der Prinzessin wolle er entsagen , die ihm bestimmt , dies arme Mädchen aber aufsuchen , - » so recht vertraut , haarklein ihr aufzuzählen , was mir so taglang , so nächtelang tät fehlen , Vertrauen , ewiges in Lieb gebunden , im armen Mädchen hab ich ' s nun gefunden ; die Krone will ich ihr zu Füßen legen , kommt Kuß dem Kuß , der Blick dem Blick entgegen , und daß dies alles sei kein Augenblick , wie jener Kuß , der noch mein ganzes Glück , nein die Gewohnheit aller meiner Stunden durch heil ' ges Band auf Leben und Tod gebunden . « - Indem er so deklamiert , ist er mit seiner Hand der Prinzessin so nahe gekommen , daß er ihr ins Gesicht schlägt ; sie schreit auf : eine Szene des freudigen Wiedererkennens und der Verzweifelung , sie beleidigt zu haben . Doch sie vergibt ihm mit vielen dicken Küssen . Die Szene verwandelt sich in das Eßzimmer des Fürsten , der sehr böse ist , daß seine Tochter alle auf sich warten läßt . Kasperl frißt heimlich alle Schüsseln aus , und sagt immer , das habe nichts auf sich , sie könnten immer noch warten . Endlich wird Spaßine nach der Schwester geschickt und kommt mit der Nachricht wieder , daß sie in den Armen eines fremden Ritters liege . Der Fürst fordert Kasperl auf , die Ehre seines Hauses , dem er nun bald verbunden , mit dem Schwerte zu verteidigen . Kasperl will nicht , weil er kein Blut sehen könne , er verflucht die törichten adeligen Sitten . Alle dringen in ihn mit Gabel und Messer , daß er ihre Ehre verteidige ; endlich zieht er sein hölzernes Schwert , als aber der Prinz mit Ernestine hereintritt , wird er gleich rückgängig und fällt ihm zu Füßen . Der Prinz reißt ihm seine Kleider ab und nun erscheint er in dem jüdischen Schlafrock , dessen Saum mit Cymbeln besetzt ist . Gretel erkennt ihn und wird unmäßig böse und zärtlich gegen diesen ihren verlaufenen Mann . Sie machen einander schöne Vertraulichkeit , ihre Kinder haben alle öffentliche Stellen am Pranger bekommen ; endlich fangen sie sich an zu schlagen und die Cymbeln klingeln so laut , daß die ganze Judenfamilie erscheint , ihren Messias und ihren Schlafrock aufzusuchen . Sie wollen ihn mit Gewalt der Gretel entreißen , und der Fürst , der nun durch den fremden reichen Schwiegersohn Mut gewonnen , bestraft sie für diesen frevelhaften Eingriff in eine glückliche Ehe mit dem Verluste der Schuld für das verpfändete fürstliche Ehrenbette . Die Juden bringen mit Lamentieren das große Bette aufs Theater , der Fürst segnet die liebenden Verlobten ; Kasperl schlägt an seinen Cymbelnrock und die ganze Judenschaft muß tanzen . Die Zuschauer hatten alle des Stücks herzlich gelacht , besonders die Kinder , nur die beiden Söhne Wallers hatten oft während des Stücks bitterlich geweint , und als sie um die Ursache befragt wurden , sagten sie , daß sie die Reden der Ernestine so oft von der Mutter hersagen gehört . Der Graf gewann die beiden Kinder sehr lieb ; so auffallend ihm im Anfange ihr wildes , neugieriges , aufspürendes und nachahmendes Wesen geschienen , so bedeutsam wurden ihm jetzt manche ihrer Fragen . Die Gräfin teilte diese Neigung nicht ; seit sie selbst an den ersten Beschwerden der Schwangerschaft litt , und ihre sonst unzerstörbare Gesundheit geschwächt fühlte , sogar fürchtete , einen ihrer schönen Zähne einzubüßen , haßte sie alle Kinder , und schwor ihrem Manne im Übelbefinden ihres Magens , womit sich dieser Tag schloß , nie wolle sie mehr als dies eine Kind