sie gewisse Aeußerungen in den Briefen des Onkel Dechanten , verstand , warum er ihr überhaupt so oft und so eingehend schrieb - Er wollte sie zerstreuen , vorbereiten auf die Entdeckung ... O mein Gott ! Beteten ihre zitternden Lippen , als sie nach diesen Briefen suchte ... » Wir Menschen « , hieß es noch vor kurzem in einem derselben , » sind das Product unserer Verhältnisse ... Die Freiheit des Willens ist eine Illusion ... Die Tugend , auf die Spitze getrieben , wird Laster ... Dem Mann gehört die Welt und gewisse Dinge müssen ihm kaum bis an die Knöchel reichen ... « - - Das waren halbe Scherze , schienen nur Aeußerungen zu sein , um Frau von Gülpen zu necken oder den alten Windhack mit seinen auf dem Monde entdeckten vorurtheilslosen Sitten und Einrichtungen zu vertheidigen ; aber - nun sah sie , ein wie bitterer Ernst ihnen zu Grunde lag - ! Der Ernst , daß Benno durch den Einfluß seiner Mutter , durch die Rührung und Liebe für sie , endlich durch die Dankbarkeit für seine Retterin aus ihrem Lebensbuche gestrichen war ... Es bestätigte sich , daß Fürst Ercolano Rucca Attaché in London wurde ... Sie schrieb nichts darüber nach Witoborn ... Ein klares Gefühl wurde ihr überhaupt nicht mehr zu Theil ... Auch nicht in den jeweiligen Anwandelungen des Hasses gerade gegen Benno ' s Mutter , die von andern Bekanntschaften , die in Paris waren , als eine hochmüthige Frau geschildert wurde ... Dem Haß auf den Vater konnte sie ihre Kinder opfern ! sagte Armgart , nun den Verhältnissen immer vertrauter und den von der Mutter und vom Dechanten erhaltenen Aufklärungen folgend . Gott hat sie schon in Angiolinens Tod bestraft ; sie wird auch noch Benno ' s Verderben sein ! ... Cäsar von Montalto ! ... In Fieberhast flog Armgart nach Deutschland zurück ... Sie überraschte die Aeltern , die ihr Kommen nicht ahnten ... Sie fand die ganze Verwirrung , die sie erwarten durfte - den Vater mit Pistolen bewaffnet ... Das Besitzthum verkauft ; ein Anerbieten , sich an einer großen Fabrik im Magdeburgischen zu betheiligen , war vom Vater für sich und Hedemann angenommen worden ... Sie wollten reisen ... Hedemann , ein Schatten gegen sonst , doch in der That von einer wunderbaren Durchgeistigung ... Auch die Mutter gab sich seltsam feierlich ... Nur der Vater blieb , wie immer , ruhig , natürlich und entschieden ... Die Gründe , warum Armgart so rasch und unvorbereitet aus London kam , lagen insofern auf der Hand , als über die Ausweisung der Flüchtlinge aus Frankreich genug in den Zeitungen gesprochen wurde und Marco Biancchi , Porzia ' s in London lebender Onkel , von einem Besuch bei Cäsar von Montalto schrieb , dem er vor einigen Jahren den Rath zur schnellen Abreise aus Deutschland verdankte ... Doch wurde aus Schonung von alledem nur ausweichend gesprochen ... Wie fühlte sie aber diese Schonung ! ... Wie durchbohrte sie die harmlose Frage der in Eschede der Welt entrückten Angelika Müller nach Benno , als sie der seltsamsten Hochzeit beiwohnte , die je geschlossen wurde , der zwischen Püttmeyer und seiner alten Verehrerin ! ... Zwei in sich vertrocknete Menschen , die noch alle Stadien der Aufregung , sogar der Eifersucht durchmachten ! ... Frau von Sicking , Gräfin Münnich , Präsidentin von Wittekind , Benigna von Ubbelohde , alle drangen auf die Ehe Püttmeyer ' s , die doch erst durch das Erringen des Hegel ' schen Lehrstuhls hatte möglich werden sollen ; sie erwirkten eine Beförderung des von Pfarrer Huber ' s harmonicaspielender Tochter bedenklich Begeisterten zum bischöflichen Archivar in Witoborn und die Versetzung Huber ' s ... Wie war Armgart , durch ihren dreijährigen Aufenthalt in London , allen diesen kleinen Anschauungen entrückt ... In ihrem Stifte war sie nur einen Tag ... Nach Westerhof durfte sie der Mutter wegen auch nur ein einziges mal - ... Tante Benigna und Onkel Levinus umschlangen sie voll Inbrunst und hätten jetzt alles darum gegeben , das sonst so viel gescholtene Kind bei sich zu behalten und schon fingen wieder die alten Entführungspläne an ... Da entschied der Vater für den Ausweg , daß Armgart , die zwar nicht zu den Deutschkatholiken übertreten , wol aber mit Freuden in die Gegenden der Elbe mitziehen wollte , wohin die Aeltern gingen , die Mühseligkeit dieser Irrfahrten nicht theilen , sondern nach Kocher am Fall zum Onkel Dechanten , zur lange schon kränkelnden » Tante Gülpen « , ziehen sollte ... Armgart erfüllte dies Gebot der Aeltern und zog nach Kocher am Fall ... Hier war sie denn des mit dem freudigsten Willkommen ! sie aufnehmenden Dechanten letzte und würdigste » Nichte « ... Tante Gülpen hatte sie nicht aus dem Wochenblatt verschrieben , hatte sie nicht auf fremde Empfehlung in die Dechanei geschmuggelt ... Sie war in Wahrheit eine nahe Verwandte und gab der immer schroffer gewordenen Beurtheilung gegen den Dechanten keinen Anstoß ... Franz von Asselyn erklärte , sich auf seine letzten Lebenstage keiner solchen » Eroberung « mehr gewärtig gewesen zu sein ... In dieser holden äußern Anmuth besaß er alles , was seinem Auge , in Armgart ' s innerm Wesen , was seinem Herzen wohlthat ... Da waren einige gute Elemente der Feuernatur Lucindens ohne die verheerenden Folgen derselben ; da war die ewig dienende Natur Angelika Müller ' s ohne deren trockene Regelmäßigkeit ... Da hatte er eine der Seelen , von denen er sagte : Die gehen in solche kleine Vögel über , wie sie unter meinem Baum am Fenster nisten ! ... Von Armgart ' s Seelenwanderung versprach er sich vorzugsweise den Besuch seines Grabes , von dem er oft und gern sprach ... Er war gerüstet , täglich hinabzusteigen ... Die Aufregungen der letzten Jahre waren für ihn zu mächtige gewesen ... Seine heitere Laune kam schon seltener und währte nicht lange ... Während nun der Oberst unter den mannichfachsten Bedrängnissen in Deutschland umirrte - in Magdeburg lösten sich bald die angeknüpften Verhältnisse - und sich zuletzt , ermüdet durch die gänzlich durch den Protestantismus selbst zerstörte Hoffnung auf eine große geschichtliche Bewegung der Geister , nach der Schweiz begeben hatte , verlebte Armgart noch einige Jahre in Kocher am Fall ... Die Eindrücke hier waren nicht immer erhebend ... War auch die Verbindung mit allen den ihr werthen und theuren Menschen gerade durch die Dechanei die lebhafteste , so erfolgten doch selten Mittheilungen , die eine wahre Freude verbreiten durften ... Die schmerzlichsten von allen betrafen Benno ... Sie waren so trüb , daß selbst Thiebold nur einmal nach Kocher kam ... Einmal hatte sich Thiebold mit der ganzen Liebe und Hingebung seines Gemüths , wenn auch wie immer als » närrischer Kerl « sich einführend , einige Tage zum Gast der Dechanei gemacht , hatte , » über sich , als Mann , fast schamroth « , die Reife Armgart ' s , ihre vorgeschrittene Bildung , die Sammlung ihres Charakters bewundert , hatte italienische Anekdoten , Reiseabenteuer erzählt , von Nück berichtet , dem in Italien , andere sagten im Orient Verschollenen , hatte von Schnuphase , der eine Pilgerfahrt zum heiligen Grabe mit Stephan Lengenich und mehreren andern Erleuchteten bezweckte , erzählt - aber die Art , wie er von Benno ' s italienischer » Nationalisirung « , von den Erlebnissen in Rom , vom gegenwärtigen londoner Wirken und Treiben Benno ' s als eines » mit Gott und der Welt