dahin ? Oder dorthinein ? oder hier hinaus ? - Wäre nur mein Herr da ! der kennt alles ! « - Sie hätte ihn gern um jede Quelle und Blume herumgeführt ; und blickte dem Jünglinge so liebend wie der Freundin ins Gesicht . - Liane sagte ihr auf dem Kreuzwege an der Brücke : » sie glaube , das Flötental dort mit der leuchtenden Goldkugel sei vielleicht am schönsten , besonders für einen Freund der Musik ; auch werde man sie da suchen , wenn man ihrer Mutter die Harfe bringe . « Sie hatte ihr mit dieser zurückzukommen versprochen . Sie mied alle Steige nach Süden , wo der Tartarus hinter seinem hohen Vorhange drohte . Liane sprach jetzt über den Wettstreit der Malerei und Musik und über Herders reizenden offiziellen Bericht von diesem Streite ; sie , wiewohl eine Zeichnerin , ergab sich , dem weiblichen und lyrischen Herzen gemäß , ganz den Tönen , und Albano , obwohl ein guter Klavierist , mehr den Farben . » Diese herrliche Landschaft « ( sagte Albano ) » ist ja ein Gemälde und jede menschliche schöne Gestalt . « - » Wär ' ich blind , « ( sagte Chariton naiv ) » so säh ' ich ja meine schöne Liane nicht . « - Sie versetzte : » Mein Lehrer , der Kunstrat Fraischdörfer , setzte auch die Malerei über die Musik hinauf . Mir ist aber bei ihr , als hört ' ich eine laute Vergangenheit oder eine laute Zukunft . Die Musik hat etwas Heiliges , sie kann nichts als das Gute67 malen , verschieden von andern Künsten . « - Wahrlich sie war selber eine moralische Kirchenmusik , die Engelstimme in der Orgel ; der reine Albano fühlte neben ihr die Notwendigkeit und das Dasein einer noch zärtern Reinheit ; und ihm schien , als könne ein Mann diese Seele , deren Verstand fast nur ein feineres Fühlen war , verletzen , ohne es selber zu wissen , wie Fenstergläser von reiner Durchsichtigkeit oft zerstoßen werden , weil sie unsichtbar erscheinen . Er drehte sich , weil er immer um einen Schritt voraus war , mechanisch um , und nicht nur das blühende Lilar , sondern auch Lianens volle Gestalt leuchtete ihm auf einmal und neugestaltet in die Seele . - - Nicht sie an sein Herz zu drücken , war jetzt sein Sehnen , sondern dieses Wesen , das so oft gelitten , aus jeder Flamme zu reißen , für sie mit dem Schwerte auf ihren Feind zu stürzen , sie durch die tiefen kalten Höllenflüsse des Lebens mächtig zu tragen - - das hätte sein Leben erleuchtet . 45. Zykel Sie sahen schon einige nasse Lichter der hohen , oben hereinspringenden Fontänen des Flötentals hochschweben : als Liane wider Charitons Erwartung beide in einen unwegsamen Eichenhain mitzugehen bat - sie sah ihn so vergnügt und offenherzig dabei an und ohne jenen weiblichen Argwohn , mißverstanden zu werden ! Im düstern Haine stand ein wilder Fels auf , mit den Worten : » Dem Freunde Zesara « . Die vorige Fürstin hatte diese erinnernde Alpe Albanos Vater setzen lassen . - Ergriffen , erschüttert , mit Schmerzen in den Augen stand der Sohn davor und lehnte sich daran wie an Gaspards Brust und drückte den Arm an den scharfen Stein hinauf und rief innigst bewegt : » O du guter Vater ! « - Seine ganze Jugend - und Isola bella - und die Zukunft überfielen auf einmal das vom ganzen Morgen bestürmte Herz , und es konnte sich der zudringenden Tränen nicht länger erwehren . Chariton wurde ernsthaft , Liane lächelte weich fort , aber wie ein Engel im Gebet . - Wie oft , ihr schönen Seelen , hab ' ich in diesem Kapitel mein ergriffenes Herz bezwingen müssen , das euch anreden und stören wollte ! aber ich will es wieder bezwingen . Sie traten