reicher gestaltete sich ihr die Nacht . Unaufhörlich träumte sie von den vormaligen Bewohnern des Schlosses . Ritter und Frauen , reich geschmückt oder in häuslicher Tracht , in Freude und Schmerz , bei festlichen Gelagen oder Kämpfen , immer traten sie , auf irgend eine Weise mit in ihr Leben verflochten , vor sie hin , und immer erschien sie selbst handelnd unter ihnen . Oft kehrten dieselben Gestalten wieder , unter ihnen besonders eine verschleierte Frau , die langsam durch die Zimmer des Schlosses schritt , und wenn sie vor das große Bild der Ahnfrau trat , die Schleier auseinder schlug , und Luisen in ihrer hohlen Brust ein blutiges , zitterndes Herz zeigte , um welches zwei kleine schwarze Schatten flogen und es unaufhörlich an- und abstießen . Sie erwachte dann wohl , von ängstigenden Tönen aufgeschreckt , und wenn sie sich recht besann , so war es der wahnsinnige Claus , der mit seiner Cither durch die Berge zog , oder auch an des alten Georg Fenster pochte , und ihn zu sich in die dunkle Nacht rief . Wie ein Schatten der vormaligen Zeit schlich dann am folgenden Morgen Georg durch das Schloß , und murmelte unzusammenhängende Worte . Luise fühlte sich wenig hierdurch gestört . Sie gewöhnte sich an Alles , ja die Träume wurden ihr lieb , sie setzten sie in geheime Verbindung mit der Vorwelt , die sie so wunderbar zu sich zurück zog . Minchen hingegen , immer still und thätig wirkend , war längst der müßigen Beschauung entflohen . Der Frühling öffnete allmählich seine hellen Augen , und lockte den bunten Blumenschmuck aus der Erde . Minchen war vertraut mit dem zarten Leben der kleinen Pflanzen . Unter ihrer Pflege sprossen Krokos und Anemonen schneller hervor . Aufmerksam lauschte sie auf jede neue Entwickelung , und durchlief Feld und Garten und Wald , mit der unermüdlichen Theilnahme eines Herzens , das alles freuet und bewegt , was zur Lust und dem Heil der Menschen da ist . Als sie Luisen die ersten Veilchen brachte , sanken sie einander sprachlos in die Arme . Beide durchdrang das gleiche Gefühl . Es war ja der alte Frühling wieder , der sie heute wie ehemals , mit seiner süßen Milde berührte . Die Natur , groß und ewig , war ihren stillen Gang fortgegangen , unbekümmert um die widersprechenden kleinen Wünsche der Menschen . Und sollen wir nicht , sagte Minchen , durch stetes ruhiges Walten , uns selbst treu bleiben , wie die alte weise Führerin es lehrt ! Die innigste Liebe trieb sie dann auf ' s neue hinaus . Sie säete und pflanzte und ordnete , mit des Gärtners Hülfe , alles zu Luisens Freude . Dabei sammelte sie heilbringende Kräuter , die sie zu bereiten verstand , und rastete nicht eher , bis sie Kranke und Leidende fand , denen sie helfen , die sie heilen und pflegen konnte . Luise ward unwillkührlich in dies regsamere Leben mit hineingezogen . Nur gestaltete sich unter ihren Händen alles anders , größer , umfassender , als es Minchen , an beschränktere Mittel gewöhnt , wünschen durfte . Schon bei dem Anblick der fast sterbenden Marie , war es ihr anschaulich geworden , wie man das Leben und die Gesundheit der Menschen bei weitem nicht heilig genug halte , und durch Unachtsamkeit auf den bedürftigern Theil derselben , manchen Mord begehe . Besonders hatte sie auf dem Lande genugsam Gelegenheit gehabt , zu sehen , daß ansteckende Krankheiten , aus Mangel an Raum , den Kern so manches Daseins für immer vergifteten . Sie beschloß daher , am Fuße des Schloßberges , auf einem freien , und dennoch geschützten Platze , ein Gebäude zur Aufnahme hülfsbedürftiger Kranken errichten zu lassen ; darneben sollte ein Garten angelegt werden , theils zur Erheiterung der Genesenden , theils darin Klima und Boden angemessene Heilpflanzen und Kräuter zu ziehen . Die innre Oekonomie des Ganzen sollte bejahrten Männern und Frauen anvertraut werden , welche auf die Weise , zu gröberer Arbeit untauglich , hinreichenden Unterhalt fänden . Minchen berechnete sogleich , wie man auch verwaiste Kinder bei der Anstalt versorgen , und zu nützlicher Thätigkeit anführen könne , und zwar , indem man den Knaben die Bearbeitung des Gartens , den Mädchen aber das Spinnen und Weben der nöthigen Wäsche für die Kranken übertrüge . Je näher beide den Entwurf betrachteten , je lebhafter ward der Wunsch in ihnen , die Ausführung desselben ins Werk zu richten . Luise fühlte indeß bald , daß sie trotz allem Aufwand von Kräften , dennoch fremder Hülfe dazu bedürfe . Sie wandte sich daher an ihren alten Freund , den Arzt , dem außer den erforderlichen Kenntnissen seines Faches , eine umfassende Bildung , und besonders Anschaulichkeit und Maaß für die verschiedenen Verhältnisse äußrer Anordnung , ja eine große mechanische Tüchtigkeit ganz zu eigen war . Seine Vorschläge waren durchdacht , standen auf allen Seiten fest . Luise hatte ihn ganz auf seinen Platz gestellt . Ihr Antrag ehrte ihn , und er leitete die Arbeit mit Genauigkeit und Fleiß . Minchen fand bald verlassene Kinder und freundliche Alte , die für ihren Zweck paßten . Alles war eingeleitet , und Eines trieb frisch und freudig das Andere . Luise sah mit steigender Freude den Fortschritten des Baues zu . Nach Monathen stand endlich das helle , freundliche Haus da . Keine Inschrift , keine Spur der Eitelkeit zog die Aufmerksamkeit des müßigen Beschauers auf sich . Still sah es zwischen hohen Bäumen hindurch , die es von der Nord- und Ost-Seite schützten , südlich zog sich der Garten hin , von lebendigen Hecken eingefaßt ; alles höchst einfach und anspruchslos . Unmittelbar hinter diesem breitete sich eine frische Wiese aus , die dem Auge einen weiten , freien , Horizont eröffnete . Nach dieser Seite zu , lagen die Krankenzimmer , geräumige Säle , an deren Fenster sich Wein und Epheu hinaufrankte , ohne jedoch die Aussicht ganz zu verdecken . Die Wände waren grün gemahlt , oberhalb in schmale weiße Felder getheilt , welche Frucht- und Blumen-Kränze einfaßten , in diesen Feldern standen Biblische Sprüche sehr groß geschrieben , zur Erbauung und zum Troste der Leidenden . Zu große Entfernung hinderte den Arzt , fortwährend Theil an dem glücklich eingeleiteten Geschäfte zu nehmen . Er empfahl daher Luisen einen Mann von reifen Jahren , einen Chirurgus des nächsten Städtchens , der im Druck und der Beschränktheit sein Gemüth befestigt , und seinen Geist still fortgebildet hatte . In einem hohen Grade mild und selbstverläugnend , paßte er sich ganz zum steten Beobachter vieler Unglücklichen , die Trost und Heil von ihm erwarteten . In dankbarer Rührung nahm er Luisens Vorschlag an , worauf er sofort ein Zimmer in dem neuerbauten Hause bezog . Minchen ging ihm fleißig an die Hand , Aufmerksamkeit und Erfahrung hatten sie schon zu so manchem richtigen Schluß geführt . Besonders verstand sie sich auf die Anwendung selbstgezogener Kräuter , und Bereitung von Säften und Getränken . Luise konnte nicht sowohl selbst Hand anlegen , als mit schnellem Blick das Fehlende erkennen , und ihm durch gehörige Anordnungen abhelfen . Dennoch brachte sie viele Stunden des Tages bei den Kranken zu . Ihr bloßes Erscheinen , und der sanfte ergebene Ernst in ihren Zügen wirkte wohlthuend auf die Gemüther . Auch kam sie selten mit leeren Händen . Immer fand sie etwas aus , was den