es wieder ... Sie sah sich wie damals im frosterstarrten Walde zwischen Westerhof und ihrem Stifte , sah an ihrer Seite den dämonischen Schmeichler , von dem sie damals mit Recht geglaubt hatte , daß er die Mutter berückte ... Ein Schauder ergriff sie in Erinnerung an ihr Gelübde , an ihr Suchen der Gefahr , an ihre Hingebung an diesen Mann ohne jede Spur der Neigung , an alles , was sie um ihn verloren und freiwillig geopfert hatte ... Wieder in ihrer Nähe dieser Schein der Harmlosigkeit , diese leichte zutrauliche Manier , die nichts begehren zu wollen schien und eben deshalb sogleich alles besaß ? ... Vater und Mutter , die sich mit politischen Dingen deshalb ausdrücklich nicht befaßten , weil ihrer religiösen Richtung vorgeworfen wurde , daß sie nur die maskirte Revolution wäre , hatten nichts mehr über Terschka ' s Leben und Treiben vernommen ... Nur das eine war ihnen zu Ohr gekommen , daß Terschka in irgendeiner Weise , welche , wußten sie nicht , sogar mit dem Untergang der Brüder Bandiera in Verbindung stand , einem Ereigniß , an dem der Oberst den schmerzlichsten Antheil nahm , da ihm in Amerika der Vater der Jünglinge bekannt geworden war und durch Thiebold auch dessen an Benno aufgetragenen Grüße ihm ausgerichtet wurden ... Noch hatte man vernommen , daß Terschka in dem Augenblick London verließ , als Benno dort ankam ... Eine große Geldsumme , die ihm später , als er wieder zurückgekehrt war , von Witoborn aus zugekommen sein sollte , mußte , glaubte man im engern Kreise des Obersten , vom Präsidenten auf Neuhof herrühren , der mit ihm über die Enthüllungen der zweiten Heirath seines Vaters schon längere Zeit in näherer Verbindung stand ... Dann war er nach Amerika gegangen ... Monika konnte nie wieder ganz das Bild jener wiener Zeiten bannen , wo Graf Hugo und Terschka so heiter und sorglos verkehrten , die alte Gräfin trotz erster Abneigung gegen Terschka für ihn schwärmte , ja sie selbst von ihm mit einer Leidenschaft verehrt wurde , die ihr Herz in Unruhe , ihre Entschlüsse in Schwankungen versetzte ... Daß Terschka , der schon immer und immer mit dem Uebertritt umging , wie Monika selbst , die Hoffnungen auf ihre Gegenliebe damals , als er Armgart und deren förmliches Sich-ihm-anbieten , um die Mutter von ihm abzuziehen , kennen gelernt hatte , aufgab , schien ihr natürlich zu sein ; eine alte Theilnahme löscht sich im Frauengemüth nie aus ; wo sie einmal Partei genommen , sind ihre Entschuldigungen unerschöpflich ... Nur Armgart , die nun schon wieder ganz allein in ihrer Abneigung zu stehen fürchtete , sagte : Er hat irgendeine Schuld auf seinem Gewissen ! Diese jagt und verfolgt ihn ! Diese treibt ihn vom Guten auf , wenn er das Schlechte eben verlassen hatte und das Gute lieben möchte ! Diese macht ihn zum Werkzeug jedes energischen Willens , der ihm imponirt ! ... In ängstlicher Spannung saßen sie beim Thee ; der Sturm mehrte sich , manche Zweige an den ächzenden Pappeln , die in nächster Nähe des Schlosses standen , brachen ... Jeden Augenblick , glaubte man , müßte die Glocke an der Eingangspforte gezogen und Terschka ' s Rückkehr gemeldet werden ... Es wurde neun , zehn Uhr ... Schon wollte man zur Ruhe gehen , da zog es an der Glocke ... Es war eine weibliche Stimme , die sich hören ließ ... Porzia Hedemann kam noch so spät aus ihrem dem See näher gelegenen Häuschen ... Sie hatte sich nicht überwinden können , ihren theuren Gönnern und Beschützern noch von einem Besuch des Barons von Terschka zu erzählen ... Freude strahlte aus ihrem Auge und ergänzte ihre gebrochene deutsche Rede ... Terschka hatte in gewohnter Weise die