schreibt er mir , hätte sich bald von Olga ' s Anwesenheit unterrichtet , wäre ohne lange zu forschen , ohne sich um die hohen Titel jener bigotten Frau zu kümmern , in die Zimmer eingetreten , hätte in stürmischer Hast nach Olga verlangt , sie im Nebenzimmer entdeckt , aus einem Schlafe wachgerufen , der sie , selbst als sie die Augen aufschlug , noch nicht zu verlassen schien . Sie wäre ihm gefolgt , hätte seine Ansprüche auf sie ruhig anerkannt , hätte mit sich geschehen lassen , was geschah . Rafflard wagte sich , als er Rudhard ' s Namen hörte , oben von den Jesuiten nicht wieder in die Stadt hinunter . Auch hätte Olga nicht nach ihm verlangt . Mit einer an Starrsucht grenzenden Ergebung wäre sie Rudhard gefolgt und mit ihm über Prag und Dresden hierher zurückgekehrt , wo er neue Verwirrungen , neue Pflichten genug gefunden hätte und dem Ewigen danken wolle , wenn es Anna von Harder gelänge , in die phantastische Nacht , die um Olga zu schlummern scheine , einen Lichtstrahl der Erleuchtung und wiederkehrenden freien heitren Selbstbestimmung innerhalb der sittlichen Schranken zu wecken . Ihnen , Sanitätsrath , schloß Dystra , konnte ich , da ärztliche Anknüpfungspunkte hier nun endlich gegeben sind , diese Geschichte nicht verschweigen , bitte Sie aber , Drommeldey , bewahren Sie den Vorfall wie ein Geheimniß , das die Ehre einer ganzen Familie betrifft . Drommeldey , düster blickend , ernst gestimmt , dankte für das ihm geschenkte Vertrauen und versprach über den empörenden Vorfall nachzudenken . Er zweifle gar nicht daran , daß man , wie man hier in Tempelheide die Thierwelt dem Menschen näher brächte , so es in Klöstern und bigotten Konventikeln jetzt mehr wieder denn je verstände , den Menschen aus dem Bewußtsein seines klaren Ichs , seines unsterblichen Cogito ergo sum , hinunter zu drücken zu einer rein animalischen Vegetation , wo nur die Schauer des Erdenlebens durch die Seele spukten und statt Offenbarung eines höhern Lebens , die man von der gestörten Ordnung der Sinne erwarte , nur die Verdunkelung unsrer Sehnsucht und Hallucinationen abgestumpfter Sinne empfinge . Ja , fuhr er , begeistert sich erhebend , fort , ja , mein guter Baron , wenn hier etwas helfen kann , so ist es wol zunächst ein Umgang , wie der Anna ' s von Harder , nicht , weil diese Frau selbst gesund ist , sondern weil auch sie geistig kränkelt . Es ist hier ein Fall , wo sozusagen die Homöopathie hilft . Lächeln Sie nicht , Baron ! Nur die Tollheit unsrer Menschen zwingt den Arzt zur Charlatanerie . Wenn Sie wüßten , was sich Alles Hülfe begehrend dem Arzte zuwendet , Sie würden erstaunen , daß wir nicht noch weit öfter auf unsre Recepte schreiben : Aqua fontana ! O tolle , tolle Zeit ! Hat die gleichartige Schwärmerei Anna ' s wie ein Impfstoff auf Olga gewirkt , so muß dann freilich noch ein Element hinzutreten , ich meine eines , das alle Organe des Menschen hebt , alle Sinne veredelt , alle Gedanken zum Lichte emporzieht , die Liebe ! Bester Baron , Sie blicken ernst . Vergeben Sie mir ! Wenn Olga gezwungen wird , die Baronin von Dystra zu werden , so erleben Sie eine Zukunft , die von der Hölle nicht viel Unterschied haben wird , oder Sie müßten eine Philosophie besitzen , wie jener gute Graf Desiré d ' Azimont in Paris . Die Liebe ist dies allmächtige Gefühl , das im Menschen die wahren und einzigen Wunder wirkt ! Die Liebe erhebt zum sittlichen Stolze und drückt auch wieder herab zur gern gehorchenden Demuth . Die Liebe ist jenes dritte Höhere , das zwischen den beiden Gegensätzen Gift