Thiebold , des Abschieds von Benno , als dieser sie so tief beklagte ! ... Sie schrieben sich nun nicht , einer ließ den andern nichts von sich hören - und doch war alles , was Armgart erlebte , nur wie ein Stoff zum künftigen Bericht an beide , deren sie als Freunde so gewiß zu bleiben glaubte wie ihres Schattens ... Sie tummelten sich ja jetzt nur in der Welt , wie sie ; sie würden schon wieder zusammenkommen und Benno würde dann alles vergeben , was zu vergeben war , würde ausgleichen , was auszugleichen - Damals hatte sie einem alten Herzog , der sie , für so arm und papistisch sie galt , zu seinem Range erheben wollte , gesagt , sie wäre verlobt ... In jenen Wochen der Angst und Verzweiflung um Benno ' s Schicksal , hätte sie sogar Terschka ' s Rath und Beistand angehen können ; denn zu , zu verlassen fühlte sie sich ... Wem sollte sie sagen , was ihr Benno von Asselyn gewesen und geworden ! ... Sie flatterte wie ein zum Tod verwundeter Vogel und suchte nun auch Terschka selbst auf - sie schrieb ihm ... Aber gerade jetzt fehlte der sonst so Zudringliche , jetzt verbarg er sich - wo und warum ? ... Sie erhielt einen Brief von Schloß Neuhof , in welchem sich eine Einlage des Präsidenten für Terschka befand ... Diese wollte sie ihm überschicken ; es hieß , Baron Terschka wäre verreist - einige Italiener sagten , seine Abwesenheit hinge mit dem Aufstand der Brüder Bandiera zusammen , die von Korfu nach Calabrien eingebrochen waren , mit ihrer kleinen Schaar geschlagen wurden , im Silaswalde lange umirrten , dann von einigen Gefährten verrathen und in Cosenza - standrechtlich erschossen wurden1 - - ... Den Zusammenhang des Geschicks dieser edlen , damals von ganz Europa bemitleideten Jünglinge mit Benno kannte sie nicht ... Sie hörte nur überall den Schrei der Entrüstung über die Grausamkeit der Regierung Neapels ... Sie durfte damals noch das Aeußerste auch für Benno fürchten ... Im Begleitschreiben der Einlage an Terschka las sie , daß der Präsident sofort die Vermittelung der Regierung zu Gunsten Benno ' s in Anspruch genommen hatte , aber der traurige Bescheid war gekommen , daß diese den ehemaligen Landwehrmann Benno von Asselyn schon lange als fahnenflüchtig , zum mindesten als aus dem Unterthanenverband ausgeschieden betrachten und ihn seinem Schicksal überlassen müsse ... Man solle sich an Oesterreich wenden , hatte es mit bitterer Betonung geheißen , in dessen Diplomatie er eingetreten schiene seit seiner » Courierreise « nach Rom ... Bald aber kam die Kunde , Benno wäre befreit und von der Engelsburg entflohen ... Terschka war es , der diese Botschaft brachte ... Von ihrer Liebe konnte er sich an Armgart ' s Jubel überzeugen ... Seiner Erzählung nach wurde Benno mit dem Advocaten Bertinazzi und einigen angesehenen Männern gefangen genommen ... Ein Graf Sarzana konnte sich nicht unter ihnen befunden haben ; denn von Lucinden erzählte Terschka zu gleicher Zeit , daß ihre schon in London bekannt gewordenen Hoffnungen , eine Gräfin Sarzana zu werden , nicht die mindeste Störung erlitten hätten ... Durch eine Fallthür war es dem größten Theil der überraschten Loge möglich gewesen , einen aus dem Hause des Advocaten führenden geheimen Ausgang zu gewinnen ... Nun aber wäre Benno frei , befände sich in Marseille und müßte in diesem Augenblick in Paris sein ... Der Stachel , den Terschka mit den Worten : » Man sagt , die allmächtige Nichte des Cardinals Ceccone hätte ihn befreit ! « in ihr Herz drückte , haftete nicht allzu lange , denn Terschka führte den Stich nur zögernd ; er schien vollauf mit dem Brief des Präsidenten beschäftigt - mit welchem er über die von ihm noch zurückgehaltene vollere » Orientirung