schweigend in den Tag zurück . Aber Albanos Wogen fielen nie schnell , sie dehnten sich in weite Ringe aus . Sein Auge war noch nicht trocken , als er in das himmlische Tal kam , in diesen Ruheplatz der Wünsche , wo Träume frei , ohne Schlaf , herumgehen konnten . Chariton - durch den Ernst viel geschäftiger - war nach einer Augenfrage an Liane , ob sie es solle - nämlich das Spielenlassen gewisser Maschinen - , voraus hineingeeilt . Sie gingen durch den weichenden blühenden Schleier ; - und Albano erblickte nun vor sich den jugendlichen Traum von einem bezauberten , mit Düften und Schatten umstrickenden Zaubertale in Spanien lebendig auf die Erde herausgestellt . An den Bergen blühten Orangengänge , den Untersatz in die höhere Terrasse versteckt - alles , was große Blüten auf seinen Zweigen trägt , von der Linde bis zur Rebe und zum Apfelbaume , sog unten am Bache oder bestieg oder bekränzte die zwei langen Berge , die sich mit ihren Blüten um die Blumen der Tiefe wanden und sich miteinander bogen , um ein unendliches Tal zu versprechen - schiefgestellte Fontänen an den Bergen warfen hintereinander silberne Regenbogen über die Bäume in den Bach - in Osten brannte der Goldglobus neben der Sonne , der letzte Spiegel ihres sterbenden Abendblicks . - » Habe Dank , du edler Greis ! « wiederholte Albano immer . Liane ging mit ihm am westlichen Berge bis zu einer überblühten Bank unter dem herüberflatternden Bogen , wo man die erste und zweite Krümmung des Tals und oben in Norden hohe Fichten und hinter ihnen eine Kirchturmspitze und unten eine Aurikeln-Wiese überschauen kann , indes Chariton auf dem östlichen gegenüber hinter einer Musen-Statue - denn die neun Musen glänzten aus dem grünen Tempe - an Gewichten zu winden und auf Springfedern zu drücken schien . » Mein Bruder « ( brach Liane leise das Schweigen und strickte die Arbeit fort , die sie der Freundin abgenommen ) » wünscht recht sehr , Sie zu sehen . « Die nun mit allen heiligen Kräften aufgewachte Seele Albanos fühlte sich ihr ganz gleich und ohne Verlegenheit , und er sagte : » Schon in meiner Kindheit hab ' ich Ihren Karl wie einen Bruder geliebt ; ich habe noch keinen Freund . « Die bewegten Seelen merkten nicht , daß der Name Karl aus dem Briefe sei . Auf einmal flogen einzelne Flötentöne oben auf den Bergen und aus den Lauben auf- immer mehrere flogen dazu - sie flatterten schön-verworren durcheinander - endlich stiegen mächtig auf allen Seiten Flötenchöre wie Engel auf und zogen gen Himmel - sie riefen es aus , wie süß der Frühling ist und wie die Freude weint und wie unser Herz sich sehnt , und schwanden oben im blauen Frühlinge - und die Nachtigallen flogen aus den kühlen Blumen auf die hellen Gipfel und schrien freudig in die Triumphlieder des Maies - und das Morgenwehen wiegte die hohen schimmernden Regenbogen hin und her und warf sie weit in die Blumen hinein . - - Lianen entsank die Arbeit in den Schoß , und sie schlug nach einer ihr eignen Weise , indes sie den Kopf wie eine Muse vorsenkte , den Blick empor , ihn in eine träumerische Weite heftend ; ihr blaues Auge schimmerte , wie der blaue wolkenlose Äther in der lauen Sommernacht blitzend überquillt ; - aber des Jünglings Geist brannte in der Bewegung auf wie das Meer im Sturme . Sie zog den schwarzen Schleier - gewiß nicht allein gegen Sonne und Luft - herab ; und Albano , mit einer innern Welt auf seiner bewegten Gestalt , spielte - erhaben mit sich selber kontrastierend - an den Löckchen der hergezogenen Helena und sah ihr mit großen