Arbeitskräften war also Mangel , und so kam es denn , daß , behufs dieser vorzunehmenden Rajol- und Pflanzarbeiten , von dem benachbarten Spandau her ein Trupp französischer Gefangener erbeten wurde , der wirklich am andren Tage schon in Dreilinden eintraf . Mit ihm zugleich die Benachrichtigung , » daß , nach drei Wochen , Ablösung dieses Trupps erfolgen werde « . Sonderbares Los für alle die , die sich zu diesem Dienste kommandiert sahen , und doch ward » Eichenpflanzen beim Prinzen « alsbald allgemeines und nur zu begreifliches Begehr , denn der Tagelohn war gut und die Tagesverpflegung noch besser , des sonntäglichen Huhns und der halben Flasche » Roten « ganz zu geschweigen , unter deren gedoppeltem Einfluß schließlich auch der chauvinistischste Chauvinismus erliegen mußte . Wenigstens sind Ausbrüche desselben nie zu verzeichnen gewesen . Im Gegenteil , das Benehmen der Abkommandierten war durch all diese Wochen hin ein gleichmäßig vorzügliches , und stellte der Einsicht , dem Charakter und der guten Lebensart unsrer Feinde das beste Zeugnis aus . Sie waren fleißig , heiter , dankbar , und wenn doch vielleicht ( was zu den Möglichkeiten zählt ) ein paar halblaute Verwünschungen über die Dreilindner Stecklinge hin ausgesprochen sein sollten , so müssen sie , nach Art aller Flüche die keinen Schuldacker vorfinden , bedeutungslos verklungen sein , denn überall auf dem Territorium des » Bezwingers von Metz « wachsen und gedeihen neben den von deutscher Hand eingesetzten Eichen auch die , die damals von französischen Händen gepflanzt wurden . 5. Kapitel 5. Kapitel Wie Prinz Friedrich Karl in Dreilinden Gastlichkeit übte In einem schon vorzitierten B. Möllhausenschen Gedicht feiert der Dichter den Prinzen als Jagdherrn und Feldherrn , aber im weiteren Verlauf auch als » Gastfreund von Dreilinden « und bringt ihm dadurch eine Huldigung dar , die seinem Liede nicht fehlen durfte . Denn so gewiß die Dreilindner Tage die weid- und forstmännische Signatur trugen , so gewiß auch die gastliche . Ja , der Prinz war ein Gastfreund . Ein eigen Wort , unmodisch und obsolet fast , weil auch das obsolet wurde , was diesem Worte zur Voraussetzung dient : die Gastfreundschaft . Die schöne Gastlichkeitstugend aus Morgenland ist der abendländischen Welt , etwa mit Ausnahme von England und Skandinavien , abhanden gekommen , und wenn dies ( wie übrigens kaum anzunehmen ) optimistisch bestritten werden sollte , so wird doch das nicht bestritten werden können , daß in Mark Brandenburg und seiner Landeshauptstadt eine der traurigsten Heimstätten alles dessen , was » Gastfreundschaft « heißt , erkannt werden muß . Behufs Beweisführung ist es nur nötig , das eine Wort » Logierbesuch « auszusprechen , das , anscheinend von durchaus unschuldiger Bedeutung , im Ohr aller Eingeweihten als Schreckenswort umgeht . In der Tat , Mark Brandenburg hat wenig Gastfreundschaft und noch weniger einen » Gastfreund « ; im Jagdhause zu Dreilinden aber fanden sich beide . Während der Monate , die der Prinz hier zubrachte , und am ausschließlichsten wohl in den Spätherbstmonaten , war jeden zweiten Tag eine » Dreilindner-Tafelrunde « versammelt , deren Paladine den verschiedensten Lebens- und Berufskreisen , aber doch vorzugsweise dem Kreise der Berliner und Potsdamer Garnison angehörten . Auch Marine , Kriegsministerium und Generalstab stellten ihr Kontingent , das wir glücklich genug sind bis diesen Augenblick in Dreilinden und zwar in einem » Bildersaale der Freundschaft « mustern zu können . Eingefügt in die gotischen Buntglasfenster der » Dreilindner Crypt « , in der von Zeit zu Zeit die Rundgesänge widerhallten , erblicken wir auch heute noch die Medaillonbildnisse vieler dieser Getreuen und Getreuesten , aus deren Hundertzahl