daß sie noch Siegberten fesseln würde . Er schrieb ihm nach Antwerpen , er wisse nicht , was er von diesem erstarrten Zustande denken sollte . Er hätte ein Leben voll Beweglichkeit , Geist , Phantasie , auch manche Thorheit erwartet und fände nun ein todtes , kaltes Marmorbild ! Dystra konnte die Geduld , die Anna von Harder hier entfaltete , nicht genug rühmen . Und doch zeigte er dieselbe Geduld , ohne sein Verdienst zu wissen . Er fuhr alle drei , vier Tage nach Tempelheide , brachte immer etwas Anregendes , etwas Überraschendes mit und begnügte sich , nach Olga zu fragen . Sie selbst sah ihn nicht . Wie sie nur des kleinen , aber elegant sich haltenden , mit Grazie sich bewegenden Mannes ansichtig wurde , entfernte sie sich , was Dystra immer auf Rechnung seiner Mohren schrieb . War es Liebe , war es Pietät für seinen verstorbenen Freund , den Fürsten Wäsämskoi , war es der Reiz ein Räthsel zu lösen , er konnte sich der Hoffnung , in Olga wieder einen Lebensfunken geweckt zu sehen , nicht erwehren , so sehr er auch zugestehen mußte , daß eine Heirat mit einer so eigenthümlichen Organisation ein Opfer war , für das man nicht Dank , sondern Spott ernten mußte . Drommeldey , der vielgesuchte , Alles begutachtende Arzt der Mode , hatte gesagt : Bei dieser Krankheit heißt es : Ce n ' est que le premier pas , qui coute ! Dies Mädchen muß heirathen , dann wird sich das Übrige finden . Starr wie jene Brunhild der Sage , die Jedem , der sie freien wollte , einen Ringkampf anbot und die Männer an dem Gürtel aufhenkte , den sie ihr lösen wollten , saß Olga neben der zutraulichen , durch sie ganz aus ihrer bisherigen Gewohnheit gekommenen Anna , die von dem Mädchen , trotz des Scheines ihres liebevollsten Antheils für sie , nicht einmal die Frage abgewinnen konnte : Was wolltest du mir von der Wichtigkeit des heutigen Tages für dich sagen ? Sich aufdrängen mit einem innersten Herzensinteresse war Anna ' s Art nicht . Sie nahm das Körbchen mit Handarbeiten , das sie hier oben zurückgelassen und begann Spitzenbesätze zu nähen , während Olga ihren Worten ruhig zuhörte und nur die Zwirnrolle zuweilen ergriff und mit ihr ein gedankenloses Spiel trieb ... Daß hier die Stelle war , wo Siegbert Wildungen einst Anna von Harder zuerst gesehen , wußte Olga . Sie kannte aus dem Skizzenbuche ihres Freundes diese Kirche , den Friedhof mit der unregelmäßigen , zerfallenen Mauer und den schon längst wieder abgeblühten weißen Fliederhecken . Sie kannte die Stelle , wo in der Skizze Hackert im Korn liegend angedeutet war . Es waren ihr das Alles heilige Plätze , schon lange , lange geweiht ; denn Siegbert besaß eine Gemüthlichkeit guter Herzen , die von ihren angenehmen Erinnerungen erzählen und Jeden , den sie lieb haben , gern in den ganzen Zusammenhang ihres Lebens versetzen . Er hatte längst schon im vorigen Jahre Olga auf diesen Punkt aufmerksam gemacht , wo man die gewaltige Ausdehnung der Stadt am reichsten übersehen und ihr inneres Leben gleichsam wie einen fernen unsichtbaren Wasserfall rauschen hören konnte . Ob sie jenen Erinnerungen nachhing ? Sie verrieth nicht eine Spur von Dem , was in ihrem Herzen lebte . Anna hatte grade heute wieder eine ihrer musikalischen Akademieen . Dann wurde ausnahmsweise um zwei Uhr gegessen , um drei Uhr kamen die Mitglieder des Gesangvereins , der bis fünf , sechs Uhr dauerte , weil es mit der Regelmäßigkeit des Kommens sehr schlimm aussah . Jene gelüfteten Fenster des Parterre gehörten zu dem Musikzimmer , das Anna schon geordnet hatte . Da waren die Tische und Stühle schon aufgestellt , schon mit den Noten belegt , die heute gesungen werden sollten . Sie sprach