und Gegengift , Krankheit und Remedium in der Mitte liegt , scheinbar wieder Krankheit weckt und doch zu einer göttlichen Gesundheit erhebt . Der Goldregen Jupiters wirft alle metallischen Reste jenes Kreuzes , das auf dem Nervengeflechte Olga ' s lag , hinaus aus dem mishandelten Körper dieses armen närrischen kleinen liebenswürdigen Kindes ! Jupiter , bester Baron ! Nicht Pluto ' s Goldregen ! Geben Sie dem Mädchen Jemanden , den sie liebt , lieber jetzt , als erst dann , wenn sie Ihre Frau ist . Nichts aus der Apotheke kann hier helfen , Baron , sondern Weisheit , die sich Jeder selbst verschreiben muß . Damit reichte Drommeldey , wahrhaft erschüttert , dem Baron die Hand und entfernte sich zu seinem Wagen , der den in äußersten Fällen alle Diplomatie über Bord werfenden Mann rasch die Anhöhe hinab entführte . Dystra aber war bewegt . Er mußte Siegbert ' s gedenken , der sich aus Rücksicht auf ihn und die Fürstin der Hoffnung , jemals Veranlassung einer so auffallenden Mesalliance zu werden , entschlagen hatte , so lebendig in ihm das Bild Olga ' s auch fortlebte . Olga war unglücklich ebensowohl über den geringen Muth des Freundes , dem sie ihr ganzes Leben gewidmet hatte , wie über sein nahes Verweilen bei der Mutter . Sie vergab ihm nicht , daß er nichts , auch gar nichts gethan , eingedenk sich zu zeigen jenes Abends unter den Hängeweiden , wo sie ihm ein Herz für ' s ganze Leben geschenkt hatte . Ihre Begriffe von Schwärmerei und waghälsiger Liebe verstanden nicht , wie Siegbert ihr nie schreiben , nie ihr ein Anerbieten von Hülfe in ihren bedrängten Herzensgefahren machen konnte . Daß er sich bekämpfte , der unpassenden Verbindung auswich , keinen Anstoß in der Gesellschaft erregen wollte , verstand sie nicht . Als sie in Venedig erfahren , daß Siegbert und die Mutter nach Belgien gegangen waren , gab sie die Hoffnung auf irgend noch ein Glück des Lebens auf und folgte Rafflard , der sie zur Nonne machen wollte , aus Verzweiflung . Nach der gefährlichen Schule , in der sie zum Leben erwacht war , nach der Schule Helenen ' s , mußte Siegbert alle Rücksichten aufgeben , ihr auf Wolkenflügeln entgegeneilen , seinen starken Arm um sie schlingen und diese gemeine Erde wie mit den Füßen von sich stoßen ! Siegbert , der der Politik , der Kunst , seinem Prozesse leben konnte , erschien dem Mädchen schon wie Egon , das Prototyp alles männlichen , herzlosen , blutsaugenden Vampyrismus , der in allen Romanen , die sie gelesen hatte , schrecklich genug geschildert war . Und ehe Olga , sagte sich der durch väterlichen Willen ihr bestimmte Verlobte , neue Thorheiten begeht , wieder ausfliegt , wieder in die Hände eines Höllensohns geräth , sollte da nicht die Tochter eines Fürsten lieber einmal einen Maler heirathen ? Oder gar , wenn die Brüder jenen Prozeß gewännen , der sie fast so reich macht , als ich es bin ! Wenn es wahr wäre , was man sich erzählt , daß der alte Obertribunalspräsident an diesem Prozesse einen so auffallenden Antheil nähme ? ... Längst schon hatte Dystra auf den Lippen , Anna von Harder um diese Angelegenheit zu befragen . Aber das eine Mal , daß er von der Familie Wildungen anfing , befremdete ihn , wie schnell die sonst jeder Frage gern ihr Ohr leihende und sich immer um eine ausführliche und gründliche Antwort fast bekümmernde Frau , dem Gegenstande auswich . Er erfuhr inzwischen , daß ein Oheim der Wildungen die Tochter der Landräthin Anna von Harder wider ihren Willen geheirathet hatte . Da gab er es auf , mit ihr über einen Gegenstand zu sprechen , der in ihr schmerzliche Erinnerungen weckte . Aber ihrem alten Schwiegervater hoffte er sich zu nähern und wie sehr auch Anna hervorhob , daß er völlig ungesellig wäre , keinen Umgang liebte , er kam immer wieder auf den Wunsch zurück , ihm vorgestellt zu werden und heute war es der letzte Moment . Indem kam Olga mit ihrem Buche über Italien aus dem Tannenparke zurück ; der Kranich begleitete sie , ohne daß sie auch nur über seine Sprünge die Miene verzog . Sie hatte nur die eine Absicht , Dystra zu fliehen , ihn nicht zu sehen , kein Wort der Anrede von ihm zu vernehmen ... Dieser entsetzliche Ernst ! sagte er sich . Diese Leidenschaft , Alles so zu nehmen , wie es ist ! Kein Humor , kein Lachen , keine Abweichung von der Regel ! Sie kommt mir da vor wie ein Zugvogel , der plötzlich , ehe wir ' s uns versehen , sich in die Lüfte hebt und indem sie eben noch vielleicht mit den Täubchen spielt , die sie füttert , ein Locken , ein Schwärmen in der Luft hört von Vögeln , die wir kaum kennen und auf und davon ist sie , man weiß nicht wie und wohin . Olga hatte auf ' s Geflissentlichste den Baron vermieden und war an den demüthig sich verneigenden Mohren vorüber in den Hof gegangen , um sich auf ihr oben gelegenes Zimmer zu flüchten ... Der Weiser der Kirche zeigte bald auf zwei Uhr . Anna in ihrer Beklemmung schien den Besuch Dystra ' s fast vergessen zu haben . Wie sie eben Befehle gab , die Hausflur in noch größere Ordnung zu bringen , als sie ohnehin für die Tage der Akademie statthaben mußte , sah sie den Baron erst wieder . Und nun gar zu hören , daß Der auch bleiben wolle , sich scherzhaft selbst zu Tische lud , mit jeder Kost sich befriedigen zu wollen erklärte , nur müsse er den Präsidenten heute kennen lernen , mit Olga die Füße unter einen Tisch stellen , diesem Zustand der Entfremdung ein Ende machen und als er sagte : Ich erzähle dem Greise über Löwen und Panther . Ich war auf einer Tigerjagd in Bengalen . Ich kann über die Wandertauben am Missouri wie ein Stratege sprechen ; denn die Züge dieser Thiere sind marschirende Armeen ... ich feßle den Greis so , daß er mich dableiben heißt ... Da blieb ihr nichts übrig , als ihm zu sagen , er möchte in Gottes Namen thun , was er wolle , sein Heil versuchen und einstweilen in die oberen Zimmer gehen und auf den Präsidenten warten , den sie eben schon von unten her anfahren hörte . Das Lärmen und Bellen der Hunde , das Flattern des Federviehs im Hofe , das Springen und Hüpfen der Vögel , das freudige Radschlagen der Pfauen bezeichnete den wirklichen Moment der Ankunft des alten Herrn . An dem thüringischen Papageno mit dem freudestrahlenden Zeisiggesichte vorüber betrat Dystra die mit einem grauen Teppich belegte Treppe und stieg zu dem ersten Stockwerk eines Hauses empor , das ihm wie ein altes verwunschenes Jagdschloß vorkam ... Zunächst suchte er oben Olga - Er hörte eine Thür zuschlagen ... Mais Mademoiselle ! Mais Olga ! Mais ... Die Bitten des Barons , ihm Gehör zu geben , wurden von einer oben in ein Zimmer Gehuschten durch einen Riegel abgeschnitten , dessen rasches Vorschieben laut hörbar wurde . Vous me traitez en loupcervier - Keine Antwort ... On croirait , que je mange les petits enfans ... Tiefe Stille ... Dystra trat in das erste beste offne Zimmer . Es war dunkel wie das ganze Haus . Die Fenster , auch von innen grün angestrichen , waren nur in kleine Scheiben getheilt . Rings an den Wänden hingen alte Familienportraits , in denen er hie und da eine gewisse Ähnlichkeit auch mit dem Intendanten der königlichen