ich , unter Verzicht auf Generalität und Subalterne , lediglich aus der Mittelgruppe der Stabsoffiziere die folgenden Namen entnehme . Die » blanke Waffe « hat , wie herkömmlich , auch hier wieder den Vortritt . Also zunächst von der Kavallerie : Graf Schlieffen , Oberst und Kommandeur des 3. Garde-Ulanenregiments ; 47 von Krosigk , Oberst und Kommandeur der Garde- und von Rosenberg , Oberst und Kommandeur der Zieten-Husaren ; von Schnackenberg , Oberstleutnant und Kommandeur der Düsseldorfer Ulanen ; von Broesigke , Major und Kommandeur der Leibgendarmerie , Flügeladjutant Sr. Majestät des Kaisers ; von Dincklage , Major im I. Garde-Ulanenregiment . Von der Infanterie : von Derenthall , Oberst und Kommandeur des I. Garderegiments zu Fuß : von Arnim , Oberst und Kommandeur des Franzregiments ; von Lindequist , Oberst und Kommandeur der Schloßgarde-Kompanie , Flügeladjutant Sr. Majestät ; von Natzmer , Oberst und Kommandeur des 28. Infanterieregiments , später in Begleitung des Prinzen auf dessen syrisch-ägyptischer Reise ; Freiherr von Fircks , Major im Garde-Füsilierregiment , Verfasser des unter dem Namen des » kleinen Fircks « bekannten Armeekalenders . Von der Artillerie : von Körber , Oberst und Brigadekommandeur , ruhmvollen Vionviller Angedenkens . Und endlich vom Generalstabe : de Claer , Oberst und vieljähriger Adjutant Feldmarschall Moltkes ; Oberst von der Hude , Abteilungschef in der Generalinspektion der Artillerie ; Oberstleutnant Vogel von Falckenstein ( Sohn des Mainfeldzugssiegers ) , Abteilungschef im Großen Generalstab ; Oberstleutnant Steffen , desgleichen ; Major Freiherr von der Goltz ( » Gambetta-Goltz « ) , Lehrer an der Kriegsakademie , später Goltz- Pascha , Major Münnich , Militärgouverneur des Prinzen Friedrich Leopold . Aber auch das Zivilelement ist in der » Crypt « und ihren Buntglasbildern vertreten : Baron Korff , ehedem im Garde-Dragonerregiment ; Graf Kanitz , Hofmarschall des Prinzen ; Kammerherr Graf Brühl ; Professor Brugsch-Pascha ; Hofprediger Rogge ; Dr. Paul Güßfeldt ; Balduin Möllhausen . So die » Tafelrunde « zu Dreilinden . Und nun die Tafel selbst ! Ich habe gleich zu Beginn dieses Aufsatzes ein Bild derselben zu geben versucht , aber freilich nur nach Art eines dissolving view , weshalb es mir in nachstehendem obliegen wird , das eingangs bloß im Fluge berührte hier näher auszuführen . Oben am Treppenausgang erwartete der Prinz die Geladenen , an jeden ein freundliches Wort der Begrüßung richtend . In einem Vorzimmer , wohl nach schwedischer Sitte , ward ein Imbiß , ein Vorschmack genommen , und eine mit dem Likör-ABC , also mit Allasch , Benediktiner und Chartreuse beginnende Batterie , die sich über den Rest des Alphabets hin bis zu Maraschino di Zara fortsetzte , stand zu diesem Behufe zur Wahl . Eine kurze Konversation , mehr ein Fragen als ein Sprechen , leitete sich ein , in deren Verlauf der zum ersten Mal Erschienene sich aufgefordert sah , seinen Namen in das Fremdenbuch von Dreilinden einzutragen . Eine Durchsicht desselben , jeder Jahrgang ein Band , würde gleichbedeutend gewesen sein mit einer Revue berühmter Namen , wenigstens auf manchem seiner Blätter ; aber die Zeit dazu blieb der Neugier versagt , denn im selben Augenblick , wo wir die Fremdenbuchfeder wieder niederlegten , öffneten sich auch schon die Türen zu dem eingangs ( im I. Kapitel ) geschilderten Eßsaale , von dessen Decke der große Geweihkronleuchter herniederhing und den Glanz seiner sechsundsechzig Lichter über den quadratischen , zu zwölf gedeckten und mit Polstersesseln umstellten Eßtisch umstrahlte . Rechts und links hin blinkende Humpen und Aufsatzstücke . Die dem Range nach Zuhöchststehenden nahmen die Plätze neben dem Prinzen ein , womit das Zeremoniell erschöpft