, bei Zeiten herauszukommen ! Anna , noch bewegt von dem Stolze , wie der edle Greis Dystra ' s geringe Meinung von der ihm gebührenden Rücksicht beschämte , erschreckt von der dem Präsidenten eignen Todessehnsucht , die er oft äußerte , ergriff die zarte kleine Hand , sie bittend und liebevoll streichelnd ... Großväterchen , sagte sie , will mich einmal wieder mein Vielliebchen nicht gewinnen lassen und wir haben doch gewettet , daß die hundert Jahre voll werden ! Da sei Gott für ! antwortete der Greis und sah sich , weil man das Dessert brachte , Früchte und Bisquit , nach seinen gewöhnlichen Dessertgästen um . Die Thüren wurden geöffnet und Noah ' s ganze Arche schien sich zu entleeren . Selbst die Schildkröte wurde auf Anna ' s besondern Befehl von dem Bedienten in den obern Stock getragen ... Der Greis fütterte seine Gäste . Man hatte ihm Schüsseln mit Körnern hingestellt . Er gab reichlich , strafte aber jeden Näscher und gab jedem Gehorsamen mit Schmeichelreden ... Es ist die Liebe , sagte er zu dem erstaunt blickenden Dystra , den seine Beklommenheit verließ , es ist die Liebe , die die ganze Thierwelt nur zu sehr an uns vermißt . Wenn wir uns vor Dem , was außer uns lebt , fürchten , so geht Das noch , es ist eine Idiosynkrasie der Gattung ; aber wir hassen die Thiere ; wir toben unsre Leidenschaften an ihnen , wie nur zu oft auch an unsern Kindern aus . Kein Wunder , daß Alles um uns her dann tückisch , zornig , rachsüchtig wird und nun auch wieder seine Leidenschaft gegen das noch Schwächere austobt ! Wodurch verbind ' ich Hund und Katze ? Dadurch , daß ich sie nicht aufeinanderhetze , nicht Gefallen an ihren Unarten finde . Ich verweise Sie auf den Blick des Thieres . Finden Sie da in meinem großen schwarzen Bafomet - der Greis nahm den riesigen Kater und stellte ihn dicht vor sich auf den Tisch - nicht einen Ausdruck der stillen Ergebung , des geduldigen Tragens dieser Erdenhülle .. ? Daß man fast an die Seelenwanderung glauben möchte ? sagte Dystra forschend , ob nicht dies alte ägyptische Dogma in dem etwas ketzerisch sich äußernden Alten zum Vorschein käme ... Da erhob sich aber eben Anna . Sie hatte es drei Uhr vom Kirchthurme schlagen hören und schon erblickte sie einen Wagen , der von der Landstraße ablenkend zum Hause herauffuhr ... Vielleicht der der Frau von Trompetta , die immer die Erste war . Sie wissen , Baron , sagte sie mit hocherröthenden Wangen , daß wir heute unsre musikalischen Übungen haben ; aber ich bedaure , daß die Anwesenheit ungeladner Zeugen ... Das sind strenge Gesetze , warf der Greis , sich erhebend , scherzend ein , aber ich zeige Herrn von Dystra einen Winkel , wo wir unbelauscht zuhören können oder ... Unsern Mittagsschlaf halten , ergänzte Dystra mit Beziehung auf den Greis . O nein ! O nein ! lehnte dieser ab . Mein Ohr hört nie schärfer , als wenn die Augen zufallen . Ich schließe die Augen , Baron , in dem kleinen Winkel , den ich Ihnen zeigen werde , aber wenn man Bach und Händel singt , schlaf ' ich nicht . Dystra war weder für Bach noch für Händel besonders eingenommen , aber er sah , daß die Excellenz gesprächig werden konnte . In der Hoffnung , daß eine Erörterung , die schon bei der Seelenwanderung angekommen war , sich auch noch auf das Mittelalter , das heilige Grab und die Tempelherren würde ausdehnen lassen , erklärte er , die Winke der Frau Landräthin nicht zu verstehen und sich ganz im Verborgenen halten zu wollen . Sein Spartakus und Cicero säßen hoffentlich bedacht in der Küche ... Die Nachricht von den Mohren machte dem Alten große Freude . Er wünschte sie später zu sehen ... Hätte Dystra ahnen können , was Alles die arme Kapellmeisterin bestürmte , er würde sie mehr geschont haben ! Sie sollte ihm jetzt sagen , was Olga triebe , warum sie nicht gekommen wäre , ob sie bei Tisch immer schwiege , ob sie vor den Thieren nicht Apprehensionen empfände , ob er wagen dürfte , sie in ihrem Zimmer zu überraschen , wo hinaus es läge , ob sie jetzt äße ... Alle diese Fragen erwiderte sie mit dem einfachen Bescheide , Olga male , sie würde zu ihr gehen und ihr leider wol wiederholt die Versicherung geben müssen , daß man sie betrachten wolle wie eine Einsiedlerin ... Also nach Norden liegt ihr Zimmer ! sagte Dystra und wollte trotzdem folgen , wenn nicht der Greis sich erboten hätte , ihm jetzt den Versteck zu zeigen , aus dem er gewohnt wäre , den Akademieen zuzuhören . Dystra mußte ihm schon den Arm bieten . Sie gingen über den Corridor , eine kleine versteckte Treppe hinunter ... Inzwischen hatte sich die Zahl der Wägen , die vorfuhren , ansehnlich vermehrt ... Anna hatte Olga ersucht , an der Akademie Theil zu nehmen ... Sie schlug die Aufforderung aus ... es bebte ihr durch ' s Herz , als das träumerische Mädchen , ihr fast stereotypes Schweigen brechend , gesagt hatte : Dein Haus ist wol ein Gefängniß für mich ; aber die gefiederten Sänger der Luft wohnen gern in ihm . Ich gehöre zu den Stillen , die man nur muß gehen lassen , wenn sie Jeden erfreuen sollen . Ich weiß , jener Dystra ist bei Euch , dem sie mich vermählen wollen , weil er Schätze besitzt . Ich fliehe vor ihm , wie vor der Klapperschlange die Thiere fliehen , über die ich dem Großpapa zuweilen vorlese . Deine Welt , in der du lebst , liebe Anna , ist wunderbar . Weißt du , daß ich manchmal Muth bekomme , weit , weit über die Thiere und Menschen hinaus , die sich vor Schlangen fürchten ? Ich bin gar nicht erschrocken vor den Mädchen , die , wie Großpapa erzählt , mit Schlangen sich umringeln , kleine Vipern als Halsschmuck , große als Shawls tragen ! Ich möchte so mitten inne in der Wildniß sitzen , ich wüßte , ihre Bewohner schonten mich . Ach , sind denn die Menschen nicht viel schrecklicher ? Von diesem Dystra mit seiner geckenhaften Eleganz , seinen parfümirten Redensarten , seiner Eitelkeit auf seine kleinen Füße red ' ich nicht . Er ist nur lächerlich und ich wurde mich schämen , wenn ich ein Wort mit ihm redete . Aber es gibt größere Ungeheuer ! Laß mir die Einsamkeit , gute Anna ! Ich habe so viel erlebt , so viel in meinem innersten Herzen zurecht zu legen , daß ich dieses verzauberten Schlosses recht bedarf , um mich zu sammeln . Es ist mir bei Euch , wie ich von der Höhle des Trophonius gelesen habe , in der man die Stimme des Erdgeistes hörte . Dabei zeigte Olga rund herum auf ihr gemüthlich eingerichtetes Zimmer , das immer für fremden Besuch auf Tempelheide eingerichtet war und in Nebenkämmerchen noch Raum für zahlreichere Gäste bot . Die Meubles waren hier moderner als im übrigen Hause , die Bilder zeigten auch einmal andre als naturhistorische Gegenstände , und an den nach Norden gelegenen Fenstern gediehen in kühlem Schatten einige Blumenstöcke von ausgesuchterem Werthe . Auf einem dicht ans offne Fenster gerückten Tische malte Olga in Aquarellfarben , deren Anwendung sie von Siegbert Wildungen gelernt hatte , eine italienische Fernsicht . Das dunkelblaue Meer und einen einzigen darüber hinweg schwebenden Vogel erklärte sie für das Abbild ihres eigenen Lebens . Und als Anna sie nicht bewegen konnte , der Versammlung unten , deren bevorstehende Überraschung sie freilich verschweigen mußte , beizuwohnen und gehen wollte , rief ihr Olga