und Armellini ... Graf Sarzana befehligte einen Theil des Heeres ... Oft wurde Cäsar Montalto genannt - einmal als Befehlshaber einer Truppenabtheilung , die in den Umgebungen Porto d ' Ascolis eine Gegenrevolution unterdrückte ; die Räuberelemente wurden noch immer benutzt , um den gestürzten Machthabern als Anhalt zu dienen und an andern Orten wurde , eine Veranstaltung derselben Intrigue , der Fanatismus bis zur Schreckensherrschaft gesteigert - Opfer über Opfer fielen dann unter den Dolchen dieser wahnsinnig Gemachten oder Erkauften ... Alles das waren bekannte Stratageme aus dem geheimen , allerdings ungeschriebenen , aber praktisch vorhandenen Codex der Monita secreta Loyola ' s ... In diese Schrecken der aufgeregten Leidenschaft donnerten nun die Kanonen der Belagerung Roms ... Die Höhe , bis zu der die Bewegung durch Rom gekommen , sollte selbst in den Augen der französischen Republik aufhören , die sich schon für den Uebergang zum Kaiserreich rüstete ... Wir kommen als Freunde ! riefen die Abgeordneten der Franzosen - aber Rom antwortete durch eine Rüstung zum Kampf auf Leben und Tod ... Avezzana , Garibaldi , Sarzana befehligten ... Der Kampf entbrannte an der Porta San-Pancrazio zu einer Schlacht ... Die Römer siegten ... Die Franzosen , ohne Enthusiasmus für ihre Aufgabe , zogen sich zurück ... Vom Norden kamen die Heersäulen Oesterreichs , vom Süden die des Königs von Neapel ... Spanier landeten und die Franzosen erhielten Verstärkung ... Vergebens rief das römische Triumvirat : » Ein fester Zug waltet im Herzen des römischen Volkes : der Haß gegen die Priesterherrschaft , unter welcher Form sie auch auftrete , der Widerwille gegen die weltliche Herrschaft der Päpste ! « 3 ... Der Kampf entbrannte aufs neue ... Die Franzosen nahmen die Villa Pamfili und die Villa Corsini ... Garibaldi stürzte sich mit seiner italienischen Legion auf die letztere und ließ sie wieder im Sturm angreifen ... Drei Stunden der äußersten Anstrengung und es gelang , die Franzosen von den Wällen zu vertreiben , zwölfhundert Todte bedeckten das Feld ; wieder war der Sieg den Belagerten geblieben ... Aber die Uebermacht war zu groß ; nicht endender Kanonendonner verwirrte die Gemüther ; glühende Bomben flogen bei Tag und bei Nacht , die Luft war ein Feuermeer ; unter Schrecken , die dem entsetzten Volk dem Weltuntergang gleichzukommen schienen , ließen sich über Rauch und Trümmern die ersten Franzosen in der Stadt sehen ... Am 2. Juli empfing Oudinot die Capitulation ... Noch vor diesem Tage , während sich das blutige Schauspiel des untergehenden republikanischen Roms vollzog , hatte sich die Aufregung der Gemüther nicht länger in Nizza beruhigen können ... Der Aufenthalt daselbst war ohnehin im Sommer zu widerrathen . Trockene scharfe Winde wehen von den Alpen her , die Luft ist heiß , spärlich die Erquickung des Schattens , der kreidige Boden setzt einen dem Athem beschwerlichen beizenden Staub ab - die kleine Colonie suchte sich durch Ausflüge in die Berge zu helfen , suchte die kühleren , von einer üppigen Vegetation geschmückten Schluchten der Cimiés auf - aber das Steigen ermüdete Hedemann ... Blieb er auch meist daheim und athmete die Blumendüfte zahlloser Gärten , wo allabendlich Tausende von Orangeblüten frisch gebrochen in die Fabriken künstlicher Duftgewässer getragen werden - alles das , was man von Schönheit und Wohlbehagen als Grund zum Bleiben sich einredete , half zuletzt nichts , um die große Vereinsamung der Gemüther zu verbergen ... Nun schrieben Paula und ihr Gatte von Gräfin Erdmuthens zunehmender Schwäche , von einer bedenklichen Erkrankung , bevorstehender Auflösung , vom dringendsten Verlangen der Gräfin , sie alle noch einmal zu sehen - nun beschloß man , die bisher aufrechterhaltenen Ueberzeugungen über die Schwierigkeit dieser Begegnungen , alle Gründe dieses gegenseitigen langen Vermeidens zu durchbrechen und die Reise anzutreten ... Paula war von ihrem magnetischen Leben befreit ... Was die Nähe des Erzbischofs nicht mehr hervorrief , konnte doch wol nicht mehr der Oberst wecken ... Zu den Beweggründen der Reise gesellte sich ein nicht zu unterdrückendes Interesse für Benno von Asselyn ... Bellona ' s Sichel war in mächtiger Arbeit ... Graf Sarzana befand sich bereits , hieß es , unter den Gefallenen ... Benno ' s Schicksal wurde selbst in Paula ' s Briefen für eine gemeinsame Sorge erklärt ... Armgart irrte oft einsam wie die Möve am Meeresstrand ... Entsagt ein Frauenherz , so bildet sich mit den Jahren ein Cultus des Gemüths , der unbewußt die Rechte auf sein Verlorenes übertreibt , ja sich das , was nie besessen und genossen , wie ein wirkliches , ein volles Glück ausmalt ... Und so erklomm denn jetzt die kleine , aus so eigenthümlichen Elementen bestehende Colonie den Col de Tende ... Sie alle trugen über die Felsen hinweg eine Welt voll Trauer ... Ihr Innerstes war schwerbeladen und doch schienen sie am Nächsten interessirt ... An Steinen , an Blumen , am Plaudern des Kindes ... Weiß man denn , was von den Fähigkeiten unserer Natur mehr zu hassen ist , die schnelle Gewöhnung an Glück oder die schnelle Gewöhnung an Unglück ! ... Nun ist die Höhe erreicht ... Aber der niederwärtsgehende Weg blieb noch unabsehbar bis zu den grünen prangenden Thälern , die erwartet werden durften ... Kahle und öde Gesteine ringsum ... Einsame Sennerhütten wechseln mit Holzschuppen , Zufluchtstätten des Wanderers im Wintersturm ... Mächtige Steine müssen an ihnen die Schindelbedachung gegen die Stürme festhalten ... Zwischen Felsen und Wasserstürzen , oft wunderbaren Lichtungen , wo überrascht der Blick bis in die Cottischen Alpen hinüberschweift , zwischen Resten alter Römerbauten und zerbrochenen Schlössern der rauhesten Zeit des Mittelalters hindurch , war dann endlich gegen Mitternacht das Städtchen Limone erreicht ... Hier überraschte die Reisenden Graf Hugo , der die Aufmerksamkeit gehabt hatte , ihnen entgegenzukommen ... Er kam ohne Paula ... Der alte freundliche , herzliche Ton der Bewillkommnung half sogleich über die lange Reihe von Jahren hinweg , wo man sich nicht gesehen hatte ... Armgart und der Graf sahen sich sogar zum ersten mal - Sie staunten einander an ... Das ist das Große im Menschen - zwei erdgeborene hülflose Wesen können sich betrachten , wie ein nur einmal in der Welt vorhandenes Schauspiel der Natur und wie eine Begebenheit , die so , wie in dieser Erscheinung , nirgend und niemals wiederkehrt ... Nach einer Versicherung des Grafen , daß die Mutter noch einige Tage leben würde , überließen sich die Ermüdeten dem aufgethürmten Maisstroh in einem Wirthshause , das - in Limone ! - den Namen führte » Grand Hôtel de l ' Europe « ... Fußnoten 1 1831 . 2 Préliminaires de la Question Romaine . London 1860 . 3 Note an Lesseps vom 16. Mai 1849 . 4. Im Widerspruch mit dem im goldensten Sonnenglanz strahlenden Limone lag am frühen Morgen auf den Mienen der nach so langer Trennung sich Begrüßenden der Ausdruck der Trauer ... Die Ankömmlinge sahen wohl , daß den Grafen gestern nur die Besorgniß , die von seiner Mutter so heißersehnten Freunde möchten nicht mehr rechtzeitig eintreffen , bis nach Limone getrieben hatte , von wo er über den Col Stafetten aussenden wollte , als sie dann endlich ankamen ... In erster Morgendämmerung hatte ein reitender Bote den Wink des Arztes gebracht , daß seine eigene Rückkehr