Tränen in das blöde kleine Gesicht , das ihn nicht verstand . Jetzt eilte die Mutter ins Schweigen herüber und fragte recht freundlich , wie es ihm gefiele . Seine andern Entzückungen löseten sich in ein Lob der Töne auf ; und die liebe Griechin erhob das , was sie so oft gehört , selber immer stärker , als wär ' es ihr neu , und horchte sehr mit zu . - Ein Mädchen mit der Harfe blickte durch das Eingangsgesträuch des Tales herein , und Liane sah den Wink und stand auf . Indem sie den Schleier heben und scheiden wollte : so fiel dem großherzigen Jünglinge sein Bekenntnis ein : » Ich habe Ihren heutigen Brief gelesen , bei Gott , das muß ich jetzo sagen « , sagt ' er . Sie rückte den Schleier nicht höher und sagte mit zitternder Stimme : » Sie haben ihn gewiß nicht gelesen , Sie waren wohl nicht in meinem Zimmer « und sah Chariton an . Er versetzte , ganz hab ' er ihn auch nicht , aber doch viel ; und erzählte mit drei Worten eine mildere Geschichte , als Liane ahnen konnte . » Der böse Pollux ! « sagte immer Chariton . - » O Gott , vergeben Sie mir diese Sünde der Unwissenheit ! « sagte Albano ; sie hob den dunkeln Schleier auf eine Terzie lang zurück und sagte hochrot , mit niedergesenktem Blicke - vielleicht durch die Freude über die Widerlegung der schlimmern Erwartung versöhnt - : » Er gehörte bloß an eine Freundin - und Sie werden wohl , wenn ich Sie bitte , nichts wieder lesen « - und unter dem Falle des Schleiers ging das Auge mildernd und vergebend auf , und sie schied langsam mit ihren Geliebten von ihm . O du heilige Seele , liebe meinen Jüngling ! - Bist du nicht die erste Liebe dieses Feuerherzens , der Morgenstern in der dämmernden Frühe seines Lebens , du , diese Gute , Reine und Zarte ! O die erste Liebe des Menschen , die Philomele unter den Frühlingslauten des Lebens , wird ohnehin immer , weil wir so irren , so hart vom Schicksale behandelt und immer getötet und begraben ; aber wenn nun einmal zwei gute Seelen im blütenweißen Lebens-Mai - die süßen Frühlingstränen im Busen tragend - mit den glänzenden Knospen und Hoffnungen einer ganzen Jugend und mit der ersten unentweihten Sehnsucht und mit dem Erstlinge des Lebens wie des Jahres , mit dem Vergißmeinnicht der Liebe im Herzen - wenn solche verwandte Wesen sich begegnen dürften und sich vertrauen und im Wonnemonat den Bund auf alle Wintermonate der Erdenzeit beschwören und wenn jedes Herz zum andern sagen könnte : Heil mir , daß ich dich fand in der heiligsten Lebenszeit , eh ' ich geirret hatte ; und daß ich sterben kann und habe niemand so geliebt als dich ! - O Liane , o Zesara , so glücklich müssen euere schönen Seelen werden ! Der Jüngling blieb noch einige Minuten in der um ihn fortarbeitenden Zauberwelt , deren Töne und Fontänen wie die Wasser und Maschinen in dem einsamen Bergwerke rauschten ; aber am Ende war etwas Gewaltsames im einsamen Forttönen und Schimmern des Tals , worin er so allein zurückgelassen war . Hastig schritt er auf dem nähern Wege , und mit Wasseradern beworfen , durch den Lauben-Vorhang und trat wieder in die freie Morgen-Erde Lilars hinaus . Wie sonderbar ! wie fern ! wie verändert war alles ! In seine weit offne innere Welt drang die äußere mit vollen Strömen ein . Er selber war verändert ; er konnte nicht in die Eichennacht an das felsichte Ebenbild des Vaters treten . Als er über die in Zweigen stehende Brücke war , sah er auf dem breiten silberweißen Gartenwege die sanfte Gesellschaft langsam gehen , und er pries Lianen selig , die nun an ihr bewegtes