Schauspiele und seiner stolzen adelsbewußten Haltung zu erkennen glaubte . Es waren hier die Harder ' s zu Harderstein so recht unter sich . Eine alte bronzene Uhr , braungebeizte Schränke boten die einzige Abwechselung an den Wänden . Die Schränke waren mit ausgestopften Thieren , Vögeln , kleinen Vierfüßern , Käfern und Reptilien , angefüllt . Im dunkelsten Eck stand ein Bücherrepositorium , das ein grünseidner Vorhang verhüllte . Es waren alte Ganzfranzbände , die hier standen , Schriften des vorigen Jahrhunderts , meist in französischer und englischer Sprache . Les Oeuvres de Frédéric le Grand fehlten nicht . Dystra setzte sich auf einen der sauber gepflegten , ursprünglich weißlakirten und vergoldeten Sessel . Durch und durch ein moderner Mensch , hatte ihm diese ganze Wirthschaft hier auf Tempelheide etwas Komisches und doch war er befangen , wie er sich nun mit diesem alten Herrn , der hier im Style seiner verschollenen Zeit wie es schien mit majestätischem Selbstgefühle lebte , vermitteln sollte . Er zupfte an seinen gelben Handschuhen , er roch an seinem parfümirten Taschentuche , er spiegelte sich in seinen gefirnißten Stiefeln und gefiel sich offenbar in der Beobachtung seines zierlichen kleinen Fußes . Den sauber gefärbten Kinnbart konnte er seiner Handschuhe wegen nicht streicheln . Er hätte gern die Thüren rechts und links aufgeklinkt , um nach Olga zu sehen . Sie mußte doch in der Nähe sein . Es war ihm , als huschte bald da , bald dort etwas an den Wänden . Zuletzt entdeckte sich die gespenstische Gesellschaft . Zwei Katzen , die das Mittagessen zu wittern schienen , standen plötzlich vor ihm mit langniederhängenden Schweifen . Er hatte sie auf ihren sammetweichen Pfoten nicht hereinschleichen hören . Er sah , daß sie durch die eine Thür , die nicht ganz fest zugeklinkt gewesen , gekommen sein mußten . Die Thiere sahen ihn mit Befremden an . Sie waren schön gestreift , der Rücken tigerartig , der Bauch weiß . Ihre Schnurrbärte standen ihnen husarenartig keck , während sie im Übrigen etwas weiblich Gelassenes , Sanftes , Unaufgeschrecktes hatten . Dennoch wagte sich Dystra nicht recht an die Thür , um in das Arbeitszimmer des Präsidenten zu blicken , denn offenbar aus diesem waren die beiden Katzen , die wir unter dem Namen Isis und Osiris kennen , hereingekommen . Dystra fühlte etwas von der Apprehension , die wir diesen schleichenden Haus- und Küchenhüterinnen gegenüber empfinden . Es rieselte ihm über den Rücken . Sein Muth , von bengalischen Tigern und Löwen zu prahlen , entfiel ihm vollends , als sich zu den beiden Katzen noch ein ungeheurer , schwarzer , grüngelbblickender Kater gesellte . Dieser dritte Gesellschafter war fast so groß wie die beiden andern zusammengenommen . Aber auch dieser war ruhig und ernst und duldsam über den Besuch und schien sogar an dessen blanken Stiefeln so viel Wohlgefallen zu finden , daß er sich Dystra bedenklich näherte . Jetzt hier so allein zu stehen mit den drei unheimlichen Katzen , erfüllte den Baron mit leisem Schauder . Wetter , dachte er , du hast doch Schakals heulen hören und in gemessenen Distanzen auf dem Nilsande Krokodille sich sonnen sehen , aber diese drei zahmen Katzen in unmittelbarster Nähe machen dir mehr Angst als die Schrecken der Wildniß ! Die Thür , die offen blieb , ließ das Arbeitszimmer da noch räthselhafter erscheinen , als noch auf dem Fußboden ein Vogel hereinsprang , schwarz mit gelben Pünktchen gezeichnet , mit klugen Augen , beweglich munterm Schwanze , eine Amsel . Ohne daß die Katzen