zu beschleunigen war ... Graf Hugo hatte gealtert ... Sein braunes Lockenhaar war lichter geworden und an vielen Stellen ergraut ... Die stattliche Haltung war der zurückgebliebenen Gewohnheit seines militärischen Standes zuzuschreiben ; seiner Stimmung entsprach sie nicht ... An seinen Antworten auf Monika ' s Bewunderung der entzückenden Gegend sah man , daß Schloß Castellungo ein Ort der Trauer war ... Auch Paula war , erfuhren sie , von Coni , wo sie wohnte , heraufgekommen und harrte ihrer in Castellungo ... Der italienischen Sitte gemäß , wo Rang und Reichthum ihren äußern Ausdruck finden müssen , fuhr mit dem Reisewagen des Obersten auch ein Staatswagen , ein Viergespann prächtiger Rosse vor und erlaubte die Theilung der Gesellschaft ... Obgleich sich Armgart zum Grafen hingezogen fühlte , blieb sie doch bei den Hedemanns ... Monika , der Oberst , Graf Hugo nahmen die Plätze der offenen großen Equipage ein , die von einem buntgekleideten Kutscher vom Sattel aus geführt wurde ... Zwei Bediente leuchteten in neuen Livreen mit den Dorste ' schen Farben ... Man konnte sich nach Westerhof versetzt glauben , wenn die schöne Natur und der blaue Himmel nicht zu sehr an die Glückseligkeit Italiens erinnert hätte ... Die Gespräche ringsum , schon im Gasthof und im Städtchen , berührten auch die Weltbegebenheiten ... Armgart hatte gehört , daß die Kämpfe in Rom zwar noch fortdauerten , aber schon für die Republik hoffnungslos waren ... An einem geheimen Blick der Aeltern sah sie , daß auch von Benno gesprochen wurde ... Zitternd stand sie , mochte hören und auch nicht - jetzt saß sie abwesend , fast fiebernd , auch in Folge der gestrigen Anstrengung und einer nur kurzen Nachtruhe .... Neben ihr suchte sich Porzia , in den Wonneschauern des Wiedersehens ihrer Heimat , durch ein Durcheinandersprechen zu helfen ; sie erklärte , jedes Haus , jede Mühle und grüßte jeden Vorübergehenden , als müßte sie noch von allen gekannt sein ... Erdmuthe langte nach den Früchten , die aus den Gärten blinkten - Armgart nahm sie auf den Schoos , um sie zurückzuhalten ... Dabei schwankte sie doch selbst vor Freude und Bangen in ihrer hochgespannten Brust ... Nach zweistündiger Fahrt , die unter Kastanien-und Nußbäumen , oft wie unter dem Laubdach eines Parkes dahinging , hielt plötzlich der vorausfahrende Wagen des Grafen ... Eine Biegung des zuweilen von rauschenden Bergwässern unterbrochenen Weges verhinderte noch , die Ursache des Haltens zu entdecken ... Als Armgart ' s Wagen näher gekommen war , sah sie unter einer Pflanzung von Eichen , die am Wege auf einer grünen Böschung standen , eine Gruppe sich herzlich Bewillkommnender ... Eine Dame , die , vom blauen Sonnenäther sich abhebend , hingegeben in den Armen des Vaters und der Mutter lag und doch zugleich mit einem weißen Tuch in die Ferne wehte , um die noch Zurückgebliebenen schon zu begrüßen , konnte wol nur Paula sein ... Im ersten Augenblick hätte Armgart laut rufen und alle ihre krampfhaft zusammengedrängten Empfindungen in einem Schrei lösen mögen ... Ihr Wagen flog jetzt dahin und hielt ... Der Schlag wurde geöffnet ; sie schwebte , sie wußte nicht wie ... Paula lag überwältigt in ihren Armen und senkte ihr Haupt auf die Schultern der athemlosen Freundin ... Daß beide weinten , trotz der Freude - lag es nur allein im Hinblick auf die Sterbende in Castellungo ? ... Angenommen wurde es ... Ihr krampfhaftes , in kurzen Sätzen erfolgendes Schluchzen , das beiden ihre Empfindungen erleichterte , sagte wol mehr ... Ein dritter Wagen , mit dem nun noch Paula gekommen war , nahm diese und Armgart allein auf ... Sie wollten für sich und hinter allen zurückbleiben ... Die andern , dabei eine Italienerin , Begleiterin Paula ' s , fuhren voraus ... Nun erst begrüßten sich die Freundinnen ganz so , wie sie es für sich allein bedurften ; nun erst sahen sie , was sie inzwischen geworden - sie spiegelten sich in ihren thränenblinkenden Augen ... Paula trug keine Locken mehr ... Sie bot vollkommen das Bild einer Dreißigjährigen ... Sie war noch nicht verblüht , hatte aber Linien des Grams auf ihrer Stirn und um den Mund jene Einschnitte , die nicht mehr weichen wollen ... Ein leichter , mit blauen Florentinerblumen geschmückter Strohhut umrahmte ihr edles Antlitz ... Die Freundinnen prüften sich fort und fort , Auge in Auge ... Wer beide beobachtete , konnte zweifelnd bleiben : Sind das zwei Jungfrauen oder zwei Witwen ? ... Das also das Land deiner Verheißungen ! ... Das das Land - deiner Träume ... begann Armgart sich nun erst findend und in der immer paradiesischeren Gegend umblickend - ... Der Bediente war auf die andern Wägen geschickt worden ... Der Kutscher hatte mit seinen Rossen zu thun ... Die Freundinnen konnten annehmen , daß sie allein waren ... Seit ich hier bin , träum ' ich schon lange nicht mehr , erwiderte Paula ... Ich sehe irdisch wie alle ... Die Luft dieser Berge ist gesund ... Du und die Aeltern , alle müßt ihr nun bei uns bleiben ... Mein Gatte - sagt ' er es nicht schon ? - sehnt sich freilich in die Welt zurück ... Der Kriegslärm lockt ihn schon lange , um wieder in die Armee zu treten ... Aber - ihr bleibt ... Die Beziehung zu dem Lande hier war im Kriegssturm gewiß die bitterste und schwerste ? unterbrach Armgart ... Die Mutter glich alles aus - erwiderte Paula ... Sie war - so hochverehrt ... War ! ... O , daß ihr zu solcher Trauer kommt ! ... Und auch wir bringen Leid ... Der arme Hedemann ! ... Paula war voll herzlichsten Antheils ... Die Freundinnen sprachen wehmuthbewegt von Westerhof , Witoborn , vom Stift Heiligenkreuz ... Neuigkeiten gab es genug ... Vom Erzbischof von Coni war noch nicht die Rede - nur von Coni selbst , wo Paula wohnte ... Coni ist zwölf Miglien von hier ... sagte sie und bediente sich der italienischen Bezeichnung für eine Entfernung , die Armgart auf drei deutsche Meilen zu deuten wußte ... So weit lag etwa von Heiligenkreuz Schloß Neuhof entfernt ... Jedes Wort , das die Freundinnen wechselten , weckte heilige Erinnerungen ... Paula deutete auf einen zur Linken sich erhebenden grünen Hügel , auf den sich terrassenförmig ein Stationsweg hinaufschlängelte und oben eine kleine Kirche malerisch vom blauen Hintergrunde abhob ... Die Kapelle der » besten Maria ! « erklärte Paula der den landschaftlichen Reizen schon als Künstlerin lauschen den Freundin ... Diese konnte in einem Augenblick , wo sie schon soviel trübe mit dem Religionszwiespalt zusammenhängende Verhältnisse theurer Angehöriger besprochen hatten , in dieser Hindeutung auf die » beste Maria « nur einen Anlaß finden , an das unsichtbare und ohne Bild verehrte Princip der schmerzverklärten weiblichen Liebe überhaupt zu denken ... Sie faltete die Hände und sagte : Das also der Altar , wo die Cocons gesegnet wurden , die dein Brautkleid werden sollten ! ... Paula erröthete ... Armgart hielt eine Lobrede auf den Grafen , rühmte den Eindruck , den er mache , seine Natürlichkeit , seine Trauer um die Mutter ... Er ist gut ! bezeugte Paula ... Das der beste Schmuck eines Mannes ! entgegnete Armgart mit Andeutung ihrer eigenen trüben Lebenserfahrung ... ... Nun schwiegen die Freundinnen ... Was sie fühlten , verstanden sie ja ... Ihr Briefwechsel hatte nichts von ihren tiefern Lebenslagen verschleiert , wenn sie auch nicht in Allem gleicher Meinung waren ... Die Zahl der Wegwanderer , der