Ermatteten erquicken , den Schmrrz des Leidenden lindern , oder den Muthlosen überraschend anregen konnte . Willig las sie denen aus der Bibel vor , die gern den gesunkenen Sinn in den Quell des Lebens erfrischen mögten . Besonders aber war sie den Kindern eine liebe Mutter , die ihr schon immer von fern die Händchen entgegenstreckten , um die mitgebrachten Bilder und Spielereien in Empfang zu nehmen . Der Ruf einer so milden Stiftung , auf der sichtlich Gottes Segen ruhete , da alles den erwünschtesten Erfolg hatte , mußte sich hald verbreiten . Von nah- und fernen Ortschaften schleppten sich Kranke herbei , oder ließen sich fahren und tragen , um nur unter den segensvollen Händen der Dame vom Schlosse zu heilen . Luise mußte bald eine strenge Auswah ! unter ihnen treffen , und konnte nur diejenigen aufnehmen , welchen wahrhaft äußre Mittel zu ihrer Wiederherstellung fehlten , um nicht über das Maaß ihrer Kräfte hinausgetrieben zu werden . Dennoch ward sie als Heilige geehrt und blieb immer gleich gesucht . Unter so frommem Wirken ging die Zeit unmerklich an Luisen vorüber . Die Jahreszeiten wechselten , aber das stille Leben blieb ununterbrochen dasselbe . Zuweilen erhielt sie Briefe vom Obristen , der , recht im Gegensatz mit ihr , scharf und entscheidend in die Welthändel eingriff , und jetzt auf auf einem Zuge gegen die Kaukasische Tartaren vorrückte . Er fürchtete , lange nicht nach Europa zurückzukehren , wohin ihn doch Luisens Andenken unverändert rief . Sie erzählte ihm dafür gern alles , was auf den wieder errungenen Frieden ihres Herzens Bezug hatte , und betrachtete überall diesen Briefwechsel als eine liebe Zugabe ihres anderweitigen , heitren Lebens . Weniger erfreulich waren ihr die Nachrichten , welche sie von Zeit zu Zeit von ihren Freunden aus der Stadt erhielt . Auguste hatte bei ihrer Rückkehr mit aller Anstrengung und allem Gewicht ihrer Sentenzen nichts gegen die Stimme der Welt ausrichten können . Der Schein war gegen sie ; man glaubte sie in den bösen Handel verstrickt , und alles , selbst der Engländer , der vor ihr angekommen war , wandte sich von ihr ab . Sie schrie und schimpfte und haßte nun die englische Nation , wie sie sie vormals geliebt hatte . Die Baronin blieb ihre ärgste Feindin , da diese sich mit scheinbarer Kälte auch von der eignen Tochter wenden zu müssen glaubte , um ihr Gewicht in der Meinung der Menschen nicht zu verlieren . Von Emilien erfuhr man wenig , da die Mutter nie , und die Welt selten noch von ihr sprach . Frau von Seckingen war endlich durch den Tod ihres Mannes in den Stand gesetzt , Horst ihre Hand zu geben . Sie besaßen nun beide , was sie wünschten , und schleppten ein nüchternes Dasein neben einander hin . Luise betrachtete mit Wehmuth all die mannichfachen Verirrungen , und wie so viel gute Menschen sich selbst täuschen . Sie redete einst mit Minchen darüber . Allein diese erwiederte : ich weiß nicht recht , was das eigentlich heißt , wenn man von der Liebe eines Menschen sagt , er täusche sich selbst . Was doch so recht innig und lebhaft das ganze Wesen erschüttert , das ist doch da , und wirklich , wo ist denn nun die Täuschung ? Am wenigsten mag ich es leiden , wenn die Leute selbst nach kurzer Frist ein Gefühl so nennen , was ihnen doch für Augenblicke höher als ihr eignes Leben war . Ich glaube , erwiederte Luise , man kann jeden Mißgriff wohl mit Recht eine Täuschung nennen . Das Gefühl selbst ist kein trügerisches Spiel , aber seine Beziehung kann falsch sein , und man darf in den vielen vorüberrauschenden Neigungen nichts Ewiges sehen , als die unendliche Sehnsucht nach einer