davon , wie sie immer in bangsüßer Erwartung einer solchen Übung , in Freude und Furcht zugleich , entgegenharre und beklagte , daß Olga weder Freude an diesen Musiken empfand , noch selbst an ihnen Theil zu nehmen versuchte . Du erinnerst mich darin , sagte sie noch heute wieder , an die schöne Melanie , die jetzige Fürstin von Hohenberg ! Diese von vielen Frauen verabscheute , aber nicht so schlimme gefeierte Schönheit war ohne Stimme , ohne musikalisches Gefühl , aber sie nahm Antheil an unsern Übungen und nützte durch ihr vortreffliches Pausiren . Sie , die ein Recht hatte , die Zerstreuteste von Allen zu sein , zählte am besten . Olga hätte nun Gelegenheit gehabt , lebendig zu werden . Jene Melanie wurde erwähnt , die sie selbst in ihren Briefen als letzte Zuflucht jenes von ihr in so grellen Farben geschilderten Egon bezeichnet hatte . Sie hätte doch ausrufen müssen : Also wirklich ist Melanie die Fürstin von Hohenberg ? Wie kam Das ? Wie war Das möglich ? Um Melanie diese Bewegung hier auf der Landstraße ? Um sie diese trappelnden Pferde , diese rollenden Reisewägen , dies Detachement Dragoner , das sich auf der Straße bis Hohenberg vereinzelt zu postiren scheint ? Um Melanie dieser Staub , der glücklicherweise uns hier unter dem Pavillon nicht erreicht ? Nichts von alle Dem . Sie hörte nur , wickelte an der Zwirnrolle , las eine Weile im Buche , hörte den Verhandlungen Anna ' s mit der zuweilen Raths erholenden Dienerschaft zu , folgte alle Dem , was sie da vernehmen konnte , aber selbst schwieg sie . Sie schwieg zur lauten Erörterung manches Billets , das von der Stadt kam . Frau von Dahlen entschuldigte ihr Ausbleiben bei der Akademie . Frau Gräfin Mäuseburg im Gegentheil versprach nächstens eine junge Diakonissin , die eben erst vom Rheine gekommen war , mitzubringen und sie für die Akademie vorzuschlagen . Aktien , Loose , Unterschriften wurden angeboten oder von Anna gewünscht , wie Das im Leben eines mildthätigen Wesens den ganzen Tag nicht abreißt . Schriftchen wurden geschickt von Geistlichen , von Vereinen , sogar zwanzig- , dreißigfach kleine Traktätchen , die Anna befördern , verbreiten sollte . Eine Gesindebelohnungsanstalt schickte Rechnungsabschlüsse . Und dann das Klingeln am großen Hofthor , wenn der Aktenwagen vom Obertribunal kam und für die greise , in der Stadt befindliche Excellenz die Akten repositorienhoch hereinfuhr und diese Ballen abgeladen wurden in der großen Aktensammlung rechter Hand beim Eintritt in das zweistöckige Wohnhaus ! Und wieviel kleine Miethswägen fuhren nicht vor und brachten nichts , als von jungen angehenden Rechtspraktikanten , neubeförderten Unter- und Hülfsarbeitern , jungen beim Obertribunal zugelassenen Advokaten Visitenkarten , um sich dem Chef der Landesjustiz zu empfehlen ! Dazu dann der ewig bewegte Verkehr mit dem lebendigen Hofe , seinen Ställen und kleinen Käfigen ! Auch heute mußte Anna lachen , wie sie schon von der Straße her einen Mann mit einem Tragkorbe auf dem Rücken erkannte , einen Thüringischen Vogelhändler , der regelmäßig des Jahres einmal bei ihnen vorsprach und dem alten Herrn seine neuesten Gesangskünstler aus dem Harze vorführte . Der Mann schwang schon in der Ferne die Mütze und grüßte mit seinem Vogelgesichte . Er hatte selbst die Physiognomie seiner Vögel angenommen , war zum Thiere herabgestiegen , während bei ihm die Thiere emporstiegen . Dem altbekannten Papageno aus Thüringen ging Anna selbst entgegen , empfing ihn im Vorhofe , hob die Decke von seinem Vogelkasten , in dem es hinund her zwitscherte und lustig auf- und niederhüpfte , ließ ihm von dem ältesten Bedienten , der in jungen Jahren selbst ein