Man kann unsre Regierer nicht oft genug daran erinnern , daß bürgerliche Gesetze nur ein sehr unvollkommnes und unzulängliches Surrogat für den Mangel guter Sitten , und jede Regierung , ihre Form sey noch so künstlich ausgesonnen , nur eine schwache Stellvertreterin der Vernunft ist , die in jedem Menschen regieren sollte . Was hieraus unmittelbar folgt , ist , denke ich : man könne nicht ernstlich genug daran arbeiten , die Menschen vernünftig und sittig zu machen . Aber , wie die Machthaber hiervon zu überzeugen , oder vielmehr dahin zu bringen wären , die Wege , die zu diesem Ziele führen , ernstlich einzuschlagen ? - dieß ist noch immer das große unaufgelöste Problem ! Wie kann man ihnen zumuthen , daß sie mit Ernst und Eifer daran arbeiten sollen , sich selbst überflüssig zu machen ? 44. Lais an Aristipp . Die ungewöhnliche Schönheit dieses Frühjahres hat mich schon in den ersten Tagen der Blüthenzeit nach Aegina gelockt ; oder vielmehr die kleine Musarion ließ mir keine Ruhe , sobald sie die erste Schwalbe zwitschern hörte . Du solltest nur um der Nachtigallen willen eher nach Aegina gehen , sagte sie alle Morgen und Abende ; gewiß sie singen nirgend so schön als in unserm Lustwäldchen zu Aegina . Du mußt wissen , Aristipp , daß Musarion meinem alten Patron , vor ungefähr sechzehn Jahren , von einer schönen Thracischen Sklavin geboren , und auf seinem Gute zu Aegina bis an seinen Tod erzogen wurde . Er selbst entdeckte mir dieß kurz vor seinem Ende , indem er das Schicksal des jungen Mädchens gänzlich in meine Hände stellte . Du zweifelst nicht daß ich ihr sogleich die Freiheit gab ; und da ich nicht alt genug bin ihre Mutter vorzustellen , gehe ich mit ihr , wie du gesehen hast , wie mit einer jüngern Schwester um . Die Sehnsucht des guten Kindes nach Aegina ward nach und nach so lebhaft , daß ich ihrem Andringen nicht länger widerstehen konnte . Wir sind also wieder hier in deinem Lieblingssitz , und unsre Nachtigallen greifen sich so gewaltig an , daß man sie bis in Athen hören muß ; denn sie haben bereits den begeisterten Kleombrotus im Gefolge seines edeln Freundes zu uns herüber gesungen . Eurybates hat ( wie dir bekannt ist ) auch eine Nachtigall , oder vielmehr eine Sirene , zu Aegina , deren Zaubergesang ihm so gefährlich zu werden droht , daß ich mich ziemlich versucht fühle , den armen Menschen aus purem Mitleiden dem Verderben zu entreißen , das sie ihm zubereitet . In ganzem Ernst , Freund Aristipp ! Eurybates dauert mich , und wer weiß wie weit ich die Großmuth zu treiben fähig wäre , wenn ich nicht - rathe selbst wen ? - in wenig Wochen zu Aegina erwartete , dessen gute Meinung von mir ich nicht gern verscherzen möchte , und der eine so heroische Aufopferung meiner selbst - bloß um einen Abkömmling des Kodrus im Besitz seines schönen Landguts zu erhalten - vielleicht nicht verdienstlich genug finden dürfte , sie für ein würdiges Gegenstück der peinlichen Tugendübungen anzusehen , die er sich selbst ganzer drei Monate lang zu Syrakus auferlegt haben soll . Ohne Scherz , lieber Aristipp , auch deine Freundin , sich schmeichelnd daß sie immer noch die einzige ist , sehnt sich dich bald wieder zu sehen ; und wenn sie dir gleich eine Treue , die ihr nichts kostet , nicht hoch anzurechnen gedenkt , so gesteht sie doch , daß sie dir ' s schwerlich verzeihen könnte , wenn du deine philosophischen Kampfübungen auf ihre Rechnung länger fortsetzen , und anstatt zu den Nachtigallen in Aegina zurückzueilen , etwa noch eine kleine Reise zu den