und für die noch verbleibenden Sitze die Gleichwertigkeit ausgesprochen war . Eine Menükarte lag vor oder neben jedem Kuvert , aber nicht in dem herkömmlichen Westentaschenformat , sondern als ein großes , in Buntfarbendruck sauber und sinnig ausgeführtes Blatt , das zu besitzen und seinem Album daheim einverleiben zu dürfen , ebenso sehr Begehr wie Brauch war . Das Blatt selbst aber zeigte das » Jagdhaus « von Efeu und Weinblatt umrankt , in dessen Gezweige die typischen Gestalten aus der Tafeldienstsphäre von Dreilinden standen : der Heiduck , der Jäger , der den Fasan , und endlich der Butler und Kellermeister , der das Spitzgläsertablett mitsamt dem Champagner präsentierte . Aber wie dem Gaste nicht Zeit blieb , sich neugierig in das Fremdenbuch zu vertiefen , so noch weniger in die jetzt vor ihm liegende Tischkarte ; Fragen wurden laut , ein Gespräch knüpfte sich an , und alsbald war man mitten im großen Strom der Unterhaltung . Ein Gefühl der Bedrückung konnte nicht aufkommen , dessen trug der » Gastfreund « Sorge , der , wie wenige , die Kunst verstand , auch dem Unsichersten einen Tropfen Sicherheit in den Becher zu tun . Der Prinz liebte die Form der Unterhaltung , die , den ganzen Tisch umfassend , sofort einen persönlichen und sachlichen Mittelpunkt zu gewinnen trachtet . Aber dies Ideal ward nur selten erreicht , vielmehr war es herkömmlich , das zu Beginn der Tafel konzentriert auftretende Gespräch , im Laufe desselben zu Gruppengesprächen werden zu sehen . Kein Zweifel , daß sich dies hätte vermeiden lassen , wenn der » Gastfreund zu Dreilinden « ein Sprecher nach Art unsres großen Kanzlers gewesen wäre ; solch Usurpatorentum der Rede jedoch , das dem Kanzler kleidet , lag dem Prinzen fern , so fern , daß ich umgekehrt beobachten konnte , wie seiner Redelust und Freudigkeit eine Redescheu beständig zur Seite stand . Und so darf wohl gesagt werden , daß die Gefahren einer sich zerbröckelnden Tischunterhaltung allezeit groß waren , und noch größer gewesen sein würden , wenn nicht das in Einzelexemplaren immer vertretene Zivilelement des nicht genug zu schätzenden Vorzugs genossen hätte , bei jeder sich darbietenden Gelegenheit , über Gletscherbildung und Venusdurchgang , über Nordenskjöld und Stanley , des Ausführlicheren berichten und durch Aufwerfung irgendeiner » großen Frage « die nach links und rechts hin Ausgeschwärmten , wie durch Hornsignal um die Fahne her neu sammeln zu dürfen . Ein charakteristischer Zug des Prinzen war sein Approfondierungshang , worin er übrigens lediglich seiner auf die Realität der Dinge gestellten Natur folgte , der bloßer Schein , Oberflächlichkeit und Dilettantismus gleichmäßig verhaßt waren . Er prätendierte nicht Interessen zu haben , er hatte sie wirklich , und erwies sich jede Stunde von einem ernstesten Verlangen erfüllt , den Kreis seines Wissens und seiner Erfahrungen auszudehnen . Mit dieser Vorliebe für » Approfondierung « , ging , was zunächst wie Widerspruch wirkt , ein Präzisionshang , eine Vorliebe für Knappheit und Kürze Hand in Hand . Aber dieser Widerspruch war nur scheinbar . Ein echter Präzisionshang verlangt eben nur Knappheit im Ausdruck , nicht auch Knappheit im Stoff . Im Gegenteil , der Stoff und seine Fülle sollen gefördert , nicht beeinträchtigt werden . So wenigstens stellte sich der Prinz zu dieser Frage , Details waren ihm Bedürfnis und ich erinnere mich eines Falles , wo sich ein den Lapidarstil bis zum Verbrechen treibender Gast durch den Zuruf unterbrochen sah , » vergessen Sie nicht lieber Freund , daß der Reiz aller Erzählung in den Einzelheiten steckt . « Die Themata , die zur Verhandlung kamen , waren , wie nach diesem allem kaum noch versichert zu werden braucht , die mannigfachsten und gingen über die Welt . Am allerwenigsten beschränkten sie sich auf das Militärische . Dies trat vielmehr , in Fortsetzung der Traditionen von Rheinsberg und Sanssouci , vergleichsweise zurück , und machte Tagesfragen Platz , ohne die Tagespolitik zu berühren . Unvermeidliche Konsequenz der Stellung eines Prinzen , der sich durch Geltendmachung einer selbständigen , also doch gelegentlich auch abweichenden Meinung , anscheinend dahin gedrängt gesehen haben würde , wohin er sich nicht gedrängt sehen wollte : in die Reihen der Opposition . Was in England durchaus zulässig erscheint , verbietet sich in dem Königlichen Preußen , wo die Regierung nicht der ohne Gefährde zu wechselnde Schild des Königs , sondern der König der Schild der Regierung ist . Also nichts von Tagespolitik . Aber hundert andre Fragen traten heran , unter denen die Brandenburgica wenn nicht obenan standen , so doch einen Platz in erster Reihe behaupteten . Wie vieles erschien da , das flüchtig oder auch in eingehenderer Behandlung an mir vorüberzog : Otto mit dem Pfeil und der sagenreiche Werbellin ; die beiden Waldemare ( der echte wie der falsche ) ; die Schlacht am Cremmer Damm und der Straßenkampf in Ketzer-Angermünde ; Hussitenzeit und Pommernkämpfe ; dazu Lücher und Brücher , Wendenkirchhöfe , versunkene Dörfer und Heideflächen . » Unter unsere zumindest gekannten Landesteile « , nahm der Prinz bei bestimmter Gelegenheit das Wort , » gehören auch Altmark und Priegnitz . Und doch würden sie lohnender sein für die Forschung , als das mehr durchforschte Land in der Nähe von Berlin und in den mittelmärkischen Kreisen überhaupt . Eine Spezialität der Altmark sind beispielsweise die wüstgewordenen Dörfer , die nicht , wie sonst wohl in der Mark , als Wüste-Woltersdorf , Wüste-Wulkow usw. fortleben , sondern ihren ehemaligen Namen einfach auf ein Forstrevier übertragen haben . Wo sonst Dorf war , steht jetzt Wald , der nun seinerseits , ohne jede weitere Zutat , den ehemaligen Ortsnamen führt . Im Letzlinger Forst finden sich mehrere solcher Stellen . « Und ein andermal hieß es : » Ich bin einigermaßen überrascht gewesen , von einer Abneigung zu hören , die seitens der regierenden Hohenzollern in bezug auf die Schwedter Markgrafen existiert haben soll . Ist dies zu begründen ? Wo finden sich die Beweise ? « Die Frage richtete sich an mich . Ich war aber nicht bloß der Gefragte , sondern auch der Verklagte , denn ich hatte irgendwo dergleichen versichert . Von den Schwedter Markgrafen war nur ein Schritt noch bis zum Großen Kurfürsten . » Ein Vorkommnis , das übersehen wird und doch vielleicht bemerkt zu werden verdient , ist das , daß der Große-Kurfürstenkopf in unsrer Familie mehrfach wiederkehrt . Beim Prinzen August war es frappant , beim Prinzen Adalbert immer noch erkennbar . « Einer der Gäste machte den Versuch , Erscheinungen derart aus einer lang andauernden , oft durch Jahrhunderte gehenden Übereinstimmung äußrer und innrer Lebensbedingungen erklären zu wollen , » jedes Land schaffe sich seine Typen , ebenso jeder Beruf . Es habe Zeiten gegeben , wo sich alle Rittmeister in Preußen ähnlich gesehen hätten . « Ein Wort wie dieses konnte natürlich nicht fallen , ohne sofort allerlei Beispiele heraufzubeschwören . Anfangs lediglich illustrierungshalber . Aber es blieb nicht lange dabei . Der Punkt , von dem man ausgegangen war , wurde , wie gewöhnlich , rasch vergessen , und die märkisch-preußische Militäranekdote , nunmehr sich selber Zweck , hielt ihren Einzug . Einer entsinn ich mich , weil ein Bonmot des Prinzen sie gefällig abschloß . Ein junger Graf Solms war von den Potsdamer zu den Düsseldorfer Ulanen versetzt worden . Er machte die Fahrt im Postwagen und ließ sein Pferd mittraben , zwölf Meilen an manchem Tage . » Nimmt mich mehr für