haben , das ihr schon so viel Not bereite . Vierundzwanzigstes Kapitel Traugotts erste Erinnerung Gleich am andern Morgen , als Waller noch schlief , fand der Graf die beiden Knaben schon mit Angeln beschäftigt , sie wiesen ihm mit Jubel einen kleinen Fisch . Hier erfuhr der Graf , daß nur der jüngere Knabe Alonso Wallers Sohn sei ; der andere , Traugott , war ein Kind erster Ehe ; die Mutter hatte sich aber durch keine Gewalt von ihm trennen lassen . Alonso hatte die Nacht geträumt , die Mutter sei vom Himmel herunter gestiegen und habe in ihre schwarz seidene Schürze , die sie gewöhnlich zu tragen pflegte , den Traugott eingewickelt und mit sich geführt . Der Traum setzte den Grafen in Verwunderung , da beide Kinder eben kein träumerisches Ansehen hatten , doch schien Traugott den Tag viel stiller als sonst ; er mußte ihm etwas aus seiner früheren Geschichte erzählen . Weil er nun noch nie darnach gefragt war , so lag alles sehr bunt unter einander , wie die Umgebung es ihm zurück rief . Viel sprach er von einem Wasser , worin er einmal gelegen ; der Bruder sagte aber , das sei nicht wahr , man habe ihnen bloß erzählt , der Storch hätte sie aus dem Wasser geholt , davon käme die Geschichte . Traugott ließ es sich nicht abstreiten , er sagte , daß er ganz allein gewesen und daß ihn ein unbekannter Mann herausgezogen . Dann erzählte er viel von einem kleinen Fürchtegott , mit dem er als Kind gespielt ; der sei älter gewesen und habe immer alles im Spiele so schön einzurichten gewußt , daß er noch jetzt die Paläste nicht beschreiben könne , die jener aus Bausteinen und ausgeschnitztem Papiere mit einem durchscheinenden Lichte hervorgebracht habe ; er werde nie wieder die künstliche Pracht sehen ; er habe so viel Ehrfurcht vor ihm gehabt , daß er jeden Schlag von ihm als eine Gnade angenommen , und sich Gott nicht anders , als wie seinen Fürchtegott gedacht habe ; ihm habe er alles geschenkt , was er bekommen an Geld und Früchten , ungeachtet er bei dem Anblicke eines Apfels schon ein begehrliches Zucken im Munde verspürt . Diesem Fürchtegott hätte er auch seine Kleider gegeben , und als das der Vater wahrnahm , hätte jener nicht mehr zu ihm gedurft , und da habe er sich tot hungern wollen . Nachdem er einen Tag gehungert , sei er morgens früh aufgewacht , er hätte den Druck einer Hand gespürt , die ihn erweckt , hätte aber nichts Lebendes um sich gesehen , als den hellen Morgenschimmer , der in der leeren Luft mit unzähligem Staube Ball geschlagen . Sein Blut habe gewallt , sein Herz gepocht , sein Auge sei geblendet gewesen , und er hätte geglaubt sich zu sehen , ganz elend , wie die Leute ihm aus Mitleid seinen Fürchtegott zugeführt hätten . Nachher habe er nichts vor seinen Augen gesehen , als eine feste grüne Wolke im roten Felde , dann sei die Wolke rot und das Feld grün geworden . Unwiderstehlich habe es ihn in den Schloßgarten gezogen , der Vater habe noch geschlafen , das Schloß sei ganz still gewesen , und er habe niemand auf den Treppen gesehen , als ein paar weiße Mäuse . Vor dem Schlosse habe er unter zwei himmelhohen Linden gestanden , die mit weißen Blüten und summenden Bienenschwärmen bedeckt gewesen . Die Bienen hätten sich endlich davor gesammelt , wie eine braune Wolke und langsam tief ihren Zug weiter in den Garten genommen , er aber sei ihnen nachgefolgt , wo ihm sonst nie erlaubt , hinzugehen , weil er von vielem freien Gewässer durchschnitten . Er sei