gelernter Jäger war und über diesen Gruß aus dem Walde seine innigste Freude hatte , - war er doch die rechte Hand des Präsidenten bei seinen Lieblingsexperimenten - ein vollständiges Frühstück vorsetzen und vertröstete ihn , seinen vieljährigen Gönner , der ihm immer abkaufte und noch lieber sich mit ihm unterhielt und von seinen Beobachtungen in der Vogelwelt sich erzählen ließ , nach zwei Uhr sprechen zu dürfen ... Der Vogelhändler stellte seinen Kasten in die Hausflur , dicht neben ein großes Drahtgitter , hinter dem es unten von Kaninchen , im zweiten Stockwerke von Dohlen und Raben , im dritten von kleinen Singvögeln lustig genug wimmelte . Biche und Alkmene , zwei hohe wie die schönsten englischen Misses schlanke Windspiele , umhüpften den Wohlbekannten freudig . Die drei Hauskatzen , Isis , Osiris und der große augenfunkelnde Bafomet , ein Kater , wie ihn die Egyptier mochten verehrt haben , schlugen mit ihren langen Schweifen hoch auf voll Gelüst und Erregung über die appetitliche gefiederte Zufuhr des Käfigs . Aber sie bezähmten sich , da der alte Diener Sorge trug , ihnen grade im erwachenden Gelüst ihre Mittagsration vorzusetzen . Der Vogelhändler bekam auf einem Tisch in der steingepflasterten Hausflur seinen Imbiß ... Es schlug eben ein Uhr ; eben wollte Anna die Begleitung der Musikstücke , die heute in diesem wilden Bereich , fast wie Amphion that vor den Thieren , die er durch die Leier zähmte , aufgeführt werden sollten , noch einmal durchspielen , eben trieb der alte Diener eine kleine Schildkröte , die seit Jahr und Tag im Hause frei herumlief und von Musik wie die Spinnen nahe gelockt wurde , zum Saale hinaus - die Akademie hatte die Bedingung jeder Sicherheit vor etwaigen thierischen Überfällen in der Luft oder wol gar vor kriechendem Auditorium auf der Erde - als zwei rasch daher fahrende Wägen Anna ' s Aufmerksamkeit fesselten , sie sich erheben und dem Sanitätsrath Drommeldey und Otto von Dystra , die eben zusammen durch das von den beiden herabgesprungenen Mohren schon geöffnete Hofthor eintraten , entgegen gehen mußte . Zweites Capitel Die Natur und das Wunder Anna von Harder empfing ihren Besuch im Musiksaale , einem geräumigen Eckzimmer , das trotz seiner vier Fenster etwas Düstres hatte , denn das Glas der Scheiben war nicht das weißeste , die Fensterrahmen , wie am ganzen Landhause , waren grün angestrichen . Dystra und Drommeldey hatten sich erst auf der Chaussée getroffen . Seit Drommeldey die Vermuthung des Barons , man könnte mit Olga vielleicht eine magnetische Kur beginnen , entschieden abgelehnt hatte , war zwischen ihnen die Erörterung ihres offenbar krankhaften Zustandes nicht mehr zur Sprache gekommen ... Dystra , der Anna einen großen Strauß der ausgezeichnetsten Blumen überreichte - die Gärtnerei wurde in Tempelheide vernachlässigt - erklärte sogleich , er wisse , daß Drommeldey irgend etwas Geheimnißvolles mit der Frau Landräthin von Harder zu verhandeln hätte . Er wäre heute gekommen , um auf längere Zeit sich zu einem Ausfluge nach dem Tempelstein , zu einem Besuche der Fürstin in Brüssel zu empfehlen . Wo Olga wäre ? Er müsse sie doch wenigstens zum Abschied sehen . Und Drommeldey bestätigte zum Schrecken Anna ' s , die etwas Unglückliches erwartete und auch von Abschieden immer sehr bewegt war , wie vielmehr an diesem Tage , den sie so hoch erhob , eine geheime Absicht . Sie wußte kaum , was sie erwiderte , als sie sagte , Herr von Dystra würde Olga unterm Pavillon finden ... Der Baron , im schwarzem Schnurrock , weißem Kastor , die citronengelb gantirten Hände in die mächtige Brust steckend , wandte sich dem Pavillon zu , um einen Versuch