erhört , er thut ein Wunder , und läßt mich in deinen Armen sterben . Rodrich drückte sie freudig an sein Herz ; nein , süßer Engel , sagte er , du sollst leben , sieh , es ist nun alles gut , alle andere Bande sind gelöst , ich gehöre einzig dir an . Gewiß ? fragte sie unter wonnigen Thränen . Gewiß , meine Aline , sagte er , und eröffnete ihr die tröstlichsten Aussichten für die Zukunft . Er glaubte einen Augenblick selbst daran , und meinte einen Wink des Himmels in dem unerwarteten Zusammentreffen mit dem geliebten Kinde zu sehen , vielleicht sollte sie ihn mit dem Leben aussöhnen , und ihm in glücklicher Verborgenheit alle geträumte Lust schenken . In dem freudigen Taumel umschlang er auch die herzu eilende Sara . Kennt ihr mich denn nicht ? fragte er sie , ich bin ja euer Pflegekind Rodrich ! - Hätte ich es doch an dem Ungestüm merken sollen , mit dem ihr alles anfaßt , erwiederte sie , nun , ihr seht ja recht stattlich aus , ihr seyd wohl ein vornehmer Mann geworden , wie ihr es sonst schon in euren Spielen waret . Diese Worte schleuderten ihn auf ' s neue in seine ganze Nichtigkeit zurück , er unterdrückte mühsam den aufsteigenden Unwillen , und sagte , sich ängstlich zu Alinen wendend : laßt das , gute Mutter , seht nur hier auf die schönste Gabe , die mir der Himmel verlieh . Ja wohl , ja wohl , erwiederte die Alte , wenn es nur alles ist , wie es seyn soll ! Aline schmiegte sich zärtlich an seine Brust , und zog ihn für Augenblicke in ein glückliches Vergessen seines schmerzlichen Daseyns hinüber . Sie genas recht eigentlich an seinem Blicke , und konnte schon am Abend , gestärkt und erheitert , neben ihm am Kamine sitzen , dessen spielende Flammen Rodrichs Blicke , wie ehemals fesselten . Sara spann an ihrer Seite , und erzählte mancherlei , was beide überhörten ; als sie indeß Martin erwähnte , bezeigte Rodrich seine Verwunderung , ihn nicht hier zu finden . Gott weiß , was der treibt , sagte sie nachdenklich , er hatte schon immer solch heimliches Wesen , aus dem niemand klug ward . Seit Florio ' s Rückkehr ist es ärger , als je . Sie gehen ihre Wege , und niemand thut , als ob ich in der Welt wäre ! Ei nun , mögen sie doch , der Florio ist mir auch fremd geworden . Es ist wahr , daß ich nicht seine Mutter bin , aber ich habe ihn doch auferzogen , und gepflegt , und es oft darüber vergessen , daß es nicht so ist . Freilich , freilich , sagte Rodrich , dem das ganz bekannt vorkam , ohnerachtet er es zum erstenmale hörte . Wie seyd ihr denn zu ihm gekommen ? Darüber ließe sich manches sagen , erwiederte sie . Martin brachte ihn mir eines Abends , als er wohl noch wenige Stunden das Licht der Welt erblickt hatte . Frau , sagte er , nimm dich des Kindes an , es hat keine Mutter mehr , glaube und laß die paar Menschen um uns her glauben , was sie wollen . Thue du nur deine Pflicht , und bekümmere dich sonst um nichts . Schwatze nicht viel , die Leute fragen nicht , wenn sie nicht merken , daß man gern reden möchte . Ich that , wie er sagte , und hatte nur im Stillen meine Gedanken . Das Kind ward mir lieb , und dann hoffte ich immer , es solle einmal ein reicher Mann in unsere Hütte treten , und es zurückfodern , wie man es sonst wohl gehört hat . Ich sah mich und Martin zu Ehren kommen , und meinte , uns so das Glück zuzuführen . Von dem allen ist nun freilich nichts geschehen . Zum Lohne lassen sie mich hier in der Unwissenheit sitzen und abquälen , daß ich Blut weinen möchte . Aber sie mögen sich stellen wie sie wollen , ich weiß doch was ich weiß . Nun , was wißt ihr denn ? fragte Rodrich begierig . - Das öde Haus im Thale , sagte sie leise , denkt an mich , der Florio gehört hinein . - Aline war indeß an Rodrichs Brust eingeschlafen . Er lehnte sie sanft zurück . Es ist wohl Zeit , sagte er , daß wir alle ruhen . Sara schob gedankenvoll ihr Rad bei