unbescholtnen Aethiopiern123 machen wolltest . Ich habe dir eine Neuigkeit mitzutheilen , die nicht sehr geschickt ist , deine Meinung von den Athenern zu verbessern . Sokrates , unter allen beschuhten und unbeschuhten Achaiern unstreitig der beste , soll ( wie die Rede geht ) von drei redseligen Buben , dem Gerber und Volksredner Anytus , dem Rhetor Lykon , und einem gewissen Dichterling , wenn ich nicht irre Melitus genannt , angeklagt worden seyn , » daß er neue Götter in Athen einführen wolle , und die jungen Leute verderbe ! « Jedermann findet diese Anklage124 gar zu ungereimt , und ich habe noch niemand gesehen , der ernsthaft davon hätte sprechen können , oder im geringsten für unsern alten Freund in Sorgen stände , wiewohl der Kläger auf keine geringere als die Todesstrafe anträgt . Ungeachtet ich die Sache eben so ansehe , so gestehe ich doch , ich traue den Athenern nur halb , und verlasse mich mehr auf die Anzahl und den Eifer seiner Freunde , als auf die Güte seiner Sache und die Gerechtigkeit der Heliasten oder Areopagiten.125 Hoffentlich wird der Sturm schon glücklich vorüber seyn , ehe du dich von Cyrene losmachen kannst . Denn so eben versichert mich einer meiner Athenischen Bekannten , der die Stadt erst diesen Morgen verlassen hat , der berühmte Lysias126 arbeite an einer ganz vortrefflichen Schutzrede für unsern ehrwürdigen Freund , und die allgemeine Stimmung sey dem Beklagten so günstig , daß es ihm nur ein gutes Wort an seine Richter kosten werde , um lauter weiße Steine zu erhalten . In der That sind seine Ankläger so gar schlechte Menschen , und die Klagpunkte passen so übel auf Sokrates , daß Aristophanes selbst , wie ich höre , sich darüber ärgert , daß solche verächtliche Sykophanten aus seinem schon vier und zwanzigjährigen Spaß Ernst machen wollen , und sich schlechterdings weigert , an ihrer Verschwörung Theil zu nehmen . Du kannst also , denke ich , deines alten Chirons127 wegen außer aller Sorge seyn . 45. An Lais . Deine Briefe müssen einen sehr betriebsamen Genius haben , schöne Lais ; denn der Schiffer , der mir so eben den letzten überbringt , versichert mir , daß er die Reise von Aegina nach Cyrene , die er seit vielen Jahren zwei bis dreimal jährlich mache , in seinem Leben nie in so kurzer Zeit und mit so günstigen Winden gemacht habe , als dießmal . Deine Neuigkeit hat mich befremdet , aber nicht im geringsten beunruhigt . Eine so boshafte Anklage , von so namenlosen Menschen wie diese , kann einem Sokrates nicht gefährlich seyn , oder die Kechenäer müßten von aller Scham und Vernunft gänzlich verlassen werden . Ich kenne von den Anklägern nur einen persönlich , den Lederhändler Anytus , einen würdigen Nachfolger des berüchtigten Kleons128 , nur daß er sich gegen diesen ungefähr verhält wie ein Schafsfell zu einer Hirschhaut ; ob er sich ' s gleich ein paar hundert tüchtige Bocksfelle kosten ließ , um es in der edeln Kunst , dem übelhörenden halbkindischen alten Demos129 im Pnyx130 die Ohren voll zu schreien , so weit zu bringen , daß er sich unter den dermaligen Volksrednern so gut als ein Anderer hören lassen darf . Lykon ist ein verdorbner Schulhalter in der Rhetorik , und ich entsinne mich nicht , den Namen des Dichterlings Melitus je gehört zu haben . Was für Leute , um gegen einen Mann wie Sokrates aufzustehen ! und wie fände nur ein Schatten von Wahrscheinlichkeit statt , daß die Athener den biedersten und tugendhaftesten aller ihrer Mitbürger , einen Mann dessen Name im ganzen Griechenland in Ehren