zu machen , mehr als jenes halbdutzend Worte von Olga herauszubekommen , das er bis jetzt erst aus ihrem Munde gehört hatte . Während wir ihn seinem guten Glück überlassen , sah sich Drommeldey , als er allein mit Anna von Harder war , lächelnd in dem Zimmer um , betrachtete mit satyrischem Wohlgefallen die aufgeschlagenen Notenblätter und sagte mit einer fast verschmitzten Vertraulichkeit : Gnädige Frau , nicht wahr , Sie haben heute Akademie ? Pergolese , Bach und ein Hallelujah von Händel . Sehr gut ! Rüsten Sie sich auf Besuch ! Besuch ? Wir schließen jeden Besuch aus , Sanitätsrath ! Es sind unsre Statuten - Es gibt Personen , die über Ihre Statuten erhaben sind ! Sanitätsrath ! Liebe Landräthin , ich kann Ihnen nicht verschweigen - um drei Uhr beginnt Ihre Akademie - gegen halb vier Uhr werden gewisse Herrschaften vorüberfahren - man wird die Klänge von Pergolese , Bach und Händel hören - diese Herrschaften werden aussteigen - rüsten Sie sich , von Ihren Statuten eine Ausnahme zu machen ! Anna von Harder war fast auf einen Sessel zurückgesunken . Ihren gereizten Nerven bot diese Nachricht zuviel . Was jede Andre mit Jubel , mit freudestrahlendem Enthusiasmus aufgenommen hätte , warf sie nieder ; sie konnte nur vorwurfsvoll , fast bittend zu dem Arzte , dem Seelen-Diplomaten des Hofes , emporblicken , als wollte sie sagen : Drommeldey , wie konnten Sie mir Das thun ! Sie sind selbst Schuld an diesem Überfall , sagte das kleine magere Männchen , rückte an seiner weißen Halsbinde und wischte sich von dem Jabot einige Reste der letzten Prise , die er unterwegs Jemandem , vielleicht Schlurck , abgenommen - Drommeldey trug selbst keine Dose , weil er Fälle hatte , daß ihm nervenschwache Damen bei seiner ihn nun genug folternden Liebe zum Schnupfen die Praxis gekündigt hatten - Sie sind selbst Schuld daran , liebe Frau Landräthin ! Sie wissen , wie Sie der Hof verehrt ! Sie wissen , wie oft man es Ihnen nahe gelegt hat , Sie sollten der Königin die Freude einer näheren Beziehung gönnen ! Sie glauben nicht , wie sehr man in dieser Sphäre nach Gründen sucht , warum sich der Mensch täglich zwei , drei Stunden der Nothwendigkeit , über Toilette sprechen , Kleider an- und auszuziehen , Proben mit neuen Mustern machen zu müssen , auszusetzen hat ! Alle Tage drei Mal umkleiden , das erfordert ein bedeutendes geistiges Gegengewicht ! Seit Frau von Altenwyl am Hofe im vorigen Jahre von der Mauerschwalbe , von Shakespeare , von Ihrem Tempelheide , der Thierseele , Pergolese , Bach und Händel erzählte , wuchs die Sehnsucht , Sie kennen zu lernen , bis zur Ungeduld . Der schlimme Winter , die politische Gährung dieses Frühjahrs , die mancherlei herbe bittre Erfahrung auf und an dem Throne trotz seiner erhöhten Sicherheit kam störend dazwischen . Nun aber ist der Wunsch dieser respektablen Menschen auf ' s Neue rege geworden . Entziehen Sie sich ihm nicht ... Was kann ich ... was soll diese schwache Musik ... und der alte Herr ... unsre stillen Gewohnheiten ... diese Unordnung ... Lassen Sie das Alles gut sein , meine Beste ! sagte Drommeldey . Ich kann Ihnen , ohne Sie erröthen zu machen , den Reiz nicht analysiren , den Sie auf die Herrschaften ausüben ! Es liegt Das sehr tief und geht bis in die magnetischen Strömungen . Wenn ich bei meinem alten Freunde , dem Justizrath Schlurck wäre und er nicht seit dem glänzenden Avancement seiner schönen Tochter einen Hang zur Schwermuth bekommen hätte , so würden wir über diese magnetischen Strömungen , ihren Zusammenhang mit dem Zeitgeiste , über Hofromantik und die christliche Staatstheorie sehr viel humoristische Knallbonbons wie beim Dessert eines