plötzlich wie aufthauend noch nach : Und dein heutiges Freudenfest ? Anna drückte das Mädchen bewegt an ihr Herz und erwiderte : Viele Jahre hindurch , ich kann sagen wieviel , siebzehn Jahre hindurch war der heutige Tag ein Freudentag . Dann hab ' ich länger als zwölf Jahre an diesem Tage bitter geweint , vor aller Welt mich abgeschlossen , Niemanden sehen mögen , als die Bilder , die vor meinem innern Auge lebten . Zuletzt , je näher ich dem Ziele unsrer allgemeinen Pilgerschaft komme , hab ' ich von diesem Tage nur noch die alte Freude behalten und feiere ihn still innerlich wol , aber mit Ergebung , wie wenn Alles so wäre , wie es nicht ist . Olga wußte nun , daß Anna von dem Geburtstage ihrer Tochter sprach , über deren Leben und Tod Anna seit Jahren nichts mehr vernommen hatte ... Schon war die würdige Frau gegangen . Auf der Stiege sich sammelnd , den Dienern jede nöthige Aufmerksamkeit einschärfend , das Vorzimmer des Musiksaales im Vorübergehen noch etwas aufräumend trat sie zu mehren schon unten anwesenden Damen und Herren ein . Der Chor schien heute besonders stark zu werden . Das unverändert schöne Wetter lockte jedes Mitglied , die Veranlassung einer so angenehmen Spazierfahrt nicht zu versäumen . Nur ein Billet , das sich vorfand , war ein absagendes , grade von der Trompetta ! Diese schrieb , ihr stünde der überraschende Besuch ihres Vetters , wie sie sagte , » des Chefpräsidenten von Trompetta Excellenz « bevor , einer bekannten , in der Provinz im Sinne der äußersten Reaktion wirkenden Persönlichkeit , die man schon oft als eine Ministerchance genannt hatte , ebenso wie einen Verwandten des Fräuleins von Flottwitz , den Oberpräsidenten von Flottwitz , der gleichfalls in der Provinz zu den letzten Trümpfen gehörte , die die Äußersten gern ausgespielt hätten , wenn nicht Egon von Hohenberg zur Zeit noch unerschütterlich erschien . Die arme Trompetta ! Die Bedauernswerthe ! Wenn sie ahnen konnte , was sie heute versäumte ! Wagen an Wagen fuhr vor . Bediente sprangen von den vordern Böcken und öffneten die Schläge . In der Hausflur saßen schon fast ein Dutzend gallonirter weißer Sklaven , die bald die Nähe der schwarzen in der Küche gewittert hatten und ihr Übergewicht zu Hänseleien benutzten , grade wie sie der alte Oberpräsident im Umgang der Menschen mit der Thierwelt als die Quelle der Verwilderung derselben bezeichnet hatte . Die Kammerdienerssöhne der Majestät von Angora nahmen die Späße , die man sich mit ihnen erlaubte , nicht zu übel auf , sondern genossen ihr Vorrecht , sich mit den Speiseschränken auf Tempelheide vertrauter gestellt zu sehen , als die Europäer , in einem Grade , der den Neid der letzteren , deren Herrschaften alle erst um sechs dinirten , sehr rege machte und sie um so mehr verstummen ließ , als die beiden alten Diener des Hauses , die ihre beste blaugelbe Livree angezogen hatten , auf Ruhe und Ordnung hielten in dem Augenblick , wo vom Musiksaale her die ersten Töne des Pianos erklangen . Vor dem Schlosse eines Fürsten , wenn seine höchsten Räthe bei ihm versammelt sind , kann es nicht belebter aussehen als jetzt vor dem kleinen Landhause von Tempelheide . Die gewählteste Gesellschaft wurde an den Wappen von mehr als zwanzig Wägen erkennbar . Auch die Männer gehörten nicht alle dem bescheidenen Stande der jungen Offiziere und Referendare an , sondern mancher Rath , mancher jüngere Präsident übte noch die Fertigkeit seiner Stimme und hielt treu bei diesen fashionablen Tonübungen aus . Die Dorfbewohner , ja städtische Lustwandelnde horchten zu vom Hügel der Kirche , vom Friedhofe und den beiden Linden