gehalten wird , die Profession eines freiwilligen unbezahlten Volks- und Jugend-Lehrers dreißig Jahre lang ungestört hätten treiben lassen , um ihn erst in seinem siebzigsten deßwegen zur Rede zu stellen , und solcher albernen Beschuldigungen wegen aus der Stadt zu verweisen , oder gar zum Tode zu verurtheilen ? Wie du sagst , wir haben nichts für ihn zu fürchten ; die ganze Komödie wird sich , so gut als ehemals die Wolken des Aristophanes , auf eine ehrenvolle Art für ihn und auf eine so schmähliche für die drei Sykophanten endigen , daß sie uns hinter drein Stoff genug zum Lachen geben soll . Wir haben , meines Wissens , keine Nachtigallen in Cyrene . Ich werde mich also , sobald ich hier loskommen kann , auf den Weg machen , um die deinigen noch singen zu hören bevor ihre Zeit vorüber ist . An Sirenen fehlt es auch bei uns nicht ; aber ich kenne keine schlimmere als die schlaue Lysandra , von welcher du den armen Eurybates zu erlösen gesonnen scheinst . In der That wär ' es eine verdienstliche That , und , um eine der schönsten Historien daraus zu machen , brauchte es nichts , als daß der edle Kodride131 großmüthig genug wäre , keinen Ersatz von dir zu fordern , oder , wie der gute Kleombrot , sich am geistigen Ambrosia deines bloßen Anschauens genügen ließe ; wiewohl zu befürchten ist , daß so materielle Wesen , wie die Athenischen und Korinthischen Eupatriden , es bei einer so leichten erotischen Diät schwerlich lange aushalten möchten . Du wirst von Learch vernommen haben , daß ich nicht so glücklich war , den Aritades noch am Leben anzutreffen . Ich habe einen sehr gütigen Vater , Cyrene einen ihrer besten Bürger an ihm verloren . Seine Jugend fiel in eine Zeit , wo die Lebensart bei uns viel einfacher , die Sitten reiner , die Verhältnisse unter Verwandten , Nachbarn und Mitbürgern enger und herzlicher waren als heutzutage . Aritades blieb dem Genius seiner bessern Zeit getreu , ohne von der jetzigen Generation zu verlangen , daß sie vorsetzlich wieder so weit zurückschreite , als sie in allem unvermerkt vorwärts gerückt ist . Wahrscheinlich hat der traurige Ausgang unsrer letzten Revolution den Faden seines Lebens früher abgerissen als die Natur es wollte . Das Vordringen des republikanischen Kriegsheers in den letzten Tagen Aristons nöthigte ihn , sich in die Stadt zu flüchten und seine Güter der Verheerung Preis zu geben . Natürlicherweise treffen die Folgen dieses Unfalls auch mich . Ich werde nicht reich genug zurückkommen , um meine gewohnte Lebensart in die Länge fortsetzen zu können ; und ich sehe eine Zeit voraus , wo ich mich vielleicht werde entschließen müssen , entweder bei der Philosophie des Sokrates zu hungern , oder meine von Hippias gelernten Künste wuchern zu lassen . - Doch , diese Zeit ist noch fern genug , und im nächsten Jahrzehnt wenigstens soll es mir nicht an Mitteln fehlen , den Lebensplan , den ich mir für diese Periode gemacht habe , vollständig und gemächlich auszuführen . Sey also von dieser Seite unbesorgt für mich , meine Liebe ; ich werde in zehn Jahren so viel Vorrath für die Zukunft gesammelt und so große Fortschritte in der Kunst zu leben gemacht haben , daß ich mit beiden auszulangen hoffe , wenn ich auch so alt wie Tithon würde . Mein Bruder ist zu tief in die Geschäfte seiner einzigen Liebschaft , unsrer aus dem politischen Medeenkessel132 neuverjüngt herausgestiegenen Republik verwickelt , als daß ihm Muße zu seinen Privatangelegenheiten übrig bliebe . Aber Eros und Aphrodite verhüten , daß ich hier so lange ausharre , bis unsre Erbschaftssache bei Drachmen und Obolen ausgeglichen ist ! Ich gedenke mich mit irgend einer mäßigen Summe abfinden zu lassen , um desto eher in Aegina anzukommen , wo ich meinen edlen Freund Eurybates ( unter uns gesagt ) lieber zu deinen schönen Füßen als in deinen Armen überraschen möchte . 