des Grafen Hugo in Betreff Angiolinens und der Herzogin von Amarillas « schon lange correspondirte und - rechnete ... Während Armgart nun von Tag zu Tag auf Nachrichten aus Marseille oder Paris harrte oder wenigstens aus Witoborn oder Kocher am Fall - auch mit dem Onkel Dechanten correspondirte sie - erfuhr sie die überraschende Anwesenheit Paula ' s und ihres nunmehrigen Gatten wieder auf Schloß Westerhof ... Paula hatte sich in Wien nicht heimisch fühlen können und war in ihre magnetischen Zustände zurückverfallen ... Der Oberst stand mit ihr im Rapport - Graf Hugo sah ihr jeden Wunsch am Auge ab ... Noch mehr , als die Provinz erleben sollte , der deutschkatholische Oberst magnetisirte die Gräfin Dorste , entführte sie ihr Gatte selbst diesen Conflicten und wollte mit ihr nach Italien ... Die Mutter des Grafen sah darin nichts als die äußerste Schwäche ihres Sohnes , der sogar seine Gattin dem Priester zuführe , den sie liebe ... In jenen Tagen geschah dies alles , wo Bonaventura in Rom war , um sich zu vertheidigen wegen seines Schutzes waldensischer Sektirer , ja wegen seines Rufs , ein Magnetiseur gewesen zu sein ... Wie mußte Armgart erstaunen , als Terschka die Botschaft brachte : Bischof Bonaventura kehrt nach dem Thal von Castellungo als Erzbischof von Coni zurück ! An die Stelle seines grimmen Feindes Fefelotti ! ... Wieder war es , wenigstens in Terschka ' s Darstellung , Fürstin Olympia Rucca , die als die Retterin und Vorsehung auch dieses Asselyns genannt wurde ... Schon setzte Terschka mit zweideutigem Lächeln hinzu , Fürst Ercolano Rucca hätte sich zum Attaché der Nuntiatur in Paris machen lassen und seine Frau wäre ihm vorausgeeilt , um in Paris - eine Wohnung zu bestellen ... Noch glitt aller Verdacht von Armgart ' s reiner Seele ... Nur das Eine begriff sie nicht , warum von Thiebold nichts verlautete , warum Benno nicht nach London kam , wo sich doch alle Freunde Italiens sammelten , auch die Trümmer jener so unglücklich gescheiterten Bandiera ' schen Expedition ... Terschka konnte dann nicht länger bei ihr gegen Benno wühlen ... Wieder war er für einige Zeit vom Schauplatz der Gesellschaft Londons verschwunden ... Seit dann Bonaventura in der That mit glänzender Genugthuung Erzbischof von Coni geworden war , hörte sie von Westerhof , mit Ausnahme der ihre Aeltern betreffenden Nachrichten , eine Weile nur Frohes und Gutes ... Noch war Paula in Westerhof ... Armgart schrieb ihr , sie möchte alles aufbieten , die Aeltern vor dem Aeußersten ihrer Unternehmungen zu bewahren ... Als sie Briefe erhielt , die hier jede Möglichkeit der Einwirkung in Abrede stellten , kämpfte sie mit sich , ob sie nicht sofort abreisen sollte ... Sie würde diesem Triebe gefolgt sein , wenn nicht von ihrer Mutter das ausdrückliche Verbot gekommen wäre ... Die Mutter fügte hinzu , daß sich auch gegen Paula ' s und des Grafen längeres Verweilen in der Provinz Intriguen zeigten ... Die Geistlichen hätten gegen die Wunderkraft Paula ' s gepredigt ... Der Zustrom derer , die Heilung begehrten , hätte , seitdem überall in den Beichtstühlen der Besuch Westerhofs widerrathen würde , abgenommen ... Die Ehe mit einem Lutheraner , die geistige Verbindung mit einem Deutschkatholiken könnte ja auf alle Fälle nur Unheil bringen ... Man trüge sich mit Abschriften der Gesichte , die Paula unter des Vaters magnetischer Hand gehabt hätte , und fände in ihnen einen Himmel und eine Erde , die mit den rechtgläubigen Bedingungen nichts gemein hätten ... Während Paula alle Obliegenheiten ihres Glaubens noch immer erfülle , erschiene ihr in ihren Wahn- und Ahnungsgebilden weder der blutende Christus , noch sein durchstochenes Herz , weder das