herüber . Die Jugend staunte der Wägen , der stolzen Rosse und Bedienten . Dies wunderreiche kleine Schloß , sonst so still , wie belebt war es heute ! Die Thiere wurden eingehalten oder ihr Gackern und Lärmen erstickte in den entfernten Ställen oder der häßliche Schrei des Pfauen in den hohen Wipfeln des Tannenparks ... Es schlug halb vier Uhr . Die Akademie begann ... Fräulein von Flottwitz kam noch in einem unscheinbaren Wagen etwas verspätet . Wahrscheinlich hatte ihr die Trompetta den Streich gespielt , ihr die Mitbenutzung ihres Wagens unmöglich zu machen . Dadurch hatte sie einen Miethwagen nehmen , sich ängstigen müssen ... Aber welche frohe Botschaft brachte sie auch mit ! Sie hatte ja den Hof über die Felder hinausfahren sehen , die um Tempelheide lagen , die königlichen Wagen sechsspännig mit Vorreitern und mit zwei Wägen voll Kammerherren und Hofdamen . Und nun , wie gehoben konnte sich die junge Aristokratin fühlen schon durch den Anblick der andern Wägen , die vor Tempelheide standen ! Welch ' Gefühl der Exclusivität , so in einen Saal zu treten , wo es nur Mitglieder der höhern Gesellschaft gab , ja sogar unter sechs bis acht Gräfinnen eine Fürstin , vielleicht eine Fürstin von Sein-Haben-Werden ! Sie kam grade zurecht , in ein Miserere mit einzustimmen , dem es gut that , bei der Stelle dele iniquitatem meam durch ihre helle hochliegende Stimme in der rechten Lerchen-Wirbel-Schwebe gehalten zu werden . Anna dirigirte mit Feuer und Begeisterung . Was auch kommen und drohen mochte , in der Musik hoben sich ihr alle Schwingen . Da hörte der kleine Flug über die Erde auf , da wurde nicht mehr mit den Fittichen über die Rücksichten leise hinweggeflattert , da schlug sie Akkorde , die die Seele entfesselten und emportrugen in die Welt der Ahnungen und des lebendigsten Gottvertrauens . Sonst ihre Stimme im Reden so weich und fast tonlos , jetzt markvoll und schmetternd Befehle ertheilend ! Cis ! Cis ! Cis ! so durchgedonnert durch die falschgreifenden Baronessen und Gräfinnen , ein Zu früh ! den Räthen , Präsidenten , Kapitäns , Assessoren , Sekondelieu-tenants und Kadetten - wieder einem Flottwitz hatte sich endlich die Stimme gesetzt zu einem recht brauchbaren Falsett-Tenor - so ein Zu früh ! das war wie der Tuba-Ton eines Jahrhunderts , der diesen Herrschaften sonst gewöhnlich nur zuzurufen pflegt : Zu spät ! Freilich auch Zu spät ' s ! kamen genug vor , besonders bei den etwas nachmittagsschläfrigen Bässen , die ihr exultabunt ossa mea ganz im Gegensatz zur Bedeutung dieser Worte etwas gar zu sehr wie wiederkäuendes bequemes Hornvieh hervorbrummelten . Am meisten Noth hatte die gute Anna mit der Fürstin Sein-Haben-Werden , die die Musik leidenschaftlich liebte und die heilige vollends mit Auszeichnung , aber an einer für Menschen fast instinktwidrigen musikalischen Gehörlosigkeit litt und im Vergreifen des Einsetzens im Laufe der Übung es in der That für den Zusammenhang der Töne zuweilen zu einem wirklichen kompletten Miserere brachte . Dystra inzwischen litt nicht nur an seinem höchst geringen Interesse für geistliche Antiphonieen und Responsorien , sondern in noch erhöhterem Grade in seinem ganzen , von dem Lokale , wo er sich befand , in Belagerungszustand gesetzten Nervensystem . Der ihm so wohlwollend zugewandte Greis hatte sich von ihm die kleine Haustreppe hinunter in ein Gemach führen lassen , das zwar eine sehr angenehme Kühle verbreitete , aber bald für ihn ein Gegenstand des Schreckens werden sollte . Der Alte hatte es die Spinnstube genannt . Dystra folgte in Bewunderung vor der ländlichen Patriarchalität dieser Wohnung , wo noch gesponnen wurde , wie im Zeitalter der Königin Bertha . Wie erschrak er aber , als er sich auf einen Stuhl neben einem Sessel , in den sich der Alte niederließ , warf und entdeckte , daß dies nicht die Spinn- , sondern die Spinnenstube war ! Wirkliche Spinnen waren es , die hier spannen , und welche Ungeheuer , welche achtbeinigen Arachniden , welche Netze ! Quer über das ganze Zimmer hingen die Fäden und junge und alte Kreuzspinnen schaukelten sich auf ihnen . Es ist wahr , der Greis sprach sehr schön über den Ton und dessen Einwirkung auf die Thierwelt . Er verglich den Ton mit dem Lichte und erklärte , daß Ton und Licht dem Thiere zusammenflösse , dem Fische , dem Käfer , der Spinne . Es ist wahr , man konnte bei den ersten Takten , die in dem Musiksaale nebenan angeschlagen wurden , die Bewegung sehen , wie die Spinnen stutzten und der Thür sich zuwandten . Aber der unheimliche Eindruck blieb doch und wurde gesteigert , als der Präsident auf ein kleines Loch am Fußboden zeigte und sagte : Geben Sie jetzt Acht ! Er gab Acht und errieth fast , daß aus diesem Loche noch ein Freund der Musik erwartet wurde , aber am liebsten hätt ' er sich einen Kehrbesen und eine muthige Magd gewünscht , die hier die Wände rein gefegt hätte . Es half nichts , er mußte die Spannung des Alten theilen , der aus diesem Loche den Besuch einer kleinen Maus erwartete , die nie ausblieb , wenn die Akademie im Gange war . Es dauerte heute lange . Der Alte bekam schon Bedenken , fürchtete für die Rückfälle seiner Katzen , schalt über die Hunde , die Mägde , die Ratten , die Diener , Alles in einem Tone . Er hörte nichts von den majestätischen Hymnen , die nebenan mit allen Unterbrechungen eines möglichsten Strebens nach Correkt-heit gesungen wurden , bis endlich wirklich zu seiner innigsten Freude ein kleines graues Mäuslein sich hervorwagte , klug die Äuglein um sich warf , den Boden prüfte , den Schweif ringelte und sich den an der Thür wie verzaubert lauschenden Spinnen als alter bekannter Musikfreund hinzuzugesellen suchte . Schon längst hatte man nebenan einen Versuch in mehr unserm Jahrhundert sich annähernder Musik gemacht , schon längst hatte Dystra soviel gewonnen , daß er mindestens eine durchgebildetere Verschlingung der von den einzelnen Stimmen getragenen Tonfiguren zu bemerken glaubte , als dem Greise sein Experiment gelungen schien und er sein Mäuschen wie einen alten Bekannten begrüßte . Nur dauerte die Freude nicht lange . Denn ... plötzlich stockte der Gesang , die Spinnen bewegten sich erschrocken auf den hohen Stelzbeinen , das Mäuschen stutzte , eine kräftige Hand pochte an die Thür , ein Bedienter öffnete ... eine Überraschung ... der Hof ... Was ? ... Der König ... Wie ? ... Die Königin ... Himmel ? ... Anna näherte sich schon dem Papa - es ist ja nicht glaublich ! Doch ! Doch ! Der Hof eben vorübergefahren , schon bei dem Magnifikat still gehalten ... jetzt wo es an Händel ginge , ließe man fragen , ob ein Besuch der Herrschaften erlaubt und Zuhörer gestattet wären ... Staunen , Bewegung , Unentschlossenheit ... endliche Fassung ... zwei Minuten darauf hatte sich die Scene merkwürdig geändert ... dem Schlosse von Tempelheide war großes Heil widerfahren . Viertes Capitel Die beiden Jahrhunderte Im Vorzimmer des Musiksaales zu Tempelheide bei geöffneten Thüren sitzt das Monarchenpaar , andächtig lauschend einem mit unendlich gesteigertem Eifer wieder begonnenen Händelschen Psalm , einem Musikstücke , auf das sich die im Innersten bebende Anna verlassen konnte ... Die Altenwyl , freudestrahlend über den gelungenen Überfall , denn