ihnen erst zagend gefolgt , aber der Schmerz der kleinen Steine an den Sohlen habe ihn endlich entschlossen gemacht . So kam er zwischen eine Reihe weißer Menschen in weißen Kleidern ohne Augen , die unbeweglich blieben , auf seinen Gruß nicht dankten , dann zwischen Bäume , die schmal und breit wie eine Mauer auf eine weite Aussicht geführt hätten ; aber plötzlich habe er seinen Kopf gegen Bretter gestoßen und statt der Aussicht nichts als bunte Flecken vor sich gesehen . » Es muß eine sonderbare Kunst sein « , sagte Traugott hier , » die etwas macht , das zugleich ist , und nicht ist , oder ist etwa alle Kunst also ? « - Die Bienen hatte er über diesen Anstoß und über diese Aussicht ganz aus den Augen verloren ; er sah aber seitwärts ein schwarzes Schild , das von vielen Ärmen getragen wurde ; da fand er in der Mitte einen großen Stein umgeworfen , und einen wunderlichen duftenden Haufen von trockenen Kiennadeln , worauf viele Ameisen liefen , die er wohl kannte . Da huckte er sich nieder , doch mit großer Vorsicht , daß ihm keine ankrieche , sahe dann zu , wohin sie so eifrig liefen , konnte aber nichts finden , warum sie also beweglich ; da rührte er in den Haufen , um ihnen doch eine Ursache zur Unruhe zu geben . Weil ihnen nun die Decke ihres Hauses fehlte , hatte er Mitleiden mit ihnen und warf eine Menge trockner Nadeln , die in der Nähe unter einem Baume lagen , darauf . Die Ameisen brachten sie schnell in Ordnung , und nun wurde er dem Völkchen so gut , daß er einen Strohhalm in die Mitte hineinsteckte , auf daß sie sich in der Gegend umsehen könnten . Gleich stiegen viele hinan und wie eine oben , trieb sie wieder eine andre hinunter ; er aber wollte , daß eine bleiben sollte , und warf mit Erde drein , und da wurden alle böse und hatten ihn heimlich beschlichen und kniffen ihn so unleidlich , daß er davon lief , immer blind zu , bis er in einem kühlen Wasser stand mitten unter Wasserlilien , und aus jeder Wasserlilie sah Fürchtegott heraus ; aber so wie er dazu kam , war er wieder fort , und saß auf einer weiter weg und lachte über ihn . Über ihm rief aber ein alter Mann mit einem glühenden Gesichte aus einer grauen Wolke , in die er ein Loch gerissen , und da verschwand Fürchtegott ; der alte Mann rief immer fort : » Traue Gott , fürchte Gott und scheue niemand ! « - Bei diesen Worten hob ihn eine Hand aus dem Wasser und er lief frierend von Nässe in die Sonne , damit die Mutter nicht sähe , daß er im Wasser gewesen . Und da schien es ihm in der Sonne , als ob er selber anfinge zu leuchten , und lebte draußen außer sich auf allen Blumen , die er ansehe , auf allen bunten Steinen , die vor ihm glänzten , und das alles sah künstlicher aus als alles , was Fürchtegott ihm gebauet , und Fürchtegott war ihm auf immer ganz gleichgültig ; und als er in der Sonne trocken geworden , ging er zurück ins Schloß , wo noch alles schlief , legte sich in sein Bett , frühstückte mit den andern , und sagte lange niemand davon . Die Historie hatte den Grafen wunderlich ergriffen ; er war an manche kleine Begebenheit seiner eigenen Jugend dabei erinnert worden ; er ging zu Waller und fragte ihn , der noch im Bette lag : wozu er den Knaben bestimme ? Waller sagte , daß er ihn dem rechten Vater wieder zustellen wollte , so wie er seinen eignen Sohn den Amtmannstöchtern überlasse , die den Tag vorher die wunderliche Geschichte mit ihm gehabt . Der Graf bat ihn , den Knaben doch diesen