guten Diners gegenseitig aufziehen . Allein Ihnen selbst gegenüber , die Sie diesen Zauber ausüben , Ihnen kann ich nur als Arzt sagen , daß Sie mir einen Gefallen thun , wenn Sie geduldig abwarten , was dieser Nachmittag über Sie verhängen wirdDas war das rechte Wort ! sagte Anna von Harder und seufzte tief auf und sprach die Worte aus der Bibel , die Johannes der Täufer zu den Neugierigen sagte : Was seid ihr in die Wüste gekommen , um einen Mann zu sehen , der von Heuschrecken lebt ? Ich bin nicht werth , Denen , die wirkliche Anerkennung verdienen , die Schuhriemen aufzulösen . Drommeldey , der die Bibel kannte , wie Voltaire und Kaunitz , aber nur um sie zu komischen Bildern zu benutzen , Drommeldey lächelte und warf eine Bemerkung dazwischen , die Anna nicht einmal verstand : Brav ! Bleiben Sie bei Johannes dem Täufer ! Wäre nur der Papa Methusalem zu bewegen , auch Stand zu halten . Der König hat die Absicht , ihn nach dem Prozeß über die Johannitererbschaft zu fragen , die jetzt auf seiner Entscheidung beruht ! General Voland ist voll von den neuen Gesichtspunkten , die der alte Herr für diese Angelegenheit gefunden haben soll und studirt alle alten Turnierbücher , um sich zu überzeugen , was propinqui equites sind und hat wie gewöhnlich fünf bis sechs Standpunkte darüber , die er bei Hofe sonderbarerweise alle zugleich vertritt . Auch Das noch ! sagte Anna tonlos und fügte hinzu , daß den Präsidenten Erörterungen über Gerechtigkeitsfragen , selbst dem Landesherrn gegenüber , verstimmen würden ... Nur Muth ! Nur Muth ! rief Drommeldey und reichte Anna die Hand . Nur unbefangen ! Die Mitglieder der Akademie dürfen kein Wort von der Überraschung wissen ! Verstehen Sie ? Befangenheit würde den ganzen Eindruck stören - Aber warum unterrichten Sie mich zuerst selbst , lieber Mann ? Das will ich Ihnen sagen , Frau von Harder . Ihr Tempelheide kommt den Menschen wie ein verzaubertes Schloß vor . Der Hof möchte es gern auch nur als verzaubertes Schloß auffassen und gefällt sich darin , drei Tage lang von Nichts als von einem verzauberten Schloß zu sprechen ... Sie sind schlimmer als die Demokraten , Sanitätsrath ! Beste ! Ich gehöre nur einer andern Philosophie an als der des Hofes ! Ich bin kein Pythagoräer wie Ihr alter Schwiegerpapa , ich bin kein absoluter Epikuräer wie Schlurck , kein relativer wie Otto von Dystra , kein Neuplatoniker wie Voland von der Hahnenfeder , kein dialektischer Eleat wie Rochus oder Stromer , ich bin meiner Stellung gemäß Eklektiker . Dieser Besuch bei Ihnen thut den mannichfach verstimmten , an wahrer Befruchtung armen Gemüthern dieser hohen Personen wohl . Doch , fürcht ' ich , denkt man sich Ihre Existenz romantischer und fabelhafter , als sie ist . Als Katharina von Rußland nach der Krim reiste , ließ ihr Potemkin gemalte Städte in die Ferne als Vexierprospekte russischer Volkswohlfahrt stellen . Belügen wollen wir die Herrschaften weder mit der Musik noch mit den gezähmten Thieren , aber nothwendig wird es sein , daß Ihr hiesiges Gewimmel und Gekrabbel , das Gebelfer und Gezwitscher nicht gefährlich erscheint . Den Tanzmeister mein ' ich , die drolligen Puterhähne , die Windspiele Biche und Alkmene - Sie wissen nicht , wie unbeliebt ohnehin alle Erinnerungen an Friedrich den Großen sind - auch die gebesserten Raben müssen in Obhut bleiben und besonders hoff ich , daß die Schildkröte , obgleich sie dem Apollo heilig ist und die erste Veranlassung der Musik wurde , ja sogar von Phidias für seine berühmte Statue der Aphrodite als Piedestal benutzt wurde - worin mein Freund Schlurck einen gewissen Zusammenhang zwischen Venus und den Mokturtelsuppen