Spuren seines Erscheinens sogleich angenehm bezeichnet , hatte von Mitteln gesprochen , die unfehlbar die kranke Brust Hedemann ' s heilen müßten ... Alle Zauber Amerikas breiteten sich schon um ihn , als nun auch der Oberst einräumte , die Indianer besäßen Heilmittel , von denen sich die Weisheit unserer Aerzte nichts träumen ließe ... So schwebte schon Terschka , noch ehe man ihn wiedersah , in dem gewohnten Nimbus seiner Liebenswürdigkeit ... Am folgenden Tage erschien er in der That ... Er war in Genf abgestiegen , kam in einem Einspänner dahergeflogen , den er selbst führte , und sah in seinem schnurbesetzten Pelzrock , von Wetter und Sturm geröthet , trotz seiner fünfzig Jahre , noch immer ganz stattlich aus ... Die kleinen Formen des Siebenmonatkindes konnten eher , als plastischer ausgebildete , durch die Jahre zusammengehen ... Sein Auge hatte das alte lebhafte Feuer ; sein kurzgeschnittenes Haar war , trotz der Beängstigungen , die sein Gemüth die Reihe von Jahren hindurch schon ausgestanden haben mochte , nur von einem leichten Hauch der Verwandlung in Grau überflogen ... Mit einer Unbefangenheit gab er sich , als setzte die Gegenwart die nur kurze Zeit unterbrochen gewesene und völlig ungestört gebliebene Vergangenheit fort ... Die befangenen Mienen des Obersten klärten sich auf , als Terschka mit Begeisterung von Amerika sprach ... Monika sah in jeder Freude ihres Gatten ihre eigene und schürte dies Behagen ... Vom frühern Jesuiten , von der Umwandelung in einen Protestanten , vom Freunde der italienischen Emigranten konnte um Armgart ' s willen nicht lange die Rede sein ... Diese noch unverheirathet zu finden , sagte Terschka , überraschte ihn nicht , denn er hätte sie und ihre Familie auch jenseits des Oceans nicht aus dem Auge verloren ... Sein Wesen blieb harmlos ; nicht eine Miene verrieth : Du liebtest einst diese Mutter , deren Locken nun immer silberner geworden ! Und wie nahe warst du , auch die Tochter , diese immer noch blühende , schöne , reiche Herrin von Schloß Bex die Deine zu nennen ! ... Hedemann wurde gerufen ... Trotz seines » Sterbens in Christo « kam er neubelebt ... Porzia war hoch in der Hoffnung und der Gedanke des Todes , sonst ein ihm so lieber und vertrauter , erfüllte ihn jetzt mit Trauer ... Terschka versprach , ihn seines Mittels wegen zu besuchen ... Im Plaudern hatte er eine noch auffallend genaue Kenntniß aller Verhältnisse und Personen , mit denen er sonst gelebt , verrathen und bedurfte darüber keines Unterrichts , den er eher noch selbst ertheilen konnte ... Ohne Schärfe ließ er zuweilen und wie zufällig eine Anspielung auf den natürlichen Sohn des Kronsyndikus , Cäsar von Montalto , oder auf die Fürstin Rucca fallen ... Er übertrieb , bei Gelegenheit des Grafen Hugo , das Princip der Dankbarkeit , sagte aber auch , in Anspielung auf Benno ' s Dankbarkeit für seine Befreierin , die Fürstin Olympia : Meine Damen , als ich noch ein Jesuit war , kam im Colleg zu Rom die Frage auf die Dankbarkeit ... Wir trieben Moral nach allen möglichen Unterscheidungen hin ; aber von Dankbarkeit war wenig die Rede ... » Seid dankbar in allen Dingen , denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu an euch ! « sagte Hedemann und freute sich der vorgeführten Bilder aus der alten Zeit Witoborns ... Das ist aber die Dankbarkeit nicht , nahm die streitsüchtige , schon außerordentlich angeregte und ein gewähltes Mittagsmahl anordnende Monika auf , die Terschka meint ... Sie wollte hören , wie es mit Terschka ' s religiösem Innern stand ... Terschka hatte vom Tode Ceccone ' s gesprochen , der wol auch die Ursache