... Seinen Priesterstand würde er nicht zu erneuern brauchen , sagte er - weil er ihn ja ewig geschändet hätte ... Alles das kam mit einer Wahrheit von seinen Lippen , als machte er im Al-Gesù eine jener rhetorischen Uebungen durch , wo sich ein Sprecher in einer von ihm geschilderten Situation ganz wie ein Schauspieler verlieren muß ... Armgart stand am Fenster und zitterte ... Terschka sprach , als wäre sie nicht anwesend ... Laut recitirte er eine Litanei an die allerseligste Jungfrau ... Er kniete nieder , um sein Gelübde auszusprechen , in den Schoos der von ihm verlassenen Kirche zurückzukehren , auch wenn ihm , dem Leviten , nie wieder Vergebung zu Theil werden würde ... Engel würden dann für ihn die Hände erheben und vielleicht im Jenseits eine besonders begnadete Seele ihn rettend in ihren Schoos nehmen ... Ohne Zweifel erwartete Terschka , daß Armgart ihn emporziehen , irgend mit ihm einen Ausweg aus dem Labyrinth seiner Verhältnisse bereden würde ... Aber so sehr sich in ihr die alten Stimmungen des Selbstopfers , die Seligkeiten des gebundenen Willens regten , die Jugendzeit mit ihren Schwärmereien war vorüber ... Mit einem verachtenden Ausdruck ihrer Augen , der den unverkennbarsten ewigen Bruch zwischen ihr und Terschka verrieth , rief sie : Nein ! Nein ! Nein ! ließ ihn auf dem Teppich vor ihrem kleinen Hausaltar liegen und entfloh aus dem Zimmer ... Da begegnete ihr der Vater , sah ihre Aufregung , traf Terschka , noch mit dem Crucifix , das er unaufhörlich küßte , in der Hand , schleuderte ihm einige Verwünschungen zu und wies ihm die Thür ... Terschka erhob sich von der Erde , auf der er gekniet hatte , schwankte eine Weile , taumelte unentschlossen , maß den Obersten , halb als ob er an seinem Halse sich ausweinen , halb - als ob er ihn tödten wollte ... Und als dieser wiederholt rief : Sie sind ein unverbesserlicher Abenteurer ! Man weiß alles von Ihnen ! Sie sind unter Räubern erzogen , Sie sind ein Kunstreiter - noch haben Sie nicht aufgehört den Jesuiten zu dienen ! Die Brüder Bandiera sind durch Sie verrathen worden - durch einen gewissen Jan Picard - ha , kennen Sie den Namen - ? - da erblaßte Terschka , erhob sich lautlos und verschwand - ... Allgemein glaubte man , er säße in Genf im Schuldgefängniß ... Seine Sucht , sich in den vornehmsten Kreisen zu bewegen , Cavalier zu sein , Matador der Gesellschaft , hatte ihn in nicht endende Verlegenheiten gestürzt ... Nach und nach aber verbreiteten sich Gerüchte , er wäre in den Canton Freiburg gegangen und hätte sich dort reuig in das dortige , damals allgewaltige Collegium der Jesuiten zurückbegeben ... Die Strafen , die ihn in diesem Fall dort erwarteten , mußten , wenn er nicht schon früher Verzeihung gefunden , furchtbare sein - deshalb wurde auch von andern die Möglichkeit eines so gewagten Entschlusses bezweifelt ... Auf Schloß Bex stellte sich der Friede wieder her und die Gegensätze versöhnten sich in der einstimmigen Verwerfung eines sittlich Haltungslosen , an den man vergebens Milde , Langmuth , Wohlthaten verschwendet hätte ... Die Schulden , die Terschka beim Obersten nicht getilgt hatte , konnten als Vorwand dienen , in Freiburg nach ihm Erkundigungen einzuziehen .... Man gab dort eine kaltausweichende Antwort ... Der Uebermuth der im Steigen begriffenen klerikalen Partei hatte gerade damals , in der von Bürgerkämpfen zerrissenen Schweiz , den höchsten Grad erreicht ... Aber nur noch eine kurze Weile und es schlug die Stunde einer großen Bewegung ... Jener dreifachgekrönte arme leidende Mann mit dem tücherumwundenen Antlitz auf dem apostolischen Stuhl hatte seinen letzten Seufzer ausgehaucht , wie ihn die Stellvertreter Christi aushauchen - einsam , verlassen , in den schauerlich öden Marmorsälen des Vaticans ein dem Reiz