zerfallenen « Sonderlings und Grillenfängers sprach , überhaupt als von einem Menschen , den man » nach dem allerdings bedauerlichen Ende der Gebrüder Bandiera « gar nicht mehr wiedererkannte - alles das sagte genug , um sein einziges - das dann » etwas deutlich gegebenes « Wort zu verstehen : » Als wir ja damals für immer Abschied nahmen in der westerhofer Kapelle ! « ... Armgart lächelte zustimmend , sie verstand , was Thiebold mit » für immer « sagen wollte ... Thiebold war dann nach dem kocherer Besuch gleich nach London gegangen , wo er oft monatelang verweilte ... Von dem Luxus und den Extravaganzen Olympiens konnte sein Bericht nicht genug erzählen ... Drei Briefe von Olympien wurden ihm nach Kocher mit einem Carissimo nach dem andern nachgeschickt ... Für Armgart gab es in Kocher Zerstreuungen der in Wehmuth erbangenden Seele an sich genug ... Darunter freilich auch die erschütterndsten ... Der Onkel wollte noch einmal vor seinem Ende nach seinem geliebten Wien , wohin ihn die Curatverhältnisse des Doms von Sanct-Zeno riefen - da starb an einer Erkältung Windhack ... Und als für das alte treue , gelehrte Factotum der Versuch mit einem neuen Diener gemacht werden sollte und der Dechant dabei blieb , reisen zu wollen , kam aus Wien die Nachricht , sein alter würdiger Gastfreund , Chorherr Grödner , wäre dem österreichischen Landesspleen erlegen und hätte sich erhängt ... Die Schrecken mehrten sich dem tieferschütterten Greise ; Frau von Gülpen that des Nachts , wo sie schon sonst um jedes kleine Geräusch aufstehen konnte und nun nicht mehr den Lolo als Führer hatte und überall ihre Schwester , die Hauptmännin , und ihren Mörder , den Hammaker , sah , und dennoch das nächtliche Rumoren und Wandeln und Pochen an alle Thüren , ob sie auch gut verschlossen wären , nicht lassen konnte , einen unglücklichen Fall - woran sie starb ... Und wenige Monate darauf legte sich auch der Dechant und hauchte seine edle Seele in Armgart ' s Armen aus ... Sein Testament hatte Franz von Asselyn schon lange geändert und sein ansehnliches Vermögen in drei Theile zerlegt , für Bonaventura , Benno und Armgart ... Benno , in einem Briefe Thiebold ' s , und Bonaventura , in directer Zuschrift an Armgart , verzichteten zu ihren Gunsten ... Armgart war nun ein vierundzwanzigjähriges wohlhabendes und mit einer auch von Heiligenkreuz sich mehrenden Rente ausgestattetes Stiftsfräulein ... Alle diese erschütternden Vorgänge erlitten diejenigen Unterbrechungen , die das Traurige haben - andere sagen das Gute - , das Leben selbst beim größten Schmerz immer noch erträglich und anziehend zu machen ... Die Sonne leuchtete auch so und die Blumen blühten auch so ... Für Armgart gesellte sich zu den Zerstreuungen der Dechanei , zu kleinen Reiseausflügen , zu Briefen von nah und fern und zu jenen Fortschritten der innern Bildung , die uns sogar selbst überraschen und erfreuen dürfen , die Steigerung des Interesses , das an ihrer Person genommen wurde ... Mancher Offizier mit dem flatternden Husarendolman ritt im Park der Dechanei täglich die Schule , um nur von ihren Fenstern aus beobachtet werden zu können ; mancher junge Beamte interessirte sich für die alten Möpse und Papagaien der in Kocher lebenden Honoratioren , um nur auch bei ihren Kaffees zuweilen der interessanten jungen Stiftsdame zu begegnen ... Armgart blieb jugendlich wie ihre Mutter , wenn sie » im Geist auch schon eisgraue Haare « hatte und über die Rosenzeit des ersten Mädchenfrühlings hinweg war ... Sie gehörte dem Leben an , wo es sich nur regte , nicht um seine Freuden zu genießen , sondern um seine Räthsel zu belauschen und seine Aufgaben zu lösen ... Am liebsten wandelte sie mit dem Onkel , wie er in seinen letzten Tagen liebte , über den Friedhof ... Schon lange und seit dem Tode Windhack ' s und der Mutter Gülpen sagte der Onkel nicht mehr : » Der allein richtige Gattungstrieb des Menschen ist der , leben zu wollen ; kommt der Tod , so ist er da und es kann ja auch einmal eintreffen , daß gerade unsereins den Beweis führt , daß das Sterbenmüssen seit Jahrtausenden nur ein bloßes Versehen der Aerzte gewesen ! Die Wissenschaften machen so außerordentliche Fortschritte ! « ... Diese Lebensfreudigkeit , sonst auch zu Benno und Bonaventura ausgesprochen , hielt im letzten Jahre nicht mehr Stand ... Er liebte die Gräber und las ihre Inschriften ... Aus jeder ihrer goldenen Lettern hörte er seine eigene Grabschrift heraus , bestellte sich , wie er die seine haben wollte , und sah im Geist die Leute an einer solchen Stelle eines kleinen Kreuzgangs hinter dem Sanct-Zeno stehen und lesen : » Hier ruht in Gott « - Nun setzte er wol hinzu : » Der alte Narr , der - « ... Eine Selbstkritik folgte ... Alles das plauderte er im langsamen Gehen und bestellte sich in der Nähe des einst ihn im Kreuzgang deckenden Steines Rosen und Vergißmeinnicht ... Armgart erfreute ihn dabei durch Eines - durch jenes gründliche Eingehen auf seinen Tod und sein Begräbniß - eine Tugend , die viel besser wirkt , als ein ewiges Weg- und Ausredenwollen des Sterbens ... » Darin kann ich Karl V. ganz verstehen , daß er sich Probe begraben ließ ! « sagte sie ... Des Dechanten Hauptbeschäftigungen im letzten Lebensjahr waren seine Briefe mit Cäsar von Montalto und Bonaventura ... Armgart erfuhr wenig von ihrem Inhalt - aus den von Italien kommenden nur das , was Paula und Gräfin Erdmuthe betraf ... Oft fuhren Onkel und Nichte zusammen nach Sanct-Wolfgang , besuchten das Pfarrhaus , auch das erbrochene , jetzt wohlerhaltene Grab des alten Mevissen ... Ja noch ein Studium nahm der Dechant in seinem letzten Lebensjahre vor , die italienische Sprache ... Oft sprach er von Bonaventura ' s Vater und versenkte sich in dessen Entwickelungsgang . Als Paula einmal schrieb , sie lerne provençalisch , die Sprache der Troubadours , rühmte der Dechant seinen » verstorbenen « , im Schnee des Sanct-Bernhard » so elend verkommenen « Bruder , der in seinem immer romantisch gewesenen Jugendsinn auch diese Sprache sich angeeignet hätte vom dritten Bruder Max , dem Offizier , dem Adoptivvater Benno ' s , der die Kenntniß derselben aus dem südlichen Frankreich und den Pyrenäen mitbrachte ... Er las die Minnesänger und vergaß seine Acten ! sagte der Dechant träumerisch von seinem Bruder Friedrich ... Es war ein Thema , über das er in ein langes , seltsames Schweigen verfallen konnte ... Ueber Benno ' s Ursprung wurde wenig gesprochen ... Die Erinnerung an die falsche Trauung im Park von Altenkirchen war dem Greise zu unheimlich ... Kurz vor seinen letzten Stunden raffte der Greis noch den Rest seiner Kraft zusammen und ließ sich über mancherlei in einem langen Briefe an den Erzbischof von Coni aus , den er schon theilweise Armgart dictiren mußte ... An gewissen Stellen nahm er selbst die Feder und ließ Armgart nicht lesen , was seine zitternde Hand geschrieben ... Er verbreitete sich über alles , was noch in Bonaventura ' s Leben , nach seinem Wissen , unaufgelöst und zu verklingen übrig blieb ... Auch die Losung : Fiat lux in perpetuis ! wiederholte sein entschwebender Geist still vor sich hinmurmelnd ... Armgart schrieb mit Erstaunen und schon an Irrereden glaubend : Nun würde er diese Worte nicht mehr unter den Eichen von Castellungo , sondern im Vorhof der Seligen hören ; sein Huß- und