ein abscheulicher , verruchter Verbrecher , sagt er mit matter , kaum vernehmbarer Stimme , ich bereue tief , was ich getan . - Ach , ich ließ mich um mein Selbst , um meine unsterbliche Seele betrügen ! ... Man habe Mitleiden ! ... man lasse mir Zeit ... alles ... alles will ich gestehen ! - Der Fürst , unterrichtet , befiehlt sofort den Prozeß wider Sie aufzuheben und Sie der Haft zu entlassen . Das ist die Geschichte Ihrer Befreiung . - Der Mönch ist nach dem Kriminalgefängnis gebracht worden . « » Und hat alles gestanden ? Hat er Euphemien , Hermogen ermordet ? wie ist es mit dem Grafen Viktorin ? « ... » Soviel wie ich weiß , fängt der eigentliche Kriminalprozeß wider den Mönch erst heute an . Was aber den Grafen Viktorin betrifft , so scheint es , als wenn nun einmal alles , was nur irgend mit jenen Ereignissen an unserm Hofe in Verbindung steht , dunkel und unbegreiflich bleiben müsse . « » Wie die Ereignisse auf dem Schlosse des Barons von F. aber mit jener Katastrophe an Ihrem Hofe sich verbinden sollen , sehe ich in der Tat nicht ein . « » Eigentlich meinte ich auch mehr die spielenden Personen als die Begebenheit . « » Ich verstehe Sie nicht . « » Erinnern Sie sich genau meiner Erzählung jener Katastrophe , die dem Prinzen den Tod brachte ? « » Allerdings . « » Ist es Ihnen dabei nicht völlig klar worden , daß Francesko verbrecherisch die Italienerin liebte ? daß er es war , der vor dem Prinzen in die Brautkammer schlich und den Prinzen niederstieß ? - Viktorin ist die Frucht jener freveligen Untat . - Er und Medardus sind Söhne eines Vaters . Spurlos ist Viktorin verschwunden , alles Nachforschen blieb vergebens . « » Der Mönch schleuderte ihn hinab in den Teufelsgrund . Fluch dem wahnsinnigen Brudermörder ! « - Leise - leise ließ sich in dem Augenblick , als ich heftig diese Worte ausstieß , jenes Klopfen des gespenstischen Unholds aus dem Kerker hören . Vergebens suchte ich das Grausen zu bekämpfen , welches mich ergriff . Der Arzt schien so wenig das Klopfen als meinen innern Kampf zu bemerken . Er fuhr fort : » Was ? ... Hat der Mönch Ihnen gestanden , daß auch Viktorin durch seine Hand fiel ? « » Ja ! ... Wenigstens schließe ich aus seinen abgebrochenen Äußerungen , halte ich damit Viktorins Verschwinden zusammen , daß sich die Sache wirklich so verhält . Fluch dem wahnsinnigen Brudermörder ! « - Stärker klopfte es und stöhnte und ächzte ; ein feines Lachen , das durch die Stube pfiff , klang wie Medardus ... Medardus ... hi ... hi ... hi hilf ! - Der Arzt , ohne das zu bemerken , fuhr fort : » Ein besonderes Geheimnis scheint noch auf Franceskos Herkunft zu ruhen . Er ist höchstwahrscheinlich dem fürstlichen Hause verwandt . So viel ist gewiß , daß Euphemie die Tochter ... « Mit einem entsetzlichen Schlage , daß die Angeln zusammenkrachten , sprang die Tür auf , ein schneidendes Gelächter gellte herein . » Ho ho ... ho ... ho Brüderlein , « schrie ich wahnsinnig auf , » hoho ... hieher ... frisch , frisch , wenn du kämpfen willst mit mir ... der Uhu macht Hochzeit ; nun wollen wir auf das Dach steigen und ringen miteinander , und wer den andern herabstößt , ist König und darf Blut trinken . « - Der Leibarzt faßte mich in die Arme und rief : » Was ist das ? was ist das ? Sie sind krank ... in der Tat , gefährlich krank . Fort , fort , zu Bette . « - Aber ich starrte nach der offnen Türe , ob mein scheußlicher Doppeltgänger nicht hereintreten werde , doch ich erschaute