als unserer höhern Bestimmung zuwider verdammten , hielten mich ab , ihm meine Empfindungen zu entdecken . Ich ehrte seine Grundsätze , weil ich ihren Ursprung in einem vom Irdischen abgezogenen Gemüth erkannte , weil ich einsah , daß nur solche Gesinnungen ihm die heilige Achtung für Alles einflößen konnten , was er für Pflicht hielt , daß er nur durch sie fähig war , das Apostelamt bei barbarischen Völkern zu übernehmen , jede Bequemlichkeit des Lebens , und das Leben selbst für gering zu achten . Ich verschloß meine Freuden , mein süßes Geheimniß in meiner Brust , und genoß sie vielleicht um desto inniger . Mein Vorsatz war , sogleich nach Nikomedien zu gehen , wo ich Agathokles selbst , oder doch Nachricht von ihm zu finden hoffte . Wir nahmen Pferde , und auf mein dringendes Bitten einen Sclaven zur Begleitung . Heliodor war mein Vater , ich seine Tochter , die Wittwe eines Kaufmanns aus Byzanz . So machten wir uns auf den Weg . O welche glänzenden , entzückenden Bilder malte mir nicht meine Phantasie ? Welche frohen Geschichten erzählte ich mir nicht in den vielen stillen Stunden unserer Reise ? Ich wußte , daß Synthium , Agathokles Landgut , an der Straße von Chalcedon nach Nikomedien liegt . Der Gedanke , dahin zu gehen , ihn vielleicht dort zu treffen , wenn er im düsteren Schatten seiner Gärten schwermüthig ging , und manches Bild einer bessern Vergangenheit vor seinen Blicken schwebte , ihm dann zu begegnen , und wenn er erstaunt zurückbebte , an seine Brust zu sinken , und ihm zu sagen , daß wir glücklich , daß wir vereinigt wären - dieser Gedanke , diese Aussichten machten mein Herz vor Freude zittern , und so näherten wir uns den waldigen Hügeln , hinter denen es verborgen liegt . Heliodor ' n wagte ich nicht , meinen geheimen Wunsch zu entdecken , ich gab eine große Ermüdung vor , und bat ihn , weil der Abend einbrach , in dem Dorf , das vor uns lag , zu übernachten . Wir ritten langsam die Straße hin , und schon sah ich das Dach des Hauses freundlich zwischen dunkeln Pinien hervorblicken . Ein Theil des Gartens erstreckt sich bis an den Weg , gegen welchen er sich in ein großes Gegitter endigt , das die Aussicht auf die Straße und die Gegend umher gewährt . Das wußte ich noch recht wohl , und freute mich , Alles so zu finden , wie es in den guten Tagen meiner ersten Jugend gewesen war . Wie wir uns dem Garten näherten , sah ich zwei Frauenzimmer in häuslicher Tracht , die aber trotz ihrer Einfachheit Reichthum und hohen Stand verrieth , Arm in Arm den Platanengang herabwandeln . Das Gitterthor war offen , unser Anblick hatte sie herbeigezogen , sie traten heraus . Es waren zwei vollkommen schöne Gestalten ; die Eine schlank und majestätisch gebaut , mit dunkeln Augen und Haaren , schien älter , und ein Zug von Kummer in dem blassen Gesichte machte sie mir lieber , als ihre jüngere Gefährtin , die in der Fülle der Jugend und Schönheit neben ihr stand . Die Erscheinung befremdete mich . Eine unangenehme Empfindung bemächtigte sich meiner . Hatte Agathokles das Landgut verkauft ? Wohnte er nebst diesen schönen Frauen hier ? Mein Herz schlug ängstlich . Jetzt hatten auch sie uns erblickt , und grüßten uns freundlich . Ich sandte den Sclaven ab , um mich bei ihnen zu erkundigen , wem die Villa gehöre , und ob wir im Dorf eine Nachtherberge finden könnten . Der Sclave kam bald zurück , und brachte die Antwort , die Villa gehöre einem kaiserlichen Tribun , im Dorfe würden wir keine anständige Unterkunft finden ; wenn wir ihnen