Lamm mit der Fahne , noch die Mutter Gottes ... Sie sähe Tempel , aber sie wären ohne Hochaltar ; sie sähe Opfer , aber sie schienen nichts als der Duft der Blumen zu sein ... Paula behaupte , von jedem Dinge die Seele zu erblicken und diese trüge nichts zur Schau von einem Verlangen nach Erlösung ... Meist schwebte alles , was sie sähe und erkenne , über einen unermeßlichen Regenbogen hinweg ... Armgart ' s Bildung und Stimmung war reif genug , zu sagen : Sie sieht aus den inneren Erfahrungen ihres Herzens das Land ihrer Sehnsucht , wo es keinen Haß und keine Verfolgung mehr gibt ! ... Die Mutter sagte : Sie sieht , unter meines theuern Gatten Hand , das Land der Wahrheit ... Der Onkel Dechant schrieb : Sie sieht - Italien ! ... Die Gegensätze hatten , das erkannte Armgart , um Witoborn eine Höhe erreicht , wo es keine friedliche Ausgleichung mehr gab ... Schon hatten Monika und Benigna , Ulrich und Levinus Hülleshoven wieder ihre natürlichen Stellungen eingenommen und trotzdem , daß oft der Oberst nach Westerhof kam , innerlich gebrochen ... Selbst Graf Hugo war geneigt , für die Bewahrung des Alten Partei zu nehmen , wenigstens keinen Anstoß erregen zu wollen durch zu auffallende Begünstigung der kleinen Ketzergemeinde in Witoborn ... Und Monika sagte offen , daß Paula noch den Grafen zu ihrem Bekenntniß hinüberziehen würde ... Briefe voll äußersten Schmerzes kamen darüber aus Castellungo von des Grafen Mutter ... Armgart schrieb hin und her zur Vermittelung , zur Aufklärung ... Vergebens ; der Bruch zwischen ihrer Mutter und Westerhof wurde unheilbar ... Graf Hugo konnte sich nur mit Schwierigkeit , Oberst Hülleshoven unter keinerlei Bedingung mehr in Witoborn halten ... Armgart ' s Aufregung wuchs , als der Onkel Dechant , der von allen diesen Vorgängen , von Benno ' s Schicksalen , von den allmählichen Entdeckungen über dessen Herkunft seine schon dem Erlöschen nahe Lebensflamme noch einmal neu und nicht wohlthuend geschürt sah , gerade ihr , der er sich , seit Armgart ' s vertrauensvoller Bitte um seine Hülfe beim Aussöhnen ihrer Aeltern , besonders theilnehmend zugewandt hatte , aus Kocher schrieb : » Zu den Mislichkeiten des Kampfes deiner Aeltern gehört vorzugsweise die ausbleibende Unterstützung durch den Staat ... So tiefe Wurzeln hat bereits die durch die katholische Reaction geschürte Reue über den Abfall von Rom bei den maßgebenden Protestanten geschlagen , daß sich niemand findet , der diese große Bewegung einer Reform des römischen Glaubens würdig unterstützt ... Die protestantischen Regierungen fühlen ganz das , was die Jesuiten zum Staatskanzler gesagt haben sollen : Wir sind Conservatoren ! Wir erhalten und bekämpfen eben das , was ihr ! ... Die Fürsten Deutschlands suchen die kleinste Aenderung des Gegebenen zu hindern , im Vorgefühl , daß ein einziges weggenommenes Sandkorn zur stürzenden Lavine anwachsen könnte ... So muß diese denkwürdige Bewegung , da sie ohne den Beistand tieferer Geister bleibt , in sich ersterben , ja sie wird zum Gewöhnlichen herabgezogen und , ganz nach den Anweisungen der Jesuiten , zu einer Sache mehr oder weniger nur des Pöbels gemacht werden « ... Die kindliche Liebe , die Bewunderung , die Armgart vor der treuverbundenen Zärtlichkeit ihrer Aeltern erfüllte , entwaffnete ihren Widerspruch gegen alles , was von den Aeltern unternommen wurde ... Wie es verzweifelte Aufgaben mit sich zu bringen pflegen , die Wahl der Hülfsmittel , die die Aeltern ergriffen , konnte sie unmöglich alle billigen ... Selbst der ruhige , kaltblütige Vater ließ sich vom trotzenden Sinn der Mutter zu Unbedachtem fortreißen ... Allen Adelsgenossen der Gegend bot er das Schauspiel eines mit