nichts und erholte mich bald von dem wilden Entsetzen , das mich gepackt hatte mit eiskalten Krallen . Der Leibarzt bestand darauf , daß ich kränker sei , als ich selbst wohl glauben möge , und schob alles auf den Kerker und die Gemütsbewegung , die mir überhaupt der Prozeß verursacht haben müsse . Ich brauchte seine Mittel , aber mehr als seine Kunst trug zu meiner schnellen Genesung bei , daß das Klopfen sich nicht mehr hören ließ , der furchtbare Doppeltgänger mich daher ganz verlassen zu haben schien . Die Frühlingssonne warf eines Morgens ihre goldnen Strahlen hell und freundlich in mein Zimmer , süße Blumendüfte strömten durch das Fenster ; hinaus ins Freie trieb mich ein unendlich Sehnen , und des Arztes Verbot nicht achtend , lief ich fort in den Park . - Da begrüßten Bäume und Büsche rauschend und flüsternd den von der Todeskrankheit Genesenen . Ich atmete auf , wie aus langem schwerem Traum erwacht , und tiefe Seufzer waren des Entzückens unaussprechbare Worte , die ich hineinhauchte in das Gejauchze der Vögel , in das fröhliche Sumsen und Schwirren bunter Insekten . Ja ! - ein schwerer Traum dünkte mir nicht nur die letztvergangene Zeit , sondern mein ganzes Leben , seitdem ich das Kloster verlassen , als ich mich in einem von dunklen Platanen beschatteten Gange befand . - Ich war im Garten der Kapuziner zu B. Aus dem fernen Gebüsch ragte schon das hohe Kreuz hervor , an dem ich sonst oft mit tiefer Inbrunst flehte um Kraft , aller Versuchung zu widerstehen . - Das Kreuz schien mir nun das Ziel zu sein , wo ich hinwallen müsse , um , in den Staub niedergeworfen , zu bereuen und zu büßen den Frevel sündhafter Träume , die mir der Satan vorgegaukelt ; und ich schritt fort mit gefalteten emporgehobenen Händen , den Blick nach dem Kreuz gerichtet . - Stärker und stärker zog der Luftstrom - ich glaubte die Hymnen der Brüder zu vernehmen , aber es waren nur des Waldes wunderbare Klänge , die der Wind , durch die Bäume sausend , geweckt hatte , und der meinen Atem fortriß , so daß ich bald erschöpft stillstehen , ja mich an einen nahen Baum festhalten mußte , um nicht nieder zu sinken . Doch hin zog es mich mit unwiderstehlicher Gewalt nach dem fernen Kreuz ; ich nahm alle meine Kraft zusammen und wankte weiter fort , aber nur bis an den Moossitz dicht vor dem Gebüsch konnte ich gelangen ; alle Glieder lähmte plötzlich tödliche Ermattung ; wie ein schwacher Greis ließ ich langsam mich nieder , und in dumpfem Stöhnen suchte ich die gepreßte Brust zu erleichtern . - Es rauschte im Gange dicht neben mir ... Aurelie ! Sowie der Gedanke mich durchblitzte , stand sie vor mir ! - Tränen inbrünstiger Wehmut quollen aus den Himmelsaugen , aber durch die Tränen funkelte ein zündender Strahl ; es war der unbeschreibliche Ausdruck der glühendsten Sehnsucht , der Aurelien fremd schien . Aber so flammte der Liebesblick jenes geheimnisvollen Wesens am Beichtstuhl , das ich oft in süßen Träumen sah . » Können Sie mir jemals verzeihen ! « lispelte Aurelie . Da stürzte ich , wahnsinnig vor namenlosem Entzücken , vor ihr hin , ich ergriff ihre Hände ! - » Aurelie ... Aurelie ... für dich Marter ! ... Tod ! « Ich fühlte mich sanft emporgehoben - Aurelie sank an meine Brust , ich schwelgte in glühenden Küssen . Aufgeschreckt durch ein nahes Geräusch , wand sie sich endlich los aus meinen Armen , ich durfte sie nicht zurückhalten . » Erfüllt ist all mein Sehnen und Hoffen « , sprach sie leise , und in dem