grade in dem Plötzlichen , dem Unvorbereiteten lag der Reiz , lag der Zauber , der allein die Herrschaften in dem Glauben erhielt , sie beglückten sehr die Menschheit und verstünden sie in ihrem tiefsten und geheimsten Walten ... Eine Ankündigung dieses Besuchs , wen hätte sie nicht Alles verletzt , wieviel Neid hätte sie erweckt und wie leicht hätte sie das Zustandekommen vereiteln können , da Anna so schwer zugänglich war ... Nun aber war der kühne Wurf gelungen ... Der Monarch blickt gläubig , seine Gattin erbaut sich an der Sache selbst und an der Andacht des Gemahls ... Zwei Kammerherren in bescheidner Entfernung , zwei Hofdamen sitzend hinter der Herrscherin und alle mit denselben Mienen wie diese , dieselben Achs ! Dieselben Os ! wie jene , ja als sich die Augen der Königin bei einem Adagio mit Thränen füllten , weinten auch die weiblichen Umgebungen ... Die Kammerherren waren etwas selbständiger ; sie fühlten dem Monarchen nach , daß seine Empfindung eine getheilte war . Halb war sie der altklassischen Musik , halb dem greisen Obertribunalspräsidenten zugewandt , der von seinem Gaste , dem russischen Staatsrathe Otto von Dystra , geführt , neben den Majestäten saß und mit sicherm ruhigen Bewußtsein , ja mit einer gewissen vornehmen Fassung die Ehre entgegennahm , die seinem Hause so überraschend widerfuhr ... Dystra war längst dem Hofe vorgestellt und seiner halbverwachsenen Figur wegen sogleich als der Sonderling erkannt , von dem man glücklicherweise seine Bekanntschaft mit gewissen zweideutigen Elementen der Gesellschaft noch nicht in Erfahrung gebracht hatte ... Die Königin irrte sich gar nicht , wenn sie bei ihrem Gemahl voraussetzte , daß ihm diese unmittelbare Annäherung an den Chef der Gerechtigkeit in seinen Staaten außerordentlich wohl that und er sich in dem Bewußtsein betraf : Du lehnst dich da an das Gute und das Edle , an das von Gott Eingesetzte und ewig Gewollte , an den Widerschein der himmlischen Ordnung und du bist in der Weise , wie du nun einmal regierst oder regieren lässest , nicht nur in deinem göttlichen Rechte , sondern auch in der wahren Bahn deiner urweltlich prädestinirten Pflichten ! ... Und nun dazu diese Musik , diese alte bewährte Tonschöpfung eines großen Meisters ! Welche Sicherheit gewährte ihm diese Anlehnung an eine Jakobsleiter , die gleichsam in den Himmel selber führte ! Ach , es sah so düster auf dem Gebiete der täglichen Erfahrung aus . Die Ruhe war hergestellt , aber theilweise mit gewaltsamen Mitteln . Man hatte in Egon von Hohenberg eine seltne Kraft des Willens , der Durchführung , des Vertrauens sogar gewonnen , aber selber wollte man nicht vertrauen . Man fühlte sich einsam , leer , beängstigt wie immer . Man hatte einen Staat , aber kein Volk mehr . Man sah Gehorsam , aber so wenig Begeisterung bei Denen , die gehorchten , weil sie mußten . Man hatte Beispiele von Strenge geben müssen . Bis in das Heer , das man den Kern und die Blüthe des Volkes zu nennen pflegte - der Kern und die Blüthe des Volkes ist die Schule , hatte dagegen Egon selbst einmal eines Abends in den kleinen Cirkeln mit Reizbarkeit gesagt - bis in das Heer war das » Gift der Neuerung « gedrungen . Es waren Beweise von Verrath gegeben worden , die man zum abschreckenden Beispiele hatte mit buchstabenscharfer Rücksichtslosigkeit strafen » müssen « . Noch beunruhigend genug war die Sage von einem großen geheimen Bunde , der bis in die weiteste Verzweigung aller Stände griff und den Boden , auf dem man täglich wandelte , unsicher machte . Egon selbst , der nicht blos das Land , sondern auch zuweilen den Hof , wenigstens