Sommer bei ihm zu lassen , er scheine sich bei der Landwirtschaft zu gefallen . - - » Es ist ein Allerweltsjunge « , sagte Waller , » recht gerne , behalten Sie ihn , der gibt sich mit allem ab ; Sie sollten einmal sehen , ganze Pakete Gedichte , Tragödien schmiert er zusammen , und ich kann Ihnen versichern , daß ich manches darunter zu meinem Gebrauche bearbeitet habe ; denn alles hat freilich etwas sehr Unreifes , Abgerissenes . « - Die Annahme des Knaben war aber mit der Zustimmung Wallers noch nicht ausgemacht ; die Gräfin war sehr dagegen , sie scheute die kleine Mühe der Oberaufsicht ; doch nach mancher Zärtlichkeit des Grafen gab sie endlich zögernd nach . Fünfundzwanzigstes Kapitel Waller und die tolle Ilse . Abenteuer einer Nacht Waller hatte unterdessen sich mit den sämtlichen Hausbewohnern bekannt gemacht , und mit der tollen Ilse ein besondres Verständnis eröffnet . Ihr Wesen war ihm neu und gehörte in die Reihe seiner inneren Abbildungen ; er schien sie unbegreiflich zu reizen durch die zierliche Art von Hofmachen , die ihr von Knechten und Jägern und andern Hofleuten noch nicht geboten . Waller trieb so etwas mit großer Hitze , als müßte mit der untergehenden Sonne alles beendigt sein , und wirklich brachte der sie auch in wenig Tagen so weit , daß sie ihm eine nächtliche Zusammenkunft gestatten wollte , insofern er eine schwere Gartenleiter an ihr Giebelfenster legen könnte . Jede Stunde hatte er aufgeschrieben , wie weit seine Liebschaft gediehen ; bei dieser Aufforderung stand ein Seufzer und die Worte : » Das ist unmöglich , die Leiter rücke ich kaum von der Stelle , viel weniger kann ich sie aufheben und anlegen . « Nach vielem Umhersinnen kam er auf den Prediger Frank , der ihm ein weltlustiger Vogel geschienen , daß er ihm diesen kleinen Dienst leisten sollte . Gleich ging er hinüber zu ihm , und Frank wußte sich gleich zu fassen , ging in alles ein , und versprach sich davon recht vielen Spaß . Heimlich machte er den Grafen mit seinem Auftrage bekannt , und verabredete sich mit ihm . Abends gegen zwölfe stellte er sich vor Wallers Zimmer ein , der ungeduldig schreibend seiner wartete . Er war vom Kopfe bis zu den Zehen bewaffnet , im Stiefel hatte er einen Dolch versteckt , in jeder Rocktasche eine Doppelpistole ; sein Testament legte er versiegelt auf den Tisch , küßte ein Gemälde seiner Frau , ergriff seine Gitarre und ging in höchster Spannung stillschweigend voraus , unserm Frank den Weg zu zeigen . Die Nacht war dunkel , der dunkle Baumgarten nur durch sein Rauschen von dem stillen Himmel zu unterscheiden . Bei dem unerwarteten Aufschrecken eines Vogels rief er einmal : » Haben Sie was gesagt ? « Und als ihm ein Käfer gegen die Backen flog : » Wie war das gemeint ? « - Alles ward still bis auf ein paar Frösche , die sich im Teiche bei einer Serenade verspätet hatten , und selbst diese gaben ihm Argwohn , daß er Lust bekam , seine Pistolen in das Wasser abzufeuern . Der Graf und die Gräfin saßen in einer Laube versteckt , und lauerten auf Ilsens Fenster , das erleuchtet war und durch zwei vorgesetzte kleine Pillenbäume anzeigte , daß sie ungestört des Liebhabers warte . Der Graf sang leise vor sich : Lustig ist die Ilse , Wenn ich sag , ich willse , Lustig ist meine Ilse nicht , Wenn ich sag , ich will sie nicht . Welche sonderbare Lust liegt darin , einen andern in seiner Liebschaft zu belauern ! - Waller zog die Leiter mit des riesenhaften