nach ihr haschten , setzte sich die Amsel traulich auf den Rücken des großen Katers , der sich nach ihr umwandte mit einer gelassenen Ruhe , die eines Philosophen würdig war . Dystra scheute sich , einen Blick in das offne Zimmer zu werfen . Er dachte schon an die Möglichkeit , darin plötzlich noch irgend etwas ganz Ungeheures zu sehen , als auch in der That wieder ein Hund hereintrat , ein Hühnerhund , von derselben ruhigen und nicht einmal neugierigen , sanften , schleichenden Ergebenheit wie die übrigen Thiere . Dystra kam sich jetzt in der That wie Äsop unter seinem moralisirenden Vieh vor und dachte sich irgendwo die spottende Olga , die ihn belausche oder ihm wol gar diese Bestien alle auf den Hals schickte . Es war für seine in der That ergriffenen Nerven die höchste Zeit , daß Anna von Harder eintrat und ihn ersuchte , ihr zu folgen . An eine ceremonielle Vorstellung war jetzt nicht zu denken . Sie würden , sagte sie , den Großvater unten in der Hausflur bei dem thüringischen Vogelabrichter finden ; vorbereitet hätte sie ihn schon auf einen berühmten Reisenden , der für Olga ' s Beaufsichtigung Rechte in Anspruch nehmen dürfe ; sein ferneres Glück müsse er nun selbst versuchen . Drittes Capitel Die Akademie Dagobert von Harder , der Obertribunalspräsident , war von kleiner gedrungener Figur , ganz im Gegensatz seines zweiten Sohnes , des langaufgeschossenen Kurt Henning Detlev . Der große Kopf saß tief in dem gewaltigen Brustumfange . Hände und Füße waren zierlicher , letztere besonders weiß und zart gepflegt , fast sammetweich . Den Schädel bedeckte kein Härchen mehr . Ein sammtnes Käppchen schützte das glänzende , mit Äderchen unterlaufene Haupt . Das Antlitz zeigte die Spuren des hohen Alters . Es war wie ein durchfurchtes Feld , wie eine Netzzeichnung , so in tausend kleine Quadrate getheilt , die alle länglich von den Schläfen herab sich senkten . Die Augen quollen , wie von Hautsäcken umgeben , etwas hervor und hatten einen Anflug von Blödsichtigkeit . Die Lippen waren fast mit den Zähnen verschwunden und ganz in die Höhlung zwischen Backenknochen und Unterkiefer verloren gegangen . Der Kopf senkte sich ein wenig über . Ein Diener mußte immer in der Nähe sein , dem über Achtzigjährigen den Arm zu bieten und ihn zu führen . Bei dem Vogelhändler stand der Präsident . Die Erörterung schien ihm Elastizität zu geben . Der Abrichter hob wol an dreißig kleine hölzerne Käfige auf einem Tische auseinander und pries unter steter Wiederholung der Anrede : Excellenz ! die Leistungen seiner Kanarienhähne , Dompfaffen , Zeisige , Rothkehlchen und Stieglitze . Daß sich Excellenz aus den kleinen Späßen mit dem Aufziehen eines Futterkarrens und dergleichen nicht viel machten , wußte der Thüringer schon , aber mit den Vögeln , die ihm Melodieen nachpfiffen , legte er mehr Ehre ein und erwarb sich mit Fug den Thaler , den ihm die alte Excellenz jährlich schenkten , wenn er vom Harze kam und seine neuen Virtuosen vorführte . Gekauft wurde nichts mehr in Tempelheide , der Präsident erklärte sich für zu alt , um noch in seine schon vorhandene Gesellschaft neue Elemente einzulassen ; denn sein Zähmungsprinzip war grade die allmälige Gewöhnung und für diese blieb ihm , der stündlich die Augen zuschließen konnte , keine Muße und Aussicht mehr . Mit einer weichen , sehr leisen , von vielem Räuspern unterbrochenen Stimme lobte er den Thüringer , warnte ihn vor Anwendung grausamer Mittel und entließ ihn mit dem üblichen Thaler , zu dem er noch die für Dystra und sein Anliegen spannenden Worte