das Pferd ein , als für den Grafen « bemerkte der Prinz und sprach damit jedem aus der Seele . Soviel über Brandenburgica . Nebenher aber blühte das historische Gespräch überhaupt . Rom hatte den Vortritt und in Rom selbst wieder das Ausgrabungsgebiet . » Ausgrabungen « waren überhaupt eigentlichstes Lieblingsthema . Mitunter berührte mich ' s , als ob eine Philologenversammlung tage , mit Curtius an der Spitze . Palatin und Esquilin waren Alltags- und Haushaltworte , wie Blumeshof oder Magdeburgerplatz , und niemand war da , der nicht im Hause der Lydia so gut Bescheid gewußt hätte ( wahrscheinlich aber besser ) als im Jagdhause zu Dreilinden . Man stieg in Tunnel und Grüfte . Mehr als einmal wurde mit dem bekannten langen Stangenlicht in den Thermen des Titus umhergeleuchtet , und wenn es erlosch , erlosch es nur , um als Katakombenlampe wieder angezündet zu werden . Aber auch andere Fragen kamen zur Diskussion , oft von rein wissenschaftlicher Natur , aus deren Reihe mir eine ganz besonders imponierte : die » wo Cäsar , als er über den Rhein ging , seine Pfahlbrücke geschlagen habe ? « Zwei Parteien bildeten sich sofort , von denen eine für Andernach , die andere für Xanten plädierte . Mommsen , wenn zugegen , hätte seine Freude daran haben müssen . Allerlei Namen und Notizen liegen mir noch vor , die damals von mir gemacht wurden , um mit Hilfe derselben eine stattgehabte Debatte rekonstruieren zu können . Und diese Rekonstruierung würde mir auch gelingen . Ich muß aber doch , um des Raumes willen , darauf verzichten , und mich auf Hervorhebung einzelner Gesprächsthemen beschränken . Und selbst hier wieder gebietet sich noch ein Sondern und Sichten . Ich wähle , als besonders charakteristisch , nur zwei : » Türkentum und Ägyptertum , und worin können wir ( oder andere Zivilisationsstaaten ) orientalischen Armeen aufhelfen ? « 48 Und dann zweitens ; » Modernes Zeitungswesen , und wie weit nutzt es und schadet es einem Volksheer in Kriegszeiten ? « An solchen und dann meist im philosophischen Essaystil gehaltenen Auseinandersetzungen war nie Mangel , aber Personalfragen wogen doch vor und bildeten in der Regel den festen Punkt , von dem aus sich die weitere Betrachtung entwickelte : Gottfried Kinkel und der badische Feldzug ; Oberst Rüstow und sein Wirken in Italien und der Schweiz ; Skobelew-Wereschtschagin und Exkurse nach Turkmenien , Merw und Samarkand ; endlich Garibaldi , Chancy , Bazaine . Welche Fülle der Gesichte ! Dabei sprangen dann die Kriegstore klirrend auf , und zeigten allerlei Bilder , ebenso lehrreich wie farbenreich , von deren Vorführung ich hier ungern Abstand nehme . Nur eines sei wenigstens flüchtig wiedergegeben : ein Friedensbild . Ein Major vom Generalstabe ( er war selbst der Erzählende ) ward als Überbringer eines Kabinettsschreibens an den Erzbischof von Rouen , Kardinal Bonnechose , gesandt , und erschien im erzbischöflichen Palais in dem vollen Kriegsaufzuge jener Tage : hohe Stiefel , Pallasch und Revolver . Alles erschrak . Aber die Verhandlungen oben im ersten Stock nahmen einen sehr andren Verlauf , als unten die Dienerschaften gefürchtet hatten , und als nach fast einer Stunde der Major sich erhob , um das Antwortschreiben , das inzwischen im erzbischöflichen Sekretariat ausgefertigt worden war , in Empfang zu nehmen , erhob sich auch der Erzbischof selbst und sagte bewegt : » Ich vermag nicht auf die Sache , der Sie dienen , den Segen des Himmels herabzurufen , aber ich segne Sie persönlich und werde für Ihr Haus und das Wohl Ihrer Familie beten . « So wechselte das Gespräch an der Tafelrunde zu Dreilinden . Inzwischen aber ging das Trinkhorn um , und auf der Rückseite der Tischkarte , der eignen und der nachbarlichen , entstanden Bildnisse von Künstlerhand , halb Genre halb Porträt , bis der Kaffee gereicht ward und mit ihm zugleich die Zigarre samt dem geschnitzten » Weichselholzpfeifchen « , einer Spezialität von Dreilinden . Und nun war auch die Zeit für » Frau Musika « gekommen . Einer der Gäste nahm seinen Platz am Instrument und intonierte leis ( als ob er anfrüge ) Fescas Frühlingslied : » Es glänzt im Abendsonnengolde , Der stille Waldesteich . « Er kannte es seit lange als ein Lieblingsstück des Prinzen und ein Kopfnicken gab ihm Gewißheit , daß er ' s getroffen . Aber schon folgten andre : » Das Ständchen « von Haydn , » Vineta « von Bollert , Rubinsteins » Asra « , » Vorrei morire « von Tosti , bis die soldatische Stimmung durchschlug und die » Königsgrenadiere « gefordert wurden , in die der Prinz alsbald mit einstimmte , was dann das Zeichen gab , seinem Beispiele zu folgen . Ein Höhengrad war erreicht . Aber die volle Festeshöhe wartete noch auf das » Gründungslied von Dreilinden « . Und nun schlug auch seine Stunde , das zusammengerollte Notenblatt erhob sich als Taktierstock immer energischer und höher und im Chorgesange scholl es durch den Saal : Auf zottigen Auerwildsdecken , Im Hochwald auf märkischem Sand , Einst lagen zwei schwartige Recken , Die zechten gar froh miteinand . Es rastete ihnen zur Seite Die kunstvoll geschaffene Wehr , Die steinerne Streitaxt , die breite , Der lederumflochtene Speer . Und ein Urhorn nach alt-deutscher Weise Der jüngre als Trinkhorn schwang , Den Zahn eines Mammuts der greise Mit sehnigen Fäusten umschlang . Eine stattliche Strophenreihe folgte , darin neben den » zwo schwartigen Recken « auch Odin und Thor ihre Rolle spielten , und während sich unter immer erneutem Humpengekreise ( jetzt glücklicherweise nur noch im Liede ) die Gründung von Dreilinden vollzog , erschien auch schon der Heiduck , um dem Prinzen die Meldung zuzuflüstern : » Die Wagen « . Aufbruch und Abschied folgten und ehe noch die Festeslichter in Dreilinden erloschen waren , blitzten auch schon wieder die Signal- und Bahnlichter auf , die die streng und eisern gezogene Linie der Realität uns zeigend , uns zugleich zurückbegleiteten aus dem Märchen in die Wirklichkeit . 6. Kapitel 6. Kapitel Dreilinden im Schnee Um die Weihnachtszeit übersiedelte der Prinz nach Berlin und bezog seine Wohnung im königlichen Schloß ; im » Jagdhause « draußen aber fielen inzwischen die Flocken auf Dach und Balkon , überdeckten heute den Vorplatz und morgen den Runenstein , und ehe noch vom nächsten Nachbardorfe die Glocke zur Christmette herüberklang , lag Dreilinden im Schnee . Und in Schnee lagen dann auch die Dreilinden und seinen Vorplatz umstehenden Tannen und mühten sich umsonst einen Einblick in die sonst so lichten Räume zu tun und auszuforschen , ob das Christkind , das sie still durch den Wald ziehen sahen , eine Krippe drinnen und einen Stern darüber gefunden habe . Doch wie weit sie die Wipfel auch neigen und bis über den Balkon hin vorbeugen mochten , sie sahen nichts als Nacht und Dunkel drinnen und hörten nichts als das Kind beider : die Stille . Wohl , kein Leben drin und kein Licht ! Und doch zog das Christkind ein an dieser Stelle , nicht in das prinzliche Jagdhaus , aber in das Forsthaus nebenan , in das Forsthaus mit den » drei Linden « vor der Tür . 