Fahrenden , Reiter mehrte sich inzwischen ... Obgleich die Embleme des katholischen Cultus nicht fehlten , bemerkte doch Armgart Landleute , die einen eigenen Ausdruck der Mienen hatten und der ihr aus Lausanne und Genf bekannt war ... Sie forschte für sich nach Waldensern - nach der ganzen Sehnsucht Hedemann ' s und ihrer Aeltern ... Ein Städtchen kam mit einer mächtigen , dem Ort kaum angemessenen Kathedrale ... Eine hochgewölbte Kuppel ragte weit über das ganze Städtchen hinweg ... Das ist Robillante ! sagte Paula ... Armgart ' s Augen fanden schon von selbst vor dem Thor der Stadt das bischöfliche Kapitel ... Ein mächtiges Gebäude im Jesuitenstyl , die Kirche daneben mit Kuppel und schnörkelhafter Façade ... Die Kirche hatte ein Glockenspiel und intonirte soeben mit kurzem Ansatz den Schlag der zehnten Stunde , dem dann ein Musikstück , wie eine Galopade , folgte ... Das war nun in Italien nicht anders ... Bonaventura hatte hier als Bischof , erzählte Paula , die Melodie geändert ... ... Sein Nachfolger hatte wieder die Tänze zurückgeführt ... Mit dieser kurzen Erwähnung waren denn auch jene Kämpfe angedeutet , die der fremde Eindringling auf diesem Boden zu bestehen hatte ... Im letzten Revolutionssturm hatten sie nachgelassen ... Jetzt , nach Piemonts Demüthigung , begannen sie wieder ... Auch gegen die neue , in Turin im Bau begriffene Waldenserkirche hatte der neue Bischof von Robillante energischen Protest erlassen ... Armgart ' s Phantasie hatte inzwischen Spielraum , sich auszumalen , wie dort Bonaventura in dem von ehrerbietig grüßenden Priestern umstandenen , nicht endenden Palaste wohnte und wie auch einst Benno und Thiebold hinter jenen stattlichen Fenstern mit den Balconen und grünen Jalousieen dort von ihm aufgenommen wurden - ... Die Stadt selbst wurde umfahren ... Wieder glänzte im Sonnenschein Berg und Flur ... Nur die vielen , um der Seidenwürmer willen entlaubten Maulbeerbäume störten den malerischen Eindruck ... Wieder folgten die Grüße von Landleuten , die auf Armgart einen schweizerischen Eindruck machten ... Waldenser ! bestätigte auch Paula ... Wohlhabende Leute darunter ... Dank der Fürsorge der Mutter ... Unsere Gemeinde hier ist nur klein - ... Die Mehrzahl wohnt dort oben ... In den Thälern um Pignerol sind ihrer Tausende ... Schon suchte Armgart ' s Auge nach Castellungo ... Viele Schlösser gab es , die auf den grünen Hügeln , den Vorbergen hinterwärts aufstarrender schrofferer Felswände , leuchteten ... Paula deutete auf einen schimmernden Punkt in weiter Ferne - eine unter einem tiefdunkeln Waldkranz hervorragende Flagge ... So krank die Mutter ist , sagte sie , hat sie zu eurem Empfang das Aufziehen aller Fahnen befohlen ... Auch eure Farben und die der Hardenbergs werdet ihr finden ... Bei hohen Festen sind alle Zinnen damit geschmückt ... Bald wird die schwarze Trauerfahne wehen ... Das Gespräch kam auf die Waldenser zurück und Paula sprach von ihnen , ohne das mindeste Zeichen der Abneigung ... Alle diese Verhältnisse umschlang hier schon lange das gemeinsame Band der Schonung und Familienrücksicht ... Eine Frage wie die : Wird wol Graf Hugo nach dem Tode seiner Mutter katholisch werden ? kam nicht von Armgart ' s Lippen ; edle Bildung scheut nichts mehr , als das Aussprechen des Namenlosen ; sie läßt das Misliche an sich kommen , ohne es zu rufen ... Wie Paula , ihr Gatte und der priesterliche Freund in Coni zusammenlebten , wußte ja Armgart seit Jahren aus dem Briefwechsel der Freundin ... Sie kannte , was hier im Herzen edler Menschen möglich , freilich auch nach der Anschauung ihrer Mutter und der Mutter des Grafen ein sprechender Beweis für die tiefe Verwerflichkeit der