Absicht den Nimbus seiner Geburt Zerstörenden ... An seiner Fabrik betheiligte er sich wie ein Arbeiter , ließ sich wie ein Schreiber in seinem kleinen Wohnhause mit der Feder hinterm Ohr erblicken , unterschrieb die kleinsten geschäftlichen Veröffentlichungen mit seinem vollen Namen und löste auf diese Art jeden Zusammenhang mit seinen Standesgenossen ... Und doch rührte es Armgart , daß die Mutter bei allen diesen Dingen gleichsam nachholte , was sie in zwölfjähriger Trennung ihrem Manne zu sein unterlassen hatte ... Zur selben Zeit , als es dann plötzlich hieß , Paula ist wirklich nach Italien gereist - es mußte in schnellem Entschluß geschehen sein , da Armgart nicht einmal von Paula selbst die Nachricht erhielt - erlebte Armgart den Schrecken , daß Thiebold in London war und sie nicht besuchte ... Terschka war seit einiger Zeit ihren Blicken ganz entschwunden , sie konnte von ihm über diese betrübende Erfahrung keine Aufklärung erhalten ... Allmählich hörte sie , daß Thiebold in jener trüben Gensdarmenzeit seinerseits in der Heimat sich auch nur mit Mühe von politischem Verdacht über seinen Aufenthalt in Rom hätte reinigen können ... Ueber Benno hörte sie , daß der Präsident für ihn die freie Rückkehr zu erwirken gesucht hätte , aber auch damit nicht durchdrang ... Die Mutter schrieb ihr nach allerlei seltsamen Andeutungen über Benno ' s jetzt immer mehr sich lüftende Herkunft , daß ihr alter Freund undankbar genug gegen diese Verwendungen protestire ; Benno wollte , hätte er aus Paris geschrieben , jetzt ganz nur noch Italiener sein ... » Man weiß ja « , schrieb die Mutter , » wer alles seine Flucht ermöglicht hat ! ... Die dir wol noch bekannte Lucinde Schwarz hat das römische Staatsruder in Händen ! ... Ist die Abenteurerin vielleicht einer Regung von Dankbarkeit für die Familie gefolgt , die ihr und dem Doctor Abaddon , Herrn Oberprocurator Nück , das Zuchthaus ersparte ? ... Wie solche und ähnliche Menschen Rom nach Gutdünken regieren , ersieht man ja aus Bonaventura ' s Laufbahn ... Trotz des Staatsverbrechens seines Anverwandten Benno , trotz der gegen ihn erhobenen Anklage über seine Antecedentien als Magnetiseur , trotz seiner an und für sich höchst achtbaren Unterstützung der waldensischen Bewegungen Italiens ist er nach einem kurzen Aufenthalt in der ewigen Stadt als Erzbischof in die Thäler seiner neuen Heimat zurückgekehrt , nachdem er vorher Lucinden in der Kirche der Heiligen Apostel in Rom mit einem päpstlichen Gardisten getraut hat ... Freilich soll die in Paris verweilende Fürstin Olympia Rucca , die Beherrscherin des Kirchenstaats , alles möglich machen - - « Hier brach der Brief mit räthselhaften Gedankenstrichen ab ... Centnerschwer wälzten sie sich auf Armgart ' s vereinsamtes Herz ... Es folgten dann in dem verbitterten , im Ton höchster Reizbarkeit geschriebenen Briefe noch Scherze über den Onkel Levinus , der in allen Bibliotheken nachschlüge , um eine klare Vorstellung über das alte Cuneum , jetzt Cuneo oder Coni , zu gewinnen - Tante Benigna vergliche die Ehrfurcht , die hier zu Lande vor dem entthronten Kirchenfürsten geherrscht hätte , die Trauer über seinen nach seiner Freisprechung bald erfolgten Tod , die Festlichkeiten der Inthronisation seines Nachfolgers mit dem Bilde der Festlichkeiten in Coni , zu denen wol Paula nun persönlich erscheinen würde - Paula ' s Gatte hätte vor seiner Abreise seine Besitzantretung vollständig geordnet , hätte die Verträge mit den Agnaten abgeschlossen , hätte das voraussichtliche Erlöschen seines Stammes mit dem Präsidenten von Wittekind , dem nächsten Erben , zum Gegenstand gerichtlicher Punktationen gemacht - und da dann auch der Präsident