Savonarola-Scheiterhaufen würde die läuternde Flamme des gelösten Weltenräthsels sein ! Sollte Bonaventura noch einst , dictirte er , den Eremiten im Silaswalde sehen , so mög ' er ihm sagen : Im Leichenhause des großen Sanct-Bernhard hätte auch er eine neue Offenbarung über Gott und die Welt gefunden - - Da besann sich der Greis und stockte ... Er ließ sich die Feder in die Hand geben und versuchte selbst weiter zu schreiben ... Die Hand versagte den Dienst ... Armgart mußte noch den Brief vor seinen Augen verschließen und dann sorgsam siegeln ... Man senkte den Greis unter die kalten Steine des Kreuzganges , pflanzte aber um die Oeffnung des Bogens , der in den Friedhof führte , Rosen und Vergißmeinnicht ... Beda Hunnius , auf dem nun ganz von den Jesuiten eroberten Terrain , auch jenseits der Elbe , wieder zu Ehren gekommen , wurde sein Nachfolger ... Zu seinem Kaplan machte sich dieser neue Dechant den in Lüttich erzogenen Schifferknaben von Lindenwerth , den Thuriferar von Drusenheim , Antonius Hilgers ... Der Arme hatte die ganze Erziehung und Abrichtung erhalten , wie sie Rom für seine Priester beansprucht ... Er war noch ärgerer Zelot als Müllenhoff ... In dem schweren Amt der Bestattung und der Uebernahme der Hinterlassenschaft fand Armgart Beistand und überwand alles voll muthiger Entschlossenheit , noch ehe ihr Vater zu ihrer Hülfe aus der Schweiz herbeigeeilt kam ... Armgart hatte ganz Kocher zu Freunden ... Ihre Maxime war , bei jedem , der » ihr etwas zu haben schien « , still zu stehen und zu fragen : Ist etwas zwischen uns ? ... Das konnte sie selbst dem hämischen Hunnius gegenüber , der mit ihr wie mit jeder » Nichte « der Dechanei gegen deren Bewohner zu conspiriren suchte ... Sie erfreute ihn durch ihre Empfänglichkeit für seine geistliche Poesie ... Die » Dichterapotheke « von Weihrauch , Myrrhen , Narben , Aloë und ähnlichen Spezereien , die so stark aus seinen Versen » stank « , wie der Onkel sagte , erinnerte sie doch noch immer an die Zeit ihrer ersten Jugend , wo sie den Rosenkranz mit seinen fünf schmerzhaften , fünf freuden- und fünf glorreichen Geheimnissen in alle Himmel ausgebreitet sah , die Sonne als Monstranz und die Seelen als beflügelte Kreuze dem großen Herzen Gottes mit der lodernd über ihm thronenden Flamme zufliegend ... Die Zeiten dieser Anschauungen waren freilich auch bei ihr vorüber ... Nur hielt sie an ihrer allgemeinen Stimmung fest und die blieb eine gebundene - schon um Paula ' s willen , die ihr in der Ferne wie eine leuchtende Glorie , ein Ziel der Sehnsucht und heißesten Wünsche verblieb ... Unter den Beileidbezeugenden erschien auch Löb Seligmann ... Er war ja so engverbunden der Dechanei , so engverbunden auch den Geheimnissen von Westerhof , von Kloster Himmelpfort und Schloß Neuhof ... Seitdem man allgemein wußte , daß Benno von Asselyn der Sproß einer ruchlos geschlossenen Ehe des Kronsyndikus war , hatte endlich auch Löb seine Miene vertraulicher Protection gegen den Dechanten gemildert ... Diesem hatte er sich wirklich eines Tages ganz offenbart , als er gerade von Reisen zurückkehrte und auch voll Wehmuth Veilchen Igelsheimer auf den Friedhof hatte tragen helfen ... Sein Auge weinte ... Die sanfte Zimmerblume war an ihrer stillen Hektik dahin gegangen und hatte den rauhen Nathan von ihrem Husten befreit , den ihre zarte Schonung , sagte Löb , sich nur des Nachts gestattete ! Am Tag , da hielt sie jeder unter den lachenden Masken und bunten Schellenkappen für wohlauf und gesund ... Bis zum letzten Augenblick hatte Veilchen zum » Carneval des Lebens « gescherzt - und selbst noch im Tode waren ihre langen Locken so schwarz wie in