dessen liebste Angehörige , tyrannisirte , der Premierminister , dies allbewunderte , strahlend aufgegangne Gestirn , das weithin am europäischen Himmel leuchtete , Egon von Hohenberg selbst hatte eines Abends , als von gewissen strafenden Worten die Rede war , die ein Prinz des Hauses in der Provinz zu einem Gemeinderathe gesprochen , gesagt : Hüteten sich doch die Fürsten , mit ihren persönlichen Ansprüchen auf die Empfindungen der Menschen jetzt noch zuweit sich hervorzuwagen ! Es kann eine Zeit kommen , wo das Fürstenwesen von Allen , vom Bürger , Bauer , Adel und der Bureaukratie umgangen worden ist und es plötzlich in einer Vereinsamung dasteht , die es vor der Treulosigkeit seiner besten Freunde wird erschaudern lassen ! Solche Egon ' schen Worte waren längst die Veranlassung einer geheimen Hofverschwörung gegen den Staatsretter geworden , wie man ihn öffentlich nannte . Die Königin stand selbst an der Spitze dieser Opposition , die zunächst eine sittliche war und von der Gräfin Altenwyl von dem Augenblick offen bekannt wurde , als sich der Fürst mit dem schönsten Mädchen der Residenz vermählt hatte , dem man die bürgerliche Abkunft nachgesehen hätte , wenn nicht Melanie ' s Ruf , der Ruf jener Pauline , unter deren Auspicien diese Ehe zu Stande kam , Anstoß hätte erregen müssen . Es war eine Demonstration gegen Pauline und gegen Egon selbst , daß man Anna von Harder heute besuchte , sittliche Elemente schützte , die seelenreinigende Musik verehrte und in dem uralten Chef der Justiz gleichsam jenen alten Staatsorganismus , durch den das Land groß geworden , an Macht und wahrem Glücke gewonnen hatte , selbst der konservativen Neuerung gegenüber in Ehren hielt . Und das Alles schwamm so in den Tönen Händel ' s mit ! Das Alles floß so sanft in den Strom der Harmonieen über , die auch unter der Direktion eines Pianos an ihrer rauschenden Würde und Feierlichkeit nichts verloren ! » Jauchzet dem Herrn alle Lande und singet dem König der Ehre ! « Es fehlten hier nur noch einige bunte Kirchenfenster , einige Kartons etwa zum Heilande in der Vorhölle , die Sammlungen und diskursiven Erörterungen Voland ' s von der Hahnenfeder und der ganze Apparat war beisammen , mit dem aus dieser Gegend her gegen die Stürme der Zeit ein Zion voll Kraft und Herrlichkeit erbaut werden sollte . Und die Sprache der suchenden Empfindung blieb auch nicht zu lange aus . Nach Beendigung des sehr gelungenen präcisen Vortrags erhob sich der Hof , betrat nun den Musiksaal selbst , rühmte die Kraft , die Ausdauer , den Geschmack der Führung und ließ sich von der in der Musik nun recht erstarkten und gehobenen Anna die Damen und Herren vorstellen , meist bekannte , hoffähige Namen , deren Jedem ein anerkennendes Wort , eine Frage , eine jener kleinen Nippsachen der Konversation , die eine Cour für die Großen zu einer Aufgabe macht , zu Theil wurde . Dann aber wurde doch der Greis der Hauptmittelpunkt . Ihn selbst verjüngte die Spannung und erhielt ihn frei , ohne Unterstützung des beobachtenden und vielbeobachteten Dystra ... Fräulein von Flottwitz sagte auch den hohen Herrschaften , als an sie die Reihe des Lobes und der Anerkennung kam und ihre » Gesinnung « und die ihrer Anverwandten und ihrer Onkel , ihrer Brüder , ihrer Vettern , namentlich des auch in der Presse wirksamen Oberpräsidenten gepriesen wurde : Welche ausströmende Kraft in der Nähe eines geliebten Herrscherpaares liegt , beweist das Lazaruswunder an dem Greise da ! Wie erstanden ist er vom Tode ! Alle Krücken sind gleichsam weggeworfen ! Sein König sagt : Stehe auf und wandle ! ... Man belächelte diese