Seite , und wies ihm seine alte Schlafstelle in einem Seitenkämmerchen an . Kaum sah er sich hier allein , so stiegen Wünsche und Gedanken in ihrer gewohnten Gestalt in ihm auf . Er warf sich ängstlich auf dem Lager hin und her . Alle Ruhe war von ihm gewichen . Sara ' s letzte Worte rauschten unaufhörlich in seinem Ohre . Wie oft , dachte er , haben mich meine stolzen Träume von hier fort , in die Welt geführt , was glaubte ich nicht alles zu erleben , und so nahe , so nahe lag die Entwickelung meines Schicksals . Seine Augen fielen auf das offne Fensterchen , durch welches man die nahen Berge sah . Ich will hinüber zu dir , mein Florio , rief er , und lehnte sich weit hinaus , die laue Nacht begrüßend . Da hörte er , wie ehemals , Sara den Abendsegen beten . Unwillkührlich wiederholte er ihre Worte , und trat mit ergebenem Sinn aus der Hütte . Ohne lange zu erwägen , welchen Weg er wählen solle , drang er die steinigen Klippen hinan . Längs unermeßlichen Abgründen wand sich ein schmaler Pfad , den herabgerollte Steine fast durchgehends verschüttet . Rodrich schritt behutsam darüber hin , und kam endlich über einen schmalen Abhang zu einer Wiese , aus deren Hintergrunde ihm ein Licht entgegen leuchtete . Er beflügelte seine Schritte , und stand endlich mit klopfendem Herzen vor dem ersehnten Hause . Hier also , ach hier , rief er , und sank weinend auf die Schwelle nieder . Bald darauf drangen leise Harfentöne aus dem Innern , die folgende Worte begleiteten : Schöne Perle , schöne Perle , Sieh mich weinend steh ' n am Ufer , Laß dich meine Klagen rühren , Folge meinem bangen Rufe . Du , des reichen Schmuckes Zierde , Bist nun meinem Blick entschwunden , Und ich Arme muß vergebens Dich am öden Strande suchen . Süßes Kleinod , kehre wieder , Zier ' auf ' s neu mir Haupt und Busen , Laß in deinem Glanz mich leuchten , Leben nur in deinem Ruhme . Nein , du bist in Nacht geboren , Bist ein Kind der schlimmsten Mutter , Trüg ' risch war dein sanftes Leuchten , Zu verlocken meine Jugend . Grausend steh ' ich hier alleine , Schäumend naht ihr wilde Fluthen , Wollt auch mich hinunter reißen , Wie die Perl ' ihr habt verschlungen ! Ihr entgegen klingen Stimmen , Wie aus tiefem Meeresgrunde . Holder Perle süßes Leben Blüht im stillen Heiligthume . Was der Tiefe ward entrissen , Kühn an ' s Tageslicht gerufen , Sinkt zurück in Liebesarme , Scheu vor euren wilden Gluthen . Steig ' hinunter in die Wasser , Kühle deines Herzens Wunden , Und im feuchten Schooße finde Neu erblüht die Wunderblume . Rodrich war indeß immer weiter gegangen , und lehnte an einer verfallnen Thüre , aus welcher ihm der Ton entgegen drang . Die Erinnerung der Perle nahm ihm alle Sinne gefangen ; er stand noch in sich versunken da , als Martin mit einer kleinen Laterne an ihm vorüber zur Thüre hineinging , indem er sagte : Miranda ist wohl , sie wird kommen , wie ihr es wünscht . Miranda ? wiederholte Rodrich laut , und folgte ihm schnell in das anstoßende Gemach . O , ewiger Gott ! da ist er ! schrie Florio , in seine Arme stürzend . Mein Bruder , mein geliebter Bruder ! Rodrich war so erschüttert , daß er stumm an sein Herz sank , und heftig weinte . Als er aufblickte , kniete ein schöner Mann , in Einsiedler-Tracht vor dem Bilde der wundervollen Dame , in der Rodrich seine sterbende Mutter erkannte . Das lang Vergeßne ward wieder neu , die dunkelsten Vorstellungen klärten sich plötzlich auf . Hier hatte er einst gestanden , das wußte er gewiß , und der geliebten Leiche vergebens die Arme entgegen gebreitet . Das war das helle Haus , nach dem er sich so bang im Kloster sehnte . Du weißt nicht , sagte Florio , ach , du weißt nicht , daß wir Geschwister sind , und daß jene Sehnsucht nach dem Berggeist , die tiefe , unerkannte Liebe zu unserm Vater war . Ich weiß alles , erwiederte Rodrich , hätte ich es