ihrer Jugend geblieben , wo sie in eben diesem Park der Dechanei Spinoza kennen gelernt ... Der Dechant , nicht wenig erschreckend über Seligmann ' s befremdliche Beichte , sagte damals zu ihm : Auch daran trag ' ich schuld , daß Leo Perl diese bescheidenen Mädchenträume nicht erfüllte ! ... Löb , durch und durch » Trauermarsch « aus » Montecchi und Capuletti « , erzählte dem Dechanten mehreremale , in mannichfachen Variationen , was ihn das Schicksal in Schloß Neuhof belauschen ließ ... Er gab aber die Bürgschaft seiner Discretion fürs ganze Leben und hatte gleich alles doppelt erzählt , gleich auch für die , vor denen er zu schweigen gelobte ... Armgart wurde die besondere Flamme Löb ' s ... Wie oft auch besuchte sie die noch lebende » Hasen-Jette « und hörte dort die Neuigkeiten - über ein seidenes Kleid , das Frau Treudchen Piter Kattendyk schickte , über die in Rom eine Gräfin gewordene » damalige Lucinde Schwarz « , von der auch Veilchen noch oft gesprochen hätte , über die Barone von Fuld , die den Seligmann zuweilen noch in Drusenheim sahen , aber nicht mehr zum » Speisen « einluden , ohnehin , seitdem sie die Rothschilds stürzen wollten ; vor allem aber die Entzückungen der glücklichen Mutter über David , ihren Sohn ... David Lippschütz war auf die Beine gekommen , hatte Schulen , hatte schon einige Jahre die Universität besucht und war bereits ein berühmter Dichter ... David Lippschütz und Percival Zickeles in Wien vertraten vorzugsweise diejenige neueste lyrische Schule , der es » die Loreley angethan « hat ... Allerdings kostete diese Liebe zur Nixe des Rheins dem Onkel Seligmann viel Geld ... Monat für Monat gingen seine mit einem frommen » Jehova « beschriebenen Zehnthalerscheine ( ein bekannter jüdischer Heck- , Vermehrungs- und Verlustabwendungs-Segen ) in die Ferne und suchten den David unter nordischen Tannen und südlichen Palmen , tiefunten am Kyffhäuser beim schlummernden Rothbart oder auch » dort oben auf luft ' gen Höh ' n , wo Adler die Nester sich bau ' n « , und ähnlichen halsbrechenden Adressen auf ... Dafür war aber auch David Lippschütz mit Percival Zickeles der Träger der neuesten Romantik , blies mächtig des Knaben Wunderhorn in allen Zeitschriften und sorgte dafür , daß dem deutschen Volk seine Nixen , Zwerge , Held Siegfried , sein Ritter Tannhäuser , vor allem aber die Anerkennung solcher Bestrebungen nicht abhanden kam ... Ja Beda Hunnius sogar blieb zuweilen auf dem Markt in Kocher am Fall stehen und fragte die ihm begegnende Hasen-Jette : Ja , ist denn das da wirklich euer - es folgte ein intolerantes und liebloses auf Reinlichkeit gehendes Eigenschaftswort - euer David , der jetzt soviel die Nixe belauscht , so ihr Goldhaar strählt mit dem silbernen Kamm ? ... Die Mutter , allerdings gedenkend , wie ungern ihr David sonst sich kämmen ließ , bestätigte leuchtendes Auges die volle Identität ... Die reiche Frau Piter Kattendyk , weiland Treudchen Ley , erzählte sie , hätte den David auch in Wien - Piter , noch im Bruch mit seiner Familie , war meist auf Reisen - » zur Tafel gehabt « ... Eine solche Hunnius ' sche Anrede wirkte dann unten im Ghetto von Kocher am Fall mit einem spät verklingenden Echo als belohnender Ersatz für all die Summen , die der Onkel auf die Länge nicht mehr ganz mit dem Humor in die grünen Fluten warf , mit dem er sonst beim Rasiren die Barcarole sang : » Werft aus das Netz gar sein und leise « ... Der brave Grützmacher war nach der Gegend von Jüterbogk zurückversetzt worden und wohlbestallter Schleusenmeister an einem jener Kanäle , die Elbe und Oder verbinden ... Und Major Schulzendorf hatte das eigenthümliche Loos gezogen , eine