Herz das mütterliche drücken konnte . - Die Kleine drehte sich oft tanzend um und sah ihn vielleicht , aber niemand wandte sich zurück . Durch die nachgetragne Harfe riß sich der Morgenwind und führte von den erregten Saiten Töne wie von Äolsharfen mit sich weiter ; und der Jüngling hörte wehmütig dem zurückklingenden Fliehen wie von Schwanen zu , die über die Länder eilen , indes hinter ihm das leere Tal einsam in den flötenden Hirtenliedern der Liebe fortsprach und ihn wehende nachziehende Laute matt und dunkel erreichten . Aber er ging auf den Berg des Altars zurück ; und da er über die helle Gegend schauete und noch die fernen weißen Gestalten gehen sah , ließ er seine ganze schöne Seele weinen - Und hier schließe sich der reichste Tag seines jungen Lebens ! - Aber , ihr guten Menschen , die ihr ein Herz tragt und keines findet , oder die ihr die geliebten Wesen nur in und nicht an dem Herzen habt , bild ' ich nicht alle diese Gemälde der Wonne , wie die Griechen , gleichsam an den Marmorsärgen euerer umgelegten schlafenden Vorzeit ab ? Bin ich nicht der Archimimus , der vor euch die zerfallnen Gestalten nachspielt , die euere Seele begrub ? Und du , jüngerer oder ärmerer Mensch , dem die Zeit statt der Vergangenheit erst eine Zukunft gab , wirst du mir nicht einmal sagen , ich hätte dir manche selige Gestalten wie heilige Leiber verbergen sollen aus Furcht , du würdest sie anbeten , und wirst du nicht dazusetzen , du hättest ohne diese Phönix-Bildnisse leichtere Wünsche genährt und manche erreicht ? - Und wie wehe hab ' ich dann euch allen getan ! - Aber mir auch ; denn wie konnt ' es mir besser ergehen als euch allen ? Euer Schluß wäre demnach dieser : Da ihr schöne Tage nie so schön erleben könnt , als sie nachher in der Erinnerung glänzen oder vorher in der Hoffnung : so verlangtet ihr lieber den Tag ohne beide ; und da man nur an den beiden Polen des elliptischen Gewölbes der Zeit die leisen Sphärenlaute der Musik vernimmt , und in der Mitte der Gegenwart nichts : so wollt ihr lieber in der Mitte verharren und aufhorchen , Vergangenheit und Zukunft aber - die beide kein Mensch erleben kann , weil sie nur zwei verschiedene Dichtungsarten unsers Herzens sind , eine Ilias und Odyssee , ein verlornes und wiedergefundnes Miltons-Paradies - wollt ihr gar nicht anhören und heranlassen , um nur taubblind in einer tierischen Gegenwart zu nisten . Bei Gott ! Lieber gebt mir das feinste stärkste Gift der Ideale ein , damit ich meinen Augenblick doch nicht verschnarche , sondern verträume und dann daran versterbe ! - Aber eben das Versterben wäre mein Fehler ; denn wer die poetischen Träume ins Wachen68 tragen will , ist toller als der Nordamerikaner , der die nächtlichen realisiert ; er will wie eine Kleopatra den Glanz der Tauperlen zum Labetrunk , den Regenbogen der Phantasie zum haltbaren , über Regenwasser geführten Schwibbogen verbrauchen . - Ja , o Gott , du wirst und kannst uns einmal eine Wirklichkeit geben , die unsre hiesigen Ideale verkörpert und verdoppelt und befriedigt - wie du es uns ja schon in der hiesigen Liebe bewiesen hast , die uns mit Minuten berauscht , wo das Innere das Äußere wird und das Ideal die Wirklichkeit - aber dann - nein , über das Dann des Jenseits hat dieses kleine Jetzt keine Stimme ; aber wenn hienieden , sag ' ich , das Dichten Leben würde und unsre Schäferwelt eine Schäferei und jeder Traum ein Tag : o so würde das unsere Wünsche nur erhöhen , nicht erfüllen , die höhere Wirklichkeit würde nur eine höhere Dichtkunst