ohne Kinder wäre , so wäre manche geheimnißvolle Seite aus dem Lebensbuch des verstorbenen Kronsyndikus , des Tyrannen , jetzt zur offenen Kunde gelangt - Noch läge ihr zwar nicht offen , warum in letzter Instanz das ausschließliche Erbrecht Bonaventura ' s durch eine anderweitige Beziehung gemodelt werden könnte - aber man spräche jetzt allgemein , durch Hülfe des kanonischen Rechts könnte selbst Benno noch vor Bonaventura die Vorhand gewinnen - Nicht unmöglich , schrieb die Mutter , daß eine in Rom , jetzt in Paris lebende Herzogin von Amarillas , eine ehemalige Sängerin aus Kassels westfälischer Zeit , mit dem Kronsyndikus eine geheime Ehe geschlossen hat und Benno ihren Sohn nennen darf - ! ... Benno Sohn des Kronsyndikus ! ... Ueber alle diese so räthselhaften und ganz nur abgerissen mitgetheilten und mit religiösen Betrachtungen schließenden Dunkelheiten durfte Armgart wol in eine Aufregung gerathen , die sie der Mutter kaum schildern konnte ... Sie sah Benno in Rom - in Paris - in den Armen einer Mutter , die eine Herzogin war - eine Fürstin hatte ihn gerettet - Lucinde war eine Gräfin Sarzana geworden - ! ... Noch flossen ihre Thränen nicht ; noch glaubte sie an den Sieg des Guten und Edeln ; noch standen nur lichtverklärte Bilder vor ihren Augen ... War nicht das Höchste möglich - : Graf Hugo führte Paula nach Coni zum Freund ihrer Seele ! ... Sie sah noch ihre magisch seraphische Welt , ihre in den Wolken schwebenden Rosenkränze , ihre großen Thaten der Entsagung und der opfernden Liebe ... Aber schon die Vorstellung : Benno ein Sohn des Kronsyndikus ! - das war ja ein Bild wie aus der Welt des Teufels , an die jetzt auch die Mutter nach ihren religiösen Ausdrücken zu glauben schien ... Der Onkel Dechant , den Armgart ' s reife und inhaltreiche Briefe besonders zu erfreuen schienen , schrieb ihr : » Nun hat deine sonst so treffliche Mutter gar den Standpunkt einer bloßen Vernunftopposition gegen den Katholicismus verlassen ! ... Der der deutschkatholischen Bewegung gemachte Vorwurf , es läge ihr ja kein Bedürfniß nach Religion , am wenigsten nach dem Christenthum , zu Grunde , bestimmt sie , sich dem Einfluß unterzuordnen , den Hedemann um so mehr auf sie ausübt , als die freudige Geduld und werkthätige Liebe , mit der dieser Treueste sich seinem Beruf widmet , allerdings jeden , der sein Leiden , den schmerzlichen Hinblick auf die junge Frau sieht , die sich so innig ihm anschloß , ergreifen und rühren muß ... Aber eine Monika verirrt sich in die trübe Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben ! ... Ich mußte deiner Mutter schreiben : Durch den Grundverderb unserer Kirche , den auch ich in unsern Ehegesetzen finde , sind Sie aus dem Denken und Fühlen Ihrer Jugend hinausgedrängt worden - aber daß Sie , Sie einen Teufel durch den andern austreiben , das ist beklagenswerth ! ... Sie herrliche , klare , geistesfrische Frau , wie kommen Sie zu Hedemann ' s Bibelgefangenschaft ? ... So oft ich dem von Amerika angesteckten Quäker hier beim Obersten begegnete , erkannte ich die unwürdigste Abhängigkeit des Menschen , die vom Buchstaben ... Unsere Zeit ist nicht zu neuen Religionsschöpfungen gemacht , die einzige Religion des Bruchs mit aller Religion etwa ausgenommen , und was wir von Verbesserung unserer kirchlichen Zustände gewinnen können , wird immer nur die Folge gelegentlicher Veranlassungen sein ... Selbst zu Luther ' s Zeiten war es nicht anders ... Deutschland hatte sich damals in seiner Reichsverfassung überlebt , die Fürsten waren zu mächtig geworden und suchten sich zu kräftigen durch alles , was schwach und leicht zu erobern war ; sie rissen die geistlichen Güter an sich und so zerfiel