große Strafanstalt für sittliche Verwahrlosung zu dirigiren , die zu den Werken der » Innern Mission « gehörte , jener bekannten , hier offen , dort geheim wirkenden Bundesgenossenschaft der Jesuiten ... Einer seiner Söhne , der die Rechte studirt hatte , war bereits bis zum Präsidenten eines Regierungsbezirks , als Nachfolger des Herrn von Wittekind-Neuhof , avancirt ... Dieser kluge Mann hatte die Gewohnheit gehabt , auf Reisen , selbst an offner Table-d ' hôte , vor der Suppe erst die Hände zu falten und zu beten ... Diese Gewohnheit wurde in den maßgebenden Kreisen bekannt und so wohl aufgenommen , daß man ihn in seiner Carrière einige Zwischenstufen überspringen ließ ... Oberst Hülleshoven nahm nach des Dechanten Tode seine Tochter mit nach der Schweiz , wo er und Hedemann , soweit letzterer noch konnte , sich in industriellen Unternehmungen zu bewähren suchten und Monika jede Aufforderung ergriff , theilzunehmen an irgendeinem Werk der Gesinnung und der auch den Frauen gestatteten öffentlichen Bewährung ... Sie hatten abwechselnd in Basel-Landschaft , dann im Aargau , zuletzt am Genfersee gewohnt ... Der Oberst leitete Ingenieurarbeiten für die schweizerische Armee ; Hedemann bebaute mit Porzia ' s Hülfe das Feld ; Monika reiste viel ; sie hatte zuletzt eine große Vorliebe für Genf und die calvinistischen Anschauungen ... Daß sie sich das Denken durch eine immer weiter gehende Vertiefung in Christus vereinfachen zu müssen erklärte , war theils die Rückwirkung Hedemann ' s , theils der auch jetzt nicht nachlassende Trotz gegen Armgart ... Der unruhige Sinn der Aeltern ging glücklicherweise im gleichen Takt ; uneins mit der Welt und der Zeit , waren sie doch einig mit sich ... Sie kauften jetzt - in jener Hast , die Monika eigen war - mit Armgart ' s bedeutendem Gelde sofort eine herrliche Besitzung , die Armgart gehörte , dicht am Genfersee ... Es war das Schloß Bex , das einem Patricier Berns gehört hatte - dicht in der Nähe jenes Waldes , wo sich im Jahr 1689 von den aus ihren Thälern in Italien mit Feuer und Schwert vertriebenen Waldensern 900 wieder sammelten und unter Heinrich Arnaud ' s tapferer Führung jenen Heldenzug über den Genfersee , durch Savoyen hindurch und zurück in ihre heimatlichen Thäler unternahmen , eine Unternehmung , die nach dem Aufgebot zweier Truppencorps Ludwig ' s XIV. und Victor Amadeus ' vollständig vom Siege gekrönt wurde ... Als sie das Schloß bezogen , entdeckte man freilich hundert Fehler und hätte es gern wieder veräußert ... Aber Armgart sagte nun : Ihr reißt euch gleich das Bein ab , wenn euch der Schuh drückt ! ... Sie drang darauf , das Schloß , den Park , die schönen Weinberge mit allem , was daran schadhaft war , zu behalten ... Dabei grenzte sie sich ihr Leben eigenthümlich streng von dem der Aeltern ab ... Sie hatte ihre eigenen Zimmer , Freitags ihre eigene Mahlzeit , manchen Abend sogar in ihrem Flügel Gesellschaft für sich und die Aeltern eine andere in dem ihrigen ... Der Ton war mild , oft innig ... Die Aeltern wußten , was im Innern ihres Kindes zu schonen war und woher sie den Anlaß zu ihrem jetzt schon eigenthümlich gehaltenen , allmählich sogar spröden und ablehnenden Wesen nahm ... Benno von Asselyn , überall anerkannt als Halbbruder Friedrichs von Wittekind und demgemäß mit Lebensgütern reich gesegnet , verweilte nach wie vor als Cäsar von Montalto in London - bei ihm die Mutter und die Fürstin ... Diese Existenz währte einige Jahre , bis eine unerwartete Wiederbegegnung den schon mächtig hereinzubrechendrohenden Stillstand und Abschluß in Armgart ' s jungfräulichem Leben unterbrach und überhaupt die Schicksale der ganzen kleinen Colonie wieder in neue Bewegung brachte . Fußnoten 1 Thatsache . 