gebären und höhere Erinnerungen und Hoffnungen - in Arkadien würden wir nach Utopien schmachten , und auf jeder Sonne würden wir einen tiefen Sternenhimmel sich entfernen sehen , und wir würden - seufzen wie hier ! - Neunte Jobelperiode Lust der Hoftrauer - das Begräbnis - Roquairol - Brief an ihn - die sieben letzten Worte im Wasser - die Huldigung - Redoute - Puppenredoute - der Kopf in der Luft , der Tartarus , die Geisterstimme , der Freund , die Katakombe und die vereinigten Menschen 46. Zykel Die werdende Liebe ist die stillste ; die schattigen Blumen in diesem Frühlinge meiden , wie die im andern , das Sonnenlicht . Albano spann sich tief in seine Sonntagsträume ein und zog , so gut er konnte , das grüne Wohn-Blatt der Wirklichkeit in sein Gespinste ; nämlich den Montag , der ihm bei dem Paradebegräbnisse des Fürsten den Bruder seiner Freundin zeigen sollte . Dieses Trauerfest , wo der dritte , aber größte fürstliche Sarg sollte zur Ruhe bestattet werden , brach endlich an und war schon durch das Vorfest wichtig gemacht , wo man die zwei ersten Särge samt dem Greise beigesetzt , wie man etwa Tugenden schon im Anfange eines Jahrhunderts beerdigt und erst am Ende desselben ihre leeren Namen , Gehäuse und Franzbände . Am Probe- und Vorbildsbegräbnisse des Höchstseligen war noch dazu der alte fromme Vater , Spener , sein letzter Freund , mit in die Gruft hinabgegangen , um sich das hölzerne und zinnerne Gehäuse des ausgelaufenen Gehwerks öffnen zu lassen und auf die stille Brust des lieben Schläfers noch dessen Jugend-Porträt und sein eignes mit der umgestürzten Farbenseite zu decken , ohne zu reden und zu weinen ; und der Hof machte viel aus dieser Morgen- und Abendgabe der Freundschaft . Alles schwillt für die Menschen ungeheuer an , wovon sie lange reden müssen - alle Pestitzer Gesellschaften waren Sterbebeitragsgesellschaften und voll Leichenmarschalle - jedes Gerüste der benachbarten Zukunft war ein Trauergerüste und jedes Wort ein Leichensermon oder eine Grabschrift auf den blassen Mann Sphex als Leibmedikus freuete sich auf seinen Anteil am Leidtragen und Mitziehen - der Lektor hatte statt der versetzten Winterkleider die Hoftrauer schon an- und approbiert - der Hofmarschall hatte keine Minute Rast , und der Jüngste Tag , der die Gräber auf- , aber nicht zumacht , wär ' ihm heute schief gekommen - der Minister von Froulay , den der kalte Luigi willig alles machen ließ , war als Liebhaber alles altfürstlichen Pompes und als Kreisausschreibender Direktor des gegenwärtigen so gut im Himmel als der Höchstselige - die Weiber waren als Hochselige aus den Betten gestiegen , weil für diese fleißigen Gewändermalerinnen eine lange Wesenkette von Röcken und von deren Trägern wohl so schwer wiegt als für ihre Männer eine gekuppelte Sippschaft von Pferden . Albano harrte ungeduldig am Fenster auf Lianens Bruder und liebte den Unsichtbaren immer heißer ; wie zwei Flügel hoben und regten Freundschaft und Liebe in ihm einander verbunden auf . Die Trauerspule - nämlich der leere Sarg - war im Tartarus angelegt und wurde allmählich abgespulet , und man konnte das dunkle Trauerband nun bald bis in die Bergstadt spannen . Schon anderthalb Stunden vor Ankunft des Zuges war der Salpeter der weiblichen Volksmenge an den Mauern und Fenstern angeschossen . Sara , die Frau des Doktors , kam mit den Kindern und dem tauben Kadaver in Schoppes Zimmer herauf , dessen zweite Türe in Albanos seines offen stand , und sagte liebäugelnd zum Grafen hinein : » hier oben wäre alles