fügte : Kommt Er auch durch Angerode ? Angerode , Excellenz ? Ja wohl , Excellenz , Angerode ! Grade von da bin ich . Keine weitere Frage . Papageno mit dem Zeisiggesichte war entlassen ... Nun erst wandte sich der alte Herr an der Hand des zweiten Bedienten , der mit ihm aus der Stadt gekommen war , zu Dystra und wiederholte , die weißschimmernden Augen aufziehend , das leichte Kopfnicken , mit dem er den von oben herabkommenden Dystra begrüßt hatte ... Baron essen mit uns ? wandte sich der Alte fragend zu Anna , die über diese unerwartete Wendung noch in Schrecken war , da sie Dystra ' s Gourmandise kannte und nicht wußte , wie sich bei einer solchen Änderung der sonst so einfachen Tafelordnung Olga benehmen würde . Der Alte wurde langsam die Treppe hinaufgeführt . Anna bot ihm selbst den Arm . Dystra flüsterte , folgend , dem Bedienten zu , man möchte etwas für seine Mohren sorgen , damit deren menschliche Ungeduld von der Zahmheit der hiesigen Thiere nicht beschämt würde ... Von einer weitern Unterhaltung , längern Vorstellung war keine Rede . Der Greis wurde sogleich ins Eßzimmer geführt . Er nahm Dystra für einen Besuch bei Olga , den man Anstandshalber , der Entfernung von der Stadt wegen , dabehalten müsse und begann seine Suppe aus einem mächtigen halben Vorlegelöffel mehr zu schlürfen , als zu essen . Anna winkte Dystra , sich des Olga ' schen Couverts zu bedienen . Denn der zweite Diener hatte schon angezeigt , die junge Comtesse ließe sich entschuldigen . Punktum ! sagte Dystra leise und biß sich auf die Lippen . Nach einer Weile erst bemerkte der Greis die Abwesenheit einer ihm liebgewordenen , immer stillen Gesellschafterin und fragte : Comtesse Olga ? Nicht wohl ! sagte Anna , deren Geduld heute auf die großartigsten Proben gestellt wurde . Die Bedienten nahmen die Suppenteller fort . Dystra hatte das kräftige Consommé nicht verschmäht . Man schenkte Wein ein , dem Greise in einem großen silbernen Becher , den er mit beiden Händen erfaßte ... Onkel von Comtesse ? fragte er Dystra nach einer Weile , als man kleine Pasteten aufsetzte . Dystra , der nur horchte , beobachtete , sich umsah , staunte , erwiderte mit einer Dreistigkeit , die Anna erröthen machte : Vergebung , Excellenz , Cousin ! Diese Unwahrheit konnte Anna kaum dulden und nicht ohne Schärfe bemerkte sie , als sie die kleinen , weichen , gar mürben Pasteten austheilte : Großväterchen liebt alle Namen , in denen der A-Laut liegt ; er behauptet , daß alle Menschen gewissermaßen aus einem Vokale komponirt sind und im A läge - die Wahrheit ! Dystra ! sagte keck der Getroffene und betonte die Endsylbe . Der Name thut ' s allein nicht , sagte der Greis mit einem leisen Aufflammen des Auges , der Charakter , der ganze Ton des Wesens und Redens muß es machen . Die gute kleine Olga ist noch zu sehr in O und U gesetzt ... Dystra verstand noch nicht recht , was Das für kuriose musikalische Schlüssel sein sollten und bat um genauere Erläuterung . Anna gab sie dahin , daß nach dem Präsidenten alle Menschen sich aus einem bestimmten Laute zu geben pflegten , je nach ihrem Charakter ; bei den Sanguinischen hörte man nichts als I-Laute , bei den Cholerischen , Mäkelnden , Nergelnden ein ewiges widerliches E , bei den Melancholischen und Hypochondern die klagenden für sie wahrhaft herzzerreißenden Unkentöne in U ... Und den A-Laut ? Liebt Großpapa als den klaren Ton der Wahrheit , des echten Maßes und der richtigen Mitte ... Anna von Harder , geborne von Marschalk ! sprach der Greis , langsam die A hervorhebend , mit einem Anflug von alter ritterlicher Galanterie . Es schien , als wenn der Präsident bei einem gedankenmäßigen Gespräche recht aufthauen konnte . Dystra aber wagte kaum zu sprechen , aus Furcht , zu den I- und E-Menschen zu gehören . Alle seine Bekannten , besann er sich wirklich , besonders die Russen , waren meistens in I und E gesetzt , wie die ewig zwitschernden und zankenden Vögel . Voland von der Hahnenfeder war tief in U. Dumme Menschen meist in O , z.B. der eigne Sohn des Greises , der Intendant von Harder . Klare , besonnene , rüstige , konsequente , wohlwollende wie Rudhard , Siegbert , Dankmar , Leidenfrost , wenn nicht im Namen , doch im Wesen alle aus dem A. Es ärgerte ihn fast , daß ihm sein ganzes Wesen wie eine Resonanz von I und E klang . Der Greis erschöpfte sich jetzt in freundlichen Betrachtungen über Olga und beschämte Dystra mit der Voraussetzung , daß er ihm verpflichtet sei , von Anna ' s Pflegebefohlener zu erzählen . Der Greis hatte die Natur derselben sehr wahr erkannt . In kurzen abgerissenen Sätzen ließ er soviel treffende Andeutungen über Erziehung und Mädchencharakter fallen , daß Dystra im Hinblick auf den Intendanten erstaunte , wie die Praxis hier hinter der Theorie zurückgeblieben war ... Das bescheidene Gemüse , das er jetzt verzehren konnte , wenn er Appetit gehabt hätte , ließ ihm Zeit , über ein Mittel nachzudenken , wie er wol , ohne absichtlich zu erscheinen , auf den Prozeß der Gebrüder Wildungen kommen konnte . Überrascht mußte Dystra sein , als der Greis von den Thieren anfing , die Herr von Dystra seinem Sohne für die königliche Bühne verehrt hätte . Als er die Überraschung über diese seine plötzliche Bekanntschaft bei dem Greise aussprach , erwiderte Anna : Wir lesen mit Aufmerksamkeit die Zeitungen . Wenn die große Welt sich in den Theatern und Salons bewegt , holen wir nach , was die Menschen alles unsrer Lektüre zu Gefallen Schönes oder Häßliches anstellen . So hat uns auch Ihre Unterstützung der darstellenden Künste sehr unterhalten . Alle Blätter erwähnten den Vorfall mit den Meerkatzen . Das Feld war für die Thierliebhaberei des Greises nun offen . Angeregt durch den Besuch und eine kurze Mittheilung der Reisen , die Dystra gemacht hatte , sprach Dagobert von Harder sich dahin aus , daß ihn seine Väter und Ahnen , die alle im Forstfache dienten , früh auf die Naturbetrachtung hätten führen müssen . Dann , sagte er , kam mir als Juristen das Naturrecht in der alten römischen Definition entgegen . Sie wissen , mon cher Baron , daß das Natur- oder Völkerrecht bei den Alten das Recht alles Lebendigen war . Was da athmet , was zu dem großen schönen Bau der Erde , zu dem herrlichen Kosmos des Daseins gehört , hat ein Recht der Pflege , der Schonung , soweit seine Freiheit die Freiheit der Andern nicht beschränkt . Das Recht ist sozusagen der unsichtbare Genius , der seine schützenden Fittiche über Alles , was ist , ausbreitet . Von der Natur fängt es an und wo es in der Natur nicht ist , wird ' s im Geiste nicht sein . So hab ' ich schon früh als Jurist gedacht und wenn wir weise werden wollen , wo können wir denn auch anders anfangen , als mit dem Leben der Natur ? Die Brücken , die ein Kind , hab ' ich noch jüngst zu Ihrer Cousine gesagt , Herr Baron , die Brücken , die du dir bauen willst in das unendlich Leere , sind wie Regenbogen , an deren Ende ich als Knabe immer glaubte Gold zu finden . Die Leute sagten ' s. Ich lief und lief , um die Stelle zu erreichen , wo der Bogen , der bunte , schöne Reif sich endlich zur Erde