unwandelbaren Liebe . Aber , fiel Minchen ein , sollen die armen Betrognen erst Menschenalter durchleben , um zu wissen , welches die rechte Liebe sei ? Das ist ein Geheimniß , sagte Luise , welches die Liebe jedem in sich selbst offenbart . Während sie so redeten , trat der Mönch unerwartet zu ihnen in ' s Zimmer . Er war lange in Geschäften seines Ordens verreist gewesen , auch hatte Luise ihn bis dahin vermieden , aus Furcht , schlafende Erinnrungen zu erwecken . Sie mußte heftig weinen , als sie ihn sah . Zugleich aber strömte auch in seiner Nähe mancher verhaltne Schmerz aus . Sie fühlte sich bald erfrischt und gestärkt . Er verstand sie wohl . Auch in ihm regte sich die Vergangenheit lebendiger bei ihrem Anblick . Liebes Kind , sagte er in großer Rührung , glaube es nur , der rechte Mensch in uns altert nie ! Was Dich bewegt , das zittert noch durch meine ganze Seele . Luise betrachtete ihn lange schweigend . Es war das erstemal , daß sie ihn nach jener Entdeckung wiedersah . Eduard von Mansfeld , sagte sie , an das kleine Miniaturbild und die Schilderung der Markise denkend , wie anders , und doch wieder so ganz derselbe . Was sind denn Zeit und Jahre ; klingt doch die alte Liebe immer wieder aus den Tiefen des Herzens herauf . Alles in ihr zog sie von da zu dem geliebten Verwandten , der sie gern aufsuchte und mit Liebe in ihren thätigen , beglückenden , Beruf eingriff . Und wenn das fromme Tagewerk nun vollendet war , so saßen sie die Abende vertraut bei einander , und keiner scheuete , in sich zurückzublicken , und die geheimsten Gedanken auszusprechen . Eduard erzählte oft von seinen Reisen , seinem langen Aufenthalte in Aegypten , und wie ihm dort Violas Tod so gewiß geworden sei , daß er nie mehr daran gezweifelt habe . Ein Eid , sagte er , den Violas Eltern ihn abgedrungen , sich nur in höchst entscheidenden Momenten , wo es das Leben des Einen oder Andern gelte , als Vater des Kindes zu erkennen zu geben , habe ihn immer von Fernando entfernt gehalten . Aber , fuhr er fort , des Menschen Vorsicht ist eitel , der Himmel macht sie meist zu Schanden . Wie lebendig , hub er nach einer Weile auf ' s neue an , steht hier immer die Jugendzeit meiner Liebe vor mir ! Es ist Violas Geist , der so wunderlich , so bunt und ernst in dem Schmuck und Zierrath der Zimmer lebt . Es ist , als sähe sie aus den übrigen dunklen Umgebungen , wie aus dem Grabe , nach mir hin . Er redete noch viel von ihr , und seine junge Freundinnen hörten ihm theilnehmend zu , als ein heftiger Knall im Zimmer sie alle aufschreckte . Wie sie sich umsahen , nahmen sie einen großen Riß in der Tapete wahr , die , an zwei Stellen geplatzt , sich weit auseinander rollte . Minchen trat mit einem Lichte näher . Seht doch ! rief sie , wie seltsam ! Sie fanden ein hohes , schwarzes Cruzifix , das in die Wand eingelassen war . Daneben sah man auf hölzernen Feldern Heiligen- und Märtyrerbilder , im ältesten Styl gemalt . Bei genauer Besichtigung entdeckten sie unterhalb einen kleinen eingemauerten Schrein , dessen Thüren sich leicht aufschieben ließen . Hier lag , neben Weihgefäßen und einem Rosenkranz , ein kleines Büchelchen , mit silbernen Nesteln zugehakt . Luise öffnete es zuerst . Unter Gebeten und Sprüchen , fiel ihr auf der innern Seite des Deckels eine feine Handschrift auf , die so lautete : » Hier hab ich Gott all mein Herze gesagt und Trost erfunden in mancher Stund . Doch ist des Leides kein End ' , denn der Herr mag nicht wehren das Böse , bis es selbst versöhnt die eignen Schulden . Aber eine Zeit wird kommen , davon ist gesagt , daß ein frommes Auge mit heißen Thränen