gewesen sein mochte , sagte er harmlos , daß seine Nichte seit Jahren nicht nach Rom zurückkehrte ... Ebenso lange war Ceccone todt - er war unter seltsamen Umständen gestorben ... Auch der Oberst achtete nicht darauf , daß sich Armgart dem Fenster zuwandte ; er sah nur und freute sich dessen , wie geheimnißvoll seine Frau für den Mittagstisch sorgte ... » Und seid gewurzelt und erbaut in ihm und seid fest im Glauben , wie ihr gelehrt seid , und seid in demselben reichlich dankbar ! « wiederholte Hedemann zum festen Zeugniß , daß die Bibel die Jesuitenlehrer beschäme ... Die Mutter , während Armgart schwieg und am Fenster auf den See und die im Violett strahlenden Schneeberge Savoyens blickte , wollte heute gar nicht Hedemann ' s Partie nehmen und meinte , manches Verhältniß des modernen Lebens , manche Verpflichtung unserer künstlichen und unnatürlichen Verhältnisse ließe sich kaum aus der Bibel herleiten ... In diesen Gegenden , wo der Bibelglaube und die religiöse Phrase fast an jedem Bissen Brot , den man in den Mund nimmt , haftete , war Monika allerdings etwas weltlicher geworden ; aber auch die Erinnerung an die schönen Stunden , die sie in Wien verlebt , erregte sie ... Hedemann ließ die Meinung nicht aufkommen , daß die Schrift nicht die umfassendstverpflichtende Dankbarkeit anempföhle ... David war dankbar gegen Abjathar , den Sohn Abimelech ' s , der für David gestorben ... David war dankbar gegen Barsillai , den achtzigjährigen , den er mit nach Jerusalem in seine Burg nehmen wollte , weil er ihm früher in Noth gedient ... David war dankbar dem Gedächtniß Jonathan ' s , des Sohnes Saul ' s , der ihm angehangen , und rief in alle Lande : Wo ist jemand übriggeblieben von dem Hause Saul ' s , daß ich Barmherzigkeit an ihm übe um Jonathan ' s willen ? ! ... Dennoch hielt Monika die Frage der Dankbarkeit in einem andern Sinne fest und sagte : Die Dankbarkeit , die Terschka meint , heißt nicht das Erweisen von Wohlthaten an den , der auch uns Wohlthaten erwies , sondern die Unterordnung des eigenen Willens und Interesses unter den Willen und das Interesse eines andern für ein ganzes Leben lang - ... Eine Stille trat darauf ein ... Terschka genoß ihre Wirkung und sagte , so hätte er sich allerdings dem Grafen Hugo hingegeben und ganz von ihm regieren lassen ... Unsre Professoren auf dem Collegium , fuhr er fort , ließen wenigstens nicht mit offnen Worten , aber halt ziemlich deutlich keine Dankbarkeit gelten , die eine eigene Benachtheiligung voraussetzte ... Den Vortheil , den sie auf alle Fälle gewahrt wissen wollten , nannten sie die eigene Vollkommenheit ... Hatten wir nicht einen ganzen Tag Disputation über die Frage : Ist man verpflichtet , hundert Zechinen einem Mörder auszuzahlen , der sich dafür erbot , einen Mord zu begehen ? ... Der erste Satz war natürlich : Solange der Mord nicht vollzogen ist , kann auch von Zahlung gar keine Rede sein ... Man lachte ... Selbst Armgart mußte es ... War aber halt der Mord vollzogen , fuhr Terschka fort - wie dann , wenn der Anstifter in den Beichtstuhl kommt und , nachdem nun sein Vortheil bereits gewahrt ist , jetzt keine rechte Lust mehr bezeugt , die hundert Zechinen zu bezahlen ? ... Darüber waren die Meinungen der Theologen getheilt ... Einige glaubten , daß das Geld , ob vor oder nach der That , wenn auch versprochen , unter keinerlei Umständen bezahlt zu werden brauchte ... Schändlich ! rief Monika aufwallend ... Selbst dem Mörder muß man die Treue halten ... Sie urtheilen , meine Gnädigste , fiel Terschka ein , grad ' wie der heilige Liguori , der Stifter der Liguorianer , unser Schutzpatron , auch urtheilte ... Rund und fest hat der Liguori erklärt : Die hundert Zechinen müssen dem Mörder unter allen Umständen bezahlt werden ! ... Das beste Wort , das ich je von einem Jesuiten gehört habe ! fiel die Mutter ein und setzte die Entwickelung ihrer Moral der Hochherzigkeit und des Edelmuthes fort , bis der Oberst von der Dankbarkeit hinzugefügt hatte , daß er Beispiele aus seinem eigenen Leben kenne , wo sie manche Charaktere vollständig aus ihrer Bahn gelenkt hätte , wo Menschen , einmal verpflichtet , nie wieder ihren freien Willen bekommen hätten , Offiziere , die das Opfer eines einmal unbedacht geschlossenen Verhältnisses sogar mit ältern Damen geworden und elend untergegangen wären ... Da erst verstanden denn Monika und Hedemann die wechselnde Gesichtsfarbe Armgart ' s und setzten das Gespräch , dessen Bezüglichkeiten sie sich jetzt auf Benno deuten konnten , nicht fort ... Aber von Lucinden und einem seltsamen Zusammenhang des überraschenden Todes ihres Gönners , des Cardinals Ceccone , wußte nun Terschka Dinge zu erzählen , die , wenn sie auch fragmentarisch bleiben mußten , weil sie für Armgart ' s Ohr nicht gemacht waren , doch die ganze Behaglichkeit verbreiteten , durch Terschka wieder in einen Zusammenhang mit der Welt zu kommen ... Armgart hörte aus dem Flüstern nur , daß Graf Sarzana gleichfalls als Flüchtling in London und gleich in den ersten Wochen seiner Vermählung von seiner Frau getrennt lebte ... Acht Tage verflossen und Terschka war in dieser und ähnlicher Art auf Schloß Bex die Hauptperson geworden ... Die Mutter konnte schon sagen : Was sollte denn nun auch werden , wenn jedem Menschen , der einmal strauchelte , der Kainsfluch immer und ewig auf der Stirn gezeichnet bliebe ! ... Warum gibt es denn keine großen Männer mehr ? ... Weil die Keime dazu in unserer Civilisation falsch aufblühen und leider zuweilen eher in den Zuchthäusern , als in den Walhallen reifen ! ... Verpflanzt doch nur einmal unsern Herrn und Heiland in das Zeitalter der Gensdarmen ! ... Würde Jesus von Nazareth drei Jahre haben lehren und hin- und herwandeln können ? ... Nicht drei Tage hätte sein hochheiliges Lehramt gedauert ... Von Lucinden , Gräfin Sarzana , hatte Terschka , wie nun Armgart vertraulich von der Mutter erfuhr , erzählt , daß die Klügste ihres Geschlechts das Opfer einer Intrigue geworden war , die auch nur in Italien vorkommen konnte ... Graf Sarzana war in der That ein Verschworener des » jungen Italien « , theils aus Ueberzeugung , theils aus Rache gegen Ceccone , der seit Jahren seine Familie entwürdigte und wahrhaft misbrauchte ... Auch ihm wollte der Cardinal die Hand einer Frau geben , die nur ihm gehören sollte ... Hatte der Cardinal Berechtigung , von Lucinden solche Hoffnungen zu hegen oder nicht , der Gardist Sr. Heiligkeit ging wenigstens scheinbar auf den Vertrag ein ... Seine Rache wollte einen erlaubten Anlaß haben , Ceccone gelegentlich aus der Welt zu schaffen ... Die Ehe wurde vollzogen ; der gerade in Rom anwesende neuerhobene , glänzend gerechtfertigte , wie von unsichtbaren Armen geschützte Erzbischof von Coni hatte früher Gräfin Paula nicht trauen können - aber Lucinde wollte diesen Vorzug genießen und Terschka hatte sogar angedeutet , daß Lucinde Mittel besäße , den Erzbischof zu allen möglichen Dingen zu zwingen ... Kaum hatte das Sarzana ' sche Ehepaar jenen Palast bezogen , in dem früher die Herzogin von Amarillas wohnte , so verbreitete sich ein Gerücht , der Cardinal hätte bei einem Abendbesuch in diesem Palast einen unglücklichen Fall gethan ... Blutend fuhr er nach Hause ... Wol ein Jahr hätte