doch hier zuerst erfahren ! Der Einsiedler hob sich langsam zu ihnen auf . Meine Kinder , sagte er gerührt . Rodrich bebte bei dem Ton seiner Stimme , er glaubte den Herzog zu hören , und dennoch lag eine so süße Gewalt in ihr , daß sich alle Bande seiner Seele lösten , und er , wie neu geboren , vor dem Heiligen kniete . Ich wollte , sagte dieser , alles zerreißen , was mich an die Welt fesselt ; aber was die Liebe knüpft , löst sich niemals . So legt euch nur Alle an mein Herz , ich kann es nicht länger wehren ! Warum sind die Schwestern nicht hier ? rief Florio aus ! Die Schwestern ? fragte Rodrich . Ja du Armer , Lieber , erwiederte jener , Miranda , Elwire ! ahnete dir es nicht ? Die ferne Therese durfte ihre Mutter seyn , sie waren nicht gefährlich , ihnen gönnte man es , frei in der Welt zu leben . Ich verstehe , sagte Rodrich , aber wo sind sie ? Im nächsten Kloster , erwiederte Florio , morgen sollst du sie sehen . Rodrich war , als sey er gestorben , so plötzlich zerfielen alle trügerische Verhältnisse der Welt vor seinen erwachten Sinnen , sein Herz erweiterte sich , und er fühlte , daß ihn nichts als die reinste Liebe erfülle . Er dachte an Aline , und daß er noch glücklich seyn könne . Da trat Martin herzu , und mahnte sie zur Rückkehr an . Nun dann , zu Morgen , sagte der Einsiedler , laßt uns gehen . Sie traten alle schweigend den Rückweg an . Am Abhange des Berges trennten sie sich . Der fromme Vater ging in seine Klause , indeß die Übrigen den Berg hinanstiegen . Auf dem Gipfel desselben , setzte sich Rodrich ermüdet nieder . Der Tag zog herauf , und wie er die Gegenstände erhellte , sah Rodrich , daß er auf derselben Stelle saß , wo er als Knabe , aus dem Kloster entfliehend , zuerst sein Gefühl zu Gott erhob . Es rührte ihn unbeschreiblich , daß er so nahe an dem Vaterherzen das reinste Glück empfunden habe . Jetzt war es doch weit anders . In der höchsten Freude mischte sich das Gefühl seiner Schuld , und trübte jede Erinnerung . Martin nahm ihn bei der Hand : so lebtet ihr denn in meiner Hütte , sagte er , ohne daß ich euch kannte . Jetzt besinne ich mich auf alles . Ihr habt euch wenig geändert . Zuweilen kamt ihr mir damals freilich wunderbar genug vor , allein wer konnte das denken ? Ja wohl , guter Martin , sagte Rodrich , und ich spielte hier in bunten Träumen , während mir die Wirklichkeit so nahe lag . Sie sollte euch nicht nahe liegen , sagte Martin , darum mußtet ihr sie suchen . Euer Vater hatte euch alle aus seinem Herzen gerissen . Er wollte einzig in Gott leben , und glaubte , jedes andere Band auflösen zu müssen . Gott wollte das nicht . Ich dachte es immer ! Nun führt er ihm die Kinder unversehens wieder zu , und lohnt die strenge Buße reichlich . Florio erzählte darauf , wie ihn die Sehnsucht nach dem geheimnißvollen Garten , dorthin zurück gezogen , und wie sich alles so ganz von selbst aufgeklärt habe . Die stillen Nächte verlebe der Vater immer dort im Anschauen trüber Vergänglichkeit , und dieser Blick sey es , der ihn immer mehr in der gänzlichen Abgeschiedenheit von der Welt bestärkt habe . Dies Gefühl sey ihm schon sehr früh gegenwärtig geblieben ; mit einer Art von Schmerz habe er sich von allem abgewandt , was Andere reize , und selbst die zärtlichsten Regungen seien mit einem Gemisch von Wehmuth und Unzulänglichkeit menschlicher Empfindungen verbunden gewesen . Daher , fiel Martin ein , erschien er kalt . Eusebio und ich wußten es besser . Ich wartete ihn seit seiner zartesten Kindheit , und hatte ihn oft im Gebet belauscht , wie sich da Herz und Seele hingab , und er durch und durch glühete . In der Liebe zu Mathilde brach es denn auch endlich hervor . Er hatte diese Leidenschaft oft eine Verirrung genannt . Der Himmel mag es wissen . Glücklich war er nie . Mathilde hing an der Welt und der hergebrachten Weise . Wie