Aller Schuld abwaschen und Buße an Leib und Seele üben werde . Dann soll die Lust und die Ehre aus diesen Mauern ausziehn , und der Name Falkenstein verhallen , und Friede sein und Ruhe in den Gräbern . Denn der Herr zählet die Seufzer und Thränen , und giebt den Seinen was ihnen werden muß . - Gertrud von Falkenstein . « Das ist der Name der Ahnfrau , sagte der Mönch , der unter dem steinernem Bilde in Kloster eingegraben ist . Luise heftete ihre Augen noch immer auf die vor ihr liegenden Worte . Niemand sagte weiter etwas . Jeder war mit eigenen Gedanken beschäftigt , bei dem Anblick des Cruzifixes und seiner Ausschmückungen , die fast gewaltsam aus der alten Welt hervordrangen . In Luisen besonders bildeten sich längst gehegte Vorstellungen noch fester aus . Schon lange waren ihre Traumgesichte seltner und milder geworden . Die verschleierte Gestalt zeigte ihr meist ihr Gesicht , das unendlich wehmüthig und hold auf sie blickte . Alles deutete ihr die nahe Versöhnung . Der Krieg war indeß fast in ganz Deutschland ausgebrochen , und trieb Luisen viel Unglückliche zu , die ihre Aufmerksamkeit mehr als jemals in Anspruch nahmen . Unter den gehäuften Beschäftigungen hörte sie dennoch theilnehmend , daß Stein mit den Kämpfenden war , und sich mit allem neu erwachtem Lebensmuth auszeichnete . Trotz der allgemeinen Unruhen blieb ihre Einsamkeit von Störungen verschont . Sie mußte ihr stilles Loos seegnen , das ihr so glücklich den Schutz der Bedrängten gewährte , ohne sie in den wilden Wirbel mit hinein zu ziehn . Der Mönch hingegen , ward lebhafter durch die nächste Ereignisse angesprochen . Fernando war auf ' s neue in seiner Nähe . Er wünschte und fürchtete ihn zu sehn . Als darauf aber der Friede geschlossen war , und der siegreiche Feind dennoch weilte , hoffte er mit wachsender Sehnsucht auf die letzte Umarmung seines Sohnes . Luise blieb sehr entfernt von ähnlichen Gedanken . Seit der Krieg ihr jedes Mittel , von den Obristen Nachricht zu erhalten , abschnitt , bekümmerte sie sich wenig mehr um Dinge , die außer ihrem Kreise lagen . Sie fragte nicht , und erfuhr daher auch selten , was Tausende unruhig beschäftigte . Als sie eines Tages ihre Kranken besuchte , und einem schönen , eben genesenden , Knaben liebkosete , und ihm allerlei Spielwerk mitbrachte , bat sie dieser , mit ihm in Garten zu gehn , wo so viel schöne Blumen blüheten . Es war ein warmer Maitag , und sie mochte ihm wohl den Gefallen thun . Das Kind war aber noch matt , und konnte nicht weit gehn . Sie führte ihn also in eine Laube , und nachdem sie ihm hohe Wasserlilien und Kalmus gepflückt hatte , setzte sie sich zu ihm , lehrte ihn von den gespaltenen Stielen und langen Blättern schöne Ketten machen , und erzählte ihm da von dem Jesuskinde aus einem bekannten Volksbuche , wie es so gern mit andern Kindern gespielt , und dabei alles zum Besten gewandt und den Bekümmerten geholfen habe . Einst , sagte sie , war Jesus nah bei einem Brunnen und setzte sich auf einen Stein , da kam ein Kind mit einem Kruge , um Wasser zu schöpfen , aber es ließ den Krug fallen , und der Krug zerbrach in tausend Stücke . Als das Kind nun so sehr weinte , und sich vor seiner Mutter fürchtete , da streichelte ihn Jesus mit den kleinen Händchen , und sagte , weine nicht , ich will dir helfen , geh nur und hole mir die Scherben , und da diese nun vor Jesum lagen , da machte er den Krug wieder ganz , so daß man nicht sehen konnte , daß er zerbrochen gewesen war . Eben wie sie die letzten Worte sagte , fiel nicht weit von ihr ein Schuß . Der kranke Knabe schreckte heftig zusammen , und barg den Kopf in