46. Lais an Aristipp . Es ist vielleicht glücklich für dich , lieber Aristipp , daß du länger in Cyrene aufgehalten wirst als du hofftest ; denn die Sachen in der Minervenstadt haben indeß eine Wendung genommen , die sich niemand einbilden konnte . O die Athener , die Athener ! Wie verhaßt ist mir jetzt dieser Name ! Ich verbiete allen , die um mich sind , ihn auszusprechen , und er soll in den nächsten fünf Jahren nicht über meine Lippen kommen . Kannst du glauben daß die Elenden unmenschlich genug seyn konnten ? - die Hand versagt mir fortzufahren - O daß ich nicht Circe , nicht Medea , nicht der Erinnyen eine bin ! - Und wenn ich dir erst sage , warum sie ihn verurtheilt haben , und wie wild es dabei zugegangen ist ! - Sokrates hielt es ( mit Recht ) seiner unwürdig , sich auf die boshaft alberne Anklage in eine Vertheidigung in gewöhnlicher Form einzulassen , gab auch nicht zu , daß einer von seinen Freunden für ihn aufträte . In der That ( nach dem , was man mir davon erzählt hat , zu urtheilen ) , ist nie etwas Jämmerlicheres gehört worden , als die Beweise , womit der Schwätzer Melitus seine Anklage gut zu machen suchte . Sokrates hörte ihm lachend zu , und fand , sie bedürften keiner Widerlegung , da er sich auf die eigene Ueberzeugung der Richter berufen könne . » Mein ganzes Leben , « sagte er , » ist die vollständigste Antwort auf die Beschuldigungen meiner Ankläger . « - Die ehrsamen Heliasten fanden sich durch die Kürze dieser Apologie beleidigt . Welcher Trotz , sagten sie unter einander , welcher Uebermuth ! das ist nicht zu dulden , das muß bestraft werden , wenn er auch sonst nichts verbrochen hat . Sie schritten zum Urtheil , und der Beklagte wurde mit 281 Steinen von 500 für schuldig erklärt . Weil es indessen doch ihre Meinung war , ihn , wenn er um Milderung der Strafe bäte , mit einer Geldbuße davon kommen zu lassen , so fragte man ihn , was er für eine Strafe verdient zu haben glaube ? » Lebenslänglich im Prytaneum unterhalten zu werden , 133 « war seine Antwort . Dieß brachte die Richter dermaßen auf , daß sie unter großem Lärm zu einer nochmaligen Stimmgebung schritten , wo sich dann ergab , daß er mit 360 Steinen zum Tode verurtheilt war . Dabei blieb es , und er wurde sofort in das öffentliche Gefängniß abgeführt . Der Tag seines Todes ist , einer alten Gewohnheit zufolge , auf die Wiederkunft des heiligen Schiffes ausgesetzt , welches alle Jahre mit den Abgeordneten der Republik zum Andenken der berühmtesten Heldenthat des Theseus nach Delos134 geschickt wird . Seine Freunde haben indeß die Freiheit ihn täglich zu besuchen , und er unterhält sich mit ihnen , auf seine gewohnte Art , so unbefangen und heiter , als ob das was ihm bevorsteht nur eine kleine Reise nach Aegina wäre . Alle diese Umstände habe ich von sehr guter Hand , und auch diesen , daß sein vertrautester alter Freund Kriton ( der sehr reich seyn soll ) alles Mögliche angewandt habe , ihn zu bewegen , daß er sich von ihm befreien und außer Landes in Sicherheit bringen lassen möchte . Aber Sokrates sey unerschütterlich auf seinem Vorsatz beharret sich dem Urtheil seiner gesetzmäßigen Richter nicht zu entziehen . » Ich bleibe , « habe er gesagt , » um den Gesetzen meines Vaterlandes , denen ich Gehorsam schuldig bin , genug zu thun ; so sterbe ich schuldlos , wie ich gelebt habe ; durch die Flucht würde ich den Tod verdienen , den ich jetzt unschuldig leide . « Ich muß aufhören , Aristipp - bleibe immerhin wo du bist ; wenn du auch herüber fliegen könntest , was würd ' es helfen ? Ich danke den Göttern , daß sie dir den Schmerz , ein Zeuge seines Todes zu seyn , erspart haben . - Und doch - wenn ' s möglich ist , so komm ' ! komm ' je eher je lieber ! Du kannst zwar deinem alten Freunde nichts helfen ; aber ich bedarf deiner . Du allein kannst die schwarzen Wolken zerstreuen , die mein Gemüth verdüstern und zusammendrücken . 47. Eurybates an Aristipp . Lais hat dich vorbereitet , Freund Aristipp ; aber dir das Aergste zu melden , versagt ihr der Muth . Sokrates - ist nicht mehr ! Ein unglücklicher Augenblick , eine Art von Mißverständniß , unzeitiger Stolz von Seiten der Richter , und wenn ich ' s sagen darf - ein wenig Eigensinn auf Seiten des noch stolzer zu seyn freilich nur zu wohl berechtigten Sokrates , ist Schuld an einer Uebereilung , welche die Athener sich selbst nie verzeihen werden . Du weißt wie sie sind . Es ist nun einmal von jeher Sitte bei uns gewesen , daß ein Beklagter , wär ' er noch so unschuldig , mehr die Humanität seiner Richter als ihre Gerechtigkeit auf seine Seite zu bringen suchen muß . Man versichert mich heilig , das Gericht sey in keiner ihm ungünstigen Stimmung gewesen . Aber seine ihm zur andern Natur gewordene Ironie , eine Kaltblütigkeit , die ihm für Trotz ausgelegt wurde , die tumultuarische Art , wie es bei der ganzen Verhandlung zuging , und woran zum Theil die Hitze und der unbesonnene Eifer seiner jungen Freunde selbst Schuld war , das alles stimmte die Richter um ; und so konnten sie es nicht ertragen , daß er , anstatt ( wie gewöhnlich ) um Milderung der Strafe anzusuchen , mit einer Miene - die man freilich , seitdem Athen steht , noch nie im Gesicht eines auf den Tod Angeklagten gesehen hat - sagte : die Strafe , die er verdient habe , sey ein lebenslänglicher Freitisch im Prytaneion . Das Geschehene ist nun nicht mehr zu ändern . - Der Name Sokrates wird mit ewigem Ruhm auf die Nachwelt kommen ; alle seine kleinen Menschlichkeiten werden vergessen seyn , und nur die Sage , daß er der weiseste aller Menschen gewesen , wird von einem Jahrhundert dem andern übergeben werden : uns Athener hingegen wird ewig die Schande drücken , einen solchen Mitbürger verkannt zu haben . Wohl dem , der nicht unter seinen Richtern saß ! Die dreißig Tage , die er nach seiner Verurtheilung im Gefängniß zubrachte , sollen die schönsten seines ganzen Lebens gewesen seyn . Weinend sprechen seine Freunde mit Entzücken davon . Er weigerte sich aus den edelsten Beweggründen , sich aus dem Gefängniß entführen und in Sicherheit bringen zu lassen , wozu Kriton alles schon veranstaltet hatte . Wenige Stunden vor seinem Tode unterhielt er sich mit seinen Freunden über die Unsterblichkeit der Seele , und tröstete sich durch die Zuversicht , womit er ihnen von seiner Hoffnung in ein besseres Leben hinüber zu gehen , als von einer gewissen Sache , sprach . Der junge Plato will , wie ich höre , alle diese Gespräche - vermuthlich in seiner eignen Manier , wovon er bereits Proben gegeben hat , mit welchen Sokrates nicht sonderlich zufrieden seyn soll - aufschreiben und bekannt machen . Ich wünsche daß er so wenig von dem seinigen hinzuthun möge , als einem jungen Manne von seinem seltnen