etwas pathetischen Worte der Flottwitz , aber sie sagten Das , was man so gern hörte in diesem Kreise . Ja , wie manche Bittschrift wurde nicht erhört , die man statt an den Landesfürsten an seine Gemahlin richtete ! Man fand damit ein Prinzip der persönlichen Huldigung ausgedrückt , das leider zu sehr abhanden kam . Ein junger Sänger , der ein Gedicht schrieb : » Die Farben meiner Königin « , erhielt für diese Huldigung im alten troubadourischen Style eine ganz moderne Wechselanweisung zu einer Reise nach Italien . Kurz man steuerte jener Egon ' schen Prophezeiung von der poetisch-romantischen Isolirung des Monarchenthums mit vollen , rauschenden Segeln zu und hätte , wenn die heute so unendlich verkürzte Trompetta dagewesen wäre , zwar nicht von ihrem Album , nicht von ihrem zweideutigen Kanonenboot , wol aber schon von dem Chefpräsidenten gesprochen , der zu der Richtung der Persönlichkeit im Staate sich hielt und kürzlich sogar gegen Egon eine Opposition in Steuerfreiheitssachen des Grundbesitzes mit angeführt hatte . Konnte es da fehlen , daß nun durch die Altenwyl auch die Thierseele , auch die Mauerschwalbe , auch die Äolsharfe im Tannenparke zur Sprache gebracht wurde ? Ach , dieser vorschnelle neologische Dystra ! ... Der platzte mit seinen Beobachtungen über die Spinnen und die kleine Maus hervor . Er wurde belächelt , aber dies Lächeln war nur gnädig , nicht ganz zustimmend . Die Thierseele ! Die Thierseele ! Man sollte darüber viel zarter , viel milder , viel duftender sprechen . Der alte Herr begann schon selbst davon , Anna unterstützte ihn , man horchte , man lauschte , man gestand zu , es wäre wol das Rührendste , was die Thierwelt darböte , wenn eine Katze die Jungen einer von ihr gebissenen Ratte aufsäugte . Aber da errötheten doch immer noch Einige der Damen . Man wollte die Wissenschaft , die Wahrheit , aber nur nicht zu wissenschaftlich , nicht zu wahr . Man suchte etwas mehr Dämmerndes , Umflortes und da hatte die Gräfin Mäuseburg , die an der Spitze einer großen Anzahl von Vereinen stand , den Muth , auf die Hunde des St.-Bernhard zu kommen , jene edlen Neufundländer , die die in den Lawinen verschütteten Unglücklichen im Schnee aufsuchten , aus dem Körbchen , das sie um den Hals trügen , sogleich mit Speise und Trank erquickten , bis die Mönche kämen und das Werk der Liebe und Rettung vollendeten . Das war denn ein Wort ! Das öffnete gleich das ganze Gebiet , auf dem man der Menschheit hier Wunder glaubte zu nützen , das große herrliche Gebiet der innern Mission . Die St.-Bernhard ' s Hunde auch in ihrer Art innere Missionäre ! Nun strömten alle losgelassenen Schleusen der Übereinstimmung über das Seelische und so rauschend quollen sie , daß die Gräfin Altenwyl fast Mühe hatte , mit dem Anliegen durchzudringen , den edlen Greis möchte man doch über die Mauerschwalbe fragen , die Shakespeare so schön beschrieben in Versen , die General Voland damals sogleich , wie Alles , auswendig gewußt hätte . Aber o Jammer ! Der alte rationalistische Herr aus Friedrich ' s des Großen Zeit zerstörte den schönen Traum von der an Mauern schmiegsamen Mauerschwalbe und nannte sie frischweg nur die Maurerschwalbe , weil sie maure wie mit Kelle und Mörtel , nicht Mauerschwalbe , weil sie sich liebend an Mauern schmiege . Und was er auch nun Rührendes erzählte von der Schwalbe und ihrer Anhänglichkeit an ihre Jungen , von jenem Schiff , an dessen Masten sich einst im Hafen eine Schwalbe genistet hätte , die ihre Jungen durch vom Lande geholten Proviant ernährte , von jenem Schiff , das dann in See gegangen wäre und von der Schwalbe , die