senkt ; ach und ein Sonnenblick und die ganze täuschende Phantasmagorie war mit dem Golde verschwunden ! Nicht in ' s Leere baue , sondern in das Gegebene ! Wenn ich nun Ordnung und Gesetz , Harmonie und Verständniß in den Wesenstufen der vorhandenen , unsern Sinnen zugänglichen Schöpfung entdecke , soll mich Das nicht mit Ehrfurcht vor dem Räthsel des großen Weltenplanes erfüllen ? Und jemehr ich Seele , Seelentrieb , Bewußtsein entdecke , desto geringfügiger kann mir doch die innere , sie belebende Flamme der Materie nicht erscheinen ? Nein , im Gegentheil ! Je mehr Millionen dieser kleinen Flämmchen selbst im Wurme , in Insekten und Fischen leben , desto höher wächst mir das große Centralfeuer der sich selbst erkennenden Gottheit . Was ich in Allem finde , muß ein Großes , ein Lichtgebornes , Ewiges sein . Und wenn ich dem Astronomen , Geologen , Botaniker überlassen will , in seinem Bereiche die Harmonie der Gesetze , das Streben nach Individualisirung und nach kosmischer Schönheit in den oft so bewundernswürdigen Gattungsregeln zu entdecken , so hab ' ich mit Liebe mich der Thierwelt angeschlossen und ein Mysterium darin gefunden , daß in ihr gebunden dieselbe Seele schlummert , die uns für Halbgötter hält , während die ganzen Gottheiten wol wieder über uns Thiermenschen lächeln . Anna von Harder zerschnitt eben in kleinste Stückchen die Portion Braten , die der in ' s Redefeuer gerathene Greis mit dem Löffel aß , da das Aufstecken auf die Gabel der zitternden Hand nicht geschwind genug gelang ... Sie verrieth eine innerste Genugthuung über diese Worte des Alten , die so bedeutungsvoll waren , daß sie Dystra mit seiner Moquerie beschämten . Ich dachte , Excellenz , sagte Dystra trotzdem witzhaschend , ich dachte , Excellenz wären ein Pythagoräer und enthielten sich des Fleisches , wie noch jetzt die Hindus . Ah bah ! Ah bah ! antwortete der Greis . Daß ich ein Narr wäre ! Zur Sentimentalität soll uns die Liebe zum Geschaffnen nicht verführen . Das Vollgefühl der Race , das Bewußtsein und der Erhaltungstrieb der menschlichen Gattung erfordert die Thiernahrung . Grade weil wir Raubthiere sind , haben wir Geist . Die Wiederkäuer , die Schaafe , die Rinder sind von geringem Geiste . Verloren gehen soll der Mensch an das Thier nicht , wenn wir auch mehr als dünkelhaft sind in dem blinden Ignoriren alles Dessen , was um uns fliegt , kriecht , schwimmt , hüpft und bellt . Es liegt hierin eine Offenbarung , die in tausend Zungen so vernehmlich spricht , daß wir selbst verwildern , wenn wir zu unsern Füßen nur Verwilderung sehen . Die dumme Lehre vom Instinkt hat uns der ganzen unermeßlichen Pflicht des Niederblickens mit einer Phrase überheben sollen . Wo ist mehr von diesem mechanischen Instinkt als beim Menschen ? Der Instinkt lehrt uns , auf zwei Beinen gehen und den Kopf hochtragen . Der Instinkt lehrt uns , des Nachts schlafen und nicht am Tage . Der Instinkt lehrt uns die Furcht und die Bewaffnung gegen Alles , dem unsre Kräfte nicht gewachsen sind . Unsre Paarung , unsre Kindesliebe , unsre Todtenbeseitigung ist Instinkt , wie auch das Grundprincip unsrer Staaten , unsrer Rechtspflege , unsrer meisten Sitten und Gebräuche . Was uns die Vernunft erfunden zu haben scheint , ist der Trieb der Gattungserhaltung . Wüchse nur die Liebe zu allem wahrhaft Lebendigen , wir würden nicht so viel geistig Todtes haben , nicht so viel verblendete méchante Hypothesen aufstellen und uns nicht so sehnen , aus diesem Chaos von Lüge und Irrthum , Misbrauch der Vernunft , Umgehung der Natur