aber das Vergnügen machen wollten , bei ihnen zu bleiben , so würden sie sich bemühen , uns einen erträglichen Aufenthalt für diese Nacht zu verschaffen . Das Zuvorkommende dieser Einladung , noch mehr aber die Begierde hier klar zu seyen , trieb mich an , das Anerbieten anzunehmen , trotz manches Widerspruchs meines Begleiters , der gegen die schönen geschmückten Frauen , gegen den hohen Wohlstand , den hier Alles verrieth , Manches einzuwenden hatte . Mein unseliger Vorwitz siegte . Ach was sollte ich erfahren ! Wie bitter wurde meine Falschheit gegen Heliodor , die Absichtlichkeit meines ganzen Betragens gestraft ! Wir stiegen ab . Die Frauen empfingen uns sehr freundlich , man erkundigte sich nach unsrer Reise , und mit vieler Feinheit nach unsern Umständen . Wir erzählten , was wir bereits verabredet hatten . Mein Mann war in Byzanz gestorben , ich ging nach seinem Tode mit meinem Vater nach Nikomedien zurück . - Unsere wahre Geschichte hätte viel unglaublicher geklungen , als diese gewöhnliche Erdichtung . So kamen wir in den Garten . Ach , tausend Erinnerungen wehten mich aus den Wipfeln dieser Bäume an , bei jedem Schritte dachte ich den Eigenthümer des Gartens aus einem Gebüsche hervortreten zu sehen - die theure Gestalt zu erblicken , die stets vor meinen Augen schwebte ! Wir setzten uns , das Gespräch fiel bald auf die Neuigkeiten des Tages ; es wurde vom Kriege , von des Cäsars letztem Siege , von den Hoffnungen des armenischen Prinzen Tiridates , dessen Ansprüche der Hof von Nikomedien so thätig unterstützte , gesprochen . Heliodor nahm eifrig Theil an diesen Nachrichten , das Gespräch wurde lebhaft . Die schöne junge Person lächelte ihre ältere Freundin schalkhaft an , und ein angenehmes Lächeln , das den trüben Blick dieser zweiten erhellte , zeigte mir , daß des Prinzen Schicksal sie nahe anging . Bald hörte ich auch ihren Namen . Es war Sulpicia , jene Römerin , von deren unglücklichen Leidenschaft mir Agathokles öfters erzählt hatte . Wie sie aber nach Bythynien und auf diese Villa kam , war mir unerklärlich . Heliodor , der noch einige Anstalten für unsre Reise zu machen hatte , entfernte sich jetzt . Sulpicia bat ihre Freundin , ihn zu begleiten , und Alles zu besorgen . Komm dann bald wieder , liebe Calpurnia , rief sie ihr freundlich nach - Calpurnia ! Wie ein Blitzstrahl wirkte dieser Name auf mich , mein Blut stand still - ich war unvermögend , mich zu regen oder ein Wort zu sprechen . Erst , als der gefürchtete Gegenstand schon weit von uns war , erwachte ich aus meiner Betäubung . Also Calpurnia hier - auf dieser Villa ! Schwankend wie die Erinnerung eines Traumes , kam mir nach und nach die Besinnung , daß ich von dir erfahren hatte , Calpurnia sollte mit ihrem Vater nach Bythynien kommen . Und sie war hier - sie lebte auf dieser Villa - als was ? als was anders als die Braut - vielleicht die Gattin des Besitzers ! Was in mir vorging , als diese Entdeckungen langsam , aber deutlich sich aus meinen verworrenen Gedanken entwickelten - o der Tod kann nicht bitterer seyn , als diese Gefühle ! Darum war also bei der Ungewißheit meines Schicksals auch nicht Eine Nachforschung nach mir , nicht Ein Versuch zu meiner Rettung gemacht worden ! Sulpicia war bei mir zurückgeblieben . Die Sonne sank hinter den Bergen hinab , ihr letzter Strahl brach durch das Gebüsch , und malte Alles um uns mit glänzendem Gold . Ich saß verloren in schmerzlichen Gefühlen , und hörte nur halb , was Sulpicia von der Stille und Schönheit des Abends