entdecken würde - ich sage , daß Sie diese schreckliche Bestie gleichfalls nicht als Wirklichkeit in den schönen Traum , der hier geträumt werden soll , hineinkriechen lassen . Anna von Harder war nicht so reflektiv und politisch gestimmt , daß sie etwa hier eingeschaltet hätte : Also so würden die Großen bedient , so würden ihnen die romantischen Täuschungen erleichtert , so würde in den Waisenhäusern die Suppe erst kräftiger gekocht , wenn sie eine Prinzessin kosten sollte ... Sie erinnerte nur an die Statuten , die schon die Sicherheit aller Sänger und Sängerinnen vor den Liebhabereien des Großpapas bedingten ; genug , Drommeldey konnte schließen : Also sammeln Sie sich ! Es bleibt dabei ! Gegen vier Uhr kommen die Herrschaften und verrathen Sie uns Niemanden ! Damit erhob sich Drommeldey , fragte noch flüchtig nach Olga , wollte keine Begleitung dulden und eilte aus dem Musikzimmer , verfolgt von dem bittenden , vorwurfsvollen Blick der in Erschöpfung niedergesunkenen , von solcher Aussicht auf ihr so nahe bevorstehendes » Glück « fast vernichteten Anna ... Draußen aber hielt Dystra den schnell dahineilenden Eklektiker mit einer Entschiedenheit auf , die ihn verhinderte , nur an eine kleine Plauderei zu denken ... Was ? Eine Konsultation ? sagte der Arzt . Dystra zog Drommeldey vom Hofe über die Rasenbeete zu dem Pavillon hinauf ... Spartakus und Cicero , seine Mohren , unterhielten sich inzwischen mit dem zahmen Reh , lachten über den Kranich und erkundigten sich in der Küche nach etwaigen Rum- und Arracvorräthen . Wie mich meine Verlobte an dieser Stelle sah , berichtete Dystra , ergriff sie die Flucht . Zwar würdevoll , majestätisch , aber so entschieden negativ , daß ich die Lächerlichkeit scheute , sie zu verfolgen . Sie huschte unter die Tannen , wie die Pfauen da , die ein häßliches Geschrei verführen ... Sie werden magerer , Baron ! Diese Liebe ruinirt Sie ... Ich kenne jetzt , antwortete Dystra , Drommeldey auf einen Gartenstuhl drückend , ich kenne jetzt die Geschichte der Rückreise Olga ' s von Rom und muß sie Ihnen andeuten , damit Sie eine Ansicht aussprechen . Wohlan ! sagte nach der Uhr sehend , der ärztliche Rathgeber , der in der Kenntniß der geheimen Verwickelungen des Lebens von keinem Beichtvater der Welt übertroffen wurde . Aber schade , daß Sie nicht schnupfen , Baron ! Und in der That sprach Drommeldey , der mit allen Geruchsnerven seiner gehobenen Nase Schnupfer war , den alten Bedienten des Hauses , der um die Erlaubniß bat , Wein oder Wasser auftragen zu dürfen , nur um seine Dose an und regalirte sich im Vorrath mit einer solchen Befriedigung an diesem pikanten Blätterdünger , wie sie seine ganze Natur , auch seine geistige , zu bedürfen schien . Dystra erzählte nun , daß er von Rudhard aus Brüssel einen Brief erhalten hätte , der ihm den Schlüssel dieses sonderbaren Benehmens der aus Italien heimkehrenden Olga gegeben . Die Familie , der man Olga in Rom anvertraut , hätte aus mannichfachen Elementen bestanden . Statt Schutzes hätte sie von Seiten einiger jüngerer Mitglieder jene quälende Huldigung erfahren , die zuletzt ein Mädchen , das auf die begehrte Hinneigung nicht einginge , wahrhaft erschöpfen und in einem Grade abspannen könne , daß sie einen Ekel und Überdruß an sich selbst empfände . In Venedig hätte Olga die unausgesetzten Galanterien zweier jungen Söhne der Herrschaft , mit der sie reiste , nicht mehr ertragen mögen und das Leiden eines selbständig in der Welt auftretenden weiblichen Wesens , da ihr die Waffen des Humors fehlten , so lästig gefunden , daß sie mit Freuden auf den Vorschlag eines älteren Mannes eingegangen wäre , sie bis Wien in