Genie nur immer zuzumuthen ist ; aber er hat eine zu warme Einbildungskraft und zu viel Neigung zur dialektischen Spinneweberey , um den schlichten Sokrates unverschönert , und , wenn ich so sagen darf , in seiner ganzen Silenenhaftigkeit , darzustellen , die wir alle an ihm gekannt haben , und die mit seiner Weisheit so sonderbar zusammengewachsen war . Der arme Kleombrot ist untröstbar . Schon vorher mußte ich alles anwenden was ich über ihn vermag , ihn abzuhalten , daß er nicht nach Athen zurückstürmte , um ( wie er sagte ) seinen geliebten Meister entweder zu retten , oder mit ihm zu sterben . Das erste stand nicht in seiner Macht ; hingegen hätt ' er sich leicht schlimme Händel zuziehen können , da unser Volk ( wie dir bekannt ist ) nicht leiden kann , daß Ausländer sich in unsre Sachen mischen . Nun kriecht er aus einem Winkel in den andern , und macht sich selbst Vorwürfe , daß er seinen Lehrer zu einer solchen Zeit verlassen habe ; als ob jemand sich so etwas hätte träumen lassen können , da wir nach Aegina gingen . Kurz , er ist in einem erbärmlichen Zustande . Die kleine Musarion , die ihn zerstreuen sollte , sitzt den ganzen Tag Hand in Hand neben ihm und hilft ihm weinen . Lais selbst ist noch zu sehr erschüttert als daß sie andere trösten könnte . Alle unsre Hoffnung , ihn wieder zurechtzubringen , beruht also auf dir , lieber Aristipp . Deine sämmtlichen Freunde in Aegina sehen dir mit Sehnsucht entgegen . 48. An Eurybates.135 Das sind nun eure so hochgepries ' nen Freistaaten , Eurybates ! So geht es in euern Demokratien zu ! Bei allen Göttern der Rache ! eine solche Abscheulichkeit war nur in einer Ochlokratie wie die eurige möglich ! Ihr schimpft auf das , was ihr Tyrannie nennt ? Wahrlich unter dem Tyrannen Dionysius hätte Sokrates so lange leben mögen als Nestor ; alle Gerber , Rhetoren und Versemacher von ganz Sicilien sollten ihm kein Haar gekrümmt haben ! - Im Grunde dauern mich deine Athener . Was können sie dafür , daß die Regiersucht solcher ehrgeizigen Aristokraten und Demagogen wie Klisthenes und Perikles ihnen in ihre schwindlichten Köpfe gesetzt hat , ein Wurstmacher , Kleiderwalker oder Lampenhändler verstehe sich so gut aufs Regieren und Urtheil sprechen , als einer der dazu erzogen worden ist ? Der Tag , da Athen von der edeln und weislich abgewogenen Solonischen Aristodemokratie zu einer reinen Ochlokratie herabgewürdigt wurde , war der unseligste von allen , die ihr seit Cekrops und Theseus mit schwarzer Kreide bezeichnet habt . Alles Elend , das in den letzten dreißig Jahren über eure Stadt gekommen ist , alles Unheil das ihr über Griechenland gebracht habt , alle die Schandmale , die ihr , durch so viele Handlungen des gefühllosesten Undanks gegen eure verdienstvollesten Bürger , eurem Namen auf ewig eingebrannt habt , schreiben sich von diesem Tage her . - Wie ? Die dreißig Tyrannen selbst , denen euch Lysander preisgab , die gewaltthätigsten und verruchtesten aller Menschen , wagten es nicht sich an Sokrates zu vergreifen , als er ihnen mit spottender Verachtung die derbsten Wahrheiten ins Gesicht sagte : und eure Heliasten , Leute , die für drei Obolen des Tags , je nachdem sie einem wohl oder übel wollen , Recht oder Unrecht sprechen , verurtheilen ihn zum Tode , weil er sie nicht um eine gnädige Strafe bitten will ; verurtheilen ihn bloß , um ihm zu zeigen daß sein Leben von ihrer Willkür abhange ? Die Elenden ! - Aber noch einmal , nicht sie , sondern die Urheber einer Verfassung , welche die Macht über Leben