sprach . Ich muß ihr nichts geantwortet haben , denn sie legte endlich die Hand auf meinen Arm , und sagte mit unbeschreiblich gütigem Tone : Du scheinst auch nicht glücklich zu seyn , liebe Fremde ! Ich fuhr empor - ich sah sie starr an , ihr Auge wurde feucht , und meine Thränen brachen hervor . O , ich habe viel - viel verloren - rief ich erschüttert . » Das glaube ich . Verlust von dieser Art - sie deutete auf mein Trauerkleid - wird selten oder nie verschmerzt . « Ich war froh , so mißverstanden zu werden , ich ließ meinen Thränen freien Lauf , Sulpicia verstand mich , ohne mich zu ergründen ; ich fand eine Art von Beruhigung in ihrer zarten Theilnahme . Ach sie weiß auch , was ein zerrissenes Herz ist ! Die Sonne war jetzt hinunter , Calpurnia kam hüpfend zurück , und ermahnte ihre Freundin , bei der sinkenden Dämmerung ihre Gesundheit zu schonen und in ' s Haus zu gehen . Wir standen auf . Im Hineingehen betrachtete ich diese reizende Gestalt recht aufmerksam . O sie schien mir jetzt , da ich wußte , wer sie war , noch schöner , noch verführerischer ! Jede Bewegung war Anmuth - Wohllaut möchte ich sagen , jedes Wort bedeutend , jeder Blick siegreich . Als wir in einen Saal zu ebener Erde traten , nahm sie mich auf eine muntere Art bei der Hand , und zog mich fort , um mir mein Schlafgemach zu zeigen . Es war ein niedliches kleines Zimmer , mit allen Bequemlichkeiteen des Wohlstandes , ohne Pracht versehen , und mit der Aussicht in den wildesten Theil der Gärten . Ein Spiegel an der Wand zeigte mir plötzlich , ich kann sagen , mit Schrecken , unsre beiden Gestalten , Calpurnia blühend , jugendlich , mit den siegreichen Blicken , den glänzend braunen Locken , die künstlich geringelt um die weiße Stirn , die rosigen Wangen , den blendenden Nacken flatterten , in der üppigsten Fülle einer glücklichen Schönheit - und ich neben ihr , verblüht , von Kummer verzehrt , von Sonne und Luft verbrannt , mit trüben Blicken und der tiefen Narbe auf den farblosen Wangen . O Junia ! Nur die ungemessenste Eitelkeit oder die lächerlichste Verblendung hätte es wagen können , hier sich in einen Wettstreit einzulassen . Ich erkannte deutlich die Größe des Abstandes und meinen entschiedenen Verlust . Sie entfernte sich hierauf , » um mir Ruhe zu lassen , « sagte sie . Ach ja wohl ! Sie läßt mir Ruhe - die Ruhe des Grabes , nachdem ich durch sie Alles verloren habe , was dem Leben Werth gibt . Ich weinte recht heftig , und weinte mich aus , ich warf mich auf meine Kniee und demüthigte mich unter der Hand des Gottes , der züchtigt , weil er liebt . Ich bat ihn um Stärke , und fühlte mich wirklich gefaßter , als nach einer Weile eine Sclavin kam , nm sich zu erkundigen , ob ich nichts bedürfe . Ich verlangte zu ihrer Gebieterin geführt zu werden . Das Mädchen brachte mich in einen Saal , der angenehm durch einige in schönen Urnen brennende Lampen erhellt war . Sulpicia lag auf einem Ruhebette , Calpurnia ihr gegenüber hatte die elfenbeinerne Leyer im Arm , auf der sie eben gespielt und dazu gesungen hatte . Ich bat sie fortzufahren , da griff sie mit den Lilienarmen in die goldenen Saiten , und sang mit wollüstig schmelzender Stimme ein ziemlich loses Lied darein . Ich dachte der Zeit , wo ich auch gespielt und gesungen hatte , damals , als die ersten Gefühle in unsern jungen Herzen erwacht waren , und später in Edessa und Nisibis , wo mein Gesang oft die müden Wassengenoffen erheiterte , Demetrius Beifall mich lohnend ermunterte , und ein Auge voll