seinen Schutz zu nehmen . Ohne Abschied von der Familie zu nehmen , rücksichtslos , frank und frei , ganz in Olga ' s Art , die das Tragische hätte , daß sie aus dem empfindlichsten Zartgefühl für Tugend leichtsinnig erschiene , wäre sie von jenen Menschen geschieden und hätte den Vorschlag eines älteren Mannes , sie nach Wien zu führen , angenommen . Sie kannte diesen Mann als zuverlässig von Rom aus : es war ein Jesuit , der Professor Sylvester Rafflard ... Himmel ! unterbrach Drommeldey erschreckend ... Kennen Sie ihn ? Erzählen Sie ! Das Mädchen ist die neue Clarisse Harlowe ... Dystra fuhr fort , nach Rudhard ' s Mittheilungen zu berichten , daß Olga diesen Mann nur von Rom und dem Hause der Gräfin d ' Azimont gekannt hätte . Sie hätte mit Freuden von ihm vernommen , wie er immer gegen den Fürsten Egon gesprochen , wie er der damals noch von ihr verehrten Helene die Charakterlosigkeit dieses Treulosen unbarmherzig vorgehalten , bis Helene selbst » charakterlos « geworden . Damals schon hätte sie zu jenem gefälligen Hausfreund ihre Zuflucht nehmen , seinen Rath begehren wollen . Nun fand sie ihn in Venedig auf dem Balkon eines Hotels , wo sie schwermüthig in den großen Kanal blickte und ihn für einen Retter vor den Unarten zweier jungen modern erzogenen Söhne der schwachen Dame , mit der sie reiste , ansah ... Sie kam aus dem Regen in die Traufe ! unterbrach Drommeldey mit prosaischer Wahrheit einen Zustand , der in der auf den gefährlichsten Bahnen wandelnden Olga tragisch genug zum Bewußtsein gekommen schien . Dieser gefährliche Mensch ! Ich lernte ihn bei Helene d ' Azimont kennen und wurde so mit der Beschleunigung des Wiedersehens zwischen ihr und dem damals fieberkranken Prinzen Hohenberg gedrängt , daß ich , um diese Krisis minder gefährlich zu machen , zur List und Verschlagenheit greifen mußte . Noch ist mir ein Räthsel , welche Rolle jener Faun in diesem Verhältnisse spielen wollte . Und diesen Mann , sagte Dystra , hab ' ich von bedeutenden Notabilitäten der Residenz rühmen hören , habe Rochus vom Westen entrüstet gesehen , als es hieß : Ein Jesuit ist ausgewiesen . Auf dem Wege nach Wien , wohin ihn wol geheime Aufträge führten , muß er seiner ganzen Natur die Zügel haben schießen lassen . Das arglose Mädchen wollte sich von den Nadelstichen kindischer Huldigungen befreien und verfiel in eine Gefahr , die Sie ermessen können , wenn Sie Rudhard ' s Geständniß hören , das ungefähr in der Thatsache besteht : Er kam nach Wien , fand Olga nicht in dem Gasthofe , wo die aus Rom rückkehrende Familie hatte absteigen wollen . Diese Familie traf endlich ein . Olga blieb aus . Wie bebte sein Herz , als er den Namen Rafflard nennen hörte ! Der alte Pädagog , ewig geneckt von den Extremen der Zeit ! Sein Zögling in solcher Gefahr ! Die Taube in den Krallen des Geyers ! Was sollte er thun ? Bleiben , reisen ? Er suchte den Beistand der Regierung . Er bot Alles auf , zu einer genauen Kenntniß der Route zu kommen , die Sylvester Rafflard mit Olga genommen hatte . Oft wär ' s ihm , dem besonnenen , kalten Manne gewesen , als hätt ' er mit der Stirn gegen die Wand rennen müssen ! Endlich hätte er erfahren , daß ein älterer Herr mit einem jungen Mädchen von Triest über Udine nach Steiermark gereist wäre . Aus spätern fragmentarischen Berichten ergab sich , daß Rafflard die katholische Schwärmerei Olga ' s zu irgend einem Lebensplane nutzte , ihr eine Rundreise durch Klöster und Abteien als eine romantische Verschönerung ihres nächsten Reisezweckes vorhielt und gradezu auf eine Eroberung nicht nur für die Kirche , sondern vielleicht gar für die Heiligengeschichte zusteuerte . Drommeldey