3. Eines Winterabends herrschte auf Schloß Bex eine große Aufregung ... Sie galt einer Karte , die man , heimkehrend von einer Thalfahrt an den See , auf dem großen grünverhangenen , von einer brennenden Ampel beschienenen Tische des Eintrittsvestibüls vorgefunden hatte , wo regelmäßig die Karten der inzwischen dagewesenen Besucher niedergelegt wurden ... » Der Baron Wenzel von Terschka « lautete die Aufschrift ... Dazu sein Wappen und die mit » p.f.v. « bezeichnete Ecke eingebogen ... Terschka ! ... rief Monika erstaunt und reichte Armgart die Karte ... Der lebt noch ! ... Seit lange hatte man von ihm nur gehört , daß er nach Amerika gegangen war ... Armgart , die nun schon über die Mitte der Zwanzig gerückte schlanke , stattliche Herrin von Schloß Bex , schlug ihren Schleier auf , der sie beim Heimfahren im offenen Wagen gegen die rauhe Winterluft geschützt hatte , und sah , so erröthet sie war , sogleich erblassend auf die Karte , die in ihren Händen zitterte ... Erregt ergriff auch der Oberst die Karte ... Düster drückte er die Augenbrauen zusammen und wiederholte mehrmals : Ist der aus Amerika zurück ! ... Armgart hatte den Abend für sich allein sein wollen ... Es war der 28. Januar , der Tag der heiligen Paula ... Sie hatte ihren Kalender , den sie auf eigene Art einhielt ... Schon freute sie sich auf die Wärme ihres Zimmers ... Am Kamin wollte sie sitzen , ihren Thee für sich allein nehmen , ihre alten Angedenken hervorsuchen und über den Montblanc hinweg so stark und lebhaft nach Castellungo und Coni , wo Paula mit ihrem Gatten in Bonaventura ' s unmittelbarer Nähe wohnte , hinüberdenken , daß Paula , dachte sie , sie sehen müßte ... Schon hatte sie sich ausgemalt , wie zu gleicher Zeit , während die Uhr über ihrem Sopha tickte , Paula den Brief las , den sie ihr zu ihrem Namenstage geschrieben ... Vielleicht war der , wie man hörte , in viele Händel verwickelte Erzbischof bei ihr ... Schwerlich die alte Gräfin ... Aber gewiß alle Freunde und Verehrer , die einer so hochgestellten Dame , wie Paula , auch dort nicht fehlen konnten ... Sie hatte in jenem Briefe von Sancta-Paula geschrieben , jener römischen jungen Witwe , die sich von ihren Kindern trennen konnte , um die Stätten Jerusalems zu sehen und mit Hülfe des heiligen Hieronymus über dem Grab Christi ein Kloster zu bauen ... Und um so lieber träumte sie von jenem eigenthümlichen Verhältniß , in dem ihre Lieben dort lebten , als sich vieles davon aus Paula ' s Briefen doch nur zwischen den Zeilen ersehen ließ und der immer und immer besprochene endliche Besuch des Thals von Castellungo seine Mislichkeiten bot ... Ohne die Aeltern mochte sie nicht gehen und mit ihnen hatte es der religiösen Differenzen wegen ebenso seine Schwierigkeiten , wie in Rücksicht auf den Vater , der mit Paula im magnetischen Rapport gestanden hatte ... Diese Zustände hatten in Italien abgenommen ; aber Gräfin Erdmuthe , so sehr sie die Familie der Hülleshovens schätzte und liebte , schien eine verstärkte Rückkehr derselben zu befürchten , wenn sich ihrer Schwiegertochter wieder die alten Elemente ihres Umgangs näherten ... Die alte Gräfin trug schon schwer genug an Bonaventura , den sie lieber ganz gemieden hätte , wäre nicht einst sein Eifer so muthvoll für ihren Eremiten aufgetreten ... Die Reise über die Alpen war unter solchen Umständen nur ein Sehnsuchtsziel der Familie geblieben ... Dies stille Abendträumen mußte sich Armgart nun versagen ... Denn mit dem Namen Terschka zog Beunruhigung ins ganze Haus , Schrecken vorzugsweise in ihre eigene Seele ... Ein eisiger Winter war