katholischen Kirche war ... Um dieser Schonung ihres Verhältnisses zu Bonaventura willen berührte auch noch Paula nichts , was zum Unaussprechlichen in Armgart ' s Seele gehörte ... Seitdem Benno ein Opfer der Dankbarkeit für Olympia geworden , hatte er aufgehört , für diese ohnehin im Politischen nicht mit dem herrschenden Zeitgeist gehenden Kreise anders , als in den Bildern alter Zeit zu existiren ... Der Graf hatte schon in Limone seine alte Anhänglichkeit an Oesterreich zu erkennen gegeben ... Die Gegend würde ihn , sagte er , in dieser anarchischen Zeit mit dem feindseligsten Mistrauen betrachtet haben , wäre die Mutter nicht so hochverehrt ... Paula verschwieg nun auch nicht , daß sie alle anfangs dem Ruf des Erzbischofs geschadet hätten ... Armgart erkannte an allem , was sie so abgebrochen hörte , daß nach dem Tode der Gräfin irgendeine große Entschließung im Werke war ... Der Tod Sarzana ' s wurde von Paula bestätigt ... Von Lucinde , von Cäsar von Montalto hatte man keine Nachricht ... Im Austausch der durch alle diese Namen und Verhältnisse hervorgerufenen Empfindungen entdeckte man endlich die deutlichen Umrisse des sich allmählich als Beherrscher eines dichtbevölkerten Thals und einer kleinen Ortschaft erhebenden , aber mehr den Bergen zugelegenen Schlosses ... Wohl konnte Armgart begreifen , wie sich Graf Hugo ' s Vater mit diesem Prachtgebäude hatte in Schulden stürzen müssen ... Castellungo gehörte der Gräfin , aber ihr Gatte hatte beigetragen , es weit über ihre Mittel zu einem leuchtenden Mittelpunkt der reizenden Landschaft zu erheben - es war der einzige Adelssitz , der hier noch an die Zeiten der gebrochenen Burgen der Tenda und Saluzzo erinnern konnte ... Thürme erhoben sich mit gezackten Zinnen , mit Altanen , freischwebenden luftigen Brücken - alles hätte , ohne den düstern Flor , der auf dem Ganzen lag , einen um so anziehenderen Aufenthalt verheißen können , als die Reize der Natur , wie ihm schmeichelnd , sich rings um den mächtigen Bau lehnten ... Eine üppige Fruchtbarkeit , gute , freundliche Menschen , die ihre Wohnungen bis weit hinauf über die Berggelände hatten , alles das machte den wohlthuendsten Eindruck ... Wie schmerzlich , daß die Diener , die den auf dem bequemsten Schlängelpfade bis zum Schloß anfahrenden Wägen entgegeneilten , schon in ihren Mienen die angebrochene letzte Stunde der Gräfin berichteten ... Hedemann , nach dem die Sterbende ein besonderes Verlangen trug , stand schon an der Eingangspforte unter den mächtigen Wappenschildern von Marmor und sah sich in der weiten schönen Gegend und in den blumengeschmückten Höfen des Schlosses mit einem Blick um , als wollte er sagen : Hier wirst auch du dein letztes Lager finden ! ... Eilends stiegen alle aus ... Bangklopfenden Herzens folgte man dem Grafen , der Monika den Arm bot ... Paula wurde vom Obersten geführt , der sich noch scheute , sich ihr zu sehr zu nähern ... Aber Paula ' s gen Himmel erhobener Blick schien den Dank aussprechen zu wollen , daß sich ihr Leben schon lange unter die allgemeinen Bedingungen der Natur gestellt hätte ... Fest klammerte sie sich an den ihr sympathischen Mann - den Vater ihrer geliebten , so langentbehrten Armgart ... Auch der Mutter warf sie nur Blicke der Liebe und Versöhnung zu ... Der Aufgang , das Treppenhaus , alles gab sich in hohem Grade würdig ... Decken lagen ausgebreitet auf Marmor und Granit ... Die Diener gingen leise auf und ab in reicher Zahl ... Die alte Gräfin hielt auf den Glanz ihres Hauses ; zumal , seitdem die frühere Entbehrung geschwunden ... Ordnung und Sauberkeit waltete auf allen Gängen ... Die steigende Mittagshitze verlor sich in Schatten und Kühle ... Im