sie sich auch bekämpfte , Reue und Mißmuth quälten sie unaufhörlich . Sie starb so allmälig hin , bis der rechte Friede bei Florio ' s Geburt über sie kam , und ihre Augen schloß . Euer Vater ward auch ganz still und innerlich klar . Er küßte euch Alle , und ging mit der Harfe im Arme davon . Niemand wußte , wo er geblieben sey . Des Cardinals Spione waren schon früher bis hieher gedrungen . Jetzt trat er hervor , und bemächtigte sich eurer , ohne daß es jemand wehren konnte ; Eusebio hatte euern Vater nie verlassen , er begleitete auch seinen Rodrich ins Kloster . Florio blieb in meinen Händen . Seine Schwächlichkeit ließ seinen Tod erwarten , überdies versprach ich , ihn für meinen Sohn auszugeben , und als solchen zu erziehen . - Späterhin verbreitete sich der Ruf eines heiligen Mannes hier in der Gegend . Ich ahnete die Wahrheit , ging zu ihm , und erkannte meinen geliebten Herrn . Miranda , sagte Florio , ist ihrerseits vom Kloster aus , ebenfalls zur stillen Klause gewallt , um dort , in der innern Bedrängniß , Rath und Hülfe zu suchen . Der Anblick erschütterte den Vater über alles . Sie enthüllte ihm ihr reines Leben in seinen seltsamsten Verhältnissen , und er erkannte sein Kind . Rodrich saß während dessen nachdenklich zwischen den Erzählenden , als ein Wagen vorüber rollte , aus welchem sich Aline weit herausbog , und ihm mit schmerzlicher Gebehrde die Arme entgegen breitete . Er gerieth ganz außer sich , und wollte ihr sogleich folgen , allein Florio stellte ihm vor , daß es besser sey , erst zu Sara zurück zu kehren , um dort das Nähere zu erfragen . Er gab endlich nach , und sie machten sich eilends auf den Weg . Sara erzählte bei ihrer Ankunft , daß der Geistliche durch nichts zu bereden gewesen sey , Alinen in der Hütte zu lassen , und daß ihre wiederkehrende Gesundheit ihn bestimmt habe , sogleich mit ihr zum Kloster zu eilen . War das auch ein Traum ? sagte Rodrich betrübt , und alles was ich sah und fühlte , das ganze Leben , ach , und mein trügerisches Daseyn auch ? Florio schloß ihn theilnehmend an sein herz , allein Rodrich blieb den ganzen Tag über still und in sich gekehrt . Die Nacht führte alle wieder zu dem verwaisten Hause zurück . Sie fanden Miranda und Elwire an des Einsiedlers Seite . Es war ein stiller , heiliger Moment , in welchem sie einander in die Arme sanken . Miranda zog leise den Ring von Rodrichs Finger : das ist die wiedergefundne Perle , mein Vater , sagte sie sanft lächelnd . Der Einsiedler betrachtete sie aufmerksam , als sich die Thür ungestüm öffnete , und Stephano und der Kardinal hereintraten . Mörder , schrie der erstere , auf Rodrich eindringend , vertheidige dich . Stoß nur zu , erwiederte jener , ich habe keine Waffen . Was zaudern sie , sagte der Kardinal , es ist göttliche Rache ! Wie ein Blitz durchbohrte Stephano ' s Schwerdt beide Brüder , die sich fest umschlingend zu des Vaters Füßen stürzten . Mein Traum , der Laokoon , stammelte Rodrich . Miranda sah mit einem zerreißenden Blick auf Stephano , der das Schwerdt fallen ließ , und wild hinausstürmte . Das ist die wiedergefundne Perle , sagte der Einsiedler , sich über beide Kinder neigend . - Der Kardinal wandte sich langsam zur Thür , und trat schweigend hinaus . Ach , mein edler Herr , rief Martin , seinen zerrissenen Mantel über die Todten breitend , so ärmlich sollten eure Kinder zur Erde bestattet werden . Laßt nur , sagte Miranda , wir gehen nun alle zu Grabe . Der Schleier soll mich auf ewig vor der Welt verbergen . Der Einsiedler hatte sich matt auf das Ruhebett gelehnt , und sang wie in innrer Verzückung : Was der Tiefe ward entrissen , Kühn ans Tageslicht gerufen , Sinkt zurück in Liebesarme , Scheu vor euren wilden Gluthen . Steig ' hinunter in die Wasser , Kühle deines Herzens Wunden , Und im feuchten Schooße finde Neu erblüht die Wunderblume .