nach Neuem allzulang verweilender Gast ... Draußen eine unruhige , großer Umänderungen harrende Menge , die die neue Bescherung , das beginnende Conclave und den Namen und die Person eines neuen Trägers der Himmelsschlüssel erwartet ... Der Sterbende ist dann nur noch eine leere Hülfe ... Nur noch einige geringe Würdenträger bleiben bei ihm , die auf den Augenblick harren , wo ihnen gewisse Functionen für den Todesfall der Päpste vorgeschrieben sind , das Zerbrechen der Siegel , das Aufbewahren des Fischerrings , das Läutenlassen einer kleinen silbernen Glocke der Peterskirche ... Ertönt diese geheimnißvolle Glocke , dann müssen alle Gerichte aufhören , alle Glocken Roms fallen mit schauerlichem Geläute ein ; auf allen Tribunalen wird die Feder ausgespritzt und nicht die Trauer , sondern - die Freude beginnt ... Armer Stellvertreter des Gottessohns ! ... Nun verlassen dich die Deinen , die sonst vor dir knieten ! ... Nun eilen sie sich , ihre gesammelten Schätze in Sicherheit zu bringen ... Nun schleichen sie schon von deinem Sterbebett , noch ehe du erkaltet bist ! .. Noch einmal tastet dein erstarrter Arm nach einem Glockenzug , du jammerst um einen Labetrunk Wassers und niemand will kommen , dir deine verschmachtenden Lippen zu benetzen ! ... Wo sind sie , die Köche , die Haushofmeister , die Frauen deines Barbiers , des Allgewaltigen , den du zum Camerlengo erhoben hattest ? ... Sie sind beim Packen ihrer Papiere , bergen ihr Gold , ihr Silber ... Sowie das Auge ihres Herrn gebrochen ist , verweist sie die jahrtausendjährige Regel sofort aus dem Bereich der neuzulüftenden und frisch zu reinigenden Gemächer des Nachfolgers ... Das ist der Brauch , der nach Rom von Byzanz herübergekommen zu sein scheint - Im Orient ist der Tod das Gesetz , das sich auch auf die Umgebungen eines sterbenden Sultans erstreckt ... Sogar seinem Arzt sieht der sterbende Herr der Kirche an , daß ihn der Unmuth drückt um den Verlust seiner Stelle - diese alten Cardinäle haben seit Jahren schon ihr Leben auf eigene Art eingerichtet und nichts verpflichtet sie , das Privatleben ihres Vorgängers fortzusetzen oder zu ehren ... Nicht die jugendliche Sorglosigkeit eines geborenen Erben nimmt Besitz vom Throne , nicht die Pietät eines Verwandten , eines Bruders für einen Bruder , eines Neffen für seinen Onkel , sondern ein fremder Greis folgt einem fremden Greise , die langjährige Verwöhnung eines Hagestolzen und die vollkommen schon hartnäckig eingewurzelte Lebensart eines Cardinals den Gewohnheiten und Launen eines dahingegangenen andern ... Neun Tage währt dann äußerlich Klage und Trauer , aber im Stillen läuft und flüstert die Neugier und Intrigue von Haus zu Haus ... Wer wird der Nachfolger sein ! ... Couriere kommen und gehen , die Diplomatie hält Besprechungen , Parteien bilden sich , Stimmen werden gezählt , die Frauen werben und stiften Versöhnungen , alte Cardinäle vergessen , daß die Aerzte sie längst aufgaben , sie werden jung , haben keine Gicht und keine Wassersucht mehr , die Frivolen werden fromm , die Frommen weltlich - ... Welche Gedanken würden sichtbar werden , wenn diesen Cardinälen ( siebzig sollen es sein - nach der Zahl der Aeltesten der Stämme Israels ) , die im Sanct-Peter die Messe um Erlangung des Heiligen Geistes für die Neuwahl hören , die Decke der demüthig gesenkten Häupter gelüftet würde ! ... Nun ziehen sie feierlich in den Quirinal und finden da die wunderlichsten Holzverschläge für sich hergerichtet ... Schon haben tagelang die Maurer alle Thore des Palastes außer einem einzigen vermauert , schon sind mindestens zweihundert Fenster in ihren Fugen mit Kalk und Mörtel verstrichen ... Die vierzig oder funfzig anwesenden Wähler leben ohne frische Luft , wie ebenso viel Mönche , und so lange abgesperrt von