er sich dann elend hingeschleppt , hätte sehen müssen , wie Fefelotti seinen ihm immer mehr abgerungenen Einfluß gewann und wäre zuletzt still vom Schauplatz verschwunden und sogar außerordentlich heilig gestorben ... Bald aber nach jener Nachricht von dem » unglücklichen Fall « wäre Graf Sarzana heimlich aus Rom entwichen , seine Gemahlin in ein Kloster , das der » Lebendigbegrabenen « , gegangen , wohin schon einmal ein dunkler Vorfall aus dem Leben des Cardinals sich der Welt entzogen hätte - ... Jetzt wisse es alle Welt , hatte Terschka erzählt , Graf Sarzana hätte seine Gemahlin in einer » Scene « mit dem Cardinal überrascht , die Thür gesprengt und auf frischer That auf ihn den Degen gezückt ... Der Stoß war nicht tödtlich und erst nach einem Jahr erlag Ceccone den Folgen der Wunde ... Gräfin Sarzana wäre seitdem noch gar nicht lange erst wieder aus dem Kloster ans Tageslicht gekommen ... Armgart wußte freilich aus Briefen , die aus dem Thal von Castellungo kamen , daß Gräfin Sarzana schon seit zwei Jahren in Genua lebte , ja sogar in Coni erwartet wurde ... Sie sagte also : Alles das wird sich auch wol noch anders verhalten ! ... Ueberhaupt kannte Terschka von den Verwickelungen im Leben der Nahebefreundeten Monika ' s und Ulrich ' s mehr , als diese in ihrem reinen Sinn hören mochten ... Selbst Lucinden ließ der Oberst , der sich ihrer wenig entsann und von der er nur hatte erzählen hören , das Urtheil angedeihen : Wir wissen nicht , ob die Menschen , die sie verurtheilen , recht haben oder nicht ; aber für soviel Unglück , als auch gerade ihr beschieden zu sein scheint , könnte sie jeden fast dauern und ihre Erbitterung gegen die Welt gar nicht wunder nehmen ... An den in jener Gegend üblichen Erbauungsstunden und religiösen Versammlungen , an den Streitigkeiten über die Erbsünde und die Gnade nahm Terschka , der nun eingebürgert blieb , ohne besonderes Interesse theil ... Geistige Bedürfnisse lagen ihm überhaupt , wenn sie Ernst voraussetzten , fern ... Wenn von Paris , London und Wien die Rede war , seufzte er sehnsuchtsvoll ... Anfangs kehrte er immer wieder , wenn er Schloß Bex besucht hatte , nach Genf zurück ... Zuweilen kam von dort mit ihm Gesellschaft , anfangs achtbare Persönlichkeiten , die in einer mit Fremden überfüllten Stadt leicht gefunden sind ... Der einförmige Kreis des Landlebens im Winter erhielt durch ihn Belebung ; sogar mehr , als man wünschen konnte ... Es stellte sich eben eine Toleranz gegen den Erzähler seiner Abenteuer und Reisen wieder her , die alle Bedenklichkeiten des Vergangenen vergessen zu haben schien ... Nur Armgart blieb gegen den nur zu schnell wieder zu Gnaden Angenommenen kalt , vermied ihn , wo sie konnte , blieb , wenn er nicht noch vor Nacht nach Genf heimkehrte , vorsichtig auf ihren Zimmern und lebte ihrer innern Welt , die sie schon so früh verstanden hatte zu ihrem Universum zu machen ... Ein Kind , das mit einem aus Baumrinde geschnittenen Schiffchen sich stundenlang den Ocean träumen konnte , war sie sonst ; jetzt kannte sie den großen Ocean des Lebens und suchte auf diesem nur ihre kleinen Schiffchen ... Der Oberst und Monika waren im Grunde doch nur Gemüthsmenschen und entbehrten , ungeachtet ihrer steten Berufung auf den Verstand , eines scharfen psychologischen Blicks ... Sie übersahen , daß es eine Verkommenheit im Menschen gibt , die dem Kenner selbst durch den äußern Schein des größten Behagens hindurchschimmert , wie eine nur scheinbar gepflegte Toilette durch eine zerrissene Naht und ein nicht gehörig verstecktes Bändchen in ihren geheimen Schäden sich verräth ... Eine solche im