Rührung und heiliger Liebe an meinen Blicken hing . Aber freilich , so verstehe ich nicht zu singen - mit so sprechenden Geberden , mit so wollustathmenden Lauten - und keine so weichen runden Arme bezauberten das trunkne Auge , indeß das Ohr dem Sirenensang lauschte . So ward jeder Blick auf sie ein Stachel in meine Seele . Aber ich war noch zu etwas Härterem bestimmt , ich sollte den Kelch bis auf die Hefen leeren , und in keinem unaufgehellten Dunkel meines Geschickes den Trost der Ungewißheit , der möglichen Hoffnung erhalten . Es lagen Zeichnungen auf dem Tische ; ich sah sie durch , es waren verschiedene Gegenstände sehr geschickt ausgeführt . Jetzt ergriff ich die größte und letzte - o Gott im Himmel , was erblickte ich ? - Agathokles Bild , zu Pferde , in einer mir bekannten Straße von Nikomedien , in vollem kriegerischen Schmucke , und von einer Menge Menschen umgeben . Ich zitterte , lange hielt ich wie bewußtlos das unglückliche Blatt in der Hand - und mein Auge sah nur ihn . Es waren seine Züge , seine Haltung so genau , so lebendig ! Meine Seele verlor sich im Anschauen . Calpurniens Stimme weckte mich aus meinem Traume . Sie fragte mich , wie mir das Blatt gefiele ? Vortrefflich - antwortete ich , und setzte in der schrecklichen Verwirrung hinzu - er ist zum Sprechen getroffen . » Wie , du kennst den Tribun ? « rief sie rasch und sprang auf mich zu , gleich als hätte meine Bekanntschaft mit ihm mir ein höheres Interesse in ihren Augen gegeben . O wie lebhaft muß das seyn , das sie an ihm , das er an ihr nimmt ! Es war zu spät , meine Unbesonnenheit wieder gut zu machen , ich mußte sie nun schicklich bemänteln . Ist es nicht Agathokles , der Sohn des Hegesippus ? sagte ich . » Ja er ist ' s , « rief sie fröhlich , » du kennst ihn ? « Ich erinnere mich , ihn vor mehreren Jahren in Nikomedien gesehen zu haben . » Und du findest das Bild getroffen ? « Vollkommen , nur wünschte ich die Bedeutung zu wissen . Nun erfuhr ich , daß Agathokles sich in der letzten Schlacht außerordentlich ausgezeichnet hatte , daß er auf dem Wahlplatze zum Tribun erwählt , und vom Cäsar als Siegesbote zum Diocletian gesendet worden war . In diesem Augenblicke des schmeichelnden Volkszurufes hatte sie ihn gezeichnet - sie selbst . Sulpicia lächelte sein , als Calpurnia mir das erzählte . » Es ist kein Wunder , « sagte sie endlich , » daß sie ihn so gut getroffen hat ; die Phantasie entwirft - und Eros1 führt die Hand . « Ein kleiner scherzhafter Streit begann nun unter den beiden Römerinnen , ein Streit , dessen Gegenstand Er - und seine Liebe zu Calpurnien war , - und ich war Zeugin , und ich wurde zuweilen von der freundlichen Sulpicia aufgefordert , Theil daran zu nehmen ! O das war eine der bittersten Stunden meines Lebens ! Ich erfuhr durch diese kleine Neckerei endlich so viel , daß zwar Calpurnia noch nicht seine Gattin , aber seine Geliebte , und nicht viel weniger als seine Braut war , da ihr Verhältniß schon in Rom angefangen , und in Nikomedien fortgesetzt wurde , daß er aber jetzt wieder zum Heere abgegangen war , wo die Friedensunterhandlungen mit den Persern beginnen sollten . Ich wußte genug , und entfloh , so bald ich konnte , in die Einsamkeit meines Zimmers . Kein Schlaf besuchte meine Augen . Ich hatte erlangt , was ich gewünscht hatte , ich war aus der Gefangenschaft befreit , ich war in meinem Vaterlande , auf seiner Villa - und wie war ich es , unter welchen Verhältnissen ! Wild und verworren durchkreuzten sich Gedanken , Gefühle und