der Welt , bis der Geist der Erleuchtung zum Siege , zur richtigen Stimmenzahl geholfen hat ... Sie leben in schnellgezimmerten , auf die langen Corridore verpflanzten Zellen , die aussehen , wie Meßbuden ... Jede hat ein kleines Fenster auf den Corridor ... Die unbequeme Lage ist peinlich und unterstützt die Neigung , einig zu werden ... Haß und Abneigung schwinden mit dem Druck der Entbehrungen ... ... Fefelotti ' s Pracht- und Bequemlichkeitsliebe , eingesperrt in einen solchen weihnachtlichen Hirtenstall ! Fefelotti ohne die Hülfsmittel - nur allein seiner Toilette ! ... Der einzige Cardinal Vincente Ambrosi und einige Ordensgenerale mochten wenig den Unterschied von ihrer gewohnten Lebensweise spüren ... An dem Hauptthor , gegenüber den Rossen des Monte-Cavallo , sind vier Oeffnungen mit Drehrädern angebracht , durch welche die Speisen eingeschoben werden ... Die Massen des Tag und Nacht ringslagernden Volkes sehen es wohl - Fefelotti entbehrt kein einziges seiner Leibgerichte ; die verdeckte Tragbahre verbreitet den köstlichsten Duft ... Aber der seither Allmächtige muß sich gefallen lassen , daß ein mit der polizeilichen Controle des Conclaves seit Jahrhunderten betrauter Fürst Chigi jede Pastete mit eigener Hand aufschneidet und sich überzeugt , ob sie im Füllsel nichts Geschriebenes enthält , keinen Brief vom Staatskanzler des Kaisers von Oesterreich , keine Mahnung aus Frankreich oder Spanien , kein Billet einer Verehrerin , die auf dem Corso Francesco angstklopfenden Herzens wohnt und Mittel und Wege sucht , mit den heiligen Holzverschlägen in Verbindung zu bleiben und die Stimmen zu addiren , ja von außen her den Cardinalbischof von Ostia mit dem Cardinalgeneral der Kapuziner , den Cardinaldiakon der Santa-Maria in Via Lata mit dem Cardinalpriester von Santa-Maria della Pace zu versöhnen ... Hülfe , Hülfe - durch die fremden , noch nicht angekommenen Cardinäle ! schrieb Fefelotti in einer mit der Gräfin Sarzana verabredeten Chiffreschrift , die aus Compotkirschkernen , Geflügelknöchelchen und andern Resten seiner Mahlzeit bestand ... Die Antworten ertheilte ihm die Gräfin und manche andere seiner Angehörigen unter der Etikette jener Weine , die ihm nicht vorenthalten werden durften ... Fürst Chigi betrachtete jede Flasche am Lichte , ob sich nicht im Burgunder vielleicht unterm Kork ein verdächtiges Telegramm befand - die Etiketten abzureißen unterließ sein Mitleid mit einem Manne , der nicht einerlei Wein genießen konnte und ohne Etikette vielleicht die Sorten verwechselte - ... Anfänglich hatte der gottselige , heiligstrenge Sinn des Hüters der Katakomben und Reliquien , des Cardinals Vincente Ambrosi , des geheimnißvollen Flüchtlings vor dem Eremiten von Castellungo , des Beichtvaters der kleinen Olympia Maldachini , des Gefangenen im Kerker des heiligen Bartholomäus von Saluzzo und des dem Erzbischof von Coni seit sieben Jahren innigstverbundenen Freundes die allermeisten Hoffnungen ... Aber eigenthümlich , wie selbst die Frommsten und Trefflichsten unter den heiligen Wählern nicht ganz der Meinung leben , daß der zu Wählende ein durchgreifender Reformator sein müsse ... Man wollte denen , die nur einen politischen Kopf , einen Lenker des Kirchenstaats , einen Politiker im Geist der Cabinete Neapels und Modenas begehrten , ebenso wenig das Feld räumen , wie einer kleinen Anzahl , die überzeugt war , es müßte ein Freund der neuen politischen Ideen , der Hoffnungen Italiens gewählt werden ... Die Verwirrung wurde die größte ... Darin aber waren alle , jetzt wie immer , einig , daß der Stellvertreter Christi ein Mittelwesen zwischen Hart und Weich , zwischen Strenge und Milde sein müßte - Nicht zu heilig und nicht zu weltlich - ! Nil humani a me alienum ! die Losung ... Fefelotti täuschte sich