besser zu übersehen , und Seine Gnaden würden verzeihen . « - » Bleibt nur zusammen da und molestiert mir den Herrn Grafen nicht « , sagte sie zurückgewandt zu den Kindern und wollte ins gräfliche Zimmer , auf dessen Schwelle sie der von Albano kommende Schoppe auffing und anhielt . Sara war nämlich eine jener gemeinen Frauen , die von ihren Reizen mehr selber hingerissen werden als damit andre hinreißen - sie setzte bloß ihr Gesicht auf den Sessel und ließ es zünden und sengen und brennen , indes sie ihres Orts ( im Vertrauen auf ihren faulen Heinz69 des Gesichts ) ruhig und kalt andre Dinge machte , entweder einfältiges Zeug oder bösen Leumund ; und dann , wenn sie eine Kleidergeißel der Weiber gewesen war , wie Attila eine Göttergeißel der Völker , so schauete sie auf und besah den Feuerschaden ihres Gesichts in den männlichen Tabaksschwämmen umher . Besonders auf den reichen schönen Grafen hatte sie ein Auge - unter der Amors-Binde . Ihr Kopf lag voll guter physiognomischer Fragmente ; und Lavaters Vorwurf , daß die meisten Physiognomisten leider am ganzen Menschen nichts studierten als das Gesicht , konnte ihren reinen physiognomischen Sinn niemals treffen . Schoppe , leicht erratend , daß bei der Seelen-käuferin der Gang ein Preßgang , das Weißzeug Jagdzeug , der Shawl eine Schlagwand sei und der Hals ein Schwanenhals für einen nahen Fuchs , faßte sie auf der Schwelle beider Stuben an der Hand und fragte sie : » Nehmen Sie auch so viel Anteil an der allgemeinen Landesfreude und erwünschten Hoftrauer wie ich ? Ihre Augen lassen dergleichen lesen , Frau Landphysikussin . « - » Was für einen Anteil ? « sagte die Physika , ganz dumm gemacht . - » An der Lust der Hofleute , die sich ohnehin wie die Urangutangs dadurch von den Affen unterscheiden , daß sie selten Freudensprünge tun ; wenigstens trommeln sie wie junge Klavieristen ihre traurigsten und ihre lustigsten Stückchen ungerührt hintereinander weg . Wenn nur dem Hofstaate nichts Herbes die Trauer versalzt ! - Wünschen Sie , daß die Lieben die schwarzen Freudenkleider , worin sie , wie die Nepoten der in der leuktrischen Schlacht Gebliebnen , dem Jubel eines neuen Fürsten entgegengehen ' umsonst angezogen haben ? Wie ? « - Unglücklicherweise versetzte sie spöttisch : » Schwarz ist hierzulande Trauerfarbe , Herr Schoppe . « - » Schwarz , Frau Doktorin ? « ( prallt ' er staunend zurück ) » Schwarz ? - Schwarz ist Reisefarbe und Brautfarbe und Galafarbe und in Rom Fürstenkinderfarbe , und in Spanien ists ein Reichsgesetz , daß die Hofleute wie in Marokko die Juden70 schwarz erscheinen . Pestalozzi , Madame - aber Malz , versteht Er mich denn ? « fuhr Schoppe herum und munterte den Menschen , der seine Trommel anhatte und sie heimlich unter dem Zuge rühren wollte , um etwas vom gedämpften Leichentrommeln zu vernehmen , zum Schlegel auf , damit er vom Diskurse profitierte . - » Malz , « sagt ' er lauter , » Pestalozzi bemerkt ganz gut , daß die Großen unsrer Zeit sich in Gesicht , Kleidung , Stellung , Bilderdienst , Aberglauben und Liebe zu Scharlatanen den Asiaten täglich nähern ; - es spricht für Pestalozzi , daß sie den Sinesern , die sich für die Freude schwarz und für die Trauer weiß anziehen , nicht bloß Tempel und Gärten und Fratzenbilder , sondern auch eben dieses Freudenschwarz abborgen . « Unter den Kindern - wovon die unerzognen allein noch nicht ungezogen waren - hoben sich Boerhaave , Galenus und van Swieten am meisten durch eingelegte Arbeit und Handzeichnungen , die sie von den Anwesenden