Sinken begriffene Natur lacht und scherzt dann und am Uebermaß des Widerhalls läßt sich erst erkennen , wie innerlich alles so hohl ... Jedes Wort hört der scheinbar so unbefangen Sprechende dann gleichsam selbst zuerst ; sein Gang ist berechnet ; der Schatten , den er wirft , ängstigt ihn ... Unruhig sucht er dann Haltpunkte und Anlehnungen ... Sie sind aber ganz wie im Zufall und wie im Traum gewählt ... Eine alabasterne Vase , ein Spiegel , um im Bilde zu bleiben , ist von dem Vorsichtigsten dann zertrümmert , er weiß nicht wie ... Für die sich ganz ebenso zeigende tiefinnere Verkommenheit Terschka ' s hatte Armgart einen klarsehenden Blick ... Während der Unheimliche den Vater durch seine Ställe und seine Vorschläge für die Oekonomie fesselte , die Mutter durch hundert Aufträge , die von ihm für Genf übernommen wurden , Hedemann und Porzia durch Heiltränke , die in der That vorübergehende Linderungen verschafften , sah allein Armgart mit Schrecken , wie Terschka schon so im Zuge des Eingreifens in alle Verhältnisse auf Schloß Bex war , daß ihr bereits die Geldsummen verloren schienen , die ihm anvertraut wurden ... Sie sah eine Lebendigkeit um sich her , die sie im höchsten Grade beunruhigte ... Terschka ' s Genossen , jetzt größtentheils Franzosen von unheimlichen Manieren , gingen ab und zu ... Schon wurden Jagdpartieen arrangirt ... Oft war die Tafel , ohne irgend eine Einladung , zwanzig Personen stark ... Der Oberst liebte die Jagd und Monika unterstützte diese Neigung ohnehin , weil sie - sie sagte es scherzend - gutmachen wollte , daß der Anfang ihres früheren Zerwürfnisses mit ihm ein Lachen über die Fehlschüsse des eben Erheiratheten war ... So ging es hinauf in die Schluchten der Berge , gerade wie um Witoborn her in die Wälder ... Monika , der es an Gründen nie fehlte , wenn etwas Inconsequentes durch Gesetze der Notwendigkeit entschuldigt werden sollte , fand diese Bewegungen dem Gatten zuträglich , sorgend nur , daß Armgart von den Zumuthungen der Theilnahme verschont blieb ... Wohl kannte sie Armgart ' s Erinnerung an jenen Tag , wo sie , todtbetrübt und die Mutter an Terschka gebunden glaubend , sich infolge ihres Gelübdes in die gräflich Münnich ' sche Jagd stürzen konnte , um für die Erkorene Terschka ' s zu gelten ... Der Winter verstrich ... Armgart saß nicht immer mit ihren Büchern im Zimmer ... Sie unterstützte Hedemann und Porzia im Reinigen und Schwingen der Sämereien , stieg in die Keller und wahrte die Wurzelgewächse gegen üble Wirkung dumpfer und feuchter Luft , benutzte jeden sonnigen Tag , wo der Boden der großen Gemüsegärten sich auflockert , um die Aussaat solcher Pflanzen zu leiten , denen längeres Verweilen des Samens im Schoos der Erde nützt , ließ die Obstspaliere und manche freischwebende junge Pflanzung mit Stroh umhüllen , unterstützte gegen den Sturm , der oft aus dem Walliserland und vom großen Sanct-Bernhard her mit Ungestüm wehte , die jungen Obstbäume mit kräftigen Stecken , ließ die Weinstöcke niederlegen und gerade wenn ihr Blumengarten dicht voll Schnee lag , säete sie die ersten Boten des Frühlings , Primeln und Aurikeln - ihr Same darf die Erde nur leise berühren , nicht in sie eindringen - ... Bei diesen Beschäftigungen , auch beim Pflegen der Hyacinthen , die in ihren Zimmern , wie ehemals bei Paula , die grünen Keime ansetzten , trug sie ihr seltsames Lebensloos und gab , wie in einem spanischen Gedicht , das Bonaventura auf Westerhof einst ihr und Paula vorgelesen , » Des Gärtners Lohn « - auf die Frage : » Herr , unter Steinen und Moosen Was schöpfst du soviel aus dem Born ? « durch Blick , Rede