indessen gründlich ... Bei jedem Scrutinium schmolz seine Stimmenzahl ... Auf die besten Freunde war kein Verlaß mehr ... Fefelotti legte sich ins Bett , um durch Abwesenheit zu schrecken ; dann , als dies Mittel fehl schlug , erklärte er sich für in Wahrheit krank , so krank , daß man ihn nach Hause tragen sollte - nach der Praxis früherer Wahlen war das eine erwägenswerthe Empfehlung - denn um so schneller machte er einem Nachfolger Platz ... Vergebens - Die Cardinäle lachten - Fefelotti regierte draußen die katholische Christenheit , aber nicht mehr fünf Stimmen im Conclave und er bedurfte zwei Drittel aller Stimmen ! ... Seit sieben Jahren war Cardinal Vincente Ambrosi aus seiner früher im Mönchsgewand so passiven Rolle mit überraschender Energie herausgetreten ... Er hatte die Hoffnungen aller seiner Protectoren getäuscht ... Schon vor sieben Jahren hatte der junge Cardinal mit Entschiedenheit Bonaventura ' s Partei genommen und diesem kurz vor Lucindens Einsegnung in der Apostelkirche mit unverhohlener Freude die Botschaft einer Genugthuung gebracht , die ihm der Heilige Vater mit Einsetzung auf Fefelotti ' s verlassenen Hirtensitz schenkte ... Ambrosi , nun schon graulockig , aber immer noch der » Ganymed unter den Cardinälen « genannt , trat bei allen Gelegenheiten hervor , wo irgendein Misbrauch abgestellt oder wenigstens öffentlich gerügt wurde ... Er sowol wie der Erzbischof von Coni , dann ein neuer General der Dominicaner , auch der General der Theatiner und mehre erste Pfarrer Roms , galten für muthige Kämpfer gegen die Herrschaft der Jesuiten ... Nachdem noch selbst Cardinal Ceccone gegen sie gestritten hatte , war mit Fefelotti Schule , Haus , Kirche , diesseitiges und jenseitiges Leben dem Al-Gesù gebunden in die Hände gegeben worden ... Man trug zwar ruhig , man beugte sich dem Joch Fefelotti ' s , das schwerer noch drückte , als das Ceccone ' s ; im Conclave aber hörte plötzlich alle Verstellung auf ... Da zitterten die Mächtigen , da erhoben sich die Schwachen ... Nehmt Ambrosi oder - mich ! donnerte der lange weißbärtige , kahlköpfige General der Kapuziner , ein mit kaustischem Witz begabter Greis ... Sich selbst zu empfehlen , seine eigenen Tugenden zu preisen ist im Conclave durchaus erlaubt ... Das wispert dann nachts auf den langen Corridoren ... Da schleichen die schlaflosen Greise von Thür zu Thür ; da wird geflüstert und hoch und theuer geschworen und Vortheile werden versprochen und die Stimmen schon für künftige Aemter und Einnahmen ver- und erkauft ... Ambrosi hatte bereits zwanzig Stimmen und bot sie dem General der Kapuziner ... Darüber gerieth das Conclave in Entsetzen ... Der ? hieß es . Ein neuer Sixtus V. , der Rädern und Köpfen zur Tagesordnung macht ! Nimmermehr ! scholl es durch die Bretterwände und verdrießlich legte sich nun auch dieser Alte ins Bett und brummte : Wählt wen ihr wollt ! ... Als er sich bald in sein Schicksal gefunden hatte , pochte der General der Dominicaner , der die Jesuiten über alles haßte , an seine Thür und bat : Bruder , wollt Ihr denn das Feld verlassen ? Wählen wir doch wenigstens einen , der uns vom Al-Gesù befreit ! ... Der alte Kapuziner erwiderte : Ihr seht ja , wie sie ihm alle verkauft sind ! Aber ihr habt Recht ! Wollen wir nicht ganz erliegen , schlagt eine Tabula rasa vor , einen Menschen , von dem bisher nichts gesprochen wurde ! Einen Menschen , der unter uns ist und den Niemand kennt ! Geht alle Namen durch und von wem ihr nicht wißt , ob er Jesuit oder Carbonaro oder Theologe oder Heide ist , den ruft durch Inspiration aus ! ... Das Ausrufen durch Inspiration ist eine eigenthümliche Wahlmethode ; mitten im Debattiren , Beten , Singen springt plötzlich ein Inspirirter auf und ruft : N.N. soll es sein ! ... Diese an Luft , Bewegung , ihre häusliche Ordnung gewöhnten Greise sind durch ihr gefangenes Beisammenleben und die stete Spannung dann so nervenerregt , daß solche Rufe zuweilen Erfolg hatten und unter Scenen krankhafter Verzückung Wahlen durch Acclamation zu Stande kamen ... Der Kapuziner kannte selbst keine solche Tabula rasa ... Aber General Lanfranco kannte eine ... Es gab einen der jüngern Cardinäle , der während aller dieser nun schon mehrtägigen Kämpfe der eingesperrten Priester wenig gesprochen hatte und als Erzbischof aus der Provinz den meisten unbekannt geblieben war ... Jeder dieser Gepurpurten hatte schon eine lange Chronik seines Lebens , der heilige Cardinal der Katakomben die allbekannteste - ... Von diesem aber wußte man nur , daß er einem Grafengeschlecht in einer kleinen Stadt an der nördlichen Meeresküste , dem Schauplatz der Thaten Grizzifalcone ' s , angehörte , in seiner Jugend an dem Uebel der fallenden Sucht gelitten hatte , darum sowol vom Eintritt bei der päpstlichen Nobelgarde , wie anfangs vom Priesterstande abgewiesen wurde , dann in die besondere Pflege vornehmer Frauen gerieth und durch deren Betrieb endlich auch zum Priesteramte zugelassen wurde . Durch das Gebet der Fürstin Colonna verlor er jene Krankheit ... Vollends verlor er sie durch eine Seereise , eine Reise nach Amerika ... Zurückgekehrt erklomm er eine Würde nach der andern und um Rom hatte er sich als Erzbischof von Spoleto das besondere Verdienst erworben , daß er einen Revolutionshaufen unter Anführung Louis Napoleon ' s durch Zahlung von 6000 Scudi an den Freund desselben , Sebregondi , von ihrem Marsch auf Rom zurückgehalten haben soll1 ... Der Erwählte fiel in Ohnmacht , als auf begeisterte Empfehlung Ambrosi ' s und der beiden Generale aus dem Scrutinium mit der vollen Stimmenzahl sein Name hervorging ... Beinahe hätte sich gezeigt , daß das Gebet der Fürstin Colonna und die Seereise noch nicht die volle Wirkung erlangt hatten ... Alle mußte es rühren , daß , nachdem man sich zugeflüstert hatte , in der ewigen Stadt wäre einst ein Jüngling verzweifelnd am Strande der Tiber auf- und niedergegangen in der Absicht sich in die Wogen zu stürzen - Militär und Klerus hatten ihn um sein bemitleidenswerthes Körperleiden abgewiesen - nun das Schicksal in dieser selben Stadt die dreifache Krone auf sein Haupt hob ! ... Der Erwählte erholte sich in den Armen Ambrosi ' s und der Ordensgenerale ; man legte ihm die Kleider seiner neuen Würde an und nannte ihn der Welt und zeigte ihn den Völkern ... Dem Stuhl Petri , sagt man , naht sein Verhängniß ... Diesmal erst hatte ihn ein Anhänger jener Partei bestiegen , die damals in Bertinazzi ' s Loge vom Kohlenbrenner - es war Pater Ventura - die der Phantasten genannt wurde ... Durch den Patriarchen von Rom sollte vorerst nur Italien erlöst und die katholische Christenheit über das allen Völkern ihre Freiheit raubende Wirken der Jesuiten beruhigt werden ... Liebenswürdig ist der Eindruck jedes guten und gläubigen Willens ... Wie im rosigen Lichte schwimmt noch jede auf ihn gesetzte Hoffnung ... Will sie scheitern , so müht sich die edle Absicht , ihr den Sieg zu erleichtern , wirft aus dem zu schweren Fahrzeug Ballast über Ballast , will nur das Glück , nur den Erfolg , nur den Sieg , den ewigen Sonnenschein ... Umrauscht vom jauchzenden Zuruf der Völker hebt sich dann die Brust und wagt und wagt und wofür sonst jeder Wille gefehlt haben würde , doch wird es vollzogen ; Vertrauen heißt die Hand , die den Zagenden weiter und weiter führt ; schon kann er das Läuten der Glocken , die Freudenfeuer , die donnernden Salven der Geschütze , das tausendstimmige Hoch der Liebe nicht mehr entbehren ... Der neue Zauberer vollzog das Verhängniß eines Wunderthäters von größerer Macht , der über die Geschicke