Predigers Hülfe glücklich heran , lehnte sie an die Mauer und sang ganz schwach ohne Begleitung der Gitarre : Es schlug die Uhr , Die Nacht war tief Und alles schlief , Gott Amor nur Erwacht Und lacht , Und keinen stört , Denn die ihn kennt , Von Liebe brennt Und ihn schon hört Beglückt Entzückt . Ilse gab ihr Zeichen : ein dreimaliges Klatschen der Hand . Waller stieg hinauf , wobei seine Gitarre zuweilen gegen die Leiter klapperte , und Ilse bei dem ersten Erscheinen die Äußerung entlockte , ob er etwa ein Kästchen mit Geschenken bei sich trage . Doch hatte er wirklich ein artiges seidnes Halstuch seiner Frau in der Tasche , das er ihr sehr zierlich überreichte . Frank und der Graf waren ihm inzwischen nachgestiegen und sahen durch das Fenster , doch unbemerkt von den beiden Liebenden , um bei jeder Unordnung zwischen zu treten . Diese Vorsicht war unnötig . Ilse hatte eine eigene Art ihre Zärtlichkeit auszudrücken ; sie lachte die Leute an , spottete über sie und ärgerte sich dann , wenn sie nicht verstanden wurde . Wallern dagegen , sobald er sich erhitzte , fielen eine Menge schöner Lieder ein , die er auf allerlei Gedankenbilder verfertigt hatte ; da brauchte er oft nur blaue in braune Augen zu verwandeln , um alles paßrecht zu finden . Das Feuer dieser Lieder durchdrang Ilsen , die tiefe Stimme , das leidenschaftliche Wesen Wallers , die Zaubereien der Nacht ringsum , ergriffen ihr wunderliches Gemüt , sie kniete vor ihm , und drückte seine Beine an ihr Herz . Aber statt ihre Umarmung zu erwidern , verschlang sich sein Lied immer künstlicher , immer neue Reichtümer seines Innern erschlossen sich ihm , immer mehr Personen traten auf in seinem Wechselgesange über ihre Schönheit ; das nahm kein Ende , die kalte Nachtluft wehte durch das halboffene Fenster herein und Ilse , kalt wie Eis in ihrer leichten Bedeckung nahm einen Mantel um , und setzte sich ihm gegenüber , um zu warten , bis das verfluchte Gesinge endlich ein Ende nähme . Nun schloß er sein unendliches Lied , während dessen dem Grafen auf den schmalen Leitersprossen die Füße fast erlahmten , mit den Worten : Die leichten Töne , Sie werden mir schwer , So macht das Schöne ... Hier fiel sie ein : Herzen so leer ! Ihre Finger brennen , Mein Herz wird kalt , Wir müssen uns trennen , Sonst werd ich bald alt ... Gleich fiel er ein : Die Finger brennen , Mein Herz so brennt , Die Saiten zerklingen , Mein Herz zerspringt . Sie hielt den Mantel auf , um die Stücken seines Herzens aufzufangen , er aber war entzückt über ihr Einfallen , er hatte gar nicht geglaubt , daß sie auch Verse machen könne . Er vergaß darüber seine ganze Liebesangelegenheit und erzählte Ilsen von nichts , als von einigen Liebesliedern vor den Fenstern , die er in sehr glücklichen Nächten gedichtet . Sie machte ihm den Vorschlag , ob er die nicht vor dem Fenster singen wollte , sie würden sich dort viel besser als in der engen Kammer ausnehmen . Er war gleich bereit und der Graf und Frank hatten kaum Zeit von der Leiter zu kommen , als er schon hinunterkletterte , und gleich unten auf seiner Gitarre vorspielte , und dann mit begeisterter Stimme einfiel : Sieh , der Morgen scheidet laulich , Was am Abend lieb und traulich , Nur in meinem Herzen wallen Noch der Liebe volle Gluten , Meine Sehnsucht muß erschallen , Wie ein Sturz der wilden Fluten , Ob er jemals wird vernommen , Ob ihn Liebchen je erhöre ! Rastlos ist er fort geschwommen , Trostlos nach