ihren Schooß . Luise redete ihm zu , und suchte ihn auf alle Weise zu beruhigen , als sie selbst durch ein ungewöhnliches hin und her Laufen außerhalb des Gartens verstört ward . Sie wollte nach der Thür eilen , konnte aber wegen des Knaben nur langsam gehen . Dieser hatte mit einer Hand seine Blumenbüsche zusammen gefaßt , und hielt mit der andern die Kette und Luisens Kleid . So schlichen sie an der Hecke entlang , als plötzlich hinter derselben ein Mann , wild und verstört , vor Luisen hinstürzte , und heftig rief : Sie werden mir fluchen , Sie müssen mir fluchen , gewiß , gewiß , ich habe ihn ja ermordet ! - Sie erkannte schaudernd den Jagdjunker , und wie ein Blitz fuhr der Sinn seiner Worte durch ihre Seele . - Fernando ! rief sie . Ja , ja schrie Carl , da tragen sie ihn hin . Luise sah auf , zwei Männer hoben eine Tragbahre in das Haus hinein . Tod ? fragte sie sanft , und aller Schmerz eines langen Lebens preßte sich in einzelne herabrollende Thränen zusammen . - Noch nicht , aber bald , erwiederte Carl . Sie reichte ihm die Hand . Lassen sie mich ihn noch einmal sehen , sagte sie , jetzt habe ich nichts mehr zu scheuen , die Stunde versöhnt uns alle . Der Knabe drängte sich furchtsam an sie , er wollte nicht von ihr weichen , und sie konnte ihn jetzt am wenigsten hart zurückweisen . So traten sie in das Krankenzimmer . Fernando lag auf einem Sessel der Thür gegenüber . Er richtete sich völlig auf , als Luise nahete . Gott mein Gott ! rief er die Arme ausbreitend , so finden wir uns dennoch wieder ! aber wiederkehrende Schmerzen überwältigten ihn bald , und rissen ihn wimmernd auf sein Lager zurück . Luise kniete neben ihm , der Knabe reichte dem Kranken unaufhörlich seine Blumen hin , und sagte , er solle nur still sein , Jesus werde ihn bald helfen , der habe ihm auch geholfen . Fernando mußte endlich die Blumen nehmen , ihr frischer Duft belebte ihn für einen Augenblick , er küßte des Knaben Stirn , welcher ihm auch nun die schöne Kette zeigte , und sie spielend um ihn und Luisen schlang . Jesus Christus sei gelobt ! rief Fernando , Luisens Hand ergreifend , sein Auge brach , er sagte nichts mehr . - Da trat der Mönch herzu , er legte seine Hand segnend auf des Sohnes Stirn , und ließ ihn still an seiner Brust verscheiden . Als er nun neben Julius begraben , und alles ruhiger und seliger in Luisen war , erfuhr sie durch Carl , wie eine unbedeutende Neckerei , beide bei zufälligem Zusammentreffen im nächsten Städtchen aneinander brachte , daß Fernando darauf nach dem Kloster geritten , Carl ihm aber in seinem Grimm gefolgt sei , und der hitzigste Wortwechsel zuletzt Blut gefordert habe . Fernando war an derselben Stelle gefallen , wo ihn Julius früher verwundet hatte . Gott hat es so gewollt , tröstete ihn Luise . Das war schon längst bestimmt , und Sie ein unschuldiges Werkzeug ewiger Vergeltung . Sie lebte von da noch viele Jahre ein stilles , erbauliches Leben , durch nichts unterbrochen , weder in übergroßer Freude noch Schmerz . Der Obrist ward durch seinen Beruf und Familienverhältnisse gezwungen , von ihr entfernt , im Nördlichen Asien , den wichtigen Posten eines Gouverneurs dortiger Provinzen zu übernehmen . Er bewahrte immer eine treue Liebe für Luisen , und starb endlich unvermählt . Minchen blieb Luisens treue Gefährtin . Einst erschien dieser nach langer Zeit die Ahnfrau wieder im Traume , jugendlich und reich geschmückt , wie sie sich zu ihr neigte , und sie küßte . Noch selbigen Tages schloß Luise die müden Augen , nachdem sie ihre fromme Stiftung dem Kloster vermacht , und Minchen zur Vorsteherin derselben ernannt hatte .