49 Da zog es ein , da schwebte der Engel über dem Weihnachtsbaum , und helle Kinderaugen , trunken von Glück und Freude , blickten auf zu den goldenen Nüssen in seinem dichten Gezweig . Ja , hier im Forsthaus überwinterte das Leben und mit ihm zugleich die gastliche Flamme , die dieser Stätte Kennzeichen war , bis , wenn der Schnee geschmolzen und der Saft wieder trieb , auch das aus seinem Winterschlaf erwachte prinzliche Jagdhaus seine Türen und Fenster aufs neue weithin öffnete ! Dann kamen der Lenz und der Prinz ( » Oculi , da kommen sie « ) und ehe noch die Wochen und Tage bis Judica-Palmarum in der Zeiten Schoße dahin gerollt waren , rollten auch schon wieder die Wagen vor und ein Lichtschein ergoß sich aufs neue von Tür und Flur her über den Vorplatz . Im Flur selbst aber gab ' s wieder ein Flimmern von Uniformen und Livreen , von Buntglasfenstern und Spiegelscheiben , und ehe eine halbe Stunde vergangen war , überstrahlte wieder der Kronleuchter mit seinen sechsundsechzig Lichtern eine frohe Genossenschaft und das Geweih-Trinkhorn samt dem Elfenbeinhumpen ging wieder um , und beide wurden geleert auf den Prinzen und den Feldherrn und nicht zum letzten auf den Gastfreund von Dreilinden ! 7. Kapitel 7. Kapitel Prinz Friedrich Karl im Schlosse zu Berlin Jagdschloß Dreilinden war die Stätte , wo der Prinz am ausgesprochensten der Gastfreund seiner Freunde war , aber er war es nicht in Dreilinden allein und ich mag in meiner Erzählung nicht fortfahren , ohne vorher von einem in der » Deutschen Rundschau « veröffentlichten Aufsatze Nutzen gezogen zu haben , in welchem Dr. Paul Güßfeldt auch über die Gastlichkeit berichtet , die seitens des Prinzen im Berliner Schlosse geübt wurde . * » Als ich « , so schreibt Dr. Güßfeldt , » nach mehrjähriger Abwesenheit von Europa wieder in die Heimat und nach Berlin zurückgekehrt war , schrieb ich mich beim Prinzen in das Meldebuch ein und sah mich schon am andern Morgen eingeladen . Damals bewohnte der Prinz Gemächer im zweiten Stock des Königlichen Schlosses . Der Adjutant empfing uns und gleich danach erschien auch der Prinz in Person . So groß das Zimmer war , so war es doch derart eingerichtet , daß weder Pracht noch Größe ins Auge fielen . Im Gegenteil , der Eindruck des Behaglichen überwog . An einer scheinbar willkürlich gewählten Stelle stand ein kleiner runder Tisch , an welchem sechs Personen bequem Platz hatten . Ein dicker Smyrnateppich war darüber gebreitet , kein Tischtuch , wohl aber sechs Kuverts ; in der Mitte eine Moderateurlampe . Der Prinz wies einem jeden seinen Platz an . Ihm gegenüber saß der persönliche Adjutant , zu beiden Seiten je zwei Gäste , der zuhöchst im Range Stehende zur Rechten . Zwei große Schüsseln Austern harrten bereits der Gäste und jeder griff nach Belieben zu , während im harmlosen Geplauder Neuigkeiten , oft personeller Natur , ausgetauscht wurden . Sobald die Austern verzehrt waren , wurde ein Braten gereicht , selten noch irgend etwas anderes , und damit war die Mahlzeit beendet . In Berlin , im Gegensatze zu Dreilinden , erhielten die Gäste nur Champagner , der aus silbernen Bechern , mit hohem Fuße und innen vergoldeten Schalen , getrunken wurde . Das starre Festhalten an diesem Gebrauch war bezeichnend für den Prinzen ; er glaubte fest daran ( sprach es auch einmal in meiner Gegenwart aus ) daß der perlende Schaumwein seinen Gästen das willkommenste Getränk sei . Nicht gerne wich er von dieser Tischregel ab und so galt es denn als eine besondere Gunst , den schüchternen Hinweis auf einen widerspenstigen Magen respektiert und statt des Champagners eine Flasche Rotwein für den mehr oder weniger maroden Gast erscheinen zu sehn . Der Prinz selbst trank den Wein stets mit Mineralwasser gemischt , mit dem er seinen Gästen gegenüber geizte ; ja , die grüne Biliner Glasflasche stand wirklich wie ein Sakrum vor ihm und wer nicht weißes Haar ( oder keines ) hatte , der durfte nicht wagen , an dem Inhalt teilzunehmen . Nach Beendigung der kaum eine halbe Stunde dauernden Mahlzeit blieb alles sitzen . Nur gelegentlich erhob sich der Prinz , um persönlich ein Buch oder eine Karte herbeizuholen . Dann kursierten die Zigarren , deren Beschaffenheit der Prinz selbst definierte . Vor jedem