der Zusammenhang mit Rom von selbst ... Aehnliche Umwälzungen werden auch wir wieder erleben und aus Benno ' s traurigen Verirrungen erseh ' ich wenigstens eine schöne und große Hoffnung ... ... Was er von Italien schreibt , der arme Verlorene , ist herrlich ... In der Geschichte straucheln die Bewegungen der Massen und Interessen über einen Strohhalm und ich juble im Geiste dem neuen Tag entgegen , wenn Italien dem Papstthum selbst den Schemel unter den Füßen wegzieht ... « Wie erschrak Armgart ! ... » Traurige Verirrungen ? « ... » Der arme Verlorene ? « ... Schon flossen ihre Thränen ... Sie schrieb an Bekannte in Paris , ihr von einer gewissen Herzogin von Amarillas zu berichten ... Am Tage darauf kam wieder ein Brief aus Kocher am Fall ... Der Dechant , wie aus Reue , die Mutter bei Armgart angeklagt zu haben , schickte ihr auch eine eben erhaltene Antwort der Mutter auf seinen Brief ... Die Mutter hatte dem Dechanten geschrieben , daß sie sonst immer so gedacht hätte , wie er , und mit Hedemann und Erdmuthe hätte sie in gleicher Weise gestritten ... Indessen wäre der Vorwurf , daß die Gegner Roms ohne ein religiöses Bedürfniß überhaupt wären , zu empfindlich für die Sache der geistigen Freiheit geworden und deshalb hätten ihre Angehörigen den Beweis liefern müssen , daß sie dem gemeinschaftlichen Urquell des Lichtes näher stünden , als ihre Feinde ... » Ich erkannte « , las Armgart , » daß die Verneinung nur auf der Schärfe eines Messers geht und dabei keinen Schritt vor dem Ausgleiten sicher ist ... Das erkannt ' ich , als ich in unsrer kleinen Gemeinde , die eines Tages ohne Lehrer war , reden wollte ... Man kann nicht reden , wenn nicht aus der reichsten Fülle des Stoffs ... Jede andre Belebung zum Sprechen ist todt und hülflos ... Hier einen Satz zugeben , dort einen wegnehmen , da halb , da beinahe halb dies oder jenes wollen oder sagen , das erzeugt vielleicht das Feuerwerk eines feinen und ironischen Kopfes , aber es leuchtet nur eine Weile und verpufft ... Nun sah ich , warum unser herrlicher Hedemann immer und immer sprechen kann ... Einfach ist seine Rede , aber sie hat die Fülle der Beredsamkeit und erwärmt ... Warum ? Ich mußte mir sagen : Aus dem Vollen nur kann ein lebendiger Glaube kommen und sich auch im Aussprechen lebendig bewähren ! ... Glaube ist nicht die blinde Annahme des Übernatürlichen , sondern Versenkung in die ganze Erscheinung einer Sache ... Das Evangelium wird dem Glaubenden wie ein Freund , auf den man schwört , weil man ihn in einer großen Probe einmal erkannt hat ... Die Ueberzeugung , daß die Bewährung im Einen da ist , erleichtert das Vertrauen dann auch auf die Bewährung im Andern ... So versenkt ' ich mich in die Schrift und die beiden Hauptgegenstände ihrer Verherrlichung , in Gott und seinen Sohn ... Mehr braucht die Religion der Menschheit nicht ... Diese beiden großen Bilder haben so tausendfache zarte Pinselstriche , daß sie jede andere Weisheit überflüssig machen ... Nicht daß ich Wissenschaft und Kunst zurückwiese und wie Omar alle Bücher verbrennen wollte , wenn nur die Bibel bleibt ; aber ein ganzes volles Leben und ein Leben der Gemeinsamkeit zwischen vornehm und gering , zwischen gelehrt und arm an Geist ist nur durch die Schrift möglich ... Und dieses gemeinsame Feld ist nicht etwa eng und das Ergehen auf ihm bald ermüdend ; im Gegentheil , ich entdeckte einen Schatz nach dem andern , als ich die Bücher noch einmal zu lesen begann , die ich früher als eine Quelle der Verdunkelung des Verstandes geflohen war ... Ich finde die höchste Weisheit in dem , was uns belohnt für das Gebot des Apostels : Forschet in der Schrift ! ... Das menschliche Herz will nun