und ganze Haltung die Antwort : » Dir will ich benetzen die Rosen ! - Mir will ich benetzen den Dorn ! « Es war ein Nonnenleben ohne Klausur , das ihr Ideal zu werden schien ... Die Welt hüllte sich ihr in eine Trauer , die sie nicht deuten , ja in einen Schmerz , den sie kaum anerkennen mochte ... Sie wurde ablehnend und streng ; vielen erschien sie kalt ... Der Frühling war gekommen , die Hollunderbüsche blühten , die Kastanienbäume setzten ihre braunen Knospen an , der Leman braute jene durchsichtigen , sonnigen Nebel , die die wild aus den Bergen stürmende » Bise « nicht mehr zerriß ... Terschka wohnte nun schon oft wochenlang auf dem mit allen Reizen der Natur sich schmückenden Schloß Bex ... Zu andern Zeiten wieder überredete er den Obersten , mit ihm nach dem fremdenüberfüllten Genf zu gehen ... Wer das Gefühl hat , mit gegebenen Zuständen in Bruch zu leben , ergreift gern die Gelegenheit , aus seiner Isolirung herauszutreten und da sich anzuschließen , wo von den unbefangener Urtheilenden die langentbehrte Zustimmung nicht ausbleibt ... Diese reichen Patricierfamilien Genfs mit ihren strengen calvinistischen , aber in andern Dingen wieder republikanisch unbefangenen Formen wurden eine Welt , in der sich Monika sorglos bewegen durfte ... Sie sprach gut französisch , konnte mit den Professoren der Universität Streitigkeiten führen , die für jeden Zuhörer genußreich waren , der Rath des Obersten wurde in mancher technologischen und Ingenieurfrage begehrt , Terschka war die Seele der auch in Genf vorhandenen aristokratischen Gesellschaft ... Von den Flüchtlingen , den Polen , Italienern , Deutschen , hielten sich alle in Entfernung ... Aber gerade von dieser Seite aus gab es scharfe Augen und der geschmeidige , lebensschlaue Böhme , der überall nach Macht , Einfluß , Stellung trachtete , mußte erleben , daß ihm schon manches fehl schlug ... Bald hieß es sogar auch hier : Er spielt eine falsche Rolle ! Er hat sie schon in London gespielt ! Sein Gewerbe kann nur das eines Spions sein ! Er correspondirt mit Wien und Rom ! ... War dem nun so oder nicht , Terschka blieb jener Jesuitenzögling , der zwar mit scheuer Vorsicht seinen Weg Schritt für Schritt macht , nie aus sich selbst heraus , sondern immer nur aus den andern die Situationen seines Lebens entwickelt , niemals kann er recht ein Herr werden , immer nur Diener ... Durch sein Dienen verpflichtet man sich die Menschen und zuweilen sind die Menschen edel und heben dafür den andern , der uns dient , wie einst mit ihm Graf Hugo gethan ; jetzt aber hatte er zuletzt doch nur noch den Obersten und Monika für sich , hundert Zerwürfnisse und Streitigkeiten schon gegen sich ... Bereits hieß es beim Obersten und Monika : Man müßte doch aus dieser Gegend fort ! Man müßte doch Bex verkaufen , so schön es auch wäre ! Schon wegen - Hedemann ' s sollte man in eine mildere Gegend ziehen ! ... Die Herrin von Schloß Bex hatte auch hier , trotz ihrer Schroffheit , Verehrer und Bewerber ... Angesehene Namen aus Genfs Patricierfamilien , umwohnende Grundbesitzer , Reisende , wiederum auch mancher Engländer , huldigten Armgart mit oft maßlosem Eifer ... Die Mutter wünschte die endliche Verheirathung ; auch der Vater ; schon deshalb , um den Schein aufzuheben , als bestimmten sie die Tochter ihres Vermögens halber unvermählt zu bleiben ... Alledem geberdete sich Terschka trotz seiner fünfzig Jahre eifersüchtig , als scheute er mit der Jugend keinen Wettkampf ... Nicht daß er seine eigene Liebe zur Schau trug - wenigstens warf er ein : Ich werde so lächerlich nicht sein ! - immer aber hatte er Gründe , die Bewerber