der Menschen thront ... In der That brachte nach Italien die erste Botschaft vom Evangelium der Freiheit - ein Papst ... Doch es war und blieb - eine phantastische Wahl ! ... Ein junger Student , ein Graf , ein neugekleideter Priester hatte einst auf dem Marktplatz zu Sinigaglia nachts seine Predigten gehalten , unter freiem Sternenhimmel umgeben von erleuchteten , mit Tausenden von Menschen geschmückten Fenstern , an einem improvisirten Altar , auf dem im Augenblick , wo in poetischen Bildern von seinem beredten Munde das Fegefeuer geschildert wurde , eine große Schale von Spiritus angezündet wurde , sodaß hoch die blaue Flamme aufschlug und den Platz , die Fenster , das Antlitz aller Hörer geisterhaft beleuchtete2 ... Nun aber schlugen freilich andere Flammen auf ... Erst wurden die Kerker geöffnet , die Verbannten zurückgerufen ... Bertinazzi hatte bis dahin auf der Engelsburg geschmachtet ; er wurde im Triumph durch die Straßen gezogen ... Die wenigen , die sich damals , als Benno gefangen genommen wurde , durch eine Versenkung retteten - Graf Sarzana hatte zu ihnen gehört , Benno hatte sich in dem Leichenbruder nicht geirrt - waren größtenteils nach England geflüchtet und kehrten nun zurück ... Auch Sarzana , der , wie man sagte , » aus Misverständniß « der Mörder Ceccone ' s geworden , kehrte heim - Benno dachte oft an sein stilles Tibergespräch mit dem Unheimlichen » über die misverständlichen Morde zur Cholerazeit « - ... Die Herzogin von Amarillas , die Fürstin Rucca , auch Cäsar Montalto kamen von London ... Rom war überfüllt mit Fremden , mit Flüchtlingen , Enthusiasten ... Die Freudenbezeugungen , die Feste , die Ovationen nahmen kein Ende ... Waren es doch - - die Theaterflammen vom Markte zu Sinigaglia - ? ... Anfangs machten sich die Ereignisse von selbst ... Es gibt Zeiten , die ohne Hinzuthun von Menschenwitz nur die Additionen der Vergangenheit sind ... Das Anathem , das über so vieles bisher geschleudert worden , wurde ihm jetzt von selbst zum Segen ... Nicht blos die Eisenbahnen wurden von dem Bann der Gottlosigkeit , der auf ihnen ruhen sollte , befreit , nicht blos die von Rom als Teufelswerk verworfene Gasbeleuchtung ; nicht blos die » materiellen Fortschritte des neunzehnten Jahrhunderts « , wie Thiebold mit Satisfaction sagte , wurden anerkannt ... Pater Ventura - General der Theatiner - predigte und entflammte das Volk auf offener Straße mit noch viel weiter greifenden Aufklärungen über die neue Zeit ... Im Coliseum , wie Klingsohr einst verlangt hatte , sprach Ventura ' s flammende Beredsamkeit und erläuterte den Römern , was ihrer geringen Bildung zu begreifen fast noch versagt war ... Ein Fuhrmann aus Trastevere , Brunetti , der jene Schenke liebte , wo Benno damals den Orvieto getrunken , ein Freund des Wirths , dessen Weinkeller mit dem Bertinazzi ' s in Verbindung stand und damals die Flucht eines Theils der Verschworenen ermöglichte , Retter des » Kohlenbrenners « , des Grafen Terenzio Mamiani , des Advocaten Pietro Renzi , die alle bei Bertinazzi zum » jungen Italien « geschworen hatten , schwang sich auf seinen zweirädrigen Karren und wurde ein so beliebter Volksredner , daß sein Ruf als » kleiner Cicero « ( Ciceruacchio ) durch die Welt erscholl ... Freisinnige innere Reformen wurden versucht ... Der alte Rucca , ohnehin entsetzt über die Rückkehr seiner Schwiegertochter aus London , wo sie fast das ganze Vermögen ihres Onkels , des Cardinals , vergeudet hatte , verlor die Pacht her Zölle , die ihm Fefelotti bereits für den ganzen Kirchenstaat verschafft hatte ... Der Schrecken und der Widerspruch der Cardinäle , die Besorgniß der Gesandten wurde durch vorsichtige Allocutionen niedergehalten ... Die Amnestie fand ihre unbeschränkte Ausführung ... Aus Beethoven ' s » Fidelio « kennt ihr jene rührenden Züge von Staatsgefangenen - Schaaren , zerlumpt , verhungert , hohläugig , gingen so aus den überfüllten Kerkern hervor ... Das Volk holte sie im Triumph , hob sie auf Wagen , schmückte und bekränzte sie ... Bürgerwachen wurden gebildet ... Ja eine Aussicht auf eine Repräsentativverfassung zeigte sich , als eines Morgens ein Decret die Vorstände der Provinzen aufforderte , Männer des öffentlichen Vertrauens zu bezeichnen , die die Regierung in den nothwendigen Reformen des Kirchenstaats durch Rath und That unterstützen sollten ... Die Bewegung griff weiter und weiter ... In der That bewährte sich , wie noch die Welt durch Rom getragen und regiert wird ... Mit dem , wie sonst im Schlechten , so hier im Guten sich gleichbleibenden Zauber Roms griff die Bewegung über Italien hinaus , stürzte den Julithron , rief in Frankreich die Republik hervor , brach die Knechtschaft Deutschlands , verjagte den Staatskanzler , entfesselte alle Völker , die in unnatürlicher Zusammenkoppelung zu dynastischen Zwecken mit Aufgebung ihrer eigenen Nationalität um so weniger länger leben mochten , als gerade die zunehmende Förderung der Volksbildung an nichts anderes zunächst angeknüpft hatte , als an die Erhebung des Sinns für Sprache , Geschichte , eigenthümliche Volkslebensart ... Auch Dalschefski und der nunmehr ganz zusammengegangene , mumienhaft vertrocknete Luigi Biancchi kamen vom Spielberg herunter und Resi Kuchelmeister weinte in ihren Armen ... Auch sie gingen nach Rom , wo aus London Marco Biancchi eintraf - Napoleone blieb bei seinen Gipsfiguren , bei seiner Giuseppina , seinen Kindern und Ersparnissen in Deutschland und ohnehin war er mit seiner Tochter Porzia Hedemann gespannt . Sie hatte sich nicht bereit finden lassen , in Witoborn ein Depot für seine Heiligen zu übernehmen ... ... Da aber bangte dem nächtlichen Schwärmer vom Marktplatz zu Sinigaglia - ... Die blaue Theaterflamme war ihm wider Willen zu einem Fegefeuer schon hienieden für Gut und Böse geworden ... Größer und größer wurde der Druck der Mahnungen von Fürsten und Staatsmännern auf den Träger der dreifachen Krone ... Immer weiter griff der Zwiespalt im geheimen Consistorium ... Fefelotti , das Al-Gesù , dessen Bewohner sich beim ersten Anbruch der großen Veränderungen geflüchtet hatten ( die jesuitischen Rundhüte sind seitdem ganz in Italien abgeschafft und eckige geworden wie die Hüte aller andern Priester ) , alle Vertreter des geistigen und weltlichen Despotismus suchten den dreifach gekrönten Schwärmer zur Besinnung zu bringen ... In der That stutzte er ... Seine Wonne war zu sehr nur die äußere Acclamation gewesen ... Diese blieb schon zuweilen aus ; der tausendstimmige Mund des Volks schwieg zuweilen bei seinen Segnungen und solche Kränkungen wurzeln im Gemüth eines Mannes , der , wie alle Italiener , den Beifall liebt ... Schon schmollte er zuweilen ... Er fand Freunde und Freundinnen , die sein Schmollen für gerecht nahmen ... Noch nannte er seine Erfahrungen die gewöhnlichen Belohnungen des Undanks ... Mit der Zeit vergrößerte sich die Zahl derjenigen , die mit ihm nicht gern in der Minorität standen ... Endlich sollte gar sein kleines Heer zu den Kämpfern stoßen , die Oesterreich gegenüber mit den Waffen behaupten wollten , was bisher nur in Liedern gesungen , in Declamationen gesprochen worden ... Da fing die Hand , die die Fahnen zum Unabhängigkeitskriege segnen sollte , zu zittern an ... Die Zeit der Dictatoren , der Consuln und Tribunen Roms mit dem ganzen Gefolge der Demüthigungen des geistlichen Primats schien im Anzuge ... Nun rief der Heilige Vater vom Balcon des Quirinal herab : » Gewisse Rufe , die nicht vom Volke , sondern von wenigen herrühren , kann ich , darf ich , will ich nicht hören ! « ... Es