Augenblick sah ich die Fürstin den Gang heraufkommen . Ich trat hinein in das Gebüsch und wurde nun gewahr , daß ich wunderlicherweise einen dürren grauen Stamm für ein Kruzifix gehalten . Ich fühlte keine Ermattung mehr , Aureliens Küsse durchglühten mich mit neuer Lebenskraft ; es war mir , als sei jetzt hell und herrlich das Geheimnis meines Seins aufgegangen . Ach , es war das wunderbare Geheimnis der Liebe , das sich nun erst in rein strahlender Glorie mir erschlossen . Ich stand auf dem höchsten Punkt des Lebens ; abwärts mußte es sich wenden , damit ein Geschick erfüllt werde , das die höhere Macht beschlossen . - Diese Zeit war es , die mich wie ein Traum aus dem Himmel umfing , als ich das aufzuzeichnen begann , was sich nach Aureliens Wiedersehen mit mir begab . Dich Fremden , Unbekannten , der du einst diese Blätter lesen wirst , bat ich , du solltest jene höchste Sonnenzeit deines eigenen Lebens zurückrufen , dann würdest du den trostlosen Jammer des in Reue und Buße ergrauten Mönchs verstehen und einstimmen in seine Klagen . Noch einmal bitte ich dich jetzt , laß jene Zeit im Innern dir aufgehen , und nicht darf ich dann dir ' s sagen , wie Aureliens Liebe mich und alles um mich her verklärte , wie reger und lebendiger mein Geist das Leben im Leben erschaute und ergriff , wie mich , den göttlich Begeisterten , die Freudigkeit des Himmels erfüllte . Kein finstrer Gedanke ging durch meine Seele , Aureliens Liebe hatte mich entsündigt , ja , auf wunderbare Weise keimte in mir die feste Überzeugung auf , daß nicht ich jener ruchlose Frevler auf dem Schlosse des Barons von F. war , der Euphemien - Hermogen erschlug , sondern daß der wahnsinnige Mönch , den ich im Försterhause traf , die Tat begangen . Alles , was ich dem Leibarzt gestand , schien mir nicht Lüge , sondern der wahre geheimnisvolle Hergang der Sache zu sein , der mir selbst unbegreiflich blieb . - Der Fürst hatte mich empfangen wie einen Freund , den man verloren glaubt und wiederfindet ; dies gab natürlicherweise den Ton an , in den alle einstimmen mußten , nur die Fürstin , war sie auch milder als sonst , blieb ernst und zurückhaltend . Aurelie gab sich mir mit kindlicher Unbefangenheit ganz hin , ihre Liebe war ihr keine Schuld , die sie der Welt verbergen mußte , und ebensowenig vermochte ich auch nur im mindesten das Gefühl zu verhehlen , in dem allein ich nur lebte . Jeder bemerkte mein Verhältnis mit Aurelien , niemand sprach darüber , weil man in des Fürsten Blicken las , daß er unsre Liebe , wo nicht begünstigen , doch stillschweigend dulden wolle . So kam es , daß ich zwanglos Aurelien öfter , manchmal auch wohl ohne Zeugen sah . - Ich schloß sie in meine Arme , sie erwiderte meine Küsse , aber es fühlend , wie sie erbebte in jungfräulicher Scheu , konnte ich nicht Raum geben der sündlichen Begierde ; jeder frevelige Gedanke erstarb in dem Schauer , der durch mein Innres glitt . Sie schien keine Gefahr zu ahnen , wirklich gab es für sie keine , denn oft , wenn sie im einsamen Zimmer neben mir saß , wenn mächtiger als je ihr Himmelsreiz strahlte , wenn wilder die Liebesglut in mir aufflammen wollte , blickte sie mich an so unbeschreiblich milde und keusch , daß es mir war , als vergönne es der Himmel dem büßenden Sünder , schon hier auf Erden der Heiligen zu nahen . Ja , nicht Aurelie , die heilige Rosalia selbst war es , und ich stürzte zu ihren Füßen und rief laut : » O du , fromme , hohe Heilige , darf sich