Entwürfe in meiner Seele . Das allein fühlte ich klar , daß nun mein Lebensplau zerrissen , und ein neuer nothwendig war . Aus dem Kampfe streitender Kräfte , aus dem Chaos schmerzlicher Empfindungen ging er endlich hervor , wie ein einzigübriger Lebender sich bleich und schaudernd von dem , Schlachtfelde aufrichten mag , auf dem alle seine Brüder gefallen sind . Ich entwarf ihn mit klarer Besinnung , und du sollst ihn hören und billigen . An eine Vereinigung mit dem , den ich nicht mehr nennen will , ist nicht zu denken . Er ist todt für mich , so will ich es auch für ihn seyn . Das Schicksal hat mein Daseyn zerstört , es hat mir Stand , Gemahl , Vermögen , Alles geraubt , alle Lebenshoffnungen zernichtet - so höre denn auch mein Wesen , mein Name auf . Larissa ist todt - sie ist unter den Ruinen von Trachene begraben . Diese Theophania ( du weißt , daß dies mein Christenname ist ) , die jetzt arm , verlassen , einsam zurückkehrt , ist ein anderes Wesen , fremd für die Welt , fremd für jene , die sie so schnell vergessen konnten . Sie ist nicht in Nikomedien geboren . Synthium ist der Ort ihrer Entstehung . Sie hat auch nichts mehr in der glänzenden Hauptstadt zu suchen . Einige Kostbarkeiten , die jene verstorbene Larissa rettete , und die immer einige Talente2 werth seyn mögen , werden ihr ein beschränktes , aber sorgenfreies Leben sichern . Sie kann entbehren - das Schicksal hat sie in seine Schule geführt . Sie wird mit Heliodor nach Nicäa gehen , und dort , entweder in dem Hause seiner Verwandten , oder einer andern unbescholtenen Christenfamilie Aufnahme und Schutz suchen . Dort wird sie unbemerkt leben , sterben , oder vielleicht nächstens zu ihren wilden Freunden zurückkehren , deren unverfeinerte Gemüther nicht fähig sind , jeden Eindruck so schnell fahren zu lassen . Sobald der Tag anbrach , verließ ich mein Zimmer , und stieg in die thauigen Gärten hinab . Ungestört durchirrte ich die wohlbekannten Gänge , und rief mit schmerzlicher Lust die Bilder der Vergangenheit zurück . Hier hatte ich als Kind mit den Gespielen der Kindheit schuldlos und glücklich gespielt , dort in jener dunkeln Pinienlaube hatten die Gefühle der Jungfrau zuerst Worte bekommen , dort hatten wir uns ewige Treue geschworen , und von dem Gipfel jenes Hügels wehten die Palmen im Morgenwind , unter denen seine Mutter uns oft um sich gesammelt , Lehren der Tugend und Weisheit in unsre Seelen gesenkt , und uns mit einander und für einander gebildet hatte . Mit schmerzlich süßer Wehmuth , mit zerreißenden Gefühlen durchstreifte ich diese Denkmale einer bessern Vergangenheit . Als ich mich dem Hause näherte , kam mir Heliodor entgegen . Er hatte mich gesucht , um mich zur schnellen Abreise zu bestimmen . Ihm war es nicht wohl in diesem glänzenden Hause , in der Nähe der leichtfertigen Calpurnia . Sein Antrag kam mir erwünscht , ich ersuchte ihn zugleich den Reiseplan zu ändern , indem ich nicht mehr wie Anfangs gesonnen sey , nach Nikomedien zu gehen , wohin er mich ohnedies nur aus Gefälligkeit begleitet hätte . Und wohin willst du ? sagte er . Wohin du gehst , erwiederte ich , nach Nicäa , oder an die Ufer des Borysthenes . Er sah mich sehr erstaunt und forschend an ; aber er fragte nicht weiter . » Und was willst du in Nicäa machen , du bist ganz fremd dort ? « » Ich bin es überall , « erwiederte ich , » du weißt , daß ich nirgends Freunde oder Verwandte habe . Willst du so gütig seyn , mir in deines edlen Bruders Hause eine Freistatt zu verschaffen , so wirst