sanken die Fahnen der Erhebung Italiens gegen Oesterreich ... Die von Sardinien erhobenen Banner mit dem weißen Malteserkreuz zersplitterten ... Das » Schwert Italiens « brach in Stücke ... Das hatt ' ich nimmermehr gewollt ! erklärte der Zauberer aller dieser Stürme ; Prospero , der Beherrscher der Winde , ging zum Sieger über ... Er dachte noch nicht wieder an Fefelotti , den er haßte ; noch bot eine starke Hand , die den Nachen Petri retten sollte , Pellegrino Rossi ... Als dieser vom Dolch eines Mörders durchbohrt , der Vatican von einer Revolution belagert wurde , Kugeln in die Gemächer des Stellvertreters Christi flogen - da verkleidete sich der Ueberwundene in den Diener eines deutschen Grafen , täuschte seine Wächter und überließ die ewige Stadt ihrem Verhängniß , den Siegern , den Bertinazzis , Venturas , Sarzanas , allen denen , die auf Crucifix , Todtenkopf und Rosenkranz geschworen hatten für eine Sache , der sie jetzt auf dem Capitol als Rächer saßen - Sarzana , das wußte jetzt alle Welt , hatte an Ceccone die geheiligte Rache eines Italieners geübt ... Rom war eine Republik geworden und stand unter dem Bann der kirchlichen Excommunication ... Die Stadt selbst kümmerte die Ungnade des Himmels wenig ; - in einem mit Priestern und Mönchen überfüllten Lande fanden sich Hände genug , die die nothwendigsten Sacramente ertheilten ... Das » Schwert Italiens « rüstete sich am Fuß der Alpen zu einem zweiten Gange ... Viele Flüchtlinge der Staaten , wo die frühere Ordnung schon wiederhergestellt war , strömten nach Rom ... Cäsar von Montalto - Italiener geworden - nach manchem bittern Seelenkampfe - nun schon mit ergrauendem Haar , fehlte nicht unter denen , deren Namen bei Wahlversammlungen und Ehrenämtern auftauchten ... Alles das verlautete nach und nach bis zum Genfersee - dann aber nach Nizza hin , wohin man von Schloß Bex in der That übersiedelte ... Monika hätte sich anfangs selbst in diese Bewegung stürzen mögen ... So vieles sah sie , was , bei aller Uebereinstimmung , doch noch , nach ihrer Meinung , anders , besonnener , vorsichtiger hätte unternommen sein können ... Jener Trieb , der 1793 eine Manon Roland in den Rath der Männer und aufs Schaffot führte , regt sich in großen Krisen bei jeder Frau von Geist - und keine große Begebenheit der Geschichte ist ohne die Mitwirkung der Frauen geblieben ... Aber die Besorgniß um den Gatten , die Rücksicht auf den dahinsiechenden Hedemann , die Gewöhnung an die biblischen Auffassungen der Ergebung in den Rathschluß Gottes hinderten die Ausführung der sich anfangs wirr durchkreuzenden Entschlüsse , die zuletzt nur am Ziel einer Entäußerung des Schlosses Bex anlangten ... Als die Franzosen der Republik gegen die Republik Rom zogen , sah die Familie von Nizzas Molo aus die leuchtenden Segel ihrer Flotte ... Nizzas mildes Klima war für den Winter dem leidenden Freunde von einigem Nutzen gewesen ... Der Oberst und Monika verschlangen die Zeitungen des Café Royal ... Armgart hatte sich dem Zeichnen und Malen ergeben und hörte aus der Welt nur das Allernothwendigste ... Sie wohnten in einem Gartenhause , nicht weit vom Ufer des Meeres ... Tag und Nacht vernahmen sie den gleichmäßigen Schlag der Wogen an das Gemäuer der Meerterrasse ... Einen Winter gab es hier nicht ... Selbst im Januar konnte Armgart im Freien , unter dem immergrünen Laub von Lebenseichen ihre kleinen Landschaftsskizzen ausführen , während Erdmuthe , Porzia ' s Kind , um sie her auf den mit zerbröckeltem Marmorkalk bestreuten Wegen zwischen den buchsbaumumfriedigten Beeten des kleinen Ziergartens sich tummelte ... Armgart hörte , daß in Rom drei Männer das Heft in Händen hielten , Terschka ' s früherer Beschützer , nach dem Untergang der Bandiera entschiedenster Gegner Mazzini , mit ihm Saffi