dem hoffnungsleeren Meere . Ilse sang oben , daß es wohl der Graf , aber nicht der begeisterte Sänger hörte : Ach was gibt es für Liebhaber , Seht , bei jedem ist ein Aber , Doch vor allem muß ich lachen Meines ew ' gen Musikanten , Ewig will er Flammen fachen , Die mich doch schon lange brannten , Und wenn mir das Herz will springen Von den zärtlichsten Gefühlen , Tut er nichts als klingen , singen , Und mit zärtlichen Gefühlen spielen . Waller hatte unterdessen ruhig fortgesungen : Nein die Liebe ist zu luftig , Zwischen Erd und Himmel duftig , Lohnt sie Schmetterling im Garten ; In den Zimmern , in den Betten Lohnet sie wohl nie die Zarten , Leget sie wohl nur in Ketten , Aber in der Zither Klängen , Fühl des Herzens süßes Leben , Fühl des Busens zartes Drängen , Und des nahen Atems schwebend Leben . Hierauf antwortete die tolle Ilse ganz laut : Wär ich deine Zithersaite , Fühlte ich wohl manche Freude , Doch was kannst du mir gewähren , Willst du immer dich nur hören ? Hör , ich würde mich verzehren , Würde ich dich nimmer stören ; Hör , wer irgend eifersüchtig Und vor jedem Mann erschrocken , Dem wärst du zum Wächter tüchtig , Hört an deinem Hals der Glocke Locken . Bei diesen Worten schlug sie das Fenster zu ; vergebens stieg Waller wieder die Leiter hinauf und sang ihr vergebens , als sie ihn gegen die Scheiben gelehnt auslachte : Mein Liebchen hinterm Pillenbaum Versteckt ihr liebreich Angesicht Mit ihren beiden Händen , So meinte sie , sie säh mich nicht , Und sieht mich durch die Finger kaum , Und trüg mich doch gern auf beiden Händen . Aber er täuschte sich , sie sah ihn an , machte ihm ein Kompliment , putzte das Licht aus , und er mußte ganz mißmütig die Leiter herabsteigen . Ohne an Frank zu denken , ging er im Dunkel ärgerlich vor sich hin , und machte einzelne rasche Griffe auf seiner Gitarre ; er war mit sich beschäftigt , wie er dies verkehrte Abenteuer sich selbst am vorteilhaftesten erzählen könne ; so geriet er in die Nähe einer Windmühle , die der Müller eben zur vorzeitigen Tagesarbeit in dem frischen Winde losließ . Der erste Flügel , der sich ihm nahete , schlug ihm die Gitarre aus der Hand in tausend Stücke ; vielleicht hätte er wie Don Quichote seine Pistolen gegen diesen unbekannten Feind gebraucht , wenn nicht das Klappern im Innern ihm sogleich mit dessen Beschaffenheit und guter Position bekannt gemacht hätte . Vielmehr sang er jetzt unter Begleitung der sausenden feindlichen Flügel jammervoll kläglich , hinblickend nach Ilsens Fenster : Wenn ich zurück im Fenster wäre ! Ja wäre ! Hier unten ziehet Wind und Regen , Mach auf , mach auf und sprich den Segen , Bin draußen bei der Windmühl , Wo der Müller mahlt , Wenn der Wind geht . Ach wär ich heut nur klug gewesen , Gewesen ! Ich hätte dich in Arm genommen , So ständ ich nicht so ganz verklommen , Hier draußen bei der Windmühl , Wo der Müller mahlt , Wenn der Wind geht . Wenn ich in deinem Herzen stände , Elende ! Du würdest nicht das Licht ausmachen , Und durch die Fensterladen lachen , Und mich hier stehen lassen , Wo die Zither springt , Und die Zähne klappern . Bei diesen Worten , die der volle aufgehende Mond hell beschien , nahten sich Frank , der Graf und die Gräfin mit unwiderstehlichem Lachen dem frierenden Dichter . Er wollte sich erst böse stellen , aber das Lachen war ansteckend , er geriet in den Lachkrampf hinein , und so ganz hinein , daß er flehentlich um Schonung bat ; die