du dir ein unglückliches heimathloses Geschöpf ewig verpflichten . « Er schien nicht unzufrieden mit dieser Bitte , er versprach mir , gut und eifrig für mich zu sorgen ; allein ich sah wohl , daß er nur für diesen Augenblick nicht weiter forschen wollte , daß ihm aber mein geänderter Entschluß sehr auffiel . Ich fühlte , daß ich seinem strengen Forscherblick nicht entgehen , und früher oder später mich ihm würde entdecken müssen . Doch gern unterwarf ich mich Allem , um nur aus dieser Villa , aus der Nähe von Nikomedien zu kommen . Wir nahmen Abschied . Man schien unzufrieden über unsern schnellen Aufbruch ; Sulpicia zeigte eine wahre Theilnahme , ich sah , daß ich ihr werth geworden war , und dies Gefühl that mir , von aller Welt Verlassenen , unendlich wohl . Wir verabredeten , einander zu schreiben . So schieden wir , und langten in zwei Tagen in Nicäa an . Heliodors Verwandte nahmen mich auf seine Empfehlung ungemein gütig auf ; ich lebe mit ihnen , ich bin ruhig und verborgen in einem stillen Hause , unter guten Menschen , unter Christen - und so sind die kleinen Wünsche , die ich noch auf dieser Welt habe , erfüllt . Fußnoten 1 Eros , ein Name des Amors . 2 Ein Talent galt ungefähr gegen tausend Gulden . 50. Agathokles an Phocion . Samosata , im September 302 . Das Geräusch ist vorüber , es ist wieder still in mir , und so wie die Seele , sich selbst überlassen , nach und nach in ihre vorige Stimmung zurückkehrt , kehren auch ihre gewohnten Empfindungen zurück . Der Aufenthalt in Nikomedien mit all ' seinem Glanz , seinem prunkenden Geräusch liegt wie der Traum einer kurzen Sommernacht hinter mir . Die Eindrücke , die er hervorbrachte , verklingen allmählig , die Bezauberung entflieht , der Geist sieht wieder hell und richtig . Nein , das ist nicht die Liebe , die mich glücklich machen kann . Ach diejenige , welche diese Empfindung für mich in dem treuen wahren Herzen trug , schläft unter dem Hügel von Trachene ! Sie hätte mir kein Fest gegeben , sie hätte die kurze Zeit unsers Beisammenseyns nicht durch ein Schauspiel noch mehr verkürzt , in dem nur ihre Talente und ihre Schönheit staunenden Beifall einernten sollten . Larissa wäre an meine Brust gesunken , sie hätte nach meinen Gefahren , meinen Leiden gefragt , sie hätte mich geliebt , und Calpurnia wollte mich blenden und fesseln . Wie war es möglich , diese Deutung in das Fest zu legen , sich als meine Freundin zu erklären , deren sorgliche Liebe nur den höhern Ansprüchen des Vaterlandes weicht , und in einer Stunde darauf Alles das rein zu vergessen , oder wenigstens den Anschein haben zu wollen , als hätte man es mit allen Eindrücken , die es hervorbringen mußte , vergessen ? O wenn es Liebe gewesen wäre , was sie hinriß , sich selbst zu vergessen , und ihr Herz unverhüllt zu zeigen - wie hätte sie ' s vermocht , meinem wirklich bewegten Gemüthe so kalt und ruhig gegenüber zu stehen , und wenige Minuten nach dem bedeutungsvollen Fest nichts als eine leichte fröhliche Gesellschafterin zu seyn ? Es war Eitelkeit , nichts als Eitelkeit , sie wollte einen gewaltsamen Eindruck auf mich machen , aber die Regungen nicht theilen , die er in mir hervorbrachte . Wie klein , wie kalt erscheint mir ihr Bild ! Laß mich davon abbrechen ! Ich schäme mich , auch nur für einen Augenblick dem Zauber unterlegen zu seyn . Du scheinst , mein väterlicher Freund ! nicht ganz zufrieden mit meinen Ansichten des Christenthums , und noch weniger mit meiner Neigung , ein Bekenner desselben zu werden . Es ist schwer , in Briefen Alles zu erschöpfen , was sich für oder wider eine Sache von so vieler Wichtigkeit sagen läßt ; ich will also nur einige deiner Einwürfe zu beantworten suchen . Du wirfst diesem System vor , daß es auf bloße Tradition gebaut , durch Wunder unterstützt , und in undurchdringliche Geheimnisse gehüllt sey , die des menschlichen Verstandes zu spotten scheinen . Was die Tradition betrifft , so erging es dem Urheber dieses Systems nicht anders , als dem weisen Sokrates , Pythagoras und den meisten Stiftern berühmter Secten und Glaubensformen . Von ihrer Hand besitzen wir wenig oder nichts . Alles , was aus der Ferne der Zeiten zu uns herübertönt , sind einzelne Laute , aus ihrem oder ihrer ersten Schüler Mund , aufgezeichnet von Entfernteren , selten von Zeitgenossen , oder Augenzeugen . Die Christen besitzen doch wenigstens in den sogenannten Evangelien viele Sprüche , Lehren , Thaten und Meinungen ihres Meisters , seine Biographie von seiner Geburt bis an seinen Tod . Wenn wir dem Zeugnisse der Geschichte überhaupt Glauben beimessen , so müssen wir es auch diesen einfachen Erzählungen anspruchloser Menschen , denen es an Geschicklichkeit sowohl zum bessern Vortrag , als zur listigern Einkleidung gebrach . Hätten sie zu täuschen vermocht , oder es gewollt , wahrlich , die Gegner würden weniger einzuwenden haben , und das geflissentlich künstliche Gebäude weniger Blößen geben . Daß sie es nicht thaten , daß der grübelnde Verstand Manches an diesen nicht ganz gleichlautenden Zeugnissen aufzufinden weiß , was er haarscharf sichten , und zergliedern will - das bürgt mir für ihre Wahrheit . Die Jünger sahen ihren göttlichen Lehrer handeln , leiden , sterben , und wie sich diese Erscheinung in den Augen vier verschiedener einfacher Menschen spiegelte , wie die Erzählungen jener Begebenheiten , wovon sie nicht selbst Zeugen waren , mit den gewöhnlichen kleinen Veränderungen Jedem erzählt , und von ihm aufgefaßt wurden : so zeichnete sie Jeder , unbekümmert um das Urtheil der Nachwelt und die scharfe Kritik späterer Gelehrten , zur Erbauung der Gemeinde auf , der er vorstand . Ueber die Wunder kann ich dir nichts sagen . Manche lassen sich natürlich erklären , bei andern , so wie bei dem Geheimnisse der Geburt und Natur des Stifters , steht unser Verstand still . Wir können es nicht begreifen - aber müssen wir es denn begreifen ? Wie viele tausend Erscheinungen gehen in der physischen und moralischen Welt vor , wir fühlen ihre Wirkung , aber wir begreifen ihre Entstehung nicht . Mit fruchtloser Mühe zerarbeitet sich der menschliche Witz , diese Beobachtung unter Regeln und in Hypothesen zu bringen - und wie spottet die Größe und Erhabenheit der Natur dieser armen Abtheilungen , Unterabtheilungen und spitzfindigen Erklärungen durch die geheimnißvolle Art , wie sie ihre Gesetze befolgt , daß alle Augenblicke Lücken und Blößen in den künstlich errichteten Systemen entstehen ? Werden wir weniger an das Daseyn des Windes , des Donners , der Erderschütterungen glauben , weil wir nicht wissen , woher sie kommen ? Werden wir weniger Maaßregeln dagegen ergreifen , weil uns ihre Natur unbekannt ist ? Gewiß nicht . Auf unser Verhalten wird der Zweifel , in dem sie uns lassen , keinen Einfluß haben . Eben so verfährt der redliche Christ . Das , was für unser Leben anwendbar ist , was uns besser , edler macht , was den Frieden in uns erzeugt , das ist ' s , was wir annehmen und befolgen müssen . Das sind die segensreichen Wirkungen dieser