und Tod in die Hände solcher Wichte legt , sind verwünschenswerth . Doch wozu dieser Eifer ? Und was berechtigt mich , meine Galle über dich , der an diesem Gräuel unschuldig ist , auszugießen ? Verzeih ' , Eurybates ! Ich fühle daß es mich noch viel Arbeit an mir selbst kosten wird , bis ich es so weit gebracht habe , alles an den Menschen natürlich zu finden , was sie zu thun fähig sind , und mich mit einer solchen Natur zu vertragen . Ich schmeichelte mir sonst es schon ziemlich weit in diesem eben so schweren als unentbehrlichen Theile der Lebenskunst gebracht zu haben ; - zu früh , wie ich sehe : aber freilich auf ein solches Ungeheuer der schandbarsten Narrheit und Verkehrtheit , wie dieser justizmäßige Sokratesmord , war ich nicht gefaßt . In drei Tagen schiffe ich mich nach Aegina ein , und gedenke von dort aus eine Reise nach den vornehmsten Städten Ioniens zu unternehmen , und mich in jeder so lange aufzuhalten , als ich etwas zu sehen , zu hören und zu lernen finde , das in meinen Plan taugt . Athen wieder zu sehen , bin ich noch unfähig ; der Anblick eines Heliasten würde mich wahnsinnig machen . Lebe wohl , Eurybates , und stelle , wenn du kannst , die Zeiten wieder her , da die Minervenstadt noch von lebenslänglichen Archonten regiert wurde . Eure Triobolenzünftler136 haben mich mit der Aristokratie auf immer ausgesöhnt . Es ist zwar , im Durchschnitt genommen , nicht viel Gutes von euch zu rühmen , ihr andern Eupatriden : aber das bleibt doch wahr , daß der Schlechteste von euch nicht fähig gewesen wäre , weder Ankläger eines Sokrates zu seyn , noch ihm Schierlingssaft zu trinken zu geben . 49. An Lais . Um uns die gezwungene Unterwerfung unter das eiserne Gesetz der Nothwendigkeit erträglicher zu machen , gibt es wohl kein besseres Mittel , liebe Laiska , als uns des großen Vorrechts zu bedienen , womit die Natur den Menschen vor allen andern lebenden Wesen begabt hat , » daß es in seiner Macht steht , bloß durch eine willkührliche Anwendung seiner Denkkraft , wo nicht allen , doch gewiß dem größten Theil der Uebel , die ihm zustoßen , den Stachel zu benehmen , indem er sie aus dem düstern Licht , worin sie ihm erscheinen , in ein freundlicheres versetzt , und sie so lange auf alle möglichen Seiten wendet , bis er eine findet , die ihm einen tröstlichen Anblick gewährt . « An diese sollten wir uns dann , wenn wir weise wären , festhalten , ohne spitzfindig nachzugrübeln , wie viel davon etwa bloß Täuschung seyn möchte . Warum wollten wir die Schale mit Nepenthes137 , die uns eine mitleidige Gottheit reicht , ausschlagen , um uns vorsetzlich dem Gram einer einseitigen Vorstellung zu überlassen , der , wie der Geyer des Prometheus an unserm Leben nagt , ohne daß irgend etwas Gutes für uns oder Andere daraus entspringen kann ? Was wir selbst , was alle bessern Menschen , was die Welt überhaupt durch den Tod unsers unersetzlichen Freundes verloren hat , kann uns durch unsern Unmuth nicht wiedergegeben werden . Reißen wir uns mit unsern Gedanken von allen eigennützigen Gefühlen los , und erwägen dafür , was er selbst , der Geliebte , dessen Verlust wir beklagen , verloren oder gewonnen haben mag ! - War es nicht eher ein Gut als ein Uebel für ihn , die Zeit der immer fühlbarer werdenden Abnahme , die Zeit nicht zu erleben , wo der Mensch in seinen eigenen und andrer Augen nur noch als eine zusehends in Trümmer zerfallende Ruine dessen , was er war , erscheint ? » Er hätte , sagen wir , noch lange , vielleicht noch zehn Jahre leidlich leben