einmal Liebe und Liebe muß fühlen und Gebet ist Erhöhung des Gefühls , Sammlung zum Aufblick . Worauf ? Auf das Bessere und die Besseren ... Die große Zahl von Besseren , die die Katholiken als Heilige verehren , sind die zu üppige Erweiterung eines Gefühls , das an sich ganz richtig ist ... Die Liebe gestaltet alles persönlich und das ist denn der persönliche Gott , der lebendige , der unmittelbar auf uns wirkende , der Gott der Offenbarung ... Mein Glaube sieht im persönlichen Gott keine irdische Gestalt , sie zieht das Unaussprechliche und Unbegreifliche nicht in die Sprache der Dichter und Propheten herab ; für mich und für die , die fühlen wie ich , ist der persönliche Gott die Wirkung seines Vorhandenseins in uns ; seine größte Offenbarung war die in jenem , der den Muth hatte , sich deshalb auch geradezu Gottes Sohn zu nennen ... Nehmen Sie nur einmal wieder die Evangelien in die Hand , mein theurer Freund , und nicht Ihren Horaz und Virgil ! Wischen Sie weg , was auf diese ehernen Tafeln der Witz , der menschliche Spott und selbst die gelehrte Kritik geschrieben haben , und sehen Sie dann , was übrig bleibt ... Von dem Tage an , wo ich priesterlich fühlte - und jeder Religionsstifter muß priesterlich fühlen , keine Religion macht sich am Theetisch - von dem Tage an ist mir die Erscheinung unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi aufgegangen wie die meines besten Freundes ... Ich wandle mit ihm am See Tiberias , ich spreche mit ihm bei seinem Freunde Lazarus vor , ich sehe die Fußtapfen , die er hinterlassen hat und die überall gesegnete sind ... Sein Leiden ist ganz persönlich das meine ; seinen Todeskampf ring ' ich mit ; er lehrt mich am Kreuz lieben und vergeben ... Auf Liebe , Glaube , Hoffnung , begründet durch Christus und einen persönlichen Gott , müssen wir unsere Kirche erbauen - « ... Darunter hatte denn der Onkel mit seiner alten zitternden Hand und in seinem friedlichen Sinn geschrieben : » Im Grunde ganz unverfänglicher Glaube des Petrus Waldus , in Ruhe gestorben um 1200 , aber in seinen Anhängern , den Waldensern , gekreuzigt , gerädert , geviertheilt , verbrannt bis auf den heutigen Tag . Fiat lux in perpetuis ! « ... Das Unkatholischste , was sich denken läßt , ist eine in der Kirche sprechende Frau ... Aber Armgart , ohnehin schon in einem geknickten Zustande , fühlte sich durch diesen Brief der Mutter vollends daniedergebeugt ... Weniger empfand sie Rührung um das Bekenntniß der Mutter , als um den tiefinnern , soweit schon gekommenen Schmerz , der ihm offen zu Grunde lag , um die ungeheure Aufregung , den Bruch der Seele in dieser stolzen Frau zu erkennen zu geben ... Sie sah die erbangende Liebe für den Vater , Liebe für den von seiner Krankheit gebeugten Hedemann ... Ein schlichter , wissenschaftlich ungebildeter Mann hatte durch die immer gleiche Gediegenheit seines Charakters und die unerschütterliche Consequenz seiner Denkweise die Oberherrschaft über seine Umgebungen gewonnen ... Die Mutter wollte nichts mehr wissen von der Herrlichkeit und Einbildung dieser Welt - sie wollte fühlen wie der geringsten einer und ihr Gatte folgte dem Beispiel , das sie mit so beredten und feurigen Worten zu erläutern wußte ... Armgart durfte sich bei Alledem wenigstens sagen : Du allein hast die Aeltern so verbunden ! ... Voll Rührung schrieb sie der Mutter , sie wolle nun zu ihnen kommen ... Die Mutter , ihr selbst sich nicht im mindesten ebenso weich offenbarend , wie dem Onkel , entgegnete ihr : » Kind , du weißt , daß Paula , dein einziger hiesiger Anhalt , den ich gestatten würde , in Italien ist ... Daß du deine Stelle im Stift einnimmst , wieder mit Benigna , die dich mir einst