Tränen liefen häufiger aus seinen Augen , wie bei dem größten Unglücke ; er hielt sich den Leib , und der Müller kuckte neugierig mit weißer Mütze zu seinem Fensterchen auf sie herab . » Jetzt hat der Müller das meiste in der Mühle « , sagte Waller , und lachte wieder , » denn sein Kopf ist doch weniger als sein übriger Körper ! « Der Müller fing an , darüber zu lachen , die Hunde schlugen an in der Gegend , die Bauern meinten , es wären vielleicht Diebe irgendwo eingebrochen , und standen auf ; da ward in vielen Häusern Licht angeschlagen , die Kinder erwachten und schrien , aber unsre Gesellschaft lachte noch immer fort . Unerwartet hörten sie ein Schreien mehrerer Stimmen vom Schlosse her : » Diebe , Diebe , haltet sie ! « Gleich darauf fielen ein paar Schüsse ; verwundert sahen sich unsre lustigen Leute an . Frank sagte , daß Waller Doppelpistolen in der Tasche trage , der Graf entriß ihm eine und eilte voran der Gegend zu , woher das Geschrei gekommen . Er begegnete dreien Männern , grün gekleidet , die zu entkommen suchten , sie hatten durch ihre gezogenen Hirschfänger ein paar verfolgende Bediente in einige Entfernung gehalten . Der Graf trat unter sie , und drohte sie zu erschießen , wenn sie nicht gleich ihre Hirschfänger und Pistolen wegwürfen . Der unerwartete sehr entschiedene Feind stürzte ihren letzten Mut ; sie warfen ihre Waffen von sich und der eine der drei Männer machte sich als der häßliche Baron namenkundig , und ward dafür erkannt ; seine Begleiter waren der Prinzenhofmeister und der Schweizer . Der Baron gebot seinen Begleitern Stillschweigen , und erflehete demütig vom Grafen eine geheime Unterhaltung . Frank und Waller , die inzwischen mit Bedienten und Knechten des Schlosses helfend herbei geeilt , widerrieten ihm sehr dieses Zutrauen ; doch der Graf entschied sich nach seiner Art , ihn anzuhören . - Der Baron ging funfzig Schritte mit ihm fort , dort fiel er vor dem Grafen auf die Kniee , bat ihn um Schonung wegen der beiden armen Leute , die er fast gewaltsam zu diesem Unternehmen gebracht ; eine wütende Leidenschaft zur Gräfin habe ihn seit ihrem ersten Anblicke gefoltert , aber auch ihn habe er immer geliebt . Als er neulich die Gräfin beleidigt , das sei Folge dieser Leidenschaft gewesen , die sie niemals in ihm erkannt , niemals aufgemuntert , der Schmerz habe ihm die harten Worte erpreßt ; er habe nicht von ihr lassen können , sei wiedergekehrt zu ihr , doch als ihn der Graf neulich so hart fortgewiesen , da habe er beschlossen , die Gräfin durch gewaltsame Entführung sich anzueignen . Die tolle Ilse habe ihn von allem benachrichtiget , sie habe durch Behorchen gewußt , daß der Graf um ihren Liebeshandel mit Waller wisse , daß er dabei gegenwärtig sein würde , daß dann in jedem Falle , was sich auch ereigne , alle Aufmerksamkeit von dem anderen Flügel des Schlosses , wo die Gräfin schliefe , abgeleitet sei . Unmöglich hätte sie und er vermuten können , daß die Gräfin bei ihren Umständen , in so kalter Nacht , ein solches Abenteuer mit anzuschauen Lust haben könne ; er habe sie in ihrem Schlafzimmer allein geglaubt , und sei von der andern Seite mit seinen beiden Leuten durch ein von Ilsen offen gelassenes Fenster eingestiegen , habe aber alles leer gefunden und sei auf dem Rückzuge von einem erwachten Bedienten entdeckt , und verfolgt worden . Der Graf segnete während dieser Erzählung , die der Baron viel gestörter und umständlicher ablegte , den Vorwitz und die Unvorsichtigkeit seiner Frau , der ihn eigentlich gekränkt hatte , bei dem wunderlichen Abenteuer selbst gegenwärtig sein zu wollen ; sie hatte dadurch ahndend viel Not erspart . - Nach kurzem , bald entschiednen Nachdenken antwortete er dem Baron bestimmt , daß er nur in dem einen Falle ihm die gerichtliche Strafe seines Bruchs der öffentlichen Sicherheit schenke , wenn er sein künftiges Leben ganz dem öffentlichen Wohle widmete ; er kenne ihn , daß er sich als Offizier in fremden Diensten ausgezeichnet ; er möchte daher jetzt beim Wiederausbrechen des Krieges die deutsche Sache mit seinem Blut verteidigen . Der Baron schwor ihm , diese Strafe sei so schön , daß sie fast eine Wohltat zu nennen ; er führe doch in der Einsamkeit des Landes ein unerträglich langweiliges Leben und eine tätige Änderung sei ihm wegen seiner törichten Leidenschaft dringend notwendig . - » Nun wohl « , sagte der Graf , » Sie sind zu Hause in meiner Gewalt , wie hier , denn mein Begleiter , der Prediger Frank hat Sie erkannt ; gehen Sie nach Hause mit den Ihren , und kommen Sie zum Mittag zu mir , wo ich Ihnen einige Briefe an einen General meiner Bekanntschaft mitgeben will . « Frank und Waller waren höchlich verwundert , als die beiden andern Gefangenen vom Grafen losgemacht und ohne Strafe fortgesendet wurden ; alle drei entfernten sich stummeilig , als würden sie noch verfolgt . Der Graf sprach kein Wort darüber , als daß er alles bloß für ein verletztes Jagdrecht ausgab ; einem Jäger gab er heimlich Befehl das Zimmer der tollen Ilse zu bewachen . Man drang nicht weiter mit Fragen in ihn , selbst die Gräfin beruhigte sich , denn alle waren so müde , so erschöpft von den verschiedenen Gemütsbewegungen , daß der Schlaf in seine Rechte eintrat , die er bis zum Mittage behauptete . Merkwürdig war es dem Grafen , als er sich angekleidet hatte , und nach der tollen Ilse fragte , sie nirgend entdecken zu können , ungeachtet der Jäger sehr gute Wache gehalten . Das listige Geschöpf hatte gleich in der Nacht an dem ganzen Verlaufe der Geschichte bemerkt , daß sie wahrscheinlich verraten sei , und war noch während der Unruhe entwichen , wahrscheinlich die Liebesleiter hinuntersteigend , dicht neben denen Leuten vorbei , die alle mit den Gefangenen ganz beschäftigt waren . Nachher besah er die Art , wie der Baron in das Schloß gekommen , wo Ilse ein Fenster , statt es zu schließen bloß angelegt hatte . Nun wollte er auch die Doppelpistole versuchen , die ihm drohend so gute Dienste geleistet , aber wie verwunderte er sich , als das Pulver ohne Schuß von beiden Pfannen brannte , ungeachtet sie sehr stark geladen . Er zog den Schuß aus und fand , daß Waller in seiner gewohnten Unordnung , die eigentlich verbunden mit Verhören , Übersehen und einer grenzenlosen Unbescheidenheit das Fundament seines Witzes ausmachte , die Papierpfropfen vor das Pulver eingeladen . Und mit dieser unbrauchbaren Ladung hatte er drei wohlbewaffnete Männer gefangen ! So geht es aber im kleinen , wie im großen Kriege , Zutrauen und Unternehmung besiegen meist überlegene Zahl und Waffen . Als die Gräfin aufgestanden war , erzählte er ihr ausführlich das ganze Bekenntnis des Barons , bewunderte ihre geheime Vorahndung , die sie mit in den Garten getrieben , und machte sie fast stolz mit den reichen Artigkeiten , wozu seine Liebe nur Gelegenheiten suchte , um sich ganz ungemessen über sie zu ergießen . » Glaub mir