können . « - O ja , und dann vielleicht noch andere zehn Jahre unter allen Entbehrungen und Beschwerden des höchsten Greisenalters , wie eine allmählich sterbende Pflanze , hingeschmachtet ! der Welt unnütz , sich selbst und seinen Freunden lästig , ein trauriger Gegenstand ihrer in bloßes Mitleiden verwandelten Liebe ! Ihm war ein besseres Loos beschieden . Denn wahrlich , im Genuß aller seiner Kräfte und einer vollständigen Gesundheit der Seele und des Leibes , siebzig Jahre zurückzulegen , und dann ohne Krankheit und Schmerzen so schnell und leicht aus der Welt zu kommen , wie er , ist ein Glück das unter tausend Menschen kaum Einem zu Theil wird . - » Er starb schuldlos von ungerechten Richtern verurtheilt , « - aber ruhig , heiter , freudig , im Bewußtseyn eines ganzen wohl geführten , untadelhaften , gemeinnützlichen Lebens ! geliebt , geehrt , beweint und betrauert von allen guten Menschen ! Er lebt fort im Herzen seiner Freunde , wird ewig leben im Andenken der spätesten Nachwelt , die seinen Namen zur gewöhnlichen Bezeichnung der Idee eines weisen und tugendhaften Mannes machen wird . Seine denkwürdigsten Reden , seine Lehre , sein bürgerliches und häusliches Leben , werden , von seinen Freunden in Schriften dargestellt , noch Jahrtausende lang , vielleicht unter Völkern , deren Benennung uns jetzt noch unbekannt ist , Gutes wirken . Gibt es ein glorreicheres Loos für einen Sterblichgebornen , als , mit allen diesen Vorzügen gekrönt , von der Tafel der Natur aufzustehen und schlafen zu gehen - entweder zur Ruhe eines ewigen Schlafs , oder ( wie er selbst glaubte ) um , mit den Geistern aller Edeln und Guten , die vor ihm waren , vereinigt , ein neues Leben in der unsichtbaren Welt zu beginnen ? Trauren wir also nicht um Sokrates ! Er hat nichts verloren , nichts das ihm nicht reichlich ersetzt wird , nichts , wofür ihm nicht schon die letzte Stunde , da sich Vergangenheit und Zukunft in seinem Bewußtseyn in Ein großes , klares , lebendiges Gefühl zusammendrängte , überschwänglichen Ersatz gegeben hätte . - » Aber was wir selbst an ihm verloren haben ? « - ist , im Grunde , wenig , meine Freunde ! denn von allem , was wir bereits von ihm besitzen , können wir nichts verlieren als durch unsre eigene Schuld ; und in der Folge hätte er doch nur wenig mehr für uns seyn können . Gesetzt aber auch wir hätten viel verloren , so sey uns dieß ein neuer Antrieb , einander desto sorgfältiger und eifriger alles zu seyn , was in unserm Vermögen ist ! Ich gestehe , daß es mir jetzt äußerst peinlich wäre , nach Athen zurückzukehren , wo mich alles noch zu frisch an ihn erinnern würde ; aber in einigen Jahren werden diese Erinnerungen vielmehr angenehm als schmerzhaft seyn . Was die Athener betrifft , die sind , im Durchschnitt , ein so verächtliches Gesindel , daß sie nicht einmal unsers Hasses werth sind , geschweige daß die liebenswürdigste aller Erdentöchter um ihrentwillen zur Medea oder Tisiphone138 werden sollte . An weniger gefühllosen Menschen würden Scham und Reue bereits eine strenge Rache genommen haben . Aber ich besorge sehr , die Athener sind weder der Scham noch der Reue fähig . Desto schlimmer für sie ! Sie werden ihrer verdienten Strafe nicht entrinnen ; und schwerlich würdest du , wenn dir auch alle Fackeln und Schlangenpeitschen der Erinnyen zu Dienste ständen , grausam genug seyn , ihnen die Hälfte der Plagen anzuthun , die sie selbst durch die natürlichen Folgen ihrer unheilbaren Verkehrtheit über sich aufhäufen werden . Meine Geschäfte