Schmuck der dann betretenen hohen , luftigen und hellen Zimmer herrschte ein gewählter Geschmack ... Graf Hugo ' s Liebhaberei waren schon in Salem kunstvolle Möbel und gediegene Einrichtungen ... Schon in Limone deutete er dem Obersten an , daß ihn Langeweile nie beschlichen hätte - zu thun gäb ' es bei großem Besitz immer und oft fehle ihm die Zeit , alles allein zu besorgen - Schloß Salem war unverkauft geblieben und seit diesen zehn Jahren jährlich von ihm auf einige Wochen besucht worden ... Für die Ankömmlinge , die er gern für immer gefesselt hätte , war ein ganzer Flügel des Schlosses eingerichtet ... In einem hellleuchtenden , säulengeschmückten Saale stand dann eine von Silber und Krystall glänzende , gedeckte Tafel ... Hier fanden sich alle Schloßbewohner beisammen ... Und wohl sah man , daß der Todesengel waltete ... An einer hohen , schwarzen , reich mit Holzschnittarbeit gezierten Thür standen weinende Frauen ... Einige davon erkannten sogleich von alten Zeiten her Porzia und begrüßten sie ... Auch Monika und Armgart fanden Bekannte , jene aus Wien , diese aus London ... Inzwischen öffnete der Graf jene schwarze Thür und bedeutete die Freunde ihm zu folgen ... In einem Vorzimmer sollten alle so lange verweilen , bis er die Mutter auf die endliche Ankunft derselben vorbereitet hätte ... Von einem würdigen Manne in schwarzer Kleidung , der ein Prediger schien , wurden zuerst der Oberst und Monika allein hereingerufen ... Paula schloß sich ihnen an ... Nach einer Weile rief Paula auch Armgart herein ... Dann durften Hedemann und Porzia und mit ihnen das kleine Pathenkind kommen ... In einem grünverhangenen Eckzimmer lag auf einem Rollsessel ausgestreckt die Mutter des Grafen , schon einem ausgelebten Körper ähnlich ... Ihre knöchernen Hände hatte sie auf der gepolsterten Lehne des Sessels liegen ... Sie fühlte wol kaum noch die Küsse , die die um sie her Stehenden oder Knieenden auf die kalten Finger drückten ... Porzia schluchzte laut - die andern schwiegen ehrfurchtsvoll , wenn auch ihre Augen voll Thränen standen ... Gräfin Erdmuthe winkte , daß niemand wieder hinaus gehen sollte ; sie wollte sie alle in ihrer Nähe behalten ... Die Augen lagen tief in ihren Höhlen ... Doch erkannte sie jeden ... Lichtstrahlen der Freude , daß sie Menschen , die ihr zu allen Zeiten so werth gewesen , noch einmal sehen konnte , brachen unverkennbar aus ihren , schon halb erstarrten Zügen ... Wo gehst du denn hin ? sprach die kleine Erdmuthe , da die Gräfin ihre Rede mit einem mehrmaligen : » Ich gehe - « begonnen hatte ... In einen schönen - Garten - ! ... antwortete die Sterbende mühsam jede Sylbe betonend ... Wol in den , in den auch der Vater geht ? ... fragte das Kind und wurde um dieser Fragen willen leise von Porzia weggezogen ... Aber die Gräfin langte nach ihrem Pathchen und wehrte allen , ihm sein zutraulich Fragen zu verbieten ... ... Hedemann stand hinter dem Stuhl der Sterbenden und verrieth sein Leiden durch seinen Husten ... Die Gräfin hatte ihn mit besonderer Theilnahme begrüßt ... Da sie ihm nun , sich nach ihm wendend , zuflüsterte : » Ei - du - frommer - und - getreuer Knecht ! « fiel er , das Wort des Kindes bestätigend , ein : » Gehe ein zu deines Herrn Freude ! « ... Eine Pause trat ein , unterbrochen vom Weinen Porzia ' s , auch jetzt vom Weinen des erschreckten Kindes ... Als es stiller geworden , winkte die Matrone dem Obersten , der ihr in Witoborn und Westerhof immer einen so vortheilhaften Eindruck gemacht hatte und dem sie schon aus Reue über ihre Absicht , Monika mit Terschka zu vermählen , besonders ergeben war , und sprach mit ihm ... Es währte lange , bis der Oberst verstand , was sie wollte ... Wie ist es - mit - Rom ? verstand er endlich ... Er nannte ihr mit scharfbetonten Worten die gegenwärtige Sachlage des Kampfes ... Der Sieg der Franzosen wäre , sagte er , so gut wie entschieden ... Sie überlegte lange , was gesprochen worden ... Monika errieth ihren Gedankengang und half dem Aussprechen desselben nach ... Dieser Sieg , sagte sie dicht am Ohr der Gräfin , wird noch einmal die Herrschaft des Heiligen Vaters wieder zurückführen - bis - einst - ... Die Gräfin verfiel in einen röchelnden Husten , ergänzte aber , als der krampfhafte Anfall vorüber war , mit einer überraschenden Kraft : Bis einst die wahren Streiter kommen ... Das ist das Lamm auf dem Berge - und mit ihm hundert - und vierzigtausend ohne andere - Waffen - als - ... Nun versagte die Stimme der Gräfin und Hedemann und Monika fielen ergänzend ein : Als - den Namen des Herrn ... Den Namen des Herrn aus Monika ' s Munde zu vernehmen schien der Gräfin außerordentlich wohlzuthun ... Sie hatte früher an ihr den » rechten Grund « vermißt , wußte nun aber aus Briefen schon lange , um wie viel die jüngere Freundin ihr näher gerückt war ... Der Sohn trat heran , um die Erregung der Mutter zu beschwichtigen ... Die Mutter hielt seine Hand fest und sah ihm mit weitgeöffneten Augen ins Antlitz ... Warum läuten die Glocken ? ... fragte sie ihn feierlich ... Es klangen keine Glocken ... Nur im Nebenzimmer regte sich der Arzt , der hochberühmte Doctor Savelli aus Coni , der mit einem Glase näher trat , an dem nur so der silberne Löffel erklang ... Die Mutter hörte wol diesen Klang und deutete ihn auf das Läuten von Glocken und starrte wie ins Leere ... Nimm , Mutter ! sprach der Graf mit liebevoller Bitte und reichte ihr selbst das Glas dar , das kräftig und würzig duftete ... Es war die letzte Stärkung eines von seinen Lebensgeistern immer mehr Verlassenen - edler Tokayerwein ... Die Mutter betrachtete das Glas und erkannte wohl , daß das dargereichte Getränk Tokayer war ... In ihrem Ideengang unterbrochen , sah sie den Sohn mit einem schmelzenden Liebesblick an ... Nun zog sie ihn näher und heftete die Augen auf ein gerade vor ihr befindliches lebensgroßes Bild , das den Vater Hugo ' s in Generalsuniform darstellte ... Der Sohn verstand ihre Empfindungen ... In Ungarn hatten ja er und der Vater gestanden ... Er trocknete den Schweiß vom kalten Antlitz der immer mehr sich Aufregenden ... Hinter dem Arzt trat der Mann hervor , der alle anfangs empfangen hatte ... Es war der Geistliche , der » Barbe « des jenseits des Waldes , der sich hinter dem Schloßgarten erhob , gelegenen Waldenserdorfes , ein Herr Baldasseroni ... Er hatte bisher für sich in Diodati ' s italienischer Bibel gelesen ... Die Mutter sah zu ihm hinüber , langte nach der Bibel , ließ sie sich auf den Schoos legen und setzte mit zitternden Händen das Glas mit dem Tokayerwein darauf ... An seinem Inhalt , deutete sie an , wollte sie sich nach und nach erquicken ... So sitzend hielt sie lange des Sohnes Hand ... Sie wiederholte aber , daß sie Glocken hörte , und murmelte , das Ohr gegen das Fenster richtend : Glocken haben die Armen ja nicht - und keine Thürme ... Nimm nicht die Glocke - von Federigo ' s - Hütte ... hörst du , mein Sohn ? ... Der Graf nickte mit einer Miene , die fast vorwurfsvoll war ... Er that , als traute sie ihm Unwürdiges zu ... Dann winkte sie Monika und Armgart , daß auch sie näher treten sollten ... Beide nannte sie Du und langte nach Monika ' s Locken , streichelte ihr auch die thränenfeuchte Wange und legte ihre und Armgart ' s Hände ineinander ... Dabei sprach sie langsam jenen ihren Lieblingsvers , der sie einst mit dem deutschen Fremdling verbunden hatte