mit den Fingern auf ihr Butterbrot gravierten , und Galenus wies seine satirische Projektion von der Mama , sagend : » Schau ' t , was Mama ' n für ' ne lange Nas ' an ' setzt hab ' . « Der Bibliothekar , der etwas Ähnliches drehte , hielt sie , als sie hineinwollte , indem er versicherte , er lasse sie nicht , bis sie sich ergebe ; die Trauermarschsäule könne kaum einen Acker lang aus dem Tartarus heraus sein und geb ' ihm Zeit genug . Er fuhr fort : » Echte Trauer hingegen , Liebe , macht immer wie der Zorn bunt oder wie der Schrecken weiß ; z.B. die Kreaturen eines toten Papstes trauern violett , der französische König auch , seine Frau kastanienbraun , der venezianische Senat um den Doge rot . - Allein Trauer können Sie so gut wie ich keinem Regenten verstatten ; dem Hohenpriester und einem Judenkönige71 war sie ganz verboten ; warum wollen wir der Dienerschaft mehr verstatten als dem Herrn ? - Und müßte ein Landesherr , Beste , der die kostbare Landtrauer zuließe , nicht offenbar die abgestellte Privattrauer aufwecken ? Und könnt ' er , indem er durch sein Exilium , wie Cicero durch seines72 , 20 000 Leute in Trauerhabit steckte , es verantworten , daß sein letzter Akt ein droit d ' Aubaine , eine Beraubung wäre und daß das Sterbebette , worauf man sonst Bedienten und Armen Kleider vermacht , ihnen welche auszöge ? Nein , Madame , das sieht wenigstens Regenten nicht ähnlich , die sogar durch ihr Sterben oft , wie Marcion73 von Christi Höllenfahrt behauptete , einen Kain , Absalon und mehrere alttestamentliche Verdammte aus der Hölle bringen in den Himmel der neuen Regierung . Sie ergeben sich noch nicht , und der Kadaver sieht mich an wie ein Vieh ; aber bedenken Sie das : Perücken- und Zeugmacher haben häufig gekrönte Häupter angefleht , ihre Produkte zu tragen , damit sie abgingen ; - ein Erb- und Kronprinz zieht sich gleich am ersten frohen Huldigungs- und Regierungstage , wo er den Vorfahrer absetzt , d.h. begräbt , kohlenschwarz an , weil die schwarze Wolle wenig taugt und wenig abgeht , und ein solches Exempel beschlägt auf einmal den ganzen Hofstaat , sogar Vieh , Pauken , Kanzeln schwarz . - Nur noch ein Wort , Liebe ; wahrlich es kommt noch nichts als die Chorschülerschaft . Eben deswegen wird der fürstliche Leichnam , der leicht die ganze Freude des Leichenbegängnisses stören könnte , vorher beseitigt und nur ein vakanter Kasten mitgeführt , damit der Zug keine andere pensées habe als anglaises74 ... - O Traute , das letzte Wort ; was sehen Sie denn am Stall- und Pagenkorps ? - Meinetwegen ! auch ich freue mich , auf einmal so viele Menschen und Fürsten mitten unter seinen Kindern so froh zu sehen . « - Aber je länger er die Prozession , dieses schlaffe Gauklerseil , woran man den leeren , aber figurierten Cypselus-Kasten in die Familiengruft einließ , werden sah , desto zorniger wurde sein Spott . - Er passete die Hypothese jedem beflorten Gliede der schwarzen Kette an . - Er lobte es , daß man den Bal masqué der neuen Regierung mit diesen langsamen Menuettpas eröffne und sich auf den Walzer der Vermählung und den Großvatertanz der Huldigung anschicke . - Er sagte , da man sich und Tieren an Freudentagen gern alles leicht mache , wie daher die Juden am Schabbes sich und ihr Vieh nichts , nicht einmal die Hühner die angehangnen Läppchen tragen lassen , so seh ' ers gern , daß in den Zeremonienwägen und im Paradekasten und auf den Klagepferden nichts säße , ja daß sogar die Schleppen der Trauermäntel von Pagen und die vier Leichentuchzipfel