schon raubte , in Westerhof lebst , ist nicht möglich ... Es wäre ein Bruch mit allem , was unser Stolz , unsere Erhebung geworden ist ... Diese Menschen hier sind ja wahnsinnig ... Gott der Herr wird auch an ihnen gute Gründe finden , warum er sie nicht ganz verwirft ; ich verwerfe sie ... Im Stift Heiligenkreuz würdest du nur zu unserer und deiner Kränkung deine Stelle einnehmen ... Glücklicherweise ist dir auch gestattet , deine Pension auswärts zu verzehren ... Wir sehen jedoch ein , daß unsere eigenen Wege für deine Jugend noch zu rauh sind ! Bleibe also noch getrost bei deiner trefflichen Lady ! « ... Dann folgte eine Antwort auf die Frage nach den räthselhaften Andeutungen über Benno ' s Ursprung in dem letzten Briefe der Mutter , die Versicherung , daß Benno der Bruder des Präsidenten von Wittekind wäre und noch eine Schwester besessen hätte , die einst Graf Hugo entdeckt , erzogen , geliebt und daß er lange ihr trauriges Ende beweint hätte ... Das war , alle ihre Lebensgeister erschütternd , gerade der empfangene Eindruck , als sie nun von jener Freundin in Paris , die von ihr um die Herzogin von Amarillas befragt wurde , Aufklärungen erhielt , die diese , ohne das nähere Interesse Armgart ' s zu kennen , in aller Harmlosigkeit gab ... Die Herzogin von Amarillas , hieß es , hat aus erster Ehe einen Sohn , der sich Cäsar von Montalto nennt und sie mit einer wahrhaft schwärmerischen Liebe verehrt ... Herr von Montalto ließ sich in Conspirationen ein und gerieth in die Engelsburg ... Seine Retterin , sagt man , war die Nichte des Cardinals Ceccone selbst , die ihm hierher nachgereiste Fürstin Olympia Rucca ... Herr von Montalto soll anfangs nur an die Hülfe seiner Mutter , der Herzogin von Amarillas , geglaubt haben ... Natürlich ergriff er die Hand , die ihm die Mittel bot , aus einer so verzweifelten Lage zu entfliehen ... Schon die Untersuchung , schon die bis zur Tortur gehenden Fragen nach den übrigen Mitgliedern der nicht ganz gesprengten Loge , die Fragen nach dem Zusammenhang seiner Verhältnisse mit denen jener in eine Falle gelockten Gebrüder Bandiera , erzählte man uns , hätten jahrelang dauern können ... Herr von Montalto erkannte erst durch die Bequemlichkeit der ihm gebotenen Hülfsmittel , durch den Fund eines geregelten Passes , durch die sichere Einschiffung in Civita-Vecchia auf einem nach Marseille bestimmten Handelsschiff die mächtige Hand , die über ihm waltete ... Wenige Wochen und die pariser apostolische Nuntiatur erhielt einen neuen Attaché im Fürsten Ercolano Rucca ... Seine Gattin , eine allerliebste kleine Hexe , wenn ihr Teint auch fast grünlich ist und ihr Wuchs einem Däumling gleicht , doch mit Augen wie funkelnde Diamanten und einem wahrhaft märchenhaft blauschwarzen langen Haar , das sie in reizenden Flechten trägt , und die Herzogin von Amarillas wohnen gemeinschaftlich in einem und demselben Palais der Rue Saint-Honoré ... Beide stehen im Vordergrund der pariser Gesellschaft ... Cäsar von Montalto wird täglich mit der wilden Italienerin gesehen , die Furore macht ... Ich höre , die französische Regierung hat von Metternich Befehl erhalten , alle italienischen Flüchtlinge auszuweisen ... Herr von Montalto wird dann wahrscheinlich mit seiner Mutter und der Fürstin Rucca nach London kommen ... Düstere Nacht legte sich nach dieser Mittheilung auf Armgart ' s Auge ... Nun wußte sie alles ... Und doch sollte sie ihre Geisteskraft zusammennehmen , um aus London zu entfliehen ... Denn bleiben konnte sie nicht ... Sie lebte in der großen Welt , sie konnte , sie mußte den Ankömmlingen begegnen ... Sie mußte , vor dem Verlorenen entweichend , in die Heimat zurück ... Nun erst verstand