Gaste stand außerdem noch ein Aschenbecher , eine flache Porzellanschale mit zwei Laubfröschen , die sich – menschliches Tun humoristisch nachahmend – in den verschiedensten Lagen und Beschäftigungen zeigten . Der Prinz besaß eine große Sammlung davon und je nach der Laune des Zufalls sah ich an den verschiedenen Abenden die guten Frösche musizieren oder disputieren oder zechen . Zigarrenabschnitte durften nicht in den Aschenbecher gelegt werden , darüber wachte der Prinz streng ; sie wurden peinlich gesammelt und am Ende des Jahres dem wohltätigen Vereine überwiesen , der sie verwertete . Unter den die Wände schmückenden Gemälden befanden sich zwei , die an keinem anderen Orte so berechtigt gewesen wären , wie hier . Das eine fixierte den Moment , wo der Prinz , nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr , auf dem Schlachtfelde von Vionville erscheint und die Meldung des Generals von Stülpnagel über die momentane Situation der 5. Division entgegennimmt . Das andre Bild zeigt den Prinzen am 29. Oktober vor Metz , in dem Augenblicke , wo der französische General Girard mit abgezogenem Käppi den Auftrag Bazaines ausrichtet : › Monseigneur , j ' ai l ' ordre de vous rendre la garde impériale . ‹ Zu diesen zwei Bildern gesellte sich noch ein drittes von verwandtem Interesse : Der kommandierende General des IX. Korps von Manstein erstattet am 1l . Januar 1871 , bei der Ferme St. Hubert , dem Prinzen Meldung über die Aktion bei Champagné ( vor Le Mans ) ; der Kommandeur der siegreichen 18. Division , General von Wrangel , steigt eben zu Pferde ; von der Seite sieht man General von Alvensleben , Kommandierenden des III. Korps , heransprengen , begleitet vom Chef seines Stabes , damaligen Obersten von Voigts-Rhetz . Noch ein anderer Gegenstand – aus dem Schlosse Frescaty bei Metz stammend – bot gerade hier ein besonderes Interesse : ein rechteckiger Tisch mit schwarzer Marmorplatte , deren vier Ecken die folgenden Inschriften , auf Goldbronze graviert , trugen : a. 173000 Gefangene , darunter 3 Marschälle , 6000 Offiziere . Verlust der Rheinarmee , bis zur Kapitulation , in Schlachten und Gefechten : 43000 Mann . b. 57 Adler ( folgen die Bezeichnungen und Nummern sämtlicher Regimenter , von denen die Adler stammen ) . c. 4700 Militärfahrzeuge ; 13000 Pferde ; Bekleidungsmaterial für 700000 Taler im Wert . d. 1570 Geschütze ( unter besonderer Angabe der einzelnen Gattungen . ) Die Herkunft und Bedeutung dieser historischen Reliquie ( des Tisches ) war mir unbekannt geblieben , bis der Prinz mich eines Tages bei der Hand nahm – wie er gerne tat , wenn er seinem herzlichen Wohlwollen einen Ausdruck geben wollte – und mir sagte : › Auf diesem Tisch ist die Kapitulation von Metz unterzeichnet worden . ‹ So war das Speisezimmer im Königlichen Schlosse zu Berlin und ich sehe , während ich dies niederschreibe , wieder die durch Reflektoren erleuchteten Gemälde vor mir und dazu den kleinen Tisch der Tafelrunde , bedeckt mit dem mattfarbigen Smyrnateppich , in seiner Mitte die trauliche Lampe , darum herum die glitzernden , silbernen Becher mit dem auf Goldgrund gebetteten perlenden Wein , die Aschenbecher mit den unermüdlich tätigen Laubfröschen , die braunen Havannakisten , die große mattglänzende Bombe mit den holländischen Zigarren , – und als Tafelrunde selbst den Kreis der Männer , die den Prinzen umgaben . Das waren die › buveurs intrépides ‹ ( wie uns der Prinz einmal in scherzender Verachtung eines viel besprochenen Pamphlets nannte ) , dieselben unerschrockenen Trinker , welche den Tag über im Generalstab oder im Ministerium , vor der Front oder am Studiertisch in schwer verantwortlicher Stellung gearbeitet hatten und welche am folgenden Morgen dieselbe Tätigkeit wieder aufnehmen mußten