blickte fragend auf ... In der That , Doktor ! sagte Dystra . Es ist schaudervoll , wie weit die mittelalterlichen Rückfälle gehen . Man wird mit ihnen grade wieder bei Thümmel ' s Reisen ankommen . Rafflard hatte in Rom die Leidenschaft Olga ' s für die katholische Kirche bemerkt . Der Kriticismus ihres Erziehers hatte ihr keine Waffen in die Hand gegeben gegen den verführerischen Reiz der Musik und des entzündeten Weihrauchs . Da findet er in Venedig dies Kind wieder , das sich ihm mit seinem ganzen schwärmerischen Unbedacht in die Hände liefert . Weit entfernt , sich ihr durch seine schlimme Natur verdächtig zu machen , legt es Rafflard darauf an , Olga ' s Überspannung bis zum Visionären zu steigern und sich in der hierarchischen Sphäre , wie man das jetzt sehr gut durch Extreme kann , einen Namen zu machen . Er spricht bei Geistlichen mit ihr vor , die die Sehnsucht des Mädchens nach diesem Extremen steigern . Hier und da eine aus den höheren Ständen in den geistlichen getretene Nonne muß Olga in dem Vertrauen auf innere Offenbarungen stärken . Sie wissen , daß jetzt überall Wunder der katholischen Kirche wieder auftauchen ! Bilder schwitzen Blut , an visionären Mädchen auf dem Lande zeigen sich die Leidensmale Christi , es ist , als schwankten wieder alle festen Normen und Naturgesetze , als ergriffe die Menschen in gewissen Gegenden der St.-Veitstanz der Ideen , die Alles im Wirbel mit ihnen umdrehen . Dieser Rafflard soll alle Stadien eines pädagogischen Abenteurers durchgemacht haben und als wahrer Seelenverwüster nun damit enden wollen , Heilige zu schaffen . Er fand in jenen mit Geistlichkeit jedes Ordens gesegneten , zur Donau auslaufenden Bergthälern Hülfe genug , Olga zu fesseln , bei ihrem aus Liebesgründen nicht gesteigerten Verlangen nach der Rückkehr zu den Ihrigen sie planlos umherzuführen , bis sie in einen Zustand kommen mußte , den ich mit jener Zähmung der Schlangen in den Kästen der indianischen Zauberer vergleichen möchte , mit jener Erstarrung durch umhüllende Decken , die eine Lethargie , eine Geistesohnmacht , eine Willenlosigkeit zurücklassen , an welcher man erlebt hat , daß Frauen für heilig galten , sie wußten nicht wie und daß sie sich inspirirt glaubten , sie wußten nicht von Wem , wol aber an sich selber glaubten , an ihre eigne Geistesverwirrung wie an ein Evangelium , das Unsichtbare ihnen zuriefen , ja daß sie stigmatisirt waren , ohne es zu wissen ... Drommeldey sprang auf . Er hatte erst gelächelt , erst wirklich an Thümmel ' s Reisen , die er und Schlurck ausnehmend liebten , gedacht . Nun aber überwältigte ihn der Zorn . Er erging sich in Verwünschungen eines wahnsinnigen Zeitalters - und hatte doch eben selbst diesem wahnsinnigen Zeitalter sich zum Opfer dargebracht , seine Logik , seinen klaren Verstand , seinen Voltaire dem Mittelalter und einer am Throne doppelt gefährlichen Romantik preisgegeben ! In Linz , fuhr Dystra fort , entdeckte endlich Rudhard die Flüchtlinge . Die Jesuiten , die oben auf der schönsten Aussicht über die Donau und die Steiermärker Berge wohnen , mögen Rafflard angezogen haben . In der Wohnung einer besonders bigotten vornehmen Sternkreuzordens-Dame war Olga wie eingebürgert und wurde von dieser und einem Dutzend hoher Geistlicher gleich einer Heiligen behandelt . Ich zweifle gar nicht , daß es darauf abgesehen war , das Kind in einen magnetischen Zustand zu versetzen . Rudhard fand sie , wie sie schlummernd auf einem Ruhebett lag , die Brust mit einem Kreuze bedeckt ... Das Kreuz war ein Magnet ! Das vermuthet Rudhard selbst und beklagt sich , desselben sich nicht bemächtigt zu haben . Er wäre im Hotel abgestiegen ,