zu verdächtigen und suchte Scenen herbeizuführen , die zuweilen so ausarteten , daß die Frauen , vor allem Armgart , wahrhaft darunter litten ... Conflicte gab es , wo man erstaunen mußte , wie ein einziger Mensch , dem der wahre innere Halt des Charakters fehlt , dennoch einen ganzen Lebenskreis verwirren und beschäftigen kann ... Zuletzt standen auch endlich die Hülleshovens mit Terschka so allein , daß ein Entweder-Oder sich ihnen als unabweisbar aufdrängen mußte ... Terschka , fünfzig Jahre alt , in Fällen , wo sein Benehmen Zeugen hatte , muthig und entschlossen , wo er allein war , hinterlistig , feige sogar oder doch nur schlau , konnte schon wieder die Hände vor die Augen legen , weinen wie ein Kind und sein Lebensloos beklagen , sodaß die Frauen entweder mit einstimmen oder entfliehen mußten , um sich nur dem magischen Einfluß eines Gauklers zu entziehen , der die besonnensten Menschen bethörte , seine geschworensten Feinde irre machte und , das sah man nun wohl , Armgart noch erobern wollte ... Terschka hatte Schulden ; der Oberst konnte ihm nicht mehr helfen ... Monika schmollte mit ihm tieferbittert , seitdem er , ganz nur wie zum Scherz , die Aeußerung hatte fallen lassen , er würde , wenn Armgart es beföhle , in den Schoos der römischen Kirche zurückkehren ... Armgart besuchte zuweilen die Messe in einem zwei Meilen höher hinauf gelegenen katholischen Dorfe ... Terschka fing an , sie dorthin zu begleiten ... An der Kirchthür wartete er dann , bis sie zurückkam ... Wieder wurde ihr der Mann wie die Schlange , deren Athem den Vogel besinnungslos macht ... Sie stand ohnehin mit ihrem katholischen Gefühl hier allein und nun gesellte sich diesem , wie sympathisch ergriffen , Terschka zu ... Monika sagte ihm seitdem , so oft er sich auf dem Schlosse sehen ließ , mit dem Ton des gebietendsten Ernstes : Terschka , verlassen Sie uns endlich ! ... Der Oberst erklärte in Güte : Terschka , Ihre Rolle ist hier ausgespielt ! Reisen Sie mit Gott ! ... In leisem , gemüthlichem Ton konnte er dann seufzen : Ich gehe ! ... Er ging und kam wieder ... Nur einen Augenblick blieb er dann , schwieg und warf einen Blick des tiefsten Schmerzes auf Armgart ... Nicht lange währte es , so kniete er hinter ihr in der Messe des kleinen Kirchleins im Gebirge ... Armgart erhob sich dann , sprach nicht mit ihm beim Verlassen des Gottesdienstes und wich ihm für den Heimweg aus , aber sie sammelte nur mühsam die Kraft dazu , wankte , wenn er sich ihr näherte , suchte zu entfliehen und konnte nicht von der Stelle ... Alles , alles , als wär ' er durch sie und um ihretwillen im Begriff , wieder Katholik zu werden und als wär ' er ' s schon längst geworden , wenn er nur sicher wüßte , ob er in diesem Fall seines Priestergelübdes entbunden würde ... Er behauptete , deshalb in Genf alle Bibliotheken nachzuschlagen ... So überraschte er Armgart einst auf ihrem Zimmer ... Seine Jahre verwünschend , nannte er die Empfindungen , die ihn beherrschten , wahnsinnig , dennoch erklärend , gewisse Namen , die gerade damals als Armgart ' s Bewerber genannt wurden , tödten zu können ; er drohte sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen und hoffte bei solchen Worten nur , durch Armgart ' s Erklärung , daß sie ihn für jung , lebensberechtigt und ihrer endlichen Erhörung für vollkommen würdig hielte , aufgerichtet zu werden ... In wilder Hast ergriff er ein an der Wand hängendes Crucifix , küßte es mit leidenschaftlicher Inbrunst und bat dem » heiligen Holze « , wie er es nannte , mit lauter Stimme ab , was seither von ihm ruchlos am katholischen Glauben verbrochen worden