denn irdische Liebe zu dir im Herzen regen ? « - Dann reichte sie mir die Hand und sprach mit süßer milder Stimme : » Ach , keine hohe Heilige bin ich , aber wohl recht fromm und liebe dich gar sehr ! « Ich hatte Aurelien mehrere Tage nicht gesehen , sie war mit der Fürstin auf ein nahe gelegenes Lustschloß gegangen . Ich ertrug es nicht länger , ich rannte hin . - Am späten Abend angekommen , traf ich im Garten auf eine Kammerfrau , die mir Aureliens Zimmer nachwies . Leise , leise öffnete ich die Tür - ich trat hinein - eine schwüle Luft , ein wunderbarer Blumengeruch wallte mir sinnebetäubend entgegen . Erinnerungen stiegen in mir auf wie dunkle Träume ! Ist das nicht Aureliens Zimmer auf dem Schlosse des Barons , wo ich ... Sowie ich dies dachte , war es , als erhöbe sich hinter mir eine finstre Gestalt , und : » Hermogen ! « rief es in meinem Innern ! Entsetzt rannte ich vorwärts , nur angelehnt war die Türe des Kabinetts . Aurelie kniete , den Rücken mir zugekehrt , vor einem Tabourett , auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag . Voll scheuer Angst blickte ich unwillkürlich zurück - ich schaute nichts , da rief ich im höchsten Entzücken : » Aurelie , Aurelie ! « - Sie wandte sich schnell um , aber noch ehe sie aufgestanden , lag ich neben ihr und hatte sie fest umschlungen . » Leonard ! mein Geliebter ! « - lispelte sie leise . Da kochte und gärte in meinem Innern rasende Begier , wildes , sündiges Verlangen . Sie hing kraftlos in meinen Armen : die genestelten Haare waren aufgegangen und fielen in üppigen Locken über meine Schultern , der jugendliche Busen quoll hervor - sie ächzte dumpf - ich kannte mich selbst nicht mehr ! - Ich riß sie empor , sie schien erkräftigt , eine fremde Glut brannte in ihrem Auge , feuriger erwiderte sie meine wütenden Küsse . Da rauschte es hinter uns wie starker , mächtiger Flügelschlag ; ein schneidender Ton , wie das Angstgeschrei des zum Tode Getroffenen , gellte durch das Zimmer . - » Hermogen ! « schrie Aurelie und sank ohnmächtig hin aus meinen Armen . Von wildem Entsetzen erfaßt , rannte ich fort ! - Im Flur trat mir die Fürstin , von einem Spaziergange heimkehrend , entgegen . Sie blickte mich ernst und stolz an , indem sie sprach : » Es ist mir in der Tat sehr befremdlich , Sie hier zu sehen , Herr Leonard ! « - Meine Verstörtheit im Augenblick bemeisternd , antwortete ich in beinahe bestimmterem Ton , als es ziemlich sein mochte , daß man oft gegen große Anregungen vergebens ankämpfe , und daß oft das unschicklich Scheinende für das Schicklichste gelten könne ! - Als ich durch die finstre Nacht der Residenz zueilte , war es mir , als liefe jemand neben mir her , und als flüstere eine Stimme : » I ... Imm ... Immer bin ich bei di ... dir ... Brü ... Brüderlein ... Brüderlein Medardus ! « - Blickte ich um mich her , so merkte ich wohl , daß das Phantom des Doppeltgängers nur in meiner Phantasie spuke ; aber nicht los konnte ich das entsetzliche Bild werden , ja es war mir endlich , als müsse ich mit ihm sprechen und ihm erzählen , daß ich wieder recht albern gewesen sei und mich habe schrecken lassen von dem tollen Hermogen ; die heilige Rosalia sollte denn nun bald mein - ganz mein sein , denn dafür wäre ich Mönch und habe die Weihe erhalten . Da lachte und stöhnte mein Doppeltgänger , wie er sonst getan , und stotterte : » Aber schn ... schnell ... schnell ! « - » Gedulde dich nur , « sprach ich wieder , » gedulde dich nur