Lehre - das Uebrige ergreift der kindliche Glaube , ohne sich um seine Ergründung zu bekümmern . Ich habe dir bereits in manchen meiner Briefe über die christliche Moral geschrieben . Ich bin überzeugt , daß sie die reinste ist , die bisher auf der Erde gelehrt wurde , daß sie so ganz für das jetzige Zeitalter , für den Stand unsrer Cultur , die gegenwärtige Lage des Menschengeschlechts paßt , daß schon hieraus ihr göttlicher Ursprung sich beweisen ließe , wenn ihn auch keine früheren Zeugnisse bestätigten . Die Gottheit , die das Schicksal der Menschheit lenkt , die weiß , zu welcher Zeit , und auf welche Art ihre Schwäche unterstützt , ihrem Verderben gesteuert werden soll , hat in dieser Epoche diese Religion entstehen lassen . Sie sandte einen Göttersohn , sie zu lehren . Was finden wir hierin Sonderbares , wir , die wir unter Mythen von Heroen und Göttersöhnen aufgewachsen sind , die die Menschen zur Zeit der Noth retteten , die Erde von Ungeheuern befreiten , den Zorn der Götter versöhnten ? Ist der Begriff eines einzigen Gottes anstößiger , als der von unzähligen Söhnen unzähliger Götter ? Und welche Religion hätte nicht solche Verkörperungen überirdischer Wesen , die zum Besten der leidenden Sterblichen den Sitz der Seligen verließen ? O der Gedanke liegt so tief in dem Herzen des Unglücklichen . Und welcher Sterbliche ist glücklich ? Die Gesetze der Natur , die physischen Revolutionen gehen achtlos über den Ruin seiner Habe , seines Lebens hin - sie vermag kein Flehen zu beugen , ihrem Gange setzt keine Klugheit Schranken . Die Laster , die Verderbtheit seiner Mitmenschen züchtigt ihn mit noch schärferen Ruthen , er muß büßen , was Andere verschuldet haben ; er wird hingeopfert , weil ein Uebermüthiger schwelgen will - weil ein Rasender das Unmögliche fordert , bluten Myriaden auf dem Schlachtfelde . O wohin soll der verfolgte geängstete Mensch sich wenden , als zu der unsichtbaren Macht , die stärker ist , als die Natur und die bösen Menschen ? Er flieht dahin , er ringt im Gebete mit ihr - und sie sendet ihm einen Retter . Ströme von Menschenblut haben die Gefilde Hesperiens , die Felder von Pharsalus , von Gallien , Syrien , von allen Provinzen des römischen Reichs getränkt . Tausend einzelne Schlachtopfer sind dem Neid und Verdacht der Triumvirn , der Wuth der Prätorianer , der wollüstigen Grausamkeit eines Tiberius oder Caligula gefallen - und wenn Zehntausende ihr Leben einbüßten , so verjammerten es Dreißigtausende im Elend oder Schmach , weil sie ihre Stützen , ihr Glück in Jenen verloren hatten . Der Koloß des unermeßlichen Reiches naht seinem Umsturz . Auf allen Enden kracht das morsche Gebäude , alle Säulen schwanken , alle Grundvesten sind erschüttert , und mit ungeheurer Kraft dringen ungeschwächte Horden von Barbaren in Nord und Ost auf die untergrabenen Mauern los ; bald werden sie sie eingestürzt haben , und die schönen Provinzen mit Mord und Raub erfüllen . Was bleibt dem Menschengeschlecht dann übrig ? Werden jene Truggestalten einer üppigen Phantasie , jene armseligen Erfindungen des kindischen Weltalters gegen die Schrecken aushalten ? Wird der rohe Aberglaube , der , unbegreiflich genug , neben dem leichtsinnigsten Unglauben besteht , dem Menschen Trost und Muth gewähren ? Kann er , wenn sein Glück zertrümmert ist , mit Zuversicht Hülfe von den Bildsäulen hoffen , die er mit schwelgerischen Mahlzeiten , oder lächerlichen Ceremonien ehrt ? Werden ihn die Zauberformeln beruhigen , die thessalischen Weiber für