von vier handfesten Herren fortgebracht würden . - Nur tadelte er es , daß die Soldateska in der Lust das Gewehr verkehrt ergriffen und daß gerade die Personen vom höchsten Range , Luigi , Froulay , Bouverot , da sie vom schnellen Leichentrunke auf einmal ins Freie kämen , sich wankend müßten auf beiden Seiten führen lassen . - - 47. Zykel In Albano sprach ein andrer Geist als in Schoppe , aber beide begegneten sich bald . Dem Grafen machten die Nachtgestalten aus Flor , die stillen Trauerfahnen , der Totenmarsch , der schleichende Krankengang , das Glockengetöse die Totenhäuser der Erde weit auf , zumal da vor seine blühenden Augen zum ersten Male diese Totenspiele kamen ; aber lauter als alles rief vor ihm etwas - das man kaum erraten wird - die Scheidungen des Lebens aus , der vom Leichentuche erstickte Trommelschlag ; eine gedämpfte Trommel war ihm ein von allen irdischen Katakomben gebrochener Widerhall . Er hörte die stummen erwürgten Klagen unsrer Herzen ; er sah höhere Wesen oben herunterschauen auf das dreistündige weinerliche Lustspiel unsers Lebens , worin das rote Kind des ersten Akts im fünften zum Jubelgreis ermattet und dann erwachsen und gebückt vor dem herablaufenden Vorhange verschwindet . Wie wir im Frühlinge mehr an Tod , Herbst und Winter denken als im Sommer , so malet sich auch der feurigste kräftigste Jüngling öfter und heller in seiner Jahreszeit die dunkle entblätterte vor als der Mann in seiner nähern ; denn in beiden Frühlingen schlagen sich die Flügel des Ideals weit auf und haben nur in einer Zukunft Raum . Aber vor den Jüngling tritt der Tod in blühender griechischer Gestalt , vor den müden ältern Menschen in gotischer . Mit komischem Humor fing Schoppe gewöhnlich an und endigte mit tragischem ; so führte auch jetzt der leere Trauerkasten , die Flöre der Pferde , die Wappen-Schabaracken derselben , des Fürsten Verachtung des schwerfälligen deutschen Zeremoniells und die ganze herzlose Mummerei , alles das führte ihn auf eine Anhöhe , wohin ihn immer das Anschauen vieler Menschen auf einmal trieb und wo er mit einer schwer zu malenden Erhebung , Ergrimmung und lachenden Kümmernis ansah den ewigen , zwingenden , kleinlichen , von Zwecken und Freuden verirrten , betäubten schweren Wahnsinn des Menschengeschlechts ; - und seinen dazu . Plötzlich durchbrach die schwarze Kette ein bunter glänzender Ritter , Roquairol auf dem paradierenden Freudenpferde , und erschütterte unsre zwei Menschen , und keinen weiter . Ein blasses eingestürztes Angesicht , vom langen innern Feuer verglaset , von allen Jugendrosen entblößet , aus den Demantgruben der Augen unter dem schwarzen Augenbraunen-Überhange blitzend , ritt in einer tragischen Lustigkeit daher , deren Linien-Geäder sich unter den frühen Runzeln der Leidenschaft verdoppelte . Welch ein Mensch voll verlebten Lebens ! - Nur Hofleute oder sein Vater konnten dieses tragische Frohlocken zu einer schmeichlerischen Freude über die neue Regierung herabsetzen ; aber Albano nahm ihn ganz in sein Herz hinein und wurde bleich vor inniger Bewegung und sagte : » Ja , er ists ! - O guter Schoppe , er wird gewiß unser Freund , dieser zerrissene Jüngling . - Wie schmerzlich lacht der Edle über diesen Ernst und über Kronen und Gräber und alles ! Ach er starb ja auch einmal . « - » Daran tut der Reiter recht , « ( sagte Schoppe mit zuckenden Augen und tippte schnell an Albanos Hand und dann an seinen eignen Kopf ) » mir kommt schon der Schädel da als ein enger bonsoir , als ein Lichttöter vor , den mir